Anzeiger für die Sfahf und den kreis Fulda. Amtliches kreisblall.
Or. 171.
Erscheint techrmat wöchentlich. Vtochenbeilagew illustrierte Beilage" und Buchenblötter" Rotationsdruck und Verlag der
Tiuldaer Actiendruckerel In iulda. iernsvrecher Nr. 9.
AUunotUcher BeruaSt'relS. 1.50 wf.
Mittwoch, 28. 3uli 1926.
In,«taen- Preis»! «lein,eile llloloneN otal 0,15 ReichSmar auSwörtS 0.20 Reichsmark. Reklame,eil«! lokal 0.6" ReichSmar ! auSwörtS 0.80 Reichsmark.
Bei Wiederkiolnnaen Rabatt. Poittch-ckkonto iranksurt a. M. 4051.
3ahrg. 53.
Selbstbesinnung.
Von parlamentarischer Seite wird uns geschrieben:
Die oeaenwärtige varlamentslose Zeit sollte für das deutsche Volk eine Zeit der Selbstbesinnung werden. Mit schrillem Ausklang ist der Reichstag onseinanderaeoangen und hat die entscheidende Frone der Innenvolitik ungelöst gelassen. Aber gerade diese Tatsache hat glücklicherweise in vielen Lagern zu ernsten Betrachtungen der politischen Lage angeregt. Mr möchten glauben, daß die Kundgebung der Zentrumsvartei wesentlich mit dazu beigetragen hat, die dringend nötige Klärung zu beschleunigen. Bei der ausschlaggebenden Bedeutung von Zentnimskundmacb'lngen zerstörte sie von vornberein alle Ideen auf einen möglichen Büro er block und entließ die Sorialdemokratie mit Nichten aus der schweren Verantwortung der Zukunft. Dadurch hat die deutsche Politik wieder Ziel und Richtung im Negativen und Positiven gefunden, dessen sie dringend bedurfte. Den Zorn der Ertremen kann das Zentrum dabei trauen, es bat nie um ihren Beifall gerungen, weil sie sich ibm ständig versagten. ?lber wenn heute bereits einer der Führer der Volkspartei im Preußischen Landtag, von Campe, über ein Programm nachsinnt. wodurch der innere Streit auf ein Minimum herabgesetzt werden könne, so ist das an sich erfreulich und beweist, datz auch auf dieser Seite die Notwendigkeit einer positiveren Politik empfunden wird. Man wird dies um so ernster zu werten wissen, als bekanntlich von Camve zu den Volksvarteilern gehört, die ständig der Wiederbelebung der großen Koalition in Preußen im Gegensatz zu anderen Ireunden seiner Partei den stärksten Wider- stand entaegenqeseßt haben. Auch das ist ein Stück Selbstbesinnung, das nötig ist.
Selbstbesinnung ist eben das Gegenteil von sener Politik, die oft genug großen Parteien als Weisheit leßter Schluß erschien. Selbstbesinnung aber gilt es nicht nur nach rechts, sondern auch nach links zu prediaen. Die Kundgebung des Zentrums ist kein Freibrief für die Linke. Sie möae nicht vergessen, daß sie der Verantwortung nicht entlassen ist und möge keine Hoffnungen darouf fetten, daß zulebt das Zentrum anderen die ^""anien aus dem Feuer holt und den Retter spielt.
Das deutsche Volk steht, wenn nicht alles täuscht, wieder an einem innenvolitilchen Wendepunkt. Es gebt in den nächsten Monaten um den Kurs der Zukunft. Der republikanische Gedanke wird seine Feuervrobe zu befteb-n haben. Nock mehr: die Demokratie wird beweisen müssen, daß sie zu regieren versteht. Das Zenttum erkennt den ganzen Ernst der Lage, darum mabnt es. Aber auch andere füblen, daß etwas wie künftige weittragende Ent'ckeidunaen in der Luft liegen, daber das Bedürfnis nack Selbstprüfung und Selbstbesinnung. S'cker aber ist dies: Mitge staltend werden nur dieieniren sein, die im reckten Augenblick dabei find. Wer sich selber ausschaltet, wird erhöhen "Nissen, daß die Zukunft ohne ibn gemacht wird. Niemand in Deutschland kann sich darüber beklagen. Die Zuckungen der revolutionären Epoche liegen mehr und mehr hinter uns. die Zeit der Gestaltting ist gekommen. Fortschrittlich oder Reaktion. das ist die Losung.
Diejenigen, welch« glauben, daß die Zukunft mit Butschen und Volksentschftden und Reickstags- auftösunaen gemacht würde, täuschen sich bestimmt. Gewaltmittel sind in der Politik niemals auf« bmiend. Die Staaten und auch Deutschland wird anders wacksen müssen und gerade daraus kommt es an. Es ist bedauerlick genug, daß gewisse Grundgedanken und Grundströmunqen des politischen Lebens allzu einseitig in den Flügelvarteien ver- tteten werden. Aber gerade die vielfach gewollte Aussckaltung der Flügelparteien wird maßgebend für die innerpolitische Ausgestaltung sein. Ein re- publikaniscker Staat kann vor allem die gewollte Selbstaussckaltung der größten republikanischen Partei auf die Dauer natürlich nicht ertragen. Man macht dann auf dieser Seite die Opposition, die nur ein Kampfmittel sein soll, zum unheilvollen Selbstzweck. Die Entwicklung wird über solche „Politiker" hinweggehen und über ihre Ideen!
* Besserung im Befinden der Königin von Schwe- ien. lEig, Funkm.l Ueber den Krankbeirszustand der Königin von Schweden teilen die Aerzte mit, daß in den letzten Tagen eine leichte Besserung eingetreten und die Herztätigkeit etwas kräftiger ge- Wesen ist.
Deutschland und das Luftfahrtabkommen.
Aus London wird gemeldet: In Beantwortung einer Anfrage im englischen Unterhause, welche Schwierigkeiten den Beitritt Deutschlands zum Internationalen Luftfahrtsabkommen verhindert hätten, und ob ein besonderer deutsch-englischer Vertrag notwendig gewesen wäre, erklärte der Staatssekretär für Lustangelegenheiten, Hoare, daß die deutschen Bedenken sich auf die Artikel 5 und 34 bezogen hätten. Es handele sich dabei um das Recht der Luftfahrzeug« von diesem Abkommen nicht angehörigen Staaten Gebietsteile der dem Luftabkommen angehörenden Staaten zu überfliegen, und die Rechte, die den Alliierten von der Internationalen Luftfahrtskommission zugebilligt seien. Die Zusatzverträge zu den beiden Artikeln seien bereits unterzeichnet, und nur ein Staat habe die Ratifikation noch nicht vorgenommen. Wenn dies geschehen fein werde, würden voraussichtlich keine Schwierigkeiten mehr bestehen, die den Beitritt Deutschlands zum Abkommen verhindern würden. Aber der Eintritt sei in allererster Linie Sache der eigenen Erwägung Deutschlands.
Zur Uriegsschuldsrage.
Auf Einladung des Arbeitsausschusses Deutscher Verbände sprach Prof. Harry-Barnes in der neuen Aula der Universität in Berlin über die Kriegsschuldfrage. Prof. Barnes behandelte zunächst die allgemeinen Ursachen des Weltkrieges und betonte, daß das Iahr1912 einen Wendepunkt darftelle. Iswolski und P 0 i n c a r e hätten von da ab Hand in Hand auf die Entfesselung des europäischen Kriegs hingearbeitet. Die Mitschuld des serbischen General st abes bei dem Morde in Serajewo sei einwandfrei festgestellt. Rußland habe ganz Europa voreilig in den Krieg gestürzt. Politisch und diplomatisch fei kein Grund für die Entfesselung des Weltbrandes vorhanden gewesen. In der Nacht des 31. Juli habe sich auch Frankreich bereits für den Krieg entschieden. Die Pläne von Frankreich und Rußland feien einmütig auf einen europäischen Krieg hinausgegangen. Belgien habe mit den englischen Kriegsbeschlüssen nichts zu tun gehabt. Es fei lediglich ein Vorwand für die englische Diplomatie gewesen. Amerika habe nie die europäische Lage klar übersehen können. Wolle man eine Skala der Kriegsschuld aufstellen, so falle die einzige und direkte Verantwortung für den Weltkrieg Frankreich und Rußland zu. In weitem Abstande käme Oesterreich, das nur einen lokalen, keinen Weltkrieg wollte. An letzter Stelle stände Deutschland. Der deutsche Kaiser habe sich bis zuletzt bemüht, den Krieg zu vermeiden.
Zum Schluß erklärte Prof. Barnes, daß der berüchtigte Schuldparagraph im Versailler Vertrag ohne jede Grundlage wäre. Die klare wissenschaftliche Erkenntnis der Kriegsschuldfrage verlangt eine Zurückweisung aller Maßnahmen des Versailler Pertrages, die auf jenem Schuldparagraphen basieren.
Graf Lerchenfeld in Wien.
Ueberreichung des Beglaubigungsschreibens des neuen deutschen Gesandten.
Bei der Ueberreichung seines Beglaubigungsschreibens an den Bundespräsidenten Hämisch betonte der neue deutsche Gesandte Graf Lerchenfeld, in ihm sei die Erkenntnis lebendig, daß die enge, aufgrund des gleichen Volkstums und der Verbundenheit vieler Jahrhunderte zwischen den beiden Ländern bestehende Gemeinschaft ihm für seine amtliche Tätigkeit von vornherein eine bestimmte Richtschnur gebe. Das Streben des deutschen Gesandten in Wien, so fuhr Lerchenfeld fort, darf nicht allein von dem Gedanken an die Vorteile des eigenen Staates ausgehen, sondern gleichzeitig von dem Gedanken, wie jede politische und wirtfchaft- liche Erwägung auf Erhaltung und Förderung des im österreichischen Staate zusammengefaßten Teils der deutschen Bevölkerung zu wirken geeignet ist. Denn der Sinn der Gemeinschaft liegt in der gegenseitigen Verbindung von dem Wohl und Gedeihen. Der verbeißungsvolle Fortschritt, den Oesterreich in seinem Wiederaufbau gemacht hat, ist in Deutschland Gegenstand aufrichtiger Teilnahme. Auf der politischen Linie, die Oesterreich verfolgt, geht es Hand in Hand mit dem Re ich. Möge es dem österreichischen Volke weiter gelingen, die Grundlage feines staatlichen und wirtschaftlichen Lebens zu befestigen. Die bestehende Gemeinschaft besitzt ihre festeste Wurzel in den herzlichen, ja brüderlichen Empfindungen, und ich darf hinzufügeu, daß ich persönlich durch meine bisherige Tätigkeit mich noch besonders eng mit der mir durch das Vertrauen des Reichspräsidenten übertragenen Aufgabe berufen fühle. Der Gesandte gab schließlich der Hoffnung Ausdruck, daß der Bundespräsident und die österreichische Regierung ihn mit demselben Wohlwollen unterstützen werden, wie seinen Vorgänger.
Bundespräsident H a i n i s ch betonte, daß ihn die Worte des neuen Gesandten mit aufrichtiger Befriedigung erfüllt hätten. Auch wir wissen, so erklärte der Präsident, daß in den Beziehungen zwischen unseren beiden Staaten nicht der Nutzen und der Vorteil des Einen oder Anderen das Leitende und Entscheidende zu sein hat, und daß wir über alle kleinlichen Erwägungen des Augenblickes den großen Gedanken zu stellen haben, den Gedanken an die deutsche Zukunft. Wir freuen uns ganz besonders in Ihrer Person einem so hervorragenden Mitarbeiter an diesem großen Ziele nähertreten zu können. Der Bundespräsident gedachte sodann in warmen Worten des dahingeschiedenen Vorgängers Lerchenfelds, Dr. Pfeiffers und sicherte Lerchenfeld die weiteste Unterstützung zu.
wirtschaftsverhanülurigen.
Bei den deutfch-tschecho-flowaki- schen Handelsvertrag sverhandlun- g e n ist nach einem Bericht der „Vosfischen Ztg." die erste Lesung der Wunschlisten beendet. Es tritt nunmehr, wie in Aussicht genommen war, eine Verhandlungspause ein, die zu einer weiteren internen Prüfung benutzt werden soll. Die Fortsetzung der Verhandlungen zwischen den beiden Delegationen ist für die zweite September- Hälfte verabredet worden.
Havas berichtet aus Budapest. Der französisch-ungarische Handelsvertrag wird am 1. August den Gegenstand einer Beratung im Ministerrat bilden. Der Ministerrat wird die französische Regierung auffordern, verschiedene Klauseln abzuändern. Wen« eine Uebereinstim- mung nicht erzielt wird, wird der Vertrag nach drei Monaten für ungültig erklärt werden.
Amerika und Europa.
wtb. Newyork, 27. Juli. (Funkm.) Wie „Tribüne" meldet, wird der frühere amerikanische Botschafter in Rom, Child, vom Präsidenten Coo- lidge morgen empfangen werden. Das Blatt nimmt an, daß die amerikafeindliche Stimmung in Europa der Grund für diesen Empfang ist. — „World" meldet aus Washington, daß die aus dem Ausland eingegangene Meldungen, wonach England bei Abschluß des amerikanisch- englischen Schuldenverttages die Meistbegünstigung zugesichett worden sei, unrichtig sind. 'S <
•
Associated Preß meldet aus Pmil Smith, das Büro des amerikanischen Präsidenten habe eine Erklärung veröffentlicht, in der in Abrede gestellt wird, daß Präsident Coolidge irgendeine Aenße- rung über die Schulden des Auslandes getan habe oder Handelsabkommen im Zusammenhang mit diesem Schulden erwähnt habe, wie im „Syracuse Herald" berichtet wurde. Die Erllärung besagt, Coolidge habe lediglich zu einem privaten Besucher die Bemerkung gemacht, daß die ausländischen Schuldner ihre Schulden teilweise aus ihrem Außenhandel bezahlen könnten.
Deutsche in englischen Kolonien.
Aus London wird gemeldet: Auf die Frage, ob der Kolonialminister in der Lage sei, über die Zahl der nach Tanganyika zurückgekehrten Deutschen Angaben zu machen und weiter ob diesen Zurückgekehrten irgendeine Unterstützung aus Reparationsgeldern gegeben worden sei, ant- toortete der Minister, daß er vom Gouverneur der Kolonie keine solche Mitteilung echalten habe. Auf die Frage, ob er die Angelegenheit einer Untersuchung unterziehen wolle, antwortete der Minister bejahend. Das Unterbansmitalied Hall fragte, ob der Minister, falls er diesen Bericht bekommen würde, dem Hause Mitteilung darüber machen würde, ob es wahr sei. daß Deutsche, wie es in der Frage laute, aus Reparationsgeldern, die für England eingingen, Unterstützungen erhielten. Die Frage blieb ohne Antwort.
Währungsfragen in Polen.
Deutsches Vorbild!
Aus Warschau meldet die Polnische Telegra- Phenagentur: Unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Bartel fand im Finanzministerium eine Beratung über Währungsfragen statt. An der Sitzung nahmen der Finanzminister, die Vizepräsidenten der Banka Polska und der Bank GoSpodarsiwo Krajo- webo, mehrere Abgeordnete und Senatoren teil. Der Abg. HauSner legte seinen Plan einer hypothekarisch sichergestellten Notenausgabe ähnlich der deutschen Rentenmark dar. Nach mehrstündiger Beratung stellt- die Konferenz alS unerläßliche Bedingung für die Vermehrung des Notenumlaufes folgende Punkte auf: Gleichgewicht im Staatshaushalt, Aktivität deS Handels und der Zahlungsbilanz sowie Erfassung der Devisen durch die Bank von Volen. Einstimmig wurde festgestellt, daß bei einer Vermehrung des Geldumlaufes größte Vorsicht zu beobachten ist.
Sunt Bürgerkrieg in China.
Nack einer verspätet eingetroffenen Meldung deS ,Daily Telegraph' aus Peking soll am letzten Sonn- tag bei der 20. Division deS Marschalls Wu Pei- fu eine Meuterei ausgebrochen sein, wie es heiße, wegen des Ausbleibens von Sold und Proviant. Es werde angenommen, daß die gegnerischen nationalen Streitkräfte sich in keiner besseren Lage befinden. ___
* Reise des Schahs von Persien. Aus Teheran wird gemeldet: Der Schah hat Teheran verlassen, um den Distrikt von Khorafsen, wo in letzter Zeit Unruhen ausgebrochen waren, zu besuchen. Nach den letzten Berichten ist dort die Ruhe wiederhergestellt.
Die englische ttohlenknse.
Aus London wird gemeldet: Der Führer der Bergarbeiter Cook teilte in einer Rede in Walsall mit, der Vollzugsausschuß der Bergarbeiter habe die Einberufung einer Versammlung für den 30. Juli beschloffen, um zur Lage Stellung zu nehmen. Denn die Stunde sei gekommen, da die Bergarbeiter über ihre Meinung befragt werden müßten.
*
Beide Häuser des englischen Parlamentes erörterten die Lage in der Kohlenindustrie. Im Unter- Hause erklärte Lloyd George: Gegenwärtig verliert das Land wöchentlich 15 bis 20 Millionen Pfund Sterling. Eine Erneuerung der staatlichen Unterstützung würde nicht einmal so viel «nSmachen, wie während einer Woche verloren geht. Baldwin lehnte den Gedanken einer Erneuerung der Unter- stützung ab und trat für schiedsgerichtliche Entscheidung ein. Er fügte hinzu: Wenn die Parteien zusammen kämen, um zu befhanbeln, oder einen Schiedsspruch herbeizuführen, bann würde die Regierung alles tun, was in ihrer Macht steht. Sie kann aber nicht auf gesetzwidrigem Wege eine Regelung erzwingen. Der Führer der Arbeiterpartei Macdonald bezeichnete Baldwins Rede als durch- aus unbefriedigend und sagte, Baldwin müsse wiffen, daß sowohl die Arbeitgeber als auch die Bergleute es ablehnten, einen Schiedsspruch anzunehmen. Im Oberhause gab Lord Cecil namens der Regierung eine ähnliche Erklärung ab wie Baldwin tm Unter- Hause.
poincare’s Knanzsaniermig.
Mit einer gewissen Spannung erwartet die ganz« Welt das Finanzsanierungsprogramm P 0 i n- c a r e 5. Auch wir in Deutschland haben, das ist bereits an dieser Stelle wiederholt ausgeführt worden, ein Interesse daran, daß es diesem oder einem anderen Ministerpräsidenten endlich gelingt, Ordnung in das französische Wirtschastschaos zu bringen. Denn wir sind insofern daran interessiert, weil es auf ber ganzen Linie kein wirtschaftliches Aufwärts gibt und kein Aufhören der Arbeitslosigkeit, solange noch in einem europäischen Großstaat, fei es nun Frankreich, oder Italien, sei es selbst Belgien, eine derartige ständige Geldentwertung herrscht. Von dem französischen Franken hängt ja auch die Wertbestimmung der italienischen Lira und vor allem des belgischen Franken in erster Linie mit ab. Deshalb ist Herrn Poincare voller Erfolg bei seinen Bemühungen, sein Vaterland wirtschaftlich wieder aufzurichten, zu wünschen. Er gilt zudem als guter Finanzpolitiker und die Unterstützung nicht nur seiner Freunde, sondern auch weitester anderer Kreise scheint ihm so gut wie sicher zu sein, und toarum sollte es schließlich dem immerhin doch reicheren Frankreich nicht gelingen, was uns in Deutschland unter viel schwierigeren Umständen gelungen ist, nämlich die Stabilisierung des Geldes und damit Ordnung in das Wirtschaftschaos zu bringen.
Allerdings hat uns eines gewundert, das ist nämlich einmal, daß Poincarö seine Finanzsanierung ohne Vollmachten mit Hilfe der Kammer durchführen will, und zweitens, daß er auf jede ausländische Hilfe zu verzichten und lediglich aus den Mitteln des Landes selbst seine Sanierung durchzuführm gedentt.
Was den ersteren Punkt anlangt, so ist es natürlich ein großer Hemmschuh, bei derartig schwierigen Problemen, die Handeln von Minute zu Minute erfordern, an das Parlament gebunden zu fein. Dazu kommt noch, daß die verschiedenen Patteien im Parlament über das Finanzsanierungsprogramm verschieden denken und wenn auch das Ziel dasselbe ist, so sind doch die Wege so verschieden, daß hier keine Einigkeit zu erzielen wäre. Das ist nicht nur nicht in Frankreich sondern das ist auch in keinem anderen Lande möglich.
Nun kommt noch eins hinzu: Es scheint immer mehr klar zu werden, daß Poincare sein Ministerium ohne jedes Programm zusammengestellt hat und jetzt erst versucht, die gegensätzlichen Kräfte auf ein Programm zu berei nigen. Das kann sich unter Umständen als schwerer Fehler erweisen, denn in seinem Kabinett sind fast alle Parteien vertreten außer Sozialisten und Kommunisten. Die Mitglieder des Kabinetts geben also gewissermaßen ein Spiegelbild der Kammer wieder. Und die langen Beratungen des Kabinetts über die Regierungserklärung und die Sanierungspläne deuten nicht darauf hin, daß alles so reibungslos verläuft, wie man das im Anfang vor allem in Frankreich erwartet hatte. Es ist deshalb auch kein Wunder, daß der Optimismus, der die Oessentlichkeit bei der Kabinettsbildung durch Poin- carä ergriffen hatte, mehr und mehr abflaut. Man ist jetzt auch in Frankreich nachttäglich zum Nachdenken gekommen und überlegt sich, weshalb ein Mann von der Stärke Poincare's ein derartiges Kabinett zusammengestellt hat, in dem gerade die Rechte am wenigsten zu sagen hat. Die „Volonte" gibt diesem Gedanken in den Worten Ausdruck: „Wenn Herr Poincare ein Programm, eine Me- chode, eine Hoffnung auf Erfolg, gehabt hätte, so würde er nicht seine alten Feinde eingeladen haben, an einem Erfolg teilzuhaben, dessen Ruhm er nicht mit anderen zu teilen hätte. Aber Herr Pokncarä ist geschickt; er will sich nicht allein kompromittieren. Er hat alle Führenden der Republik herangezogen, um mit ihnen die Last seines wahrscheinlichen Mißerfolges zu teilen." Das gibt deutlich dem Gedanken Ausdruck, daß es auch tu Frankreich weite Kreise gibt, die nicht an den un- oedingten Erfolg Poincare's glauben.
Was bisher an Maßnahmen durchdringt, die von Pokncarä und dem Kaoinett beschlossen werden sollen, sa handelt es sich da vorläufig um nichts Neues. Die bestehenden inbireften Steuern sollen erheblich erhöht werden, eine Maßnahme, die schon von den verschiedensten Finanzmännern vorgeschla- gen und ebenso oft von den Kammer abgelehnt wurde. Dann eine Neuregelung der direkten Steuern, u. a. die Erhöhung der Nachlaßsteuer. Auch diese Vorschläge haben bisher die Billigung des Parlaments nicht gefunden. Schließlich soll Poin- car£, wie die „Information" mttzuteilen weiß, die Auftegung einer Zwangsanleihe planen. Gerade was eine solche anlangt, so hat eine Zwangsanleihe bisher noch in keinem Lande durchschlagenden erfolg gebracht, und die Hoffnung darauf zu setzen, wäre auch für Frankreich reichlich verfrüht. Selbst gesetzten Falles, daß diese Pläne die Billigung des gesamten Kabinetts finden, so ist es kaum anzunehmen, daß sie in der Kammer eine Mehrheit erhalten.
Nun könnte ja Poincarä immer noch als letzten Ausweg — und der starke Mann ist er dazu — wählen, einfach, wenn sich das Parlament ihm nicht fügt, seine Sanierungspläne ohne das Parlament durchzuführen. Die Mitglieder des Kabinetts, die den linken Patteien entnommen worden sind, wissen genau, daß der Versuch, der mft diesem Kabinett unternommen worden ist, der letzte ist, um auf verfassungsmäßigem Wege die Gefahren zu hgnnen, b,ie der französischen Wirtschaft drohen. Sie wissen zu gut, daß, wenn dieser Versuch mißlingt, nur noch eine sogenannte Finanz diktatur möglich ist, und sie werden deshalb das ihrige daran setzen, um im Kabinett ein Programm zusammenstellen zu lassen, das allen Patteien erttäglich erscheint. Wieweit ihnen das gelingen wird, müssen die nächsten Tage zeigen.