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Nr. 190

Donnerstag, 19. August 1926

Zahrg. 53.

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Bor Beendigung des englischen Bergarbeiterstreikes

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Die Mächte und der Anschluhgedanke

* Keine Rücktrittsabsichten Kelloggs. Aus Was. hington wild gemeldet: Im Gegensatz zu der von amerikanischen Blättern verbreiteten Nachricht erklärte Staatssekretär Kellogg, daß er sich nicht mit RücklrittSabstchten trage.

Die Konferenz der englischen Bergarbeiterdelr- yierten hat die Mitglieder des Bollzugsrates er­mächtigt,' sich um die Wiederaufnahme der Ver­handlungen mit den Arbeitgebern und der R e g i e r u n a zu bemühen. Die Konferenz hat weiterhin den Beschluß gefaßt, daß alle Verhandlun­gen über eine Beilegung des Konfliktes auf der Ba­sis einer Regelung für ganz England und nicht auf der Basis bezirksweiser Vereinbarungen geführt werden sollen.

Die Zahl der Bergarbeiter, die in den m i t t e l- ländischen Zechen die Arbeit wieder aufgenom- men haben, beträgt in Warwickfhire 6 098, in Can- nock 5 288, in Leicester 783, in Soutstaffordsh'rc IWO. Zechen in Schottland und Wales melden ebenfalls, daß zahlreiche Bergarbeiter die Arbeit wieder ausgenommen haben.

Aus Newcastle werden die ersten Zeichen des Nachgebens der Bergarbeier Northumberlanvs gemeldet. Etwa hundert Bergleute nahmen in der Zechs Watbottle die Arbeit zu Bedingungen de- Ächtftundentages und der vor dem Streik gelten­den Lohnfkala.wieder auf. Man erwartet eine täg­lich e Förderung von ISO Tonnen.

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wtb London, 18. Aug. (Eig. Funkm.). Im Mittelpunkt des Interesses steht der Beschluß der

in».inett • Greife- ÄietmeUe <CotoneD otal 0,16 Reichsmar auswärts 0.20 Reichsmark. Reklame,eile- lokal 0.6n Reichsmar auswärts 0.80 Reichsmark.

Be> W'e6erkiolunnen Rabatt. Noit'ch-chkanln Kran Hur* n. M. 4051.

wirtschaftliche ttampfbewegungen.

= Kündigung der lohnabkommenr in der Stahl- indnstri«. Laut der .Rheinisch-westfälischen Zeitunst- lündiaten die Metallarberterverbände das Lohn- und Arbeitszeitabkommen in der E i s e n» und Stahl- i n d u st r i e der nordw ettlichen Gruppe zu 30. September.

Delegierten des Bergarbeiterverbandes, neuerer- Handlungen mit der Regierung und mit den Zechenbesitzern zu beginnen. „Daily Herald" schreibt, Baldwin habe jetzt Gelegenheit, zu bewei­sen, ob es ihm mit seinem Appell um Frieden und Wohlwollen wirklich ernst gewesen ist. „Daily Ehronicle" hält einen dauerhaften Frieden nur durch eine ordnungsgemäß unterzeichnete Regelung und auf der Grundlage wiederhergestellter Wohlfahrt in der Kohlenindustrie für möglich. Wie „Daily Tele­graph" schreibt, herrschte gestern in offiziellen Kret- Jen em Gefühl von gemäßigtem Optimio- m u s. Man erwarte, daß der Vollzugsausschuß der Bergarbeiter heute den Primierminifter ersuchen werde, eine Konferenz zwischen den Zechenbesitzcn und den Bergarbeitern zustande zu bringen. Es feien jedoch noch viele Schwierig leiten zu überwinden.

Lohnbewegung der deutschen Bergarbeiter.

Wie die D. Bergwerksztg. zuverlässig erfährt, werden die Verhandlungen der vier Arbeitnehmerorganisatio­nen, die eine Lohnerhöhung fordern, mit dem Zechen- verband am 19. d. Mts. beginnen. Die Höhe des ge­forderten Mehrlohnes steht noch nicht fest, da die Arbeitnehmeroerbände darüber erst kurz vorher beraten wollen. Man glaubt jedoch, daß sich die Forderungen der Bergarbeiter auf 15 Proz. stellen wird.

Zettungrverbote.

Die Stahlhelmzeikschrift „Die Standarte" verboten.

Das Oberpräsidium in Magdebur g hat, wie eine sozialdemokratische Korrespondenz erfährt, die Stahlhelmzeitschrift „Die Standarte" wegen des Artikels, in welchem die MörderRathenaus und Erzberaers verherrlicht werden, zunächst auf drei Monate verboten. Gegen den verantwortlichen Redakteur ist Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft gestellt worden. Eine Entschei­dung über die Maßnahmen gegen die Zeituna „Der Stahlhelm" wegen des Aufsatzes „Zum Verfas- funqstag" ist für Mittwoch nach Rückkehr des preu­ßischen Innenministers von einer mehrtägigen Dienstreise zu erwarten. Auch in diesem Falle ist ein Antrag auf Strafverfolgung des verantwort­lichen Redakteurs bei her zuständigen Oberstaatsan­waltschaft gestellt worden.

Verbot der kommunistischen Tribüne in Magdeburg.

Das Oberpräsidium in Magdeburg bat die kommunistische „Tribüne" in Maadeburg auf Grund des Gesetzes zum Schutze der Republik für die Dauer von 14 Tagen verboten, weil das Blatt am 14. August das den Reichspräsidenten beleidigende Gedicht abgedruckt hatte, wegen besten Veröffentlichung seinerzeit die Berliner Rote Fahne verboten worden war. Die kommunistische Partei in Magdeburg bat gegen das Verbot eine Protestversammlung einberufen.

Erlckeint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilaaen- Illustrierte »ei- !a«e" mtb Buchenblätter" Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Kulba. Iernsvrecher Nr 9- ’O’onntHrfn’r Rerncisvreis, 1.50 Mk.

vor Gens.

Der „Berl. Lokalanzeiger" meldet aus Gen f, Hoß dort der Unterftaatssekretär v. Moellendorf und Geheimrat v. Bülow vom Auswärtigen eintrafen, um an den Arbeiten des Wirtfchaftsaus» schusfec der Abrüstungskommission teilzunehmen. Dos Sekretariat des Völkerbundes hat laut „Voss. Zig." den Erzbischof von Upsala, Söderblom, eingeladen, vor der Vollversammlung des Völkerbundes am 15. Sept, zu predigen. *

Don einem unseren außenpolitischen M>' '■ i;ter:

In Genf haben in der vorigen Woche bi 'eta- fungen des militärischen Sachverständigen-Komitees begonnen undes zeigt sich wie früher schon bei die­sen Beratungen, die die Frage der Abrüstung be­handeln, daß jede Ration die Abrüstung will, aber zunächst einmal für den anderen und daß in dem Augenblick, in dem es sich darum handelt, genaue Feststellungen über die Art der Abrüstung zu machen so viele Für und Wider vorgebracht werden, daß alles doch gewissermaßen beim alten bleibt. Es ist ein reines Versteckspiel. Das zeig­ten auch wieder die letzten Beratungen.

Es handelte sich diesmal um die Frage: Gibt es Rüstungen und welcher Art sind sie, die lediglich der Verteidigung eines Staates dienen; und ferner, gibt es eine Methode, um festzustellen, ob eine Macht lediglich für Verteidigungszwecke oder für Angriffszwecke ihre militärischen Machtmittel hat. Gerade die zweite Frage ließ die Geister auf­einanderplatzen, weil natürlich keiner zugeben will, daß er für Angriffszwecke seine militärischen Macht­mittel in Vorbereitung hat, auf der anderen Seite aber auch keiner von diesen Machtmitteln etwas ab- streichen will. Als Kennzeichen einer defensiven Organisation wurde dann schließlich folgendes f:st- gelegt: Es muß sich im Verlaufe länaerer Beobach­tungen ergeben, daß ein Staat feine Rüstungen bc- ständig vermindert, indem er sein Militärbudget berabsetzt, seine aktive Dienstzeit verkürzt, sein Kriegsmaterial langsam ergänzt usw. Von deutscher Seite waren verschiedene Einwendungen erhoben worden, so z. B., daß ein sehr starkes Land gegen­über einem schwachen Staat feine Kräfte verringern könne, ohne deshalb auf den Angriffsgedanken zu verzichten. Entscheidend sei das relative Ver­hältnis zwischen zwei Mächten.

Dieser Gedanke wurde in einem deutschen An­trag zusammengefaht, der mit reichlichem Material begründet war, und der betonte, daß eine Methode zur Prüfung, ob eine militärische Macht zur Ver­teidigung organisiert sei, in den Friedensverträge militärische Organisationen geschaffen, deren aus­schließlicher Verteidigungscharakter ausdrücklich fest­gelegt worden fei. Es fei fernerhin zu betonen, daß, wie es in der Einleitung der Friedensverträge heißt, diese Organisationen geschaffen worden feien," um die Vorbereitung der allgemeinen Abrüstung zu ermöglichen. Obgleich gegen die sachliche Begrün­dung und Berechtigung dieses Antrags nichts ein« gewendet werden konnte, verfiel er, und das ist be­zeichnend für die Stimmung in dem militäri­schen Sachverständigen-Komitee und für die Einstellung der dort vertretenen Staaten, der, Ablehnung. Diese Ablehnung bedeutet gleich­zeitig das harte „R e i n" auf die Frage nach einem wirklich vorhandenen entschiedenen Abrüstungswil- len.

Von einer besonderen Wiener diplo­matischen Seite wird das in der Ueberschrift angezeigte Tbema in nachstehender sehr interessanter Weise hier beleuchtet:

Lange Jahre gehörte der Anschlußaedanke zu jenen Kapiteln der großen Politik, die offiziell nicht bestehen. Tauchte er irgendwo auf, so verwies man auf die Friedensverträge, in denen er verboten fei. Verboten? Das Wort ist nicht ganz richtig! Denn im Friedensvertrag von Sant Germain steht aus­drücklich: „Die Selbständigkeit Oesterreichs ist un­abänderlich, es sei denn, daß der Völkerbund einer Abänderung zustrmmt.^ Hier ist fo*trie Ritze, durch die der Gedanke sich in das europäische Staatenge- triebe einschlich — während man amtlich in den Staatskanzleien der europäischAi Mächte nichts wis­sen wollte, populisierte sich das Wort: „L' Anschluß^ und es gehört heute dem internationalen Sprachge­brauch an. Die Franzosen gebrauchen es so, wie einst ,,L' Kaiser", der Italiener hat es in seinen Sprachschatz übernommen, in allen Sprachen und in allen Staaten wurde dieses Wort gebraucht und hat nur einen Sinn: Den Zusammenschluß Oester­reichs mit dem Deutschen Reich. Diese Po­pularisierung dementiert daher das alte Wort der Bürokraten: quodnon est in actis, non est in mundo, — was nicht in den Akten steht, existiert nicht.

Gewiß es gab Zeiten, wo Hausse und Baisse des Anschlußgedankens einander ablösten. So einen Höhepunkt stellte die unwiederstehliche Abstim­mungsbewegung in T i r o l und S a l z b u r g dar, die einen überwältigenden Sieg des Gedankens be­deutete. In der Welt hat man das nicht erwar­tet — weder daß diese beiden Ländchen gegen die Einsprache der Weltgewaltigen abstimmen, noch daß derartig erdrückende Ziffern den deutschen Gedan- ken bekunden. Man beeilte sich daher zu erklären, daß Volksabstimmung und Selbstbestimmungsrecht nicht ibenttsch feien, diesfalls wenigstens! Run hatte man bei dieser neuen These auch den Sinn dieser Abstimmungen vergessen — kein Mensch dachte daran, außenpolitisch dadurch Tatsachen zu vollziehen, oder die Sieger vor vollzogene Tatsachen zu stellen, so klug waren auch die Bergländchen, daß sie wußten, daß unmittelbar nach dem Gewaltsrie- den gegen den Willen der Diktierenden keine voll­zogenen Tatsachen zu schaffen sind! Ader inner- politisch hatte man die Frage geklärt — ein für alle­mal! In Tirol, der angeblichen Hochburg Alt­österreichs gab es keine Altösterreicher mehr, sondern nun mehr deutsche Tiroler, und diese Erkennt­nis wirkte auf die anderen Länder so, wie ein Stein, den man ins Wasser wirft.

Dann kam wiederum ein Wellental; die Sorgen waren zu groß, man mußte zuerst Oesterreich aus dem Tiefpunkt seines Währungsverfalles herausführen. Oesterreich bekam Darlehen unter internationaler Garantie; man rettete damit die Währung, man baute wieder auf — aber man ver- bannte den bösen Anschlußgedanken aus den Ver- handlungsjälen, und ließ sich dies erneut verbriefen und besiegeln. Trotzdem man Sieger war, und jeder­zeit es verhindern konnte, vergaß man doch nicht, daß am Beginn dieser Epoche der österreichische Bun­deskanzler seine Rundfahrt begonnen hatte unter dem Titel: „Aufrollung der mitteleuropäischen Frage!" So glaubte man durch Geld Ideen zu ersticken, nachdem die Gewalt dies nicht erreicht hatte. Am Papier mag dies geglückt fein, weil Oesterreich damals unter Zwang handelte und so handeln mußte aber im Volksgefühl war es anders. D>e Idee lebte und strebte und warb — während die Donauförderationsgedanken politischer und wirtschaftlicher Prägung in den Orkus der Ge- schichte versanken, während sich der Gedanke Der „Derschweizerung" sowohl am Boden der Tatsachen, als in den Reibungen der herben Wirklichkeit selbst aufrieb, stieg der ungezählte Male totgesagte An­schlußgedanke wie in Phönix aus der Asche. „Anschluß", das wurde eine Selbstverständlichkeit; ruhig kann man sagen, daß 90 von 100 aller Oester- reicher feit Jahr und Tag für dir Verwirklichung der Idee eintreten, ruhig kann man behaupten, daß auch die letzten noch zweifelnden 10 Prozent langsam

*Reid)sfinan$mlnif(er Dr. Reinhold ist zu einem mehrtägigen Aufenthalt in Königsberg, dzw. Ostpreußen eingetroffen. Er stattete zunächst dem Landesfinanzamt einen Besuch ab.

Der Stahl-Trust.

Der Pariser „Temps" bestreitet entschieden, daß die Veryanblungen zur Bildung des Stahltrusts scheiterten. Die Schwierigkeiten seien einzig und allein darauf zurückzuführen, daß wegen des Feh­lens eines so mächtigen Syndikats wie in Deutsch­land die französischen und belgischen De­legierten gezwungen seien, die Leiter der haupt­sächlich an der Frage interessierten Unternehmungen zu befragen, bevor irgendeine Beipflichtung über­nommen werden könne. In der französischen Me­tallindustrie könnten die Hindernisse bereits jetzt als beseit igt angesehen werden. Auch in Bel­gien würde man in absehbarer Zeit zu einer Ver­ständigung gelangen, sodaß im Laufe des nächsten Monats das Abkommen endgültig unterzeichnet wer­den könnte. ______________

* Ebermeher — Reichskommissar für Strafrecht- resorm. Dr. Ludwig Ebermeher, der die für richter­liche Beamte gezogene Altersgrenze erreicht hat, wird laut B. Z. am Mittag nach seinem am 1. September erfolgenden Rücktritt vom Poften des Oberreichs' anwalts einer Aufforderung des Reichsjustiz- ministeriums entsprechend die Funktionen eines Reichs- kommiffars für die Vorbereitung und Erledigung der schon lange fälligen S trafrech t sref orm übernehmen.

Die Neichseinnahmen im Juli.

Die Ueberfichten über die Einnahmen des Reiches an Steuern, Zöllen und Abgaben im Juli liegen nunmehr vor. Wie bereits durch den Reichsfinanz- mmister berichtet, beträgt die Eesamteinnahme des Juli 708 Mill. Rmk. (in den ersten vier Mo­naten des Rechnungsjahres 2103.2 Jahresvoranschlag von 6465,3 Mill. Rmk.) Aus fortdauernden Besitz- und Verkehrssteuern wurden 472.08 MN. (1431.1 bezw. 4476 Mill. Rmk.) ver­einnahmt. Verpfändete Zölle und Verbrauchsab­gaben erbrachten einen Gesamtbetrag von 227 (688.2 bezw. 1907) Mill. Rmk.

Gegenüber dem Auskommen im Juni zeigen folgende Steuerkategorien besondere Unterschiede:- Die Einkommensteuer aus den Lohnabzügen erhöhte sich um zirka 5 Millionen Rmk., aus den Abzügen vom Kapitalerträge verminderte sich um 5 Millionen Rmk., dagegen stieg sie aus der freien Einkommensteuer von 20.22 im Juni auf 142.69 Millionen Rmk. im Juli. Die Körperschäftssteuer vemeunfachte sich von 7.04 auf 65.47 Millionen Rmk. Die allgemeine Umsatzsteuer brachte ge­steigerte Erträgnisse: 80.65 Millionen Rmk. im Juli gegen 58.19 Millionen Rmk. im Vormonat. Unter den Kapitalverkehrssteuern nimmt die Er­höhung der Börsenumsatzsteuererträgnisse mit 6,28 gegen 2,71 Millionen Rmk. einen besonderen Rang ein. Die stärkere Eindeckung vor den neuen Zöllen kommt in der Erhöhung der Zollerträgnisse um rund 50 Millionen Rmk. zum Ausdruck. Tic Ta- bakssteuer erhöhte sich wesentlich um zirka 8 Mill. Rmk., auch die Zuckersteuer brachte um 4 Mill. Rmk., die Biersteuer um 2 Millionen Rmk. erhöhte Erträgnisse. Die Eingänge aus der Weinsteuer sind außewrdentlich zurückgegangen. Die Schaum- weinsteuer erbrachte nach den vorc'ffgegange- nen steuerlosen Monaten bereits 1.36 Mill. Rmk.

für die Idee gewonnen werden — sie hat in Oester­reich keine Gegner mehr!

Und damit rückte der Anschlußgedanke aus dem Stadium der Volksbewegung in die Phase des D t p- lomatentums. Wohl donnerte Mussolini das erste Mal im Mai 1925 fein „Rein" in hie Welt. Wohl beharrte Frankreich auf feinem ab­lehnenden Standpunkt und, wie die Alten fungen, so zwitscherten die Jungen: im Chor tönte es aus den Hauptstädten der Kleinstaaterei: „Rein, nein, nein!" Doch mit Negation macht man feine positive Politik, und Gedanken wurden in der Weltgeschichte nie dadurch erschüttert und verschüttet, indem man Deren Bestand negierte. Für Italien war maß­gebend, daß es fein Geschäft abschließen wollte, Frankreich aber stand rm Zeichen der Angstpsychose!

Manches war Hinwegzuräumen, nur langsam fallen die Schranken. Daß „Italiens „Nein" nicht un­abänderlich sei, dachte man, wußte man, denn zwi­schen Italien und dem Anschlußgedanken stand nicht allzuviel, was hindernd wirkte, wohl aber eine Un­zahl von Tatsachen, die es notwendig und nützlich erscheinen ließen, daß die Verständigung zwischen dem deutschen und dem italienischen Volk eingelei­tet, fortgeführt, zur Tatsache werde. Damit ist man nun am besten Weg. Als der deutsche Reichstags­präsident vor nicht langer Zeit in Wien über den Anschluß sprach und hierbei betonte, daß vor oder nach Deutschlands Eintritt in den Völkerbund, nie und nimmer es vergessen werde, daß das Ziel des deutschen Volkes die Vereinigung der beiden Staa­ten Mitteleuropas sei, an deren gemeinsame Sprache und Kultur sich die Welt eben gewöhnen müsse, da fand der politisch so kluge Italiener zum ersten Mal' wiederum das Wort, das von der reinen Negation abdrängte: „W as bietet ihr u n s?", das war der Tenor der Antwort. Und dieser Tenor hat sich seither verstärkt und christallisiert sich langsam zu einer Harmonie der Töne, die in den letzten Tagen der hochoffizielle „Popolo b’ Italia" in die viel­sagenden Worte kleidet: „Italien wird Deutschland keine Schwierigkeiten machen, fordert aber bezüg­lich der Frage der Kolonialmandate im Voraus eine Anerkennung, die auf einer zwischen den Verbündeten bisher offen gebliebenen morali­schen Frage beruht." Nun ist der Preis genannt — die diplomatischen Führer müssen nun abwägen, daß sich Zugeständnisse und Preis angleichen.

Und Frankreich? Seit Locarno schwindet die Angstpsychose; langsam nur, wie es nicht an­ders sein kann. Aber daß sie im Schwinden be­griffen ist, bezeugt, daß zum erstenmal seit den Ver­sailler Tagen ein französischer Außenminister kein „Nein" in die Welt schmetterte, als anonym „L'An- schluß" berührt wurde, sondern den Finger an die Lippen hielt und meinte, man solle die „österreichi­sche Frage" dermalen doch lieber nicht berühren. Es entbehrt nicht des Reizes der Neuheit, daß diese Auffassung zum erstenmal im Kabinett Poin - c a r e redivivus vom verantwortlichen Außenmini­ster dieses Kabinetts fallen konnte. Wohl erhoben sich sofort Stimmen gegen diese „irrige Auffas­sung", die noch das Glashaus der Diplomatie nicht verlassen hat und kaum noch verlassen darf, weil sich der Franzose erst gewöhnen muß, daß das ihm Schrecken einflößende Fremdwort, das er in feinen Sprachschatz übernommen hat, nunmehr auch tat­sächlich in der Welt lebt, obwohl es in den Akten nicht vorkommen darf.

Auch diese Gewöhnung wird langsam vor sich gehen. Vor allem kann kein Fremder bas französi­sche Volk belehren, und schon garnicht der Deutsche — Franzosen können nur durch ihre eigenen Landsleute belehrt und bekehrt werden, daß der Anschlußgedanke Frankreich nicht bedroht, seine In­teressen nicht verletzt, und daß er nicht gegen, son­dern im Einvernehmen mit Frankreich voll­zogen werden soll. Daß es nicht leicht fein wird, Vorurteile auszurotten, die Jahrzehnte lang die Altvorderen hegten, ist klar, aber es finden sich Leute, u. diese werden aufnahmefähigen Boden fin­den, weil Frankreich feinen Blick anders wohin wenden muß, wo bedrohlichere Gewitterbllbungen auffcheinen als an der in Locarno neutralisierten Ostgrenze ....

„LÄnfchluß" marschiert auch als Diplomatikum!

_ . Zusammenschluß der Beamkenverbande. Zu den Zusammenschluhbestrebungen der Beamten­verbände nimmt der freigewerkschaftliche Afa- B u n d in einer Crkläning Stellung, in der betont wird, daß die Verbände des Afa-Bundes einer etwaigen Fusion des Deutschen Beamtenbundes und des Allgemeinen deutschen Beamtenbundes äußerst skeptisch gegenüberstehen. Im Afa-Bund wird stark bezweifelt, daß der Deutsche Beamtenbund nach seiner ganzen Zusammensetzung auch nur be­reit wäre, sich programmatisch einmütig sür die Republik und gegen die Monarchie zu erklären.

* Internationale .Tlugkonferenz in Berlin. Arn 27. August wird in Berlin eine Konferenz „Inter­national Air Traffic Assoziation" zusammentreten, um über die wichtigsten Fragen des Luftverkehrs M beraten. Dem „Bert. Tagebl." zufolge wird die Schaffung einer Internationalen Flug - Versicherung geplant; ferner dürften sich die -Beratungen auf eine weitere Vereinheitlichung des europäischen Luftverkehrs erstrecken.

* Ter Kleinkalibersport. Der Reichsminister des >mnern bat, wie der Sozialistische Pressedienst erfährt, an die Reaierungen der Länder eine Umfrage “7 ’fce Erfahrungen mit dem Kleinkalibersport gerichtet. Das Ergebnis dieser Enquete soll zum über h ÜOn neuen reichsgesehlichen Bestimmungen

- ^einkaliberiport genommen werden. Der art'' Innern beabsichtigt, bevor der«

r !$c Maßnahmen getroffen werden, mit den Länder- .nt;/.u"üen persönlich Fühlung zu nehmen. Eine Q.2, echende Konferenz ist vorläufig für Anfang

$ ember in Aussicht genommen.

der Innenminister. Wie die Tr er? Zeitung" meldet, hat Reichsinnenminister f»r. U15 für den kommenden Monat eine Son« I?cr Innenminister aller beut- IS,;» Zauder vorgesehen, bei der die im Reichs- Innern in Vorbereitung befind - ™en Gesetzentwürfe besprochen werden sollen.

ft* Bestrafung eines persischen Armeeführers. Der hn,, ?on seiner Rundreise durch die kürzlich n,w-^Ut, ,an^n heimgesuchte Provinz Khorassan zuruckgekchrt Er hat die Absetzung und Verhaf- ng des Oberkommandierenden der Ostarmee be- erpresserische Handlungen Uttb Gewalttaten zur Last gelegt werden.

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FuldaerZettun

Anzeiger für die Sfaöf und den kreis Hulda. Amtliches kreisblakl.