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FuldaerZettung

Anzeiger für die Skadl und den kreis Fulda. Amtliches kreisblait.

Somstag, 21. Äugust 1926.

| Zahrg. 53

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Nr. 192.

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Exkaiser Wilhelm erkrankt.

grjarfi einer Londoner Funkmeldung lost, wie die BossZta." berichtet, Exkaiser Wilhelm H. sehr schwer Jn der Grippe erkran kt sein. Am Donnerstag sefuchte ihn der boständische Minister des Innern, »er sich, fast? der Zustand des Patienten eine lieber« Ehrung überhaupt ermöglicht, dafür ins Mittel legen will, daß dem früheren Kaiser die Reise in »in milderes Klima gestattet wird.

Wieder Reichsverband der deutschen Presse erfährt, !oll der Zweck der neuen Fühlungnahme des Vertreters des Hauses Hohenzollern mit »er Preußischen Regierung eine Information darüber sein, ob der Regierung die neuen Vorschläge grundsätzlich als Unterlage zu neuen Verhandlungen im Herbste geeignet erscheinen. Von beiden Seiten werde großer Wert darauf gelegt, unnötige 93er« zögerungen zu vermeiden, um die Frage der Ab­kin düng nach der reichsgesetzlichen Regelung sofort ßäten zu können.

Die englischen Bergarbeiter.

Kein Friedensschluß — Fortsetzung des Streiks.

Eine Mittellung der Bergarbeiterorganisation «Märt, daß angesichts der Haltung der Berg­werksbesitzer kein anderer Ausweg blekbe, als von den Bergarbeitern zu verlangen, daß sie an ihrem Widerstand gegen die Bedingungen der Bergwerksbesitzer verharren, denn wenn diese Bedingungen angenommen werden würden, sei dies gleichbedeutend mit einer sklavischen Armut der Bergarbeiter. Die Bergarbeiterorganisationen haben sich neuerdings an die £De ff entlief) feit, um weitere Unterstützung der Bergarbeiter und ihrer Familien gewandt.

Baldwin und der Bergarbesterstreik.

Das negative Ergebnis der Verhandlungen zwi­schen den Bergwerksbesitzern und den Bergarbeitern wurde dem Ministerpräsidenten Baldwin mitge- trilt, der daraufhin lange Unterredungen mit ver­schiedenen Regierungsbeamten hatte. Der Abbruch der Verhandlungen habe in politischen Kreisen wenig überrascht, obgleich man das Mißlingen der Kon­ferenz bedauere. Baldwin habe beschlossen, seinen Urlaub in Aix les Bains zu verbringen.

Die Vertreter des Generalrates des englischen Gewerkschaftskongresses und die Exekutive der Berg­arbeiter besprachen die Frage, durch die die Ein­zahlungen in den Bergarbeiterunterstützungs- fonb gefördert werden könnten. Es wurde be­schlossen, einen Aufruf an alle Arbeiter zu erlassen, ihre Anstrengung zur Unterstützung der Bergarbeiter zu verdoppeln. Ebenso wurde

bestblossen, die International« Gewerkschastskom- mission aufzufordern, einen Feldzug für die Unterstützung der englischen Berg­arbeiter auf dem Kontinent zu organi­sieren. Vertreter der Bergarbeiter und des Gene­ralrates werden den Kontinent besuchen, um den Aufruf zu unterstützen.

Der Hufstand in Uigaragua.

wlb London, 20. Aug. (Eig. Funkm.). „Daily Mail" berichtet aus Mangua: Die Revolution in Nigaragua sei verursacht worden durch die Wei­gerung der amerikanischen Regierung, den Präsi- deuten Chamore anzuerkennen. Die Eisenbahn­linien wurden unterbrochen. Es finden K ä m p fe statt und verschiedene Städte sind von den Rebellen eingenommen worden. Nörd­lich der Hauptstadt wurde einZugindieLuft gesprengt.

Die Tanger.Fraqe.

wtb. Paris, 20. Aug. (Eig. Funkm.) DaS fron« Mische Auswärtige Amt teilt mit, eS habe über ernste Zwischenfälle, die sich nach Blättermeldungen in Tanger ereignet Haden sollen, keine Nachricht erhalten.

Vermittlung in Mexiko?

Der von der Associated Preß aus Mexiko ge­meldete Brief des Erzbischofs an den Präsidenten Calles fordert Gewissens- freiheit, Religionsfreiheit, Lehr- und Pressefreiheit. Der Brief ertliht, man ver­lange Freiheiten, auf die christliche Bürger einer Kulturnarion ein Anrecht hätten. Das Epis­kopat sei von aufrichtiger Daterlandsl'ebe und von dem Wunsch nach Frieden erfiUIt.

Calles' Antwort.

wtb Mexiko, 20. August. (Erg. Funkm.). Prä­sident Calles hat auf das Schreiben des mexikam- schen Episkopates erklärt, die Aufhebung der De­krete sei nicht m ö g lich, da er diese Verfassung nicht ändern könne. Die vom mexikanischen Klerus geforderten Freiheiten seien im übrigen von der Verfassung garantiert. — Don „Freiheit" har Calles eine merkwürdige Auffassung!

Schießerei in Mexiko.

wtb Mexiko, 20. August. (Erg. Funkm.). In­folge politischer Auseinandersetzungen kam es gestern in Mexiko zu einer Schießerei zwischen meh­reren Kongreßmitgliedern. Eine Person wurde getötet, zwei Abgeordnete und ein Zrit- tungsverkäufer wurden schwer verletzt. Der frühere Gouverneur Garido erhielt einen Schuh ins Gesicht.

Wo hinaus will Mussolini?

Don einem unserer außenpolitischen Mitarbeiter.

Mit einiger Sorge sehen die Diplomaten der europäischen Staaten auf die kommende Beratung der Studienkommission und die Völker­bundsversammlung in Genf hin. lieber die Hal­tung Spaniens ist bis jetzt nichts Positives in Er­fahrung zu bringen und auch die Haltung Frank­reichs, das sowohl Spanien unterstützt, als auch neuerdings eine große Preßkampagne zugunsten eines Sitzes für Polen macht, ist sehr zweifelhaft. Man hat die Ueberzeugung, daß diese Propaganda Mgunsten Polens amtlich inspiriert ist und daß Spanien nur das Vorspann Frankreichs ist, um Polens Wünsche durchzudrücken.

Nun tritt aber noch ein dritter Großstaat plötz­lich in Aktion, nämlich Italien. Spanien hatte sowohl auf der außerordentlichen Völkerbundsver­sammlung im März wie auch gelegentlich der Kom­missionstagung im Mai wiederholt erklären lassen, daß es sich der Gewährung eines ständigen Rats­sitzes an Deutschland nicht widersetzen wolle. Es liegen auch keinerlei Anzeichen dafür vor, daß diese Haltung Spaniens sich geändert hat, und daß Spa­nien etwa jetzt seine Zustimmung zum deutschen Ratssitz von der Erfüllung seiner eigenen Wünsche abhängig machen will, wie es seinerzeit leider Bra- Usilien getan hat. Wenn von Spanien ein Wieder- se ausleben der Frage der Ratssitze gewünscht ist, so »kann eigentlich diese Krise den deutschen Ratssitz 8 nicht gefährden, das heißt, wenn die übrigen Groß- Umächte festbleiben, und zunächst einmal für den vs (Eintritt Deutschlands energisch eintreten. Aus der < englischen Presse geht ja auch immer mehr hervor, - daß die Regierung energisch gedrängt wird, fest- Mzubleiben, und ein Teil der englischen Presse geht «gar soweit, von der Regierung zu fordern, lieber Spanien ganz fallen zu lasien, was an und für sich ja auch bedauert wird, als Deutschlands Eintritt ge« Whrden zu lasien. Denn eine nochmalige Verschie- .dung der Aufnahme würde sowohl für den Völker- Mund als auch für die Großstaaten und auch für W>eutfchland unerträglich sein und es würde dann der Völkerbund in eine so ernsthafte Krise eintre­ten, deren Ende vorläufig noch nicht abzusehen Hgäre, die aber aller Wahrscheinlichkeit nach den Zerfall des ganzen, mühsam zusammengebrachten "ölferbunbes nach sich ziehen würde.

KKun nimmt die Krise durch obiges Eintreten Frankreichs für Polen eine ganz neue Wendung. Dazu kommt noch, daß der spanische Anspruch auf Emen ständigen Ratssitz der italienischen Unterstütz­ung nach des italienisch-spanischen Freundschafts- Uertrages sicher ist. M u s s o l i n i hat seinerzeit bekanntlich für den Völkerbund einen Plan aufge­stellt, der dahin lautete: sieben ständige Mitglieder, Uömlich England, Frankreich, Italien, Japan, Deutschland, Spanien und Brasilien, sechs oder sie­ben nichtständige Mitglieder, nämlich Belgien, Hol­end. Rumänien, Polen und China und wahrschein­

lich Argentinien und ein anderer südameril-u.sichv» Staat. Dieser Plan bedeutete eine Erweiterung des Rates, eine Erhöhung der ständigen Ratssitze um die bisher abgelehnten Sitze Spaniens u- Bra­siliens. Da nach zuverlässigen Meldungen aus dem Völkerbundssekretariat die Studienkommission sich an keine früheren Beschlüße gebunden zu fühlen braucht, und die Ratssitzfrage von neuem vollstän­dig aufgerollt wird, so läuft man natürlich Gefahr, daß dieser Plan Mussolinis auch von neuem auf- taucht und ob es bann möglich ist, alle Wünsche un­ter einen Hut zu bringen und vor allem die Be­ratungen der Studienkommission so zu beschleuni­gen, daß zum 6. September, wenn der Völkerbund wieder zusammentritt, die Ratsitzfrage völlig ge­klärt ist, scheint noch sehr fraglich.

Die (Einladung nach Genf.

Wie wir hören, ist der R e i ch s r e g i e r u n g durch Vermittlung des Generalsekretärs des Völker­bundes telegraphisch die Einberufung der Kommission zum Studium der Reorganisation des Dölkerbundsrates für den 30. August mitge- teilt worden.

Zu der Meldung, daß der Reichsregierung durch Vermittlung des Generalsekretärs des Völ­kerbundes die Einberufung der Studienkommission £r den 30. August mitgeteilt worden ist, bemerkt r „Derk. Lokalanz.", daß diese Mitteilung zu­gleich als Einladung zurTeilnahme an den Beratungen der Kommission gilt. Ein anderes Einladungsschreiben wird in Berlin nicht erwartet, da es sich um eine in ihrem Be­stände bereits im Mai d, I. festgelegte Kommission handelt. Die deutsche Regierung wird, wie er­wartet, diesmal lediglich durch den deutschen Botschafter in Paris v. Hösch vertreten werden, während Ministerialdirektor Gaus in Ber­lin bleibt.

Deutschlands Aufnahme.

Die Vosi. Ztg. meldet au8 Genf: Die glatte und reibungslose Ausnahme Deutschlands wird für so sicher gehalten, daß man sie in dem provisorischen Programm für die Tagesordnung der ersten Sitzungen bereits für Dienstag, den 7. Septbr. in Aussicht ge­nommen hat. Man rechnet damit, daß der Rat, obwohl er die formelle Verleihung eines RatSsttzeS an die deutsche Regierung erst nach der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund beschließen kann, im Laufe seiner am 3. Sepr. beginnenden Tagung feststellen wird, daß keine Schwierigkeiten für die Begebung eines ständigen RalssitzeS an die deutsche Regierung vorhanden sind, da Brasilien an der Ralsfitzung nicht teilnehmen wird und der spa- nische Delegierte, wenn er anwesend sein sollte, für den deutschen Ratssitz stimmen oder sich der Stimme enthalten dürste.

Das Eisenbahnverbrechen bei Meinsersen

Die Zahl der Toten steigert sich auf 24. — Huf der Spur der Ver­

brecher. — Racheakt eines (Entlassenen?

Das Unglück, das den D-Zug Berlin-Hannovw ht der Nähe von Lehrte getroffen hat, läßt sich nun in feinem ganzen Umfang übersehen. Die Lokomo­tive roär über dir Böschung gefahren und hat sich quer neben b?n Böschungshang gelegt. Der Pack­wagen ist in seinem vorderen Teil völlig zertrüm­mert. Drei nachfolgende Wagen fielen ebenfalls nad) der Seite. Der in der Mitte des Zuges lau­fende Schlafwagen blieb unbeschädigt. Wagen 5, 6 und 7 sind am schwersten betroffen. Das Unter­gestell des Wagens 6 hatte sich teilweise von dem ftebengebliebenen Packwagen gelöst und war tritt voller Gewalt über den Packwagen gefallen. Da­durch ist das Obergestell des letzten Wagens in ge­ringer Höhe weggerissen worden. Die beiden letz­ten Wagen wurden von zwei Lokomotiven mittels Seilverbindung ruckweise auseinandergezogen. Un­ter dem freigewordenen Teile des letzten Wagens wurden weitere zehn Tote geborgen. Die Unglücksstätte liegt 'umritten einsamer Heide, die nur von wenig Unterholz und Ackerland durchbro­chen ist. Die herbeigeeilten Beamten und Hilss- mannschaften sind erschüttert von dem grauenhaften Bild.

(Ein verbrechen.

Die Kriminalpolizei hat sofort eine eifrige Tä­tigkeit aufgenommen, da aller Wahrscheinlichkeit naw ein verbrecherischer Anschlag das Unglück herbeigeführt hat. Die Laschen- und Schwellen - fchrauben der Schienen waren nach Ansicht sachver­ständiger Beamter der Reichsbahndirektion Hanno­ver von sachkundiger Hand gelöst wor­den, sodaß die Lokomotive die Schienen beim Pas­sieren dieser Stelle ouseinanderdrückte und entglei- fen mußte. Es wurden unmittelbar nach dem Un­fall sofort zwei Polizeihunde auf die Spur gesetzt, die aber nicht mehr hinreichend war, weil die Spu­ren durch den starken Andrang von Zuschauern, die die Unglücksstätte in dichten Scharen umlagern, schon stark verwischt waren. Der Anschlag, auf den das Unglück zurückgeführt werden muß, kann nur innerhalb ganz kurzer Zeit vorbereitet wer- den sein. Kurz vor dem verunglückten D-Zug hat­ten fünf Züge die Unfallstelle passiert. Etwa 10 Meter neben dem Bahndamm wurden in dem Wäld­chen drei Schraubenschlüssel und ein eiserner Hemm- schuh gefunden. Die örtliche Bahnmeisterei und die Bahnarbeiter erklärten, daß diese Werkzeuge n i ch t zu den ihrigen gehörten. Die Bahnstrecke wird in 24 Stunden einmal begangen. Eine öftere Be­gehung, selbst in einftünbigem Abstand, kann einen solchen Bahnfrevel nicht verhindern.

25000 Mk. Belohnung!

Wie die „Dass. Ztg." erfährt, hat die General­direktion der Deutschen Reichseisenbahngesellschaft die ursprünglich auf 2000 Mark festgesetzte Beloh­nung für die Ergreifung derEisenbahn- a ttentoter auf 25000 Mark erhöht.

Huf der Spur.

Das „Derk. Tagebl." weiß zu melden, daß die Staatsanwaltschaft, die die Ursachen der Eisenbahn- katastrophe bei Meinstrsen untersucht hat, bereits eine Spur der Täter verfolge, die nach Garde­legen führen soll. Es sollen bereits zahlreich/ Verhaftungen vorgenommen worden sein. Die Vermutung liege nahe, daß es sich um einen Racheakt eines entlassenen Eisen­bahnbeamten handele.

Die Opfer.

Wie die Pressestelle der Reichsbahndirektion mitteitt, sind die als Schwerverletzte geborgene Frl. Klara Neuer aus Köln a. Rh. und der Student Woodrik Read aus London im Landeskrankenhaus Braunschweig ihren Verletzungen erlegen. Die Zahl der Toten beträgt jetzt 24.

Unter den Toten befindet sich auch Sfoafsfommiffar Mchlich vom Reichsarbeitsministerium. Reichskommissar Mehlich stand im 44. Lebensjahre. Von seiner schlesischen Heimat aus kam er schon früh ins Ruhr- K"et, wo er als Metallarbeiter in der Gewerk- tsbemegung tätig war. Sein Amt als Reichs­und Staatskommissar übernahm er im Jahre 1820. Mehlich war mit dem preußischen Innenminister Severing persönlich befreundet. Er hat sich vor allem als Schlichter für Lohn streitig- ketten durch seine ausgleichende Tätigkeit b e • besondere Verdienste erworben. Erst vor

VA Jahren starb ihm seine Gattin. Er hinterläßt jetzt sieben Kinder als Waisen, von denen das jüngste drei Jahre zählt. Bis zum späten Abend war in Berlin nirgends bekannt, daß er den nunmehr verunglückten Zug benutzen würde. Ein Attentat etwa auf feine Person dürste daher nicht in Frage kommen.

Wie die „Germania" mitteilt, weilte der bei der Katastrophe tödlich verunglückte Reichs- und Staatskommissar Mehlich am Mittwoch in Berlin und hatte eine längere Unterredung mit dem preu­ßischen Minister des Innern, der ihn am Abend zu dem Unglückszug begleitete.

♦

Nach einer Meldung der „Voss. Ztg." aus Essen werden sich die Lohnverharidlungen zwischen Z e - chenverband und den Sergarbeiteroer- bänden, die für nächsten Montag vor dem Schlichter in Aussicht genommen waren, durch den Tod Mehlichs verzögern. Wahrscheinlich werden sie erst am Mittwoch stattfinden.

veUeidskundgebungen.

Der Reichspräsident hat an die Haupt­verwaltung der Deutschen Reichsbahngesellschaft das nachstehende Beileidstelegramm gerichtet: „Die Nachricht von dem ruchlosen Attentat auf den D- Zug Berlin-Köln, das io viele Opfer forderte, hat mich tief ergriffen. Ich spreche der Hauptverwal­tung der Reichsbahngesellschaft meine herzliche Teil­nahme an dem neuen Eisenbahnunglück aus und bitte diese auch den Hinterbliebenen der Getöteten und mit den besten Wünschen für die Genesung den Verletzten zu übermitteln, v. Hindenburg, Reichs­präsident."

Reichskanzler Dr. Marx hat an die Haupt­verwaltung der Reichsbahngesellschaft folgendes Telegramm gerichtet: Durch verbrecherische Hände ist ein furchtbares Eisenbahnunglück, dem zahlreiche Menschenleben zum Opfer gefallen sind, verschuldet worden. Ich spreche der Hauptverwaltung zu der Katastrophe meine innigste Anteilnahme aus und gebe meinem tiefen Abscheu über die ruch­lose T a t Ausdruck. Die Reichsregierung trauert mit den Angehörigen der tödlich Verunglückten v«Ä wünscht den Verletzten baldige Wiederherstelln- Reichskanzler Marx.

Wer sind die Schurken?

Wie das Kriminalamt Chemnitz erst jetzt mitteilt, ist am verflossenen Sonntag­abend gegen 10.30 Uhr der Schnellzug Berlin- Riesa-Chemnitz auf freier Strecke zwischen den Sta­tionen Schweikershain und Erlau durch Vorhalten einer Laterne mit rotem Licht zum Halten ge­bracht worden. Als Täter kommen zwei unbe­kannte anscheinend jüngere Burschen in Frage, die nach dem Halten des Zuges geflüchtet find und noch nicht ermittelt werden konnten. Die Zahl der in der Chemnitzer Gegend in den letzten Wochen verübten Anschläge gegen Eisenbahnzüge hat sich nunmehr aus acht erhöht. Trotz ausgesetz­ter hoher Belohnungen konnte noch keiner der Tä­ter ermittelt werden.

Dorpmünets Erklärung.

Generaldirektor Dr. Dorpmüller, der an der Unglücksstelle des Kölner D-Zuges die Untersuchun­gen geleitet hat, erklärte Pressevertretern, daß un­trügliche Anzeichen dafür vorliegen, daß verbreche­rische Hände die Katastrophe herbeigeführt haben. Die Unglücksstelle, so führte Dr. DorpmiMer u. a. aus, liegt an einer schnurgeraden Linie. Der Ober­bau auf der Sttecke Berlin-Köln ist der beste in ganz Deutschland, denn es handelt sich um die am meisten befahrene Sttecke. Man vermutet, daß nrindestens zwei, vielleicht auch mehrere Täter in Frage kommen. Die ganze Zerstörungsarbeit konnte von zwei Personen in noch nicht einmal 15 Minuten geleistet werden. In der Zeit von 1 bis 2 Uhr nachts befuhren vier D-Züge in Abständen von 15 Minuten die Gefahrstelle. Möglicherweise haben die Täter schon eine Stunde vorher die Schrauben gelockert und ein glücklicher Zufall hat die ersten drei Züge noch über die beschädigte Stelle kommen lassen, während beim tiierten die Kata­strophe hereiingebrochen ist. Die Nachtpatrouille zur Bewachung der Sttecke ist schon vor Beginn der Personalvornnnderung abgeschafst worden, toeil fich ihre Zwecklosigkeit erwiesen hat. Zur Frage der Entschädigung äußerte sich der Dertteter der Reichsbahn, ehe man zu der etwas schwierigen Rechtslage Stellung nehme, werde die Reichsbahn erst die Frage zu prüfen habe, ob ein Atten­tat als höhere Gewalt anzusehen sei.

Die Furcht des „Temps".

Der Pariser „Temps", das Blatt der natio­nalistisch-kapitalistisch eingestellten Franwsen, be­schäftigt sich unter der Ueberschrift „Gefährliche Illusionen" mit dem Internationalen Demokra­tischen Friedenskongreß inBierville und weist zur Begründung seiner skeptischen Auffassung auf den kurz vor dem Kriege von 1870 zusammengettetenen Berner Friedenskongreß. und auf den vor dem Kriege 1914 in Basel abgehaltenen Friedenskongreß hin. Der Friedenskongreß in Bierville sei überdies eigentümlicherweise in einem Augenblick zusammen- fletreten, in dem Deutschland ein sehr großes Inte­

resse daran habe, sein wahres Gesicht zu ver­hüllen. Die Dölkerbundstagung rücke heran und Deutschland wolle, bevor es-nach Genf gehe, eine neue Milderung der Klauseln des Der- sailler Vertrags und die tatsächliche Räu­mung des besetzten Rheinlandes errei­chen. Die Reigen, die m Bierville getanzt würden, dürsten nicht die Wirkung haben, daß Frankreich jetzt die Augen von den Vorbereitungen Deutsch- lands, sich definittv den Rechtsfolgen seiner Nie­derlage zu entziehen, abwende. Man erkenne in­dessen gerne an, daß der Kongreß von Bierville, wenn man ihn seiner gefährlichen Romantik ent- Neide, für die Sache des Friedens einen gewissen Wert haben könne.