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Zreitaq, 10. September 1926.

I Er!ck>eint fetblmul wöchentlich. Wodienbeilanen: Illustrierte Bei. W läge" und Buchenblötter» Rotationsdruck und Sertan der afultoer Actiendruckerei in Ikulda. Iiernkvrecher Nr. 9.

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FuldaerZettung

__Anzeiger für die Sfahf und den Kreis Fulda. Amtliches Kreisblakk.

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Jer Anzug der Deutschen in die VölkeroersWmsung

Stresemann in Genf. — Die Inlands- und Auslands-presse zu dem Rufnahmebeschluh. — wer kommt noch in den Rat.

Der englische Außenminister Cham­berlain erklärte dem Berichterstatter des Reuter­büros in Genf u. a.: Der Ausschuß für die Zu- sammenseßung des Rates hat verhältnismäßig früh die Hauptlinien der Lösung sestgelegt. Zweifellos gab es einige, die vielleicht etwas anderes vorge- ichlaaen hätten, aber es bestand niemals etwas in der Art einer Krise, und der Rat hat das Aeußerste getan, um den raschesten Fortschritt zu erleichtern. Die einstimmige Entscheidung hat diejenigen ge­rechtfertigt, die bezüglich der Fähigkeit des Völker- bundes Optimisten waren. Ich hoffe, der Eintritt Deutschland wird die Ratifizierung der Locarnoverträge von Seiten aller Lo­carnomächte mit sich bringen, und in dem Augen- blick tritt der Locarnopakt in Kraft.

Fortsetzung der Genfer Beratungen.

Die Völkerbundsversammlung begann am Mitt­woch nachmittag mit der allgemeinen Aussprache über den Tätigkeitsbericht des Völker­bundsrates und des Generalsekretärs für das ab- gelaufene Jahr.

Als erster Redner sprach der dänische Außenmini st er Graf Moltke. Er ent­bot Deutschland, das nunmehr an dem großen Friedenswerk mitarbeiten wolle, und dessen Ein­tritt in den Völkerbund schon seit längerer Zeit erwartet worden sei, einen herzlichen Will­komm. Der Beitritt Deutschlands — eine Le­bensnotwendigkeit für die Entwicklung des Völker­bunds entsprechend den Grundsätzen, die die Grundlage seiner Verfassung bilden — läßt uns mit Zuversicht unser Werk der Befriedung und der Zusammenarbeit ins Auge fassen.

Urrutia-Columbien bedauerte unter dem Bei­fall zahlreicher Delegierter, daß Spanien, das seit dem Bestehen des Völkerbundes aktiv und ver»

I thoden, so doch schon unter dem Wetterleuchten I neuer politischer Möglichkeiten, die Macht- kämpfe unserer Zeit ausgefochten werden.

Die „V o s s. Z t g." sagt: Seit heute schlägt Eu­ropas Herz im Völkerbunde. Deutschland nimmt heute, einmütig willkommen geheißen, an dem Tisch des Völkerbundes Platz. Wie der Völkerbund der Wohlfahrt Deutschlands fehlte, so fehlte Deutsch­land dem Bunde der Völker. Deshalb bedeutet der 8. September einen Tag des Gewinns: für Deutschland, für die Welt.

Dom Ausland her gesehen.

Der Generalsekretär des Völkerbundes Sir Eric Drummond hat anläßlich der Aufnahme Deutsch­lands in den Völkerbund an das „Achtuhr-Abend- blatt" ein Telegramm geschickt, in dem es u. a. heißt: „Deutschlands Eintritt ist eine Angelegenheit allgemeiner Freude für alle diejenigen, denen der Bund am Herzen liegt und die dafür arbeiten, und eine Garantie des Erfolges aller künftigen Anstrengungen des Bundes, den W e l t- f r i e d en aufrechtzuerhalten und zu sichern, wel­ches sein Hauptziel und Zweck ist."

Sofort nach den gestern gemeldeten Beschlüssen über die Aufnahme Deutschlands in der Vollver- sammlung des Völkerbundes hat das Völkerbunds- sekretariat folgendes Telegramm an den Außenmini, ster S t r e f e m a n n gerichtet:

„Im Auftrage des Präsidenten der Völker­bundsversammlung habe ich die Ehre, Ihnen mitzu­teilen, daß die Versammlung in ihrer Sitzung vom 8. September Deutschlands Aufnahme unter die Mitglieder des Völkerbundes beschlossen und der Resolution des Rates vom 4. September zugestimmt hat, welche eine ständig,e Vertretung i m Lölkerbundsrat zuteilt, gez.: Drummond."

Stresemann hat daraufhin folgendes Telegramm abgesandt: Sir Eric Drummond, Generalsekretär des Völkerbundes, Genf. Ich bestätige mit Dank den Empfang Ihres Telegramms von heute und habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß die deutsche De- leaatzon für die Versammlung heute abend nach Eenf abreisen wird. gez. Stresemann."

No Abreise der deutschen Delega- tion ist zur angegebenen Zeit erfolgt. Die Ab- kehrt erfolgte in drei fahrplanmäßigen Zügen. Zur Verabschiedung der Hauptdelegierten, die vom Pots­damer Bahnhof abstchren, waren erschienen: Der Reichskanzler, der Reichsminister Dr. Külz, Rein, bald, Haslinde, Ministerialdirektor Ritter und Mi- nistcrialrat Koepke, Geheimrat Zechlin sowie eine größere Anzahl Herren des Auswärtigen Amtes, der französische Geschäftsträger de Laboulage, der Vertreter des englischen Geschäftsträgers, der erste Votschasissekretär Inaram, der belgische Gesandte Everts, der schweizerische Geschäftsträger Vogel her tschechoslowakische Geschäftsträger Vla- noz. Die Delegierten Deutschlands sind bekanntlich Reichsminister Stresemann, Staatssekre- für des Auswärtigen Amtes v. Schubert und Mi- n'fterialdirektor Dr. Gaus. Außerdem gehören der Delegation zur Vertretung Deutschlands in sach­lichen Arbeiten d-r Kommission als Sachverständige für die bei der Völkerbundstagrmg zu erörternden 'Tragen an: Generalkonsul Akchmann,'Frmi Mkni- förfoirot Dr. BEMev,' Graf

Bernstoff. M d. R., Obersteutmmt v. Boetticher, Dr. VrrNscheid, M. d. R. Vortragender Legationsrat n Bu-low. Vortragender Leaationsrot Dr. Fuehr, B r os essen- Dr. Kaas, M. d. R., Ministerialrat Kar­lowa. Ministerialrat Dr. Kiep, Ministerialrat Dr. Mayer. Konsul Voensgm, Staatssekretär Dr. Puen- Nr-, Staatssekretär a. D. Freiherr v. Rhe'mbaben, M. d. R., Ministerialdirektor Dr. Scbaeffe, vor- trag-mder Legationsrat Dr. Soehring, Staatssekre­tär Dr. Weißmann und als Sekretär der Delegation Gel--ndtschoftsrat Dr. Boltze.

Da die Arbeiten des Völkerbundes in sechs Kom­missionen erledigt werden, macht sich ebenso wie bei anderen Rationen auch für Deutschland die Ernen­nung stellvertretender Delegierter für diese Kommissionsarbeiten notwendig. Es sind außer den Delegierten für die Vertretung Deutschlands >n den Kommissionen Graf Bernstorfs, Dr. Breitscheid, Dr. Kaas und Freiherr v. Rheinbaben in Aussicht ge­nommen.

Deutsche pressestimmen.

Mit dem 8. September, dem Tage der einstim- M'gen Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund, beginnt, wie die Blätter betonen, eine neue Phase in der Nachkriegszeit Deutschlands.

ch Der deutschnationale „L o k a l a n z e i g e r" schreibt: So sehr wir der Entscheidung, die der heu­tige Tag gebracht hat, widerstrebten, so sehr kön­nen wir nur wünschen, daß unser Volk die Wen- düng seines Geschickes, die mit diesem 8. Septem­ber besiegelt worden ist, niemals zu bereuen haben möge.

Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" erklärt unter der Ueberschrift: „Schluß mit der Be- letzung!": Sind wir einmal im Völkerbund, so Müssen wir von der ersten Stunde unserer Mit- Medschaft an das eine sagen- Es geht nicht an, diesem Bunde anzugehören und zu gleicher Zeit immer unter beschränkter Souveränität zu leben. Unser Volk, das noch seinen bitteren Er­fahrungen mit dem Völkerbund in Oberschlesien, an Oer Saar und in Danzig gefühlsmäßig nur mit großem Widerstreben diesem notwendigenSchritt |8*-r Regierung folgt, hat ein unbestreitbares Recht darauf, daß endlich die fremden Truppen von fei’ Km Boden verschwinden, daß es endlich wieder in Wiheit leben kann. Das Statut des Bundes selbst treibt vor, daß nur Staaten mit voller Souverä- W ihm angehören dürfen.

Die „Tcigl. Rundschau" stellt mit Genug- Ag fest, daß Deutschland ein Ziel, das ihm lange ^sperrt wurde, erreicht hat, und zwar in allen Wen erreicht hat. Dieses Ziel kann aber doch «j eine Etappe sein in dem Ringen um den iMeraufbau Deutschlands, um die Heilung der Wiben des Krieges und um die Befriedung Eu- r°paz

Dos „Berk. T agebla tt", das fein Bebau* darüber ausspricht, daß im Zusammenhang mit f^lchlands Antrag, wenn auch ohne Deutsch- Jpbs" Schuld, zwei ko wertvolle Mitglieder des Verbundes wie Brasilien und Spanien, sich zu* ^gezogen haben, heißt es: Von Anfang an ist d/ Notwendigkeit von Deutschlands Eintritt in - 7»? Völkerbund von allen Staaten anerkannt wor-

Der Völkerbund hört jetzt auf, ein Bündnis Ha*. Sieger zu fein und Deutschland betritt als ""eckstigte Macht den Genfer Boden, auf dem, auch noch mit den alten diplomatischen Me­

Zur Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund schreibt der Pariser ..Temps" u. a.: Wir sind beute an einer großen Wegscheide angekommen, die uns entweder einem dauerhaften Frieden ober einem unheilbaren Ruin Europas ent­gegenführt. Niemand weiß, was uns die Zukunft vorbehält. Die Klugheit, so scheint es, besteht darin, sich nicht leichtfertig Illusionen hinzu* geben, die der Eintritt Deutschlands in den Völ­kerbund in gewissen Kreisen aufkommen läßt, die eine Art sofortige und wunderbare Wiederversöh­nung aller Völker erwarten. Wenn man aufrich­tig den Frieden wiederherstellen will, muß man aber auch einen Versuch machen, die Gefahren ein* zuschränken. Deutschland hat die Freiheit, vor den Augen der Zivilisation loyal für die Sache des Friedens zu arbeiten, der alle Völker in gutem Glauben dienen. Wenn man dieser Großmacht, deren Mitarbeit auf der Grundlage der bestehen­den Verträge für das politische und wirtschaftliche Heil Europas möglich ist, die Aufnahme zuerkennt, so bedeutet das nicht, daß Deutschland in den Völ­kerbund und in den Völkerbundsrat als lange ver­kannter Triumphator eintritt, dem die anderen Na­tionen irgend welche moralische Reparationen schul­den. Deutschland ist ausgenommen als ein Groß- staat, der auf der Grundlage der absoluten Gleich­heit mit den anderen Staaten handelt und dem man trotz seiner Fehler in der Vergangenheit Ver­trauen schenken will, um den letzten Versuch für eine dauerhafte Organisation des Friedens zu un­ternehmen. Deutschland ist es sich selbst schuldig, dieses Vertrauen zu rechtfertigen und es sich zu verdienen.

Die „Liberte" schreibt, zur Feier des Jah­restages der Marneschlacht sei Deutschland heute in den Völkerbund ausgenommen, d. h. reha­bilitiert worden. Man dürfe nicht vergessen, daß der Beschluß der Völkerbundsversammlung, der Deutschland nach Genf führe und ihm einen stän­digen Sitz im Dölkerbundsrat zuerkenne, eine voll­kommene Absolution nach sich ziehe. Nach dem Ritus des Völkerbundes habe Deutschland alle seine Verpflichtungen erfüllt. Nachdem es die Taufe er- halten habe, sei es nicht nur von seinen Sünden rein gewaschen, sondern auch von der K o n t r o l le der Entwaffnungskommission befreit worden.

dienstreich mitgearbeitet hatte, der jetzigen Völ- kerbundsversammlung fernbleibe.

Aus der Reihe der anderen Redner ist noch zu erwähnen, daß der indische Maharadscha K o p u r t a l a, der sich als erster Prinz Indiens vorstellte, der auf der Tribüne der Völkerbunds­versammlung spricht, ebenfalls Deutschlands Ein­tritt begrüßte, der seine Rede selbst ins französische übersetzte und für diese linguistische Leistung mehr Deifall sand als für feine Rede. Er erklärte üb­rigens. deutlich zu Chamberlain gewandt, daß er an dieser Stelle die Hoffnung aussprechen möchte, daß Indien ein autonomes und mächti­ges Reich werden möge. Lord Robe-t Cecil klatschte eifrig Beifall, während sein neben ihm sitzender Delegationskollege Sir Austen Chamber­lain nachdenklich zuhörte.

Der preußische Ministervräsident Braun hat, wie der amtliche preußische Pressedienst mitteilt, an hie Reichsregierung zu Händen des Reichskanzlers Marx folgendes Telegramm geschickt:

„Der Reichsregierung spreche ich zum Eintritt Deutschlands in den Völkerbund und den Völker- bundsrat namens der preußischen Staatsregierung aufrichtige Glückwünsche aus. Möge der hi­storische bedeutsame Tag eine Etapve darstellen nicht nur auf dem Wege, der Deutschland volitisch in friedlicher Aufbauarbeit weiter führt, sondern auch die Befriedung Europas entscheidend fördert und damit die schmerzlichen Krieqsfolgen schneller verschwinden läßt."

Polen.

wtb. W a r sch a u, 9. Sept. (Eig. Funkm) Das national-drmokrasische Blatt „Gazetta Warscawska Koranna" schreibt zur Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund: Nun geschah, was man schon lange erwartet. Die Besiegte des »roßen Krieges kehrte in die große internationale Familie zurück. Glücklicherweise vergaß man auch nicht, dem neuen ©oft gegenüber Vorsichtsmaßregeln anzu­wenden. Wir denken hier an die Vermehrung der nichtständigen Ratssitze.

Brianb über den Rhein.

wtb. Paris, 9. Sept. (Eig. Funkm.) „Petit Pansien" und einige andere Morgenblätter verzeich­nen folgende von Briand gestern abend nach her Rückkehr von einer Spazierfahrt Journalsiten gegen­über gemachte Aeußerung: Der Rhein ist jetzt als internationaler Strom zwischen zwei in einer Breite von 50 Kilometern entmilitarisierte Linien und unter den Schutz des Völkerbundes gestellt. — Hoffentlich fühlen sich die Franzosen nun sicher! Auch die aller­ängstlichsten Franzosen!

Die nichtständigen Rats Mitglieder.

Die Stellung der britischen Dominions zur Frage der nichtständigen Ratssihe.

wtb. London, 9. Sept. (Eig. Funkm.) „Reu­ter" meldet aus Genf vom 8. Sept. 10.30 Uhr abends: Die heute vormittag von Chamberlain ab­gehaltene Z u f a m m e n f un ft der Delegier- ten der britischen Dominions erörterte die Frage der wahrscheinlichen Bewerber um die neuen nichtständigen Ratssitze. Cs verlautet, daß die Dominions-Vertreter erklärten, sie beabsich­tigten nicht, auf Gewährung eines Sitzes zu drin­gen, aber die Meinung scheine zu fein, daß diese nicht den Verzicht auf das Recht bedeute, eine solche Forderung in Zukunft zu stellen. Es wird an­genommen, daß vereinbart wurde, die Frage i m Völkerbund vorzubringen und es wird erwar­tet, daß der k a n s d i s ch e Vertreter demnächst dar. über sprechen wird.

wirtschaftliche Konzentration.

Eine Unterredung mit dem belgischen Minister Ansrele.

In einer Unterredung über aktuelle politische Fragen mit einem Vertreter des ,B. 2V erklärte der belgische Minister Anseele: Die Verständigung der internationalen Produzenten ist bezeichnend für den politischen KurS. Aus diesem Grunde begrüßen wir die wirtschaftlichen Konzentrations­bestrebungen, da sie dem politischen Ausgleich dienen. Bezüglich der deutschen Sachlieferungen an Belgien auf Reparationskonto fügte der Minister, daß nur in Ausnahmefällen solche Liefe­rungen für die Deckung unumgänglich notwendigen Bedarfs vergeben werden dürften. Allerdings seien für die Reorganisation des belgischen Telephon, und Telegraphenwesens umfangreiche Aufträge an die deutsche Elektroindustrie auf Repara- tionskonto in Aussicht genommen.

♦ Italienischer Finanzerlaß. Aus Rom wird aemeldet: Der König unterzeichnete einen Erlaß über die vom Finanzminister Graf Volpi am 31. 8. dem Ministerrat vorgefchlagenen Maßnahmen zur Gesundung der italienischen Finanzen.

Spanien ohne Belagerungszustand.

Aus Madrid wird gemeldet: Beim Verlassen des Königlichen Palais erklärte Primo de Rivera Journalisten, daß überall vollkommene Ruhe herrsche. Der König habe soeben einen Erlaß unter­zeichnet, der den Belagerungszustand auf. hebe. Er fügte hinzu, es sei beschlossen worden, 12000 Mann der spanischen Armee in die Heimat zu befördern.

König Alfons ist wieder nach San Sebastian abgereift. Am Bahnhof wurde er vom Minister­präsident, von Mitgliedern der Regierung und Be­hörden und einer zahlreichen Menge begrüßt, die dem Herrscher zujubelte.

Stegerwalö für Silverberg.

Anläßlich der bedeutsamen Erklärungen des Generaldirektors Dr. Silverberg auf der Tagung der Deutschen Industrie hat sich der Führer der christlichen Gewerkschaften, Reichstags­abgeordneter Adam Stegerwald, in bemer- kenswerter Weife geäußert. Stegerwald erklärte einem Mitarbeiter der „Köln. Ztg.":

Unser ganzes Volk leidet an dem großen Fehler, doß während der sieben Jahre seit der Revolution die S o- z i a l d e m o k r a t i e noch keine zwei Jahre an die po­litische Mitverantwortung im Reiche gebunden war. Der Zustand der unfnichtbaren Agitation wurde zu einem Dauerzustand, je mehr die Sozialdemokratie außerhalb der politischen Verantwortung im Reiche sieht. Die bewußte Fernhaltung der Sozialdemokratie von den Staatsgeschäften sei keine Staatspolitik, sondern schädlicher Partei klüngel. Namentlich im Ruhr­gebiet hätte schon bisher gut zusammengearbe'tet mir« den können, wenn im Unternehmerlager statt kurzsichti­ger Geschäftsführer einige bewegliche Jnduftrieführer mit wirtschaftlichem und sozialem Weitblick |id) fjir hie Zusammenarbeit mit den Arbeiterführern eingeletzt hät­ten. Die vernünftigen Führer der freien Kemerfschaf- ten lehnen, wie sie vor nicht langer Zeit praktisch zu verstehen gaben, auch heute den Gedanken der Arbeits­gemeinschaft nicht ab.

Bezüglich der Aeußerung Silverbergs, daß bei ro(i- tischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit das Unter­nehmertum die Führung haben solle, erklärte Steger­wald: Zwischen der individualistisch-kapitalistischen und der sozialistischen Wirtschaftsauffassuna muß die Syntbele gefunden werden. Nachdem 70 v. H. des gesamten deut­schen Volkes aus Lohn- und Gehaltsempfängern be­stehen, ist es auf die Dauer nicht angängig, diese Men* schenmassen ständig außerhalb des Besitzes und der Mitverantwortung für die Wirtschaft zu lassen. Wenn aber zwei Parteieit in gegenseitigem Vertrauen für ein Ziel zusammenarbeiten sollen, w,e es Dr. Silverberg als erstrebenswert für eine erfolgreiche deutsche Politik und eine fruchtbare deutsche Wirtschaft hält, dann müssen die beiden Parteien auch völlig gleichberechtigt fein.

Stegerwald erklärte schließlich, daß er dem Schritt des Reichsnerbandes der Deutschen In­dustrie, in dessen Namen Silverberg gesprochen habe, eine ähnliche Bedeutung beimesse, wie der sozialen Botschaft Wilhelms TT. im Jahre 1890. Jetzt spricht kein Monarch, sondern die Industrie bietet in großen, in manchen Punk­ten allerdings noch der Klärung bedürftigen Grund­rissen die Hand, um auf dem Boden des heutigen Staates und der Reichsverfassung zusammen mit der bedeutungsvollen Schicht der Arbeiter das Zerstörte wieder aufzubauen und das deutsche Volk wieder zur Weltgeltung zu bringen.

Deutschnationaler Parteitag.

Die diesjährige Parteitagung der Deuiichnan^ nalen Volkspartei nahm in Köln mit ein»r Sitzung der Parteileitung ihren Anfang. Die Führer der Deutschnationalen Volkspartei waren schon vollzählig erschienen. Reichstagsabgeordneter Mumm, der ebenfalls in Köln eingetroffen ist, ist plötzlich erkrankt und mußte sich in ein Krankenhaus begehen. Graf Westarp berichtete über die politische Sage, über die Frage einer Arbeitsgemeinschaft mit anderen Parteien und über die Frage der Regierungsbildung im Reiche.

Der amtliche Bericht über die Tagung der Parteileitung der Deutschnotionalen Volkspartei be­sagt u. a., die Parteileitung habe sich in kurzer Sitzung mit dem Referat des Grafen Westarp über die poli­tische Lage befaßt. In der Aussprache sei festgestellt worden, daß die Vorgänge in Genf alle jene Besorgnisse der nationalen Opposition verwirk­lichten, die bereits in der Debatte über Locarno zum Ausdruck gekommen seien. Für die Arbeits­gemeinschaft aller staatserhaltenden Kräfte im Sinnendes Vorschlages Gayl und Jarres werde die schon öfters betätigte Bereitschaft bestätigt.

Bekanntlich sind diese Vorschläge schon seit Tagen für die ernsthaftegpolitische Diskussion als erledigt zu betrachten.

Dom Balkan.

In Sofia soll eine agrar-kommunistische Ver­schwörung aufgedeckt worden sein. Die Blät­ter drucken ohne Kommentar eine amtliche Mittei­lung der Polizeidirektion ab. Darnach sind 20 Personen verhaftet und zwei im Dienste der Verschwörung stehende Druckereien ermittelt worden. Die fünfte Nummer der in Sofia und Philippopel verbreiteten Zeitung „Rote Fahne" wurde beschlagnahmt. Die Schuldigen werden nach dem Gesetz zum Schutze des Staates abgeurteilt werden. Das Ziel war, das geheime Netz der Ver­schwörung wiederherzustellen. Abteilungen dieser Organisation übten in mehreren Städten in der Provinz ihre Tätigkeit aus. In der Hauptstadt arbeiteten die Mitglieder der Verschwörung an der Verbreitung umstürzlerischer Ideen und führten einen flugschriftlichen Feldzug.

Französisch-griechisches Handelsabkommen.

Im Handelsministerium in Paris ist ein fran­zösisch-griechisches Handelsabkommen unterzeichnet worden, das an Stelle des vorläufigen Abkommens vom 21. Februar 1924 tritt. Frankreich erhält für eine gesamte Einfuhr nach Griechenland die Meist­begünstigung. Für die griechischen Erzeugnisse für die Ausfuhr gelten die französischen Minimalsätze. Das Abkommen enthält eine Reihe von Richtvör* schristen zur Regelung der gegenseitigen Wirt- schastsbeziehungen.

* Der Flökger Cobham verunglückt? Man ist in Rangun um das 'Schicksal des Fliegers Cobham, der sich auf dem Rückflug von Australien befindet, sehr besorgt. Cobham startete am Diens- kag in Pcnang und hätte am Mittwoch in Rangun eintreffen müssen. Man befürchtet, daß Cobham an der Küste ein Unglück zugestoßen ist.