Fuldaer Zeitung
Sonntag, 3. Oktober 1926
wie wird das Wetter?
Don Ungarn her ist ein Tiefdruckgebiet nach Ost. deutfchland vorgedrungen und hat in fast ganz Mittel- europa zu verbreiteten Regenfällen geführt. Es wird aber feinen Einfluß auf das westliche Deutschland all- mählich verlieren, sodaß das im Norden liegende Hoch- vruckgebiet vorübergehend zur Geltung kommt. Westlich von Irland liegt aber bereits eine neue Zyklone, sodaß der Einfluß des Hochdruckgebietes nur vorüber, gehend bleibt.
Aussichten für Sonntag: Weiteres Aufklären, zu- nehmende Erwärmung ebi nach Süden drehenden Win. den.
Aus der Krieg sopferberoegimg.
Man schreibt uns:
Die deutsche Zentrumspartei hat aus Anlaß des Sb. lebens des 1. Vorsitzenden des Reichsverbandes deutscher Kriegsbeschädigter und Krie- Lgerhinterbliebener folgende Beileidskundgebung an die Hauptverbandsstelle Berlin übermittelt:
„Zum Ableben Ihres Ersten Berbandsvorsitzenden, des Herrn Friedrich Becker, dessen große Verdienste um die Kriegsbeschädigten- und Kriegerhinterbiiabenenfür- sorge und dessen uneigennützige Arbeit wir hoch anerken- nen, spreche ich im Namen und im Auftrage der deutschen Zentrumspartei unsere herzliche Teilnahme aus, gez.: Unterschrift." —
„Zu dem Heimgange Ihres ersten Derbandsvorsitzen- den, des Herrn Friedrich Becker, spreche ich im Namen der nicht versammelten Zentrumsfraktion des Preuß. Landtages herzl. Teilnahme aus. gez.: Dr. Schmidt." —
Von den übrigen politischen Parteien hatten Beileidstelegramme gesandt die deutsch-demokratische Partei und die deutsche Dolkspartei.
Außerdem kondolierte der Präsident des deutschen Reichstages, der Reichsminister des Auswärtigen, das Reichsarbeitsministerium, der Präsident des Reichsversicherungsamtes, ferner der Vorsitzende des Reichsausschusses der Kriegsbeschädigten- und Kriegerhinterbliebenenfürsorge und viele andere.
Aus obigen Beileidsbezeugungen erhellt die Tatsache, welche Achtung und Wertschätzung man dem verstorbenen Führer des Reichsverbandes deutscher Kriegs- beschädigter und Kriegerhinterbliebener entgegenbringt and welche bedeutende Stellung der Reichsverband, das Lebenswerk Beckers, im öffentlichen Leben einnimmt.
___pf-F.
Reise und Wanderung.
= Ausfall einer Sonderzuger. Der Sonderzug 4. Klaffe Frankfurt. Baden-Baden am 3. Oktober ds. IS. fällt wegen zu schwacher Beteiligung aus.
Erst den Champagner und dann die Rechnung. Os ist merkwürdig, wie jäh im Leben die Stimmung umschlägt, wenn die Wetterfahne sich dreht in der Richtung zum Portemonaie. Es mar wirklich schön in Genf. Wir wissen jetzt, nachdem so manche Teilnehmer, die alles mitgemacht haben, zurückgekehrt sind, welche Weine man getrunken, welche Blusen man getragen, welche Farbe die Strümpfe gehabt haben und welche Bänder die Hute. Man sagt, es seien auch die gewiegtesten Diplomaten wirklich gerührt gewesen. Leicht stellt man sich vor, mit welchen Seufzern man sich von- emander getrennt hat, um in die respektive Heimat abzufahren. Und nun ist an der verlassenen Stätte je.”6 eigentümliche Luft, die sich in Speiseräumen bildet, nachdem abgegessen ist. Reste von Parfüm und Sauce, Nachwehen von Schweinebraten und Mer, von Hammelkeule und Burgunder, von Schell- slsch und Aal in Gelee, alles gleichsam gebeizt von einem mählich abziehenden Hecht, zu dem unzählige Zigarren, Pfeifen und Zigaretten ihren Beitrag geliefert haben. Die Kellner sitzen in den Ecken und rechnen, und der Wirt, der eben noch so freundlich geplaudert hat, wird zum kühlen Finanzier. Ganz Europa ist nun am Rechnen. Darum wird es auch so still. So wie vor der Hochzeit, wenn die Väter über die Mitgift sprechen. Will Marianne den Teu- tonen heiraten, so hoffen sie natürlich, daß er ihre Schulden übernimmt. Der Teutone aber kann bei aller Liebe es doch nicht lassen, die reell schätzenswerten Eigenschaften seiner Zukünftigen prüfend ins 2lugc zu fassen. Stören wir den Frieden dieser Berechnungen nicht. Die Bilanzen in den Geschäften macht man ja im allgemeinen ohne Musikbegleitung. Außerdem wartet man dafür die nächste Stille ab. Es bedarf dabei keiner weiteren Zuschauer. Denen lege man inzwischen einige Theorien vom Völker- bund vor, zeige ihnen nach und nach die Portrairs der wichtigsten Männer dort und suche auf alle Weise ihr gute Laune hochzuhalten. Die Welt soll wissen, daß es mit der Geheimdiplomatie ein Ende habe, und daß jeder Staatsbürger bei den großen europäischen Aktionen mitentscheide. Darum werden die Verhandlungen offen geführt, und nur gelegentlich einmal wird ein Frühstück in der Stille ge- halten. Die Idee von Genf wird siegen, und nachdem Bristol, der treue Bernhardiner, den Chamberlain, Briand, Herr und Frau Stresemann und so manche heimische und exotische Hand gestreichelt hat, nachdem Bristol, der von allen verehrte und geliebte Hund des Völkerbundes, der sämtliche dortigen Diplomaten so übermenschlich, ja so tierisch treu angeschaut hat, als wollte er jedem insbeson. dere dafür danken, daß er diesen Tag noch habe erleben dürfen, nachdem also Bristol, der Völkerbund- Hund und somit der bunte Hund aller Völker, nach- dem er also zum Leidwesen aller Beteiligten krepiert ist, hat er es im Symbol seines Strebens vor aller Welt und dem Morgenrot einer neu emporsteigenden geschichtlichen Epoche ausgesprochen, daß der Völkerbund auf diesen Hund nicht mehr kommen kann.
Auch im Reiche der sozialen Fragen hört man den Klang von Friedensschalmeien. Das Echo der Rede Dr. Siloerbergs verstärkt sich noch immerfort. Natürlich kann in Europa keine Ruhe werden, solange als noch die Fronten der Arbeitgeber und Arbeitnehmer jo furchtbar widereinander stehen. Man begreift den Jubel, der sich allenthalben erhob, als ein so mächtiger Verband wie der der Industrie, das große Signal zum Waffenstillstand und zu einer neuen Aera gab. Aber auch da kommt nun die Sache an das Portemonnaie. Welch eine Rolle spielt doch diese Geldkatze, diese Brieftasche oder dieses kleine braune Lederfutteral im Schicksal der Menschen. Nur Weniges von diesem kostbaren Stoff, und man kann das Los ganzer Familien bessern. Aber wie schwer ist es, dieses Wenige von dem Dielen zu bekommen, was an anderen Stellen ausgehäuft ist. Immer wieder
Kus dem rlachbargebiet.
--- Offenbach. Dem Kaufmann Unger in Offenbach wurde bekanntlich von seiner geschiedenen Frau am vergangenen Samstaa sein sieben Jahre alter Knabe auf dem Schulwege entführt. Schon damals wurde angenommen, daß die Mutter mit dem Knaben nach Paris geflüchtet sei. Der Vater ist nun in Paris gewesen und hat mit Hilfe der deutschen Botschaft die Entführerin und seinen ihm entführten Knaben ausfindig gemacht. Den Knaben hat der Vater jetzt nach Offenbach zurückgebracht.
s = Biebrich. Der Leiter der Weltfirma Dycker, hoff und Widmann, Direktor Ernst Dyckerhoff verstarb nach schwerer Krankheit.
- Bad Nauheim. Die Frequenzziffer un- seres Bades weist bis zum 30. September einen Besuch von 30401 Kurgästen auf. Anwesend sind gegenwärtig noch 2230 Personen. Die Gesamtsumme »er vom 1. Januar bis 30. September abgegebenen Bäder beiräqt 328916, darunter 11675 Freibäder.
— Mainz. Nach einer Mitteilung der Kriminalpolizei ist nach Unterschlagung von 35000 Mark der 22jährige Kassenbvte Hans Lutz aus Mainz-Kastell flüchtig gegangen. Lutz ist 1.75 Meter groß, schlank, hat volles Gesicht, blasse Gesichtsfarbe, schwarzes nach links gescheiteltes Haar und ist glatt rasiert. Er ist bekleidet mit gestreifter Hose, schwarzem Rock und Weste, weichem Waschtagen und dunklem Selbstbinder. Lutz führte eine . Aktentasche bei sich, in der sich das Geld, das aus 100 Hundert-, 300 Fünfzig- und 500 Zwanzig--
regt sich im Menschen der Gedanke, es wäre doch am Ende am besten, einfach alles gleichmäßig zu verteilen und auf diese Weise alle Menschen glücklich zu machen. Das zu tun ist aber noch niemanden gelungen. Hat man es mit Gewalt versucht, s kam es immer nur auf eine Umschichtung heraus, nicht aber auf eine Verteilung. Es ist eben der Besitz auf das Innigste verbunden mit der Persönlichkeit des Menschen. Nur von der Persönlichkeit her und gemeinsam mit ihr kann eine gerechtere Verteilung kommen. Hätten alle Menschen die Liebe, dann hätten auch alle Menschen Geld. So war es denn wirklich am Platze, daß der Herr Reichsarbeitsminister in seiner großen Kölner Rede darauf hinwies, daß im Menschen selber die Entscheidung liege. Die ganze Schwäche unseres Zeitalters wird auch hier wieder offenbar. Es hat die Mittel, Stimmungen vorzubereiten und Sensation zu machen. Es kann in wenig Monaten die ganze zivilisierte Welt überzeugen, daß jeder Deutsche ein Boche sei, und wieder in wenig Monaten sich mit den braven Deutschen verständigen müsse. Es kann im sozialen Leben die Illusion erzeugen, daß nun alles besser werden solle, und man trinkt sogar schon ein Gläschen auf die neue Zeit. Aber zu den starken Entschlüssen, die mit Sensation nichts zu tun haben und die wirklich das Los der armen Leute bessern, dazu bringt sie es nicht mehr, und so paßt auf sie immer noch am besten das Liedlein: Auf dem Dache sitzt ein Greis, der sich nicht zu hel. fen weiß.
Dieser komische und doch so tragische Zwiespalt wird uns in neuer Form vor Augen geführt im herrlichen Berlin. Da berichten die großen Blätter auf der ersten Seite: „Wild-West in der Tauentzien- straße". Am hellichten Tage gehen Verbrecher mit Revolvern bewaffnet in ein Iuweliergeschäft, rauben dort für 150 000 Mark Kostbarkeiten, bahnen sich mit ihren Schießwaffen einen Rückzug in das nächste Warenhaus und verschwinden wie ein Fisch im Wasser. Also Verbrechen auf offener Straße, mitten in der Hauptstadt, und alles mit solcher Selbstverständlichkeit, als sei man nicht in Berlin, sondern in den Räubernestern des Balkan ober im Urwald der Rothäute Karl May's. Zugleich ober in demselben Berlin eine riesige Polizeiaus- stellung. Wer durch diese Ausstellung geht und in Ruhe betrachtet, wie das Auge des Gesetzes geschärft worden, wie großartig die Organisation entwickelt ist, wie die Delegierten aller Länder staunen usw., der kommt unter einen Eindruck, als könne es in dieser Welt kein Verbrechen mehr geben. Man könnte sich vorstellen, daß ein Redner aufträte und feierlich verkündigte, man sei nun bald soweit, die Utopie aus Goethes pädagogischer Provinz verwirklicht zu haben. Dort gibt es ja kein Militär mehr und keine Menschenbessien, sondern nur noch ein glückliches Volk, sanft gehütet von einer eben so glücklichen Polizei. „Meine Herren und meine Damen," könnte er versichern, „bei einer solchen Polizei können Sie ruhig schlafen und kann jeder Deutsche sich jenem Eberhard von Württemberg vergleichen, der fein Land im Liede pries: „Doch ein Kleinod hälts verborgen, daß in Wäldern noch so groß, ich mein Haupt kann kühnlich legen jedem Untertan in Schoß." Das ist der Sieg der Humanität, die unter dem festlichen Geleit von wohlbewehrten Polizisten glänzenden Zeiten entgegengeht . . . ." Inzwischen aber werden auf der Tauentzienstraße die Juwelen gestohlen . . .
Mich soll das indessen nicht abhalten, mit Dank gegen das Vaterland zu bekennen, daß in den letzten Jahren edle Menschlichkeit unter unserer Polizei gewachsen ist. O Triumph des Fortschritts: Der schreckliche Wachtmeister meiner Jugend, der mir mit Bart und Säbel drohte, als ich' einmal Aepfel gestohlen, ist geworden zu einem Menschenfreund und zu einerp Dolkspädagogen.
Der Mann im Monde.
Rund um die Woche.
Marianne und vor Tentone. — Bristol ist tot. — Die soziale Frage und das Portemonnaie. Juwelenraub und Polizeiausjtellung. — Der Wachtmeister als Pädagoge.
2. Blatt.
*** Druck der Fuldaer Acliendruckerei, Fulda
Kaufmännischer Stellenmarkt.
Nach dem Monatsbericht der Reichsstellenvermlltlung des Gewerkschaftsbundes der Angestellten (GDA) ist die Lage im September ziemlich unverändert. An einzelnen Platzen lassen sich zwar Belebungen seststellen: so im Le- bensmittelklein- und Großhandel in Berlin, in der schlesischen Textilindustrie und dem Textilgroßhandel, so- wie in der dortigen Porzellanindustrie, in Erfurt im Kleinhandel, in Essen im Klein- und Großhandel, in Hamburg im Textil- und Lebensmittelhandel, in Leipzig in der Textilbranche und im Exporthandel, in Magdeburg im Großhandel, in Mannheim im Kleinhandel, sowie allgemein in Rostock, jedoch handelt es sich keinesfalls um eine durchgreifende Besse, ning der gesamten wirtschaftlichen Lage. Auch wurden Kündigungen ausgesprochen, die einerseits bei Großbanken und Versicherungsunternehmungen, z. B. in Hamburg und Mannheim, mit der Einführung von Buchhaltungsmaschinen zusammenhängen und andererseits, z. B. in Breslau bei den Siemens-Schuckert- Werken, auf Be- triebszusarnmenschlüffe zurückzuführen sind. Dasselbe wird in Mannheim hinsichtlich der Firma Benz und Lanz und den Motorenwerken bei gleichzeitiger Verlegung der Fabrikationsplätze erwartet. Auch die Ratio» nalisierunqsbestrebungen bringen weitere Kündigungen mit sich. Eine rationelle Besserung der Wirtschaft braucht also keine unmittelbare Besserung des Arbeitsmarktes zur Folge zu haben. Erwähnt sei noch, daß Krupp in Essen immer noch Kündigungen ausspricht, leider auch die Werftindustrie in Kiel und Stettin. Gesucht werden allgemein junge Kontoristen, Anfängerinnen und hochwertige Stenotypistinnen. Die letzteren fehlen so- gar in Bremen, Erfurt und Köln. In der Tex. tilbranche werden Verkäufer und Verkäuferinnen in Berlin, Verkäufer und Dekorateure in Breslau, junge Lebensmittelverkäufer in Erfurt, Verkaufspersonal in der Textilbranche in Hambur g, Kiel, Leipzig, Magdeburg und Rostock gesucht. Bewerber fehlten in Breslau und Erfurt, Textilverkäuferinnen in Magdeburg.
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Marmeladen
dürfen auf keinem Frühstückstisch fehlen
Zahlreiche freiwillige Anerkennungen
Beamtenfragen.
= Der neue Deutsche Beamlenbunb. Nach langen Beratungen ist die neue Beamtenorganisation fertigge. stellt und die vorläufigen Verhandlungen zwischen Deutschen Beamtenbund und dem Gesamtoerband deutscher Gewerkschaften abgeschlossen worden. (Es handelt sich zunächst darum, daß zwischen Beamtenbund und christlichen Gewerkschaften ein fester Zusammenschluß in allen großen, die Beamtenschaft bewegen- den Fragen hergestellt ist, ohne daß natürlich eine restlose Verschmelzung der Mitgliedergruppen sofort Tatsache werden kann. Die christlichen Organisationen bewahren, ebenso wie die einzelnen Beamtensäulen im Deutschen Beamtenbund, z. B. die Eisenbahner,, Post, beamten, Lehrer, Kommunalbeamten, Polizeibeamten usw. zunächst ihre Selbständigkeit, und es wird noch mancher Verhandlungen bedürfen, bis die restlose Der- schmelzung der Untergruppen Tatsache geworden ist. Der Deutsche Beamtenbund hat dem Gesamtoerband deutscher Gewerkschaften auch zugesagt, daß an der Grundeinstel« lung der christlichen Gewerkschaften, die für die Fortfüh. rung des berufsständigen Beamtentums, für den vater» ländischen Gedanken, Bekämpfung des Klaffenkampfge. dankens und für die Idee des Pflichtgedankens in der Beamtenschaft nicht gerüttelt werden wird. Man erhofft jedoch, daß die Mitgliedermassen in beiden Lagern, die vorläufig nach der jahrelangen gegensestigen Bekämp. fung nur vorsichtig aneinandergebracht werden können, sich restlos vereinigen werden, sobald der Kampf um die neue Besoldunasordnung und andere schwebend« Fragen praktisch an bte Beamten herantreten werde.
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Berliner Brief.
ähnlich. Jedoch sind die Blusen bauschig und häufig als Bolerojäckchen verarbeitet. Die Röcke der Kleider sind zipflig .glockig, weit und neuartig plissiert. Die Nach-
der märchenhaften Lichtreklame tft es vor allem bfe schön« Umgebung, bte Fremd« und Einheimische glei» chermahen entzückt. Da sind Spree und Havel mit ihren
die ziemlich hochgeschlossen sind. Beliebt fft.der sog. klein« Gesellschaftsanzug: die schwarze, mit Borde eingefaßte kurze Jacke zur gestreiften Hos«. Binder für Frack und
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Am schönsten ist es im Herbst im Berlin. Daher Inb in dieser Zeit auch die meisten Fremden hier. Dieses Jahr waren es pro Monat durchschnittlich 100 000, dar- Unter viele Ausländer, vor allem Amerikaner, die sich <n der Reichshauptstadt aufhielten. Ein Gang durch die belebten Strotzen, in denen die großen Hotels liegen, ist sehr interessant. Zur Zeit, da Radindranat Tagore, der große indische Dichterphilosoph, in Berlm weist, fallen besonders die braunen, schlanken Gestalten der Inder auf, deren Damen, der schlanken Modelinie Hohn sprechend, fast immer in der kleidsam^, bunten Nationaltracht, mit kostbarem Schmuck angetan, sich Malerisch in dem eleganten, lichterstrahlenden FoySr eines Hotels ausnehmen. Ueberhaupt sind es Fremde aus aller Herren Länder, di« man hier sieht. Die klei- ften, untersetzten Gestalten der Chinesen oder Japaner, meistens reiche Kaufleute und Finanziers, mit der un- vermeidlichen Hornbrille, sind aber mit ausgesuchter Ele- ganz gekleidet. Auch hört man gar oft russisch, italienisch, spanisch oder polnisch sprechen. Im Gegensatz zu früheren Jahren fehlen dieses Jahr die Franzosen; dafür sind aber Engländer und Amerikaner in Massen ver- treten. Letztere mit den typischen, großkarierten, un- schönen Knickerboxes, Reisemütze und kurzer Pfeife. Auch viel« Nordländer, blond, schwerfällig und zurückhaltend sind hier. Diplomaten aller Welt und schön« Frauen cus allen Nationen: all bas zeigt, wie sehr Berlin wieder die Metropole des Fremdenverkehrs geworden ist.
Außer Berlins imposanten Gebäuden, Museen, Denkmälern, Theatern, Opernhäusern, großartigen Kino- •cläften, Galerien, Geschäftsstraßen- und Plätzen mit
breiten, roalbumfäumten, blauen Seen, Kiefernwälder und licht« Buchenwälder, märkische Heide und ffied- liche, saubere Dörfer, idyllische Badeorte mit heilbringen, den Quellen, der Grünewald, das beliebte Sonntagsaus. flugsziel des Berliners, historische Schlöffer wie Rheins» berg, Neubabelsberg, Potsdam, Sanssouci, Stifts» und Kirchenruinen der Zisterziensermönche in Chorin, Lenin und Himmelspfort, romantische Parks und verfallene Burgen, die alle nicht schwer von Berlin aus zu erreichen sind. Aber auch in der Stadt selbst gibt es große, schöngevflegte Anlagen, Seen, Parks und Gärten, die das graue Einerlei der endlosen Straßenzüge beleben und erfrischen. Da ist der Tiergarten mit dem noch jetzt in hoher Blüte stehenden „Rosengarten", der Kreuzberg mit dem Aussichtsturm, von dem man einen guten Ueberblick über den südlichen Teil Berlins hat, der Friedrichshain mit dem berühmten „Märchenbrunnen", dessen steinernen Tiere, Zwerge, Könige und Prinzessin- nen das Entzücken der Kinder bilden, der Schillerpart, in dem zur Freude Aller zahme Rehe herumspringen und noch viele andere Plätze, auf denen Fontänen sprudeln, und Teiche, in denen Goldfische, Enten und sogar Schwäne herumschwimmen.
Aber bald sind die letzten schönen Herbsttage auch vorbei, und die graue Regenzeit beginnt. Da heißt es, schon an den Winter zu denken. Die großen Mode- ateliers und Konfektionshäuser tuen das schon feit geraumer Zett, und jetzt häufen sich Modetees, Modevor- führungen und Modebälle. Betonung der Jugendlichkeit, auch im reiferen Alter, ist die Devise. Im großen Ganzen ist das Modedild der Same dem vorjährigen
mittags- und Abendkleider weisen sehr viel bunte Stickereien auf. Das groß« Gesellschaftskleid muß glänzen und schimmern in allen Regenbogenfarben von Per» kn, Straß Pest, Similisteinen und Flitter. Pelz» und Straußenfedernbesatz, handgeknüpfte Fransen, breite, vorngebundene Gürtel, Capes und buntbemalte Schals, kleine, mit glitzernden Steinen gezierte Handtäschchen, Brokatschuhe mit Gold- und Silberabsätzen, sehr viel Perlen als Schmuck für Hals und Arm, lange Ohrgehänge und große, mit quadratischen Steinen besetzte Ringe: all das in entzückender Zusammenstellung führen die Mannequins der großen Modesalons ihrem Kundln» nentreis vor. Zu all diesen schönen Sachen, seien sie nun kostbar ober einfach und bescheiden, gehört unbedingt der Bubenkopf. (Es braucht ja nicht der letzte Schnitt? der „Eaton-Kopf" zu sein; auch lehnen viele den Herrenschnitt und den Knabenscheitel ohne weiteres ab; paßt doch das unbedeckte Ohr nur zu ganz jungen Gesichtern und auch bann allein, wenn die Ohren sehr hübsch sind. Auch die Trägerin des „spanischen Schnittes" mit den umgebogenen „Carmenecken" an ben Wangen sollte sich überlegen, ob ihre Züge der auffallenden Frisur entsprechend regelmäßig genug sind. Jedoch seitliche Wel» len, Ondulation, Löckchen und vor allem der Pagen- schnitt bei dunklem Haar verschönern das Frauengesicht, machen es anmutig und geben ihm den Hauch der viel-
‘ befangenen Weiblichkeit wieder.
i Aber auch das modische Bild des Herrn ist ganz auf die schlanke Linie gestellt. Die Anzüge werden gerne ein.
. reihig getragen, aus großkarierten Stoffen. Die Hosen länger und weiter als im Vorjahr, bis auf den Spann
' des Fußes fallend, bunte Westen zu dunkler
Smoking sind ganz schmal, bte weißen Oberhemden mit insichgemusterten Einsätzen untzd schwach gesteift. Was die Herrenhüt« betrifft, so sind es drei an der Zahl, bte besonders charakteristisch für die Herbst- und Winter- mode sind. Da ist der weiche Filzhut mtt dem breiten, leicht aufgeschlagenen Rand; bas Band meist in ab. stechenber Farbe zum Hut, vielleicht schwarz auf hellem Braun. Ferner der weite, gekniffene, feibige, lang- haarige Filzhut ohne Einfassung. Aeußerft kletbsam wirkt breUes Ripsband im Ton des Hutes und setlliche Schleif«. Schließlich bi« „Melone", mit schmaler Krempe unb niebrigem runben Kops, in ben Farben: braun, grau unb schwarz. Der elegante Herr wählt alle drei Modelle für sich, muß er doch jeweilig seinen Hut unb Anzug der Stunde des Tages anpaffen: sei es die Berufstätigkeit, der Bummel, Fünfuhrtee, Sportplatz, Geselligkeit, Tanz, Theater, Hochzeit ober Beerdigung. Uebrigens ist auch der Schnurrbart wieder Mode; Glattrasiert ist nicht mehr auf der Höhe. Die Herren m London, Newyork, Paris und Berlin tragen jetzt einen kleinen Schnurbart, der einen schmalen Strich unter bet Nase bilbet und sorgsamster Pflege bedarf!
Ja, ja, Frau Mode ist sehr launisch und wollte man jedem ihrer tollen Einfälle folgen, so hätte man viel zu tun! Grete Nobe [-Berlin.
(Erinnert, „’n Kostüm mußt du haben, 'n Hut mußt du haben, 'n Paar Stiefel mußt du haben. — Wie ich das alles bezahlen soll, ist mir schleierhaft." — „Richtig, ’n Schleier muh ich auch haben!" (Meggend. BL)