Beilage zur Zuldaer Zeitung
Für unsere Frauenwelt.
Nr. 244 vom 21. GK1. 1926.
Heimkehr.
Don Paul f) e p f e.
Blühendes Heidekraut,
Dein Duft ist wie der Hauch von Kinderlippen;
Dich trag ich,heim im Busen frischbetaut.
Rauschende Buchenkronen,
Ihr kühltet über Tag mein heißes Haupt;
Mög euch dafür der Wetterstrahl verschonen!
0 trauter Lichtschein in der stillen Klause! Ich höre Stimmchen hinlerm Fenster lachen. Gar wohlbekannt; gottlob, ich bin zu Hause!
Die Haartracht -er Zrau.
Kulturgeschichtliche Plauderei von Artur 3ger.
Blättert man die Tagesliteratur und die Witzblatt- presse der letzten zwei Jahre durch, so fällt e, außerordentlich auf, welchen Raum dort das Thema „Bubi- köpf" einnimmt. Diese unter der Losung »Los vom Zopf" radikal durchgeführte Revolution der weiblichen Haartracht hat auf unsere Satiriker und Karrikaturisten überaus befruchtend gewirkt, ja, ein Ende der humoristischen Bubikopfliteratur ist noch gar nicht abzusehen.
Auch von diesem Kampf der Satire gegen die Tyrannei der Mode gilt das Wort des weisen Rabbi. Es hat schon früher ähnliche »Umwälzungen" der Frisur gegeben, und auch sie sind von zeitgenössischen Schriftstel. lern und Zeichnern zur Zielscheibe des Spottes gemacht worden. Hat doch auch der Bubikopf feinen Vorgänger im Tituskopf, der Anfang des 19. Jahrhunderts in Frankreich in Mode kam und zu Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auch in Deutschland auf kurze Zeit aufs neue aufflaekerte, ohne sich freilich lange halten zu können. Dieser »gelockte Bubikopf" wurde reichlich verspottet, seine Trägerinnen als »Herrenmenschen" gekennzeichnet.
Das Gegenstück zum Kurzschnitt, die „Derreichlichung" der Frisur unter Zuhilfenahme fremder Haare, war noch viel mehr dem Spott ausgesetzt. Zwar kannten schon die Assyrer, Perser und auch die alten Aegypter die Perücke, aber mit der Modetollheit der zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Frankreich auftretenden „Fontange" kamen die Damen des Altertums doch nicht mit. Schaukelte doch dieses Frisurungetüm aus Eisendraht mit unterlegtem Kitzen fast meterhoch auf dem Kops der Französin. Daß sich die Karrikaturisten und Satiriker der Konsulatszeil diese groteske Monstrosität nicht entgehen ließen, kann nicht wundernehmen.
Bei uns in Deutschland bot besonders die Zeit nach dem deutsch-fra«zösischen Kriege unseren Humoristen der Feder und des Zeichenstiftes reichlich Gelegenheit, ihrem Witz die Zügel schießen zu lassen. Eine Gelegen- beit, die sie auch weidlich ausnutzten. Die Frauenwelt setzte damals einen Erolz darein — umgekehrt wie heute — recht viel Haare zu zeigen. Wo die Natur versagte, mußte die Kunst nachhelfen. Das falsche Haar, der falsche Zopf feierten Triumphe auf den Häuptern der siebziger Jahre. Freilich wurde die „falsche Pracht" ebenso diskret behandelt wie das falsche Gebiß der Madame. Es sollte Geheimnis „im engsten Kreise" bleiben, blieb es indes freilich selten dank der Schwatzhaftigkeit des „Kü- chendragoners" oder des kleinen Kurt oder Albert, des „enfant tcrrible". Die Zahl der „Kindermünder", in denen der Jüngste dem Besuch verrät, daß Mutters Zopf auf dem Nachttisch liegt, wenn sie selber im Bett liegt, ist kaum zu zählen. In einer Nummer der „Wespen" aus dem Jahre 1873 schreibt der unvergessene Stetten- beim: „Das Zunehmen der Kahlköpfe verdrängt den Zopf Unsere Damen haben es jedoch nicht nötig, zur Soldatenmanier zu greisen, sie machen es sich bequemer. Sie flechten die Skalps von sieben Indianern zusammen und setzen sich den kostbaren Haarschmuck auf das rei
zende Haupt." — In einer Humorecke einer Nummer des , „Buches für Alle" aus dem Jahre 1874 findet sich folgender Kindermund: „Warum haben Sie denn so wenig Haare?" fragte die Kleine. „Weil ich alt bin," sagte der Herr. „0," erwidert die Kleine, „da tun Sie doch Falsches auf den Kopf, wie meine Tante. Die hat noch viel weniger Haare als Sie." — Auf einem Stahlstich aus dem Jahre 1874 sieht man, wie ein Hund ein ins Wasser gefallenes Mädchen an den Haaren heraus- zieht. Darunter stehen die Worte: „Ein wahres Glück, daß das Mädchen echtes Haar hatte!"
Als dann zu dem falschen Zopf die falschen Locken traten, da gab es für die witzigen Ritter des Geistes wieder neuen Stoff. Das „Buch für Alle" bringt im Juli 1874 das Bild einer Amazone, deren Haar im Baum hängen bleibt, mit der Unterschrift: „Ein weib- licher Absalom; nur mit dem Unterschied, daß jener mit feinen eigenen Haaren am Baum hängen blieb, diese aber nur ihre Locken um neunzig Taler hängen ließ."
Im Jahre 1874 dichtete ein Ironiker in den „Flie- genben* mit Bezug auf die durch den großen Börsenkrach entwerteten Aktien:
„Aus der Haare reicher Fülle Gab sie eine Locke mir.
Dem Vermächtnis dient zur Hülle Ein vergilbtes Blatt Papier."
Dies „Blatt Papier" war, wie aus dem beigegebenen Bild ersichtlich ist, eine wertlos gewordene Aktie.
Die Frauen, die in den Gründerjahren hochgekommen, also die Vorgängerinnen von „Frau Raffke", mürben gleichfalls arg bespöttelt. So heißt es in einer „Klabderabatsch"-Nummer bes Jahres 1874: Hausfrau: „Aber Minna, wie btt mich heute wieder frisierst. Du kannst mir gar keinen gescheiten Kopf machen."
Ein reiches Feld satirischer Betätigung fanden die Witzbolde in der Mitte der siebziger Jahre, als die Eoiffure, ein Gegenstück zur Fontange, in Deutschland zur Gesellschaftsfrisur erhoben wurde. Auf einem Spott- bild vom Jahre 1875 sind zwei Frauen mit einem folgen Haarungetüm abgebildet, die kaum imstande sind, den Schirm über die Frisur zu halten. Die eine Frau sagt: „Ich werde mir einen längeren Stock an meinen Schirm machen lasten: denn so möchte einem ja der Arm herabfallen." — In den „Fliegenden" des Jahres 1874 ist eine Eoiffure ä la Kaiserglocke und eine Coiffure ä la Gardedragoner abgebilbet. Bei einer anderen Coiffure wirb die Aehnlichkeit ber coiffurten Frau mit bem Kopf der Azteken festgestellt, und in einem Dialog zwischen Herr und Dame aus dem Jahre 1877 heißt es mit bezug auf die kleinen Hüte ber Damen: Dame: „Ich finde, daß Ihnen der Hut nicht paßt. Er sitzt Ihnen auf dem Kopf wie das Tüpferl auf bem i." Herr: „Bei Ihnen, meine Dame, ist bas Gegenteil ber Fall. Bei Ihnen sitzt bie Frisur wie bas i auf bem Tüpferl."
Sehr spassig ist auch ein illustriertes Gedicht aus bem Jahre 1877 in ben „Fliegenden", wo einem Theaterbesucher von ber Galerie bas Opernglas htnunterfällt unb bort im Haarwald einer Dame hängen bleibt:
„Er nimmt sein Glas unb denkt: s’ ist unversehrt, Und wie er jetzt zu seinem Sitze kehrt. Da denkt er sich: sonst brachte wichs in Wut, Es war der Haarturm doch zu etwas gut."
Wie lange sich dieser Haarturm.gehalten hat, geht daraus hervor, daß die „Fliegenden" noch 1887 eine Coiffure „Ballkönigin" mit einer aus Zöpfen geflachte- nen Krone und sogar noch 1895 bie Karikatur einer „Ballfrisur i la Leiervogel" — ein Bogel mit einer hohen Lyra — veröffentlichen.
Man sieht, es hat, wenn es sich um die „Behauptung" ber Frau handelte, an Stoff zur Satire nie gefehlt. Unsere besten Zeichner, wie Spitzer, Hengeler, Oberländer, Schlittgen, Harburger, Grätz, Stubenrauch und der jüngst verstorbene Rene Reinicke, sind der Tyrannei der Haarmode mit den scharfen Waffen ihres Künstlergriffels entgegengetreten, unb Humoristen wie Saphir, Glas
brenner, Kalisch, Stettenheim, Schmidt-Cabanis, Big« nnmb Haber unb andere haben ihre spitze Feder gegen die „falschen Chignons" ebenso geschickt geführt wie ge- gen die Biberschwänze im Haar unb gegen die „Turmbauten“ auf ben Häuptern mehr ober minber holder Schönen. Ebenso war der Volksmund Schöpfer vieler witziger und treffender Kennzeichnungen der „haarigen" Auswüchse; er ließ denjenigen, bem etwas im Leben schief ging, „ein Haar in ber Suppe finben", natürlich ein langes, also ein weibliches Haar, unb er gab bem Wein- ober Bierfreubigen, ber etwas über ben Dürft getrunken hatte, eine Perücke ober einen Haarbeutel. Die Jungfrau ber Biebermeierzeit trug zur Schute die „Korkzieher", bie Maib ber siebziger Jahre mit ben in die Stirne gekämmten Haaren trug „Simpelfransen", unb später, als diese Härchen gelockt wurden, „Ponnys", wie man in Norddeutschland, „Herrewinkerle", wie man in Süddeutschland sagte. Die Schnecken über den Ohren nannte der schwäbische Volksmund „Neschter", in Nord- deutschlanb hießen sie „Ohrenwärmer", bie Frisur zur „Tolle", die Haarauflage zu bem in Berlin so populär geworbenen „Willem".
Der Schöpfer ber Satire gegen bie weibliche Haartracht, sei es nun ber Bolksmunb, ber Stift des Zeichners oder die Feber bes Humoristen, hat stets bie Lacher auf feiner Seite gehabt. Aber seltsamerweise ist bas Wort: „Lächerlichkeit tötet* hier niemals zur Wahrheit geworben. Nicht einmal bie monströsesten Auswüchse wie bie Turmcoiffure, sind der Lächerlichkeit zum Opfer gefallen. Sie versanken erst bann in ben Orkus, wenn es ber Frau Mode, biefer größten Autokratin der Wett, gefiel, ihr eigenes Erzeugnis zu verbannen unb an feine Stelle fein allerneueftes Produkt zu setzen, unb biefen „Systemwechsel" wird sie unfehlbar eines schonen Tages auch mit dem Bubi- und mit dem Knaben- ober Etonkopf vornehmen.
Die $rau als Bausarzt.
f. Bei plötzlichen Erregungen ist Bromkalium sehr wirksam. Man darf dieses beruhigende Mittel jedoch nicht ohne ärztliche Verordnung kritiklos fortsetzen, weil es unter Umständen der Gesundheit auch nachteilig sein tarnt.
f. Blafen- und Nierenleiden werden durch das Trinken abgerahmter Milch gelindert und teilweise behoben. Durch die Molken wird bie Ausscheidung des Harnes unterstützt unb eine intensivere Absonderung angeregt, was bei diesen Leiden von großer Wichtigkeit ist.
Sauerkraut3ubereitung.
Diele Hausfrauen sind der Meinung, daß sie ihren Bedarf an Sauerkraut billiger kaufen als selbst Herstellen. Das trifft in ber Regel nicht zu, unb nichts ist leichter, als bie Sauerkrautbereitung. Bei ben großen Mengen Weißkraut, die alljährlich genossen werden, ist ber Preis für bas Rohmaterial nichtig. Die gut ausgereiften Krautköpfe werden von ben äußeren Blättern befreit unb mit einem Krauthobel feingeschnitten. Auf 50 Stig. Kraut rechnet man breioiertel bis 1 Stig. Salz. Ferner können noch einige Meine Aepfel unb etwas Kümmel hinzugenommen werden. Alles kommt gleichzeitig gut gemischt in bie Tonne, bie gründlich gereinigt und geruchfrei sein muh. Das Kraut wirb mit einem Strautftampfer fest eingebrückt, bis es schäumt. Obenauf legt man ein sauberes Tuch. Das Ganze wirb mit einer Schiefer- ober Holzplatte bedeckt unb mit einem festen Stein (kein Sand- unb Backstein) beschwert, sodaß bas Kraut immer unter Flüssigkeit gehalten ist. Das Gefäß erhält zunächst seinen Platz an einem Ort von etwa 25 Grab Wärme, bamit die Gärung sofort einsetzt und glatt verläuft. Der sich hierbei bildende Schaum muß regelmäßig entfernt werden. Nach Beendigung der Gärung werden Tuch, Platte unb Stein nochmals grünb-
sich gereinigt. Das nun fertige Sauerkraut kommt an einen möglichst fühlen Ort, damit die bei der Gärung entstandene Milchsäure erhalten bleibt. Es ist dafür zu sorgen, daß das Kraut immer unter Flüssigkeit gehalten wird, weil es sonst anfängt zu verderben. Nach Bedarf muß Salzwasfer nachgegossen werden.
Die §rmr in der Mche.
f. Gedämpfte Rebhühner. Sind die Rebhühner nicht mehr jung, fo bereitet man sie am besten auf folgende Art: Man spickt sie recht dicht, legt sie auf Die- gespickte Seite in eine Bratpfanne, gibt 1 Gelbrübe, Zwiebel, Gewürz, Salz, 2 Nelken, % Lorbeerblatt und einige Wacholderbeeren bei, deckt sie mit Speckstreifen zu, gießt halb weißen Wein, halb Fleischbrühe zu und dämpft sie so 2 Stunden. Dann nimmt man sie heraus, bindet die Soße mit etwas braun geröstetem Mehl, treibt sie durch ein Sieb, kräftigt mit 10 Tropfen Maggi's Würze unb richtet bie Soße über die Rebhühner an.
Petersilie für den Winter.
Meist wird bie Petersilie für ben Winterverbrauch im Herbst in einen Topf ober Kasten gepflanzt und bei Eintritt bes ersten Frostes in die Stube ober warme Küche genommen. Hier wächst die Petersilie bann üppig unb erschöpft sich schneller, als ber Winter vorbeigeht. Es ist deshalb besser, man verteilt die Petersilienpflan- zen in mehrere kleinere Gefäße und bewahrt diese bis auf eins, von dem gerade geerntet werden soll, kühl und frostfrei auf. Solange noch grüne Blätter aus der Sommerzeit vorhanden sind (bie länaften nimmt man beim Einpflanzen fort) bleiben alle Behälter kühl unb hell stehen, bamit ihnen eine möglichst lange Ruhezeit vergönnt ist, die für den neuen Trieb sehr wesentlich ist. Warmgestellt, muß die Petersilie auch unbedingt hell stehen, wenn sie nicht vorzeitig eingehen soll. Farbige Blätter sind immer zu entfernen, wenn sie sich zeigen. Gegosfen wird nach Bedarf, b. h. bie Erde muß ab unb zu austrocknen, sonst faulen die Wurzeln. Auch darf bie Erde keine mroerrotteten Bestandteile enthalten. Am besten ist einfache Komposterde, stark mit Sond vermischt; man kann aber auch Gartenerde verwenden. Die meisten Blätter wachsen aus den starken Wurzeln hervor, doch brauchen diese ihrer Länge entsprechend tiefere Behälter. Beim Schneiden der Petersilie sind bie großen Blätter einzeln abzunehmen unb die jüngeren zu schonen. Vor allem hüte man sich, bie Blätter abzu- pflüden; benn burch bas Ziehen wird dir Wurzel gelockert, sodaß die Pflanze nie zur Ruhe kommt, was bem guten Gedeihen schadet.
praktische winke.
f. Alabaster reinigt man in warmem Sodawasser unb poliert nach dem Trocknen mit weichem Leberlappen solange nach, bis ber Glanz roieber ba ist.
Bücher der grauen.
Neben der weitbekannten Sammlung Vobachs Hand- arbeitsbücher wird jetzt eine zweite Reihe unter dem Namen Vobachs Handarbeitshefte herausge- geben, in der die wenigen umfangreichen Techniken Platz finden. Bis jetzt liegen vor: Nr. 101: Neue Tene- riffa-Arbeiten, Nr. 102: Die Gabelhäkelei. Nr. 103: Schlingen- unb Stäbchenhäkelei, Nr. 104: Batik, Nr. 105: Gestrickte Tiere, Nr. 106: Schmale Häkelspitzen, Nr. 107: Neue Bastarbeiten, Nr. 108: Holzperlen-Arbeiten, Nr. 109: Neue Wolljumper in Tüttdurchzug, Nr. 110: Allerlei Gestricktes für Kinder (Preis jedes Hefte^TS Psg., Verlag von W. Dobach it Co. G. m. b. H., Leipzig). Trotz bes geringen Preises bieten sie eine erstaunliche Fülle von Anregungen, bie durch klare Abbildungen unterstützt werden. Die solide unb geschmackvolle Ausstattung sei besonbers hervorgehoben.
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Unter falscher Flagge.
Roman von I. Hohenfeld.
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Eine kleine Pause trat ein, welche durch Klopfen an ber Tür unterbrochen wurde.
In demselben Moment sprangen Herr und Diener auf und Bernarb verdeckte den Knaben mit bem Schlafrock feines Herrn. Kaurn war dies geschehen, als die Tür sich öffnete und Bertram, ber frühere Diener des Marquis de Digny .eintrat.
Graf Eugen starrte den 2(n(ömmling voll Verwunderung unb Schrecken an.
„Du hier?" rief er aus. »Du in Paris, Wo ist dein Herr?"
„Der Herr Marquis ist auf seinem Schlosse," er- widerte Bertram unwirsch. „Der alte Herr hat mich heute morgen entlassen!"
„Der alte Herr hat dich entlassen?" wiederholte der Graf finster. „Was hast du denn getan, daß mein Onkel dich gerade zu der Zeit fortschickt, wo ich dich auf bem Schlosse so nötig gebrauche?"
„Meine Schuld ist es nicht," versetzte ber Gefragte. .Es ist alles aus. Ihre gemeinsame Arbeit mit Bernarv von gestern abend ist entdeckt. Fräulein Alvarez ist von dem Hause auf der Klippe zurückgekehrt und hat alles erzählt. Mein Herr hat gewütet wie ein Wahnsinniger Cr entließ mich mit dem Bemerken, daß ich ein Spion 'n Ihren Diensten fei, unb befahl mir, daß ich Ihnen iagen sollte, daß Sie niemals, solang« er am Leben sei, roieber einen Fuß in bas Schloß unb ben Park zu setzen sich erkühnen sollten!"
Graf Eugens Blick war furchtbar in biefem Mo. ment.
„Das Mädchen entflohen!" stöhnte er. „Hölle _.un& Teufel!" *
Er wandte fein Gesicht ab und verhielt sich eine Zeitlang schweigend, während Bertram erzählte, was mit Giralda vorgegangen sei während ihrer Flucht aus der Fischerhütte und wie sie wieder nach dem Schlosse gekommen war.
Es war ein wahrhaft verzweifelter Blick, welchen der Graf auf feine beiden Verbündeten warf. Alle Pläne, die er gemacht, waren gescheitert, alle Hoffnun- gen zerstört.
»Ich will nicht untergehen ohne Kampf! sprach er entschlossen und feine Augen schossen Blitze. „Hört mich an — beide! Armand de Vigny lebt und ist verheiratet mit einer hochgestellten Dame. Sollte ihm irgend etwas zustoßen, so hat er drei Kinder, welche an seinerstatt Erbe bes Vermögens unb ber Titel der de Vignys würden. Er lebt in Verborgenheit unter fremdem Barnen unb wartet auf ben Tod bes alten Marquis. Fräulein Alvarez ist feine Tochter unb der Knabe dort auf dem Sofa ist fein jüngster Sohn. Ihr seht, daß ich demnach wenig Aussicht habe, in den Besitz ber de Vignyschen Güter zu kommen, daß ich voraussichtlich ein Leben voll Armut und Entbehrung werde führen müssen, wenn ich nicht schnell unb glücklich operiere. 3d) hab« zwei Ziele, wonach ich strebe, — ja, sogar drei: Ich will Rache üben an der Dame, die mich Jahre hin- durch am Narrenseil geführt hat; ich will reich werden, unb ich will die Tochter meines Setters, die jugendlich- lchöne Giralda, zu meinem Weibe! Helft mir, diese» Ziel zu erlangen! Diesen Knaben werden wir sorgsam gefangen halten. Das Mädchen werden wir wieder ein- fangen und sie zwingen, mich zu heiraten. Dann werde ich mit meinem Kusin Armand sprechen unb er wird in alle meine Bestimmungen ein willigen müssen!"
Der Plan schien ben beiden Dienern ausführbar; sie versprachen, ihm behilflich zu fein.
„Dieser Knabe sollte noch heute abend nach einem sicheren Versteck gebracht werden," sprach Bertram, einen Blick nach dem Sofa werfend. „Ich weiß einen solchen Platz. Erinnern Sie sich noch Bcmarbs früherer (Beliebten, Cecile Rousseau, Herr Graf? Vor einigen Jahren wurde sie unverhofft die Erbin eines kleinen Gehöfts in sehr einsamer Gegend. Sie hat keine Nach- barschaft innerhalb eines weiten Umkreises. Ich habe erst kürzlich mit ihr gesprochen. Ich könnte ben Kna- ben unter irgend einem Vorwande, vielleicht daß es des Herrn Grafen eigener Sohn fei, zu ihr bringen unb ich bin fest überzeugt, baß sie ihn behüten wird, als wäre er im Gefängnis und sie wäre [eine Schließerin. Sie ist eine zuverlässige Person, bie in jeder Hinsicht ihr Wort hält."
Der Diener Bernarb lauschte aufmerksam auf diese Worte.
„Bringe ihr den Knaben, Bertram," erwiderte Gras Eugen hastig, dem Manne eine Banknote reichend. .Verpflichte sie zur Geheimhaltung der Angelegenheit.
Erzähle ihr eine Geschichte, die alle Erzählungen de» kleinen Alfreds zunichte macht!"
„Verlassen Sie sich ganz auf mich, Herr Graf," sagte Bertram. „Ich hoffe, den Frühzug noch zu erreichen. Wenn ich hier bliebe, bis es völlig Tag ist, so könnte möglicherweise jemand kommen, der uns den Knaben wieder abnähme. Sei Cecile Rousseau ist er sicher; dort wirb ihn niemand suchen."
Er stand auf und schritt auf bas Sofa zu, wo ber schlummernde Knabe lag. Er lüftete die Decke ein wenig, um ihm ins Gesicht zu sehen. Der kleine Alfred stöhnte leise unb erwachte für kurze Zeit unter der Berührung.
Graf Eugen gab seinem Verbündeten noch einige weitere Verhaltungsmaßregeln und Bertram entfernte sich mit dem schlafenden Knaben im Arme.
„Der Besitz dieses Knaben ist für mich von großer Wichtigkeit," hob ber Graf, gegen seinen Vertrauten gewandt, an, als bie Tür sich hinter Bertram geschlossen hatte. „Morgen wollen wir bie nötigen Schritte tun, um auch bas Mädchen wieder dingfest zu machen. Jetzt fühle ich mich zu abgespannt, um noch an irgend etwas denken zu können!"
Mit diesen Worten streckte er sich auf bas Sofa aus und verfiel alsbald in einen festen Schlaf.
Bernarb nahm Besitz von bem Armstuhl und ließ bie Vergangenheit im Geiste an sich vorüberziehen. Er gedachte Armand de Vignys, des alten Marquis und der treuen decile Rousseau ,um welche er gefreit und die er später, feiner bösen Tat willen, verlassen hatte. Er rang feine von ber heißen Sonne Australiens gebräunten Hänben; es ging ihm ein Weh burchs Herz unb er wünschte nichts sehnlicher, als die vergangene Zeit noch einmal burchleben zu können. Doch die verlorene Zeit kehrt niemals wieder!
Der. Tag brach an. Herr unb Diener schliefen schein- bar den Schlaf ber Gerechten, als ob sie sich keiner Schuld bewußt wären.
Plötzlich wurden beide durch ein heftiges Klopfen gegen die Zimmeriür aus ihrem Schlummer aufgeweckt.
Graf Eugen fuhr auf, erschreckt, verstört. Bernarb sprang ebenfalls empor und luchte instinktiv nach einem Schlupfwinkel, um sich verbergen zu können.
Das Klopfen wiederholte sich in stärkerem Maße.
Bernarb schob schnell bie schwere Gardipe vom Fenster zurück, um dem Sonnenlicht freien Eingang ins Zimmer zu verschaffen; darauf eilte er an die Tür unb öffnete dieselbe.
Es war der Herzog von Beaufort, welcher zu so früher Stunde dem Grafen Lamartin seinen Besuch machte.
Er trat ein, ernst unb finster, ließ schnell seine Blicke durch bas Zimmer schweifen unb trat näher an bas Ruhelager heran, auf welches Graf Eugen sich niedergelassen hotte.
„Gras von Lamartin?" fragte ber Herzog kurz.
Der Graf nickte nur mit dem Kops, bann rief et aus:
„Unb wer sinb Sie, baß Sie in solcher ungebühr- sichen Weise in das Zimmer eines Edelmannes ein« bringen?"
„Ich bin Gilbert, Herzog von Beaufort!" war bie bestimmte Antwort und die Augen des Besuchers schienen Funken zu sprühen. „Ich bin ber Freunb Armand de Vignys und der Seinigen und ich bin hierhergekommen, um von Ihnen den Knaben zu fordern, welchen Sie gestern abend seinen Eitern geraubt haben!"
Gras Eugen stieß ein beleidigendes Lachen hervor.
„Wenn ich Ihre Vorstellung recht ausfaßte, Herr Herzog," sagte er mit schlecht verhehltem Haß, „fo sind Sie der Freund des Raubmörders Armand de Vigny» unb feiner Gemahlin, ber schönen unb stolzen Oabriete von Chatrois! Sie sind ein junger Mann, ber feinen guten Namen durch schlechte Bekanntschaft in Gefahr bringt. Erlauben Sie mir, der ich soviel älter bin al« Sie unb der ich mehr Lebenserfahrung besitze, als früherer Freund Ihres Baiers Ihnen zu raten, baß Sie biefem unwürdigen Manne, den Sie soeben Ihren Freund nannte, ben Rücken zukehren. Sie sollten, noch erst im Anfang Ihrer Lebensbahn, nur mit würdigen (Ebelleuten Gemeinschaft hatten!"
„Wenn ich nach solchen Grundsätzen hanbein wollte, so würde ich jetzt nicht hier in Ihrer Gegenwart sein, Graf Lamartin!" erwiderte der junge Mann flammenden Auges unb mit vor Zorn zitternden Lippen. „Was haben Sie mit bem Knaben angefangen, ben Sie feinen Ettern geraubt haben? Wohin haben Sie ihn ge- bracht?"
„Ich habe ihn fo sicher versteckt, daß er nicht eher gefunden werden kann,, als bis ich es an ber Zeit Halle," erklärte Graf Eugen, indem er sich erhob. „Ich werde ihn feinen Ellern wieder zuführen, aber nur unter ge- wissen Bedingungen. Da Sie der Freund Armand de Vignys sind, können Sie ihm dieses mitteilen!"
(Fortsetzung folgt.)