Heimat.
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Fulda, den 23. Juni 1926.
Krbeitsmarktlage in Hessen-Nassau.
Die Arbeitsmarktlage in Hessen, Hessen-Nassau und Waldeck hat, wie das Sanbesamt für Arbeitsvermittlung mitteilt, in der verflossenen Woche allgemein eine Verschlechterung erfahren. In der,Basalt- und Kalksteinindustrie des Lahngebietes sind weitere Betriebseinschränkungen und Entlassungen zu verzeichnen. In der Metallindustrie schreitet die Verschlechterung der Verhältnisse weiter fort; nicht einmal Anzeichen einer kommenden Besserung sind zu bemerken. Verschiedentlich ist es auch in der chemischen Industrie zu Entlassungen gekommen, denen nirgends nennenswerte Neueinstellungen entgegen stehen. Der Arbeitsmarkt der Lederindustrie ist teilweise überaus ungünstig und zeigt im Uebrigen keine Veränderung. Auch die Möbelindustrie klagt über sehr schlechten Geschäftsgang und steht sich zu »eiteren Einschränkungen gezwungen. Im Bekleidungsgewerbe hält die ungünstige Arbeitsmarktlage an. Im Baugewerbe ist das Gesamtbild gleichfalls ungünstig. Im Gastgewerbe sind die Erwartungen auf das Saison- Geschäft bisher unerfüllt geblieben. Den einzigen Lichtblick in diesen trostlosen Verhältnisten bietet der „Jahrmarkt der Eitelkeit": An guten Friseuren und perfekten Friseusen besteht andauernd Mangel.
Vorauszahlungen auf Einkommen-, Nörverschafts- und Umsatzsteuer.
Die Finanzämter wurden angewiesen, die Cinkom- mensteuerbescheide und Körperschaftssteuerbescheide möglichst bis zum Inlioorauszahlungstermin zuzustellen. Bei Nachempfang des Steuerbescheids haben die Pflichtigen Vorauszahlungen auf Einkommensteuer und Körperschaftsteuer nicht mehr selbst zu berechnen. Auch die Abgabe von Voranmeldungen für Einkommensteuer und Körperschaftsieuer fällt weg. Die Vorauszahlungen find nach dem Steuerbescheid zu entrichten. Um Zweifel darüber auszuschließen, ob dies auch für Steuerpflichtige gilt, die den Steuerbescheid vom 10. bis 17. Juli — also innerhalb der Schonfrist — erhalten, wurde die Schon- frift algemein bis zum 24. Juli verlängert. Wer bis zum 17. Juli einschließlich einen Steuerbescheid erhalten hat, hat die Vorauszahlungen auf Einkommensteuer und Körperschaftsieuer ebenfalls nach dem Steuerbescheid zu entrichten. Steuerpflichtige, die bis zum 17. Juli einen Einkommensteuerbescheid und Körperfchafisteuerbescheid noch nicht erhalten haben, müssen die Vorauszahlungen nach der zweiten Steuerverordnung und dem Steuer- Überleitungsgesetz — in der Regel also nach Betriebseinnahmen, Umsatz'oder Vermögen — leisten. Hierbei gelten die bisherigen Anordnungen weiter. So können insbesondere buchführende Gewerbetreibende, denen bis 17. Juli ein Steuerbescheid noch nicht zugestellt ist, die für den 10. Juli zu leistende Vorauszahlung vorläufig in Höhe eines Viertels des Betrages entrichten, der sich nach der beim Finanzamt abgegebenen Steuererklärung als Steuerschuld ergibt. Führt die Veranlagung zu einer höheren Steuerschuld, so ist der Unterschiedsbetrag zwischen der geleisteten Vorauszahlung und der sich nach dem Steuerbescheid ergebenden Vorauszahlung innerhalb eines Monats nach Zustellung des Steuerbescheids nachzuzahlen. Die Verlängerung der Schonfrist gilt im Interesse des Steuerpflichtigen diesmal ausnahmsweise auch für die Umsatzsteuer.
= Ihr 75. Lebensjahr vollendete heilte die Wive. Christine Blumenstiel, Schulstraße 23. Die Greisin ist so beneidenswert rüstig, daß sie noch sämtliche Arbeiten in ihrem Haushalt allein verrichten kann.
- Ans Bahnsteigen nicht musizieren. Immer wieder kann man beobachten, daß Ausflugsgesellschaften, Wandervereine usw. auf den Bahnsteigen Vor Abfahrt des Zuges musizieren, nicht als ob fie hier in einer Bahnhofshalle wären, sondern mitten im Grünen unter freiem Himmel. Durch diesen Lärm kann der Eisenbahnbetrieb leicht störend be- rinflußt werden, Wichtige Signale überhört und das reisende Publikum selbst kann durch Ablenkung der Aufmerksamkeit gefährdet werden. Die Reichs- bahnverwaltnng bittet daber die Gesellschaften und Vereine dringend, auf den Bahnsteigen nicht zu musi- zieren. Es wird darauf hingewiesen, daß Verur- sachung starken Lärms nach den Bestimmungen der Eisenbahnbau- und Betriebsordnung verboten und strafbar ist.
— Beim Baden ertrunken. Gestern abend gegen 8 Uhr schlichen sich zwei Pfleglinge einer hiesigen
Brief aus Nordamerika.
Don einer Reise zum Eucharistischen Kongreß.
Von Dr. Weilbächer.
Bei der „Hapag". — Auswandorersiirsorge. — Apostel auf Reisen. — Pfingsten und Dreisaltigkett auf hoher See. — Seekrankheit. — Das verhexte Schiss. — Beim Kommodore zu Gast. — Ein Eisberg und ein Walfisch. — Kinderfest und Landungsfieber.
Auf hoher See.
Ich wollte eigentlich „incognito" reisen, Wie es die großen Leute, regierende Fürsten und Staatsmänner machm, wenn sie einmal den steifen Amtskragen ausziehen und einen Blick in die Wirklichkeit tun wollen. Tun sie das nicht, so bekommen sie potemkinsche Dörfer zu sehen, tote weiland Katharina II. von Rußland, einerlei ob sie eine Fürstenkrone tragen oder den demokra- äschen Bleistift des modernen Journalisten führen.
Aber ich hatte meine Rechnung ohne die katholische Abteilung der „Hapag", so heißt die Abkürzung für die Hamburg-Amerika-Linie gemacht. Kaum war ich tndas prächtige Büro am Alsterdamm in Hamburg eingetreten und hatte meinen Ausweis vorgelegt, um den Rest des Fcchrgeldes zu entrichten, als sich mir schon ein Vertreter der Gesellschaft vorstellte und mir mit- teilte, daß et mich zur besondern Begleitung der zwei jugosiawischen Bischöfe ausersehen habe, dte ebenfalls mit der „Hamburg" zum Kongreß in Chtkago sichren. Gleichzeitig drückte er mir zwei Fahrkarten erster Klasse für den Schnellzug in die Hand, der uns am folgenden Morgen von Hamburg nach Cuxhaven zum ^-chtff bringen sollte. Ich wies beinahe entrüstet die Karten zurück: ich habe zweiter Klasse gelöst und mache lerne Ausnahme. Was soll ich gar mit zwei Plätzen, nur genügt einer. Auch habe ich noch allerlei zu besorgen, mein Gepäck ist noch nicht bei der Bahn, ich muß mich der ärztlichen Untersuchung unterziehen und will auch dem Raphaelsverein und seinem Leiter P. Timpe „Guten Tag" sagen, zu dem ich alte Beziehungen habe. Ja, aber in dem Zug zweiter Klass« können wir Ihnen kein besonderes Abteil reservieren, da dieser Zug zu sehr besetzt ist. Drum sollen Sie mit den Herren Bischöfen zusammenfahren. Außerdem geht der Zug erster Klasse erst 81/2 Uhr ab. Sie haben also morgen früh in Hamburg 8/1 Stunde mehr Zeit als der Zug zweiter Klasse. Das Gepäck besorge ich Ihnen, und zur ärztlichen Untersuchung gehen Sie mit den Herren Bischöfem Zunächst sollen Sie aber auch unsere Auswandererfürjorge
Hamburg-DxUel. besichtigen.
Anstalt aus dem Hause, um entgegen aem aus« drücklichen Verbot der Anstaltsleitung in der Fulda zwischen Langenbrücke und Tivoliwefher ein Bad zu nehmen. Hier ist einer der beiden jungen Leute, im Alter von 15 bis 16 Jahren, aus Bonn a. Rh. gebürtig, in eine tiefe Stelle geraten, und nicht wieder an die Oberfläche gekommen. Man vermutet, daß ihn ein Schlaganfall getroffen hat. Die Leiche konnte noch nicht geborgen werden.
— Zur Drucksachenausstellung, die am Sonntag, den 2 7. Juni im Stadtsaal (Roter Saal) stattfindet, wird uns geschrieben: Die Ausstellung wird vormittags 11 Uhr durch einen Festakt im Weißen Saale der Orangerie eröffnet werden, bei welcher Feier auch des 60jährigen Jubiläums des Verbandes der Deutschen Buchdrucker gedacht werden soll. Außer Musik- und Gesangsvorträgen wird Herr Sprathoff -Frankfurt a. M. einen Vortrag halten über Drucksachen-Herstellung und Druck- sachen-Verbrauch. Da Herr Sprathoff mit den Bildungsbestrebungen der Buchdrucker und der modernen Drucktechnik bestens vertraut ist, dürfte dieser Vortrag besonderes Interesse für Drucksachen-Jnteressenten haben. Umrahmt wird der Vortrag von Musikstücken und Gesangsvorträgen des Männer-Quartetts „Guten- berg* (Buchdruckerchor) und des Männer-Quartetts 1912. Die Druckfachenausstellung wird sehr viel wertvolles Material aufweisen. Cs werden 10 bis 12 000 Einzelstücke zur Schau ausliegen, die sich auf folgende 19 Gruppen verteilen: 1. Gefchäftsdruckfachen (Einheimische Arbeiten), 2. Gefchäftsdruckfachen (auswärtige Arbeiten), 3. Buch- druckerfest-Druckfachen ufro., 4 Jllustrationsdrucke, 5. Mehrfarbendrucke (Buchdruck), 6 Mehrfarbendrucke (Offset), 7. Tiefdrücke, 8. Bronzedrucke, 9. Schriftgießerei- Erzeugnisse, 10. Druckmaschinenfabrik-Erzeugnisse, 11. Setzmaschinenfabrik-Erzeugnisse, 12. Farbenfabrik-Erzeugnisse, 13. Plakate in Buchdruck und Offset, 14. Kunstblätter (ein- und mehrfarbig), 15. Entwürfe der Ortsgruppe Fulda des Bildungsverbandes, 16. Spezialitäten, 17. Matern, Stereotypplatten (flach und rund), Holz- schniste, Linoleum und Rembrando, Galvano, Zinkätzungen ufro., eine Zeitungsseite in Satz. 18. Werdegang einer Strichätzung vom Holzschnitt bis zum fertigen Klischee, 19. Dostonpresse in Tätigkeit. Die Ausstellung dürste wegen ihrer Reichhaltigkeit ganz besonderes Interesse verdienen. — Bemerkt sei noch, daß am Abend des 27. Juni das Bezirks-Johannisfest des Bezirks Fulda (V. D. B.) ftattfinbet und zwar nicht rote bie Einlabungen besagen bei Dietrich-Horas, fonbern von 6 Uhr ab im großen Stabtfaal.
— Rückers. Am vergangenen Sonntag beging der hiesige kathol. Arbeiterverein bas silberne Jubiläum seines Bestehens. Der ganze Ort prangte aus diesem Anlaß im Festschmuck. Am Vormittag war feierlicher Festgottesdienst mit Te Deum. In seiner Festpredigt legte der hochro. Herr Vizebezirks- präses, Pfarrer Rübling- Florenberg, dar, daß bie Gottesfurcht unb bas Halten ber Gebote Gottes ben ganzen Menschen ausmachen. Die Kirche hat sich allzeit ber Arbeiter angenommen, um ihre Sage zu verbessern. Um 2 Uhr nachmittags bewegte sich ein Festzug burch bas Dorf unter Anteilnahme ber erschienenen Brubervereine. Auf bem Festplatze begrüßte der Vorsitzende Kreß die erschienenen e23reine und Festgäste, u. a. auch den hochro. Herrn Vizebezirkspräses, den Abg. Schmitt, Landrat Freiherrn von Gagern und die erschienene Geistlichkeit. Der Festredner, Abg. Schmitt-Fulda, beglückwünschte den Jubelverein zu feinem 25jährigen Jubiläum unb wünschte, baß der Verein einst auch in doppelter Stärke und Größe fein goldenes Jubiläum feiern könne. Er ermahnte, allzeit den Grundsätzen der kaihol. Arbeitervereine und den christlichen Gewerkschaften treu zu bleiben und auch mitzuarbeiten am Aufbau unseres Vaterlandes. Seine Rede klang aus in ein Hoch auf Papst Pius XI. und die deutsche Republik. Landrat Freiherr von Gagern entbot dem kathol. Arbeiterverein Rückers zu feinem Jubiläum die herzlichsten Glück- und Segenswünsche und hofft, daß er auch weiter blühe und gedeihe. Sein Hoch galt dem Jubelverein. Herzliche und ermunternde Worte sprach zum Schluß Bezirksvizepräses Nüd- ling und teilte mit, daß noch im Sommer d. Js. eine Diözesankundgebung der kathol. Arbeitervereine der Diözese Fulda ayi Grabe des hl. Bonifatius zu Fulda mit gleichzeitiger Wallfahrt zum Berge U. L. Frau, dem Frauenberge bei Fulda stattfinden werde. Er lud schon heute herzlich alle kathol. Arbeitervereine dazu ein und chloß mit bem Wunsche auf ein Wiedersehen am Grabe des hl. Bonifatius in Fulda. Möge denn unser Verein unter dem Schutze des hl. Joseph auch feinen goldenen Jubeltag feiern können.
— Freiendiez. Die Verwaltung der hiesigen Strafanstalt hatte den Bestrebungen des mo- dernen Strafvollzuges folgend in der Anstalt ein Konzert veranstaltet, das auch der Oeffentlichkeit zugänglich war. Die Hunderte von Gefangenen
Solchen Gründen und Aussichten muß sich auch ein demokratisches Journalistenherz beugen und es erfolgte die Vorstellung: Erzbischof Saric von Sarajewo und Bischof (Saite Banja Lucca. Ersterer ein Hüne von Gestalt, sicher über 1,80 Meter, schlank, blond, konnte ebenso gut als Urgermane gehen, sprach ein ganz vortreffliches Deutsch nur mit fremden Accent. Nur der 'winzige violette Vorstoß am Kragen und der bischöfliche Ring verriet, daß er in der kath. Hierarchie über das allgemeine Niveast hervorragte. Der Bischofs von Banja Lucca trug gar kein äußeres Zeichen seiner Würde. Ein kräftiger schwarz-weiß melierter Schnurrbart, welchen die Geistlichen Bosnien seit der Zeit der türkischen Unterdrückung tragen, gab ihm einen fremden Typus, sonst konnte er glatt als süddeutscher Landpfarrer durchgehen. Er war aus dem Franziskanerorden hervorgegangen und hatte wiederholt die Kneippkur im Jordanbad im schwäbischen Oberland gebraucht.
Nun ging es mit der Elektrischen hinaus nach Vettel, wo wir, offen gestanden, nicht aus der Verwunderung herauskamen. In rund 30 weitläufigen ©ebäubett, alle in schmucken Straßen gelegen, bie von schattigen Räumen umsäumt sind, hat dort die „Hapag" ein Heim für ihre Gäste geschaffen, das einem großartigen modernen Sanatorium oder einer Erholungsstätte gleicht, als einem Notbehelf zur Erfüllung der amerikanischen Einwanderungs-Vorsichtsmaßnahmen. Die Amerikaner schreiben für Russen und einige andere östliche Nationen eine fünftägige Quarantäne vor; die geringste Unreinlichkeit am Körper und besonders am Haar schließt die Einwanderung aus. Dementsprechend werden alle diese Ankömmlinge sofort nach ihrer Registrierung von einer nach allen Erfahrungen des Krieges eingerichteten Ent- lausungs-, Desinfiziemngs- und Badeanstalt aufgenommen. Hieraus erfolgte eine Frisur der Haare, bie besonders bei ben weiblichen Auswandern angenehm in bie Augen fällt. Die wenigsten von ihnen werden jemals so etwas erlebt haben. Die Unterbringung der Auswanderer erfolgt in großen luftigen Räumen, keine Karsernierung, alles nadi Geschlechtern, bezw. Famnien getrennt. Für solche, welche eine besondere Unterbringung verlangen, stehen vier Hotels zur Verfügung. Ebenso ist es mit dem Tisch: für alle vernünftigen Ansprüche ist gesorgt. Für die Israeliten ist eme eigene Küche nebst Speisesaal mit entsprechender ritueller Kontrolle und Bedienung eingerichtet. Für die religiösen Bedürfnisse besteht eine katholische Kapelle, eine protestantische Kirche, unb ein israelitischer Betsaal - nirgends simultane Mischung.
Für Unterhaltung ist außer Spaziergängen und Spielen durch ein eigenes Kino gesorgt, für die Erledigung der Geldgeschäfte durch die nötigen Bankemrichtungen. Kurz und gut, die Auswanderer finden alles, was für
tauschten den Darbietungen — Vokal- und Instrumentalmusik — und waren tief ergriffen. Unter den Mitwirkenden befanden sich neben Kräften des Frankfurter Opernhauses auch zahlreiche Gefangene. Die Stunde wurde für die Teilnehmer zu einem Erlebnis. Der finanzielle Ertrag kommt den An- talisinsaflen zu gute.
— Butzbach. Im benachbarten Oberhörgern 'türzte der dreiundfünszigjäbrige Gastwirt Diehl beim Futterbolen von der Scheune ab und starb kurz darauf an den Verletzungen, die et beim Sturz davongetragen hatte.
= Hanau. Einen tödlichen Unglücksfall erlitt ein hiesiger Spediteur am Samstag in Büdingen. Er fuhr mit feinem Lastauto einen Berg hinauf und wollte, um den Wagen zu bremsen, einen Stein unter die Räder legen. Dabei kam der Wagen ins Rutschen unb überfuhr ihn so uuolücklich, daß er chwerverletzt in das Hanauer Landkrankenbaus ge- iracht werden mußte, wo er bald darauf feinen chweren inneren Verletzungen erlag.
= Wiesbaden. Von hiesigen Zollbeamten wurden kürzlich 37 echte P etser teppich e beschlagnahmt, die aus Belgien in das besetzte Gebiet eingeschmuggelt worden waren und dort veräußert werden sollten. Diese Teppiche sind nun hier auf Anordnung des Hauptzollamtes öffentlich »ersteigert worden und zwar unter für die Käufer außerordentlich günstigen Umständen. Auch in Mainz sind einewett 31 Teppiche beschlagnahmt worden, die demnächst ebenfalls zur Auktion gelangen werden. Der gesamte Wert der Teppiche dürste sich auf run» 60 000 Mark belaufen.
Heues aus Frankfurt
— Eine Warenschwindlerin. Die 43jährige Weiß- Näherin Antonie Leppig hat hier und auswärts Wäschegeschäfte hereingelegt. Sie erschien dort unter ber Angabe, eine Fabrik zu betreiben und fünfzig Arbeiterinnen zu beschäftigen; in einem Falle war ihr Unternehmen noch großer und die boppelte Arbeiterinnenzahl war darin tätig. Unter Einbeziehung anderer Strafen verurteilte da« Große Schöffengericht die „Fabrikantin" wegen Rückfallbetruges unb Unterschlagung zu anbert- halb Jahren Gefängnis.
Blutiges Zamiliendraina.
= Eschwege, 23. Juni. (Tel.) Eine blutige Familientragödie ereignete sich hier . heute vormittag zwischen 11 und 12 Uhr. Der in den dreißiger Jahren stehende Kaufmann Seitz hatte durch 'einen Lebenswandel seine von hier gebürtige gleichalterige Ehefrau so weit gebracht, daß fie mit ihrem echsjährigen Kinde vor einiger Zeit zu Verwandten nach Nordhausen ging. Gestern reifte Seitz ihr nach und es gelang ihm dort, das Kind auf dem Weg zur Schule an sich zu locken und mit nach hier zu bringen. Die Mutter kam heute vormittag von Nordhauseu hierher, um das Kind wiederzuholen und suchte gemeinsam mit ihren Eltern die Wohnung ihres Mmmes auf. Es kam hier zu hestiaen Auseinandersetzungen, in deren Verlauf Seitz plötzlich einen bis dahin verborgenen Revolver hervorzog und seine Frau vor den Augen ihres Vaters erschoß. Dann richtete er die Masse gegen sich und machte auch seinem Leben durch einen Schuß ein Ende.
Sentrumsfrafttion des Reichstages.
Wahl des Vorsitzenden erst im Herbst.
Die Zentrumsfraktion des Reichstages hat sich am Dienstag mit ber Frage der Wahl des Vorsitzenden beschäftigt. Der vorbereitende Ausschuß ist gemeinsam mit dem Vorstand nach eingehenden Besprechungen zu dem Ergebnis gekommen, die Wahl des Vorsitzenden bis zum Herbst zurückzustellen. Die beiden stellvertretenden Vorsitzenden, v. Guörard und Stegerwald, werden bis zu diesem Termin die Leitung der Fraktion in engster Fühlungnahme mit dem Vorstand und der Fraktion in der Hand behalten. Dieser Vorschlag, der heute der Fraktion unterbreitet worden ist, wurde einstimmig gebilligt.
* Lübecks neuer Bürgermeister. In der Sitzung des Lübecker Senats wurde der Senator Loe» toigt (Soz.) zum Vorsitzenden des Senats und zum Nachfolger des zurückgetretenen Bürgermeisters Dr. Neumann gewählt. Zum stellvertretenden Vorsitzenden wurde, da von bürgerlicher Seite auf einen zweiten Posten verzichtet wurde, Senator Hoff (Soz.) gewählt.
ihre besondern Bedürfnffse und ihre persönliche und wirtschaftliche Sicherheit und Beratung nötig ist, hier beisammen, bis sie schließlich im Extra-Zug der Hapag und sicher zu ihrem Schiff geleitet werden. Welch ein Fortschritt gegenüber den Zuständen vor 20 Jahren, wo noch tausend Klippen zu umschiffen waren, oder gar vor 50—66 Jahren, wo die Ausraubung und Ausbeutung ber Heimatlosen vielfach mit allem Raffinement organisiert war, abgesehen von den Zuständen vor den 60 er Jahren, die noch direkt an Sklavenhandel erinnerten. Unsere Bischöfe hatten eine besondere Freude, als sie in den verschiedenartigen Aufschriften auch ihre kroatische Mundart vertreten fanden und in der Unterhaltung mit einigen Landsleuten und mit dem Dolmetscher feststellen konnten, daß auch die Praxis den theoretischen Vorschriften enffprach.
Nach Besichtigung der ganzen Anlage blieben wir zum gemeinschaftlichen Frühstück, an welchem auch ein amerikanischer Arzt teilnahm. Dann fuhren totr nach Hamburg zurück und statteten noch dem Raphaelsverein in seinem Heim, Besenbinderhof 28 einen Besuch ab, ebenso seinem gegenüberliegenden neuen Hause, d. h. einem erheblich umgebauten und durch zwei Stockwerke erweiterten Bürgerhause, in welchem dieser so trefflich wirkende Verein in Zukunft bis 80 Personen Aufenthalt bieten kann. Was der Raphaelsverein in Wirklichkeit lefftet, das erfuhren wir erst recht, als wir über dem großen Wasser ankamen und wo seiner noch besonders gedacht werden muß.
Apostel ans Reisen.
Andern Tags, Freitag vor Pfingsten, saßen wir pünktlich in unserm I. Kl.-Zug nach Cuxhaven, und ein Durchgang durch alle Wagen bis zu einem besonders luxuriös ausgestatteten Salonwagen zeigte, was da alles mitfuhr: internationale Gesichter, internationales Kapital, wenig oder nichts von Sympathie. Später hörten wir, daß sich in unserer 1. Kl. auch eine ganze Reihe Freimaurer befand, die zu einem großen Freimaurer-Kongreß gelegentlich der Ausstellung in Philadelphia fuhren. Die Absonderung von der großen Menge, welche die Hapag für uns drei vorgesehen hatte, machte sich nicht unangenehm geltend. Wir konnten ungestört plaudern über dies und das, was sonst unerörtert geblieben wäre.
Wir waren schon längere Zeit gefahren, als der Erzbischof die Frage aufwarf, ob es wohl möglich wäre, am Pfingstfeste eine hl. Messe zu haben. Ich erzählte ihm, daß wir ja auf dem neuen Schiff der „Hamburg" führen, auf welchem der Bischof von Osnabrück vor 4 Wochen einen feststehenden Altar eingeweiht habe. Auch habe ich von Pater Dr. Timpe, dem Leiter des Raphael-Vereins in Hamburg, den Namen einer mit-
DasNeueste.
Amerikanische weltrekordreisende.
wtb Berlin, 23. Juni. (Gig. Funkm.). Die amerikanischen Weltrekordreisenden W e l l s und Evans, sind heute morgen 7 Uhr in Königsberg mit dem planmäßigen Nachtflugzeug der Lufthansa pünktlich eingetroffen. Nachdem die Reisenden mit der „Aquitania" gestern früh nach Ueber« querung des atlantischen Ozeans um 7 Uhr Cherbourg angelaufen haften, fuhren sie von Cherbourg nach Paris im Auto, von Paris nach Köln mit einem französischen, von Köln nach Magdeburg mit einem Lufthansa-Sonderflugzeug. In Magdeburg wurde für die Strecke nach Berlin wieder ein Auto eingesetzt, das um 1.40 Uhr nachts in Berlin eintraf. Um 2.35 startete die Maschine zum Flug nach Königsberg. In Moskau steht durch Vermittlung der Deruluft ein Sonderflugzeug der russischen Gesellschaft Aviachien bereit, das noch heute nacht starten wird, um den bereits gestern abend, als sich die Reisenden noch zwischen Kaffe! und Magdeburg befanden, in Moskau abgegangenen Sibirien-Expreß nach etwa 2500 Kilometern in Omsk emzuholen. Auf europäischen Boden sind demnach alle Maßnahmen getroffen, um den geplanten Rekord, den Erdball in 30 Tagen zu umkreisen, durchzuführen.
Lin neuer Lustmord.
wtb. Neu-Sackisch (Krs. Glatz), 23. Juni. (Eig. Funkm.) Ein entsetzlicher Lustmord wurde am gestrigen Dienstag in Neu-Sackisch begangen. Ein 17jähriger junger Mensch und ein 13jähriges Mädchen sind die Opfer. Sie wurden am Abend, das Mädchen mit durchschnittener Kehle im Keller und der Bruder mit eingeschlagenem Schädel auf dem Boden, letzterer noch lebend, aufgefunden. Die urchtbare Tat muß zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags erfolgt sein. Der Vater, ein Lokomotivheizer namens Gebauer, war im Dienst. Die Mutter war nach Glatz gefahren und kehrte erst abends wieder heim. Der Mörder durchschnitt auch zwei Ziegen in demselben Grundstück die Kehlen. Die Mutter ber Kinder fand abends zunächst die toten Ziegen vor und suchte dann das Haus nach den Kindern ab. ______
Laillaux französischer Finanzminister
wtb Paris, 23. Juni. (Eig. Funkm.). Auf Ersuchen Brianbs hat Caillaux bas Finanzministerium offiziell übernommen. Brianb erklärte ben Pressevertretern, er gedenke bas Kabinett bis heute abenb endgültig zustandezu bringen.
Die slutonomiebewegung im Llsah.
Französisches Vorgehen gegen die Unterzeichner des
Manifestes.
Wie der „Temps" aus Mühlhausen meldet, hat der Präfekt des Departements Oberelsaß ben Bürgermeister von Villeneuf, De i t m a nn, und den Adjutanten von Ingersheim, K n i 11 e l, die sich unter den Unterzeichnern des Manifestes des Heimatbundes befinden, ihres Ametes enthoben. Ein weiterer Unterzeichner des Manifestes, der Feuerwehrhauptmann Illfurth, ist auf Antrag des Präfekten auf sechs Monate seines Amtes enthoben worden. — Wie Havas aus Metz berichtet, hat der Präfekt des Mofeldepardements gegen drei Bürgermeister, die das Manifest des Heimatbundes unterzeichnet haben, Dienstenthebung auf die Dauer eines Monats verfügt.
wtb Paris, 23. Juni. (Eig. Funkm.). Wie dem „Echo de Paris" aus Metz gemeldet wird, sind die Metzer Eisenbahner, die das Manifest des Elsässischen Heimatbundes unterzeichnet haben, für den 30. Juni vor einen Untersuchungsausschuß geladen worden.
* Beim Nestansheben tödlich verunglückt. Der zwölfjährige Sohn einer Faniilie in Ka mp-Lin tion erkletterte einen Mast der Starkstromleitung, um ein Vogelnest auszunehmen. Der Junge kam mit dem Starkstrom in Berührung und fiel tot zur Erde. Ein anderer Knabe, der ebenfalls den Mast bis zur Hälfte erklettert hatte, kam ohne Verletzungen davon.
fahrenden Familie angegeben bekommen, deren 8jäh- riger Junge ein gewandter Meßdiener sei, und außerdem habe ich mir von Pater Timpe ein altes Soldatenbüchlein aus bem Krieg geben lassen, aus dem ich meine etwas eingerofteten Meßdienerlenntnisse auffrischen unb so ebenfalls zur Verfügung stehen könne.
Die beiden Bischöfe waren hochersteut. Sie hatten gedacht, wenn einer dem andern zur Not aushelfen könne: „So aber werden wir jeden Tag die hl. Messe lesen können."
Um 11.30 Uhr lichtete unsere „Hamburg" in Cuxhaven die Anker — bei prächtigem Sonnenschein und klingendem Spiel — Tausende am Ufer winkten Abschied und Hunderte auf dem Schiff erwiderten den Gruß: Wie viele davon aus immer — Wie viele am Grabe ihrer Hoffnungen! —
Wenige -Stunden später, als sonst noch ziemliche Kälte zwischen bett Reisenden herrschte, kam der Erzbischof schon fteudestrahlend auf mich zu und berichtete, daß er die Familie mit bem Meßdiener schon ausfindig gemacht habe: einen braven Württemberger Bierbrauer in älteren Jahren mit feiner Frau, der sich bei seinen älteren, in Amerika weilenbett Kindern zur Ruhe fetzen wollte. Nun handelte es sich noch darum, den geeigneten Raum für die Messe ausfindig zu machen, und ich sollte mitgehen und auch mein Urteil abgeben. Der feste Altar befand sich in dem Damensalon der 3. Klasse ganz vorn im Vorderteil des Schiffes, wo sich die Bewegung des Schiffes mehr bemerkbar machte ckls hinten, wo die 2. Klasse untergebracht war. Auch wies die 2. Klasse mit 450 Passagieren rund 100 mehr auf als dir 3. Klasse. Das bestimmte den Erzbischof, ben Damensalon auszuwählen und so hatten Wir denn gleich am folgenden Tage zwei hl. Messen und einige Laien- fomntunionen. Am folgenden Tag, Pfingstsonntag, wurden sogar drei hl. Messen gelesen um 6.30, 7 unb 9 Uhr, da in Boulogne noch ein ungarischer Monsignore hinzugekommen war. Er fuhr schon zum 6. oder 7. Mal über das große Wasser und hatte die entsprechende Erfahrung. Er holte aus bem Messekoffer ein Büchlein mit bet Epistel und dem Evangelium hervor unb verlas biefe in deutscher Sprache. Der Erzbischof ließ sich das nicht entgehen. In vielen Augen aber glänzten Tränen, als das Sptachentounder des Pfingsttages unter so ergreifenden Umstanden verkündet, um nicht zu sagen, erneuert wurde. Das Gebet nach der hl. Messe wurde gewöhnlich so verrichtet, daß die Ave lateinisch, die fol- genden Gebete kroatisch unb die Schlußanrufung des hl. Herzens in deutscher Sprache verrichtet wurden: alle Zungen loben ben Herrn!
Mit dem Gesang aber erlebten wir eine Niederlage. . Der Ungar machte den Vorschlag, in der letzten Messe