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Anzeiger für die Sfabf und den Kreis Fulda. Amf^ches kreisblalk.

nr. 144.

Erscheint sechsmal wSchentlich- SBotEenbellaaftr IlloNrierte 8ti- laae" und .BuchenblStter" Rotationsdruck und Verlag der «luldaer Bctiendruckeret in Nulda- ^erulvrecher Rr. 9.

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Zreltaa, 25. Ium 1926.

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Zahrg. 53.

Die französische Kabinettskrise beendet.

Caillaux Zinanzdiktator.

Nachdem sich Caillaux bereit erklärt hatte, ln das Kabinett Briand einzutreten, sah sich Briand genötigt, seine Verhandlungen auf voll­ständig neuer Grundlage wieder aufzunehmen. Er verhandelte am Mittwoch mittag mit Durand, La­val, Danielou und dem linksradikalen Abgeordneten Pieti sowie mit dem Radikalen Doubois.

Inzwischen übermittelte Poincare dem Vertreter der Havasagentur eine Erklärung, in der er zugibt, daß er die von Briand zuerst ins Auge gefaßte Kombination zum Scheitern gebracht habe. Poincare gibt ferner zu, daß man geneigt gewesen ist, ihn als Finanzminister zu berufen, da jeoes andere Ministerium, das man chm übertragen hätte, einen politischen Charakter habe. Poincare bestätigt üb­rigens auch, daß im Laufe der Vormittagsstunden am Mittwoch sich Widerspruch gegen die Zuteilung des Finanzministeriums an Doumer geltend ge­macht hat.

Die verschiedenen Parlamentsftaktionen werden im Laufe des Mittwoch Nachmittag Sitzungen ab­halten, um zu dem nunmehr in Aussicht gestellten Kabinett Briand-Caillaux Stellung zu nehmen, dessen Bildung man bereits für Mittwoch­abend erwartet.

Caillaux hatte bereits eine Unterredung mit Kammerpräsident Herri o t, dem er das Unter­richtsministerium angeboten hat, während Briand dem sozialistischen Abg. Paul Boncour das Kriegsministerium anbot. Beide haben abgelehnt. Briand hat nunmehr eine Anzahl. Politiker emp­fangen, die er in sein Kabinett aufzunehmen gedenkt. Darunter befinden sich Daniel Vincent, Durafour, der radikale Abgeordnete Jacquier, Binet und Montagny. Außerdem scheint festzustehen, daß im Kabinett verbleiben werden Laval, Danielou und Durand, und daß der linksradikale Abgeordnete Pieti, sei es als Unterstaatssekretär, sei es als Minister, in das Kabinett einttitt. Auch dem radi­kalen Abgeordneten Dubois, von Beruf Bankier, soll ein Unterstaatssekretariat oder ein Ministerium zugedacht werden.

Ministerpräsident Briand hat seine Besprechungen über die Bildung des neuen Kabinetts Mittwoch abend 6 Uhr abgeschlossen. Die endgültige Zusam­mensetzung des Ministeriums wird nach dem abends 10 Uhr am Quai d'Orsay stattfindenden Kabinetts­

rat offiziell bekannt gegeben werden. Die Aus­arbeitung des Programms der neuen Regierung wird, wie verlautet, noch einige Tage in Anspruch nehmen. Nach dem Kabinettsrat der neuen Re­gierung begab sich Ministerpräsident Briand mit seinen Mitarbeitern ins Elysee, um dem Präsi­denten der Republik die Mitglieder seines Kabinetts vorzustellen.

Die MimsterNste.

Das neue Kabinett setzt sich folgendermaßen zusammen: Ministerpräsidentschastund Auswärtiges: Briand (Abg. Sozialrepublikaner). Finanzen und Dizepräsidentschaft: Caillaux (Senator, radi­kal). Justiz: Laval (Abg.unabhängiger Sozialist). Inneres: Durand (Abg. radikal). Kriegsmini­sterium: General Guillaumat. Marine:George Leygues (Abg. Linksrepublikaner). Unterricht: Nogaro (Abg. radikal). Handel: Cazal (Sena­tor, radikal). Oeffentliche Arbeiten: Daniel Vin­cent (Abg. radikale Linke). Landwirtschaft: Binet (Äbg. radikal). Pensionen: Jordain (Abg. radikale Linke), Kolonien: Pierri er (Sena­tor, radikal). Arbeiten: Durafour (Abg.radikal).

Die neuen Unterstaatssekretäre.

Die Unterstaatssekretariate werden mit folgen­den Persönlichkeiten besetzt: Ministerpräsidentschaft Danielou (Abg. radikale Linke). Finanzen und Budget: Pie tri (radikale Linke, Abg.). Finan­zen und Schatzamt: Dubois (Mg. radikal). Luft- schiffahtt: Laurent Eynac (Abg. radikal). Post- und Telegraphenwesen: Astier Abg. radikale Linke). Krieg: Pieot (rep.-dem. Linke). Befreite Gebiete: Dutreil (Abg. Linksrepublikaner).

Reformpläne des französischen Kriegsmimsiers.

wtb Paris. 24. Juni. (Gig. Funkm.). Wie „Journal" erfährt, ist der neue Kriegsminister Guillaumat ein Anhänger der einsähr. Dienst­zeit und wird das vorliegende MKitär-Reform- Gesetz mit solchen Durchführungsbestimmungen zur Verhandlung bringen, die zugleich den Wünschen des Landes nach Verringerung der Militärlasten Rechmmg tragen und die, völlige Sicherheit Frank­reichs verbürgen solle.

Die Nohlenfrage im Unterhaus.

Die mit großer Spannung erwartete Aussprache über die Kohlenftage im englischen Unterhause wurde durch den Bergwerksminister Lane Fox eröffnet, der, häufig von der Arbeiterpartei unterbrochen, die Vorlage, die sich mit der Reorganisatton der Kohlenindustrie beschäftigt, in zweiter Lesung ein­brachte. Im Verlaufe seiner Ausführungen be­merkte der Redner, am dringendsten sei die allmäh­liche Beseitigung der kleiden altmodischen Schacht­anlagen. Er verwies dabei auf die verhältnis­mäßig geringere Zahl der Schächte im westfälischen Kohlengebiet im Gegensatz zu der großen Zahl der englischen. Die Vorlage sei praktisch und zweck­dienlich. Sie mache keinen Anspruch auf Voll­ständigkeit oder auf Durchführung aller Anemp­fehlungen der Kohlenkommission. Sie bedeute nur eine erste Abschlagszahlung. Der Arbeiterführer Hartshorn, der die Verwerfung der Vorlage Beantragte, erklärte, er habe vergeblich auf eine Erklärung darüber gewartet, welchen Einfluß man sich von der Vorlage auf die Lage der Bergwerks- industtie verspreche. Die Vorlage berühre nicht das eigentliche Problem. Zur Frage der Exportpreise erklärte Hartshorn, verglichen mit der Zeit vor der Kohlenbeihilfe habe England nicht mehr Aufttäge vom Kontinent erhalten, ttotz der eingetretenen Preisverminderung. England habe mehr ausge- fühtt, aber weniger dafür erhalten. Die Folge der Subventionen fei lediglich gewesen, daß die deutschen Bergwerksbesitzer nun ihrerseits unter Berufung auf die Unterbietung der Preise durch den bri­tischen Kohlenausfuhrhandel ihre Regierung um Unterstützungen angegangen wäre. Wenn man nicht beginne, die Industrie einheitlicher: zu gestal­ten, so falle die Hälfte der Jndusttie der Vernichtung anheim. Eine Verminderung der Löhne oder eine Vermehrung der Arbeitsstunden könne das Problem nicht lösen. Er trete für neue Verhandlungen) zwischen den stteitenden Parteien ein und hoffe, daß der Entschluß zu neuen Verhandlungen das Ergebnis der Debatte sein werde. Der Konservative Leslie Schott erklärte, Hartshorn habe in seiner Rede den aufrichtigen Wunsch gezeigt, das Prob­lem lö en zu helfen. Es sei zu bedauern, daß Harts­horn die Vorlage so kühl aufgenommen und keine bestimmten Abänderungsvorschläge gemacht habe. Lloyd George erflärte, er könne sich nicht denken, daß die Regierung der Aufforderung Harts­horns nicht Folge leisten werde. Der vorliegende Gesetzentwurf bringe die Angelegenheit nicht weiter. Dem Premierminister biete sich nunmehr die Ee- legenhett, die gesamte Frage noch einmal zur Er- örtenmg zu stellen, um sestzustellen, ob man keine Regelung erzielen könne, die nicht nur für die Par­teien des Hauses, sondern auch für die gesamte Jndusttie und Wirtschaft des Landes annehmbar fei.

Tas Unterhaus nahm in zweiter Lesung die Vorlage der Regierung an.

Die ^Beratungen der Bergarbeiter - Internationale.

Der Vollzugsausschuß der Bergaröeiter-Jnter- nationale, der zur Zeit in London tagt, hielt eme^ Besprechung ab, in der die Möglichkeit von Maßnahmen der Bergarbeiter auf dem Kontinent ?ur Verhinderung der Verschiffung von Kohlen nach England sowie die Frage der Unterstützung der

englischen Bergarbeiter besprochen wurde. Wie der Bergarbeitersekretär Hodges mitteilte, wird der Vollzugsausschuß nach Anftmst des Vorsitzenden des Deutschen Bergarbeiterverbandes, Hus emann, den von Husemann abzustattenden Bericht über die Lage in Deutschland bezüglich der brittschen Kohlen­krise erörtern. Hodges erklärte noch, die Frage der Kontrolle oder Einstellung der Kohlenliefe­rungen aus dem Ausland nach England falle unter die Rubrik der moralischen Unterstützung. Der englische Bergarbeiterführer Cook erklärte nach der Sitzung, daß man erneut die Frag« eines inter­nationalen Streiks der Bergarbeiter prüfe.

Standrecht in Portugal.

Wie Havas ■ aus Lissabon meldet, hat die Re­gierung für die Dauer der anormalen Lage die standrechtliche Aburteilung von Vergehen des Ver­rats der Spionage, der Gehorsamsverweigerung und des Ausruhrs angeordnet. — Wie Havas aus Lissabon meldet, hat die Regierung die Zensur über die gesamte Presse verhängt. Der Kriegsminister duldet jedoch feine weißen Stellen, sondern fordert, daß jede gestrichene Nachricht durch eine andere er­setzt werde.

Brasilien und Deutschland.

Eine Rede des brasilianischen Außenministers.

3:1 Ehren des deutschen Vermessungsschiftes „M e t e o r" gab der deutsche Gesandte, Dr. K n i p- ping, ein Essen. Der brasilianische Außenminister hielt dabei eine bedeutsame Rode, in der er be­tont», daß Brasilien immer lebhafte Wertschätzung für Deutschland empfunden habe. Der Einfluß der deulschen Einwanderung und die deutsche Mitarbeit hätten sich in Brasilien auf allen Gebieten als äußerst wertvoll erwiesen. Die hierdurch geknüpf­ten örtlichen Verbindungen mit Deutschland seien von Dauer und verstärkten sich immer mehr. Die für beide Staaten nützliche aufrichtige Freundschaft werde durch gemeinsame Interessen befestigt. Deutsch­land sei ein großes und ersprießliches Äement im internationalen Leben Seine wirtschaftliche Le­benskraft sei ungebrochen. Der Minister gab der Hoffnung Ausdruck, daß Deutschland für die Wieder- ertangung feiner alten Stellung im friedlichen Wett­streit mit anderen Völkern arbeiten könne. Sie „Msteor"-Expedftion sei hierfür ein gutes Zeichen.

Roch Kampfstimmung in Marokko.

wtb Paris, 24. Juni. (Mg. Funkm.). Der Sonderkorrespondent des „Exelsior" in Fez berich­tet. daß einige Stämme in Marokko den Kampf noch fortsetzten, erf.ärt sich daraus, daß sie nicht glauben wollen, daß Abd el Krim gefangen fei, viel­mehr behaupten, der in Dar Soliman gefangen ge­haltene Riskabyle fe: eine von den Franzosen und Spaniern bezahlter Strohmann.

* Generaloberst Friedlich Georgi gestorben. Der ehemalige österreichische Landesverleldigungsminister, Generaloberst Georgi, ist Mittwoch nachmittag in Wien gestorben.

Debatte über die ziirftembfin-ung. Ke Anträge der Flügelparteien abgelehnt. — Die ersten Paragraphen der Vorlage angenommen.

Wie wir bereits gestern berichteten, wurde am Mittwoch mit der Einzelberatung des Gesetzent­wurfs zur Fürstenabfindung im Rechtsaus» s ch uß des R e i ch t a g e s begonnen. In der Be­ratung wurden sämtliche Abänderungsanträge der Sozialdemokraten, Kommunisten und Deutschnatio­nalen abgelehnt und die 7 ersten Paragraphen der Vorlage angenommen. Die sozialdemokraftschen Anträge wollten in der Hauptsache eine weitere Ausdehnung der Rückwirkungen und gehen auf eine andere Zusammensetzung des Reichssonderge­richts und auf die entschädigungslose Ablösung der Kronrenten hinaus. Don den deutschnationalen Anträgen sagt selbst die „Tägl. Rundschau", daß sie recht wesentliche Bestimmungen des Entwurfs beträfen. Natürlich haben solche Anträge, die das Kernstück aus der Vorlage ausbrechen wollen, keine Aussicht auf Annahme. Darüber sind sich die Koa­litionsparteien einig. Sollte der Kompromiß nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit erhalten, so wird nichts anderes übrig bleiben als der Apell an das Volk. Die Verhandlungen zwischen Parteien der Regierung und der Opposition werden aber fortgesetzt werden, uyd trotz aller Schwierigkeiten und ttotz der Ablehnung aller Abänderungsanttäge in der Mittwoch-Sitzung des Rechtsansschufses braucht man die Hoffnung noch nicht aufzugeben, daß schließlich ein Kompromiß zustandekommt, das Aussicht auf die Zweidrittelmehrheit im Plenum hat.

parkeiauslritt Dr. Rohrbachs.

Dr. Paul Rohrbach hat dem Vorstände der Demokratischen Partei mitgeteilt, daß er seine Mit- gliedschast in der Partei aufgebe. Er begründete seinen Schritt einmal mit der Tatsache, daß Pros. Quidde ttotz seines übertriebenen Pazifismus Mit­glied der Demokratischen Partei sein dürfe, und zum anderen mit der Haltung der demokratischen Partei gegenüber dem Enteignungsgesetz. Er er- flärt aber, seinen demokratischen Anschauungen tteu bleiben zu wollen.

ReichsernahlUngMinifterium.

Nachdem Staatssekretär Hagedorn zurückge­treten ist, hat das Reichskabinett auf Vorschlag des Reichsernährungsministers Dr. Haslinde den bisherigen Ministerialdirektor Hoffmann zum Staatssekretär bestellt. An dessen Stelle wird der be eits früher dem Sechsernährungsministertum an- gehörende, durch den Minister Canitz aber abge­baute Ministerialdirektor Heukamp treten.

Die letztere Ernennung muß mit besonderer Be­friedigung erfüllen. Es wird dadurch durch den Er­nährungsminister Haslinde ein seinerzeit begange­nes offenbares Unrecht wieder gut gemacht, was man Dr. Haslinde außerordentlich danken muß. Ministerialdirektor Heukamp ist Katholik und be­kennt sich zur Zentrumspartei. Das ist nicht zu­letzt der Grund für den seinerzeitigen Abbau durch Canitz gewesen. Die sachliche und fachliche Eignung Heukamps für dieses wichtige Amt, das er istzt wieder inne hat, ist allenthalben unbestritten. Auch in den landwirtschaftlichen Kreisen Deutschlands und namentlich Süddeutschlands wird die Wiederberu­fung Heukamps durchaus begrüßt. Wir freuen uns, feststellen zu können, daß mit diesen Maßnahmen, denen noch eine Reihe anderer Umgruppierungen im Ernährungsministerium folgen werden, nun end­lich den Katholiken und Zentumsangehörigen wie­der eine einigermaßen angemessene Vertretung in diesem wichtigen Ministerium zuteil wird.

Der Rücktritt des Staatssekretärs just im gegen- märtigen Augenblick ist sehr merkwürdig. Dieser Rücktritt ist ohne jeglichen äußeren Druck erfolgt. Der Minister hatte gerade aus sachlichen Gründen, weil jetzt die lehr schwierigen Handelsvertragsver­handlungen schweben, em Interesse daran gehabt, daß im Augenblick kein Wechsel eintritt. Hagedorns Schritt in "diesem Augenblick nichts anderes als ein Im-Stichlassen des Ministers in schwerer politi­scher und parlamentarischer Laae zu bezeichnen.

* Abreise Malhans aus New-Aork. Der deutsche Botschafter Freiherr v. Maltzan ist heute nach Deutschland abaereist.

Der Schwedenvertmfl.

Mit dem deutsch-schwedischen Handelsvertrag, der gegenwärtig der parlamentarischen Erörterung unterliegt, sind eine ganze Reihe von Schwierig­keiten verknüpft, deren Befeitigung außerordentlich viel Mühe machen. Mit diesem Vertrag hängen auch die wichtigsten Zolltariffragen zu­sammen und da gerade diese Dinge nach alter Er­fahrung immer wieder unter politischen und im besonderen parteipolitischen Gesichtspunkten im Par­lament behandelt werden, kommt es gerade um ihretwillen zu den lebhaftesten Auseinandersetzun­gen.

Jrn Schwedenverttag sind allerdings wesentlich höhere Zollsätze vorgesehen als sie bisher galten. Aber soweit Lebensmittelzölle in Frage kommen, haben sie im Schwedenvertrag keine un­mittelbar praktische Wirkung, weil solche Lebensmittel aus Schweden verhältnismäßig wenig zur Einfuhr kommen. Diese im Schwedenvertrag vorgesehenen Zölle haben lediglich einen taktischen Zweck so zwar, daß man mit ihnen einen Druck auf Polen und die Tschechoslowakei im Hinblick auf die mit ihnen abzuschließenden Verträge ausüben will. Kommen mit Polen und der Tschechoslowake: als agrarisch orientierten Ländern bis zum 1. Au­gust keine Verträge zustande, so gewinnen aller­dings die im Schwedenoertag vorgesehenen Zollsätze auch eine praktische Bedeutung. Unmittelbar prak­tische Bedeutung haben in dem Schwedenvertraa die Zölle auf Holz und P f l a st e rste i n e. Der Zoll für Pflastersteine ist in Wegfall gekommen. Wenn das nicht der Fall gewesen wäre, bann würde überhaupt kein Vertrag zuandekommen. Die schwe­dische Pflasterstein-Industrie produziert billiger als die deutsche, nicht nur weil sie die Steine leichter und billiger gewinnen kann, sondern weil sie auch wesentlich günstigere Frachtbedmgungen hat. Die Steinbrüche liegen zumeist an der Küste und die Steine gelangen mit Seeschiffen nach Düssel­dorf, ja bis Mannheim, so daß alle Städte des Industriebezirks um den Rhein entlang mit Steinen versorgt werden können. Das bedeutet natürlich eine starke Beeinträchtigung der deutschen Steinindusttie, die nicht mehr konkurrenzfähig würde. Die Steinindustrie war in den vergan­genen Jahren ziemlich gut wegen der Aufttäge der deutschen Städte beschäftigt, neuerdings werden aber des Geldmangels wegen keine größeren Aus. träge mehr erteilt und dazu kommt, daß ohnehin die Pflasterstetnindusttie in Zukunft wohl nicht mehr die Bedeutung haben wird wie bisher, da man mehr und mehr dazu übergeht, Beton-Sttaßen zu bauen.

Um der deutschen Steinindustrie entgegen- zukommen, hat die Reichsbahn auf Anregung des Reichsverkehrsministers eine erhebliche Ermäßigung der Frachttarife in Aussicht gestellt. Dieser 21 u s - nahmetarif wird dieselben Sätze haben, wie sie vor dem Kriege bestanden, und wie sie tm Jahre 1911, als der Schwedenvertrag um dieser selben Frage willen so große Schwierigkeiten machte, fest- gesctzt wurden.

Eine weitere sehr erhebliche Streitfrage im Schwedenverttag bildet die Behandlung der Gerste. Sämtliche Landwirtschaftskammern ha­ben sich für einen einheitlichen Gerstenzoll ausgesprochen. Bayern aber hat ein sehr starkes Interesse daran, daß die eingeführte Braugerste we­sentlich höher als die Futtergerste bezahlt wird.

Und es ist ja auch durchaus richtig, daß, wenn allein aus der Biersteuer 335 Millionen aufgebracht wer­den, auch die Gerste entsprechend bezahlt werden tarnt, um den Landwirten angemessene Preise bie­ten zu können. Aber wenn ein einheitlicher Gersten­zoll etwa von 4—5 Mark festgesetzt würde, so würde das auch sehr erhebliche Rückwirkungen auf die Futtergerste haben. Deshalb sieht die Reichsregie­rung auch eine Differenzierung des Zoll­satzes vor, und zwar höhere Zölle für Brau­gerste und niedrigere für Futtergerste. Diese letztere soll, um eine spekulative Ausbeutung zu verhüten, auch nur dann nach Deutschland kom­men, wenn sie vorher geschrotet ist.

Die parlamentarische Behandlung dieser Frage macht sehr erhebliche Schwierigkeiten. Im vorigen Jahr wurde ein Zolltarif abgeschlossen, der für eine Uebergangsgeit, die am 31. Juli abläuft, den Roggenzoll mit 3.— Mark und den Weizenzoll mit 3.50 vorsah. Wenn keine Neuregelung erfolgte, würden am 1. August entweder die autonomen Zölle eintreten (7.— Mark für Roggen und 7.50 Mark für Weizen pro Tonne), oder, wenn der Schwedenvertrag zustande käme, würden sich die Sätze stellen auf 6 Mark für Roggen und 6.50 für Weizen. Das sind aber auch nur Richtungs- zölle. Die Regierung selber wird unter diese Zölle gehen, aber mit Rücksicht auf die noch mit Polen und der Tschechoslowakei zu führenden Ver­handlungen ist eine Festlegung darüber noch nicht möglich.

Um diese Frage auszugleichen, bestehen jetzt zwei Möglichkeiten, entweder der Schwedenvertrag wird angenommen gleichzeitig mit einer Entschließung, daß für den Fall, daß der deutsche Roggenpreis 2 Mark über den Weltmarktpreis steigt, der zollpoli- tifche Ausschuß des Reichstages zusammentritt und den Zollsatz reduziert. Eine andere Möglichkeit ist dst, daß die gegenwärtigen Uebergangssätze noch für einige Monate und für vier Monate verlängert werden. Die Sozialdemokraten fordern die Verlän­gerung auf ein Jahr, doch ist anzunehmen, daß sie sich mit der eben vorgeschlagenen Regelung nöti­genfalls zufrieden geben.

Handelsverträge sind immer Kompromisse. Eine Fülle von Dingen spielt dabei mit, Konzessionen ntüssen au, beiden Seiten gemacht werden, einmal von den vertraasschließenden Ländern selber, zum anderen im eigenen Lande vor Produzenten und Konsumenten. Es wird bei solchen Verträgen im­mer schwierig sein, alle Teile zu beliebigen, und off muß in einer Position nachgegeben werden, um i dafür in Dutzenden anderen Zugeständnisse von der Gegenseite zu erreichen. Gerade der Schwedenoer- trag ist dafür ein typisches Beispiel. Wir müssen selbstverständlich ein Interesse daran haben, daß die Landwirtschaft als Nährstand in ihrer produk­tiven Kraft erhalten wird, bann ist es richtig, daß wir die Arbeitslosen nicht durch Export allein von der Straße wegbringen. Die Gesundung der Land­wirtschaft ist auch eine Vorbedingung für die Besse­rung der Stabilisierung der Verhältnisse in Handel und Industrie. Die Not der Landwirtschaft ist, zu­mal nach der letzten Wassernot der einzelnen Teile Deutschlands ganz außerordentlich, ganze Ernren sind vernichtet. So hat gerade diese Frage neben der taktischen und politischen auch eine sehr erheb­liche volkswirtschaftliche Sette.