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Sonntag, 10. Oktober 1926.

Fuldaer Zeitung

2. Blatt.

•*2*" Druck der Fuldaer Acklendruckerel, Fulda

Für die Bekenntnisschule.

Eine erfreuliche Auslassung veröffentlicht das amtliche Organ der Handwerkskammer Liegnitz zu der Frage der Bekenntnis, schule. Sie ist ein Beweis dafür, daß man den erziehlichen Wert derselben hoch einschätzt. Es heißt da:

„Das Görlitzer Handwerk stellt mit Befremden fest, daß unter den in die Lehre tretenden jungen Leuten die Zahl derjenigen immer größer wird, die ihre Schulbildung in einer rein weltlichen Schule empfangen haben. Vielleicht ist dieselbe Wahrnehmung auch in anderen Städten gemacht worden. Nach den im Handwerk gemachten Er­fahrungen kommt es aber bei der Erziehung nicht nur auf die Vermittlung von Kenntnissen und Er­kenntnissen an, sondern auch die Pflege der Religion trägt wesentlich nur Charakterbildung bei. Die jungen Leute, die eine handwerkliche Ausbildung genießen, sollen nicht nur zu tüchtigen Fachleuten, sondern auch zu charakterfesten Staatsbürgern herangebildet werden, denn gerade der religiösen Grundlage der Erziehung ist es zuzuschreiben, daß aus dem Handwerk so viele tüchtige Kräfte hervor­gegangen sind. Das Handwerk warnt die Eltern und Vormünder dringend davor, aus Bequemlich­keit oder anderen nicht stichhaltigen Gründen die ihrer Fürsorge anvertrauten Kinder der konfessions­losen Schule zuzuführen. Jedenfalls muß das Hand­werk die Verantwortung dafür ablehnen, wenn bei den aus den konfessionslosen Schulen hervorgegan- yenen jungen Leuten die handwerkliche Ausbildung richt die gewünschten Früchte trügt."

Hierzu bemerkt die „Päd. P.", der wir die Aus­lassung entnehmen, sehr richtig: „Wenn eine solche Mahnung aus den Kreisen des Kath. Lehrerver­eins oder gar der der kath. Kirche käme, dann würde es uns nicht weiter verwundern, wenn sie bei der „Bayrischen Lehrerzeitung" auf Gegner­schaft stoßen würde. Nun wird man aber der Lieg- nitzer Handwerkskammer weder „konfessionelle Ge­bundenheit" noch „klerikale Interessenpolitik" vor­werfen können. Aber auch das Zeugnis einer schul­politisch neutralen Stelle kann der „B. Ltzg." nicht imponieren, wenn es sich eben um die Konfessions­schule handelt! Sie weiß hierzu nur folgendes zu sagen: „Eine Aussicht für die Zukunft, wenn es erst einmal ein Dutzend verschiedener Schularten „ihres Bekenntnisses" und „ihrer Weltanschauung" gibt, eröffnet folgende Mahnung, die die „Leipz. Lztg." dem amtlichen Organ der Handwerkskammer Liegnitz entnimmt: (Folgt obige Notiz.) Ob die kath. Leser der „Dayr. Lehrerztg." „Ein radikal, lib. Blatt. Der Einsender!) für eine derartige Aus­legung eines neutralen Urteils über die erziehe­rische Bedeutung der Bekenntnisschule Verständnis haben? Doch! In Bayern schon!!

Der Sehalt macht's!

Der „echte Kathreiner** verdankt sein teinrösthitteres Aroma unserem sorgsam gehüteten Geheimrat.

Unter falscher Flagge.

Roman von 3. Hohenfeld.

55] ----------

„Sie sind nicht imstande dazu, heute nacht noch zu reisen," versetzte Gilbert. „Lassen Sie mich überlegen. Der alte Marquis de Vigny liebt Sie. Er wird ohne Zweifel unglücklich darüber sein, daß Sie ihn verlassen haben. Er kennt Ihr Geheimnis nicht und ich glaube nicht, daß Graf Eugen es ihm entdeckt haben wird. Ge­ben Sie also das Werk, das auszuführen Sie sich vor­genommen, noch nicht aus, sondern warten Sie damit solange, bis Sie dazu gezwungen werden. Lassen Sie mich, nachdem Sie sich genügend ausgeruht und gestärkt haben. Sie nach dem Schlolse zurückbegleiten."

„Aber mein Vater! Mein armer Vater!" rief Gi- ralda.

„Ich werde ihn unverzüglich aufsuchen," erklärte der Herzog. „Mit dem Frühzuge werde ich zu ihm reisen. Ich kenne die Komtesse von Chatrois. Lassen Sie mich an Ihrerstatt gehen, Giralda. Sie sind gar nicht im» stände dazu, diese Reise zu unternehmen."

Giralda war gerade im Begriff, ihrem Retter zu ant­worten, als die Tür aufging und die Haushälterin ein- trat.

„Fräulein Alvarez," sagte der junge Herzog, „das ist Madame Toussaint, meine Haushälterin. Sie wird sich Ihrer bestens annehmen. Madame Toussaint," wandte er sich an diese, „diese junge Dame ist Fräulein Alvarez, die Nichte des Herrn Marquis de Vigny. Ich fand sie hilflos am Ufer der Seine. Sie ist erschöpft und matt. Sorgen Sie für ein Abendessen und bestellen Sie die Kutsche, damit die junge Dame baldmöglichst nach dem Schlosse zurückkehrt."

„Das Fräulein soll heute abend das Kastell nicht mehr verlassen," erklärte die Matrone mit Entschieden­heit. „Sie würde ernstlich krank werden, wenn sie sich keine Ruhe gönnt."

„Dann schicken Sie einen Boten nach dem Schlosse und lassen Sie dem alten Herrn sagen, daß seine Nichte hier in Adlershorst in Sicherheit sei und daß sie morgen früh noch Hause zurückkehre," befahl der Herzog. „Sorgen Sie dafür, daß der Bote sofort geht!"

Die alte Frau verbeugte sich respektvoll gegen Gi- ralda und verließ darauf diensteifrig das Zimmer, um die ihr erteilten Aufträge auszufllhren.

Giralda lehnte matt und gebrochen in ihrem Sessel. Sie dachte nur an eins: daß die Warnung zu spät kom­men und der Feind ihres Vaters dennoch triumphieren könnte, und dieser Gedanke erfüllte sie mit Angst und Schrecken.

Rund um die s.

IA

oche.

Die Lemuren. — Unter den Rothäuten. — Einmal nichts vom Völkerbund. — Die Ratte am Ohr­läppchen. — Säulenheilige.

Von Zeit zu Zeit packt mich das Gefühl des Unheimlichen. Dann sehe ich in grauer Däm­merung ungeheure Fledermäuse flattern. Aus allen Winkel kommen die Lemuren. Ein Traum ängstigt mich, als wäre ich gerade ein­geschlafen, und eine riesige Ratte finge eben an, mit ihrer naßkalten Schnauze meine Ohrläpp­chen zu untersuchen. Ist nicht die Erde wirklich ein Ort des Grauens geworden? Schlag irgend ein Nachrichtenblatt auf, da heißt es: Veracruz zerstört. Neuer Orkan in Richtung Florida, Heftige Erdstöße in Oesterreich, Oberitalien unter Hochwasser, Ueberschwemmung in der Steier­mark, Starke Wolkenbrüche in Slovonien, dazu die täglichen Unglücksfälle auf der Eisenbahn, Typhusepidemien und noch andere Krankheiten, deren Ursache man nicht kennt und deren Diag­nose nicht gelingen will, Cholera in Schanghai, und in all diesem Fürchterlichen, was die Natur uns antut, das Heulen und Brüllen in der menschlichen Menagerie, Femenmorde und Tot­schießerei in Germersheim, neue Schlachten in China und neue Kriegsdrohungen im Mittel- meer, dazu die ewige Klage der wirtschaftlich Unterdrückten, der Schrei der Wohnungslosen, das Heimweh von Emigranten, zerstörte Mis­sionen, wüste Kirchenoerfolgungen, eine geschän­dete Justiz, gewissenlose Verführung, schott 150 Tage Streik in England, Huuuh! Jetzt hat mich die Ratte gebissen, und ich kann nicht aufstehn. Ein Alpdrücken greift mir an die Gurgel, und ich muß bleiben auf dieser Erde, wo mir zu allem Unglück nun auch noch eine furcht­bare Here mein Horoskop berechnet hat und noch obendrein bemerkt, es fei der ganze Himmel voll schrecklicher Konstellationen. Wenn man nur aus­wandern könnte! Aber die Lemuren sind schon überall als käme nun der schwarze Tod Über alle fünf Erdteile. Selbst das viele Tanzen und all der Sport ist mir grauenhaft geworden, tanzt doch der Mensch am wildesten, wenn er mit dem Tode selber tanzt. Ich mag Josef Winckler nicht, weil ein Dichter nicht frivol sein soll. Aber was in seinem Chiliastischen Pilgerzug einst gesehen, das scheint sich nun entsetzlich zu erfüllen, und widerlich mischen sich lüsterne Greise, verraten Gatten, Sieche und Aussätzige in den Tanz des Siwa, der unaufhalt­sam dem Abgrunde zuwirbt.

Merkwürdig berührte mich die Kunde von einem Menschen, der hochgebildet war, an Geld feinen Mangel litt und eine gute Karriere vor sich hatte. Auf einmal hatte es ihn gepackt. Er iah in schauer- voller Vision die europäische Menschheit. Er glaubte sich in einem Tollhaus. Er meinte auf jeden Ver­such verzichten zu sollen, hier noch eine rettende Hand anzulegen. Er bestieg ein Schiff und fuhr über das Meer. Als er die letzte Spur des ent­schwebenden Landes wie einen blauen Streifen am fernen Himmel lagern sah, der nun in die Wogen zu versinken schien, da ballte er noch einmal die Faust und sprach einen Fluch Über jene Humanität, die sich von der Moralität gelöst hatte, über jenes trügerische Wort, das den Firnis der glatten Phrase über den heiligen Egoismus zog. Diese Humanität, die ihm recht eigentlich als die Inschrift auf der Fahne des Teufels erschien, der von neuem die düstere Majestät seines Thrones in Flammen und Rauch über den brennenden Trümmern und zucken­den Leichen einer betrogenen Menschheit errichtet hatte. Nicht lange, und mein Auswanderer be­wohnte tief im Urwald, wo man das Antlitz des weißen Mannes noch nicht gesehen hatte, eine ein­same Höhle. Dort lebt er nun heute, ein Robinson des zwanzigsten Jahrhunderts. Er lieft kein Buch mehr als nur das große der Natur. Er sieht keinen Menschen mehr als nur die kupferfarbenen Kinder der Wildnis. Die ewigen Sterne haben ihm seinen Frieden wiedergegeben, und auf seinem Antlitz ist das Lächeln der großen Versöhnung heimisch ge­worden. Für seine Nahrung und seine geringen

Gilbert ließ seinen Blick in stiller Bewunderung und zugleich voll innigster Teilnahme auf den schmerzlichen Zügen des jungen Mädchens ruhen, dem sein Herz ent- gegenschlug seit dem ersten Moment, als er sie gesehen hatte.

„Jetzt befürchten Sie nichts mehr, Giralda," sprach er sanft tröstend. „Ihr Vater wird gerettet roerijen. Mit dem Frühzuge reife ich nach der Villa Larose. Er wird gewarnt sein, ehe die Nacht anbricht und ehe jener Elende seine Schurkerei zur Ausführung zu bringen im» siand fein kann. Nie und nimmer soll ihm fein licht- scheues Werk gelingen. Vertrauen Sie mir das Geschick der Ihren an! Gott selber hat mich als Retter in Ihren Weg geführt und ich werde Sie beschützen mit meinem letzten Blutstropfen und wäre es gegen eine ganze Welt voller Feinde!"

XXXI.

Verzweifelnd und mehr denn je von feinen Gicht- schmerzen geplagt, war Marquis de Vigny nach feinem Schloß zurückgekehrt. Umsonst war es gewesen, daß die Dienerschaft jeden Winkel des allen Parkes auf das Sorgfältigste durchsucht hatte Keine Spur, die darauf schließen ließ, was aus Giralda geworden, war aufge­funden worden und ratlos kehrten die Leute nach dem Schlosse zurück, sich fürchtend vor dem Zorn des Mar­quis beim Ucberbringen dieser trostlosen Nachricht.

Aber der alte Mann wetterte und raste nicht wie sonst oft bei dem geringfügigsten Anlaß, er war viel- mehr still und in sich gekehrt. Der Schmerz um den Der» lorenen Liebling beugte ihn zu Boden und er litt weit mehr durch ihren Verlust, als wie er einst gelitten hatte unter dem vermeintlichen Verrat Armands.

Die Nacht brach herein, aber der alte Mann dachte nicht daran, sich zur Ruhe zu begeben. Wie sollte er schlafen können mit dieser Angst auf dem Herzen. Ihm war es, als fei auf einmal aller Glanz, alles Licht aus feinem Leben entflohen und nichts als Finsternis darin zurückgeblieben.

Jeder Raum des Schlosses, der ihm bei Giraldas Gegenwart wie umgewandelt erschienen war, starrte ihm wieder grau und düster entgegen und der alte, einsame Mann fühlte sich verlassener und elender denn je zu- vor.

„O, mein Liebling, mein armer, verlorener Lieb­ling, was mag aus dir geworden fein?" klagte er, die Hände ringend. „Wie werde ich dich wiederfinden? Wann wirst du zu mir zurückkehren, um mein Leben zu er­hellen mit dem Sonnenglanz deiner fröhlichen Jugend? Ach, Giralda, Giralda! Wäre ich doch gestorben, ehe mich dieser Schmerz treffen mußte!"

Bedürfnisse sorgt das Boot, das jede Woche einmal von der fernen Stadt herüberfährt. Auch bringen ihm die Indianer, rvas sie auf der Jagd für ihn erbeutet haben. Sie lieben ihn. Sie halten ihn für den weisesten Menschen und für ihren klugen Vater. Eine Kraft der Seele, die von ihm aus- ftrömt, bändigt Menschen und Tiere. So lebt er nun und wartet auf nichts anderes mehr als auf ein Grab in der Prärie. Nur eine Furcht ängstigt ihn noch, es möchte am Ende der Tanz der alten Welt sich bis an seine Höhle verlieren, doch dann beruhigt er sich und flüstert leise: „Der Urwald ist tief und die Ströme darin brausen mit weißem Gischt, die Felsen stehen nackt, und die Stürme und die Gewitter sind grausig, die Winter aber kalt. Es wird noch gute Weile haben, bis sie kommen, und die ersten werden sicher von den Wölfen gefressen."

Dieser Mann erinnert mich an etwas Eigen­artiges aus den ersten christlichen Zeiten. Da gab es die sogenannten Säulenheiligen, über die man gelacht hat bis auf den heutigen Tag. Wie sollte man auch Menschen verstehen, die aus dem freund­lichen Tal der Welt auf einen so merkwürdigen Gipfel steigen und keine Lust mehr verspüren, die holde Blumenstraße des Lebens zu wandern. Heute dämmert uns ein Verstehen dieser heiligen Sonder­linge. Sie sahen wohl das Dasein zu ihren Füßen als eine Menschbeit, die nicht mehr zu retten war. Sie wußten, daß man jeden Propheten steinigen würde, der diesen Pöbel noch zu Vernunft der Liebe riefe. So stiegen sie über ihn hinaus, so entzogen sie sich seiner frevlerischen Hand und so stemmten sie sich auf der Höhe ihres steinernen Sockels, wo sie alle flutende Zeit in eine stehende Einigkeit verwandelten, gegen die Massen gegen den niederwuchtenden Strom des Verderbens. Re­präsentanten eines Verzichtes und einer Herrschast, die über die Maße entnervter Geschlechter gehen und zu stummer Ehrfurcht zwingen. Sie wußten, daß alle Unsitte und aller Frevel auf Erden von oben kommt, eben von jenen, die das Leben er­hoben hat, damit sie ein Beispiel würden und eine Richte für alle. Das wußten sie, und so stiegen sie hinan auf ihren Felsthron, um die Herrschaft der Ewigkeit in die Zeit zu stellen. Während in den großen Städten Zirkus und Spiel miteinander abwechselten, während die Adler später Legionen von Provinz zu Provinz flogen, während man im Dienste der Isis des Baal und der Marte kultische Orgien feierte, und während man Weihrauch streute vor dem Cäsar, dem Menschengotte, da flüchteten sie aus all dem Greuel, gründeten guf neuem Fun­dament ihr einsames Reich und schlossen ihr Bünd­nis mit der schweigenden Wüste, mit den fahrenden Stürmen, mit dem mitternächtigen Himmel und mit allem, was Ewigkeit ist und Unendlichkeit atmet.

Schwer ist es, auf den Säulen der Macht zu stehen. Wenn wir heute das Wort Weltmacht und dergleichen aussprechen, dann denken wir an Reich­tum und Kapital, an Soldaten und Kanonen, an Wimpel und Masten. Nicht aber denken wir an moralische Größe, an Heldensinn und Seelenkraft. Im Gegenteil wissen wir, daß das alles Dinge sind die man nicht auf den Säulen findet, auf denen mo­derne Stylithen stehen. Sie lieben als Sockel eher die Tresors einer Bank, als den Felsen der Einöde, und ein glänzendes Frühstück wird mehr geschätzt als ein opferreiches Fasten. Das aber ist das Ende der Welt, wenn die blöden Caligulas Kronen tra­gen, und die Spekulanten die Geschäfte des Volks­wohls besorgen. Genug, genug! Wir brauchen wie­der Stylithen. Säulenheilige! Setzen wir den Charakter und die Ehrlichkeit und die Opferkraft wieder an die Stellen, wo man herrscht, und so­gleich wird das dritte Reich anbrechen und die At­lantis aus den Fluten tauchen.

Der Mann im Monde.

Und auf feinen Krückstock gestützt, durchwanderte er ruhelos das Gemach, horchend auf jeden Ton, der sich im Haufe und außerhalb vernehmbar machte, und tief im Herzen noch immer die leise Hoffnung hegend, daß Giralda zurückkehren müsse.

Stunden vergingen; jetzt sah der Greis wieder in seinem Lehnsessel, nicht mehr klagend, in dumpfem Schmerz versunken, die Hände krampfhaft verschlungen, starr vor sich hinblickend, das Herz von tausend Empfin­dungen bewegt.

Da plötzlich richtete er sich auf. Er hatte aus der Ferne ein Geräusch gehört, allerdings nur gedämpft. Aber war das nicht das Aufschlagen von Pferdehufen. Noch eine, zwei Minuten und sein letzter Zweifel schwand. In der nächsten Sekunde klang die Haus­glocke schrill und laut durch das altertümliche Ge­bäude.

Eine Tür wurde geöffnet, Schritte wurden hörbar. Der alte Mann faß unbeweglich. Die Aufregung, die sich feiner bemächtigt hatte, hinderte ihn an jeder Be- roegung. Was war es, was man ihm mitzuteilen kam? Trauer ober Freude? Unglück ober Glück?

Da — blitzschnell schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf.

„Sollte es Eugen fein?“ murmelte er. „Sollte er sie aufgefunben haben unb zurückgekehrt fein, um sie in meine Arme zu führen unb meiner Qual ein Ende zu machen?"

2ltemlos starrte er nach der Tür.

Die Antwort mußte ihm ja gleich werden.

Im nächsten Moment wurde die Tür geöffnet und der Haushofmeister erschien auf der Schwelle, hinter ihm Madame Roger, die Haushälterin.

„Herr Marquis verzeihen die Störung —"

„Was gibt es," rang es sich von feinen bleichen Lippen. „Ist Botschaft von ihr — von Fräulein Alva- rez da?"

„Es ist ein Bote da von dem Herzog von Beaufort, der sogleich zu Euer Gnaden geführt zu werden wünscht," lautete die Meldung.

„Laßt ihn herein — sogleich — ich will — ich muß ihn unverzüglich sprechen!" gebot der Marquis.

Der Haushofmeister ging.

„Bleiben Sie", winkte der Marquis der Haushalte, rin, „bleiben Sie! Sie werden hier nötig fein! Eine Ahnung sagt es mir!"

„O, mein Gott, wenn ihr ein Unglück widerfahren wäre?" jammerte Madame Roger.

Noch ehe der Greis eine Erwiderung tun konnte, wurde die Tür aufs neue geöffnet und der Bote Gilbert von Beauforts betrat das Gemach.

Flugzeugunglück bei Gießen.

Ein schweres Flugzeugunglück er­eignete sich Freitagnachmittag gegen 2 Uhr bei dem Dorfe Beuren in der Nähe von Gießen. Das Flugzeug D 468, das von Frankfurt am Main nach Hamburg unterwegs war, verlor in der Nähe von Beuren infolge Nebels die Orien­tierung und wollte auf dem Gießener Flugplatz landen. Der Pilot ging in Schleifzügen zur Erde hernieder, als das Flugzeug aus 30 Meter Höhc abftürzte und sich mit dem linken Flügel in du Erde bohrte. Infolgedessen überschlug es sich, wo bei der Flugzeugführer, ein aus Berlin- Schöneberg stammender Mann, so schwer verletzt wurde, daß er nach wenigen Minuten v e rftar b. Ein norwegischer Passagier Anton Störte aus Oslo, der von der Frankfurter Messe nach Hause fielgen wollte, erlitt einen komplizierten Schädel­bruch. Ein anderer Passagier namens Z e ch m e i er fliegen wollte, erlitt einen komplizierten Schädel- Verletzungen davon. Die beiden übrigen Passa- giere' wurden leicht verletzt. Die Schwerverletztem, wurden in dis chirurgische Klinik nach Gießen über, führt. Das Flugzeug war vollständig zertrümmert.

— Babnbau auf dem Taunurkeldbera Nacb der fertigen Elektrisierung der Bahnlinie .Höchst—König, stein will man die Bahn gleich auf den Gipfel des 881 Meter hoben FeldberqeS verlängern, um dieses begehrte W-mderziel weiteren Kreisen zu erschließen. Vorderei. tenbe Besprechungen in Königstein haben bereits ftatt« gefunden.

- 75 neue Rundfunksender ht Rußland. In Nuß- land ist mit der Errichtung von 75 weiteren Rundfunk, fenbern begonnen worden; die Sender sollen eine Leistung von 500 Watt bis 4 Kilowatt haben. Außer­dem fall in Taschkent ein 50 Kilowatt-Sender und ti Moskau ein 100 Kilowatt-Sender errichtet werden.

MW oii5 öen Wern ft es Stanöesflmts Mo

Sterbefälle vom 1. bis 8. Oktober 1926.

30. Sept. Invalidin Auguste Werner, Nieberkalbach 35 I. 4 M. 18 T. 2. Okt. Ehefrau Anna Hofmann, geb Iehn, Bronnzell, 41 I. 1 M. 25 T. 4. Maria Ludwig. Kerzell, V- St. 5. Privatmann Anbrecis Johannes Schreiber, 78 I. 11 T. Streckenarbeiter Kaspar Joseph Malkmus aus Hünfelb 30 I. 8 M. 12 T. 6. Arbeiter Hermann Leinweber aus Nieberkalbach 26 I. 9 M. 15 T. 6. Witwe Maria Gärtner, geb. Fritz, aus Neuenberg 45 3 7 Friseuse Anna Maria Wickenhäuser, geb. Schäfer, 53 I. 5 M. 11 T. 7. Sattlermeister Andrea» Joseph Kinb, 73 3. 4 M. 7 T.

töte wird das Vetter?

Nach dem Vorüberzug eines neuen XiefauSIäuferi bet auch unserem Bezirk Bewölkung brachte, iit eine neue BewölkunaSabnahme eingetreten, die jedoch nur vorübergehend bleiben Wirb. Es ist halb wteber mit Bewölkungszunahme und auch mit dem Auftreten leichter Niederschläge zu rechnen. Die Temperaturen werden wieder leichter zurückgehen.

Aussichten dis Sonntag abend- Meist neblig unb bewölkt, vereinzelt leichte Niederschläge, etwas kühler, westliche Winde.

Oetken

Marmeladen

zu haoen in allen oesseren Gesc! ätten

lehrreiche treNrmge hneHrennongen

Der Ankömmling verbeugte sich tief vor den im Zim­mer Anwesenden.

„Mein gnädigster Herr, der Herzog von Beaufort," begann er bann, „läßt feinen Gruß entbieten an Eure Herrlichkeit unb fenbet Euer Gnaden die Nachricht, daß Fräulein Alvarez im Schutze des Kastells geborgen ist unb morgen in ber Frühe in bieses Haus zurückkehren wirb."

Ueberrafcht blickte ber Marquis auf.

„Fräulein Alvarez ist auf Kastell Ablershorst?" wie. derholte er. „Wie kam bie junge DamS dorthin,"

„Ich bin nicht imstande, Euer Gnaden Aufklärung darüber zu geben," antwortete der Bote. „Mein Herr betraute mich nur mit der Ausrichtung dieser Botschaft. Mchr weiß ich nicht."

Der Marquis rückte unruhig in seinem Sessel hin und her, endlich entgegnete er:

„Ich lasse den Gruß des Herrn Herzogs ermibent unb werbe unverzüglich selbst aufbrechen, um Fräulein Alvarez nach dem Schloß de Vigny zurückzubegleiten."

Der Bote des Herzogs verbeugte sich und ging.

„Giralda auf Schloß Adlershorst?" rief der Mar- guis, als die Tür sich wieder geschloffen, aus. „Was mag oorgefallen fein? Was kann sie dorthin geführt haben? Und weshalb kommt sie nicht selbst? Was mag sie zurückhalten?"

„O, Herr Marquis," nahm jetzt Madame Roger das Wort, „was auch geschehen fein mag, unter der Obhut des jungen Herzogs ist Giralda gut aufgehoben!"

„Sie ist nirgends gut aufgehoben denn bei mir," un- terbrach der Marquis sie gereizt, „nirgends als bei mir! Noch ehe der Morgen graut, werde ich selbst aufbrechen, meinen armen Liebling heimzuholen! Ich müßte ja vor Ungewißheit vergehen, wenn ich noch lange, qualvolle Stunden warten sollte!"

Eine Energie, die nichts erschüttern konnte, war über den alten Mann gekommen und er gab sogleich Anord­nung für die Nachtfahrt nach Kastell Adlershorft, unge­achtet der Vorstellungen feines Dieners Bertram und den Bitten der Madame Roger.

Mit dem ersten Morgengrauen rollte die alte, schwer- fällige Kalesche des Marquis durch die Allee zum Park hinaus unb nahm benfelben Weg, ben am Abenb zuvor ber schurkische Diener Vernarb mit (einer armen Ge­fangenen genommen hatte Der ergraute Kutscher des Marquis aber schien nicht so gut in der Oertlichkeit orientiert zu sein, als der ehemalige Jacques Ricard, denn als er die gebrochene Brücke erreichte, kostete es ihn Mühe, eine Furt zu entdecken, durch welche der Wa­gen dic andere Flußseite gewinnen konnte.

(Fortsetzung fotgt)