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FuldaerZertung

Anzeiger für die Sfabf und den Kreis .Fulda. Amtliches Kreisblafk.

nr. 245. |

Erschein« 'echrma' wöchentlich. Wochenb-liaaen Illustrierte Bei- 'äue* und Buchenblöt'er" Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer «et'endruckere» In 3uiba. Nernwrecher St- 9.

«"nn^nicher -t»,n,»>r-ia. 1.«O "f.

Sreltaq, 22. Oktober 1926.

nreiaen- Pre >e- Sleinteile Colonel) otal o.lb ReichSmar anrwSrt» 0,20 Reichsmark. Rek'ame,eile- lokal u.» Reichimar! auswörts O.Rf) Reichsmark.

vel ^Uiederdotnnoeu wtRnqc*»fffn*i«n n.Tm. 4r>M

lahirq. 53.

Steqerwald über die politische Laste.

Interessante Ausführungen über Rechte und Linke. Vie bayerische

Zum wirtschoftsmomfest.

DerVorwärts" meldet aus Parisr Der Ver» woltunysrat der Jnlernanonalen Haw^Iskammer bat auf Antrag des Präsidenten der deuifchen Abteilung, Gebeimrat v. Mendelss,»bn, eine Resolution angenommen, in der das ÜNamfeft der internationalen Wirtschaftsführer vorl>shaltlos gebt II igt wird.

»

Zum internationalen Manifest zuzunsten der Wirtschaftsfteiheit schreibt derTemps"^ die Kund­gebung verdiene in wirtschaftlicher Le;iehung Be­achtung. Sie sage die Wahrheit, wenn fite die immer weiter steigenden Zollbarrieren als eins der Haupt­hindernisse für die Wiederherstellung der Prosperität und als eine Ursache der allgemeine»-. Verarmung bezeichne. Doch enthalte das Manifest eine Anzahl politischer Anspielungen, die in einem Schrift­stück dieser Art nicht am Platze schienen. Das sei namentlich der Fall, wenn Bedauern. Darüber zum Ausdruck komme, daß große Staaten in Europa vernichtet worden seien und auch, n»»nn von den neu geschaffenen Grenzen geredet werdie. Dieses Be­dauern nehme die Folge einer Kritik tut, die gegen die Urheber der Frieden«vertrüge geriihtet sei. Das könne nur die wirtschaftliche Bedeutu ng des Doku­mentes verringern, wie die Kommentare der deut­schen Presse bewiesen.

DasJournal des Debats" wende t sich ebenfalls gegen die im Manifest enthaltene ! tritt? über die Zerstückelung Oesterreich-Unizatns. Da­durch hätten die Unterzeichner die falsche und mit Recht zu diskutierende These der Ball Änisierung von Mitteleuropa übernommen.

DerIntranstgeant" vertritt beit Standpunkt, daß eine Täuschung verursacht werbe. Er fragt: Können wir vergessen, daß der Konflikt vom Jahre 1914 hervorgerufen wurde durch die scharfe Kon­kurrenz der Handelsvölker, die, um licken zu können, gezwungen waren, sich um die Hai idelsmärkte zu streiten? Deutschland, das an Uebei Produktion ge­litten habe, habe den ganzen Fracht» erkehr und den Handel Englands an sich reißen wollt m und zugleich für feine Ruhrkohle und Eisenerze Lothringens Ab­satz schaffen wollen Deutschland höbe feine Pros­perität in den Ruinen Frankreichs und Dienstbar- machung der englischen Handelsfreiheit gesehen. Tat­sächlich sei die ganze Stunbaebumg ein Werk der englischen u n b deutschen^ in anzleute, deren treuester Agent Lana b'Abernon gewesen sei, und bie seit acht Jahren nur ein Spiel kennen, den Versailler Vertrag niedenzulegen.

freundliche Politik. Diu Zeit, in der es hieß: die Zentrumspartei wird egrarifd) ober sie wird nicht sein!, ist nämlich längst vorbei. In der Zwischenzeit liegt einmal die Revolution, die bas gleiche Wahlrecht in Slabt und Land gemacht hat dann ist unterdessen eine starke christlich-nationale Arbeitnehmerbewegung herangewachsen, die dem Zentrum mehr Arbeiterstimmen bringt, wie die Bauern, und schließlich ist die Tatsache zu verzeich­nen, daß heute die Kleinbauern etnb die Landarbei­ter ihre Politik mit der christlich^nationalen Arbeit­nehmerbewegung zu machen suchen und nicht mehr, wie ehedem unter Führung der Großlandwi rt- schäft. Die christlich-nationalen Arbeiterabgeord­neten haben im letzten Jahre gegen die schärfsten sozialistischen Anfeindungen sich für landwirtschaft­liche Schutzzölle eingesetzt, einmal, weil sie der Ueberzeugung sind, daß Deutschi,uid aus volks- und wirtschaftspolitischen Gründen eine leistungsfähige Landwirtschaft b r a u cht und weiterhin auch deswegen, weil bis auf weiteres mit anderen Mit­teln als mit Zöllen der Landwirtschaft nicht gehol­fen werden kann. Die christlichen Arbeiter erwar­ten aber auch von den Bauern und auch von den bayerischen, daß sie künftig ganz an­ders, wie das seither meist der Fall war, zu ihnen sich einstellen.

Im Z e n t r u m s I a g e r ist gegenwärtig vie­les nicht so, wie es sein sollte, und wie es fein könnte Richt wenige Zentruw-sleute sehen heute in der Zentrumspartei eine Abwehrgemein­schaft gegen a n t i k a t h ol i f ch e I n - st i n k t e , in der jebe Intere ssengruppe bestrebt ist. für sich möglichst viel heraus,zuschlagen. Mit Zentrumsgeist hat diese Auffassung nichts zu tun. Wahre Z e n t r u m s a u f f a f f u n g ist, daß die christlich denkenden, insbesondere die katholischen Deutschen, die ihr Vaterland genau so lieben, wie bie besten deutschen Patrioten und wie die Eng-

Vie Botfd)after®Kon>Üren3

in Paris nahm Berichte über eine Anzahl von Punkien zur Kenntnis, in denen mach Ansicht der Kontroll-Kommission Deutschland in der Ent- waffnungsfrage noch rückständig ist. Erst wenn die Kontrollkommission der Bol schafterkonserenz mitgeteilt haben werde, daß sie Genugtuung in allen dielen Punkten erhalten habe, werbt die Botschafter- konferenz den Völkerbund ersuchen bannen, die Auf­gaben der Militarkontrolle in Deutschland zu übernehmen.__________________

* Zum deutsch, sranzösischen H-mbetsabkommen. Wie Davas berichtet, ist Mmlsleria diiekior Serruys vom französischen Handelsminisieriuim in Begleitung des französischen Koniuls Arual als Vertreter des Außenministeriums nach Berlin abgereift, um mit der deutichen Regierung über einen Nachtrag zu dem zwischen Deutschland und Frank» eich am 15. August abgeschlossenen Handelsabkommen zgr verhandeln. Dieser Nachtrag ist bewnders dazu bestimmt, das Hollregime für die zwischen Deutschland und dem Saargebiet im Rahmen des iniennattonalen Stahl- karteUs und der zusätzlichen Priwr abkommen, über bte gegenwärtig verhandelt wiri>», ausgetauschten metallurgischen Produkte zu regelt».

Dos Zentrum.

deutsche Reichsregierung gegenwärtig überhaupt nichts zu meiben. Man mag über biefrühere Bismarck'sche Staatsgründung im einzelnen denken, wie man will, im ganzen hatte sie staatsschöpfe­rischen Sinn. Der deutsche Reichskanzler war ehe­dem zugleich preußischer Ministerpräsident. Er hatte neben seiner Reichskanzlerschaft für Zwei­drittel des deutschen Reichsgebietes, für Preußen, Einfluß auf Gesetzgebung, Rechtsprechung, Per- Wallung, Schule usw. Das alte deutsche Reich war in Wirklichkeit nur ein verlängertes Preu­ßen. Was Preußen auf den verschiedensten Gebie- bieten ist, wurde von den ehemaligen übrigen Bun­desstaaten .meist nachgemacht. Heute hat bie Reichs­regierung in allen diesen Fragen nichts zu melden: heute wirb Justiz ,innere Staatsverwaltung, Schule von 18 Ländern nebeneinander geordnet. Das sühtt dahin, daß auf den besagten ^seten entweder jedes Land unabhängig von den anderen tun kann, was es Lust hat, oder aber, daß für zahllose Ein­zelmaterien starre Reichsrahmengesetze geschaffen werden müssen. Das ist auf die Dauer ein staats­politisch unmöglicher Zustand. In der Schul- fr a<fe redet man heute in Deutschland schon fräftig aneinander vorbei; bie einen sehen nur bie weltliche Schule, die anderen die christliche Simultanschule und wieder andere die konfessionelle Bekenntnisschule. Daneben steht ein großer Kreis, der die nationale Einheitsschule mit bloßer for­maler Staatsgewalt d urchgesetzt wissen will. Zwischen den verschiedenen Auffassungen muß eben ein Synthese gesunden werden, bei der alle Teile zu ihrem Recht kommen. Und das fft sehr wohl möglich.

Es wird sich immer klarer Herausstellen, daß es bei' dem gegenwärtigen Zu stand der Weimarer Verfassung, bei der gegenwärtigen Komvetenzvertei- lung zwischen Reich und Ländern nicht bleiben kann. Zerschlagung Preußens in eine Reche selbstän- biger Länder ist ausgeschlossen. Persönlich habe ich daher schon seit Jahren den Standpunkt ver- treten, daß, wenn das Reich nicht wieder ein ver­längertes Preußen werden soll und dafür gibt e4 kaum jemals wieder eine verfassungsmäßige Mehrheit bann eben Preußen umgekehrt Reichs- lanb werden müsse mit weitgehender Selbstverwal. tung seiner Provinzen. Die anderen Länder kön­nen bann tun, was sie Lust haben, sie müßten sich, ob sie unmittelbare Reichsprovinzen ober selbständige" Länder sind, praktisch doch meist nach dem richten, was dasReichsland" tut. Auch das frühere Reich hatte keine einheitliche Staats­struktur. Preußen war Vormachtsstaat, Bayern hat weitgehende Reservattechte, die übrigen Län- bet bestanden meist ohne Reservattechte daneben existierte noch das Reichsland Elsaß-Lochringen. Eine Lösung muß jedenfalls gesucht werden. Das entwaffnete Deutschland, das in der Mitte Euro- paS liegt, das jetzt im Völkerbund deutsche Befrei- ungspositik machen muß, kann seine politische Welt- gestung bestimmt nicht erreichen, wenn eine schwäch- Uche Regierung keinen festen einheitlichen Kurs in der Außen- und Innenpolitik steuern kann.

Die Bayerische D o l k s p a r t e i hat sich vor sechs Jahren teilweise wegen den soeben oe» hanbelten Fragen von der Zentrumspartei getrennt. Was hat sie in dieser Zeit praktisch in der Rei hs- politik ohne bie Zentrumspartei erreicht? Richt»! Sie hat lebiglich ber politischen Zersplitterung der deutschen Katholiken weitgehend Vorschub geleistet. Früher war bte einmütige Auffassung im katho- lijchen Lager bie, baß bie Zentrumspartei zwar keine konfessionelle Partei sei, baß ihr jeder gläu­bige Christ angehören könne, baß aber jeder prak­tizierende Katholik sich praktisch zu ihr bekennen müsse. i)eute_ sagen weite Kreise: wenn sich bie Bayern aus förderalistischen, aus landsmännischen Srünben von ber Zentrumspartei trennen und damit die politische Schlagkraft des christlichen Volksteils schwächen dürfen, dann kann es anderen Katholiken nicht verwehrt werden, aus sozialen ober sonstigen interessenpol.i tischen Gründen dasselbe zu tun. Die Quintessenz her sechs Jahre Trennung besteht also darin, daß die Bayerische Volkspartei von ihren abweichenden Eigenbestre­bungen ohne Zentt umspariei nichts erreicht, da­gegen eine große Verwirrung tm katholischen La- ger und eine Beeinträchtigung der Stoßkraft des christlichen Volksteils erzielt hat. Für die Zukunft gesehen, steht die Partei so: je länger sich die Bay­erische Volkspartei von der Zentrumspartei fern- hält beftu mehr gefäfjrbet sie bie Interessen des größten Teiles ihrer eigenen Wähler.

Was spielt gegenwärtig in der großen deut­schen Politik? Es enffteht ein Trust neben dem anderen, der Reichsoerband ber Deutschen Industrie ift willens, mit ber Sozialdemokratie einen politi­schen und wirtschaftlichen Pakt zu machen. Die Schiverindiistrie hat künftig an Zöllen kein grö­beres Interesse mehr, sie kann sich Helsen durch in­ternationale Kartells, während die deutschen Fet- tigwareninbuftrie meist immer Gegner von Zöllen, insbefonbere Agrarzöllen, gewesen ist. Die Reichs- agsabaeorbneten ber Bayerischen Volksoartei wis­sen sehr genau, baß ohne bie Zustimmung ber christlichen Strbciterabaeorbneten im vorigen Jahre weber ber neue Zolltarif burchzubrinaen, noch in diesem Jahre eine Erhöhung ber Zölle möglich gewesen märe. An diesen Dingen ändert sich auch in absehbarer Zeit nichts, ganz gleich, ob eine Koali­tion mit rechts ober eine solche mit links besteht. Ohne Zustimmung ber christlich-nationalen Ar-, beitetabgeorbneten und ihrer engeren Freunbe gibt es in Deutschland keine landwirtschasts»*

Dk. Seipels zweite Kanzlerschaft.

Der SauP'ouSschuß des NationalrateS in Wien erklärte sich nt't der von Dr. Seipel vorgeschlage- nen Ministerliste einverstanden. Der Ra ionalrat genehmigte darauf die Liste in namentlicher Ab- stimmung mit 91 gegen 59 Stimmen. Er folgte eine kurze Unterbrechung der Sitzung des Rational- rate? zurVerteidigungber neuen Bundesregierung.

Im Nationalrat unterbreitete Bundeskanzler Dr. Seipel das Programm seiner Regierung. Er wies zunächst darauf hin, daß die Kontinuität in den Regierungen seit seiner ersten Wahl zum Bundeskanzler sowohl durch die Personen als auch durch die unverändert gleichgebliebenen Grundsätze gewährleistet sei. Em Unterschied bestehe nur in der verschiedenen Anwendung dieser Grundsätze.Auf außenpolitischem Gebiete", erklärte Dr. Seipel, bleiben die von den bisherigen Regierungen ein- gehaltenen Grundsätze unverändert bestehen". In den letzten Jahren habe niemand so viel Mühe da­rauf verwendet zu sagen, wie viel Oesterreich mit dem großen Brudervolke, dem Deutschen Reich, verbindet, als er. In dieser Aufklärungs­arbeit wolle er auch als Bundeskanzler nicht ermü­den. »Wir sind überzeugt", fo fuhr Dr. Seipel fort, daß der in diesem Jahre erfolgte Eintritt des deutschen Reiches in den Völkerbund uns die Mög­lichkeit bietet, mit dem großen Bruderreiche auch im Völkerbund zusammenzuarbesten" Ueber die innerpolitischeu Absichten der Regierung sagte der Bundeskanzler, die Regierung werde sich unentwegt an drei Grundsätzen halten: Wahrung des Gleich­gewicht int Staatshaushalt, Vermeidung jedes Defi­zits in den Staatsbetrieben und Verwendung der bereits erzielten und noch zu erhoffenden Erhöhung der Staatsmaßnahmen zur Herabletzuug der Steuer­lasten für die in der Wirtschaft tätige Bevölkerung.

* Reichspräsident v. Hindenburg hat sich nach Bremen begeben, um einer Einladung des Senates zum Besuche bet freien Hansastadt Bremen Folge zu leisten. Der Reichspräsident ist von Staats­sekretär Dr. Meißner und Major v. Hindenburg begleitet. Die Rückkehr nach Berlin ist für Freitag vormittag in Aussicht genommen. In Bremen fand am Donnerstag um 9.15 Uhr vormittags in ber Bahnhofshalle ber Empfang bes Reichspräsi- benten durch den Präsident des Senates, Bürger­meister Dr. Donandt statt, in dessen Begleitung sich der bremische Gesandte in Berlin und die Spitzen oer Behörden befanden. Auf dem von Tausenden von Zuschauern umsäumten Bahnhofsplatze schritt der Reichspräsident, mit stürmischen Hochrufen be­grüßt, die Front der Ehrenkompagnie ab, ver­weilte längere Zeit bei den in großer Zahl erschie­nenen Altveteranen und nahm den Vorbeimarsch entgegen. Auf der Fahrt durch bie festlich geschmück­ten Straßen nach dem Rathause wurde der Reichs­präsident überall von der Spalier bildenden Menge und von der Schuljugend herzlich begrüßt. Im Ratl>ause waren der Senat und bas Präsidium der Bürgerschaft versammelt, um den Reichspräsidenten zu begrüßen.

Vorarbeit im Reichstag.

Ans dem Reichstag wirb uns geschrieben:

Noch ehe die Vollversammlung des Reichstages zufammengetteten ist, haben eine ganze Reche von Ausschüssen bereits ihre Arbeiten ausgenom­men. In ber Haupffache finb bet Rechts aus- schuß, ber B e a m t e nausschuß unb derSoziale Ausschuß augenblicklich mit wichtigen Beratungen beschäftigt. Von ganz befonberer Bedeutung sind habet bie Debatten, bie sich im Sozialen Aus­schuß übet bie gesamte Wirtschaftslage im An­schluß an bie neuen Anträge bezüglich der Er - Werbslosensütsotge knüpfen. Bei diesen Er­örterungen werben alle Probleme bet Arbeits- unb Wirtschaftspolitik des Reiches unb ber Länder auf­geworfen. Selbstverständlich stehl dabei auch bas Arbeitsbeschafsungsprogtamm bet Reichsregierung im Dorbetgrunb. Rach ben Erklärungen bes Reichsarbeitsministers ist dieses Programm be- teils zu einem großen Teil in ber Durchführung begriffen. Es hat auch erreicht, baß bie Ziffer ber M unterstützenden Erwerbslosen bisher um 600000 zurückgegangen ist und daß weitere Rückgänge zu erwarten finb. Das find zweifellos wichttge Ergeb- wisse rbeten Ausbau nunmehr votzunehmen sein Wirb.

Die Erwerbslosen frage ist wieder einmal an einem Punkt, an dem sie zu einet sehr wichtigen allgemeinpolitischen Frage zu roerben be­ginnt. Es liegen bem Ausschuß neue Anträge Namentlich von bet Linken vor, bie, würden sie zur Durchführung kommen, all das, was in ber großen Reichstagspause geschaffen worben ist, roiebet in Frage stellen müßte. Die Erwerbslosenfrage ist schon lange keine Brot- und Rlagenfrage mehr, sie ist eine große allgemeinpolitische unb im beson­deren wirtschaftspolitische Angelegenheit bet Ge­samtheit geworden. Von diesem Gesichtspunkte aus wird unb muß sie auch behandelt werden.

Allgemach kommen auch die großen politischen Probleme in ber Vorarbeit ber Ausschüsse bes Reichstages zu ihrem Recht. So ist für ben 26. Ottober der Auswärtige Ausschuß einbe­rufen worben, in welchem die gesamten, in den Verhandlungen von Genf unb Thoiry aufgewor­fenen Fragen zusammen mit bem Problem bet in­ternationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit, wie es burch das jetzt bekannt gegebene Welt-Mani- J e ft gekennzeichnet worden ist, behandelt werden sollen.

Im Reichstag fand lautGermania" eine Aus- sprache zwischen Zenttumspatlamentariern des Reichstags, des Reichsrats und des Preußischen Orudtags statt, die sich ausschließlich mit dem gegen­wärtig im sozialpolitischen Ausschuß des Reichstags erörterten Fragen des Erwerbs losenpro- dlems befaßte.

volkspartei. -

In einer großen Zenttumsversammlung in Coesfeld am Mittwoch, ben 20. Oktober sprach Reichstagsabgeorbneter Dr. Stegerwalb über die politische Sage. Reben ber Behandlungwirt- schasts- und sozialpolitischer sowie außenpolitischer Fragen führte er zur deutschen Innenpolitik u. a. aus:

Im Hinblick auf bte Geschehnisse ber letzten Jahre unb auf die Gesamtlage Deutschlands wäre für die nächste Zett im Reiche die große Koa­lition die richtige politische Ktäftegvuppierung. Ob diese allerdings möglich sein wirb, steht ba- hm. Mit bet Linken ift nämlich außerordentlich schwer Innenpolitik zu machen, in Deutschland und anderswo. Nur zwei Beffpiele: 1924 hat in Frank­reich Herriot Pomcare beim Wahlkampf kräftig geschlagen. Herriot befestigte sofort neben Pom- care den französischon Staatspräsidenten Mille- ranb vor Ablauf seiner Amtszett, well er zu eng mit der vorausgsgangenen Poincarö'fchen Macht- Politik versippt war. Die Linke, die bei ben Wah­len eine große Mehrhett erzielt hatte, erwies sich nur kurze Zoll als regierungsfähig. Es kam eine Regierung ber Mitte, das Kabinett Driand. Dieses wurde von Herriot gestürzt und der Weisheit letz­tet Schluß war, daß jetzt wieder das Kabinett Poincarä enfftand, und ausgerechnet Herriot kn diesem Kabinett ein Portefeuille übernahm!_____

In Deutschland war die hauvffächlichste inner» politische Streitfrage des letzten Jahres die Frage ber FütstenauSeinandersetzung. Der Dolksenffchmd führte nicht zum Ziel. Der Rechts­ausschuß des Reichstages einigte sich auf ein Kom­promiß, das bet sozkaWischen Auffassung weit entgegen kam. Die Sozialdemokratische preußische Landtagsftattion hat im letzten Sommer auf die stzialdemokraffsche Reichstagsfraktion dahin efnge» Wirkt, daß sie den Komptomißbeschlüssen des Rechts- ausschusses zustimmen möge. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion lehnte ab. Unterdessen hat bie preußische Regierung unter der Führung des sozial- demokratischen Ministerpräsidenten Braun etwa auf bem Boden bet Beschlüsse des Reichsa sschusseS des Reichstages sich mit den Hohenzolletn ver- gleichsweise geeinigt. Die sozialdemokratische Land- tagSfraftion aber, die im letzten Sommer von ihrer Schwestersrakffon deS Reichstage» die Zu- stimmung wünschte, hat jetzt, wo sie selbst handeln mußte, ihren Führer Bräun, mft Rücksicht auf bie Kommunisten, im Stiche gelaßen unb sich selbst nicht zu einer Zustimmung aufzuraffen ver- mocht. So etwas nennt man bann Politik.

Aber mich gegen eine Koalition mit rechts bestehen im Zentrum bie größten Bedenken. Politik kann man ohne Zweifel mit rechts machen, und zwar sowohl Jnnenpoliffk, wie jetzt, nach Genf, wohl auch Außenpoliffk. Mit den Gesetzen, bie im Iahte 1925, als die Rechte bei ber Partie wat, gemacht wurden, konnte sich tm Hinblick auf bie Gesamtlags Deutschlands ber Reichstag überall schm lassen. Gegenüber einer politischen Ar- beitsgemeinschast zwischen Zentrum unb bet Rech- ten bestehen in den nächsten Jahren bie größten Schwierigkeiten auf ftaatS- und gesellschaftspoli­tischem Gebiete. Der größte Teil ber höheren Der- waltnngsbaamten, ber Richter, bet Professoren an ben Gymnasien unb Universitäten, bet Inhaber bet Produktionsmittel in Industrie, Gewerbe, Han- bei, Bericht unb Landwirtschaft stehen entweder rechts oder haben sich innerlich noch nicht auf ben neuen Staat eingestellt. Nachdem ber letzte Dortmunder christliche Gewerkschaftskongreß im April dieses Jahres sich resolut auf den Boden des Vollsstaates gestellt hat, sind ihm in den folgenden Monaten der ReichsverbaiNd der Deutschen Indu­strie, ber Deutsche Richterverein, bet Deutsche Be­amtenbund usw. mit ähnlichen Entschließungen ge­folgt. Und mm befürchtet man, daß, wenn das Zenttum sich mit einer Rechtskoalstion einläßt, wieder eine rückläufige Bewegung einsetzen würde. In diesem Falle würden die lebten Dinge schlim­mer fein als die ersten. Wir steuerten dann im Hinblick auf die gewaltigen Machtzusammenbal- langen in bet Wirtschaft in Form von Kartellen und Trusts, infolge der fortschreitenden Rationali­sierung mit der sie begleitenden Arbeitslosigkeit, sehenden AugeS in eine soziale Revolution hinein.

Die letzte Revolutton hat ja mir formalpolitische Ergebnisse gebracht, so daß daS Kräfteverhältnis in Staat, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur in Deutsch- land gegenwärtig noch völlig unausgeglichen ist. Die Zc-nttumspartei will ehrlich die gleichberechtigte Einordnung der Ard eitet nicht nur im Staat, sondern auch in Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Das mutz erst noch nachgeholt werden.

Das ift der tiefste Grund, weswegen sich im Zenttumslager so starke Kräfte gegen die sogenann- tenBürgerblock"-Besttebungen wenden. Ich bin ber festen Ueberzeugung, baß die Zentrumspartei das, was sie will, was sie als chtfftliche Volkspar- tei im ganzen wollen mutz, webet ganz mit rechts noch ganz mit links durchsetzen kann, bah sie viel­mehr einen Teil ihrer Bestrebungen mit rechts und einen anderen Teil mit links verwirklichen muß.

Man redet in Deutschland allgemein von der Rotwendigkcit einer starken Regierung und glaubt, diese allein erreichen zu können mit einer breiten Koalition. Das ist nicht der Fall. Mit ber gegen­wärtigen deutschen Staatsstruktur ist, auf die Dauer gesessen, überhaupt keine starke Reichsregierung möglich. Die öffentliche Gewalt besteht aus Ge­setzgebung, Rechtsprechung und Verwal­tung. Auf den beiden letzteren Gebieten hat die