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Sonntag, 17. Oktober 1926.

Fuldaer Zeitung

s. Blatt.

*"♦"* Druck der Fuldaer AcNendruckerei, Fulda

Vie Helgoländer Düne.

Wenn die Meldungen zutreffen, daß bei den Stürmen der letzten Tage das Meer den Nordteil der Helgoländer Düne verschlungen hat, dann ist damit Helgoland in seinem Lebensnerv tödlich getroffen. Denn von dem Fortbestand der Düne hängt Gedeih und Verderb der Helgoländer Bevölkerung insofern ab, als sich hier auf diesem langgestreckten nur wenige Meter über dem Meer erhebenden Sandeiland das ganze Bade- und Strandleben Helaolands abfpislt.

Die Helgoländer Düne ist ein flacher Sandrücken auf Muschelkalk und Kreideuntergrund und hat im Laufe der Jahrzehnte sehr große Veränderungen mitgemacht. Noch zu Anfang des 18. Jahrhun­derts verband ein großer Steindamm die Düne mit der eigentlichen Insel über den etwa 1200 Meter breiten Meeresarm, der aber in einer Sturmnacht 1720 völlig fortgeschwemmt wurde. Durch weitere Sturmfluten wurde der einst flache Meeresarm tief aufgerisien, sodaß heute ein Dammbau technisch nicht mehr möglich ist. Jetzt war die Düne der vollen Wucht der Sturmfluten ausgesetzt. Von 3000 Meter Länge zu Ende des 18. Jahrhunderts schmolz sie schnell auf etwa 600 Meter im Jahre 1835 in einer einzigen Sturmnacht zusammen. Aber günstige Flutwellen schwemmten die Düne wieder aus etwa 1000 Meter Länge auf, bis im Winter 1895 die gewaltige Sturmflut mehr als die Hälfte der Düne fortriß.

Jetzt erst sahen die Helgoländer ihren wichtigsten Lebensnerv bedroht und ließen in den Jahren 1896—97 mit riesigen Kosten und Schwierigkeiten mehrere bedeutende Schutzdämme, Buhnen, bauen.

Da aber seit der Jahrhundertwende keine neuen großen Schutzanlagen gebaut wurden, ist sehr wohl denkbar, daß ein gewaltiger Sturm in kürzester Zeit die Schutzanlagen im Norden der Düne zer­stören kann. Ein so flacher Sandrücken, wie die Düne ist, wird immer sehr gefährdet sein und leicht abgeschwemmt werden können. Glücklicherweise gewährt der feste Gesteinsuntergrund eine allen Ansprüchen der modernen Technik genügende Fun. dierung, sodaß der gänzliche Verlust der Badeinsel in abschbarer Zeit noch oufgehalten werden kann.

Rieseneinbruchsdiebstahl.

, In der Biarritzer Billa des belgischen Finanz- ssyannes Löwenstein, der durch seine Dollar- Plillionenangebote an die belgische Regierung in Mtzter Zeit einiges Aufsehen erregt hatte, ist einge» krochen worden. Es sollen Kostbarkeiten im Werte von 12—15 Millionen Franken ent­wendet worden sein.

Schule und Volksbildung.

— Die christlichen Gewerkschasken für Einführung des Religionsunterrichtes in den Berufs- und Fortbil­dungsschulen. Im Anschluß an die Beratungen des Ausschusses des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften wurde nachstehende Ent- schließung angenommen: Der Ausschuß des Gesamtver- bandes der christlichen Gewerkschaften spricht in lieber- einstimmung mit den konfessionellen Elternvereinigungen die dringende Erwartung aus, daß bei der bevorstehenden landesgeseWchen- iwenregekmg de» Berufs- und Fortbil­dungsschulwesens Religionsunterricht als ordenkli- ches Lehrfach in den Berufs- und Fortbildungs- schulen eingeführt wird. In Ausführung der Artikel 145 und 149 der Reichsverfassung ist ein Reichsgesetz über das Berufsschulwesen erlassen. In diesem Reichs- gcsetz sind grundlegende einheitliche Bestimmungen für das Reich zu treffen; namentlich hinsichtlich der Unter- tzaltungspslicht und des Religionsunterrichtes als ordent­liches Lehrfach.

Rund um die Woche.

Giiterzug und Stahltrust. — Ein zweites diplomatiiches Frühstück. — Herbstliches. — Ein neues Gedicht. — „Reich mir die Flosse — Genosse."

„Zurückgetreten!" rief der Mann mit dem blan- । ken Portierschild, und raste mit seiner Schelle den - dicht bevölkerten Bahnsteig entlang. Alles greift ‘ die Koffer und macht sich zum Ellbogcnkamp'f für den erwarteten D-Zug bereit. Aber siehe da! Es kommt gar kein D-Zug, vielmehr dampft und stöhnt ! in aller Ruhe ein endloser Güterzug vorüber. „Ihr törichten Reisenden!" schien er zu sagen, „wißt Ihr nicht, daß die Güter viel wichtiger sind als die Menschen, ähnlich wie die Pferde im Krieg wert­voller als die Soldaten? Wartet nur in Geduld, bis die Kisten und Kasten und Kohlen vorbei sind . . ." Wozu dies Geschichtchen? Nun, weil wir alle den Luxuszug der neuen Völkerbundsära er- , wartet hatten, nachdem der große Streit um die I Sitzplätze so gut wie erledigt war. Es kam aber kein Völkerbundszug, sondern zunächst einmal ein riesiger Güterzug, nämlich der kontinental­europäische Stahltrust . . . Begreift doch, daß die Unterredungen dieser Jndustriemagnaten viel wichtiger waren als die glänzenden Ausspra- chen von Genf mit dem sich anschließenden Ball. Wenn sich einmal die Stahl-, Kohlen- und Naphta- interefsen auf der ganzen Welt geeinigt haben, dann werden die Menschen keine großen Schwie­rigkeiten mehr bereiten. Also ein Hoch auf diesen neuen Stahltrust, der wahrscheinlich schwerer an Macht ist als jener Reichsapfel, den Karl der Große getragen hat.

Der übrige Völkerbund wird ja nachkommen. Freilich ist es für Poincar«, nachdem er so lange Zeit hindurch wütige Sonntagspredigten gehalten hat, nicht ganz leicht, ein milderes Register wie etwa die Vox Humana zu ziehen. Auch hat sich unmittelbar vor der Abfahrt noch ein Streit dar­über erhoben, welches Frühstück denn besser gewesen sei und bei welchem die größten Happen abgefallen seien, das von Thoiry oder das von Mussolini- Ehamberlain. Auch ereignete sich int letzten Augen- blick noch das Unglück, daß der russische Wolf den kleinen Dölkerbvndler Litauen eben, als er sich Europa in die Arme stürzen wollte, von der un­teren Seite an die Hosen griff, um ihn in die asiatische Heimat zurückzuziehen. Der Kleine schrie zwar jämmerlich, machte dann aber gute Miene zum bösen Spiel und unterschrieb einen Garantie­vertrag. Das ist in der neueren Zeit so Brauch geworden: Erst prügelt man sich und dann schließt man eine Entente cordiale. Der polnische Adler 'wetzt nun den Schnabel und bewegt bereits die Flü­gel wie ein Maikäfer, wenn er auffliegen will und so muß man denn gestehen, daß wir überall in Europa den friedlichsten Zeiten entgegengehen.

Bei so tröstlichen Aussichten gibt man sich gern einer friedlichen Naturbetrachtung hin. Der Herbst ist indischen gekommen. Mit den Stoppelfeldern fing es an. Dann kamen die Jungen, die ihren Drachen steigen ließen. Auch geschah es wohl, daß einmal ein welkes Blatt, von irgendeinem Wind- hauch getragen, dir durchs offene Fenster flog. Du hast es sinnend angeschaut und gesagt: Der Som­mer geht zu Ende. Dann begann eines Abends ein merkwürdiges Geräusch auf dem Hofe. Auch am anderen Morgen ist es noch da, und da siehst du, daß es von fallenden Kastanien kommt. Wo die Erde am härtesten ist, da springen die Hülsen aus, und es grüßt dich jener glänzende Kern, aus

dem sich die kleinen Mädchen schönste Korallenket­ten schnüren. Leiser tupft es im Garten auf den Boden, und das ist jedesmal eine dicke, saftige Birne, die dir das Wasser im Munde gerinnen macht. Sie haben einen leichten Todeskampf, diese schönen, goldigen Früchte. Ganz friedlich warten sie, bis sie reif geworden und dann lösen sie sich von sel­ber los, während die Sonne oll ihre Farben noch einmal zum Leuchten bringt. Am schönsten ist es im Herbst oben im Emsland, wo eine eigentümliche Milde über träumenden Kanalwassern und ein­samen Pappeln und Linden liegt. Dort kannst du wandern durch hohe Buchenalleen, die sich oben zum Gewölbe schließen. Steigt dann der Nebel von den Wiesen auf und steckt der Mond sein gro­ßes weißes Lichr an, so sammelt sich dies alles in jenem gotischen Laubgang wie zu einer Andachts- stunde- im dämmernden Seitenschiffe eines ehr­würdigen deutschen Domes. Dann wieder begegnest du dem Herbst in der Gestalt eines kleinen Jungen und seines Schwesterleins. Er hat die Taschen voll Obst gepackt, und sie trägt ein Körbchen mit Brom­beeren, die in der letzten späten Sonne ganz schwarz geworden. Oder aber es erscheint dir der Herbst wie ein lustiger Bauersmann. Die Ernte ist ein­gebracht und frischer Most im Keller. Nun muß man sich einmal gütlich tun und schmausen und trinken und tanzen ohne Ende. In östlicheren Ge­genden kann man es wohl erleben, daß die halbe Ernte in wenig Tagen verpaßt wird. Das sind auch noch andere Leute als wir, die wir immer mit der Sparbüchse herumlaufen und Gottes Reichtum nach Pfennigen berechnen. Jene Sklaven wissen noch Feste feiern und ein wirkliches Fest ist es ihrer Ansicht nach wert, daß man Wochen lang hinterher Not leidet. Das ist aber alles noch nicht der Herbst. Für mich beginnt er erst, wenn die großen Weinblätter an den Fensterrahmen sich rö­ten und schließlich wie dunkler Purpur in der Abendsonne glühen. Das kann man aber nicht mehr in Prosa sagen, und da muß ich schon ver­suchen ein paar Verslein zu schmieden, von denen du aber wissen mußt, daß sie von mir selber sind und nickt aus irgend einem Gedicktbuch gestohlen. Sie lauten aber so und du mußt sie mit Empfin­dung lesen oder besser sprechen, und du mußt dabei in Begeisterung geraten, bis du am Ende so rot bist wie der wilde Wein selber:

Roter Wein überall, blutfarben und wild.

Am Haus der Geliebten und am Madonnenbild, An den Türmen des Doms, an Gartengittern, Im welkenden Wald, zitternd unter letzten Herbst gewittern . . .

Roter Wein überall, blutfarben und wild, Sieh, wir er int Herbst noch mit Lenzen spielt.. Wie die Blumen auch sterben, wie die Blätter verwehn . . .

Rotflammend, so will ich untergehn . . . Kein Engel bringt mir den Morgentau, Mich feuchten nur Nebel, trüb, finster und grau . . .

Aber ich zwing mir die Sonne, ihren goldfun­kelnden Strahl,

Und er füllt mir mit Feuer den letzten Pokal.. Mut, Feuer und Liebe, Sonne und Gold, Lieben, und wenn ihr schon sterben sollt,

Nur nicht krank, nur nicht müd', nur nicht herbstlich und fahl,

Nein, im Feuer der Liebe, wilder Wein überall. Das ist nun die Poesie, die mir längst vergan­gen ist. Sie stammt aus Zeiten, wo ich am Ende das Leben noch ernst nahm. Mit der Gegenwart will mir das nicht recht gelingen, kommt sie mir doch allzu komisch vor. Da sagen bei Frank Thieß die Jünglinge: „Jede Dummheit, die wir in un­seren Jahren begehen, ist nicht als Dummheit zu bewerten, sondern als Symptom . . Uebrigens wilde Rangen, die sich weiden an groben Worten, als da sind: „Gieß dir einen in den Bauch . . „Steck dir eine Zigarre in den Rachen . . Die jungen Frauen fangen auch schon an. Steigt da eine in die Elektrische. Chick, süßes Gesicht, zart, mit braunem Handtäschchen. Ein Herr ist ihr be­hilflich, während sie in weithin schallendem Ton artikuliert: „Reich mir die Flosse — Genosse . . ." . . . Schau da, ein riesiges Kartoffelfeuer, und da noch eines und noch eines. Jetzt ist es aber sicher Herbst. Wir werden unser Oefchen bereit machen und Volkslieder singen. Ach, hätte doch jeder Deutsche ein noch so kleines Heim und ein nied­liches Oefchen darin. Sing weiter. Das Volkslied kennt all diese Not und daher kommt es, daß jedes Volkslied so traurig ist. .

Der Mann im Mond.

Gegen die hohen Gebühren.

Die Zentrumsfraktion des preußischen Land- tags bat unter Hinweis auf die ans allen Kreisen der Wirtschaft sich mehrenden Klagen über die neben der drückenden steuerlichen Belastung unerträgliche Höhe der gerichtlichen und verwandten Gebühren einen Urantrag einaebracht, der deren Herabsetzung verlangt. Im einzelnen soll das Staatsministerium ersucht werden,

1. unverzüglich einen Gesetzentwurf vorzulegen, auf Grund dessen die Gebührensätze des Preußüchen Gerichtskostengesthes, der Notariatsgebührenordnung und der Landesgebührenordnung für Rechtsanwälte und Gerichtsvollzieher, sowie die Gebührensätze der Katasterverwaltung in ein angemessenes Verhältnis zum Vorkriegsstand gesetzt werden;

2. das Preußische Gerichtskostengesetz vom 28 Oktober 1922 in der Fassung der Abänderung durch Artikel 1 des Gesekes vom 12. April 1923 lGesetzsamml. 1923, S. 107) und Artikel 6 der 7. Verordnung vom 18. Dezember 1923 (Gesetzsamml. 1923 S. 556) dahingehend zu ergänzen, daß hin­ter die §§ 66 un> 71 je ein Paragraph eingeschoben wird, der die Höchstgebühr in den Fällen der Para­graphen 55 bis 66 und 69 bis 71 auf 20 000 NM. festsetzt.

wie wird das Wetter?

Von Südengland in östlicher Richtung erstreckt sich eine Tiefdruckrinne, an deren Nordserte kältere Luft lagert, die langsam südwärts vordringt. Bei ihrem Zusammentreffen mit der wärmeren Südwestströmung fuhrt sie allgemein zu Niederschlägen. Sie wird auch unser Gebiet erreichen und stärkere Niederschläge, der- bunden mit Abkühlung bringen.

Aussichten für Sonntag: Wolkig, meist trocken, rauhe nördliche Winde.

Bei ttorpulenz oder Veranlagung raten mir allen Lesern, die korpulent ober zum Starkwerden veranlagt stnd, 30 (stramm T olub a- K er n e zu taufen die bei völliger Unschädlichkeit fettzersehend nnd ansatzver- hindernd wirken. Die echten Toiuba-Kerne erhalten Sie mit Gutachten, genauen Angaben über Gebrauch und Zusammensetzung in den Apotheken, sicher Hos-Apotheke zum Schwan.

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Roman von 3. Hohenfeld.

601 --

.Wo ist meine Schwester?" stammelte er leise.

„Sie befindet sich an einem einsamen Platze," er- «oiberte Eugen, „unb ich bin jetzt im Begriff, dich zu ihr zu bringen, doch mußt du ganz ruhig (ein, wenn du sie sehen willst!"

So eingeschüchtert, sank der kleine Knabe in seine Ecke zurück und fing bitterlich zu meinen an.

Das Geräusch de« dahineilenden Zuges, das ge­dämpfte Licht, das Gesicht des erbittertsten Feindes sei­nes Vaters, alles dieses zusammen wirkte auf ihn so überwältigend ein, daß er allmählich in einen tiefen Schlaf versank.

Gras Eugen bemerkte es mit einem zufriedenen Lächeln.

„Ich bin noch nicht ganz betrogen," dachte er, wäh­rend fein Gesicht sich aufklärte. „Roch ist nicht alles verloren. Wenn ich es klug und entschlossen anfange, wird es mir trotzalledem noch gelingen, mein Glück zu Machen."

Der Zug brauste dahin, der Weltstadt an der Seine zu.

Graf Eugen saß, in tiefes Nachdenken versunken, da. Seine Vergangenheit zog an seinem 'geistigen Auge vorüber.

Die besten Jahre seines Lebens hatte er mit un- Nutzem Warten auf eine reiche Erbschaft hingebracht, werbend um eine Frau, die seit Jahren die Gattin eines andern war. Der alte Marquis konnte jeden Tag sterben Und bann war er, Eugen von Lamartin, ein armer ■Wann, ohne Titel und ohne Vermögen, ärmer als der ennfte Bettler der französischen Hauptstadt.

Nein, neinl Dahin durste es nicht kommen. Nun Und nimmer!

Giralda mußte die Seine werden! Sie mußte ein­willigen, und sollte sie sich noch länger sträuben, jetzt be- wß er eine Gewalt über sie, der sie nicht zu trotzen wagen würde. Der kleine Alfred sollte das Mittel sein, das ihm den Pfad zum Glück und Reichtum bahnte, bas Ziel, das er erreichen wollte, unb führte der Weg «uch über gebrochene Herzen.

XXXIV.

Armand be Digny, dem noch die Drohungen des Grafen Eugen in den Ohren nachklangen, eilte bestürzt auf feine ohnmächtige Gemahlin zu unb trug sie auf bas Sofa.

Gabriele war bleich wie der Tod und es überkam Armand de Digny die Furcht, daß ihre Seele in die Ewigkeit hinübergegangen fei.

Er nahm aus einer Karaffe Wasser unb batete ihre Hände und Schläfen damit. Er rief sie stürmisch mit den zärtlichsten Namen und beschwor sie, wieder zum Leben zurückzukehren, um feinet- und ihrer Kinder willen.

Endlich wurden seine Bemühungen von Erfolg ge­krönt Eine sanfte Röte färbte ihre Lippen und Wan­gen, aus denen bereits alles Blut gewichen war. Die Brust begann sich zu heben und um den Mund fing es an zu zittern. Dann kehrte das Bewußtsein zurück und mit demselben auch die Angst um die geraubte Tochter.

Gabriele sprang auf die Füße und rief aus:

„O, Armand! Er weiß alles! Wo ist er? Riefest du ihn nicht zurück, auf daß er uns unser Kind wieder zu- führe?"

„Nein, Gabriele," versetzte ihr Gatte mit eigentüm- kicher Ruhe, — der Ruhe der Verzweiflung. „Er ist fort! Seine letzten Worte waren Drohungen gegen uns: dich, mich und unsere unschuldige Giralda zu verderben!"

„Allgüter Himmel!" wehklagte Gabriele. „Armand, was können wir tun? Ich bin keines Gedanken mächtig vor Angst! Dieser Schlag ist härter als der Tod!"

„Gib dich nicht der Verzweiflung hin, geliebtes Weib!" sprach Armand tröstend, seinen eigenen Kummer vergessend. „Ich werde jemand beauftragen, Eugen nach­zuspüren und seinen Aufenthaltsort, wohin er Giralda brachte, ausfindig zu machen. Verliere nicht den Mut, Gabriele!"

„Mut? Mut? Wo Eugen soeben fortging mit Drohungen, vielleicht um Polizisten zu holen, die dich festnehmen sollen? Ja, ich gebrauche Mut! Ah, wa- war das?"

Sie horchte genauer auf und hörte, wie jemand leise, aber eindringlich an die Tür klopfte, um eingelassen zu werden.

„Es wird Margerite fein", versetzte Armand, wäh­rend er sich erhob und die Tür ausscyrv^,

Der Kutscher und Margerite standen draußen. Beide in größter Aufregung.

„Komme herein, Margerite!" sagte ihr Herr ruhig. ,Es ist alles in Ordnung jetzt," fügte er, zu dem Äut- scher gewandt, hinzu, „aber es wäre besser, du gingest nach der Gartenpforte und legtest die Eisenstange vorl"

Der Kutscher, dessen Furcht bei dem ruhigen Wesen seines Herrn geschwunden war, entfernte sich, um dessen Befehl auszuführen. Die schärfer blickende Margerite dagegen erkannte sogleich, daß diese Ruhe nur erkünstelt war. Sie näherte sich ihrer Herrin, um derselben beb zustehen.

„Packe sofort unfern Mantelsack, Margerite", sagte die Komtesse. „Wir müssen fort sein, bevor Graf Eugen mit Polizisten zurückkehren kann. Jetzt ist alles au», Margerite, alles!"

„Ach, gnädige Komtesse!" rief die Dienerin, welche ihre Befürchtung so vollständig erfüllt sah und ihre Worte gingen in ein Schluchzen über, als sie forifuhr: „Cs ist das Schicksal, das Schicksal!"

„Wo sind die Knaben, Margerite?" fragte die Rom- teste, indem sie sich umsah und die Rrroben vermißre. „Ich schickte sie fort, nachdem ich sein Gesicht am Fenster gesehen hatte. Sende sie sofort zu mir herein!"

Das Mädchen ging, um den ihr gewordenen Auf. trag auszuführen.

Armand durchschritt das Zimmer in aufgeregter Weise. Die Komtesse rang die Hände in stiller Ver­zweiflung und dachte an ihr fernes Kind.

Plötzlich ertönte der schnelle Tritt eines Knaben in der Halle und gleich darauf trat Rupert Ins Wohnzim- wer.

In seinen Zügen spiegelte sich Verwunderung unb Unruhe.

„Margerite sagte mir, du wolltest mich sprechen, Mama? Ist der Fremde fort, dessen Gesicht am Fenster dich so sehr erschreckte?" fragte der Knabe. „War es ein Wahnsinniger oder ein Unzurechnungsfähiger?"

„Ich kann deine Fragen jetzt nicht beantworten, Ru­pert," erwiderte Gabriele mit schwacher Stimme. „Wn alle müssen augenblicklich dieses Haus verlassen. Wo ist Alfred?"

„Ist er nicht hier," fragte Rupert verwundert zurück. „Als du uns fortschicktest, Mama, bin ich hinaufgegangen nach Papa's Studierzimmer, um dort meine Zeichnung zu vollenden, und Alfred ging in den Garten, um feinen Ball zu suchen, den er dort verloren hatte!

„In den Garten?" schrie die Komtesse auf. „Gehe schnell, Rupert, und suche ihn. Ruse seinen Namen!"

Der Knabe sprang behende aus dem noch offen- stehenden Fenster in den Garten. Nachdem er mehrere Minuten lang gesucht hatte, ohne seinen Bruder gesun­den zu haben, kehrte er niedergeschlagen zurück und mel­dete, daß Alfred nirgends zu finden sei.

„O, dann ist auch er fort! Eugen hat ihn gesehen und als Geisel mit sich genommen!" rief die unglückliche , Mutter aus. „Ach, meine Kinder, meine armen, Der- lorenen Kinder!"

Nun begann ein Suchen nach dem vermißten Kna­ben, an dem sich, Margerite ausgenommen, alle betä­tigten. Es war wie vorhin ohne Erfolg.

Der Knabe war und blieb verschwunden, als ob bit Erde ihn verschlungen hätte.

„Entweder hat er die offene Tür benutzt und ist auf die Straße gelaufen, von wo er bald zurückkehren wird," sagte der Vater sich, dessen Angst um sein zweite- verlorenes Kind immer größer wurde, „oder Gabriele hat recht und unser Femd hat auch ihn mit sich genom, men, um noch eine zweite Geisel gegen uns in Händen zu haben."

Er öffnete nach diesen Worten die Gartenpforte und blickte die Straße nach beiden Seiten entlang. Aber da war nichts von dem verlorenen Knaben zu sehen. Niemand war auf der Straße, den er hätte fragen können.

Er rief mehrmals laut den Namen seines Sohnes unb horchte auf Antwort, aber vergebens.

Das einzige Geräusch, welches sich hören ließ, war das eines in der Ferne sich nähernden Wagens.

Mit schwerem Herzen und bleiernen Schritten kehrre Armand zu feiner Gattin zurück, welche saft wahnsinnig war vor Angst und Aufregung. ,

„Hast du ihn gefunden?" rief sie ihm schon von wei­tem entgegen. „Hast du mir meinen Liebling zurück- gebracht? Ach, Armand! Er ist nicht bei dir? Dann ist er uns verloren — verloren!"

„Meine arme Gabriele!" sprach Armand dumpf, seine Gattin in seine Arme ziehend. „Ich habe den Kutscher nach der Eisenbahnstation geschickt, um nachzuforschen, ob der Knabe bei Eugen war. Beruhige dich. Er wird es nicht wagen, ihm ein Leid zuzusügen!"

In diesem Moment wurde die Glocke an der Garten­tür laut und heftig gezogen.

r (Fortsetzung folgt.)