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Hr. 227.

Srritaq, Oktober 1926

lahra. 53

von in der

* Regierungskrise in Donzi-,. Aus Danzig wird gemeldet: Nachdem in der Volkstagsihnna die Mehr- beit deS Haukes bei der nochmalia-n Beratung der Finanzreformgeletze mebrere einzelne ffie;ebe abge» lehnt halte, erklärte Senator Dr. Kamnitzer im Namen der parlamentarischen Senatoren deren SRü cf tritt. Senator Dr. .Kcimnitzer bat die Par» teien, die die Krise he'beigeführt batten, dafür Sorge V> tragen, die neuen Senatoren baldig^ zu ernennen, da der Senat in seiner jetzigen Zusammensetzung nicht mehr arbeitsfähig sei.

* Tod eines südamerikanischen Staatsober­hauptes. Anläßlich des Ablebens des Präsidenten von Guatemala, General Orellana, sprach Reichsminister des Aeußeren Dr. Stresemann dem Außenminister der Republik Guatemala das Beileid der Reichsregierung telegraphisch aus.

niftflen» $reue Riemseilr Qolonel) otai 0,1b Rr>ck»mar lurwirt? 0.20 Reichsmark. Reklame,eile- lokal 0,6' Relchsmarl auswärts 0.80 Reichsmark.

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Erschein« «echSma' wöchentlich. Wochenbe-laaen- Illustrierte Bei­lage" und Buchenblätter" Rotat-onSdruck und «erlag der lltuldaer Sletiendruckerei in Nulda- Iernldrecher Nr. S-

An^emer für die Sfahf und den kreis ^ulda. Amtliches kreisblalk

* Rußlandsreise Lloyd George. Lloyd George wird seine Reise nach Sowjetrußland im kommen­den Frühjahr antreten. Sein Besuch wird rein privaten Charakter tragen.

* Einstellung der Berichterstattung aus Ma­rokko. Rach einer Havasmeldung aus Fez, wird von nun ab kein Kommuniques über die militärischen Operationen in Marokko mehr ausge­geben.

* Tas neue Kabinett in Kanada. AuS Ottawa wird gemeldet: Wie sich auf Grund deS endaülügen Wahlergebnisse- sestsiellen läßt, wird der neue Mi. Nlsterpräsident Mackenzie King im Unterhaus eine Mehrheit von 40 Stimmen haben.

zusetzen. Dieser besteht in der Entwaffnungsfrage darin, Deutschland keinerlei Konzessionen zu ma­chen, sondern stritte auf der restlosen Durchführung der Bestimmungen des Versailler Vertrages zu be- stehen, und in der Abrüstungsfrage darin, durch die Einführung des Begriffes der „potentiell de la guerre" Deutschland dauernd in militärischer Ohnmacht zu halten, ohne selbst entsprechend ab­rüsten zu müssen. Es ist daher durchaus abwegig, Konzessiönchen" zu sprechen, die Deutschland j Entwaffnungsfrage noch machen müßte, da­mit die Aera der deutsch-fran'ösischen Verständigung anbrechen könne. Die ganze Welt weiß, daß Deutsch­land heute so weit abgerüstet ist, daß es nicht in der Lage wäre, mit Aussicht auf Erfolg einen Krieg zu führen. Wenn also heute noch immer sogenannte Vergehen gegen die Entwaffnungsbe­stimmungen aus dem Versailler Vertrag hinreichend sind, di? im Interesse einer wahren und dauernden Verständigung notwendige Ausführung bestimmter Maßnahmen, z. B. die Aushebung der Militärkon­trolle, zu verschleppen, so zeigt das eben nur, daß Frankreich — denn Frankreich ift ausschlaggebend m diesen Fragen prinzipieller Art — zu einem Entgegenkommen noch nicht bereit ist.

(Ein politischer Belerdigungsprozetz.

Vor dem Amtsgericht Berlin-Schöneberg begann heute der Prozeß, den der sozialdemokratische Reichs» tagsabgeordnete Levi gegen den Redakteur des „Völkischen Beobachters" in München, Alfred Ro­senberg, anstrengte. Den Vorsitz führte Amts­gerichtsrat Westerkamp.

2n dem vom „Völkischen Beobachter" veröffent­lichten Artikel heißt es u. a.: „Der Berichterstatter des Femeausschusses Levi ist derselbe, von dem be- hauptet wird, daß er von englischen Spionen Geld annahm. Dieser als niedriger Landesverräter hin- gestellte Abgeordnete ist der Präsident des Rechts, ausschusses des Deutschen Reichstages und Referent im Femeausschuß. Er erhält als ein des Landes- Verrats Bezichtigter Einsicht in die innersten Ee- Heimnisse deutscher Wehrverbände. Wer garantiert dafür, daß Levi nicht auch heute noch bezahlter Spion Englands ist und als solcher im Deutschen Reichstag sitzt?" Wegen dieses Artikels und ins­besondere wegen des Vorwurfs, von englischen Spionen Geld genommen zu hüben, hatte Levi gegen den „Völkischen Beobachter" Strafantrag ge­stellt. Der Angeklagte Rosenberg nahm für sich in Anspruch, in Wahrung berechtigter öffentlicher In- teressen gehandelt zu haben. Die Beschuldigung stamme nicht erst aus dem „Völkischen Beobachter'" sondern werde bereits seit sechs Jahren in zahl- reichen Zeitungen gegen Levi erhoben, ohne daß dieser sich dagegen wehrte. Nach längeren «Störte» rungen einigte man sich mit Rücksicht auf die Tat­sache, daß die Materie sofort und in wenigen Stun­den nicht zu erledigen sei, dahin, Ende November oder Anfang Dezember eine neue Verhandln ng anzuberaumen.

* Unruhen in Mexiko. „Associated Preß" mel» det aus Mexiko, daß in Tonale eine mit Steine» Stöcken und Gewehren bewaffnete Menge di« Wiedereröffnung der Regierung-» schulen verhinderte, weil die Katholiken sich ge­gen die Erteilung des Unterrichts durch Laien sträuben. Nach Tonale sind Truppen entsandt worden.

Wenn wir hier als Aufgabe gestellt haben, daS politische deutsch-französische Problem in seiner Ge­samtheit zu betrachten, so darf man auch jene Fra­gen nicht unberührt lassen, auf deren Lösung in der Zukunft Deutschland nicht verzichtet bat und wahrscheinlich auch nicht verzichten wird. Wir mei­nen die Frage des Anschlusses Deutsch-Oester­reichs an Deutschland und die Frage der Korrek­tur der territorialen Bestimmungen des Versailler Vertrages hinsichtlich unserer Ostgrenzen. Nicht als ob Deutschland diese Fragen in einer nahen Zukunst aufwerfen würde ober müßte. Slber diese Fragen bilden doch ein solches Hauvtstück der europäischen Politik, ihretwegen ift eine gmne Reche von Bünd­nissen unter den verschiedenen Staaten abgeschlossen worden, deren Haupttweck die Auttechterhaltuna des durch den Versailler Vertrag festgesetzten Be­sitzstandes ist, obwohl die Völkerbundssatzung selbst die Möglichkeit einer Revision a---b h»r territorialen Fragen zuläßt. Jbnen gilt schließlich auch Frank­reichs ganze Politik int Völkerbund, daß wir an ihnen nicht vvrüberaehen dürfen, selbst dann nicht, wenn wir uns damit dem ungerechtfertigten Dor­wurf aussetzen sollten, daß unsere Politik nur auf die Abänderung des Vertrages von Versailles ge­richtet sei.

Germersheim.

Das Bürgermeisteramt der Stadt Germersheim hat an den Völkerbund, an die Reichsregierung und an die bayerische Remerung einen Notruf ge­drahtet, in dem auf die schwere Bedrängnis der Stadt durch die Besatzung hingewiesen und die sofortige Einsetzung eines unparteiischen Schieds­gerichtes, zur Untersuchung der kürzlichen Vorfälle, sowie die schnellste Entfernung aller frem­den Truppen aus den Mauern der Stadt ge­fordert wird.

Britische Reichskonserenz.

Auf der bevorstehenden britischen Reichskonfe­renz wird Kanada vertreten sein durch den Premier­minister Makenzie King, Australien durch den Pre­mierminister Bruce, Reu-Seeland durch den Pre­mierminister Coates, Südafrika durch den Premier­minister Hertzogs, Irland durch den Prüsidenter des Mrllzugsrates Cosgrave, Neufundland durch den Premierminister Monroe.

Zusammenkunft Mussolini-Chamberlain.

„Eiornale d'Jtalia" zufolge wird bei der be­vorstehenden Unterredung zwischen Mussolini und Chamberlain neben der abessinischen und Tangerfrage auch die neue deutsch-fran­zösische Annäherung erörtert werden, die Eng­land und Italien als Garantiemächte von Locarno besonders interessiert.

Mussolini ist in Begleitung des Unterstaats­sekretärs im Ministerium für Auswärtige Ange­legenheiten, Era bi, und seines Kabinettschess nach Livorno abgereift, wo die Zusammenkunft mit Chamberlain stattfindet. Chamberlain ist an Bord seiner Jacht bereits in Livorno einegtroffen.

Die Nachricht, daß sich in der Nacht vom Mon­tag zum Dienstag in Germersheim ein neuer Zwischenfall ereignet habe, ist in dieser Form u n - richtig. Ein Einwohner will nachts zwei Schüsse gehört haben, die aus einem Auto herausgefallen sein sollen. Die Vernehmung des Zeugen Hat jedoch zu keinem Ergebnis geführt.

Per 5lbzua der 311er.

rotb Germersheim, 30. Sept. (Eig. Fun km.). Der Abtransport des 311. Artillerie-Regimentes ist vollendet. Heute morgen verließen die letzten Mannschaften dieses Truppenteils (Bermersheim zu Fuß. Die Erregung in der Bevölkerung hat sich durch diese Tatsache nunmehr ein klein wenig ge­legt, ist aber immerhin noch sehr stark. Zu Zwi­schenfällen ist es nicht mehr gekommen. Das Be­finden des schwerverletzten Mannes hat sich leicht gebessert, doch besteht immer noch Lebensgefahr. Wie noch nachträglich festoestsllt wurde, führte der Unterleutnant Rouzier ein ziemlich lockeres Leben.

Keine Hetzfilme mehr.

Nach Blättermeldungen aus Paris wurde in der ersten Vollversammlung deS Internationalen Filmkongresses ein Vorschlag angenommen, der be­sagt, daß allen an der Filmherstellung beteiligten Kräften anempfvhlen werden soll, jegliche Dar- stellung streng zu vermeiden, die geeignet erscheint, die Völker zu entzweien. Ein Antrag der belgischen Delegation, der dahin ging, daß durch eine allzu enge pazifistische Einstellung die von den Soldaten und der Zivilbevölkerung zur Verteidigung ihres Landes gebrachten Opfer nicht ganz unberück­sichtigt bleiben dürfen, wurde a6gelernt.

was Beiwort fordert.

Der Generalrat in Belfort hat außerhalb seiner offiziellen Sitzung eine Resolution angenom­men, in der gewünscht wird, das bei den mit Deutschland geplanten Verhandlungen kein wirt- schaftli cher und finanzieller Vorteil als Ausgleich für die an erster Stelle stehende Frage der Sicherheit oder des Friedens angenommen werden könne. Die Rheinland- besatzuyg sei gegenwärtig Frankreichs einzige materielle Garantie für den Frieden. Hier könne keine Konzession gemacht wcrdm, ohne andere Sicherheitsgarantien als Gegenleistung zu haben. Was das Saargebiet betreffe, so müßte eine vorzeitige und ohne Volksabstimmung erfolgte Räumung zu mindestens als Gegenleistung die end- gültige Abtretung der früheren Bergwerksdomänen an eine französische Gesellschaft haben, deren Pro- dnttion für Frankreich absolut nötig sei. In der Reparationsfrage müsse Frankreich sichener-

Die griechische Negierung bleibt.

rotb. Athen, 30. Sept. (Eig. Funkm.). Eine amtliche Mitteilung besagt, daß der Staatspräsident den Ministerpräsidenten zu sich berief und ibn er­suchte, feinen Entschluß, den Rücktritt der Regie­rung nicht anzunehmen, bekannt zu machen. Do dadurch das Vertrauen des Staatspräsidenten abermals ausgesprochen wurde, wird das Sabi­ne! weiter im Amte bleiben mit Aus­nahme derjenigen Minister, die zurückuttreten wünschten, um sich am Wahlkampfe zu beteiligen. Was den evtl. Eintritt von neuen Ministern an­betrifft, die zu den antiveniselistsschen Parteien ge­hören, so wird sich die Regierung erst daiu ent- schließen, nach dem die Haltung dieser Parteien genau festgesetzt sein wird Sollten sich diese Par­teien dazu entschließen, an den Wahlen teilzuveh» men, so würde die Regierung bereit sein, Minister aus ihren Reihen anzunehmen, um jeden Zweifel über die Unparteilichkeit der Wahlen zu zerstören. Die Regierung beschloß der Verschiebung der Wahlen um 14 Tage zuzustirnmen. Die an­deren Punkte ihres Programms bleiben unverän­dert. Die Wahlen werden am 7. November auf der Grundlage der Verhältniswahl und mit allen ge­forderten Garantien stattfinden.

gisch und unbeugsam auf den Boden deS zu sehr vergessenen, grundlegenden, wichtigen Artikel des Versailler Vertrages stellen, der fordere, daß auf keinen Fall die finanziellen Lasten des deutschen Steuerzahlers geringer sein dürften, als die des französischen.

Bas Begnadigungs-Abkommen.

wtb. Landau, 30 Sept. (<Sig. Funkm.) Das französische Militärgericht in Landau stellte infolge des Koblenzer Abkommens in seiner gestrigen Sitzung sämtliche bis 17. September eingeleiteten Strafverfahren ein. Es kamen 13 Fälle in Frage, darunter solche wegen beleidigender Haltung gegenüber Mitgliedern der französischen Besatzungs­armee und wegen verbotenen Waffenbesitzes.

Severmg über die 5lutzenpoliük.

rotb paris, 30. Sept. (Eig. Funkm.). Der preu­ßische Minister des Innern, Seoering, hat dem Außenpolitiker des „Motin" ein Interview ge­währt. Er erklärte u. a., daß der größte Teil des deutschen Volkes einer Politik der Verständi­gung und Zusammenarbeit mit Frank- reich günstig gegenüberstehe. Die geographi- sche Lage Deutschlands zwinge es, sich Rußland zuzuwenden, aber diese Tatsache würde seiner An­sicht nach einem Abkommen mit Frankreich nicht tm Wege stehen können. Sämtliche Nationen Eu- ropas müßten einsehen, daß es in ihrem Interesse liege, den alten Streit zwischen Deutschland und Frankreich zu beenden, den die Politik immer wie­der aufrühre, der aber vom wirtschaftlichen Standpunkte aus vollkommen unsinnig sei.. Es gäbe sicherlich einige Kreise in Deutschland, die noch nicht von dem Gedanken einer Revanchepolitik be­freit seien. Man müsse aber versuchen, ihren Geisteszustand zu begreifen. Die Herabseyung des deutschen Heeres habe Deutschland nicht nur in eine außerordentliche Lage gebracht, sondern auch eine große Anzahl von Offizieren ihrer Eristenz beraubt. Deshalb sei es nicht überraschend, daß diese Elemente mit aller «Schärfe für die Wiederher­stellung der früheren Einrichtungen sich einfehten. Ihre Zahl und ihre Stärke nehme jedoch von Tag zu Tag a b und immer mehr verschaffe sich der (Re- banfe Geltung, daß die Zukunft Deutschlands nicht auf Konflikten, sondern auf einer friedlichen Zu­sammenarbeit mit den übrigen Nationen beruhe. E", Seoering, wisse nicht, ob man nicht etwa in Frankreich eine falsche Vorstellung von Preußen habe. Deshalb fei es nicht überflüssig, hervorzuheben, daß die von «Stresemann eingelesete Politik stets die aktivste Unterftühung der vreußi- fchen Reoierung gesunden habe. Enge freundschaft- «irfie Beziehungen zwischen Deutschland und Frank- reich würden denjenigen, die bisher ihre Zeit und Kraft damit vergeudeten, eitle Disvute zu h4»nf- figen, gestatten, nofitioe Arbeit am Wie. beraufbau Eurovos vorzunebmen. Die durch den Krieg aefchwächten unb verarmten Völler hätten Ruhe nöttg, um wieder Atem zu schöpfen. Diese Rude müsse man ihnen neben, indem man sämtliche Konflikte und Mißverständnisse, w-sche die Zusammenarbeit Frankreichs unb Deutschlands stören könnten, beseitigt.

Stresemann an Maedonald.

rotb London. 30. Sept. (Eig. Funkm.). Dem Arbeiterblatt „Daily Herold" zufolge, erhielt Rdm- fap Macdonald in Erwiderung auf ein von ihm an Stresemann anläßlich des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund gesandten Glückwunschtele­gramm folgende Antwort des deutschen Reichs- Ministers des Aeußern: „Ich beeile mich, für Ihre Glückwünsche zu danken unb Ihnen zu versichern, mit welch großer Befriebiaung ich auf die neraan» genen Tage in Gens zurückhsicke. Ich vergesse nicht den großen Anteil, den Sie an dieser Entwicklung gehabt haben. Dr. Stresemann."

Eindrücke in Amerika.

wtb. Washington. 30. «September. (Eia. Funkm.) Botschafter Schurmann erklärte nach einer Konfe­renz mit dem Präsidenten Coolidge, Deutschland und Frankreich begännen einzusehen, daß sich em ßrrtwährender Zwist nicht lohne und diese Einsicht trage bei, eine Verständigung herbeizuführen. Der deutsch - französische Stimmung snmschwung sei der bemerkenswerteste Eindruck, den er erhalten habe. Beide Regierungen hätten sich zu friedlicher Verständigung unb zu wirtschaftlicher Zusammen­arbeit verpflichtet. Die wirtschaftlichen Interessen ließen sie den Weg der Verständigung einschlagen, wie daS kürzlich erfolgte Abkommen der Stahlwerkindustriellen beweise. Leitende Persönlichkeiten der Wirtschaft und der Politik wirk- tm zur Erreichung dieser Verständigung zusammen, deren gute Erfolge bereits erkennbar seien und noch mehr für die Zukunft versprächen. Deutschland suche sich in seiner Lage mit Tatkraft und Ueberlegung zu Helsen. Die Amerikaner würden m Deutsch- land stets mit offenen Armen ausgenommen.

Erbfeinde.

Die Deutschen unb bie Franzosen sink» „Erb- stinde". In ben Schulen werden sie hüben unb trüben ben Kindern bereits so vorgeführt und die landläufigen Geschichtsbücher und Bilderbücher setzen als selbstverständlich voraus» daß Deutsche und Franzosen al? Gegner antreten zu ben Sümpfen aller Art. Wenn Deutsche unb Franzo­sen als Menschen irgendwo zusammenkommen, ist oft schnell ein herzliches Verhältnis hergestellt. Dis deutschen Reisenden» die nach dem Kriege in Frankreich waren, loben in ben schönsten Tönen die Freundlichkeit der Franzosen und die deutschen Soldaten, die im Kriege mit französischer Zivil­bevölkerung zusammengekommen sind, werden wohl in ihrer großen Mehrzahl nicht behaupten, daß sie in diesen Männern und Frauen des französischen Lottes „Erbfeinde" gesehen hätten. Aber weit mächtiger als die Wirklichkeit ist die „herrschende Meinung", nach der Franzosen unb Deutsche als Erbfeinde sich gegenüber treten müssen. Und die schönsten Friedensreden zwischen Briand und Sire- semann können diese Meinung nicht von heute auf morgen beseitigen. Es gibt zu viele Nutznießer dieser These von der deutsch-französischen Erbfeind- schast. Wie leicht ist es diesen, bie vorsichtig ange» bahnte Verständigung zu sabotieren! Da werben Äeußerungen verdreht, da finden Zwischenträge- Aien aller Art statt und als stärkstes Mittel kom­men solche Vorfälle in Anwendung wie derjenige von Germersheim in der Pfalz. Die französische Besatzungstruppe benimmt sich wie in einem er­oberten Lande, ihre Offiziere kommandieren und chikanieren und schrecken nicht davor zurück, mit Pistolen herumzufuchteln unb zu schießen. Es fließt Blut, Tote sink) zu beklagen, bie Trauer m bie Opfer wird zum Haß gegen die Urheber Jes Vorfalls. Die „Erbfeindschast" ist erneut be­festigt. Was kann der beste Wille der Staats­männer, was können ihre schonen Reden, was kann selbst der herzlichste Vsrständioungswille in ben Menschen beider Nationen ausrichten?

Nur Toren können glauben, daß der deutsch- französische Ausgleich als reife Frucht Europa unb der Welt in den «Schoß fallen werbe. Sie S d) ro i e- r i g l e i t en, bie diesem Ausgleich im Wege stehen, können gar nicht überschätzt werden. Sie sind riesengroß. Freilich ist das kein Anlaß, dem Ziele, diesem edlen ^2i$le. der Versöhnung zweier beroorragenber Kulturvölker, zu entsagen, weil bie Schwierigkeiten so groß sind. Trotz alledem!

Wie weit mir noch von dem Ziele der Ver­ständigung entfernt sind, geht aus Darlegungen hervor, die von einer in außenpolitischen Fragen gut unteridjteten Persönlichkeit gemacht werden. Darnach haben bei den bisherigen Verhandlungen über den Ausgleich die Frarizosen einen in- ttanfigenten Standpunkt gegenüber dem Versailler Vertrag eingenommen. Auch Briand, dessen Be­reitwilligkeit zur Verständigung und Versöhnung mit Deutschland unleugbar ist, will diese im Rah­men jenes Vertrages. Die jetzt diskutierte Aufhebung der Besetzung der Rheinlande vor dem festgesetzten Termin bedeutet ja keine Abänderung des Vertrages von Versailles, da diese Möglichkeit darin selbst vorgesehen ist. Wenn daher Frankreich, gezwungen durch feine Finanznot, heute (Erwägun­gen zugänglich ist, die frühere Befreiung der Rhein- lande gegen eine entsprechende Entschädigung durchzufuhren, so sollte man sich bei uns davor hüten, diese allein schon als Ausdruck einer deutsch-französischen Verständigung aufzufassen. Nach Abschluß des Sicherheitspaktes, der durch un­seren Eintritt in den Völkerbund in Kraft getreten ist, hat bie Besetzung beutscher Lande sowieso leine innere Berechtigung mehr. Sie Mirb ja auch von französischer Seite selbst nicht »lehr mit ber Sicherheit Frankreichs begründet, son­dern damit, daß sie als Pfand diene, um die Reparationszahlungen zu garantieren. Nun ist ober bei der Auffassung von der Besetzung als Pfand für Reparationszahlungen die Befreiung der besetzten Gebiete gar kein nur deutsch-französisches Problem, sondern betrifft die interallierten Mächte in ihrer Gesamtheit, b. h. soweit sie an ben Reparationen beteiligt finb.

Die Merkmale einer echten deutsch-französischen Verständigung können daher nicht nur in der frü- Heren Befreiung der besetzten Gebiete iegen. Nach den Opfern, die Deutschland durch die lliwillige Garantierung deS territorialen Besitz- tandes rm Westen im Patt von Locarno gebracht hat, müßten diese Merkmale auf jenen Gebieten liegen, die eine tatsächliche Abrüstung des Geistes von Versailles zur Voraussetzung haben. Wenn man sieht, welche Entrüstung ein Ausspruch Stresemanns, daß durch die feierliche Aufnahme Deutschlands m den Völkerbund der Kriegsschuldparagraph gewissermaßen aufgehoben fei, noch heute m Frankreich Hervorrufen kann, so scheint man dort allerdings noch weit von dieser Abrüstung des Geistes entfernt zu sein. Nicht als wir damit ein Urteil abgeben wollten, ob die Aeußernng Stresemanns politisch klug war oder wcht, nein, aber die Tatsache, daß die Jnterpreta- ‘ton und Stellungnahme des deutschen Außenmmi- itetd zur Kriegsschuldftage nach allem, was in ®ehf voransgegangen war, eine solche Entrüstung nnd Ablehnung überhaupt Hervorrufen konnte, muß bvch zu denken geben und ist einfach nicht zu ber- liefen, wenn man eine wahre Verständigung zwi­schen den beiden Völkern ernstlich will.

Berührt die Kriegsschuldfrage die moralische unb Psychologische Seite des deutsch-französischen Prob- «ms, fo führen die AbrüstungS- und Ent- waffnungssrage z. B. schon mitten in das Problem hinein. Man darf sich keinen Illusionen

1 hingeben, daß Frankreich in diesen Fragen uetä versuchen wird, feinen Standpunkt durch-