Beilage zur Zuldaer Zeitung
Für unsere Frauenwelt. Nr. 220 vom 23. Sept. 1926.
Nm Morgen.
Von Franz CC i n g i a-Schramberg.
Es löst sich schon do» sanfte Schweigen, Langsam werden Bogelstimmen wach Und schweben wie ein Spiel von Geigen Durch das traumerfüllte Waldgemach.
Bald schimmern zart die Sonnenstrahlen Wie ein schönes Band von Baum zu Baum Und schütten aus den goldnen Schalen Lebensbalsam über Nacht und Taum.
Denn hebt gewaltig an zu schwingen Aller Vöglein wunderbarer Sang Und ferne Morgenglacken dringen 2n den neuen Tag mit Iubelklang.
Frauentum in Öen Dichtungen der Droste.
Don Dr. Heinz Stephan, Köln a. Rh.
Wer die herben Heidegedichte und die schaurigen Balladen der Annette von Droste-Hülshoff kennt, wer ihre Musternovelle „Die Iudenbuche" liest, wird vielleicht das edle Frauentum vermissen, daß man dieser feinnervigen, westfälischen Adeligen und größten deutschen Dichterin mit Recht nachrühntt. Den Adel und die Tiefe ihrer im heiligsten Sinne fraulichen Denkweise knapp zu umreisten, ist der Zweck dieser Zeilen.
Vielleicht ist es dabei nicht uninteressant, ein Bild ihrer Persönlichkeit ooranzustellen, wie es ihr intimster Freund Levin Schücking zeichnete: „Ihr Aeußeres macht« einen eigentümlichen Eindruck. Diese, wie ganz durchgeistigte, leicht dahinschwebende, bis zur Unkörperlichkeit zarte Gestalt, hatte etwas Fremdartiger, Elfen- Haftes. Sie war fast wie ein Gebilde aus einem Märchen. Die auffallend breite, hohe und ausgebildete Stirn war umgeben von einer ungewöhnlich reichen Fülle hellblonden Haares, das, zu einer hohen Krane autaewun- den, auf dem Scheitel befestigt war. Die Rase war lang und fein und scharf geschnitten. Auffallend schön war der zierliche kleine Mund mit den beim Sprechen von Anmut umlagerten Lippen und feinen Perlenzäh. nen. Der ganze Kopf aber war zumeist etwas vorge. beugt, als ob der xarten Gestalt schwer werde, ihn zu tragen, oder wegen der Gewohnheit, ihr kurzsichtiges Auge ganz dicht auf die Gegenstände zu senken..."
Obwohl dieser Frau, die durch ihre zarte Gesund- heit stets in der Auswirkung ihres Frauentums behindert wurde, die Erfüllung ihres Wesens als Gattin und Mutter durch ein hartes Geschick versa") blieb, vermochte sie doch Frauenlchicksnl aus den innersten Ouellaründen echter Weiblichkeit heraus zu gestalten. Schon ihrs ins Kleinste liebevoll sich versenkende Hingabe an die Natur ist Ausdruck gesunder Frauenart. Die zarte Sorge um Kinder, wie sie etwa im „Heidemann" so lebendig wird, ist der Wurzel mütterlicher Liebe entwachsen. Die auf- opferungsvolle Treue, mit der sie in Bonn ihre Freundin Frau Merians und auf Rüschhaus ihre alte sterbende Amme gepflegt hat, ist Ausfluß edelster Herzensbildung. Freudige Erinnerung wird ihr selbst solche Opfertat, die ihr nicht leicht wurde; in Bonn schreibt sie -Nach fünfzehn Jahren":
«Du Bett mit seidnem Fransenhang geziert, wie hab ich deine Falten oft berührt, mit leiser, leiser Hand gehemmt ihr Rauschen, wenn ich mich beugte durch den Spalt zu lauschen, mein Haupt so müde, daß e» schwamm wie trunken, so matt mein Knie, daß es zum Grund gesunken."
Diese zur Einsamkeit verurteilte Jungfrau besaß efn inniges Familiengefühl, in dem sich ihr Heiligstes verkörperte:
„O, wenn dich Zweifel drückt herab
Und möchtest atmen Aetherluft
Und möchtest schauen Seraphsflügel, Dann tritt an deines Vaters Grab! Dann tritt an deines Bruders Gruft! Dann tritt an deines Kindes Hügel!"
Die Unbeugsamen.
So vermag die Droste auch das Wethnachtswunder in schlichter Natürlichkeit zu verlebendigen:
In einer Krippe ruht ein neugeboren
und schlummernd Kindlein; wie im Traum verloren die Mutter kniet, Weib und Jungfrau doch.
Ein ernster, schlichter Mann rückt tief erschüttert das Lager ihnen; seine Rechts zittert dem Schleier nahe um den Mantel noch."
Am Weihnachtstage.
Die Frau ist ihr berufene Wahrerin der Menschen- würde, Hüterin der Reinheit. Packend gestaltet sie in der Ballade „Der Geierpfiss" die Geschichte der wun. berbar vor gemeiner Gewalttat bewahrten Frau und singt in den „Acht Seligkeiten" des Geistlichen Jahres dos Hohelied der Jungfräulichkeit:
„Ueberfeltg reine Herzen, Unbefleckter Jungfrau» Sinnen, Denen Kindeslust das Scherzen, Denen Himmelshauch das Minnen. Die wie an Altars» Kerzen Zündeten ihr klar Beginnen: Unbefleckter Jungfraun Sinnen, „Selig, selig reine Herzen."
Mit überströmender Liebs hing Annette an ihrer Mutter, in vollen Tönen singt sie von der Kindesliebe. Als sie ihrer Mutter ein eigen Lied aus frommer Seele schenken möchte, muh sie erkennen, daß da» Tiefste, was der Mensch empfindet, nicht in Worten zu fassen ist:
„Doch wie ich auch gesonnen mehr und mehr, und wie ich auch die Reime mochte stellen, de» Herzens Fluten wallten drüber her, zerstörten mir des Liedes zarte Wellen."
An meine Mutter.
Wie ergreifend spricht sorgenvolles Sehnen nach einem Mutterwort aus ihrem Gedicht „Der Brief aus der Heimat", das ausklingt in der freudig bekann. ten, ganz schlicht ausgesprochenen Wahrheit: „ach, eine Mutter hot man einmal nur!" — Wenn sie der Heimat „Grüße" schickt, denkt sie auch der Kammer.
wo immer
die treuste Seele mein vergißt
und jetzt bei ihres Lämpchens Schimmer
für mich den Abendsegen lieft . . ."
Wo die Dichterin die Pflichten umschreibt, die ihr Beruf ihr auferlegt, da findet sie die prachtvollsten Worte für alles, was sie, was jeder Mensch der Mutter verdankt:
„Denk' an das Äug', das überwacht noch eine Freude dir bereitet, denk an die Hand, die manche Nacht dein Schmerzenslager dir gebreitet, des Merzens denk', das einzig wund und einzig selig deinetwegen, und bann knie nieder auf den Grund und fleh' um deiner Mutter Segen!"
Mein Beruf.
Annette besaß auch selbst die gnadenvolle Fülle, ble zur Mutterschaft gehört. Zu ihren schönsten Schöpfun. gen gehört „Die junge Mutter", jene seelenvolle bra» matisch belebte Dichtung, in ber sich heiligste Mutter- freube und kaum erahntes schwerstes Mutterleib zu tief bewegender Wirkung mischt:
Die junge Mutter.
5m grün verhangnen duftigen Gemach
Auf weißen Kissen liegt die junge Mutter;
Wie brennt die Stirn! sie hebt das Auge schwach Zum Bauer, wo die Nachtigall das Futter
Den nackten Jungen reicht: „Mein armes Tier", So flüstert sie, „und bist du auch gefangen
Gleich mir, wenn draußen Lenz und Sonne prangen, So hast du deine Kleinen doch bei dir."
Den Vorhang hebt die graue Wärterin
Und legt den Finger mahnend auf die Lippen;
Die Kranke dreht bas schwere Auge hin, Gefällig will sie von bem Tranke nippen. Er munbet schon und ihre bleiche Hand Faßt fester den Kristall — o milde Labe! — „Elisabeth, was macht mein kleiner Knabe?" „Er schläft," versetzt die Alte abgewandt.
Wie mag er zierlich liegen! Kleine» Dingi —
Und selig lächelnd sinkt sie in die Kissen; Ob man den Schleier um die Wiege hing, Den Schleier, ber am Erntefest zerrißen. Man sieht es kaum, sie flickte ihn so nett, Daß alle Frauen höchlich es gepriesen, Unb eine Ranke ließ er drüber sprießen- — „Was läutet man im Dom, Elisabeth?"
„Madame, wir haben heut Mariatag."
So hoch im Mond? Sie kann sich nicht besinnen. Wie war e» nur? — Doch ihr Gehirn ist schwach. Und leise suchend zieht sie aus den Sinnen Ein Häubchen, in dem Strahle kümmerlich Läßt sie den Faden in die Nadel gleiten.
So ganz verborgen will sie es bereiten.
Und leise, leise zieht sie Stich um Stich.
Da öffnet knarrend sich die Kammertür, Vorsicht'ge Schritte übern Teppich schleichen. „Ich schlafe nicht. Reiner, komm her, komm her! Wann wird man endlich mir den Knaben reichen?" Der Gatte blickt verstohlen himmelwärts. Küßt wie ein Hauch die kleinen, heißen Hände: „Geduld, Geduld, mein Liebchen, bis zum Ende! Du bist noch gar zu leibend, gutes Herz."--
„Du duftest Weihrauch, Mann." — „Ich war im Dom; Schlaf, Kind!" Unb wieder gleitet er von bannen. Sie aber näht unb liebliches Phantom
Spielt um ihr Aug, von Auen, Blumen, Tannen.
Ach, wenn du wieder siehst die grüne Au, Siehst über einem kleinen Hügel schwanken Den Tannenzweig unb Blumen drüber ranken, Dann tröste Gott dich, arme junge Frau!
Von einer frühen Siebe enttäuscht, sollte Annette nie wieder die Schwingungen innigster Verbundenheit von Mann und Weib an sich erfahren. Was sie mit Senin Schücking verband, war mehr ein Mittelding zwischen Freundschaft und mütterlicher Zuneigung, al» liebende Hingabe ihres Weibtums an einen (^forenen. Trotz- dem weiß sie um die Erfüllung der \ u als Gattin. „Die beschränkte Frau" ist groß in der Opfertat, die sie für den Mann, dem sie ihre Liebe geschenkt hat, all ihr Besitztum, Gegenstände der Kindheitserinnerung und des Hausfrauenstolzes, freudig hingeben läßt. Ja, in der Ballade „Der Graf von Thal" nimmt die Frau die schwerste Schuld, den Selbstmord, auf sich, um ihren Gatten vor Schuld zu bewahren: „Es mußt ein Sünde geschehen — Ich hab' sie für dich getan!'
Schuld unb Schmach kann liebende Herzen nicht trennen; noch „am Rabensteine unterm Rade" kniet Isen- burgs Weib unb scheucht mit ihrem Tuch ble Raben vom Leichnam bes unehrenhaft Gestorbenen:
„Er war ihr Held, er war ihr Licht — und, ach! ber Vater ihrer Knaben!" (Der Tob des Erzbischofs Engelbert von Köln.) Auch ihren Beruf sieht die Droste ausdrücklich unter dem Gesichtswinkel ihrer Berufung als Frau. Sie erlebt den Ruf nach lebendiger Weiblichkeit, nach aktiver Betätigung der Frau im Gemeinschaftsleben:
„jetzt ruft die Stunde: „Tritt hervor, Mann ober Weib, lebenb’ge Seele!"
(Mein Beruf.)
Eie menbet sich mit begeifternber Mahnung „An bie I Schriftstellerinnen in Deutschland unb Frankreich", oer- |
trauenb auf den sicheren, weiblichen Instinkt edelster Führerschaft:
„ward denn ber Führer euch nicht angeboren
in eigner Brust, daß ihr ben Pfad verloren?"
Sie warnt vor Sentimentalität unb irrgehendem männischem Wesen; sie zeigt klar die Ausgabe der Frau.- „Bor allem aber pflegt das anoertraute, das heil'ge Gut, gelegt in eure Hände, weckt der Natur geheimnisreichste Laute, kniet vor des Blutes gnadenvoller Spende;
De» Tempels pflegt, den Menschenhand nicht baut», und schmückt mit Sprüchen die entweihten Wände, daß dort, aus dieser Wirren Staub und Mühen die Gattin mag, das Kind, bie Mutter tnieen*
Nur schwache Slnbeutungen mögen bie hier lose oer- bunbenen Worte der Droste zu geben von ihrem hochherzigen Frauentum, bas Symbol sein sollte für deutsche Frauen aller Zeiten.
KeHerfäuberung im Herbst.
Von Johanna Seger -Dresden.
Nur wenige Tage Tage trennen uns noch vor der Einlagerung unserer Wintervorräte in ben Keller, was allen Hausfrauen Anlaß fein sollte, vorher noch einmal eine grünbliche Kellerreinigung vorzunehmen, eine Arbeit, die leider vielfach als unnötig, ja als überflüssig erachtet wird. Bei einer praktischen unb orbentlidjen Hausfrau muß ber Keller aber genau so aufgeräumt unb sauber fein, wie bie Wohnung, wenn man auch Dinge darin aufbewahrt, die an sich schmutzig sind, wie Kohlen und Holz. Wer keine zwei Keiler besitzt, die eine Trennung von Lebensmitteln unb Brennmaterial ermög- lichen, der sorge wenigstens durch gründliche Abdeckung, daß die Lebensmittel nicht durch Kohlenstaub verunreinigt werden können. Kartoffeln bewahrt man am besten in Kisten auf, die leicht zugedeckt werden können. Ist der Keller kalt, so schütze man sie im Winter noch durch eine Sage Stroh, die man unten in die Kille legt. Einmachtöpfe bewahrt man im Keller auf Gestellen unb stehenb auf, einerseits wegen ber besseren Uebersicht, andererseits aber auch wegen bem Ungeziefer, das auf diese Weise bie Vorräte nur schwer erreichen kann. Wein, auch Obstwein aus Stachelbeeren unb Johannisbeeren muß stets liegenb aufbewahrt werben, am besten auf Flaschen abgezogen. Jede Flasche trage ein kleines Schildchen, bas auf ben Inhalt hinweist. Wer auf Kontrolle hält, kann bie einzelnen Flaschen auch nummerieren. Solange bie Tage noch wärmer unb frostfrei sind, sorge man für frische Lust im Keller. Dieselbe kommt ben Vorräten zugute, bie sich in frischer Lust viel besser konservieren, wie in ber bumpfen Kelleratmosphäre, bie bei Entwicklung von allerlei Schädlingen nur günstig ist.
Praktische winke.
f. weiße Fiizhüle auf rasche Art sauber zu mache«. Seiber hat der weiße Filz die unschöne Angewohnheit, Staub und Schmutz sehr rasch anzunehmen unb nach mehrwöchigem Tragen sieht ber Hut unsauber unb grau aus. Das Reinigenlassen ist kostspielig; bauert mitunter auch recht lange. Hier kann sich jede Besitzerin eines weißen Filzhutes binnen einer halben Stunbe bae blütenweiße Aussehen ihrer Kopsbebeckung selbst für B Pfennige wieder Herstellen. Man kaust sich einen Bogen feines Sanbpapier, schneidet davon ein Stückchen ab und reibt mit diesem den weißen Filzhut ab. Man muß natürlich mehrfach ein neues Stück Sandpapier nehmen, da sich der Sand rasch herunterreibt. Aber ein Bogen dieses Papieres reicht lange zum Säubern eines Hutes aus. Auf diese Weise tarnt man einen weißen Filz Hut alltäglich sprupellos tragen, ist er doch rasch wieder sauber durch eigene Kraft. Ist der Hut sehr unsauber ge» worden, so reibt man ihn nach ber Bearbeitung mit Sandpapier noch mit einem weißen Leinenlappen ab, den man in trockene Magnesia eingetaucht. M. I.
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Ruf 5
Unter falscher Flagge.
Roman von 3. Hohenfeld.
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„Gekannt, Fräulein?" entgegnete ber alte Mann eifrig. „Er war mir so lieb wie mein Augapfel! Wie manchesmal bin ich mit ihm bis nach den Seen! Wie manchesmal finb wir zusammen auf ber Jagd gewesen! Er war ber beste Reiter unb der beste Schütze in der ganzen Umgegend, ber edelste unb fröhlichste Jüngling, der je gelebt hat! Ihre Augen, Fräulein, gleichen ben feinigen ganz unb gar!"
Unb ber alte Diener starrte sie Überrascht an unb fügte bann nach einer Weile traurig hinzu
„Er starb in einem fremben Lande, der arme, junge Herr! Ich kann es noch immer nicht überwinden!"
„Wieviel doch alle von ihm gehalten haben!" sagte bas junge Mäbchen mit einem Seufzer. „Keiner ber Diener scheint recht baran zu glauben, baß er seinen Onkel hat ermorden wollen, trotzdem der Schein gegen ihn ist. Nur der Herr Marguts glaubt an seine Schuld!"
„Der alte Marquis verurteilte ihn blind in feinem Zorn," erwiderte der alte Mann einfach. „Wir Diener aber haben zu viel von ihm gehalten, als daß wir an feine Schuld glauben konnten. Es kommt hinzu, daß Graf Eugen von Samarlin, ber andere Neff« bes alten Herrn, feinem Vetter nie gut gesonnen war unb seinen Onkel immer mehr gegen ihn einzunehmen gewußt hat."
Dem jungen Mäbchen klangen biefe Worte noch in ben Ohren nach, als sie ihr Roß wieder in Trab setzte, um bis nach dem nahen Landsee zu reiten.
Auf einem Hüe^l angelangt, hielt sie ihren Hengst an unb versenkte sich ganz in bie Schönheit ber Szenerie, bie sich vor ihren Blicken ausbreitete.
Zur rechten Hand an dem See lag ein kleines Dorf, unter bem Schutze einer vorspringenden Felspartie, meldje sich stolz in die Lüste erhob unb auf ber sich ein großes Gebäube mit Türmen unb Wällen zeigte; bieFen- ster erglänzten in ber Sonne, welche gerabe in diesem Augenblick wieder durch die Wolken brach und bie verwitterten Wcinbe beleuchtete, bie bas Alter bes Gebäubes kennzeichneten.
„Das muß eins ber alten Schlösser sein, von denen | üt) gelesen habe." faate bas junge Mäbchen halblaut. „Es I
. muß herrlich sein, bort oben zu wohnen. Ist bas Schloß schon sehr alt, Favre?"
„Es ist etwa dreihundert Jahre alt, Fräulein," erwiderte ber alte Diener. „Es ist Kastell Adlershorst, eines ber Besitztümer des Herzogs von Beaufort. Cs ist ein stolzes Geschlecht, das der Beauforts, Fräulein. Einer der Söhne heiratete eine Erbin aus der Nor- manbie, welcher dieses alte Kastell gehörte. Es ist von Geschlecht zu Geschlecht vergrößert und in seiner Ausstattung prunkvoller gestaltet worden."
„Eins ihrer Besitzungen?" wiederholte Giralda. „Haben bie Beauforts beim mehrere solcher Schlösser?"
„Ja, Fräulein, bie Beauforts sind sehr wohlhabend. Sie haben viele Besitztümer. Sie besuchen diese» alte Schloß jedes Jahr, ober wenigstens sie taten es, bis im vorigen Herbst der alte Herzog starb. Seitdem hat der junge Herzog sich dort oben in Kastell Adlershorst eingeschlossen. Er steht ganz allein in ber Welt, Fräulein!"
Giralba gab nach ben letzten Worten bes alten Die. ners ihrem Pferde einen leichten Schlag auf den schönen Hals unb wandte es. Im leichten Schritt ging es nun bie Höhe wieder hinhab.
Am Abhange des Hügels war eine wilde Schlucht, durch welche ein durch Frühlingsstürme und vielen Regen angeschwollener Bergstrom schoß. Jenseits des Wassers stieg eine ziemlich steile Felswand empor.
Der Strom trug eine alte, rohgezimmerte, hölzerne Brücke, gegen welche das hoch geschwollene Wasser brau- send anschiug, so daß sie in ihren Fugen erzitterte.
Giralda hielt ihr Pferd an und überblickte die Situation.
Sie bemerkte, daß am jenseitigen Ufer ein Weiben- baum fast gänzlich vom Wasier au»gerobet war, so baß er teilweise über die Brücke hinüberging und bie Wurzeln beinahe bloß lagen.
„Ich fürchte, daß da» da» Gewicht bes Bferbes zuviel sein wirb für biefe alte, morsche Brücke," sagte bas* junge Mäbchen zu ihrem Begleiter, ber in biefem Augenblick neben ihr anlangte. „Unb dennoch scheint es mir, als ob heute morgen schon jemand dieselbe passiert hat, ich sehe deutlich die Hufspuren im Sande. Warten Sie, bis ich hinüber bin, Favre, unb dann erst folgen Sie mir."
Sie trieb Zulima an, unb bas Tier, obgleich furchtsam, folgte gehorsam ihrem Befehl unb setzte sich in Gelopp.
Im nächsten Augenblick schlugen bie Pferbehufe dumpf auf das morsche Holz. Plötzlich aber erfolgte ein Krach, ein Schrei erntönte und Favre sah bie Brücke vor seinen Blicken zusammenbrechen und Giralba mit ihrem Pferde zwischen den Trümmern verschwinden.
In demselben Augenblick neigte sich ber Wei den bäum vollends herüber und fing das junge Mädchen in feinen Zweigen auf.
Durch ben heftigen Schreck fast ihrer Befhmung beraubt, klammerte sie sich fnftinftio an einen der größeren Zweige, die ihr Halt boten. Ihr Pferd, welches unter ihr fortgerissen worden war, trieb mit dem Strome weiter.
Währenddeffen neigte der Weidenbaum sich immer tiefer, sodaß feine sämtlichen Zweige bald das Wasier beriihrten.
Der alte Diener stand am Ufer, verzweiflungsvoll bie Hände ringend und laut um Hilfe rufend.
Giraldas Pferd gab sich die größte Mühe, aus der Strömung herauszukommen unb das steile Ufer zu gewinnen, woran es durch bie schwimmenden Trümmer ber Brücke immer wieder verhindert wurde
„Was kann ich für Sie tun, Fräulein?" rief ber alte Favre ängstlich. „Der Baum hält keinen zweiten Men- scheu unb ich bin alt unb kann nicht schwimmen. Ach, was kann ich tun, um Sie zu retten?"
„Favre," versetzte bas junge Mäbchen, welche, ihre Ruhe wiebergewonnen hatte, „holen Sie so schnell wie möglich Hilfe herbei!"
„Hilfe?" wiederholte ber alte Mann. „Ach, Fräulein, bis ich nach bem Schlosse komme, ist es längst zu spät!"
„Ist benn keine menschliche Wohnung in der Nähe?" rief Giralda zurück. „Ich meine, da drüben einen rau- chenden Schornstein bemerkt zu haben!"
„Ich werde nachsehen, aber ich zittere vor dem Gedanken, Sie verlassen zu müffen."--
Er brach plötzlich ab und sah nach ber entgegenge- setzten Seite, wo auf einem Hügel ein Reiter bemerkbar wurde. In demselben Augenblick sah ihn auch Giralda.
Glich darauf verschwanden Roß und Reiter wieder, aber man hörte sie in rasendem Galopp der Schlucht zu. sprengen.
„Sie sind gerettet, Fräulein!" rief der alte Mann freudig erregt. „Das ist der Herzog von Beaufort! Wenn I irgend einer, io wird er Sie reite»!*
„Wenn die Strömung mich nicht vorher forireißt,' sagte Giralda. „Ach, Zulima hat das rechte Ufer gewonnen! Gehen Sie und helfen Sie ihr, Favre. 0, wie sie zittert!"
®äf)renb ihr Diener beschäftigt war, dem Pferde behilflich zu fein, das Ufer völlig zu erklettern, sah feint junge Herrin der eigenen Gefahr beherzt ins Auge.
Sie fühlte deutlich, wie ber Weidenbaum sich immer mehr bem Wasser zuneigte, unb sie mußte ihren ganze« Mut zusammennehmen, um fest zu bleiben.
So vergingen Minuten.
„Zulima ist gerettet!* tönte ba Favres Rus an ihr Ohr. „Aber, Fräulein, der Baum! Sie werben er. trinken!"
Giralba öffnete ihre Sippen, um ben alten, Mann zu beruhigen, aber sie vermochte nicht zu sprechen.
Da in ihrer höchsten Verzweiflung bemerkt« sie in kurzer Entfernung ein Boot, welches in ben Strom ge« lassen wurde.
Hilfe roarr also nah«.
Neue Hoffnung belebte ihr Herz.
„Nur wenige.Augenblicke halten Sie noch aus!" rief setzt bie helle Stimme bes jungen Bootsmannes ihr zu. „Hatten Sie sich fest an bem Baum, wenn er auch los. reißt! Fürchten Sie nichts!"
Der junge Ruderer ließ die langen Riemen kräftig durch das Wasser streichen, so daß ba» Boot gleich einem Pfeil dahinschoß. Giralba konnte gerabe noch biefe Beobachtung machen, als mit einem sahen Ruck der Baum sich aus dem Erdreich löste und in den Strom fiel, glück licherweise aber so, daß Giralba oberhalb bes Wasser- blieb.
Der alte Favre stieß einen Schrei aus.
Der junge Bootsmann sagte fein Wort, sondern ruderte aus Leibeskräften, so daß er zusehends näher kam.
Da die Strömung ihm zu Hilfe kam, so hatte er bald den Weidenbaum erreicht, dessen einen Zweig er ergriff. Sofort lag das Boot neben Giralda.
„Reichen Sie mir die Hand und schwingen Sie sich ins Boot!" rief er dem jungen Mädchen zu.
Giralda gehorchte seinem Befehl und fühlte sich im nächsten Moment von den starken Armen ihres Retters aufgefangen.
Das Boot, plötzlich von jedem Halt befreit, schoß mit ber Strömung fort (Forts, tatet)