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Arneicser für die Sfaöf und den Kreis Fulda. Amtliches kreisblakk.

Nr. t64.

Erscheint sechsmal wöchentlich SBodbenbeUonen: Illustrierte Bei­lage" und .Bnchenblätter" Rotationsdruck und Verlag der Iiuldaer Actiendruckeret tn Ilnlda- Iernlvrecher Nr 9- Monatflcher BernaSdreiS! 1.S0 Wf.

Dienstag, 20. Juli 1926.

«»»eigen- Breis»; tklelmrile (llolonel) okal 0,ld ReichSmar aurwLrt» 0.20 Reichsmark. Reklamesetle: lokal 0,80 RelchSmar!

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Zahrg. 53.

Politische Katastrophe in Frankreich.

Sturz der Kabinetts Vriand. ^erriot führt ein IHifetrauensootum herbei und wirb selbst mit der Kabinettsbildung betraut.

Sah in Frankreich vor der Verabschiedung des Etmächiigungsce^tzes noch schwere pi-i.i'mnra- riscl-e Kämpfe bevorstanden, wußte man. Das Er» mächtigung'gesetz erschien ja der Linken als schwere Beeinträchtigung der verfassungsmäßigen Macht­stellung des Parlaments. Seine Annahme erschien nur möglich unter dem unheimlichen Sturz des Franken mit all feinen verhängnisvollen Beglett- erfchoinungen für das französische Volk. Aber als die Debatte über das Ermächtigungsgesetz noch nicht in Fluß gekommen war, erfolgte schon der ent­scheidende Schlag der Gegner der Regierung Briand-Caillaux. Herriot, der Führer der Linken, griff die Regierung aus Gesichtspunkten der allge­meinen Politik an. Er bestimmte eine Anzahl von Mitgliedern des gemäßigten Flügels der Linken gegen die Regierung zu stimmen und die R e cht e stimmte selbstverständlich gegen das Kabinett, tn dem ihr Todfeind Eaillaux sitzt. So kam es bei der Abstimmung, an die Briand ein Vertrauensvotum geknüpft hotte, zu einer parlamentarischen Nieder­lage Briands. Mit 288 gegen 243 Stim­men hat die Kammer es abgelehnt, in die Bera­tung der Paragraphen des Ermächtigungsgesetzes einzutreten.

Der Präsident nahm die Entlassung des Kabi­netts vor. Beim Verlassen des Elissees erklärte Briand Journalisten gegenüber:Sie können nicht erwarten, daß ich jedesmal wieder mein eigener Nachfolger werde. Ich kann nicht fortgesetzt in einem feindseligen Milieu leben. Jetzt habe ich meine Freiheit und bin darüber sehr glücklich.

Herriot und P o i n c a r e, das sind die bei­den Kandidaten für die Ministerpräsidentschaft. Herriot ist zunächst beauftragt worden. Er bemüht sich um die Unterstützung der Sozialisten. Der Vor­stand und die Parlamentsfraktion der Sozialisti­schen Partei haben nach mehrstündiger Beratung die ihnen von Herriot angebotene Teilnahme an der Regierung abgelehnt, und eine Erklä­rung beschlossen, in der gesagt wird, daß die Partei entsprechend dem Beschlüsse ihrer letzten Partei- tagung an k e i n e r von einer anderen politischen Partei gebildeten Regierung teilnehmen kann. Eine Unterstützungspolitik, so heißt es in der Entschlie­ßung weiter, könne nur innerhalb der von den Par­teitagen in Grennoble und Clermont-Ferrand ge­zogenen Grenzen in Betracht kommen. Außerdem bat der Abg. Blum als Generalsekretär der sozia­listischen Parlamentsfraktion an Herriot ein Schrei­ben gerichtet, in dem auf die Bereitschaft der Partei zur Unterstützung eines von Herriot gebildeten Ka­binetts eingegangen wird. Es heißt in diesem Schreiben u. a., die sozialistische Parlamentsfraktion habe mit Befriedigung davon Kenntnis genommen, daß Herriot zur Lösuna der über dem Lande schwe­benden Finanz- und Währunaskrise sicb den Ideen zu nähern wünsche, welche für die Partei selbst maßgebend seien. Unter den gegenwärtigen Um­ständen wäre die Teilnahme an der Regierung nicht diejenige Form, in der die Partei einer von Herriot gebildeten Regierung die wirksamste Hilfe werde gewähren können. Es werde ihr jedoch leich­ter fallen, ihre Mitglieder fast einstimmig für eine Politik der U n t e r st ü tz u n g zu gewinnen. In dem Schreiben wird zum Schlüsse versichert, daß die Bemühungen Herriots um die Finanzsanierung und die Wiederherstellung einer stabilen Währung durch die Leistung der Nation selbst seitens der Sozialistischen Partei auf eine ehrliche Unterstützung werde rechnen können.

Havas gibt die unverbürgte Nachricht wieder, daß Herriot sich mit P o i n c a r e, der von Paris

Vr. Beö

der ncuernannte Justizminister und Minister für die besetzten Gebiete hat seine Amtstätigkeit ausge­nommen. Im Justizministerium bewillkommnete Staatssekretär Joel den neuen Minister und wünschte ihm eine lange und erfolgreiche Amtsfüh­rung. Bell erklärte, daß er in vertrauensvoller Zu­sammenarbeit mit der Beamtenschaft des Reichs­justizministeriums seine Kräfte der Erhaltung und Festigung des Rechtsgedankens widmen wolle.

Im Ministerium für die besetzten Gebiete be­grüßte den Minister Ministerialdirektor Dr. Siel« tbey im Namen der Beamtenschaft des sNiniste- riums. U. a. wies er auf die großen Aufgaben bin, die diesem Ministerium gerade in der allernächsten Zeit noch erwachsen werden und gedachte des bis­herigen Ministers Dr. Marr und seiner erfolgrei­chen Tätigkeit. Reichsminister Dr. Bell erwiderte in längeren Ausführungen und unterstrich die Not- wendiakeit, für die Interessen des besetz, ten Gebietes einerseits dadurch zu wirken, daß der nationale Gedanke, der dieses Gebiet an das Reich binde, kräftig erhalten werden müsse, an­dererseits, daß für die Nöte der Einwohner des be­setzten Gebietes im Rahmen des Möglichen alles getan werden müsse. Reichsminister Dr. Bell gab seinerseits das Versprechen ab, daß er in vollem Verständnis für die Schwierigkeiten der besetzten Gebiete als ein Sobn des Rheinlandes auch innerhalb des Reichsministeriums wirken werde.

Neue Kämpfe in Marokko.

Nach den aus Marokko vorliegenden Nachrichten machen sich an der französischen Nordlront Trupps der Rifleute bemerkbar. Die Rtsabtei- hingen im Dieballahgebiet nähern sich den srcmzö-

cbwesend ist, in Verbindung gesetzt habe, um mit ihm die politische Lage zu besprechen.

Die beiden Abgeordneten P l i ch o n und F o u r» nier-Sarloveze haben, wie Havas aus den Wandelgängen der Kammer berichtet, den Versuch gemacht, eine neue fortschrittliche repub­likanische Gruppe zu bilden und sich von der Demokratisch-Renublikanischen Vereinigung ab- zuzweigen. Dieser Versuch soll von etwa 30Mit- gliedern der Demokratisch-Republikanischen Dereini- gung unterstützt werden.

Amerika zum Sturz Vrlands.

In Regierungskreisen ist man überascht von dem Rücktritt des französischen Kabinetts, doch besteht keine Beunruhigung hinsichtlich der Wir- kimg auf den Schuldvertrag. Man meint, daß das Programm Eaillaux' Hoffnung auf Stabilisierung geboten hätte. Sie Kommentare sind im übrigen zurückhaltend.

*

Die K V. läßt sich aus Paris telegraphieren: Eine gewisse Erleichterung erfährt diesmal die Situ­ation dadurch, daß durch den Finanzplan der Ex­perten ein Finanzprogramm vorliegt, welches in bezug auf die finanztechnischen Vorschläge ziemlich allgemeine Billigung gefunden hat. Hebet die in diesem Plan enthaltenen volitifchen Tendenzen wird allerdings ein scharfer Kampf geführt. Hierdurch sind die Probleme präziser gestellt und erleichtern ein Verhandeln. Der schwierigste Punkt ist zweifel­los der Streit um die Frage, Finanzreform ohne oder mit ausländischer Ailfe. Der Ervertenbericht hat sich für die ausländische Hilfe entschieden und die Ratifikation des Schuldenabkommens als not­wendige Voraussetzung gefordert. Hier einen Kom­promiß zu finden, dürste äußerst schwierig sein, nachdem sowohl Herriot wie Marin, noch beut« kicher Poincarö, der wieder als FinanMinister aenannt wird, sich gegen die Ratifikation des Washingtoner Abkommens in seiner., jetzigen Form ausgesprochen haben. Herriot scheint diesmal ent­schlossen, unter assen Umständen ein Kabinett zu­sammenzubringen. Sollte die bereits versuchte Kom­bination mit der Rechtsgruvpe scheitern und man hat den Eindruck, daß die Verhandlungen mit den Führern der Rechten sich sehr schlevpend vollziehen so wird Herriot versuchen, eine Regie­rung der republikanischen Konzentration nach links zu bilden. Diese Kombination ist iedoch ohne Unterstützung der Sozialisten kaum möglich. Man wird also mit ihnen über das Finanzpro­gramm verhandeln müssen. Sind aber die Aus­sichten, mit den Sozialisten zu einem gemeinsamen Finanzprogramm zu gelangen, größer als früher? Kaum! Es kommt hinzu, daß die Sozialisten den Expertenbericht in seinen wesentlichsten Teilen ab lehn en. Welche Kombination auch Herriot zustande bringen mag, die Zeit der Vollmachten ist vorbei. Das Parlament wird weiter tagen und über die neuen von der Regierung vorgeschlagenen Maßnahmen diskutieren und abstimmen. Ob hier­bei noch viel von dem Expertenplan übrig bleiben wird, vermag heute noch niemand zu sagen.

Neuer Sturz des Franken.

rotb Berlin, 19. Juli. (<Eig. Funkm.). 3m Zusammenhang mit dem Sturz des französischen Kabinetts wurden heute vormittag in London bis zu 232 französische Francs für 1 Pfund Ster­ling gezahlt gegen 198,75 am Samstag. Auch der belgische Francs war wesentlich schwächer, er stellte sich auf 217,50 gegen 200 am Samstag.

fischen Linien. Abteilungen der Beni Mostara und der Beni Megilda werden in der Nähe von Jssual gemeldet. Der Posten von Macna ist in der Nacht zum 16. Juli ang egriffen worden.

Der Neichsrat in Ostpreußen.

Ende der Fahrt.

Sie Reise, der ReichsratsmÄgieder durch Ost­preußen fand nach einer Fahrt von Allenstein übet Hohenstein-Osterode-Weißenberg-Montsuer Spitze und Kruzebrak mit einem Essen im Zivilkasino In Marienburg, an dem zahlreiche Vertreter der Santi« wirvschaft, desHandels, derJndustrie u.desHandwerks teilnahmensihrenAbschluß. Sie Begrüßungsansprache hielt Retzt-Präsident Dr.Budding, der den Reichsrats­mitgliedern den Sank ganz Ost- und Westpreußens für ihr Kommen aussprach. Ihm schloß sich im Namen der städtischen und Kreiskörperschaften Bür­germeister Gördeler - Marienwerder an. Für die Mitglieder des Reichsrats erwiderte der sächsische Gesandte Dr. Gradnauer, der u. a. ausführte, Ost­preußen habe ein Anrecht darauf, in besonderer Weife behandelt zu werden. Bei den Landesregie­rungen mürben die Reichsratsmitgiieder sich be­mühen, außerordentliche Hilfsmaßnah. menfürO st Preußen zu erwirken. In kurzer Zeit werde hoffentlich manches geschaffen werden, das den Ausgleich gebe für die Schäden, die der Ostmark durch den Krieg und Grenzziehung zuge­fügt worden seien. Fwcherr v. Geyl, der das Schlußivort sprach, erklärte: Wir aus allen Teilen des Reiches haben uns gefunden in der Erkennt­nis: dieses Ostpreußen ist aufgebaut von Deut­schen aller Stämme und soll durch Deutsche aller Stämme erhalten bleiben. Wir wollen feierlich ge­loben: Dieses Land bleibt deutsch! '

Oesterreich und die Kontrollkommission.

Man schreibt uns aus Wien:

Bekanntlich geht die Militärkontrolle in der allernächsten Zeit von der Botschafterkonferenz und der Kommission zur Ueberwachung der militärischen Abrüstung Oesterreichs an den Völkerbund über. Wie, um nochmals die Machtsphäre der Mili- tärkontrosskommission den Oesterreichern eindrucks­voll vor Augen zu führen, wurdefestgestellt", daß noch nicht alle Bestimmungen über die Ent­waffnung erfüllt seien. Insbesondere wird aufge­zählt, daß einzelne Fabrikbetriebe größere Vorräte an Eisen, Kupfer, Petroleum und Kautschuk be­sitzen, welche die normalen Handelsbedürfnisse über­schreiten würden und daher Anlaß für Besorgnisse geben würden, daß sie im Kriegsfall sofort Ver­wendung finden könnten. Auch von nicht zerstörten Maschinen, von strategischen Eisenbahnlinien, deren Ueberwachung notwendig sei, und von Geheim­organisationen ist die Rede, die den Frieden Euro­pas bedrohen könnten.

Wüßte man nicht, daß es sich tn diesem Berichte um eine Art Lebensberechtigungsnachweis handelt, der die nun achtjährige Bestandsdauer dieser Kom­mission gleichsam rechtfertigen soll, so müßte man sich an den Kopf greifen und annehmen, daß die letzten acht Jahre spurlos an den Kommissions­mitgliedern vorbeigingen. Weiß doch jedes Kind

auch außerhalb Oesterreichs daß die Vorräte an den genannten Rohmaterialien auf Wirtschafts­krise und Absatzstockung zurückzuführen sind, daß die bereits mehrfach immer wieder erwähnten Ma­schinen irgendwo des Verkaufs als Mteisen harren, da eine Umarbeitung auf Friedensbetrieb zu kost­spielig und ein Abverkauf an kriegsgerüstete Staaten wegen deren weitüberhotten Systemen bisher nicht einmal von Staaten in Betracht gezogen wurde, die zu chrem fieberhaften Rüsten jede Maschine irgendwie verwenden. Geradezu erheiternd wirken diestrategischen Cisenbahnttnien", die mit Aus­nahme der Westbahn durchweg durch die Grenzfüh- rung der Friedensverträge eine Umwandlung in Sachgeleise erfuhren. Da das oesterreichische Bun­desheer nicht viel mehr als die Hälfte des zuläs- siaen Höchststandes erreicht und dieGeheimorga­nisationen" aus innerpolitischen Gründen sicherlich lich einmal im Monat parademäßig spazieren geführt werden, so werden die Aufklärungen der vor das Forum der Mitttärkontrollkommission ent­sandten Bundesbeamten vermutlich beftiedigende Ergebnisse zeitigen: angesichts des in neuen Waffen­variationen starrenden übrigen Europa hat jedoch der Oesterreicher für die Angstträume der Militär- kontwllkommisfion nur das Empfinden, daß vom Erhabenen ;um Lächerlichen wirklich nur ein Schritt ist.

Kommunistische Eroberung des Landes.

Von Abgeordneten Andre« Stuttgart.

Anläßlich des Volksentscheids stellten die Kom­munisten das Ziel auf: Errichtung einer Arbeiter­und Bauernregierung. Die Kommunisten wissen ganz genau, daß sie mit den städtischen ober industriellen Arbeitermassen den bürgerlich-republi­kanischen Staat nicht zu beseitigen vermögen; sie brauchen hierzu das Landvolk. Dieses für ihre revolutionären Zwecke zu gewinnen, ist Parole der russischen Machthaber, wie der deutschen kommunl« stifchen Drahtzieher.

Bei der. Revolution nn Jahre 1918 wurde auch da und dort die Errichtung von Bauern- röten in Deutschland durchgesetzt. Aber diese Bauernräte wirkten nicht revolutionär, sondern be­ruf) i g e n b , ordnend, schützend. Damit war der Versuch, die Revolution aufs Land hinauszutragen, urtb eventuell blutig durchzuführen, gescheitert.

Der deutsche Bauer ist eben mit dem russi­schen nicht zu vergleichen. In Deutschland sitzt ter Bauer schon seit Jahrhunderten auf feiner Scholle; eine Generation löst die andere ab. Der deutsche Bauer hat seine Schulen genossen; er hat rechnen, lesen und schreiben gelernt; er kennt die Aussagen seines Berufs, die Sorgen des Standes und weiß, daß diese nicht mit Gewaltässgkeiten, revolutionären Machenschaften und wildem, zügel­losem Radikalismus behoben werden können.

Bei den russischen Bauern liegen die Ver­hältnisse gerade umgekehrt. 90 Prozent der Land­bevölkerung sind des Lesens, Schreibens und Rech­nens unkundig; fBauemorgamfationen in deut­schem Sinne hat es noch nie gegeben, das Land­volk selbst wurde bis zur Revolution vom zari­stischen Rußland unter dem Daumen gehalten, seiner Freizügigkeit beraubt, ausgebeutet und polt« tisch rechtlos gehalten. Einen in sich selbständigen freien Bauernstand gab es unter dem zaristischen System trotz der Agrarreform nach dem russisch- japanischen Krieg nicht. Der Bauernstand stand unter der Knute der Kosaken und des russischen Großgrundbesitzes und dabei blieb es. Nur so ist es zu erklären, daß mit Hilfe der städtischen Revolutionäre alle großen Gutshöfe in den Tagen und Wochen der Revolution angezündet und deren Besitzer ermordet worden sind. Die Bolschewiken haben die großen Gutshöfe aufgeteilt und einen so­genannten Kleinbauernstand geschaffen. Dieser sitzt nun auf seinem regelmäßig fünf Hektar großen Grundbesitz, der ihn nur kümmerlich ernährt. Der russische Äteinbauer hat eine ihn schwer drückende Naturalsteuer zu bezahlen; im übrigen ist er recht«, macht- und wehrlos. Mindestens 300 000 Kommis­säre stehen unter dem Dauernvolk; sie sind deren Herren und Gebieter, trotzdem sie von dem Bauern- tum und deren Landwirtschaft in der Regel nichts verstehens Das Resultat dieser Entwicklung ist: In Rußland hungert der Dauer; ja er hungert nicht nur, sondern er verhungert. Zirka 15 Millionen Landbevölkerung sind bei der Einführung des bol­schewistischen Systems im Rußland verhungert. Die Regierung ist weit weg, der Kommissar verfügt und das Volk bat zu schweigen. Eine politische oder ständische Vertretung gibt es nicht. So steht in Rußland heute das Landvolk gegen die städtische Bevölkerung; es möchte die Macht der 300 000 Kom­missäre abfchüttein und es hat dazu weder die Kraft, noch die Mittel. Die bolschewistische Regierung hat das Heer in Waffen und die Verkehrseinrichtungen auf ihrer Seite und wehe dem, der revolutionärer Umtriebe verdächtig ober sogar überführt wird: er wird vielfach um einen Kops kürzer gemacht. So siehr die Bauernherrlichkeit im roten Rußland aus.

In Deutschland, Oesterreich und in anderen eure« pfischeu Ländern suchen nun die Kommunisten Kleinbauerorg e. nifationen zu schassen In erster Linie handelt es sich darum, Kleinbauern, nachgeborene Bauernsöhne und landwirtschaftliches Dienstpersonal für diese Organisation zu gewinnen. Ihnen allen wird Siedlungsgelegenheit, Beseitigung des Steuerdrucks und politisches Mitwirkungs- und Bestimmungsrecht versprochen. Die gegenwärtige Nollage des Landvolkes wird im Sinne der kom­

munistischen Verhetzung und Revolutionierung des mfttellosen oder arm dastehenden Bauernstandes auszunützen versucht. Die deutsche Landbevölkerung muß sich aber darüber im klaren sein, daß die kom­munistischen Sendboten nur schmarotzen,vertei­len", aber nicht aufbauen, nichts Besseres an die Stelle der Gegenwärtsverhältnisse zu setzen ver­mögen. Die kommunistischen Wanderredner spre­chen von der Fürstenvermögensaufteilung, von se: Beseitigung aller großen Güter, der Aufhebung des Privateigentums der nur wohlhabenden Kresse. Wer tiefer sieht, der weiß, daß nun, wenn einmal die Axt an die Wurzel des Privateigentums ge­legt wird, dann folgerichtig aller Grund und Bo­den als Staatseigentum erklärt wird, und daß dann auch der kommunistische Siedler sich in Der Hand der kommunistischen Diktatoren befindet, daß er kein freier Bauer auf eigener freier Scholle mehr ist. Dann wird der Fleißige und Tüchtige geschunden werden, damit Faule und Untüchtige, der städtische Politiker und Machtinhaber gut leben kann. Oder ist es in Rußland zurzeit etwa an­ders?

Rußland ist ein reiner Agrarstaat; Deutschland überwiegend ein Industriestaat. Sie ein bis zwe« Millionen städtischer Arbeitskräfte leben in Ruß land auf Kosten des flachen Landes. Würde di« deutsche Landwirtschaft nach russischem Vorbildum- gebracht" und aufgeteilt, bann müßten Millionen städtischer Arbeitskräfte elendiglich verhungern, ober es müßte alsbald dem beutfdxn Kleinlandwirt das letzte Schwein aus dem Stalle geholt werden. Wir brauchen in Deutschland neben dem Klein- und Mik- telbesitz auch in gewissem begrenztem Umfang einen landwirtschaftlichen Großgrundbesitz. Der letztere ist in manchen Teilen Deutschlands (Ostelbien, Schle- fien uff.) noch zu stark vertreten und deshalb hat sowohl die preußische, wie die Reichsregierung in Verbindung mit dem Reichstag das Siedlungspro- bient energisch angefaßt. In wenigen Jahren wer- den im Osten Deutschlands ganze Siedlerge- meinben entstehen. Was also im Rahmen des wtrtsichaftlich Möglichen geschehen kann, wird schon jetzt in Deutschland durchgeführt um neues Bauern- tum zu schaffen und nachgeborenen Bauernsöhnen zu felrftänbiger Bauernwirtschaft zu verhelfen. Das Land soll auch in der Zukunft der deutsche Jung­brunnen bleiben. Bei der Struktur der deutschen Wirtschaft brauchen wir aber auch mittlere und größere landwirtschaftliche Betriebe, weil diese gerade die überschüssigen Lebensmittel für die städti­schen Bevölkerungskreise liefern; wir brauchen aber auch diese großen Betriebe, weil sie gerade die Bahnbrecher für fortschrittüche Betriebsformen iMaschinenverwenbung, Saatgutfrage, Düngerver- Wendung usw.) sind und auf Grund ihrer Wirt- schaftskraft auch bleiben werden. Mit nur kleinen Siedlungsbetrieben kann die deutsche Landwirtschaft auf die Dauer nicht bestehen.

Darum: Hände weg von der Revolutionierung des Landvolkes. Hände weg vom freien Bauern­stand und dem freien Warenaustausch von Stadl und Land. Erhaltung, Festigung und Vermehrung des Landvolkes im Rahmen der deutschen Wirt­schaftsverhältnisse sei das Ziel. Hierfür kämpft aber nicht der kommunistische Agitator, sondern die Deutsche Zentrumspartei! Mit der Bauernsieidlung allein läßt sich aber das deutsä-e Agrarproblcm nicht lösen. In Verbindung damit muß der Grund und Boden wieder n>i r tf d>a ft« lich gestaltet, rentabel gemacht werden, sonst geht der alteingeferene Bauernstand neben und m i t den Neusiedlungen zu Grunde. Das deutsche Volk muß sich in feiner Gesamtheit darauf einftellen, die deutsche Landwirtschaft wieder leistungsfähig und kampffähig zu machen. Dann wird der Inlands- a b f a tz der deutschen Jndustrieerzeugnisse gehoben werden und die Arbeitslosigkeit zurtickgehen. Der Kommunismus hat für diese Fragen keinerlei Ver­ständnis und deshalb gibt sich jeder Angehörige des Bauernstandes in die Hände ferner Metzger, wenn er den kimm" "Mischen Sirengesängen Gehör schenkt.