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Verlage zur Fuldaer Zeitung
Wr unsere Frauenwelt.
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Nr. 238 vom 14. Gkl. 1926.
Du warst es doch.
Don Theodor Storm.
In buntem Zug zum Walde ging's hinaus; Du bei den Kindern bliebst allein zu Haus. Und draußen haben wir getanzt, gelacht, Und kaum, so war mir, hott' ich dein gedacht. Nun kommt der Abend, und die Zeit beginnt, Wo auf sich selbst die Seele sich besinnt; Nun weiß ich auch, was mich so sroh ließ sein, Du warst es doch, und du nur ganz allein.
Geldfragen in der Ehe.
Don Irene Brockhausen, Berlin-Friedenau.
Sie sind eines der wichtigsten Kapitel und meist die Ursache des ersten Zwistes und vieler nachfolgender Verstimmungen. Und doch wäre bei beiderseitigem guten Willen und gemeinsamer Ueberlegung gerade diese Cuetk von Mißverständnissen verhältnismäßig leicht auszuschallen.
In erster Linie sollten sich Braut- und Eheleute ßnmer vor Augen halten, daß völlige gegenseitige Offenheit das wichtigste Erfordernis zu einer guten, zumal einer christlichen Ehe ist. Verschleiern der tatsächlichen Verhältnisse, sei es nun um den schönen Schein aufrechtzuerhalten und ein Vermögen vorzutäuschen, das nicht oder nicht mehr vorhanden ist, fei es um sich mit einem Einkommen zu brüsten, das vielleicht erst später erreicht wird, kann nie die Grundlage einer glücklichen Ehe bilden. Früher oder später folgen daraus bittere Enttäuschungen, Vorwürfe und immerwährendes Mißtrauen.
Geht wirklich einmal eine Verlobung auseinander, weil der eine Teil bei dem andern eine größere Mitgift, ein höheres Gehalt vermutet hatte, so ist das gewiß kein Unglück, denn diese Che wäre sicherlich nicht hermo- nisch geworden.
Auch bei der Besorgung der A u s ft e u e r ist eine ausrichtige und offene Aussprache zwischen den Braut- leuten unerläßlich. Das Gefühl, daß Geldangelegenheiten die Poesie der Brautzeit stören könnten, ist ein törichter Ueberschmang. Die Aufwendungen für die Aussteuer verschlingen oft den letzten Spargroschen und sind dann für den einfachen Haushalt viel zu üppig. Auseinanderseßungen, die mit »Hättest Du mir doch ge- sagt" und »Wenn ich nur gewußt hätte" beginnen, enden meist mit Tränen.
Bei allen Geldfragen in der Ehe ist gemeinsame Ueberlegung das Beste. »Aber mein Mann begreift nicht, was heutzutage ein Haushalt kostet," ist eine oft gehörte Klage und die der Gegenseite beginnt: „Meiner Frau kann man kein Geld in die Hand geben, sie ver» steht nichts davon und vertur es." Zugegeben, daß in manchen Fällen diese Behauptungen zu Recht bestehen, trotzdem sollte man auch hier Abhilfe versuchen. Ob der Mann, dem das genau geführte Haushaltsbuch vorgeleqt wird, nicht einsehen wird, daß die Ausgaben für den Haushalt zu Recht geschehen und nicht eingeschränkt werden können? Daß die Aufrechterhaltung des Lebens- standards, die vor ollem der Frau in der Ehe obliegt, unter den heutigen Verhältnissen ungleich schwieriger ist, als es in sagenhaften Vorkriegszeiten der Fall war?
Und ob die Frau, der man ruhig und liebevoll die Notwendigkeit der größeren Sparsamkeit erklärt, mit der man dringende Ausgaben erwägt und überlegt, die man nicht mit einigen unwirschen Redensarten abspeist, nicht doch zu einer vernünftigen dem Einkommen angemessenen Wirtschaftsführung zu erziehen wäre?
Heutzutage wo die meisten Mädchen im Beruf stehen, über eigenes Einkommen verfügen und wisien, was verdienen heißt, kommt es verhältnismäßig selten vor, daß eine Frou gar nichts von geschäftlichen Dingen, Geld und Geldeswert versteht. Doch werden manche Frauen
teils aus einer gewissen Bequemlichkeit und Scheu vor der Verantwortung, teils aus Unbeholfenheit auch jetzt noch jede Beschäftigung mit Steuer und Vermögensfragen dem Manne überlassen. Er sollte aber in jedem Falle seiner Frau einen Ueberblick über die tatsächlichen Verhältnisse geben. Die Ausrede, denn ost ist es eine von der Bequemlichkeit eingegebene Ausflucht, „ich möchte meiner Frau alle Sorgen fernhalten", hat bei plötzlichen Krankheit», und Todesfällen schon oft das größte Elend verursacht Geschäftsunkundige Witwen werden gar oft belogen und betrogen und um ihr letztes Hab und Gut gebracht. Bei gänzlicher Verständnis- lofigkeit der Frau bei derartigen Fragen muß der Mann beizeiten für einen zuverlässigen Ratgeber sorgen, auf dessen Hilfe in solchen Fällen er sich verlassen kann.
Aber auch die Eltern sollten ihre Töchter nicht in die Ehe gehen lassen, ohne sie über die geltenden Bestimmungen des Eherechts in Vermögensfragen, über Gütertrennung und Gütergemeinschaft. Testamentserrichtung und Vermögensverwaltung zu unterrichten, es jedenfalls nie unterlassen, wenn eine Mitgift da ist. Darin wird auch heute noch viel versäumt.
Wie der Mann für seine kleinen Ausgaben, Zigarren, ein gelegentliches Glas Bier und Anderes sich eine entsprechende Summe zurückbehält in Verhältnissen, wo das Einkommen fast gänzlich zur Bestreitung des Le- bensunterhaltes verwendet werden muß, so sollte er auch seiner Frau ein bestimmtes Nadel- oder T o i I et- t en gelb zugestehen Der Einwand, daß sie ja über das Wirtschaftsgeld verfüge, ist nicht stichhaltig. Manche Frau, die genau Buch über ihre Haushaltsausgaben führt, möchte doch mal ein kleines Geschenk machen können, den Kindern ein Vergnügen bereiten, oder ein größeres Almosen geben, ohne darüber quasi Rechenschaft ablegen zu müssen oder gar deshalb Vorwürfe zu hören. Sie hat auch vielleicht das Gefühl, den Haushalt zu beeinträchtigen, wenn sie «non dem mehr ober weniger genau eingestellten Wirtschaftsgelb für solche persönliche Ausgaben nimmt. Ihr Verantwortlichkeits- gefühl wirb sicher badurch gestärkt, eine, wenn auch noch so kleine Summe, regelmäßig ihr Eigen nennen zu können unb ganz nach Gutdünken darüber verfügen zu bür- fen.
Immer aber sollte jebe Frau sich bie strengste Verschwiegenheit über bie Angelegenheiten ihres Man- nes auch ben nächsten Verwandten gegenüber zur Pflicht machen.
Die Kinder endlich sollten schon früh daran gewöhnt werden, Taschengeld zu besitzen und es vernünftig ein- teilen zu können. Nie sollte bie Mutier ihnen heimlich etwas zustecken. Nie aber sollte ihnen eine mögliche Freube aus übergroßer Sparsamkeit verweigert werben. Man sollte sie auch nicht bewußt über bie wahren Verhältnisse im Unklaren lassen. Sie nicht im Glauben an große Geldmittel aufwachsen lassen, wenn diese nicht vorhanden sind, um wie es meist zur Entschuldigung heißt, ihnen ihre sorglose Jugendzeit nicht zu trüben und sie nicht hinter den Schulfreunden zurückstehen zu lassen. Man sollte ihnen aber auch nicht aus sogenannten Erziehungsrücksichten bei geordneten und wohlsituierten Verhältnissen fortwährend über Teuerung. Geldsorgen und Sparenmüssen vorklagen. Beides ist falsch und rächt sich später immer. Aufrichtigkeit ohne Geschwätzigkeit ist auch hier wie immer die einfachste und beste Lösung. .
Die Srau als Erzieherin.
f. Unabhängigkeit. Kinder von etwas unabhängigem Sinn sind leicht zu Ungehorsam geneigt. Es wäre bie Aufgabe einer guten Erziehung, so zu wirken, daß beide nebeneinander bestehen: Gehorsam und der Sinn für Unabhängigkeit. Will man Menschen erziehen, die später im Lebenskampf bestehen, so muß man bie Kinder zuweilen sich selbst überlassen und nicht allzu ängstlich sein, wenn dadurch ein kleiner Schaden entsteht.
Gedanken über Mann und Weib.
Von Ilse Franke.
Die in der Brautzeit am eifrigsten seelisch und geistig Toilette gemacht haben, pflegen in der Ehe am unge» inertesten das lästige Festkleid abzuwerfen.
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Wenn man von einem Menschen sagt: »Er hat fein Leben genoffen", so heißt es oft genug: „Er hat fein Leben verdorben".
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Keiner weiß von seinem Feinde Schlimmeres, als er von sich selbst weiß.
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Der Mann ist gewöhnt, die Frau ein Rätsel zu nennen, weil er ihr Anderssein nicht versteht. Ein ebenso großes ober ein noch größeres Rätsel ist ber Mann für bie Frau, benn feine Natur birgt Untiefen unb Gegensätze bes schöpferischen Chaos, bie ber Durchschnittsfrau fremb sind Sie kann ben Mann durch Liebe und Hingabe, durch intuitives Einfühlen und Mitschwingen mit seinem Gefühlsrhythmus ahnungslos erfassen, aber ganz begreifen wird sie ihn niemals. Darum ist die Liebe der unverdorbenen Frau eine Dornenkrone.
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Die Lebensmelodie der Frau ist die Mittellage. Der Mann greift eine Oktave höher ins Geistige und eine Oktave tiefer ins Materielle. Sein Lebenslied umspannt größere Weite, ohne seine Harmonie zu verlieren.
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Der Mann erscheint mir immer wie ein Bildwerk aus mehr ober minber ebletn Stoff, bas noch, wie bie Werke Rodins, halb im Stein verborgen ist, und sich nur in großen Umrissen aus dem rauhen Block heraus- hebt. Die Frau dagegen, die Liebende unb Geliebte, scheint mir wie eine fein herausmodellierte, ganz aus dem schweren Urgestein gelöste Psychegestalt.
Wenn Eheleute anfangen, ihre „Rechte" gegeneinander abzuwägen unb ausjufptelen, bann finb bie Flitterwochen unroiberruflid) unb für immer vorüber.
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Haß weckt immer Haß, aber Liebe weckt nicht immer Liebe.
Weiße oder farbige Damenwäsche.
Eine Preisfrage für bie Frauenwelt.
Mit bem Bubikopf ynb ber schlanken Linie, ben äußeren Kennzeichen bes mobernen Frauentyps, hat auch bie Untertleibung ber Dame von heute grnnbieaenbe Der- önberung erfahren. Währenb man in ber guten alten Zeit hanbfest unb solide gearbeitete Wäsche in schwerer Menge mit sich Herumtrug, bevorzugt bie Modedame heute im Zeichen der Schlankheit möglichst dünne und wenig auftragende Unterkleidung. Man hat hierin zweifellos des Guten zuviel getan und ber Schlankheit zuliebe manches wichtige Wäschestück geopfert, hat vor allem bie praktischen unb gesunbhei11ichen Gesichtspunkte vielfach ganz unb gar vernachlässigt, ganz abgesehen von sittlichen Erwägungen. Denn Wäsche, be» fonbers bie unmittelbar auf bem Körper getragene Leib- wüsche, muß gut unb oft gewaschen werben können. Sicherlich erfüllt weiße Wäsche in biefer Hinsicht bie hygienischen Anforderungen besser als farbige Wäsche. In ben mobisch unb fachlich interessierten Kreisen ist gegenwärtig bie Frage stark umstritten, welchem Wäschetyp heute unb für bie Zukunft ber Vorzug zu geben ist. Zur Lösung biefer Frage hat man befchlosien, sich mit einer in ganz Deutschlanb zu oeranftaltenben Umfrage an bie Frauenwelt, ben einzig berufenen Richter in biefer Angelegenheit, zu wenden unb hat deshalb die deutschen Frauen zu einer Abstimmung darüber aufgerufen, ob
der weißen oder farbigen Wäsche ber Vorzug zu geben ist. Der Verbanb Deutscher Wäschegeschäfte unb Wäsche- Hersteller e. D. hat zu biefem Zweck ein Preisausschreiben veranstaltet unb für bie besten Begrünbun- gen zahlreiche Preise im Gesamtwerte von 2000 Jt ausgesetzt. Der erste Preis besteht aus einer 21 teiligen Wäschegarnitur aus Crepe be Chine unb Batist im Werte von 500 M. Weitere wertvolle Preise, bie (eibene unb batistene Garnituren, Nachthemben, Büstenhalter, Taillenröcke, reinleinene Tischgebecke usw. enthalten, finb neben einer großen Anzahl von Trostpreisen außerbem ausgesetzt. Das Ehrenamt als Preisrichter haben unter anberen übernommen: Frau Henny Porten, Berlin, Frau Iustizrat Mühjarn-Werther, bie Vorsitzende ber Zentrale bes Hausfrauenoereins Groß-Ber^.-, ' Frau Dr Hauff, bie Direkcorin ves Lette-Dereins in Berlin. Vordrucke für bas Preisausschreiben sind kostenlos er- hältlich in sämtlichen, dem obengenannten Verbände angehörenden Wäschefachgeschäften. Die Zuschriften sink bis zum 30. Oktober 1926 an den Verband Deutsche« Wäschegeschäfte und Wäschehersteller, Berlin SW. 19 Leipzigerstrahe 76 zu richten.
Die Aufbewahrung des Winterobstes.
Don Otto SBurget.
Nachdem der Segen des Gartens eingeheimst ist, erwächst ber Hausfrau bie Aufgabe, für richtige und geeignete Aufbewahrung der Dbftoorräte zu sorgen, die nur bei sorgfältigster Behandlung ihren Wohlgeschmack unb ihr schönes Aussehen behalten. A e p f e l unb B i r- nen müssen weich gelagert werben. Am besten legt man bie Früchte im Keller ober in einer frostfreien Mansarde auf ein Brett, bas man mit einer Lage sauberen Strohes gepolstert hat. Auch bie Lagerung auf Torfmull ist empfehlenswert, ba biefer etwaige Feuchtigkeit, bie ben Früchten anhaftet, restlos aufsaugt. Die Aepfel unb Birnen werben am besten breiviertelreif gepflückt unb auf bie Bretter in ber Weise verteilt, daß keine Frucht bie an- bere berührt. Vor bem Einlagern wischt my Tafel- obst mit einem weichen, wollenen Lappen ab. Früchte, die irgendwelche Beschädigungen aufweisen, werden sofort verbraucht. In kurzen Abständen, etwa alle 3 bis 4 Tage, werden die Obstvorräte durchgesehen und dabei alle Früchte entfernt, bie nicht mehr völlig gefunb finb. In allen Räumen, in benen Obst aufbewahrt wirb, muß für frische Luft gesorgt werben. Deshalb lüfte man ben Obstkelter ruhig an milberen Tagen kurze Zeit. Außen- Temperaturen von 0 — minus 1 Grab schaben bem Obst im Keller kaum, wenn man die Stiftung nur kurze Zeit ausbehnt. Ist bas Obst verbraucht, fo wird bas Sager- material (Stroh, Torfmull usw.) verbrannt, die Bretter dagegen werden mit einer scharfen Seifen- und Soda- lauge gründlich abgewaschen und gebürstet. In einem staubfreien Raum lagert man sie nach völliger Troch- nung bis zum kommenden Herbst.
Frauen -Vucher.
Geschmackvolle moderne Stickereien und allerlei Spitzenarbeiten werden in den zuletzt erschienenen D o • bachs Handarbeitsbüchern vorgeführt. Die neuesten Bücher enthalten: Band 26: Durchbrucharbeiten, Band 27: Bulgarische Stickereien, Band 28: Neue Bändchen-Spitzenarbeiten, Band 29: Soch- und Weißstickerei und endlich Band 30: Buntstickerei (Preis jedes Bandes 1,50 M. Verlag W. Vobach u. Co G. m. b. H., Seipzig). So verschieden die behandelten Handarbeiten sind, so haben sie doch das eine gemeinsam: sie sind alle im besten Sinne modern und geschmackvoll, gleichgtilrig, ob es sich dabei um eine bunte Bluse in bulgarischer Art, ein weißes Tellerdeckchen oder um einen Fensterstore handelt. Der Werdegang der einzelnen Arbeiten wird in Do- bachs Handarbeitsbüchern ausführlich dargestellt, fo daß es ein leichtes ist, danach zu arbeiten.
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Plötzlich fuhr sie empor, mit weitaufgerissenen Augen blickte sie um sich, starr und entsetzt.
Sie hatte einen markerschütternden Schrei gehört, einen lauten, verzweiflungsvollen Schrei, — einen Schrei, der noch in ihren Ohren Zellte.
War das Traum ober Wirklichkeit gewesen?
Fieberhaft erregt sprang sie von ihrem Lager auf und eilte ans Fenster. Sie schlug die Vorhänge zurück und blickte hinaus.
Still und friedlich breitete sich die Nacht über die Erde aus. In lichter Himmelshöhe flimmerten die Sterne, aber sie strahlten keinen Frieden in Giraldas gefoltertes Herz, das sich zufammenkrampfte in wilder OUal unter der furchtbaren Angst für die Ihren.
Unaufhaltsam tönte ber Schrei tn ihren Ohren, ber sie «"sgeschreckt hatte aus wirren Träumen. Ihr Atem ging schwer unb keuchend unb es war ihr, als müsse ihr bos Herz zerspringen, das ruhelos pochte und hämmette.
Die — o, wie nur sollte sie bie endlosen Stunden er- lwgcn, bis Gilbert ihr Erlösung bringen würde von tiefer martervollen Ungewißheit?
XXXII.
iCin starres Entsetzen folgte bem unerwarteten Eindringen bes Grafen Samartin in Das stille Familienzim- kE der Villa Sarofe.
Die Tur hinter sich schließend, lehnte er sich mit dem hülfen gegen bieselbe unb blickte auf bie im Zimmer Anwesenben mit gräßlichem Hohn.
Komtesse Gabriele ftanb ba, ein Bilb ber Verzweiflung, währenb Armanb, ftartmütig feine Fassung bewahrend. stolz und fragend auf den Eindringling schaute.
Di« beiden Knaben hatten sich ängstlich zurückgezogen. Nur bie brei sich hassenben Gegner befanben sich noch in bem Zimmer.
Die Vettern, von frühester Kindheit an Rivalen, jetzt bittere Feinde — sahen einander minutenlang insGesichl.
Vergebens suchte Gras Eugen in diesen dunklen, un- bekannten Zügen nach einer Aehnlichkeit mit dernjeni- gen, den er hier zu finden gekommen war, oder nach dem Ausdruck von Furcht vor ihm, dem unberufenen Eindringling in den Frieden dieses Hauses.
Ter schmählich betrogene Armanb be Digny aber tatte sich schon zu lange auf einen solchen Augenblick
vorbereitet, als baß sein Mut hätte ins Wanken geraten sollen.
Trotz ber vielen Jahre, welche zwischen ihrem letzten Zusammensein lagen, hatte Armanb bennoch auf ben ersten Blick ben Mann erkannt, ber ihn ins Verberben gestürzt unb bem er seine Verbannung zu verdanken hatte.
,Was bedeutet dieser sonderbare Ueberfall, mein Herr?" fragte er mit einem Anflug von fremdem Akzent und mit beleidigtem Stolze.
Graf Eugen, der sich ein wenig außer Fassung gebracht fühlte, sah erstaunt bald auf ben Grafen unb halb auf bie Komtesse Gabriele.
Der Blick, bie Manieren, bie Sprache unb bas ganze Aussehen bes spanischen Grafen Alvarez waren so gänzlich verschieden von denen feines verstoßenen Detters Armand, daß Graf Eugen dessen Identität zu bezweifeln anfing.
Komtesie Gabriele entging diese Wandlung in feinen Zügen nicht und tn demselben Moment gewann auch sie ihre Geistesgegenwart und ihre gewohnte Ruhe wieder.
„Du bist ein guter Schauspieler, Armand be Vigny!" begann jetzt Graf Eugen mit bitterem Lächeln. „Ich habe nie auf ber Bühne einen besseren gesehenl Aber mich täuschest du nicht!"
Der falsche Graf blickte ihn immer noch ganz erstaunt an.
„Armand de Digny?" wiederholte er mit starkem ausländischem Akzent. „Seien Sie so gut, sich deutlich auszusprechen, Sennor. Oder, was noch besser ist, verlassen Sie uns augenblicklich. Sie müssen Ihrer Sinne nicht mehr ganz mächtig sein, in dieser Weise hier einzudringen!"
„Genug der Komödie!" unterbrach Eugen ihn, zit- tend vor Wut, und ferne kleinen, listigen Augen durchbohrend auf Gabriele richtend, fuhr er fort: „Schöne Komtesse, mag dieser spanische Gras nun fein, wer er will, Sie täuschen mich nicht mehr! Ich habe Ihr Geheimnis nun gründlich entdeckt! Ich weiß jetzt die Ur- fache Ihrer geheimnisvollen Entfernung vom HauseIhres Vaters! Sie sind im Verborgenen vermählt! Eines Mannes Weib und Mutter feiner Kinder! Was wird Ihr stolzer Vater unb die vornehme Welt zu diesen Entdeckungen, bie ich gemacht habe, sagen?"
Ueber ihre bleichen Züge glitt sekunbenlang ber Aus- bruck innerer Erregung.
Sie stützte sich mit ber Hand schwer auf die Lehne des Sessels, neben welchem sie ftanb, um sich aufrecht zu halten. Doch im nächsten Moment batet sie ihre Kraft ziirtickgewonnen und stolz ben Kops zurückwerfend, er- wiberte sie kalt:
„Tun Sie Ihr Schlimmstes, Graf Eugen! Ich verachte Sie!" i!!
„Unb Ihr Vater? Und die elegante Pariser Welt?" fragte er.
„Ich war längst auf eine solche Entdeckung vorbereitet," versetzte die Komtesse mit größter Ruhe. „In einer Stunde schon kann ich auf dem Wege nach England sein!"
„Und überlassen Ihren alten, braven Vater, den Grafen Leon von Chatrois, allein dem Gespött der Welt?" sprach Gras Eugen hohnooll. „Und Ihr spanischer Sen. nor — wird er Sie begleiten?"
„Er geht dahin, wohin ich gehe," erwiderte die Komtesse mit fester Stimme. „Graf Alvarez ist mein Gatte. Die Knaben, welche Sie vom Fenster aus gesehen hatten, sind meine Kinder. Sie haben mein Geheimnis in einer Ihrer würdigen Weise erforscht: als Spion! Erzählen Sie der ganzen Welt Ihre Entdeckungen, brechen Sie den Stolz meines Vaters und drücken Sie ihn nieder in den Staub, — brechen Sie (ein Herz, wenn Sie nicht anders können!" Und ihre Stimme fing an zu zittern. „Aber wissen Sie auch, daß Sie sich dennoch verrechnet haben sollen. Sie werden niemals das Herz der Gabriele von Chatrois brechen. Sie können ihr nicht bie Liebe ihres Gatten, nicht bie Liebe ihrer Kinber rauben! Ich werbe mich an jebem Orte ber Welt glücklich fühlen, wenn ich im Kreise ber Meinigen bin! Der entfernteste Winkel ber Erbe wird mir Heimat fein, wenn ich bie bei mir habe, bie ich liebet"
Um Graf Eugen's Lippen zuckte löblicher Hohn.
„Der Graf Enrico Alvarez mag Sie begleiten auf Ihrer Reife, Komtesse," erroiberte er, „aber einer verläßt nicht ohne meinen Willen biefes Haus — unb biefer eine ist ber Mann, ben ich hier weiß — Armanb be Vigny!"
„Herr!" brauste Gabrieles Gatte auf. „Mäßigen Sie sich in Ihrer Ausbrucksweife! Was haben wir mit Ihrem Freunde zu schaffen?"
„Mit meinem Feinde"! verbesserte Eugen mit flammenden Augen. „Armand be Vigny ist mein Tobfeind > Er ist der Mann, der mich um ein Glück gebracht hat. auf bas ich achtzehn Jahre vergeblich gewartet habe! Er
ist berselbe Mann, welcher sich zwischen mich unb ein Vermögen stellt, welches zu besitzen bie Aufgabe meines ganzen Lebens gewesen ist! Ich verfluche ihn!" Unb er knirschte mit den Zähnen. „Er ist ein Nichtswürdiger! Er versuchte es in schurkischer Weise, feinen Onkel zu er« morden, ber ihn liebte!"
Der Dorgeiäufdjte Graf Alvarez donnerte Eugen zorn- entflammt an:
„Sind Sie jetzt zu Ende, mein Herr? Ich hab« Ihrer Kühnheiten genug! Verlassen Sie mein Haus! Verlassen Sie es sofort, ober ich werde Sie gewaltsam daraus zu entfernen wissen!"
Kalt erwiderte Graf Eugen:
„Es würde nicht die schlimmste Tat fein, Armand be Digny, bie bu je im Leben getan hast, wenn es bir gelingen würbe, mich aus bem Hause zu werfen!" „Sieh her. Ich erkenne bich, trotz beiner sorgfältigen Ver. tleibung! Ich erkenne bich an ber Tatsache, daß die Komtesse von Chatrois niemals einen andern geheiratet haben würde als den Mann, bem sie einmal unb für immer ihre Liebe geschenkt hat!"
Das aufsallenb sichere Benehmen Eugens erweckte in Armanb ben Verdacht, daß derselbe vielleicht draußen im Garten noch Helfershelfer stehen habe, unb fern Blick schweifte verstohlen burch das Fenster.
Eugen entging das nicht.
„Ich kam ganz allein hierher," fuhr er spöttisch fort „Ein von mir beauftragter Polizeifpion hat Komtesse Gabriele bis hierher verfolgt. Ich besitze einen Schlüssel hier zu der Gartentür und habe mir damit Eingang verschafft. Nur der Geheimpolizist vermutet, daß ick hier bin unb baß ber sogenannte Gras Alvarez mit Armanb be Digny ibentlsch ist. Mein Onkel hat nicht bie entfernteste Ahnung, baß fein verhaßter Neffe noch lebt. Versuchen wir es also einmal uns verstehen zu lernen. Ich bin der festen Meinung, Sennor Alvarez, rote Sie sich zu nennen belieben, daß Sie mein Detter Armand be Digny finb. Für mich ist bie Sache ganz klar. Wenn ich meinem Onkel Mitteilung machte, würbe er bich, Armanb be Digny, sofort nach Cayenne schicken! Du würbest sterben unb Derberben, aber bu hinterlaßest Söhne, bie beine Titel unb Besitztümer erben. Du siehst, baß ich ganz genau weiß, wie bie Sachen stehen. Unb darum," fügte er hinzu, indem er seine iriumphie- renben Augen von einem zum anbern schweifen ließ, „willich euch einen Vorschlag machen. Was soll fortan herrschen zwischen uns? Friede ober Krieg — Krieg auf Leben unb Tob?