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Für unsere Frauenwelt
Beilage zur Zulöaer Zeitung
Nr. 226 vom 30. Sept. 1926.
Stilles Glück.
Von Hugo Salus.
Wir sitzen am Tisch beim Lampenschein und sehn in dasselbe Buch hinein;
und Wange an Wange, und Hand in Hand, eine stille Zärtlichkeit uns umspannt.
Ich fühle ruhig dein Herzchen pochen: Eine Stunde schon hat keines gesprochen, und keins dem andern ins Auge geblickt. Wir haben die Wünsche schlafen geschickt.
Vom Taktgefühl der Zrau.
Bon Wolfgang ©reife r-Elbing.
Unsere Gegenmart hat einen ganz besonderen Mangel an Taktgefühl oufzuweisen. Takt aber ist Unterorb. nung. Er ist die Willigkeit und Fähigkeit, fein eigenes Selbst jederzeit den allgemeinen Regeln der Sitte und des Anstandes unterordnen zu können. Er umfaßt die Pflicht, all jene feinen, durch fein äußerliches Gesetz gekennzeichneten Forderungen des Lebens und des erlebens mit unserer Um- und Mitwelt gefühlsmäßig zu erfaßen und ste ethisch und ästhetisch der Prosa des Daseins anzugliedern.
Richt jeder ersaßt den Begriff dieser Lebensart, und es bleibt immer nur eine Auslese deren, die befähigt und begabt sind, ohne besondere Eigenmühe und aus einem verfeinerten Taktgefühl heraus ihre Mitmenschen zu verstehen. Die Frau aber ist besonders berufen dazu, aus dem individuellen Wesen des Weibes heraus, Takt zu üben. Ganz gewiß ist der Takt keine Aeußer- lichkeit, die sich nach diesen ober jenen Regeln erlernen ober hervorbringen läßt; aber — er kann bennoch an- erzogen werben . . . tmb barum ist er eben ein Sonderprivileg der Frau und ein Vorrecht der Mütter. Seine getreueste Lehrmeisterin ist die Selbstzucht.
Die Frau, die durch eigene und durch eine sich mög« lichst frei und unerzwungen äußernde Disziplin ihr Ge- müt, ihr Wollen, ja selbst ihre äußere Erscheinung so- weit zu bilden verstanden hat, daß ihr Denken und ihr Handeln sich stets einander entsprechen und so zwischen Willen und Willensdurchführung ein ungesehenes Gesetz der innersten Harmonien entsteht, diese Frau hat jene Selbstzucht in ihrem Wesen aufgebracht, andere Taktgefühl zu lehren. Wo sich ihre Lebensregeln dann Geltung zu verschaffen wissen, ganz gleich ob in der Familie und Heim oder in Praxis und Beruf, da wird ihre geistige Elastizität der Hüter ihrer Empfindungen sein und sich beides vereint in ihrem Taktgefühl äußern. Frauen mit einem „angeborenen" Taktempfinden sind wahre Tempelhüterinnen. Sie tragen in ihren immer bereiten Häusern die Weihgesäße der Friedlichkeit und des Genügens und leuchten mit den Kerzen des Zufrie- denfeins und einer verbindlich-schmiegsamen Bescheidenheit. Frauen, denen der Takt aber nicht „angeboren" ist, die ihn sich aber gleichsam nur durch das Leben an- erziehen ließen, ober bie auch nur bereit und gewillt finb, sich seinen Einwirkungen zu ergeben, alle biefe Frauen finb bennoch Führerinnen durch der Gegenwart Unwirtlichkeiten, in dem ste ihre Umwelt durch sich selbst veredeln. Für sie paßt das Wort Lhotzkys: „In dem Maße, als der Mensch Gutes denkt, wird Gut eine beherrschende Macht in ihm, die sich, von ihm selbst aus, seiner ganzen Umgebung mitteilt."
Freilich gibt es auch Naturen, die durchaus sittlich einwandfreie Charaktere fein können und dennoch des Taktes entbehren. Das braucht bann burchaus nicht immer als ein Zeichen der Unbildung gedeutet zu werden. Oft sind es sogar originelle oder in ihrer Jndi- Dibualität besonders stark ausgebildete Menschen, die diesen Mangel aufroeifen.
Weil das zarteste Taktempfinden aber so ganz und gar innerste Gefühlsäußerung ist, so reicht es eben ganz
besonders tief in das Empfindungsleben der Frau. Frauentakt weiß ständig bas richtige zu tun. Frauen, takt wirb oft sogar im Schweigen ben passendsten Sinn und bie geistvollere Form ber Anteilnahme ober der Ablehnung verraten. Frauentakt wird stets das Schickliche erfassen und Unschickliches zu meiden wissen.
Takt ist eben eine feine Kunst. Sie lehrt einer gewonnenen Ueberzeugung treu zu bleiben, sie fördert sittliches Freisein, ste trägt Rücksichtnahme und Höflichkeit in sich.
Frauen ist Taktgefühl unerläßlich, im Salon wie im schlichten Kinderzimmer, auf der Straße wie im vertrautesten Beisammensein zu Hause, dem Fremden wie dem eigenen Manne gegenüber, im privaten wie erst recht im Berufs» und im öffentlichen Leben. Durch Takt gewinnt die Frau und das Mädchen überall an Einfluß und mit ihm stärkt sie die Lebenskraft und die Freude am Dasein. „Talent," sagt ein Dichter, „ist eine Macht, aber Takt macht den Menschen geachtet und am meisten die Frau."
Wintermoöe und Matz-Schneiderei.
Man schreibt uns:
Das Bewußtsein, gut und vornehm angezogen zu wirken, erhöht das Selbstgefühl und die Sicherheit des Auftretens. Worin besteht aber das Geheimnis, die Kunst, sich richtig zu kleiden? Sie besteht darin, die Linien und Farben der jeweiligen Mode mit den Simen des Wuchses, mit der Farbe der Haut, des Haares, der Augen so eng zu verbinden, daß Modeform, Materialwirkung und das persönliche Temperament jene weiche Anmut erzeugen, die wir als vollkommene Har- monie ber weiblichen Erscheinung nicht vermissen wollen.
Die kluge Frau wird daher bei Erwägung ihres Klei- derbedarfes immer bie persönliche Beziehung zu ber feinsinnigen unb fachlich burchgebildeten Schneiderin suchen. Sie weiß, daß die kundige Führung des Fach, mannes notwendig ist, wünscht sie eine wohltuende Er> gänzung ihrer Persönlichkeit durch das Kostüm. 9m einfachsten Gewände wird ste schön und apart wirken, wenn fachlich geschulte Beratung ihr Hilst, die Eigenart ihres Wesens zu unterstreichen.
Man darf behaupten, daß die Entfremdung der Mode von der Rücksicht, die die Eigenart der Trägerin mit Recht verlangt, ihren Tiefpunkt erreicht hat. Alles deu- tet darauf hin, daß die auf Einzelleistung gestellte Maßschneiderei vor einem Aufschwung steht, den bereits der Verlauf der Wintersaison offenbaren wird. Eine allgemeine Besserung der Wirtschaftslage ist nicht mehr nur eine bloße Hoffnung. Sie unterstützt die Regsamkeit des fleißigen Handwerks, das all feine Bereitschaft, sein Können und seine liebevolle Kleinarbeit in den Dienst des Individualleistungen heischenden Publikums stellen wird, wenn diese wieder stärker nach seinen Erzeugnissen verlangt.
Die neuen Modeformen des Frauenkleides beanspruchen ein intensives Hineinoersenken in bie Eigenart jener einzelnen Gestalt. Die Vielseitigkeit der Erscheinungen verlangt größte Vorsicht in ber Wahl bes Schnittes wie in der Behandlung des Stoffes. Die gebluften Konturen des Oberkörpers und der Aermel gebieten wei- feste Enthaltsamkeit in der Aufteilung der Linien. Eine geringe Abweichung, ein Zuviel der Fältelung bringt die Gefahr, ins Unschöne, ins Lächerliche, Karrikaturen- hafte zu verfallen. Die Proportion muß aufs pein- lichste beobachtet und erwogen werden. Geringe Abnormitäten, starke Hüften usw. bedingen wohlburchdachten individuellen Zuschnitt und exakteste Anordnung der Weite, des Faltenspieles. Alles das kann den Schein der Schlankheit erzeugen, aber unaufmerksame Anord- nung wird Plumpheit des Gesamteindruckes unweigerlich zur Folge haben. Die Vielheit der Formen ist'der Massenleistung immer gefährlich; aber die Erscheinung
der deutschen Frau ist nun einmal durchaus einmalig, sie läßt sich nicht ohne weiteres vertrusten und amerikanisieren. Diese Erfahrung machen alle modeschaffen- den Industrien. Die Allerweltsschablone läßt sich nicht über die modetragende deutsche Frau zwängen, so wenig wie eine deutsche Schablone anderwärts passen will. Das müssen wir unbedingt beachten. Es muß für unsere ganze Einstellung maßgebend fein. Das Bestreben, es künstlich ändern zu wollen, führt zu Verzerrungen und verstimmt. Es geht wider die Eigenart deutschen ®e- sens.
Es gibt in Deutschland eine weit verzweigte Frauengruppe, die sogar mit Eifer und Zähigkeit bemüht ist, bas rein beutsche Kleid zu schaffen. Leider hat sie sich von Verirrungen nicht ganz frei gehalten. So müssen denn Maßschneider und Maßschneiderinnen ihre Aufgabe darin erblicken, das erstrebenswerte Ziel dadurch zu erreichen, daß sie das modische Kleid individuell gestalten, indem sie dem Stil ihrer Erzeugnisse eine breitere Basis geben und extravagante Ausdrucksformen vermeiden. Sie suchen die Frauengestalt harmonisch in den Rahmen hineinzustellen, der durch die heutige Welt, bas öffentliche Leben, den Rhythmus dieses Lebens bezogen ist. Auch Zurückhaltung ist deutsch.
Der Reichtum des Materials kommt allen Wünschen entgegen. Eine prächtigere Farbenskala kann kaum noch erdacht werden. Beliebt ist alles, was weich und schmiegsam ist Aus dem Vielerlei der Webarten, des Materials, dem Schmelz weicher Stoffe, der fast unerschöpflichen Fülle zarter Farben und der überaus reichen Wandlungsfähigkeit der Formen kann für jede Dame, für jede Gestalt das Gewand gezaubert werden, das nur für ste bestimmt ist. In dem eigens für sie erdachten Kleide, in ber bei aller Rücksicht auf die Mode nur auf ihre intimste Persönlichkeit abgestimmten Eom- pofition aus schönem Stoff, Farbe, Form, Llnienanord- nung und Schmuckwerk wird das besondere ihres We- sens, der liebenswürdige Reiz ihrer Erscheinung erst voll zur (Entfaltung gelangen. AN das bietet nur Maßarbeit. Maßarbeit ist doch bester.
Gemüse als Medizin.
Von Charlotte Ullmann.
Der große Wert, den ber reichliche Genuß von Gemüsen unb Obst für bie menschliche Eefundhrft hat, ist allgemein bekannt, allein weniger weiß mancher von ihren befonberen Eigenschaften unb ben verschiedenen Wirkungen, bie sie bei ben Menschen erzielen. Diese Unkenntnis kann oft zu schweren Fehlern führen, benn was bem einen heilsam ist, kann den anderen schädlich beeinflussen
Alle Gemüse enthalten Nährsalze in großer Menge, und wir sind glücklicherweise immer mehr von der früher allgemein üblichen Art abgekommen, bas Gemüse abzu- kochen und mit feinem Kochwasser zugleich den Nährwert des Gemüses fortzugießen. Auf die richtigste Art wird das Gemüse nur mit dem Wasser, das nach dem Abwaschen und Abtropsen an seinen Blättern hängen bleibt, gekocht, und zwar in gutschließendem Kochtopf. Bei grünen Erbten, Mohrrüben und dergleichen, die man nach dem Zurechtmachen gleich in Butter ober Fett durchdampft, kommt diese Zubereitung natürlich nicht in Betracht. Bei anderen Gemüsen, z. B. Spargel, Blumenkohl usw. bei denen ein Abkochen geboten ist zum ®armer ben, schränke man bie Zugabe von Flüssigkeit tunlichst ein unb benutze bas gute Kochwasser zur Herstellung von Suppen und Soßen.
Arn aromatischsten finb bie Früchte bireft vom Strauch ober Baurn gepflückt, bas Gemüse um fo gesi'in- ber, je frischer man es verzehrt. Das ist für bie Städtebewohner aber mir selten zu ermöglichen. Hier muß bie Hausfrau beim Einkauf von Obst unb Gemüse hoppelt sorgfältig prüfen. Gemüse, dessen Blattwerk gelblich ober welk, Obst, dessen Stiele braun ober bürr finb,
tauft man lieber nicht. Bei ben Gemüsen muß an erster Stelle ber Spinat genannt werden. Er hat einen hohen Gehalt an Eisen, daher für Blutarme empfehlenswert, sollte aber von Leberleidenden in nur ganz beschränktem Matze genoffen werden. Er.ist leicht verdaulich, daher für bie Krankenküche sehr geeignet.
Frisch gestochen unb auf Sanbboben gewachsen, ist der Spinat ganz besonders zart und wohlschmeckend. Er hat einen großen Gehalt von milden, organischen Salgen. Tomaten enthalten vorzugsweise Zucker, Eiweiß und Kohlehydrate. Sie heben starke Magensäure auf, lindern Magen- und Darmbeschwerden und sind, in rohem Zustande verzehrt, für Menschen mit Anlage zu Gicht sehr empfehlenswert.
Alle Rübenarten sind blutreinigend, aber durch ihren großen Gehalt an Schwefel für manchen Magen nicht zuträglich Gegen Katarrhe der Atmungsorgane ist frischausgepretzter Rübensaft sehr gut, ebenso als Gur- gelroaffcr, da er auflösend wirkt. Gegen Frostbeulen hat eine Abkochung von Rübenschalen sich gut bewährt.
Mohrrübensaft wird gegen Husten und Heiserkeit mit gutem Erfolg angewendet. Bei Mundfäule und Schwämmchen wird der Saft mit einem weichen Pinsel auf die erkrankten Stellen gestrichen. Er zieht zusammen und beschleunigt daher die Heilung.
Die Kartoffel enthält eine bedeutende Menge von Kaliumkarbonat, Eiweiß und Kohlehydrate. Bei Ver- letzungen wirken Umschläge von Kartoffelsaft oder Kartoffelbrei außerordentlich lindernd. Besonders bei Brand- und Schnittwunden sind diese beiden Hausmittel von großem Wert.
Rettiche wirken harntreibend und erleichternd bet Blasensteinleidenben. Saft von schwarzen Rettichen, mit Zucker vermischt, ist ein gutes Hustenmittel. Meerrettich- saft hilft gegen Blähungsbeschwerden.
Die Gurke als Salat ist für Menschen mit empfindlichem Magen nicht ratsam. Frisch ausgepreßter Gur- kensaft ist ein vorzügliches Mittel Air Hautpflege. Inner- lich angewendet, ist er für Lungenleidende erfrischend und beruhigend. Man gebraucht ihn auch zu kühlenden Um- schlügen.
Alle Kohlarten enthalten viel Schwefel, sie sind gegen manche Hautleiben sehr gut. Sie blähen durch ihren Schwefelgehalt aber sehr stark unb bürfen baher von •Dtagenleibenben nur in beschränktem Maße genossen werben.
Garten- unb Brunnenkresse ist außerordentlich blut- reinigend. Als Heilmittel wird Brunnenkressensalat mit Zitronensaft angemacht, statt mit Essig, auf diese Art oft wochenlang als Blutreinigungskur genoffen. Der frisch ausgepreßte Saft eignet sich gegen Gelbsucht, Hautaus» schlüge und Darmleiden.
Grüner Salat ist oerbauungsförbemb und appettt« anregenb.
Auch Zwiebeln unb Knoblauch enthalten viel Nähr- salze unb Kaliumbikarbonat. Man nimmt sie innerlich ein in rohem ober gekochtem Zustande gegen Wasser- sucht. Sie wirken schweiß- unb harntreibend unb an* regend auf die Verdauungsorgane.
Artischoken sind gleichfalls reich an Nührsalzen und Kohlehydraten, ebenso bie gebleichten Blätter unb Stengel der Zichorie.
Stengel- ober Bleichsellerie sowohl wie bie Sellerieknollen sind für bie menschliche Gesundheit wertvolle Gemüse. Sie dienen zur Erneuerung des Blutes. Puff- ober bicke Bohnen haben einen starken Gehalt an Nähr- salzen unb Eiweiß. Sauerampfer ist von wohltätigster Wirkung für ben Blutumlauf.
Nachbem wir bie Wissenschaft vom Werte der Vitamine kennen, schützen wir alle Gerichte von frischen Ge» müsen, Salaten unb Kräutern boppelt. Die Hausfrau würzt mit ben begehrten neunerlei Kräutern ihre Tunken, um sie wohlschmeckend unb abwechslungsreich zu gestalten, als: Dill, Kerbel, Estragon, Sauerampfer, Kresse, Fenchel, Borasch, Schnittlauch und Petersilie.
Unter falscher Flagge.
Roman von 3." Hohenfeld.
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„Solche Entschlüsse halten gewöhnlich nicht fange vor," lautete feine herzlose Antwort, „doch da ich Sie jetzt verlassen mutz, werbe ich mir erlauben, Ihnen lebe Gelegenheit zu einer Flucht zu nehmen!"
Bei biesen Worten zog ber Graf einen Strick unter bem Sitz hervor unb banb bem jungen Mäbchen bie Arme auf ben Rücken unb sodann, trotz ihrer Gegenwehr, sie selbst hinten am Wagen sitz fest; hierauf schlug er ihren Mantel sorgfältig um sie herum, io daß man von ben Stricken, mit denen die Aermste gefesselt war, nichts sehen konnte.
„Soll ich ihr auch den Mund verstopfen, Bernarb?'' fragte ber schurkische Edelmann mit einem grausamen Lächeln.
,0, nein, nein!" stöhnte Giralda. „Ich will gewiß nicht nach Hilfe rufen!"
„Ich glaube es Ihnen auf Ihr Ehrenwort," sagte bet Elende, welcher selbst keine Ehre besah. „Ich muß jetzt nach bem Schlosse zurück. Doch zum Abschied noch ein Wort, Fräulein Alvarez. Ich empfing eine Depesche, gleich nach unserer Unterredung in dem Pavillon. Dieselbe ruft mich sofort nach Paris. Monsier Frossard, ein Eeheimspion, den ich annahm, teilt mir darin mit, daß er das Spiel gewonnen habe. Mit anderen Worten heißt bas, er hat bie Führte Ihrer Mutter bis zum Haufe Ihres Baiers ausfinbig gemacht unb ich werde, ehe die Sonne morgen wieder zur Neige geht, im Besitz des ganzen Geheimnisses sein!"
Nach diesen letzten Worten, welche bas junge Müd- chen fast ihrer Sinne beraubten, gab ber Graf seinem Diener ben Befehl, weiterzufahren.
Bernard roanbte bie Pferbe und fort ging es im schnellen Trabe dem alten Schlosse wieder zu. Kein Wort wurde unterwegs gewechselt. Kurz vor dem Parkeingang hielt der Wagen still, Graf (Eugen sprang auf die Erde und Bernard trieb die Pferde aufs neue an zur Weiterfahrt. Das Geführt rollte nun durch die- feltfe Gegend dahin, durch welche Giralda am Morgen desselben Tages auf ihrer Zulima geritten war.
Während der Fahrt versuchte das gefesselte junge Mädchen es verschiedentlich, des Dieners Milleid zu erregen, jedoch ohne (Erfolg. Er hielt, selbst als sie ihm
Geschenke anbot, seinen einmal eingeschlagenen Weg für ben sichersten unb besten.
Als sie bei der Stelle anlangten, wo am Morgen bie Brücke niebergeriffen war, fühlte Giralba eine neue Hoffnung in sich aufdämmern, daß ein Weiterfahren nicht möglich fein würde.
Aber Bernard, nach einem Augenblick des Ueberle- gens, wandte sich sogleich nach rechts und fuhr benStroin hinauf bis zu einer Stelle, wo ber Uebergang möglich war. Es befrembete Giralba, baß ein Mann, welche, gefügt hatte, baß er diese Gegend nie zuvor besucht, sich so rasch orientieren konnte.
Nachdem die Furt passiert war, erreichten sie aus ber anderen Seite wieder die Landstraße und die Fahrt ging nun schnell wieder vonstatten. Niemand begegnete ben nächtlichen Reisenben.
Die Lichter auf Kastell Ablershorst, bem Stamm- schlosse von Girolbas jungem Retter, schienen gleich Sternen von ben hohen Felsenklippen hernieber unb immer größer unb beutlicher würben jetzt biefe Lichter, so baß es dem jungen Mädchen war, als ob jeden Augen- blick Gilbert, ihre Gefahr ahnend, zu ihrer Rettung her- beieilen müßte.
Was hofft ein armes, verzagtes Gemüt nicht in seiner nachtdunkelsten Not?
Als der Wagen dem Felsen, auf welchem das alte Kastell lag, nahgekommen war, bog er in einen Seiten- weg ein unb fuhr in direkter Richtung nach der Seine davon.
„Wie lange haben wir noch zu fahren?" fragte Gl- rafba, welche zu frösteln begann unter dem Wehen des rauhen Nachtwinbes.
„Nur noch kurze Zeit. Sehen Sie bort bas Licht auf jener Felsenklippe?" Unb Bernarb zeigte mit ber Ejanb nach Sähen, wo ein einzelnes Licht in ziemlicher Höhe bemerkbar war. „Dort ist Ihr zukünftiger Aus- enthaltsort, Fräulein Dieses Licht ist bas Signal, baß man uns erwartet. Jenes Haus, wohin ich Sie bringe, ift sicherer als bas festeste Gefängnis unb Sie werben hort geschützt fein vor -allen Nachforschungen Ihrer Freunde."
Nach diesen höhnisch gesprochenen Worten trieb bet (Elenbe die Pferde zu noch rascherem Laufe an, während Giralda, von Schmerz überroätflgt und aller Kraft be raubt, auf ihren Sitz zurucksank, hoffnungslos und Der. zweifelnd.
XXVII.
Das Haus, welches der armen Giralda zum fflefäng» nis dienen sollte, stand, wie schon erzählt, auf dem Plateau einer hohen Felspartie, welche steil aus der Seine emporstieg. Diese Felspartie war jedoch nicht so hoch und auch nicht so groß wie diejenige, auf welcher das entfernt liegende Kastell Adlershorst sich befand.
Es gab nur einen Aufgang zu bem Haufe, nämlich ben beschwerlichen Weg über bie Klippen bergan, und diesen nahm jetzt Giralda unb ihr Begleiter. Das Haus lag vollstänbig abgeschlossen von ber Welt. Ein sicheres Verwahrsam wäre unmöglich zu finben gewesen im gaif zen Lanbe.
Das Haus war nur klein unb aus rohen Steinen erbaut. (Es sah verfallen unb vom Wetter mitgenommen aus, aber es hatte eine romantische Lage unb ein romantisches Ansehen. (Ein vernachlässigter Garten, in we». chem nur einige Büsche und Untraut wucherten, lag hinter bem (Bebäube. '
Als unsere Reisenden bem Hause näher tarnen und bas Geräusch der Rüder sich bemerkbar machte, wurde es drinnen lebendig Die Tür öffnete sich unb eine Frau trat auf bie Schwelle, welch« ein brennendes Licht über bem Kopfe emporhielt.
Beim Anblick biefer Frau würbe Giralda von neuen Hoffnungen erfüllt.
„Wer ist da?" rief bie Frau mit rauher Stimme tn die Dunkelheit hinaus.
„Ich bin es, Bernard, mit ber jungen Dame", war bie vorsichtig gegebene Antwort.
„Dann treten Sie näher" tönte es wie zuvor. „Mein Mann ist nicht zu Hause, er ist nach bem Orte hinunter. Ich bin allein."
Vernarb fuhr mit bem Wagen bis bicht an bie Tür. wo er stillhielt, um zunächst Giralda ihrer Bande zu entledigen.
„Gebunden?" rief die Frau, ihr Licht fo haltend, daß der schuftige Diener besser sehen konnte. „3ft wohl widerspenstig? Dann habt ihr sie nach bem richtigen Orte gebracht. Schaffen Sie ste nur ins Haus!" Nachdem Giraldas Fesseln gelost waren, nahm Bernard sie auf den Arm und trug sie ins Haus hinein, geführt von ber Frau, welche ihm voranleuchtete.
Das Haus enthielt nur vier Räume, zwei untin und zwei oben. Die Räume waren von mittlerer Größe. In der Kucke brannte ein helles Feuer ün Kamin.
Hierher brachte Bernarb Giralba. Er setzte sie fo gart als möglich auf einen großen, harten Lehnstuhl, welcher vor dem Feuer stand.
Das Zimmer war einfach möbliert. Alles war sauber und ordentlich, aber kein einziger Gegenstand, ber auf Luxus, nicht einmal auf Komfort Anspruch mache» konnte, war darin enthalten. Die Fenster hatten keine Gardinen, doch waren hölzerne Läden von außen an- gebracht, welche jedoch jetzt nicht geschlossen waren.
Die Frau stellte das Licht auf einen rohgezimmerten Tisch und schloß die Fensterläden. Daraus kam sie zu. rück und blieb vor dem jungen Mädchen stehen, sie neugierig ansehend.
Giraldas Mut sank bedenklich, als sie ihre Gefangenwärterin in ber Nähe betrachtete. .
Sie ftanb in den mittleren Jahren, war groß unb stark und hatte Muskeln wie ein Seemann Sie trug ihr Haar, welches schon einige Stlberfäöen zeigte, zurück» gekämmt unb am Hinterkopf in einen Knoten vereinigt. Jhxe Gesichtszi'ige waren hart wie Stein. Bon Weiblichkeit war keine Spur in ihren Mienen zu entdecken. Kein Zweifel, von dieser Frau hatte Giralda keine Mild«, kein Mitleid zu erhoffen.
Sie war die Frau eines Fischers, und beide Eheleuw standen nicht in dem besten Rufe bei ihren etwas entfernt wohnenden Nachbarn, weshalb auch selten jemand „u ihnen kam. Ein passenderes Gefängnis fer Giralda hätte Graf Lamartin gar nicht ausfindig machen können.
Die Wahl ber Gefängniswärter war, von feinem Gesichtspunkte aus, ebenso gut getroffen. Frau Bichon war bes Grafen Amme gewesen unb die wenigen belferen Gefühle, die sie noch besaß, gehörten ihm, ihrem früheren Pflegling. Er hatte ihr zu verschiedenen Ze«, ten durch Unterstützungen Beweise seiner Anhänglichken gegeben, auch ihre jetzige Wohnung war ein Geschenk von ihm.
An dieses würdige Paar hatte der Gras gedacht, als er den Entschluß, Giralda zu beseitigen, faßte, unb er war auch gleich nach seiner Begegnung mit seinem Ofener Bernarb hinübergeritten, um Bichau unb feinergrau feinen Vorschlag mitzuteilen. Das Versprechen eines großmütigen Geschenkes im Falle bes Gelingens seines Planes hatte benn auch sofort den gewünschten Erfolg indem die Frau ihm versprach, strikte feinen Befehlen gemäß handeln zu wollen.
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