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JVe 2\\.

Sonntag, 12. September 1926.

Fuldaer Zeitung

2. Blatt.

Druck der Fuldaer Ackiendruckerei, Fulda

Marx bei -en Künstlern.

Drr Deutsche Kunstgemeinschaft in Berlin hat im früheren königlichen Schloß ihre dritte Ausstellung feierlich eröffnet. Der Vorsitzende des Arbeitsaus­chusses, Staatssekretär Schulz, wies auf den Zweck der Ausstellung hin, den Künstlern in ihrer wrrt- sck-aftlichen Not zu helfen und es auch den unbemit- testen Kreisen unseres Volkes zu ermögstchen, sich oute Gemälde und das eigene Porträt zu geringen Preisen zu beschaffen. Darauf nahm Reichs- kanzler Dr. Marx das Wort. Er gab seinem Dank und seiner Freude Ausdruck, daß es ihm ver- aönnt sei, an dieser Feier teilzunehmen. Er er­dinerte weiter daran, daß er im Jahre 1924 im Reichstag bei einer Tagung der Notgemeinschaft den Mannern von Kunst und Wissenschaft erklären mußte, daß es außerhalb des Bereichs der Mög. lichtest läge, ihnen wirtschaftlich zu helfen. Die Zes. ten. so fuhr Dr. Marx fort, haben sich Gott sei Dank geändert und heute kann man mit Befriedigung diese Ausstellung begrüßen, die sich so hohe Auf- gaben gestellt hat. Der Reichskanzler schloß seine Ansprache mit den herzlichsten Wünschen für die Ausstellung zum Segen der Künstlerschast und im Interesse des deutschen Volkes.

Der -eutschnationKle Parteitag.

! Auf dem deutschnationalen Parteitag in Köln be- onte der Parteivorsttzende GrafWestarpin leinen Ausführungen über die politische Lage, die Partei habe, wie sie schon oft erklärt habe, das Ziel, mit dem ihrer zablenmäßigen Stärke und ihrer inneren Kratt und Bedeutung entsprechenden Einfluß un­mittelbaren Anteil an den Regierungsge- schästen im Reich und in den Ländern zu erringen. Der Redner richtete wieder starke Appelle an die ZentrumSvartei, den Dmtschnationalen die Rückkehr in die Reichsregierung, aus der sie bekannt­lich auS Furcht vor außenpolitischer Ver- notwortung aber gegen den Willen des Zentrums ausgeschieden sind, zu erleichtern.

Der Parteitag faßte u. a. folgende Entschlie­ßung:

Der Parteitag spricht den Führern der Reichs­tags« und LandtagSfrattion feine Zustimmung aus, daß sieden begrüßenswerten Vorschlag der Herren Frhr. v. (Sahl und Jarres zum Anlaß von Ver- Handlungen genommen haben und gibt dem Wunsche Ausdruck, daß diese Verhandlungen fortgeführt wer­den mit dem letzten Ziele, alle staatserhaltenden Kräfte innerhalb und außerhalb der politischen Var-, teien zur Wiederaufrichtung des Rechts- und Ord- nungSstaateS, zur Abhilfe der schweren Wirtschafts­not und zur Arbeit an der Befreiung von der äußeren Herrschaft zu einigen.

Der Kulturkampf in Mexiko.

Associated Preß meldet auS Mexiko, daß der Episkopat Anweisung«, für alle Katholiken heraus- gegeben habe, worin diese aufgefordert werden, die Abdrucke der vom Episkopat an den Kongreß ge­richteten Bittschrift zur Aufhebung oder Abände­rung der Kirchengesetze zu untetfd)teü*w».-®w Abgeordnetenkammer hat die Bittschrift dem zustän­digen Ausschuß zur Beratung übergeben. Der Aus­schuß muß seinen Bericht innerhalb dreier Wochen erstatten.

Italien und Serbien.

Wie der Korrespondent desTemps" auS Genf erfährt, entfalte der zweite italienische Delegierte Grandi feit einigen Tagen eine lebhafte Tätig­keit. Er habe sich besonder« mit dem südsla- wischenDelegierten, dem Minister de« Aeußeren i Mintschitsch mehrmals unterhalten. ES scheine, ! daß diese Besprechungen auf den Abschluß eines Freundschaftsvertrages zwischen Italien und Südslawien abziellen. Grandi habe die Absicht, derartige Besprechungen auch mit General Averescu, der in Genf erwartet wird, aufzunehmen.

Rund um die Woche.

Ein Nest voll Junge und da«Gebet einer Jungfrau". Orientalisches. Noahs Regenbogen. Lisbeth «nd die Ausbausalze. Genfer Pastillen.

Diese Melancholie! Diese schwarze, gelbe gal­lige Strohwitwe des Frohsinns! Wieder sitzt sie am tfenfter und schaut in die stimmungsvolle Lanb- AUächlich, es ist zum Melancholischwerden * -P Diese rotblühende Heide, aus der doch schon dlastere Köpfchen herausragen, diese Stoppelfelder aus denen das Gänfemädchen seine Herde treibt, das Gänsemädchen, das sicher dunkle Augen hat und zweifellos ein Zigsunerlied summt . . . (Vielleicht singt fie^aud)Ich hab' mein Herz m Heidelberg verloren .) Und weiter, diese graseichen Pferde und Kuhr, die auf den grünen Matten weiden, auf einem ®rün, das vom Abendtau schon feucht ist, und ei­gentlich immer grüner wird, je grauer das übrige Feld sich kleidet. (Freilich, jenes braune Pferd dort schlägt mit seinem langen, weißlichen Schwanz ganz lustig die Flanken, und sämtliche Kühe tun das Gleiche, was sie doch aus purem Skrgnügien tun, denn Mücken gibt es kaum mehr. Aber das paßt tücht zur Melancholie, die ich nachgerade so schön finde, so deutsch, so Hölderlin! sch.) Doch der feine Nebel dort hinten, der sich um die Kiefer und um den Laubwald spinnt, das ist wieder melancholisch, und erst recht die eine Drossel, die da drüben noch flötet. Wo ist der Mai, scheint sie zu sagen. Da­mals war ein Geflöt, da fand der Buchfink seine Frau und der Kuckuck rief, und es antwortete von allen Lauben mit zartem Gezwitscher. Dann steck­ten sie ihre Schnäblein zusammen und jeder Flug war eine neue Hochzeitsreise. Ja, und dann kam das Futtensuchen, und da hat er vielleicht noch ein« mal gepfiffen, aber mit dem Flöten und dem bräut­lichen Konzert hat es bald ein Ende genommen. Nur die gute Drossel scheint der Gemahlin noch nachzuklagen und der ersten Liebe zu gedenken. Würde sie nicht fingen und etwa Kllavierspielen stattdessen, fo säuselte sie wahrscheinlichDie Kloster- glocken" oderDas Gebet einer Jungfrau", trotz­dem sie schon sechsmal das Nest voller Junge ge­habt hat. (Ue6rigens tut sie in Wirklichkeit weder das eine noch das andere, sondern singt einfach, weil sie das teure Ehegemahl nun glücklich los ist und also frei durch die Lüste fahren kann, was wiederum sehr lustig ist, aber zur Melancholie nicht paßt.) Jene Eva indessen, die in ihrer weißen Blust brüben einsam durch das herbstliche Para­dies radelt, o ja, das ist wieder melancholisch. Muß ich nicht schnell ein paar Heideblumen pflücken und ihr nacheAen? Ach, schon ist sie hinter einem Hasel- strauch verschwunden, und nun wendet sich mein Blick nach der anderen Seite.

Da hat sich «ne dunkelbreite Wolkenwand em« porgsschvben. Wie ein schwarzer Eroberer rückt sie ins blaue Feld. An einzelnen Stellen ballm sich doppelt finster die gespenster. Ein Schrecken überfällt sie. Ich denke auf einmal an alles Fürch­terliche, was ich in letzter Zeit in den Spalten derZei- hingen gelesen: Eisenbahnunglück, Fliegerabsturz, Pilzvergiftung, Kinderlähmung, Zyklone und so vie­les andere, was das erfinderische Leben an Unglück bereitet. Groß gegen die schwarze Wand hingezeich. net sehe ich die vier Riefenyalgen, an Irenen Kemal Pascha die letzten Jungtürken baumeln ließ. Nur nicht sentimental werden. Solche Dinge gehören im Osten einmal dazu. Noch heute ehrt das russische Volk Ivan, den Schrecklichen, wie einen Heiligen. Auch Lenin ist bereits unter die Götter versetzt. Nichts Neues ist unter der Sonne. Genau wie die alten Großkönige drr Assyrer und Babylonier, so sind heute t* Diktatoren des 20 Jahrhunderts. In dieser Herrschaft über Leben und Tod, in trie­fet scheinbar durch kein Recht mehr gemäßigten Willkür sieht der Orientale eben das Göttliche, das ja auch die Menschen nicht vorher fragt, wann der Vesuv ausbrechen und wenn dir Springflut alle Dämme zerreißen soll. An einer anderen Stelle sehe ich, wie Tschangsolin über ein Dutzend Ban-

kiers erschießen läßt, und all die Greuel, die mit hAn Erwachen Chinas zum Europäertum verbu..» den sind. Cs sind schon fürchterliche Danaerschenke, die das Europa von heute jenen Nationen über­mittelt. Für den Anfang jedenfalls nicht viel mehr als Bomben, Terror und RevoliMon. Mieder wende ich meinen Blick nach der sonnigeren Seite.

Cs scheint, als solle Noahs Regenbogen sich über dm europäischen Kontingent wölben. Die Musik der Redner von Gens ist entzückend. Entzückend auch so manches, was auf der Tagung des Reichs- verbandes der deutfchen Industrie gesagt worden ist. Man sprach von Volksgemeinschaft, großer Koalition und von der unerschütterlichen deutschen Währung. Das eine wie das andere, Genf und Dresden, klingt so holdselig und weich, daß man sich ordentlich wundert, wie schnell die Menschheit ihre Gesinnungen wechselt. Die Friedensfreunde triumphieren. Pazifistische Götterdämmerung scheint über das alte Chaos zu siegen. Mr geht es allerdings auch hier wie bei dem Geflöt der Am­sel. Die Melodie ist zwar sehr schön, aber der eigentliche Text doch reichlich geheimnisvoll. Ich möchte ja gern, es spräche auch einmal das Herz in der Politik ein vernehmliches Wort. Meist aber ist es so, daß es dem Herzen nur oerftattet ist, sich Mm Worte zu melden, nachdem die kalte Logik und die nüchterne Macht gesprochen hat. Genf ist zweifellos ein großer Sieg. Es ist ein klares Zeug­nis dafür, daß man in der Welt ohne Deutschland nicht weiterkommt. Der Mohr wird wieder herein- gerufen und soll tritt raten und taten. Darüber freut sich jeder Deutsche und feiert den Tag durch ein paar kräftige Schläge auf die dicke Trommel. Das neue Europa wird es ja nun vielleicht fertig­bringen, nm eigenen Lande Frieden zu halten, im übrigen aber wird doch nur wieder ein größeres Reich geschaffen und die Möglichkeit einer verstärk­ten Konkurrenz mit den übrigen Weltreichen. Darum denke ich ein wenig an das bekannte Gedicht von Urahne, Großmutter, Mutter und Kind. Moraen ist Feiertag, sagen sie alle . . . Aber siehst du wohl den Miß 8a drüben in Amerika, die Drohung mit neuen Rüstungen? . .. Und morgen ist Feiertag..!

Nur nicht zuviel grübeln. Manchmal schon hat ein Glaube beim Menschen geholfen, auch wenn es em Aberglaube war. Was habe ich doch gerade die­ser Tage für eine drollige Geschichte mit meiner Freundin Elisabeth erlebt. Sie litt nämlich auch an Melancholie, was wahrscheinlich von Unter­ernährung herkam. Seitdem sie nun aufbauende Salze genommen, hat sich alles gewandelt. Schon nach zwei Tagen meinte sie, daß es ihr bedeutend besser gehe. Am dritten verschwand der Druck im Kops. Am vierten zeigte sie schon gesundere Farbe. Am fünften machte sie sogar einen Witz. Am sechsten aber warf sie vor lauter Lebensübermut 8en Milchtopf entzwei. Am fiebten aber erklärte ich ihr in der Stimmung, daß nun alles gut fei: Liebe Elisabeth, es mag ja mit dm Salzen eine vorzügliche Sache sein, aber verzeih, ich hatte mir dm Scherz erlaubt, dir statt des Salzes einfach Zahnpulver in die Verpackung zu tun, und so ver­dankst du denn deine ganzen Fortschritte einem acht Tage lang sorgsam eingenommenen Teelöffel voll Zahnpulver . . . Das sagt ja nun nichts gegen die Wunderkraft der aufbauenden Salze, im Gegen- teil, wenn schon die Einbildung soviel tut, wieviel großartiger wird noch die Wirklichkeit fein! Was aber Genf angeht, so meine ich, man soll zur einst­weiligen Stärkung nur ruhig Genfer Pastillen zur Feier des Tages fabrizieren, und man soll, well ein schönes Sprüchlein doch einmal dazu gehört, je­nes Eoethewort auf die Kapsel schreiben:Von hier und heute geht eine neue Epoche der Welt­geschichte aus, und Ihr könnt sagen, Ihr seid dabei- gewesen!" Der Mann im Monde.

vom flbblatten der Rüben.

Es kommt jetzt die Zeit, in der namenckh in kleineren "Betrieben die Leute damit beschäftigt sind, auf den Rübenschlägen die äußeren Rübenblätter abzubrechen, sie zu sammeln und in handlichen Bün­deln nach Hause tragen oder fahren, um sie zur Fütterung 8es Viehes zu verwenden. Manche tuen es aus Mangel an Gri'mfutter, das ja um diese Zett knapper wird, viele aber auch, weil sie es so gewöhnt sind. Die wenigsten aber überlegen, daß sie damit der Rübe großm Schaden zufügen un8 dem Vieh keinen großm Gefallen erweisen mit dieser Maßnahme. Die Blätter sind die Er­nährungsorgane. Alles was in dem Rübenkörper an Trockenmasse und Zucker angesammelt wird, muß erst durch die Tätigkeit der Blätter in diesen gebildet werden und wird dann weiter geleitet in den Rübenkörper, sodaß dieser groß und nähr- stoffreich wird. Nichts ist mehr verkehrter, als etwa schon um diese Zeit, also schon Mitte September, die größten und kräftigsten Blätter in d;r schonungs- losesten Weise der Pflanze zu rauben.' Gerade in diesem Jahre , wo die Rüben infolge der ungünfti- gm Anfangsentwicklung bei dem Mangel an Sonne etwas zurückgeblieben sind, können diese Blätter bei der jetzigen sonnigen Witterung noch sehr viel nachholen, tagtäglich noch Zucker bilden und an die Rübenkörper abgeben. Es ist daher Kurzsichtigkeit und Gleichgültigkeit. sowie das Unvermögen, sich vom Althergebrachten freizumachen, wenn schon jetzt die Rüben ihrer Blätter beraubt werden. Der Ge­winn steht in den meisten Fällen in gar keinem Verhältnis zu dem, was mitgegeben wird. Um 30 Zentner Blätter zu bekommen, werden 5060 Zentner Rüben geopfert. Außerdem erhält man dann noch Rüben, die wasserreicher, näbrftoffärmer sind und sich beim Aufbewahren schlechter halten. Dadurch wird der Gegensatz noch krasser. Aus Ver­suchen hat man gefunden, daß stütz und stark ent« blattete Rüben nur 5075 Prozent an Trockenmasse und an Zucker lieferten wie die nicht entblätterten. Daher nicht zu früh zu den Rübmblättern greifen, son8ern die Rüben erst ordentlich auswachsen und ausreffen lassen.

Radio-Yroaramm.

Sonntag, den 12. September.

Frankfurt (470 m), Kassel (273,5 m). 89: Morgen- feier. 10.3012: Uebertragung von Kassel: Konzert der Kapelle Erno-Engler. 121: Uebertr. aus Kassel: Kin­derwettbewerb. 45: Jugendstunde. 56: Konzert des Hausorchesters: Die Oper der Woche. 67: Stunde des Rhein-Main. Verbandes für Volksbildung. 77.30: Stunde derFrankfurter Zeitung": Vortragsabend Jo­sepha Metz:Prosa und Verse". 7.309.30: lieber» tragung aus dem großen Saal des Saalbaues: Konzett des Verbandes der Deutschen Zithervereine anläßlich des 36. Kongresses. 9.3010.30: Uebertragung von Kassel: Humor in Wort und Musik. Anschließmd bis 12: Tanz­musik.

Oetker®

Marmeladen

dürfen auf keinem Frühstückstisch fehlen

Zahlreiche freiwillige Anerkennungen

Schriftleiter: Dr. phil. Johannes Kramer.

Linker falscher Flagge.

Roman von 2. Hohenseld.

1] ---------

Es ist mir, als ob eine gütige Vorsehung den Weg ge- tahnt hätte, der mich zu dem Ziele führen soll, meine» Vaters Namen von dem schmählichen Verdacht zu reini­gen, der ihn so ungerecht traf und fein ganzes Leben vernichtete."

Das junge Mädchen sprach in Leidenschaft. Ihr Ge- sicht glühte vor Erregung. Ein heiliger Eifer beseelte sie für bas Werk, vor dem sie stand, und welches auszu- fllhren sie entfchlosien war.

Komtesie Gabriele vermochte es nicht, Giralda's ftohe Hoffnung zu teilen. Sie wußte, wie fest der alte Mar- quis auf feinen einmal gefaßten Ansichten bestand und wie ihn nichts darin feit all dm langen Jahren, die feit der Nacht des Attmtats vergangen waren, hatte wan­kend machm können.

» (Es währte daher einige Minuten, ehe sie fagte:

Wie wolltest du es anfangen, mein Kind, den Mar­quis de Digny von Patts zu entfernen? Wenn er nun darauf besteht, mich als Schauspielettn aufzusuchen, oder, Wenn ihm bas nicht gelingt, mit dir nach der Villa Larose hinauszufahren?"

Wenn dieser Fall eintretm sollte, so bleibt mir im­mer noch die Flucht!"

Gabttele kämpfte mit einem Entschluß.

Wohlan, kehre zu dem alten Marquis zurück, (Bi- ralba," entgegnete sie mit einem tiefen Seufzer.Got­tes Schutz geleite dich, mein Kmd! Sei dessen stets ein- gedenk, daß deines Vaters Geschick und unser aller Glück in beinen Händen ruht!"

Innig schloß die Komtesse ihre Tochter in di« Arme. Stürmisch erwidette Giralda die Liebkosungen der BUUter.

«Gchreibe mir nicht öfter als einmal wöchentlich, htein Liebling", sprach die Komtesie zum Schluß, das junge Mädchen nochmals zärtlich küssend.Behalte den angenommenen Namen, den du seither geführt hast, Und fei sehr vorsichtig in allem, was du tust! Und nun gute Nacht, mein teures Kind!"

Noch einmal zog sie ihre Tochter an ihr Herz; bann Übergab sie sie der Fürsorge Jeannette's, welche sie nach ihrem Hotel geleitete. Die treue Dienerin wich nicht von der Seite des jungen Mädchens, bis sie dieselbe in ihrem Zimmer sah.

Sobald Giralda allein war, versank sie in tiefes Sin- Uen über das Werk, dessen Gelingen ihr, je mehr sie Batte, das Wett, dessen Gelingm ihr, je mehr sie jfrer die schwere, freiwillig übernommene Aufgabe nach- *0(f)te, fast hoffnungslos erschien.

XIX.

Es ist wohl kaum nötig, zu sagen, daß die letzten Stunden der Nacht, in welcher Giralda ihre Mutter in deren Palais besuchte, keinen Schlaf und keine Er­quickung mehr für sie brachten.

Die Erzählung ihrer Mutter hatte sie zu sehr aufge­regt, als daß sie hätte ruhig denken können.

Was wird geschehen, wenn Gras Eugen dieses Ge­heimnis erfährt?" fragte sie sich wieder und wieder. Er kennt kein Erbarmen. Sein Haß gegen meinen armen Vater ist unauslöschlich. Wmn er von feinem Todfeind entdeckt wird, so ist alles vernichtet alles verlorm!"

Sie schauderte zusammen und hielt in ihrer Wände- rung durch ihr Gemach inne. Sie trat ans Fenster und sah in die dunkle Nacht hinaus, gleichsam, als suche sie hier die Antwott auf ihre Frage.

(Eine lange Weile verging: dann sprach sie wie in Gedankm vor sich hin:

Und wer ist es, der zwischen all diesem steht? Nur ich ich ganz allein!"

Sie wiederholte sich diese Wotte, als ob sie ihr Mut einflöhen sollten. Ihr Gesicht nahm allmählich wieder einen entschlossenen Ausdruck an, ihre Augen erglänz­ten in heiligem Feuer.

Ein gütiges Geschick leitete mich nach dem alten Schloß zu dem Marquis de Vigny," flüsterte sie,die Vorsehung hat es gefügt, daß der alte Marquis mich gern hat: ich muß alles aufbieten, mir feine Liebe im­mer mehr zu erringen. Von diesem Augenblick an gibt es nur das eine Ziel für mich: den ehrlichen Namen meines Vaters wieder herzu stellen! Bis mir das ge­lungen ist, kann ich weder Glück noch Ruhe finden!"

Feierlich, gleich einem Schwur, tarnen dies« Worte über ihre Lippen.

Sie war sich der Schwierigkeiten, die sich ihr in den Weg stellen würden, wohl bewußt. Sie erinnerte sich daran, daß der Marquis nach ihrer Mutter, der Schau- fpielerin, bei allen Theatern nachforfchen wollte. Was würde die Folge sein, wenn er sie nirgends fände? Welche Ausrede sollte sie ersinnen, wenn er darauf bestand, sie nach der Villa Larose hinauszubegleiten?

Solche und ähnliche Gedanken quälten das junge Mädchen noch lange, bis das trübe Dämmerlicht des anbrechenden Morgens sich in ihr Zimmer stahl.

Angekleidet, wie sie war, warf sie sich auf ihr Lager nieder und machte ihrem gepreßten Herzen in einem Tränenstrom Luft. Für einige Stunden entführte ein milder Schlummer sie dann der rauhen Wirklichkeit.

Als sie zu dem alten Marquis ins Frühstückszimmer trat, waren ihre Gesichtszüge hell wie zuvor, nur noch

leise Schatten lagerten auf ihrer reinen Stirn, die letz­ten Spuren der verbrachten sorgenvollen Nacht.

Marquis be Vigny saß dicht vor dem Kamin. Sein kranker Fuß, mit Tüchern umhüllt, ruhte auf einem Sche­mel. Sein Gesicht hatte einen schmerzlichen Ausdruck. Offenbar war er wiederum arg von der Gicht geplagt.

Kaum war jedoch Giralda ins Zimmer getreten, als fein Gesicht sich bereits merklich erhellte. Mit väterlichem Wohlwollen begrüßte er sie.

Du siehst bleich aus heute morgen, mein Kind", sagte er, während sie näherkam, um ihm den Morgen- grüß zu bieten und sich nach seinem Befinden zu er» kundigen.Die Enttäuschung von gestern abend hat dir so wenig gut getan wie mir. Mein Fuß ist heute bedeutend schlimmer. Ich wollte, wir wären schon wie­der in dem alten Schlosse!"

Ich auch!" rief Giralda.Ach, Herr Marquis, kön­nen wir nicht noch heute wieder abreifen?"

Der Marquis blickte sie erstaunt an. War es ihr mit diesen Worten ernst?

Heute noch?" fragte er überrascht.Das ist unmög­lich! Ich bin wie gelähmt. Ich fühle mich wie ein (Befangener. Ich bin unfähig zu allem und das gerade jetzt, wo ich foaiet zu tun habe. Ich hatte mir e» fest vorgenommen, heute in allen Theatern von Patts Er­kundigungen über deine Mutter einzuziehen. Was soll nun werden? Es bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen Geschäftsträger zu beauftragen, die eifrigsten Nachforschungen anzustellen. Morgen werden wir alles wissen. Doch was ist dir, mein Kind? Um Gottes wil­len, weshalb siehst du mich so entsetzt an?"

Der gefürchtete Moment war gekommen und es war Giralda, als sollte sie zusammenbrechen unter der Wucht dieses grausamen Verhängnisses.

Bevor der alte Marquis eine Frage tun konnte, wurde die Tür zum Nebengemach geöffnet und Bettram trat ins Zimmer.

Sobald er seines wortkargen und schleichenden Die­ners ansichtig wurde, erfaßte den Grtts eine sichtbare Unruhe.

Klingle, daß das Frühstück gebracht wird, und rolle meinen Stuhl an den Tisch," gebot er.

Der Diener kam dem Befehl seines Herrn nach und verließ hierauf das Zimmer.

Zwei Hotelbedienstete trugen das Frühstück auf und Giralda bediente den alten Marquis, wie sie es feit dcm ersten Tage ihrer Ankunft auf Schloß de Vigny gewohnt war. Sein Gesicht erhellte sich sichtlich mit jeder Minute. Er schien die kleine Szene, welche Bert- rams Eintritt vorhin gestört hatte, völlig vergessen zu haben.

Vielleicht," bemerkte er,gibt es einen noch besse­ren Weg, deine Mutter auszukundschasten als durch eige­

nes Nachforfchen. Ich glaube, die Idee, die mir plötzlich gekommen, ist keine schlechte!"

Ein leises Zittern ergriff das junge Mädchen; es wagte nicht, aufzublicken.

Was meinst du", fuhr der alte Mann fort, wenn wir ein Ermittlungsgesuch in die Pariser Blätter ein- rücken lassen? Oder erachtest du es für besser, wenn ich deinem Vater telegraphiere? Sicher kennt er den Künst­lernamen deiner Mutter!"

Giralda blickte bestürzt den Greis an. Ihre Furcht vor einer möglichen Entdeckung der Wahrheit kannte keine Grenzen. Dem Marquis entging das nicht, aber er gab dem Benehmen des Mädchens eine andere Deu­tung. Wie hätte er auch die Wahrheit erraten können?

Fürchtest du dich so sehr, deinem Vater zu begeg­nen?" sagte er teilnehmend.Ich vermute, er ist ein Hatter, strenger Mann, wie ich es selbst bin, und du wagst es nicht, ihm wegen deiner Flucht vor die Augen zu treten Beruhige dich, mein Kind. Wir wollen ihn nicht eher aufsuchen, als bis deine Mutter dich mit ihm wieder ausgesöhnt hat. Unsere erste Aufgabe muß es deshalb sein, sie ausfindig zu machen. Um das zu er­reichen, bleibt schließlich nur noch ein Weg."

Und der wäre, Herr Marquis?" fragte Giralda mit schwacher Stimme.

Ganz einfach dieser," erwidette der Greis.Ich schreibe verschiedene Briefe und adressiere sie an denGra- fen Alvarez. Diese Briefe lasse ich an die Direktoren der verschiedenen Theater abgeben; über den Namen wird gesprochen werden: auch deine Mutter wird ihn vernehmen. Sie wird sich den Brief aushändigen las­sen und wird hierherttlen, um dich wiederzusehen."

Da Giralda keine Einwendung erhob, klingelte der Greis nach Bettram. Das Frühstück wurde abgetragen. Nachdem das geschehen, machte der alte Mann sich daran, die $ riefe zu schreiben.

fites," sagte er, indem er Giralda einen Brief hin- reichte, den er, nachdem er alle kuveriiett, überzählig ge- fanden hatte.Wenn beine Mutter diese Zeilen emp- fängt, wird sie schon wissen, um was es sich handelt. Sollte er jedoch in andere Hände fallen, so hat es nichts auf sich. Ich habe nur geschrieben: daß, wenn die Grä­fin Alvarez Giralda sehen wolle, so brauche sie nur in dieses Hotel zu kommen. Alles andere will ich lassen bis zur mündlichen Besprechung, wenn sie hier ist."

Er rief Bertram aus dem Nebenzimmer herbei. Wäh­rend er diesem die nötigen Instruktionen erteilte, schlüpfte Giralda mit ihrem Brief hinaus und eilte auf ihr eigenes Zimmer.

Sie mußte ohne Verzug handeln.

Vortsetzung folgt)