Fuldaer Leitung
JV» 228.
Samstaa, 2. Oktober 1926.
klus der Zentrumspartei deswahlKreisesLichsfeld-Thüringen
Der Wahlkreisausfchuß (37er Ausschuß) hielt am Sonntag den 26. September seine diesjährige ordentliche Sitzung in Gotha ab. an der auch der Reichstags- abgeordnete Huke, bet preuß. Landtagsabgeordnete Dietrich und Generalsekretär Grobbel von der Arbcitsgemeinschast der Zentrumsdiaspora teilnahmen. Als Gäste nahmen teil: Landrat Papst-Mühlhausen, Ju- stizrat Blumberg-Heiligenstadt und Dr. Iacobi-Dingel- städt: außerdem mehrere Mitglieder der Ortsgruppe Gotha. Das erste Referat über „Völkerbund und Na- tionalgefühl" hielt Kaplan Thön e-fieiligenftabt. Aus dem Inhalt dieses tiefschürfenden Referates soll an anderer Stelle berichtet werden. Anschließend spricht ' Reichstagsabg. Huke über „Zentrum und Völkerbund". ' Er wirft einen Rückblick auf die außenpolitische Entwicklung in Deutschland seit den Tagen des Zusammen- bruchs und stellt die Mitwirkung der Zemrumspartet bei dieser Entwicklung heraus. Die Stellungnahme des Zentrums zur Außenpolitik fußt auf realer Grundlage. Frei von Illusionen tritt es an die schwebenden Fragen heran. Richt zurückschreckend vor Rückschlägen verfolgt die Zentrumspartei mit Zähigkeit und Ausdauer eine Politik der Befriedung Europas, die letzten Endes doch von Erfolg gekrönt sein wird.
Ein Vertreter des Gauoerbandes Erfurt behandelt die „Paritätsfraqe in preußisch Thüringen". Er weist nach, daß die Besetzung der Beamtenstellen, insbesondere der höheren, in Verwaltung, Rechtspflege und Verkehrs- wesen nicht im entferntesten dem katholischen Bevölke- rungsanteil entspricht Es soll keiner schematischen Pa- rität das Wort geredet werden, ober das Mißverhältnis ist so groß, daß der bestehende Zustand nicht so bleiben kann Ein Vorschlag, wie rn-m praktisch an einer Besserung dieser Verhältnisse arbeiten kann, wird zur Besprechung gestellt. Landtagsabg. Dietrich berichtet anschließend an Hand statistischen Materials über die Paritätsfrage in Preußen und im Reich. Gegenüber dem früher geübten bewußten Zurückdrängen der Katholiken in der Besetzung höherer Beamtenstellen ist mit der staatspolitischen Umstellung eine Besserung eingetreten. Mit dieser Besserung sind aber keineswegs schon befriedigende Verhältnisse geschaffen, weil ein gerechtes Verhältnis noch nicht erreicht tft. Mit besonderer Be- tvnung muß hervorgehoben werden, daß die Besserung der Verhältnisse auf dem Gebiet der Parität einzig und allein durch die immer wiederholten F o r d e r u n g e n der Zentrumspartei erreicht worden ist.
Der Kassenbericht gibt Anlaß zur Aussprache über die Mittel und Wege, wie die Aufbringung der notwendigen Beiträge erleichtert werden kann. General- sekretär Grobbel von der Arbeitsgemeinschaft der Zen- trumsdiospora bezeichnet die Verbreitung des „Weckruf", einer Monatsschrift für die Diasporagebiete, als ein geeignetes Mittel. Je größer die Abnehmerzahl ist, um so billiger kann der „Weckruf" geliefert werden. Kassel nimmt 1 000 Stück ab. Der Vorschlag Hübet von mancher Seite Zustimmung. Den Gcmver- bänben unb Ortsgruppen wird der Bezug des „Weckruf" aufs wärmste empfohlen.
Die Frage der Organisationsverhältniste im Wahl- kreise führt zu einer längeren Aussprache. Es wird Stellung genommen zur Frage der wirtschaftlichen Bei- täte innerhalb der Partei und über die Art ihres Aufbaues. Die Zweckmäßigkeit der Errichtung der Beiräte > wird von keiner Seite mehr bestritten Die Derhältniste im Wahlkreis Eichsfeld-Thüringen lassen es wünschenswert erscheinen, daß die Beiräte nicht nur Handel und Industrie, sondern auch die Landwirtschaft, den Mistelstand (Handwerk, Kaufleute ufro.) und die Arbettneh- merschast umfaffen. Im weiteren wird die Stellung des Zentrums zu den sogenannten ncitinnal-n D-rbän- den, zum Reichsbanner, zu den vaterländischen Arbei- tervereinen und dem Zentralverband der Arbeitsinvali- ben. besprochen. Das Eroebnis der Aussprache läßt sich dahin zusammenfasten, daß die einzelnen OraanisaOons- glieder alle von diesen Verbänden ausgehenden Bewe- punaen sorgsam überwachen unb erforderlichenfalls dem Zentrum nachteiligen Bestrebungen entgegentreten sollen. Der Infizierung der Zentrumsidee von anderer Seite, gleichviel ob von rechts oder links, muß recht- zeitig vorgebeugt werden. Abg. Dietrich lüftet noch den Schleier über die geheime staatsgefährliche Tätigkeit mancher nationalistischer Verbände. Wenn in die Reichswehr nur solche Leute eingestellt werden fetten, die einem nationalen Verbände angeboren, so be» steht die große Gefahr, daß in dieselbe ein Geist einzieht, der als nicht gefahrlos für die Republik angesehen wer-
Die Weler Tagung der
Den Abschluß der Herbsttagung der Deutschen Land- wirtschastsgesellschaft am Mittwoch bildete die in der Stadthalle abgehaltene 103. Hauptversammlung. Der Vizepräsident des Gaues 7, o. Keudel, eröffnete die Versammlung mit herzlichen Begrüßungsworten an die erschienenen Vertreter des Reichsministeriums für Ernährung und Lan>mirtschaft, der preußischen Ministe- Landwirtschaft und des Innern, des Reichs- gefundheitsamtes, ferner den Oberpräsidenten von Hessen-Nassau, Dr. Schwänder. Oberbürgermeister Dr. Stabiler als Vertreter ber landwirtschaftlichen Or- gamfationen erinnerte baran, daß die Deutsche Land- wirtschastsgesellschaft, die früher ihre Tagungen ftetp 'N Berlin abhielt, nunmehr in das Reich hinausgehe. In nahezu 100 Versammlungen und Ausschüssen wurden die brennendsten Fragen behandelt. Die Aufgabe der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft sei, die führenden Kräfte der Wissenschaft und Technik in ihrer Organ!» fation zusammenzl,führen, um die jeweiligen Probleme zu lösen. Die große Krise, in der wir uns immer noch befinden, und die durch die Wetterschäden des letzten Jahres zunahm, können nur überwunden werben mit Hilfe einer westgehenben Fürsorge seitens des Staates und der gesetzgebenden Körperschaften. Oberpräsident Dr. Schwanber bearüßte bie Erschienenen namens ber Provinz Hessen-Nassau. Er betonte u a. bie Notwen, biafeit, für unsere Volksernährung die Möglichkeit zu Waffen, aus deutschem Boden die deutsch« Bevölkerung lelbst zu ernähren. Er apel- lierte an die Versammlung, die so wichtige Agrarfrage nicht zum politischen Kampf benutzen zu lassen und stch durch jeden Verzicht auf staatliche Unterstützung die Selb^ändigkeit zu bewahren. Dr. Stabtler überbrachte die Grüße und Wünsche ber Stadt Kastel und sprach die Bitte aus, in einem der nächsten Jahre die Landwirtschaftliche Ausstellung nach Kassel zu legen. Dar
ben muß. In bie Verhältnisse in ber Reichswehr muß daher rechtzeitig hineingeleiichtet werben. Bei Bespre- chuna über bie Winterarbeit wird von einem Vertreter des Gauverbanbes Erfurt bie Anregung gegeben, bem Sanbesoerbanbe Thüringen, ber vor ben Neuwahlen zum ßanhtaae steht, Hilfestellung zu leisten. Er schlägt vor, als Auftakt zu ben Thüringer Wahlen einen Parteitag in Weimar abzuhatten. Der Vorschlag findet Zustimmung. Der Wahlkreisvorstanb wirb ermächtigt, bas erforberlirfje zu veranlassen.
Heues aus Frankfurt.
= 55000 Mark unter'ckleoen Zwei fun-e Angestellte einer hiesigen oroß-m Versichern», '^esellsckurft, bie während der "'pslatwnSzeit ein'estellt wurden unb feit b'efer Zett dort tätig wa en, haben im Saufe be- letzten zwei Jahre die Gesellschaft durch falsche Buchungen und Scheckfälschungen um 55 000 Mk. betrogen Sie begingen die Fälschungen in ber Weise, daß der eine die Bücher fälschte, während ber »weite falsche Scheck- anweisuu en ausstellte. Den jeweiligen „Erlös- teilten sie dann. Das Geld brachten sie in leichtfertiger Gesellschaft und in Spiettlnbs unter. Die beiden jun en Leute, von denen ber eine in Frankfurt, ber andere in Oberr2den beheimatet ist, wurden verhaftet.
— Oelschallerexplosion. Am Dienstag abend gegen %10 Uhr explodierte Ecke Hansaallee und Fürstenber- gerstahe der in der Erde befindliche Hochspannungsöl. schalter. Eine hohe Stichflamme drückte unter lebhafter Detonation den Deckel in die Höhe ber einige Meter weit weggeschleubert wurde. Die von der Burgstraße herbeigeeilte Feuerwehr mußte sich auf die Absperrungs- arbeiten beschränken, bis die Wache der Elektrizitäts- werke eingetroffen war. Glücklicherweise wurde nie- wand verletzt.
— Hilfe für das Freie deutsche Hochstist. Das Freie deutsche Hochstift in Frankfurt, das die Erinnerungen an Goethe pflegt und das Goethehaus, sowie das Goethe- mufeum mit seinen kostbaren Erinnerungsstücken zu im- terhalten hat, befindet sich in schwerer Notlage. Jetzt hat nun die Stadt Frankfurt ber Verwaltung einen Betrag von 20 000 RM. bewilligt.
— wertvolle Erwerbung. Im Vorort Röbelheim breitet sich in einer Größe von mehr als 50 Morgen bie von Stumpf-Brentanosche Liegenschaft aus. Um ein Schloß mit mehreren Wirtschaftsgebäuden schmiegt sich längs der Nidda ein wundervoller Park, der reich an ur»
LMMchasMeseWasl.
auf wurde mitgeteilt, haß die nächste Tagung in Dort- mund abaehalten werden soll; für 1928 fei eine Tagung in Leipzig vorgesehen.
Dann begannen die einzelnen Vorträge. Zunächst sprach Gutsbesitzer Dr. h. c. L e m b k e-Malchow bei Hcirchdorf auf Poel (Mecklenburg) über praktische Ziele der neuzeitlichen Grünlandbewe- gung in Deutschland, indem er darauf hinwies, daß die Notwendigkeit geradezu zwingend für jeden Landwirt geworden fei, viel mehr Nutzvieh als bisher zu hatten und um dies ohne Inanspruchnahme des Aus- taubes mit eiweishattigem Futter zu können, fei es unbebingt erforberlid), daß weit mehr gute Wiesen unb Weiden gehalten werden, b. h. die jetzigen Weiden unb Wiesen müssen- in einen besseren Zustand gebracht wer- ben, um viel mehr Tiere als bisher ernähren zu tonnen. Das könne ohne weiteres durch bessere Düngung und durch rationelle Grünlandwirtschaft geschehen; Vor- aussetzung sei hierbei, daß das Saatgut für Wiesen unb Wetben mit gleicher Sorgfalt wie das (Betreibe behan- beit wirb. Oekonomierat Dr. S t a e h l y, Direktor der Landwirtschastskammer für den Regierungsbezirk Kassel, gab einen Ueberbltck über die Entwicklung und den Stand der landwirtschaftlichen Verhältnisse im gesamten Bezirk. Der gesamte landwirtschaftlich genutzte Boden befände sich zu über 70 Prozent in Händen von klein- und mittelbäuersichen Besitzern und daher fei insbesondere die Viehhaltung eine günstige. Die Pferdezucht sei zurückgegangen, nicht zuletzt dadurch, baß in so großen Mengen Pferde aus dem Auslande eingeführt worden sind; im Vergleich zur Zeit vor dem Kriege fei nur bie Hälfte ber Stuten gebeckt worden. Auch die Schafzucht gehe weiterhin zurück. Redner klagte ins- besondere über ben schlechten Stand ber Lanbstraßen, bie burch ben Kraftwagenverkehr hart mitgenommen finb.
alten Baumen ist, unb bereits bas Entzücken Goethes hervorrief, wenn dieser bei ber Familie von Brentano zu Besuch weilte. Das kostbare Besitztum ging jetzt in das Eigentum der Stadt Frankfurt über. Die Stadtverordnetenversammlung bewilligte für die Uebernahme 420 000 Rm. Ein großer Teil der Parkanlagen soll der Oesfentlichkeit erschlossen werden.
— Richt aus ber fahrenden Straßenbahn springen. Der zwanziajährige Erwerbslose Friedel Bernhard sprang bei Rödelheim von einer fahrenden Straßen- bahn ab. Er geriet unter den Anhänger. Dem jungen Manne wurde das rechte Bein abgefahren.
— Am Hellen Tage ausaevlündert. Während der Mittagspause wurde ein Zweiggeschäft der Firma Latscha in Rödelheim von Cinb-echern ausgeplündert D»n Dieben fielen bedeutende Menaep Lebensrnittel und die gesamten Barvorräte in die Hände.
130 Vahnfrevel in l’|2 Jahren.
Wie bie Reichsbabndlrekt'on Köln mit’eilt, ereigneten sich in ben letzten Jahren im Bezirk Köln 130 Fälle von Bahnfrevel tote Be'chS. diaung brr Bahnanlagen, Auflegung von hemmenden Gegenständen auf die Schienen, Schießen und Werfen auf fahrende Züne nfto. Die letztgenannte Art umfaßt allein 110 Fälle, wobei meist Kinder die Täter waren.
* Max filanfe verurteilt. Der Rennwettschwindler Max K l a n t e, der beim letzten Derby in Hamburg wiederum versucht hatte, Anhänger für fein System zu gewinnen, wurde nom Hamburger Amtsgericht wegen Betruges zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt.
* "tuszeugun'älle. Ein mit zwei O'fizieren besetztes Flugzetta, das eint» Notlandung vornehmen wollte, stieß bei Unferäaeri (Kanton Hua), beim Wiederaufstieg nacheinander aeaen zwei Bäume und stürzte ab. Drei Knaben, bie sich in der Nähe der Bäume befanden, wurden getötet. D'e beiden Flieger blieben unverletzt. — Nach einer Meldung de? „Berliner LokaleAnzeigerS" ans ^üncbeti setzte bei Vorführung von Kttnstflüaen bei Weilheim in Oberbayern der Motor eine? sssuazettae» aus. Bei
2. Blatt.
Druck der Fuldaer AcNendruckerel, Fulda
dem Versuch, zu landen, verfing sich der Apparat in einem Baumwipfel, überschlug sich unb würbe vollkommen zertrümmert. Der Pilot Alexander v. Bismarck wurde unter dem Flugzeug begraben. Er erlitt schwere, aber nicht lebensgefährliche Verletzungen.
* Schwere Zuchthausstrafen für Dinarnoten- Falscher. Wegen Fälschung von Dinarnoten hatte stch vor dem Bielefelder Schwurgericht eine Reihe von Angeklagten zu verantworten. In dem Urteil wurde einer ber Hauvtangeklagten zu fünf Fahren Zuchthaus und zu fünf wahren Ehrender« lüft, zwei weitere Angeklagte zu 4l/i Jahren Zuchthaus verurteilt. Bier Angeklagte wurden wegen Beihilfe zu Gefängnisstrafen von vier Monaten bis zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Ter Antrag des Staatsanwalt hatte oeoen bie bret Hauptangeklagten auf je 10 Jahre Zuchthaus gelautet.
* 35000 lelucher ber Marksburg. Am Sonntag betrat der 35 000. Besucher, ber Eisenbahnsekretär Gundi ach, die bet Braubach a.RH. gelegene Marks« bura, dem von dem Burghauptmann ein silberner Becher überreicht wurde, der mit „Braubacher* gefüllt war. Im vergangenen Jahre betrug die Zahl der Bestecher im Anfang Oktober 30 000.
* Eine holländische Möbelfabrik abgebrannt. In Waninzeen wurde eine Möbelfabrik durch Großfeuer vernichtet. Menschenleben find nicht zu Schaden aekommen. Der Schaden beträgt etwa 300000 Gulden.
* Strandung eines französischen Torpedoboote«. (E'g. Funkm.) Wie Havas aus Bastta (Cvrsica) berichtet, ist das Torpedoboot 349 bei einer Uebuncn fahrt an der Küste von Bineto gestrandet. Der Kommandant und ein Matrose sind tot. Nähere Einzelheiten fehlen.
* Zur Grubenkaiastrophe in Michigan. In Ironwood (Michiaan) waren am letzten Freitag durch einen Gesteinsbruch in einem Bergwerk drei Bergleute g-tö-t und 43 von seglicher Verbindung mit der Außenwelt abgeschnitten worden. Es ist nunmehr aelunaen, mit den eingeschlossenen Bergleuten, die sich sämtlich noch amLeben befinden, die Verbindung herzustellen.
(Etwas über die St. Meph-vucher» brudersckaft.
Die St. Ioseph-Bücherbruderschast ist ein kirchlicher, mit Ablässen ausgestcitteter Verein zur Verbreitung guter Bücher. Seit ihrer Gründung (1894) wurde sie wie. berholt von den Päpsten gesegnet unh von sehr vielen Viskosen Priestern und kath. Zeitunaen empfohlen.
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3. Der Bolksarzt. Don Dr. Richter brosch. 60 Pfg., gebd. 1 Mk.
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> foX—rrx-. VnferwäsckQ.
Unter falscher Flagge.
Roman von 3. Hohenfeld.
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„Nein, aber ich dachte, wenn Sie selbst Kinder hätten, so müßten Sie auch Mitleid mit mir empfinden," sagte das junge Mädchen mit zitternder Stimme. „D, Frau Bichou, haben Sie (Erbarmen mit mirl Mein Vater befindet sich in großer Gefahr und ich war auf bem Wege, ihn zu warnen, als Gras von ßamartin mich gewaltsam zu seiner Gefangenen machte. Lassen Sie mich zu meinen (Eltern gehen, unb ich will Sie segnen, solange ich lebe! Ich habe Ihnen boch nie etwas zuleide getan unb überhaupt keinem Menschen! Lassen Sie mich gehen, Frau Bichou! Ich habe Geld und will Sie reichlich belohnen!"
Und ste zeigte ber Frau des Fischers ihre reichge» füllte Börse unb ihre golbene, mit Diamanten besetzte Uhr, ihre goldene Brosche und ihre Armbänder.
„Mama gab mir in Paris ein kleines Taschenbuch," fuhr fte fort „welches ich noch nicht geöffnet habe; es mtjfen zweitausend Franks darin sein. Alles soll Ihr Eigengtum sein, wenn Sie mich freigeben!"
Die Frau sah mit gierigen Blicken nach all den schö- nen Kostbarkeiten, die Giralda ihr als Lösegelb anbot. Aber energisch bas Haupt schüttelnb, roanbte sie sich ab unb wollte bas Gemach verlassen, um ber Versuchung widerstehen zu können.
Aber Giralda ergriff ihr Handgelenk unb rief Der- zweifelnb aus:
„0, kann Sie denn nichts rühren? Ich will Sie fegnen bis an mein (Enbe, „wenn Sie mich unb die SDleinen retten, indem Sie mich freilaffen! Graf (Eugen n>in Sie reich beschenken, wenn Sie mich hier gefangen palten, aber ich versichere Sie, er kann Ste nie so reich belohnen wie ich, und Sie sollen es nie bereuen, zu einer schmachvollen Tat gegen ein wehrloses Mädchen •n<f)t Ihre Hilfe geboten zu haben!"
Dlit rauher Gebärde stieß die Frau jetzt ihre Hand luruck, ärgerlich über sich selbst. Wäre ihr Austragge
ber ein anderer gewesen als gerade Graf (Eugen, wer weiß, ob Giralda« rührende Ueberrebungstunft nicht ben Sieg baoongetragen hätte. Die Liebe zum Golb erweckte alle bösen Eigenschaften ihrer oerberbten Natur, aber ihre Siebe für ben Grafen überwog biefelbe boch.
„Ich will nichts haben!" rief sie aus. „Ich werde Sie nicht freigeben! Ich werbe tun, was mir befohlen ist vnb bamit gute Nacht, Fräulein!"
Der leife Hoffnungsschimmer, welcher (Biratbas Antlitz eine kurze Zeit erhellt hatte, machte roieber einer grenzenlosen Traurigkeit Platz.
„Gehen Sie zur Ruhe," fuhr bie Frau fort, „unb Der- hatten Sie sich still! Soeben höre ich meinen Mann kommen. Es ist mit ihm nicht gut umzugehen, zumal wenn er betrunken heimkehrt.
Nach bie,en Worten, welche Giralda zusammenschau- ! dem machte, wandte Frau Bichou sich unb schloß bie Tür hinter sich ab.
„Sie hat ein Herz härter als Stein," buchte bie arme Eiralba. „Aber ich will bie Hoffnung noch nicht auf- | geben. Ich muß auf Flucht sinnen. Es muß mir ge- ; singen, aus biefem Gefängnis zu entkommen!"
Sie setzte sich nieber unb bemühte sich, ruhig zu überlegen. Das Licht brannte herunter.
(Biralba sank zurück auf ihren Stuhl, entmutigt und fast besinnungslos. Wie lange sie in dieser Stellung oer« । harrte, sie wußte sich selbst darüber keine Rechenschast zu geben. •
Plötzlich flackerte das Licht noch einmal auf unb erlosch unb tiefe Finsternis herrschte im Zimmer. Das junge Mäbchen ging roieber an bas Fenster, welches auf j die Seine hinausblicken lieft, und öffnete die Läden \ von neuem. Dann lehnte sie ihren forgenschweren Kopf gegen bie Barrikade unb blickte in bie stille Monbnacht hinaus.
Sie tat es apathisch, hoffnungslos, bis ihr plötzlich ein (eifer Schrei entfuhr, ein — weil mühsam unter« j brückt — desto erschütternder, erstickter Aufschrei.
Die Blicke des jungen Mädchens waren auf dem Felsen haften geblieben, welcher Kastell Adlershorst trug, mit feinen Türmen und feinen Wällen. Sie konnte ,
olles deutlich im Mondschein erkennen. Heller Lichter- glanz schimmerte non den unverhängten Fenstern de» Gesellschaftszimmers und beleuchtete bie nächste Um- gegenb bes Schloßes. Unb von einem großen, gewölbten Fenster, welches auf bie Seine hinausgtng, fiel ein rotes Licht wie ein Leuchtturmsignal auf bie immer gleich bewegte Flut mit ihren weißen Schaumköpfen.
„Es ist ein Signal" sagte sich Giralda. „Sollte der Herzog von Beaufort heute nacht auf dem Wasser fein?" Im nächsten Moment entdeckte ste ein schneeweiße, Segel, welches sich von ber dunklen Flut deutlich abhob. Als ste länger unb genauer hingesehen hatte, erkannte sie ein kleines Boot, welches langsam vom Winde getrieben wurde Sie sah auch, daß nur eine einzige Person im Boote war und am Steuer saß.
Zwar konnte sie bie Gestalt nicht erkennen, ber wei. ten Entfernung wegen, aber ihr Herz sagte ihr, baß es niemanb anders sein könne, als Gilbert, ihr ritter» sicher Lebensretter vorn Morgen vorher.
Ein Hoffnungsstrahl erhellte aufs neue ihre Seele.
Sie streckte ihre Arme durch bas verbarrikadierte Fenster unb schwenkte ihr Taschentuch. Am liebsten hätte sie ihm laut zugerufen, boch vermochte sie es nicht. Auch war es wenig wahrscheinlich, baft er ihren Ruf hatte vernehmen können.
Giralda sah jetzt ganz deutlich, baß es ein schlank- gebautes Fahrzeug war, ein Bcrgnügungsboot. (Einige Minuten später erkannte ste auch ben Steuermann, roel- cher, in stilles Nachbenken versunken, in bem Nachen saß, träumerisch auf bie im Mondlicht leuchtenden Wellen blickend.
„Er ist es!" flüsterte sie erregt. „Es ist ber junge Herzog von Beaufort!"
„Wenn er boch nur einmal hier hinaufblicken wollte!" Sie fetzte bas Signalisieren mit bem Taschentuch fort, aber vergebens.
Das Boot trieb immer näher, doch wagte sie es nicht, zu rufen, aus Furcht, sich damit ihren Feinden zu verraten. Plötzlich entriß ihr ber Winb ihr feines Batisttuch mit voller Kraft unb wirbelte es einige Male burch bie Luft; bann senkte es sich mit einem Male
rasch unb fiel gleich darauf dicht neben bem Nachen ins Wasier, ben Bootsmann aus feinem Sinnen weckend.
Ueberrafdjt streckte er die Hand nach bem Tuch au« und erfaßte es. Er untersuchte es genau unb sah umher unb ließ habet auch seinen Blick auf dem, einem einsamen Gefängnis gleichenden alten Hause ruhen.
Ein schwerer Seufzer entrang sich Giraldas Brust bei dieser Wahrnehmung unb ste schwenkte mif ihrem entblöftten Arme unausgesetzt weiter.
Unb plötzlich hatte er sie bemerkt. Er sah, wie ste an ber ste hindernden Verbarrikadierung vor demFenster. mit Leibeskräften rüttelte, rote um ihm anzudeuten, daß sie eine Gefangene sei.
Ein grenzenloses Erstaunen erfaßte den jungen Mann, denn er vermochte es jedenfalls nicht zu begreifen, wie eine junge Dame in dieses Gefängnis gekommen fein konnte.
Er erhob sich von feinem Sitz, um ihr zu erkennen zu geben, daß er ihr Signal verstanden habe.
Nun musterte er wieder das Taschentuch. Die Feinheit des Stoffes und die reichen Spitzen an dem Tuche schienen ihm in Widerspruch zu stehen mit ber Armut ber Fischerhütte.
Er untersuchte bie Ecken noch einmal sorgfältig. Plötzlich stieß er einen leisen Ruf ber Ueberrafdjung aue, denn er hatte ben zierlich gestickten Namen „Giralda" an ber einen Ecke des Tuches entbetft.
Mit hastigem Griff verbarg er bas Tuch in feiner Drusttasche, machte mit ben Armen ähnliche Bewegungen wie (Biralba unb sprang an bas Steuer.
Im nächsten Moment sah (Biralba, daß er bem Boote bie Richtung gab, baß es schnell näherkam.
„Er hat meinen Namen entdeckt!" sprach bas junge Mäbchen, bebenb vor Aufregung, voll freudiger Erregung zu stch selbst. „Er hat in mir eine Gefangene und diejenige erkannt, welche er heute morgen vor bem siche- ren Tobe bewahrte! Er kommt näher, um mich freizumachen! O, Gott, laß ihn mein (Erretter werben, baß ich meine Lieben warnen kann, ehe es zu spät unb alles verloren ist!"
(Fortfetzung folgt)