Arneiqer für die Sfabf und den Kreis Fulda. AmMches kreisblakf
Nr. 184.
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Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsvrecher Nr. 9-
Monatlicher BetuaSvreiS! 1.50 Mk.
Donnerstag, 12. Kugust 1926.
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Zahrg. 53.
Die Lersaffungsseier in her ReichHauptW-t.
Die Teilnahme des Reichspräsidenten von Hindenburg. — Die Festreden 5 von Marx und ttülz. — Große Beteiligung an dem Festakt.
Am Gedenktage der Weimarer Verfassung herrschte in der Reichshauptstadt das nervös-lebhafte Getriebe, das für große politische Ereignisse charakteristisch ist. Schon in den Vormittagsstunden zogen viele Tausende durch die Straßen und namentlich vor dem Haupteingang zum Reichs- tagsgebäude am Platz der Republik hatten sich bereits gegen 10 Uhr Hunderte eingefunden, die dort eine durch fortlaufend neuen Zustrom anwachsende Menge vor der Freitreppe des Reichstagsgebäudes bildeten. In der Wandelhalle des Reichstags waren zur Feier des Tages die für das internationale Arbeitsamt in Genf gestifteten, von Maler Max Pechstein geschmückten Flachfenster ausgestellt, die Arbeitsszenen aus Industrie und Landwirtschaft in prächtiger Ausführung darstellen. Der Plenarsitzungssaal, in dem die Hauptfeier stattfand, war durch Tannengrün und gelbe Herbstblumen geschmackvoll verziert. Heber dem Präsidententisch war ein riesiger Reichsadler angebracht, flankiert von den Wapen der deutschen Länder. Um 11 Uhr wurden für die Teilnehmer an der offiziellen Feier die Reichstagstore geöffnet. Bald waren Plenarlaal und Tribünen überfüllt. Kurz vor 12 Uhr fuhr Reichspräsident v. Hindenburg vor dem Reichstag vor. Er wurde Dom Reichstagspräsidenten Loebe und dem Direktor beim Reichstag, Geheimrat Galle, empfangen und in die reservierte Mittelloge des Plenarsaals geleitet. Beim Eintritt des Reichspräsidenten erhoben sich die Versammelten von ihren Plätzen. Der Staats- und Domchor unter Leitung von Prof. Hugo Rüdel trug ein altes Volkslied: „An die deutsche Nation" vor, das um 1450 entstand. Es folgten die Festreden.
wtb Berlin, 11. August. (Gig. Drahtmeldg.). Bei der heutigen Verfassungsfeier im Reichstag, der der Re i ch s p r ä s i d e n t von Hindenburg beiwohnte, hielt Reichsminister des Innern, Dr. Kül z, eine Rede, in der er u. a. ausführte:
Kein Festtag ist es, den w'r begehen, sondern ein Tag der Einkehr und der Selbstbesinnung der nationalen Hoffnung. Wenn ein Volk wie das deutsche sich in der Zeit des Niederbruches mit einer Verfassung ein Staatsgrundgesetz und ein Programm für feine eigene Lebensbetätigung setzt, so muß als großer Grundgedanke in ihr ver- körpert sein der Wille zur nationalen, kulturellen und wirtschaftlichen Wiedergeburt und Selbstbe- gauptung. Die' Verfassung von Weimar erfüllt die- fes Erfordernis; sie ist das staatliche Programm für die politische wirtschaftliche, soziale und kulturelle Erneuerung des deutschen Volkes. Pflicht derer, die dem Staat verantwortlich sind, ist es, die hohen und großen Ideen der Weimarer Verfassung dem deutschen Volke immer näher zu bringen, um die Teilnahme der Nation an ihrer eigenen Zukunft zu
beleben. Die Verfassung von Weimar ist die Magna Charta der deutschen Republik. Sie gibt neuen und tiefsten Inhalt der Staatsidee, der Volksidee, der Menschheitsidee. Das deutsche Reich i st e in e Republik. Die Staatsgewalt geht vom Volke aus. In diesen neuen kurzen Worten ist der neue Staatsgedanke gegeben. Der Staat ist eine Erziehungsanstalt zur Menschlichkeit. Wenn Pazifismus darauf abzielt, daß aus der Entwicklungsgeschichte der Menschheit der Krieg immer mehr verschwindet,, daß immer mehr die Macht des Rechts und nicht das Recht der Macht das bestimmende Gesetz werde, dann ist dieser Pazifismus die größte Menschlichkeitsidee, die es gibt. Der alte Staat ist gestürzt, ein neuer Staat ist gekommen, das deutsche Volk ist ge b I i e b e n. „Staaten stürzen im Sturme der Zeiten, schaffende Völker trotzen der Welt."
Nach Dr. Külz ergriff Reichskanzler Dr. Marx das Wort und führte folgendes aus: Hochverehrter Herr Reichspräsident! Meine verehrten Damen und Herren! Wenn heute überall in deutschen Landen der Geburtstag der Verfassung in schlichten, aber eindrucksvollen Feiern begangen wird, so geschieht dies nicht nur, um dankbar der Schöpfung der Verfassung zu gebauten und ein offenes Bekenntnis zu ihr und ihren ethischen Grundsätzen abzulegen. Es geschieht zu gleicher Zeit, um der Liebe und Treue Ausdruck zu verleihen, die uns alle mit unserem deutschen Vaterland verbindet. Noch immer stehen große Volksteile ablehnend dem neuen Staate gegenüber, aber wie auch die Einstellung des Einzelnen fein mag: Darin sind wir alle einig, dem Wohl unseres Vaterlandes und unseres Volkes zu dienen, soll Inhalt und Ziel all unseres Denkens und Handelns fein. Geloben wir am heutigen Tage, in diesem Dienst an Volk und Vaterland uns gegenseitig zu überbieten und niemals den Glauben an die deutsche Zukunft preiszugeben. Ich bitte Sie, Herr Reichspräsident und Sie, meine Damen und Herren, in diesem Sinne mit mir zu rufen: „Unser geliebtes, deutsches Vaterland, das in der Republik geeinte deutsche Volk, sie leben hoch!"
Während der Feier konzertierte auf dem Platz vor dem Reichstagsgebäude eine Kapelle der Reichswehr. Nach der Feier verließen der Reichspräsident v. Hindenburg und sein Gefolge den Reichstag durch das Hauptportal. Der Reichspräsident wurde von der Menschenmenge mit lebhaften Ho chrufen begrüßt. Er schritt darauf in Begleitung des Reichswehrministers Dr. Geßler die von der 2. Kompagnie des 17. Inf.-Regts. aus Braunschweig, die zur Zeit zur Berliner Wachttruppe gehört, gestellte Ehrenkompgnie ab und begab sich darauf in einem Automobil nach feinem Palais zurück. Berlin trägt reichen Flaggenschmuck.
Gefahr für die Reichsfinanzen.
Die letzten Ausweise der Reichsfinanzverwaltung bedeuten für den Stand der Reichsfinanzen doch ein ernstes Warnungssignal. Zwar ist es noch möglich gewesen, im ordentlichen Haushalt für das erste Quartal 1926 einen kleinen Ueberfchuß in Höhe von knapp 15 Millionen Mark zu erzielen, andererseits aber weist der außerordentliche Haushalt, der also in erster Linie die Kriegs- und Reparationslasten betrifft, einen Fehlbetrag von 115 Millionen Mark auf. Es waren also rund 100 Millionen Fehlbetrag setzt schon rechnungsmäßig vorhanden, für die keine Deckung in den laufenden Einnahmen vorhanden ist, die also nur noch durch Anleihen gedeckt werden könnten.
Diese Tatsache, die wir schon feit langem befürchteten, bedeutet eine ernste Gefahr für die Reichsfinanzen. Das Steuerfenkungsprogramm der Regierung Luther ist damals von uns, fo gut es an sich auch gemeint war, doch mit großer Besorgnis ausgenommen worden, weil wir keine Möglichkeit sahen, alle die in ordentlichen und außerordent- lichen Haushalt erforderlichen Ausgaben durch r t» gelmäßige Einnahmen, also vor allem durch die Steuern zu decken. Wir haben schon damals auf die schwierige Situation hingewiesen, die sich ergeben müßte, wenn, im Falle des Unvermögens der Deckung der Ausgaben durch die Einnahmen, im Steuerfenkungsprogramm abgebaute oder gar völlig aufgegebene Steuern wieder neueingeführt werden müßten.
Die Presse hat die Pflicht, auf das Gefahrmoment, das sich durch den gegenwärtigen Stand der Reichssinanzen ergibt, rechtzeitig hinzuweifen, und von den parlamentarischen Instanzen muß verlangt werden, daß sie dieser Tatsache ihr Augenmerk schenken. Die Reichsfinanzverwaltung rechnet offenbar damit, daß durch die Ergebnifse der Neuveranlagung, die ja jetzt erst finanziell in die Er- cheinung treten, und insbesondere durch die teil* t toeife ganz außerordentlich hohen Abschlußzahlen ' »er Reichskasse Mittel znfließen, die zur Deckung der * mßerordentlichen Ausgaben mit herangezogen wer* ' !>en können. Immerhin wird man von der Reichsfinanzverwaltung eine Erklärung darüber verlangen müssen, wie sie sich angesichts des jetzigen Standes der Reichssinanzen den Ausgleich denkt, und welche Mittel sie bereit hat, um einer für die Gefamt- wirtfchast verhängnisvollen Defizitwirtschaft vorzubeugen. Die gegenwärtige Situation zeigt aber auch, wie gefährlich es ist, wenn, was im oer- o-oLrfiahzm i£t ühar hen
Vorschlag hinaus immer wieder Aufwendungen be« schloffen werden, die letzten Endes dazu angetan find, die ursprüngliche Struktur der Finanzgebah- rung ins Wanken zu bringen.
Die Einnahmen des Reiches in den Mo- nuten April, Mai, Juni bezifferten sich an Steuern auf 1455,3 Millionen Reichsmark, an Verwaltungs- einnahmen auf 68,7 Millionen Reichsmark, zufaim men auf 1524 Millionen. Die allgemeine Reichsverwaltung erfordert 1043,9 Millionen Ausgaben. Einschließlich Steuerüberweisungen usw. ergibt sich ein etatsmäßiger Ueberfchuß von 14,8 Millionen in dem bezeichneten Vierteljahr. Dagegen muhten für die außerordentlichen Ausgaben, für die Kriegslasten 52,4 und für Reparationszahlungen 64,1, zusammen 116,5 Millionen Mark aufgewandt werden, denen nur 600 000 Mark an Einnahmen gegenüber» stehen, sodaß hier ein Defizit von 115,9 Millionen entsteht, das aus Anleihen zu decken ift
(Ein Tabakmonopol?
Innerhalb der Reichsregierung sind, nachdem bereits früher dazu Anlaß genommen worden ist, erneut die Beratungen über die Schaffung eines Tabakmonopols für Deutschland aufgenommen worden. Diese Verhandlungen sind neuer« dings bis zur Ausarbeitung eines diesbezüglichen Gesetzentwurfs gediehen. Für welche Art von Monopol, ob für ein Produktions- ober ein Handelsmonopol die Entscheidung fällt, steht im Augenblick noch nicht fest. Jedenfalls wird aber an der seitherigen Organisation der Herstellung und des Vertriebes von Tabakerzeugniffen unter staatlicher Kontrolle sich nichts ändern. Dagegen wird die Einführung einer staatlichen Konzession für alle tabakproduzierenden und erarbeitenden Betriebe erwogen. Der Staat wird vorwiegend die Preisbildung kontrollieren und zu diesem Zweck wohl auch eine staatliche Tabakfabrik errichten. An dem Vanderolen-System wird ebenfalls festgehalten. Für den Kleinhandel werden nur staatlich konzessionierte Personen zugelassen, die ihre Waren vom Staate beziehen und zu den vorgeschriebe- benen Verkaufspreisen abgeben müssen. Im allgemeinen geht die Tendenz des Reichsfinanzministeriums bet feinen Plänen wohl offenbar dahin, der jetzigen, allerdings ganz außerordentlichen Zersplitterung, die sehr unproduktiv und mit außerordentlichen Unkosten verknüpft ist, durch eine straffere Organisation entgegen zu wirken, andererseits aber a)uf> hie Einnahmen des Reiches aus der Herstel
lung und dem Verbrauch von Tabakerzeugniffen zu steigern. Der Zeitpunkt des Inkrafttretens eines solchen Monopols wird nicht leicht zu beftimmen sein, gerade bei der schon erwähnten Desorganisation im Tabakgewerbe wird man es wohl auch zweckmäßig zuvor dahin kommen taffen müssen, daß zunächst innerhalb des Gewerbes, namentlich in der Zigarettenindustrie, eine stärkere Sichtung und Vereinigung sich vollzieht, die auf neuer Grundlage eine wirkliche Produktivität und Rentabilität sichert. Im großen und ganzen müßte das Ziel bbrauf hingehen, dem Reiche zwar erhöhte Einnahmen aus dem Tabak zu sichern, der ja ohnehin schon zu beinahe zehn Prozent an den Gesamteinnahmen des Reiches beteiligt ist, während andererseits eine stärkere Belastung des Verbrauchs, als das bisher schon der Fall war, vermieden werden müßte.
Die Mittelmeer-Politik.
England und der ttalienlsch-spanische Vertrag.
Der italienisch-spanische Vertrag beschäftigt lebhaft die politischen Kreise Englands. Von britischer Seite wird betont, daß man bisher keine Kenntnis von dem Entstehen des Vertrags gehabt habe. Gleichzeitig wird bemerkt, daß die Wirkung des Vertrages auf die öffentliche Meinung in Frankreich möglicherweise nicht unbedingt beruhigender Art fein und mit der Zusammenkunft Chamberlains mit Mussolini in Rapallo sowie mit der Londoner Reise des spanischen Königs in Verbindung gebracht werden könne. Den Aeußerun- gen der französischen Blätter wird daher mit großem Interesse entgegengesehen.
Im Zusammenhang mit der britischen Stellungnahme in der Frage der Beteiligung Italiens am Tanger-Problem, die sich bekanntlich mit dem französischen Standpunkt nicht ganz deckt, wird zugegeben, daß es die Politik Großbritanniens sei, keiner Nation einen überwiegenden Einfluß in dieser Frage einzuräumen.
„Manchester Guardian" betont in einem Bericht aus Rom den Umstand, daß bis zum Zustandekommen des italienisch-spanischen Vertrags erfolgreich Stillschweigen gewahrt worden sei, werde als ausgesprochener Triumph der Methoden der a lte n Diplomatie im Gegensatz zu den unwirksamen und rethorischen Methoden des demokratischen Regimes begrüßt. Sowohl von der „Tribuna" als auch von der „Giornale d' Italia" werde die Bedeutung des Vertrages für die parallelen Interessen beider Länder besonders im Mittelmeer heroorgehoben. Der Korrespondent bemerkt, wenn auch in Rom keinerlei Andeutung gemacht werde, daß der neue Vertrag gegen Frankreich gerichter sei, so sei es doch vollkommen klar, daß er eine Verschiebung des Gleichgewichts im Mittelmeer im Sinne einer Stärkung Italiens gegenüber der Stellung Frankreichs bedeute. Man dürfe nicht vergessen, daß fast an jedem Punkte der nord» afrikanischen Küste- die italienisch-französischen Beziehungen Reibungsflächen aufweisen. Abessinien, Tunis, Marokko und Tanger bildeten dauernd Gegenstand von Pressefehden. Für den Augenblick würden zweifellos die Ergebnisse des italienisch-spanischen Zusammenwirkens in Italiens Haltung gegenüber der Völkerbundspolitik Spaniens und in ihren Rückwirkungen auf die Tangerfrage gesucht werden müsien.
Der erste paneuropäische Kongreß
Vom 3. bis 6. Oktober wird in W i e n der erste paneuropäische Kongreß tagen. Die Ankündigung der Tagung ist von Dr. Seipel für Oesterreich, vom Reichstagsprästdenten ß ö be für Deutschland, von Herriot für Frankreich, vom ehemaligen Ministerpräsidenten Georg von Lukas für Ungarn, von dem früheren Minister Schuster für die Tschecho-Slowakei, ferner von den Vertretern Belgiens, Bulgariens, Griechenlands, Estlands und Litauens unterzeichnet. Sie besagt: Der erste pan- europäische Kongreß ist die erste große Kundgebung europäischer Einigkeit. Er eröffnet ein neues Blatt europäischer Geschichte, den Kampf um eine Einigung des Erdteils. Der paneuropäifche Kongreß wird ein Kongreß der Völker fein, nicht d er Regierungen. Hier handelt es flch nicht um besondere Intereffen, sondern um den Aufbau eines einigen, starken und friedlichen Europas.
Kommunistenkrawalle.
Dienstag abend gegen halb 8 Uhr veranstaltete die Berliner kommunistische Partei einen Umzug durch die W e d d in g - G e g e n d. In der Max- straße wurden mehrere Beamte der Schutzpolizei von Kommunisten belästigt und zum Teil tätlich angegriffen. Die Beamten machten von ihrem Gummiknüppel Gebrauch und gaben, als sich die Bedränger auf sie stürzten, aus ihren Karabinern mehrere Schreckschüsse ab. Fünf Personen wurden zwangsgestellt und dem Polizeipräsidium vorgeführt. Der Demonstrationszug wurde aufgelöst. Auch am Kaiser Wilhelm-Platz in Schöneberg kam es zu Zusammenstößen zwischen Kommunisten und Schutzpolizei. Erst durch Hinzuziehung weiterer Beamten konnte die Ruhe wieder hergestellt werden.
Die Fememorde.
Die Voruntersuchung in den Fememord*Ange» legenbetten SeutnantSanb, Feldwebel Wilms und Wachtmeister Segnet ist nunmehr, einer Berliner Korrespondenz zufolge, endgültig geschlossen. Die Akten sind der Staatsanwaltschaft zugeleitet worden. Die Angeschuldigten sind: Oberleutnant Schulz, Feldwebel Klapprolb, Oberleutnant Fuhrmann, Leutnant v. Poser, Oberleutnant Stantien, Hauptmann Gutknecht, Feldwebel Umhofer und Feldwebel Voß, die sich größtenteils in Haft befinden. ____
vom englischen Bergarbeiterstreik.
Der Frieden splan derBischöfe ist von einer ganz knappen Mehrheit von Bergarbeitern verworfen worden. Dafür stimmten 333036, dagegen 367650 Bergarbeiter. Der Vollzugsausauschuß wird jetzt auf einer Delegietten-Vollkonserenz am nächsten Monrag um Vollmachten ersuchen, auf der Grundlage eines 7*Stundentages, eines nationalen Mindest- lohnes, eines nationalen Abkommen und der Schiedsgerichtsbarkeit zu verhandeln. Inzwischen kehren weitere Arbeiter zur Arbeit zurück.
* Arbeitslosenziffern in Oesterreich. Ende Just wurden in Oesterreich 2137 908 unterstützte Arbeitslose gezählt. Im zweiten Teil des Monats Juli ist eine geringfügige Abnahme gegenüber dem Stand von Mitte Juli zu verzeichnen.
Tumulte iu der scanjösislheu Nutioualuersammlllug.
Dos Gesetz über die klmorlisationkasse angenommen. — Schließung der Parlaments - Session.
In der Sitzung der Nationalversammlung, die bekanntlich nach der französischen Verfassung durch Kammer und Senat gebildet wird, lobte Poin- carä die außerordentliche Raschheit, mit der das Parlament die Gesetze zur Wiederherstellung der Finanzlage verabschiedet hat und erklärt, jetzt müßten die Vertreter des Landes durch eine feierliche Abstimmung ihre Begeisterung für die Finanzsanierung krönen. Die Verpflichtungen, die der Staat eingeht, würden von nun ab durch die gesetzliche Vertretung des französischen Volkes unter die Auspizien der Republik und des Vaterlandes gestellt.
Alsdann ergreift der kommunistische Ab- geordnete Doriot das Wort. Er spricht sich gegen die Politik des nationalen Blocks, ebenso gegen die des Blocks der Linken aus, die beide unter dem Einfluß der Finanziers und der Bourgegoisie stünden. Die verschiedenen seit dem Kriege getroffenen finanziellen Maßnahmen seien gegen die Arbeiterklasse gerichtet. Doriot tritt für die Abschaffung des reaktionären Senats ein und ruft die Proletarier zum Aufstand gegen seine Unterdrücker und zur Ausrichtung der Diktatur auf, worauf ihn Präsident de Selves zur Ordnung ruft. Doriot fährt trotzdem fort und erklärt, eine Versammlung, die in diesem Saal vereint war, habe schon einmal zur Zeit der Kommune die Pariser Arbeiter unterdrückt. Die kommunistischen Abgeordneten rufen laut: Es lebe die Kommune!
In dem entstehenden Tumult sind die Worte, die der kommunistische Abg. Doriot gegen Präsident de Selves ausrust, nicht verständlich. Auf Vorschlag des Präsidenten wird hierauf Doriot das Wort entzogen. Dieser bleibt nichtsdesto- weniger auf der Rednertribüne, während die Kommunisten ein Pultdeckelgeklapper und ein revolutionäres Lied anstimmen. Präsident de Selves unterbricht die Sitzung und nach 15 Minuten, als de Selves wieder den Sitzungssaal betritt, befindet sich der Abgeordnete Doriot noch immer auf
der Rednertribüne. Der Präsident kündigt an, er werde Doriot unter Anwendung der ihm zur Verfügung stehenden Mittel abführen lassen. Die Kommunisten stürmen hierauf nach der Rednerttibüne. Der Kommunist Cachin wendet sich gegen de Selves, der Kommunist Renaud Jean gerät mit einem politischen Gegner heftig zusammen, andere Kommunisten eilen ihm zur Hilfe, die Saaldiener greifen ein und trennen die Streitenden, drängen bis Kommunisten zur Bank zurück. Die öffentllche Tribüne und die Pressetribüne werden hierauf geräumt.
Der Präsident schlägt vor, die Zensur gegen den Abgeordneten Doriot zu verhängen, worauf die Kommunisten ein Pfeifko nzert anstimmen, während die Sozialisten sich m ruhigerer Form für Doriot einzusetzen bemühen. Der Präsident unterbricht hierauf nochmals die Sitzung und der Mili- tärbefehlshaber des Senatspalastes, General Pelletier, ein Kriegsverletzter, dem der rechte Arm ab genommen wurde, erscheint im Sitzungssaal gefolgt von sieben Soldaten, besteigt die Rednerttibüne und forbert ben kommunistischen Abgeordneten Doriot auf, sie zu verlassen, was dieser auch tut.
Die Kommunisten stimmen die Internat io - nale an, worauf die Rechte und die Mitte mit dem Gesang der Marseillaise antwortet. Hierauf wird die Tribüne wieder freigegeben und de Selves erscheint, den Gesetzentwurf in der Hand und läßt unter dem Pultdeckelgeklapper der Kommunisten über den Schluß der Eeneralbiskussion und über die einzelnen Attikel abstimmen.
Der Gesetzentwurf ist alsdann in seiner Gesamt- hett mit 671 gegen 144 Stimmen angenommen worden. Die Tagung der Nationalversammlung wurde darauf geschlossen.
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Kammer und Senat treten Mittwoch nachmittag zusammen, um das Dekret über die Schließung der Parlaments-Session entgegen zu neh- men-