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Sonntaft, 8. August 1926.
• Fuldaer Zeitung
2. Blatt.
©tuet bet Fuldaer Actiendruckerei, Fulda.
64. Generalversammlung der Deutschen Katholiken in Breslau. Die Redner für die öffentlichen Versammlungen. 1. Pfarrer Knebel-Kiechlingsbergen in Baden:
Christus, der König und Mittelpunkt aller Her- zen.
2. Präsidentin der Kath. Reichsfrouenorganisation Oesterreichs. Bundesrätin Fürstin Fanny Starhem- berg-Linz:
Christus und die Familie.
3. Univ.-Prof. Dr. Heinrich Weber-Münster:
Herrschaft der christlichen Grundsätze im Wirtschaftsleben.
4. Univ.-Prof. Dr. Baur-Breslau:
Christus, der König im Geistesleben.
5. Ober-Studiendirektor Dr. Maier-Köln-Ehrenfeld: Görres, der Verteidiger des Reiches Christi.
6. Dominikanerpater Andreas Schmitt-Köln: Franz von Assisi, ein Vorbild für den Christus- dienst im Laienapostolat.
7. Ministerpräsident a. D., Deutscher Gesandter Graf Lerchenseld-Wien:
Christi Herrschaft im Leben der Staaten und Völ- ter.
Deutsches Reich.
, * Annahme des Finanzqesetzes im Badischen Landtag. Der Badische Landtag hat die Beratung des Staatsvoranschlages für 1926/27 zu Ende ge- führt und das Finanzgesetz mit 39 Stimmen gegen 3 Stimmen der Kommunisten bei Stimmenthaltung der sieben Abgeordneten der Bürgerlichen Vereinigung in beiden Lesungen angenommen. Es ergibt sich ein Fehlbetrag von 15,8 Millionen Reichsmark. Der umlaufende Betriebsfonds beträgt per Ende 1925 rund 22,1 Millionen RM. Nach dzug des eisernen Bestandes in Höhe von acht Millionen Reichsmark bleiben 14,1 Millionen RM. übrig, die zur Deckung des Fehlbetrages verwandt werden sollen. AuS der Grund- und Gewerbesteuer wird eine Einnahme von 30 Millionen RM. erwartet. Der Landtag wurde darnach geschlassen.
Sur dem Nachbargebiet.
= Dettingen a. M. Der in einem Stollen einer Grube der Gewerkschaft Gustav bei Dettingen ausgebrochene Brand konnte trotz aller Bemühungen der Belegschaft unter Leitung von Frankfurter Feuerwehrleuten nicht eingedämm« werden. Infolgedessen hat die Verwaltung den Stollen unter Wasser setzen lasien und bringt damit den Brand in kurzer Zeit zum Erlöschen.
— Groß-Gerau. Um die kürzlich ausgeschriebene Stelle eines Bürgermeisters haben sich bekanntlich über 100 Kandidaten beworben. Der Gemeinderat hat jetzt drei Bewerber in die engere Wahl gezogen, die eingeladen werden sollen, demnächst öffentlich ihr Kommunalproqramm zu entwickeln. Es handelt sich um folgende Herren: Dr. Anklam, Bürgermeister der Stadt Aurich, ® än feien, Bürgermeister der Stadt Schlüchtern und Dr. Leber, früherer Syndikus einer Breslauer Aktiengesellschaft.
--- Limburg. Am Donnerstag morgen sind aus dem Landgerichtsgebäude drei Strafgefangene entwichen. Die Leute befanden sich in Freiendiez in Strafhaft und nahmen seit einigen Tagen Weißbinderarbeiten im Gerichtsgebäude vor. Sie benutzten einen unbewachten Augenblick und entkamen. Zwei von ihnen haben noch höhere Strafen obzubüßen, einer hat sogar noch zwei Jahre Zuchthaus vor sich. Bis jetzt gelang es noch nicht, ihrer habhaft zu werden. Die Leute sieben im Alter vou 32, 23 und 19 Jahren. Tas Publiknm wird gebeten, auf verdächtige Personen die Polizei oder die Landjäger aufmerksam zu machen.
Rund UM die Woche.
Tagungen, Ferien und Manöver. — Die Goldfische bei einer Diskussion. — Liebigs Geistextrakt Internationales. — Gerhart Hauptmann und der Erzbischof.
Es tagt in Deutschland . . . Wenn die Aepsel schon rund werden und die Garbenbündel gerichtet stehen, dann sammeln sich die Spatzen, und es geht eine Bewegung durch Flur und Heide, als müsse man sich nun beeilen, die Reste der guten Sommer, tage noch recht auszunutzen und die reichen Tische des Herbstes nicht vergeblich gedeckt sein zu lassen. Dann kommt auch eine Unruhe in den Menschen, zu wandern und zu fahren und sich des Lebens zu freuen, solange noch ein Lämpchen glüht. Es ist das die Zeit der großen Manöver, der Ferien und der Tagungen.
Seltsam mischen sich hier wie so oft im Leben des Europäers Natur und Zivilisation, Poesie und Prosa. Was sorgst du dich denn so ängstlich beim Kofferpacken, als wäre nicht Gottes Haushalt da draußen groß genug, um alle deine Wünsche zu befriedigen. Aber da müssen Kragen hinein, Stiefel, Seife, ein paar Kleidergarnituren, Bürste, Spiegel, Liköre, Aspirin und Kölnisches Wasser, Bänder und Schleifen, Schlipse und Strümpfe — du lieber Himmel! Und die Spatzen lachen sich eins, wenn die gelehrten Herren und die galanten Damen überreizt und nervös ihre so wichtigen Packen verschnüren. „Wasch ich und meiner Kinder", so zwitschert die Spatzenmutter, „mich nicht auch jeden Morgen, und ist nicht unser Federkopf stets auf das Beste gekämmt, und haben wir dazu wohl einen ganzen Toilettenkasten notwendig? Und wie schmuck und hochanständig sitzen uns Frack und Bluse, hochgeschlossen bis an den Hals, ja sogar bis an den Schnabel, Festanzug, Badekleid, Arbeitskittel und alles zugleich. Mit euren Eisenbahnen und Autos eilen wir um die Wette, das Flugzeug für uns wurde schon im Paradiese erfunden, und wenn wir einmal abstürzen, dann fallen wir stets auf die Füße. Wenn ihr schon zu uns kommt in die freie Natur, so laßt doch eure Koffer zu Haus, wie wir unseren Hausrat im Nest."
Es tagt also in Deutschland. Ich meine, dl« Wochen der großen Tagungen sind gekommen. Köln, Düsselodrf, Freiburg, Fulda, Soest, Recklinghausen, Münster, Normannstein, Breslau, wer zählt die Städte alle mit ihren Stadions und Willkommenspsorten, wo jung und alt sich nun versammeln. Zu allen Demokrathen gehört seit alten Tagen die Agora, wie in Athen, oder das Forum, wie in Rom, oder der Brunnen im Dorf, wo die freien Bürger und die redelustigen Bürger- innen sich aussprechen. Soviel Papier nämlich auch gedruckt wird, niemals wird es den freien Austausch menschlicher Worte ersetzen können. Niemals wird auch ein noch so schönes Buch die Gemeinschaftsgefühle hervorbringen, die im munteren Hin- und Her bei einer Versammlung sich entwickeln. Die Stille empfindet man als doppelt feierlich, wenn eine große Menge schweigt, und die Begeisterung steigert sich mit jedem weiteren Mund, der herzhaft Hurra schreit. Wer hätte sich beim schönsten Lied nn feinsten Grammophon nicht schon danach gesehnt, in das offenbar wundervolle Auge der entzückenden Sängerin zu schauen oder ihre reizenden Lippen zu beobachten! Und erst der geistige Sport einer gut geleiteten Diskussion! Da wirft einer mit dicken Brocken in den Teich. Gleich kommt ein Goldfisch und pickt sein Stückchen ab, worauf er sich glücklich vertieft und die ganze Sache verinnerlicht. Was er übrig gelassen, stößt er dem Gegner zu, der das Gleiche tut, und es ist ein Gewimmel von Mäulern und Mäulchen, daß es nur so ein Vergnügen ist, ein liebliches, geistiges Geplätscher und am Ende sogar eine „bedeutende kulturelle Bewegung". Dabei sprudelt in der Mitte der Springbrunnen und spiegelt immerfort in Millionen Farben das Universum.
Es tagt in Deutschland. Wer alles mftmacken will, der nehme am besten ein Rundreisebillet. Das gilt 60 Tage mindestens, und söviele sind auch not- wendig. Wenn alles vorbei ist und wenn er fleißig Notizen gemacht hat, so kann er wirklich etwas „ge
trost nach Hause tragen". Mir kommt es immer so vor, als ständen wir in unserer geistigen Entwicklung vor einer großen Entdeckung. Wenn man in Urzeiten Korn verkaufte, dann erhielt man dafür den Gegenwert etwa in Holz oder in Wolle oder in Rindvieh. Später wurde dann das Geld erfunden und dafür konnte man alles haben. Wenn man jemanden einige Kilo Kupfer oder Eisen schenkte, dem hatte man im Grunde einen ganzen Nikolaussack voller Kostbarkeiten und buntem Allerlei gesaftet. In der Welt des Geistes aber war das bislang unmöglich. Es gab noch nicht jenes Wunderpapier, geld, dessen Besitz dem glücklichen Empfänger einfach, sogen wir einmal, den Inhalt der lateinischen Grammatik oder eines beliebigen anderen Buches, an dem der Schweiß der Menschheit haftet, übermittelte. Wir sind auf dem Wege zu solch einer Erfindung, die dem Mephisto im Faust 2. alle Ehre machen könnte. Hätte man nicht in einer Universaleintrittskarte zu sämtlichen Iahrestagungen eine Art Besitzschein, also ein geistiges Papiergeld, dessen realer Gegenwert das gesamte Wissen der Zeit wäre? So ähnlich wie eine kleine Packung von Liebigs Fleischextrakt die gesamte Nährkraft eines gewaltigen Präriebüffels in sich schließt, so würde diese Eintrittskarte die gesamte Kultur unseres Jahrhunderts darstellen. Dann werden sich die Gymnasien und die Universitäten in arkardische Haine verwandeln, und es wird eine immer festlich gestimmte Jugend den Stimmen der Götter lauschen und nur hier und da mit einem i leichten Seufzer zurückdenken an jene dunklen Seiten, in denen noch Rute und Rohrstock den Takt menschlicher Erziehung bestimmten . . .
Es tagt in Deutschland und sogar in der ganzen Welt. Die europäischen Geister kommen einander stetig näher. War da nicht wieder ein herrlicher Aufruf zur „internationalen Verständigung", in dem Gerhart Hauptmann es so weit gebracht, daß in der Unterschrift sein Name unmittelbar neben den eines katholischen Erzbischofs geraten? (Es ist anzunehmen, daß der Dichter vorher feinen Ketzer von Soang verbrannt habe und nun in Liebenstein oder auf Eapri im Thomas von Kempis lese). Wie großartig werden die Früchte all dieser Zusammenschlüsse und geistigen Amalgierungen sein, namentlich, wenn Mussolini inzwischen fortfährt, seine Seehäfen zu befestigen, wenn England so weiter Gewehre an die Türken liefert, Amerika sich eben so wohnlich wie kriegrisch in Panama einrichtet und so tuttiquantt Sollte in der Zukunft jemals wieder eine Weltschlacht geschlagen werden, so wird sicher zu gleicher Zeit ein internationales Ministeressen stattfinden. Nun glaube ja nicht, lieber Leser und teuerste Leserin, ich sei gegen Tagungen, Zusammenschlüsse und Ministeressen. Das durchaus nicht. Ich bin nur für etwas mehr Ehrlichkeit, was du ja als ein Zeichen geistiger Rückständigkeit betrachten magst.
Es tagt also allenthalben. Ich begrüße das und nehme innigsten Herzensanteil an all den Begrüßungen, die in dieser Morgenröte der Zeit an unzählige Präsidenten. Oberbürgermeister, Stadträte, Parteiführer, Professoren, Geschäftsführer, Konzertdirigenten, Primadonnen, Frauen- und Männerchöre, Blechmusiken usw. gerichtet werden. Ich ver- neige mich leicht mit den Angeredeten und finde das alles gewissermaßen rührend und ergreifend. Die neue Volksgemeinschaft ist im Werden. Es gibt bald kaum einen Menschen in Deutschland mehr, der nicht einmal in diesen Tagen feierlich von feinem geliebten Volksgenossen begrüßt würde und der von diesem Erlebnis her sich moralisch gezwungen sehen müßte, künftig nur noch im Zylinder zu gehen. Wenn es unter der Hand dabei noch gelingen wird, die Steuern herabzusetzen, Siedlungen anzulegen, Wohnungen bereitzustellen und Arbesi zu geben, nun ja, dann steigt auch der Satiriker lustig in den Ferienzug, dessen sämtliche Fenster von den aller- lieblichsten Kinderköpfchen besetzt sind. Warte nur, balde . . .
Der Mann im Monde.
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Technik und verkehr.
=i Selbsttätig schließende Eisenbahnschranken. Der Obersteuersekretär Richard Stahn und der Schmiede- meister Otto König in Wiesbaden haben, der „Neuen Wiesbadener Zig." zufolge eine Erfindung gemacht, die die Sicherheit der Bahnübergänge gewährleistet, alfo die absolut zuverlässige Schließung und Oeffnung der Schranken sicher stellt. Eine einfache und doch sinnreiche elektrische Vorrichtung löst sich selbsttätig beim Herannahen des Zuges aus und schließt und öffnet die Schranke. Bei der zunehmenden Elektrisierung der Eisenbahnen dürfte der Einbau keinerlei Schwierigkeiten machen.
Hus Niederhesien.
-- Fritzlar. Am 22. August findet 8 Uhr vormittags auf dem Exerzierplätze zu Fritzlar das diesjährige Kreisjugendtreffen statt. Außer den sportlichen und turnerischen Vorführungen sind auch Liedervorträge und Vorführungen von Hans Sachs-Spielen vorgesehen. Für die Unterkunft der Teilnehmer ist gesorgt. Allen auswärtigen Teilnehmern wird von der Stadt unentgeltlich ein Mittagessen verabfolgt werden. Alle Meldungen für das Kreisjugendtreffen sind an den Kreisjugendpfleger. Lehrer Guthof, Jesberg, zu richten. — Der SchäferhundeinesGastwirtes ritz sich in der Abwesenheit seines Herrn von der Kette los und geriet in den Nachbarstall, wo sich fünf Läuferschweine befanden, die erst am Tage vorher käuflich erworben worden waren. Der noch junge Hund stürzte sich auf die laut quickenden Borstentiere und biß ihnen der Reihe nach das Genick durch. Nach der Tat trollte der Hund ftied- lich aus dem Stalle und kehrte in sein Verlieh zurück.
Uommunalpolitisches.
=. 10 Millionen-Anleihe der Stadl Main;. In der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Mainz ersogte die einstimmige Annahme eines Antrags zur Aufnahme einer Anleihe von Millionen Mark zur Förderung des Wohnungsbaues. Ebenso wurden weitere 5 Millionen Mark für Tiefbau- und Gartenbau-Arbeiten ein- stimmig genehmigt. Der Antrag, daß der Oberbürger, meister bei der Reichs- und Landesregierung Derhand- hingen zwecks Inangriffnahme des Baues einer zwei- ten Straßenbrücke über den Rhein anknüpfen solle, wurde zurückgezogen. In der letzteren Sache sind bereits die diesbezüglichen Schritte unternommen worden und befinden sich die Unterlagen beim hessischen Staats- Ministerium. ____
Oetkers
Marmeladen
zu haoen In allen besseren Leset äften
katholische Welt.
= kardinal Gesparr! erkrankt Der Kardinalstaats- sekretär Gasparri Ist erkrankt, doch hofft sein behandelnder Arzt, daß er bald wieder arbeitsfähig sein wird. Der Kardinal hat bis jetzt die Erledigung der Geschäfte des Staatssekretariats nicht unterbrochen, die infolge der mexikanischen Verwicklungen außerordentlich drängend sind.
— Erkrankung der prima» von Polen. Der in Lublin weilende PrimaS von Polen, der Erzbischof von Gnesen, Dr. Hlond, ist an Bauchtyphus schwer erkrankt. ____
Unter falscher Flagge.
Roman von I. Hohenfeld.
I.
Es war an einem düsteren, regnerischen Märzabend. Die Lust war mild und stürmisch. Der Wind fegte durch die Straßen von Paris und rüttelte an Türen und Fenstern und bewegte die Schilder vor den prächtigen Länder der Metropole kreischend in ihren Angeln.
Fern von dem Geschäststeil der Hauptstadt, in dem Salon eines prächtigen Palastes saß der Graf Leon von Chatrois, sinnend und nachdenklich. Der reichaus- gestattet und von wohltuender Wärme erfüllte Raum bot einen angenehmen Gegensatz zu dem Unwetter brau- ßen. Ein Helles Feuer flackerte im Kamin. Der große Kandelaber, auf welchem ein Meer von Lichtern brannte, erhellte ben Salon bis in den fernsten Winkel. Frische Blumen in kostbaren Vasen, die Spiegeltische und die Rischen schmückend, verbreiteten einen ent- zückenden Duft. Die Sessel, die Diwans, die Gemälde, die zahlreichen Statuetten, die den Raum zierten, alle» war kostbar und im Geiste künstlerischer Schönheit geordnet, so daß kein einziger der vielen Luxusgegenstände überslüssig erschien. Die schweren, seidenen Fenstervorhänge, welche von der hohen Decke herab auf den teppichbelegten Fußboden niedersielen, schlossen je- den eisigen Luftzug aus, der von draußen hereinbringen konnte.
Der Besitzer all dieser Herrlichkeiten war ein Mann von hoher, stolzer Erscheinung, von eleganten, noblen Manieren. Seine Augen leuchteten noch immer im jugendlichen Feuer, im auffallenden Gegensatz zu dem schneeweißen Haar, welches sein Haupt bedeckte. Der Graf stand im sicbenzigsten Lebensjahr, aber er war noch vollkommen rüstig und empfand nichts von all den kleinen oder größeren Leiden, die das Alter für so viele mit sich bringt. Sein Geist besaß für eine fast jugendliche Spannkraft und in seinem ganzen Wesen repräsentierte er den Hofmann aus der alten Schule.
Während er an diesem Abend so dasaß, indessen draußen der Wind heulte und dann und wann die schweren Regentropfen gegen die hohen Fenster prasset- ten, erfüllten den Grasen Gedanken, die nicht eben bei freunblichsten Art waren.
Herr von Chatrois besaß eine Tochter.
Komtesse Gabriele war ein Mädchen von wunder, barer Schönheit. Ihre Erscheinung war eine königlich majestätische und rechtfertigte vollkommen die Ver- ehrung der vielen Anbeter, die ihr huldigten. Gabriele
hatte die erste Jugend bereits überschritten und war, zum Schmerz ihres Vaters, noch immer unvermählt. ' Richt, daß sie keine Bewerber gefunden hatte. Sie war stets ein Stern am Himmel der Pariser Gesellschaft ge- wesen. Sie war geistreich und von fast märchenhaftem Reichtum, welchen sie von ihrer Mutter Seite geerbt hatte.
Die Zahl ihrer Freunde war Legion, aber kein einziger unter allen, die ihr Herz und Hand zu Füßen gelegt, hatte Gnade vor ihren Augen gefunden. Es war dem Grafen und allen ein unerklärliches Rätsel, wes- halb die schöne Komtesse bei den glänzendsten Bewer. bungen so fest auf ihrem Willen, nicht zu heiraten, beharrte. Aber als Jahre vergingen, machte der betrübte Vater, der seine einzige Tochter so gern glücklich ver- mähst gesehen hätte, sich allmählich mit dem Gedanken vertraut, Gabriele als ein lebendiges Rätsel zu betreut). ten, als ein Weib ohne Liebe.
Ja, sie kannte kein Fühlen wie andere. Sie wußte nicht, was Liebe ist, diese schöne, geheimnisvolle Sphinx mit dem Marmorherzen.
Ein erneuter, heftiger Windstoß, der die Lohe im Kamin heller emporschlagen ließ, schreckte den Grafen aus feinem Sinnen auf.
Er steckte die Hand nach dem nahen Glockenzug aus. Ein Diener erschien.
„Ich lasse die Komtesse bitten," gebot der Graf.
Der Diener ging.
Eine kleine Pause, bann rauschte bie Portiere von neuem auseinander und Gabriele trat ein.
„Du wünschtest mich zu sprechen, lieber Vater?" sprach sie in stolzer Haltung auf den Greis zuschreitend.
„3a, Gabriele," versetzte der Graf mit ernster Stimme. „Setze dich zu mir, ich habe dir Dinge von ernster Wichtigkeit mitzuteilen."
En Schatetn flog über das Antlitz der Komtesse. Sie ' leistete der Aufforderung des Vaters, sich zu fetzen, nicht Folge, sondern lehnte sich gegen das Gesims des Mar- ! morkamins und sah dem Grafen mit erwartungsvollem i Ausdruck ins Antlitz.
Gabriele war schön. 3a, das Gerücht hatte nicht übertrieben. Obgleich sie die Dreißiger bereits über. ■ schritten hatte, glich ihr Aussehen dem eines jungen Mädchens von fünfundzwanzig 3ahren. 3hre ganze ; Gestalt war von herrlichem Ebenmaß: sie glich einer jener sagenhaften Göttinnen und Heldinnen der Vorzeit, welche ein begeisterter Bildhauer in Stein gemeißelt und welche plötzlich Leben empfangen hatte. 3hr Antlitz war das ideale Abbild der Kleoptra, rein ui.L. :-,,,nmmen in jeder Linie, Ihr Haar war dunkel wie die fternenuy»
Nacht und fiel in üppigster Fülle in schweren Flechten über ihren fchlanken Nacken herab. Glänzend in ihrer Erscheinung, hervorragend durch ihren Geist, bezauberte sie alle, die mit ihr in Berührung kamen, gleich den fa- haften Sirenen aus der Märchenwelt. Und doch wollte es jeder wissen, daß sie ein Herz kalt und hart wie Erz besitze.
Gabriele trug ein karmesinfarbiges Sammetkleid, welches in schwerer Schleppe hinter ihr her rauschte. 3uwelen glänzten an ihrem schneeweißen Hals, an ihrem Arm und in ihrem dunklen Haar.
Graf Chatrois sah auf seine Tochter mit dein ganzen Stolz eines Vaters, doch allmählich prägte sich in feinen Zügen wieder eine tiefe Traurigkeit aus.
Dieses Mädchen, welches so kühl gegen alle, war auch kalt in ihrem Benehmen gegen ihn, den greifen Vater. Ach, lebte denn nicht das leiseste Empfinden von sanft ter Weiblichkeit in ihr?
„Hast du Nachricht von deinem Freunde, dem Grafen ßarmartin erhalten" unterbrach Gabriele feinen Gedankengang.
„3a," versetzte der Graf, schwer aufatmend.' „Er ist von feiner Reise zurückgekehrt. 3ch erhielt heute mor. gen von ihm Nachricht, daß er gestern abend wieder in Paris angelangt fei. 3d) begrüßte ihn darauf um Mittag in seinem Hotel und lud ihn für heute abend zum Diener ein. Er sehnt sich danach, dich wiederzusehen und, Gabriele, es betrifft den Grasen ßamartin, was ich dir mitzuteilen habe."
Die Komtesse neigte ernst ihr Haupt ohne zu sprechen, und ermutigt fuhr er fort:
„Graf ßamartin kehrt, nachdem er fünf 3ahre lang den Osten Europa's und den Orient durchreist hat, zu uns zurück, mehr als jemals dein Sklave. Er ist des Umherstreifens müde und beabsichtigt, sich dauernd tn Paris niederzulassen. Er hofft, daß du ihm freundlich begegnen wirst."
„3ch glaube, mein Vater, daß noch niemals ein Gast deines Hauses Ursache hatte, sich über Mangel an Höflichkeit von meiner Seite zu beklagen," versetzte die fiomteffe stolz.
„Aber, Gabriele ich fordere etwas mehr von dir als Höflichkeit gegen den Grafen ßamartin. Er war jahrelang dein beständiger Verehrer. Er hat stets nur dir allein gehuldigt. Du warft diejenige, die ihn zum unsteten Wanderer machte und ihn in die Fremde trieb
i Er gehorchte dir, treu, willenlos, geduldig wartend, im
I Stillen hoffend dir keinen Vorwurf machend."
„Weil er keinen Grund dazu hatte!" fiel die Kon».
■ Zi* "sioem Tone ein. „Ich liebe Eugen von La- ,
Martin nicht, mein Vater. Er ist falsch im Grund» seines Herzens, trotz seiner scheinbaren Treue für miet). Von all meinen Bewerbern liebe ich ihn am aller- wenigsten. 3ch muh dir wiederholen, was ich schon vor 3ahren gesagt habe: — Ich werde niemals heiraten — niemals!*
„Und weshalb nicht?" fragte der Greis ungeduldig. ,Ich werde — wer weiß, wie bald — sterben und dann stehst du ganz allein in der Welt da, die letzte unseres Stammes, ungeliebt, ein vereinsamtes Dasein führend. Ich sehne mich danach, dich als Herrin eines eigenen Haushalts zu sehen, glücklich als Gattin und Mutter. Kann es möglich fein, Gabriele daß du noch immer um jenen treulosen Armand de Vigny trauerst — den unwürdigsten Sprößling eines erlauchten Hguses, der im Dunkel der Nacht seinen Oheim beraubte —"
„Halt! Nicht weiter!" rief Gabriele mit vor Erregung zitternder Stimme aus, indem ihr Antlitz eine glühende Röte des Unwillens überflutete. .Ich will Armand de Digny's Namen nicht hören. Man fagt, er sei tot. ßah seine Fehler mit ihm begraben (ein!"
„3a, er ist tot!" sprach der Graf gedankenvoll. „Er starb vor vielen 3ahren fern von der Heimat in fremden Landen. Er war noch sehr jung, als das unselige Verhängnis über ihn hereinbrach. Er hatte in sich die Anlagen zu einem edlen Manne, aber, von den Seinen zurückgestoßen, geriet er in schlechter Gesellschaft. Hätte der Marquis de Vigny, dessen Erbe er war, ihn weniger gehaßt ober ihn weniger streng wegen feines Vergehens verfolgt, Armand wäre vielleicht ein glückliches Mitglied unserer Gesellschaft. 3ch will dich nicht darum tadeln, daß du um ihn trauerst. Du warst ja feine verlobte Braut. Aber da er sich deiner Liebe unwürdig geigte und nun tot ist, sollte die schmerzliche Wunde um seinen Verlust doch endlich einmal vernarben. Alle Männer gleichen ihm nicht. Du warst nur fröhlich, wenn er da war. Aber dennoch, ich kann es mir nicht denken, daß du immer noch um ihn trauerst!"
.Ich bin nicht romantischer Natur, mein Vater," entgegnete Gabriele. „Du sagst, daß alle Männer Armand nicht gleichen, und willst bamit aussprechen, baß Graf ßarmantin nicht feine Schwächen und Fehler besitzt. Aber bas ist umsonst. 3ch liebe meine Freiheit zu sehr, um sie aufzugeben. Ich bin es gewohnt, in der Gesellschaft zu glänzen unb berounbert zu werben. 3d) hebe keine Neigung, mich in Fesseln schlagen zu lassen. 3d) besitze kein Herz, welches meine Bewerber gewinnen könnten. Da hast bu die ganze Wahrheit mit wenigen Worten: 3d) habe kein Herz zu vergeben!"
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