Kopfschmerz . Migräne . Neuralgie Zahnschmerz
Fuldaer Zeitung
Der Volksentscheid ist ins Stadium der Demo- 3 nicht heute sogar eine Musikarademie? Wem, mar.
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gogie getreten. Das heißt auf Deutsch: Es brüllen die Leidenschaften und es schweigt die Vernunft. So weit sind die Dinye gekommen, daß man ganz vergessen hat, worum es sich hier eigentlich handelt. Wie könnte man sonst eine Frage, die der Sphäre des R e ch t es angehört, in den überhitzten Kessel der Politik werfen. Lassen wir es vorläufig auf sich beruhen. Wenn einmal das Durcheinander so groß geworden ist, daß der Vorwärts Päpstliche Enzykliken interpretiert und den Papst gegen die Bischöfe aufmarschieren läßt, und wenn andererseits Monarchisten, die die Entscheidung für und gegen bas Fürstenvermögen zu einer Entscheidung für und gegen die Monarchie gemacht haben, rund geben und predigen, man müsse das Recht über alles setzen, und wenn die Agitation schon bis an die Weihwasserkessel der Kirchen dringt, dann hat man ein Bild, das den letzten Stunden gleicht, die dem Ausgang einer blutigen Schlacht vorausgehen. Es hat sich alles so ineinander verbisien, wütet, rennt, schreit und schief, daß wirklich der Augenblick nicht mehr geeignet erscheint, von Pazifismus zu reden. So mag sich denn das Schicksal erfüllen, ob man nun Ja sagt oder Nein, die Lage wird eine gänzliche verworrene werden. Eine Prophezeiung zu tun in
diesem Falle, davor werde ich mich aber zu hüten wissen. Eine Erfahrung aus der allerletzten Zeit hat mich hier gewarnt.
Es ist der großen Oeffentlichkeit fast entgangen, was sich in dem nnmderschönen Ländchen Schaum- burgiiLippe jüngst ereignet hat. Man hat nämlich dort einen Volksentscheid veranstaltet über die Frage des Anschlusses an Preußen. Da es nicht eine Liebesheirat werden sollte, sondern mehr eine geschäftliche, indem nämlich das kleine Land sich den Luxus einer eigenen Staatsverwaltung kaum mehr leisten konnte, so hätte man eigentlich sagen sollen, das Ergebnis wäre zu berechnen gewesen. Weit gefehlt. Es zeigte sich, daß doch in der Welt des Rechnens von heute noch eins ganze Reihe von Imponderabilien des Gemütes weiter leben. Die Bauern von Schaumburg-Lippe, wohl behagt mit dicken Sachfenschädeln, wollten eben Schaumburg- Lipper bleiben. Man konnte in diesem Lande, das übrigens nicht verwechselt werden darf mit Lippe- Detmold, dem das wunderbare Lied von dem einen Soldaten gilt, beobachten, wie leicht sich in unseren Zeiten nationalistische Bewegungen machen lassen, chatte man nicht großarttge Schcmm- burg-Lippische Erinnerungen? War nicht jener Graf Wilhelm, der die Veste im Steinhuder Meer angelegt hat, ein militärisches und strategisches Genie? Und jener Fürst, der 1866, statt sich den Preußen zu widersetzen, sie einfach durchziehen ließ und ihnen damit jeden Vorwand nahm, Fürst und Land für sich zu vereinnahmen, wie mit dem großen channover geschah, ein wirklich diplomatisck>er Kopf? Außerdem, hat man nicht bei Stadthagen eine eigene Industrie mit Gruben und sozialer Frage? Gibt es zudem nicht landschaftliche Schönheiten? Fließt auch die Weser um das Land herum, so ist sie doch mit ihrem lieblichen Tal in der Nähe, und wer hätte noch nicht gehört von dem berühmten Schwefelbad Eilsen und den Schlössern des reichen Fürsten? Sogar Literatur und Kunst blühen dort. Oder hat Herder nicht dort gelebt, und hat Heine nicht gesagt, er habe beim Durch schreiten des Landes das ganze Fürstentum an der Fußsohle sitzen gehabt, und gibt es nicht dort ein gotisches Haus hinter dunklen Bäumen, wo einst Lulu von Strauß und Torney am Fenster saß? Steht nicht in den Kunstgeschichten verzeichnet die einzigartige Fassade der Kirche? Und man hat
ein Beamter, der auch Vorsitzender des Gerichts rft Das königliche Gericht tritt neben das Voltsgericht, Kapitalverbrechen werden nur dort abgeurteilt. Die Zahl der Dinge wird immer mehr eingeschränkt. Das Volk tritt zurück, Fürsten und Könige kämpfen um tee Macht, sie allein entscheiden in Fragen des öffentlichen und privaten Lebens. Land und Leute werden Privatbesitz des Herrn. Im Laufe des Mittelalters erweitert sich der Kre's derjenigen, die Einfluß auf Land und Geschick gewinnen wollen, zunächst der niedere Adel, später der Kaufmann fordernd und gebietend auf. Sie sind die letzten Glieder des Ständestaates, der durch den Pol'zei- staat, in dem nur der Fürst oberster Träger der
JV» HO.
Sonntag, 20. Junr 1926,
Staat und Volk.
VersassungSgeschichtliche Entwicklungslinien von Volk zu Volk.
Don Ernst Grau, Berncostel.
Die Weimarer Verfassung vom Jahre 1919 hat bat- deutsche Volk als Träger der Staatsgwelt des Reiches erkannt. Das Volk kann feine Rechte entweder selbst (durch Volksentscheid, durch Wahlen) D'bei durch seine Organe (Reichstag, Reichspräsident, Rei Hsregierung) ausüben. Die oberste Gesetz- gebungsgewalt liegt beim Reichstag, dem nur der Vo! ksentscheid übergeordnet ist.
In den letzten Wochen hat die Einrichtung, die dic Verfassung vorsieht, um den allgemeinen Willen des Gesamtvolkes zu erkunden, der Volksentscheid, im Mittelpunkt parlamentarischer und allgemeiner Erörterungen gestanden. Die Frage des Volksent- scheids, der nur als letztes Mittel für die Lösung schwieriger Probleme gedacht war, ist akut geworden: den Einsichtigen ist es klar, daß nicht allzuhäufig von dieser demokratischen Einrichtung der deutschen Republik Gebrauch gemacht werden darf, dafür liegen im modernen Staat die Verhältnisse zu schwierig.
Man muß weit zurückgehen in der Entwicklungsgeschichte des demokratischen Gedankens, um eine solch freiheitliche Verfassung zu finden wie sie das deutsche Volk heute besitz. Noch jetzt gilt die Demo, kratte Athens, unter der der Stadtstaat an dem Ge. stade der Aegäis sich zur höchsten Blüte entfaltete, in ihren Einrichtungen als vorbildlich, insofern sie jedem Bürger ermöglichte, an den großen Dersamm- fangen und Verhandlungen, in denen über Bündnisverträge und Gesetzgebung, Freiheit und Vermögen, über Krieg und Frieden entschieden wurde, mitzuraten und mitzutaten. Jeder Teilnehmer erhielt vom Staate eine Summe, die für den Unterhalt der Familie ausreichte, so daß selbst dem Aerm- sten die Teilnahme möglich war. Infolge der räumlichen Beschränkung des Stadtstaates finden wir dort eigentliche Volksversammlungen, die den Athener zu staatlichem Denken und in hohem Maße zum Der- antwortungsbewußtsein gegenüber dem Gemeinwesen erzogen. Das Volk entschied selbst durch Handaufheben oder, in persönlichen Angelegenheiten, durch Stimmtafeln.
Wesenttich anders lagen die Derhältnisie m dem Staate, der die Herrschaft über das Mittetmeer und die angrenzenden Gebiete in zähem Kampfe errang — im Römerreich Auch hier finden wir die Republik als Staatsform, und ängstlich wackste men darüber, daß ihre Einrichtungen erhallen blieben, wenn auch ihr Inhalt ein anderer geworden war. Der grundlegende Unterschied zwischen Achen und Rom besteht zunächst darin, daß in der römischen Republik die Gewalt geteilt ist zwischen Senat und Volk. Die größere Macht log beim Senate, einer Körperschaft, die sich meist aus frü- heren Beamten zusammensetzte. Er leitete die Auswärtigen Angelegenheiten, für die er fast ausschließlich bestimmend war, während das Volk vor allem in Rechtsprechung und Gesetzgebung befragt wurde. Die Entwicklung führte dahin, daß hervorragende Männer die Gewalt des Senats brarfjen und die Herrschaft des einzelnen, die Monarchie, errichteten. Wenn auch das römische Kaisertum streng die Formen der Republik zu wahren suchte, so ist defacto von einer Beteiligung des Volkes an der Regierung nicht mehr die Rede. Zur Zeit Diokletians wurden die Verfassungsänderungen, die während der vergangenen Jahrhunderte Schritt für Schritt eingetreten waren, in dem System der absoluten Monarchie mit ihrer fast göttlichen Verehrung des Herrschers verankert. Sklavische Unterwürfigkeit unter den Willen des Monarchen wurde oberstes Gesetz. Und diese Verfassung hat sich im Osten des Römerreiches noch bis in unsere Zeit erhalten. In der Türkei ist sie erst 1908 aufgehoben worden.
Im Westen des römischen Reiches mar die Entwicklung eine andere. Hier fluteten die jugendlichen Germanenstämme in das Land, und diese lehnten in ihrer demokratischen Grundrichtung die absolute Monarchie ab. Das Volk als solches gibt sich die Gesetze. Die oberste Einheit ist die Völkerschaft, die in Gaue geteilt ist. Auch hier treten wie in Achen die Freien in der Volksversammlung im Ding, zusammen. In der Gauversammluna findet und weist man das Recht; wenn über die schwerwiegenden Fragen des Krieges ober Friedens beschlossen werden mußte, eilen aus den Gauen die Männer zum Volksding.
Eine tiefgreifende Aenderung in der Verfasiung vollzieht sich zur Merowingerzeit, insofern jetzt das Köniatum seine Rechte wesenttich erweitert. An die Spitze der Verwaltungsbezirke tritt der Gras,
2. Blatt.
Druck 6er Fuldaer AcNendruckerel, Fulda.
leben als deutscher Bundesstaat. .
Nachdem mm mein Gemüt durch die heffmmge Betrachtung still und fromm geworden, will ich noch erzählen von einer guten Tat, die eben ju verbringen ich mich anschicke. Endlich nämlich habe ich unserem Hausmeister gesagt, es könne nut Der alten Uhr nicht mehr so weiter gehen. Man denke sich nur eine schöne, alte Uhr, die vielleicht schon Jahrhunderte ihre Pflicht getan hat. Smmer hat sie tick-tack gesagt und niemals die Ruhe verloren, was immer aud> geschehen mochte. 3d, hebe sehr die alten Uhren, weil sie mich die persomfizlerte Zeit sind. Und diese Zeit, das ist doch der große Mantel, der alles Menschliche umschließt, oder auch der große Rhytmus, der alle unsere Bewegungen ordnet. Sie teilt die Weltgeschichte in Jahrhunderte und Jahrtausende und vergißt doch wieder mcht, mit dem kleinen Zeiger von Sekunde zu Sekunde zu gehen. Sie ist zwar immer Gegenwart, steht aber doch jeden Augenblick in Verbindung mit dem, was war und mit dem was fein wird. Darum hat sie trotz ihrer Eile etwas Beruhigendes. Sie schlägt, wie sie mmer geschlagen, und deutet damit an, daß es auf Erden sein wird wie es immer gewesen. Sie geht zwar stets voran und ist also für das Neue. Aber sie hat den allzueiligen großen Zeiger den kleineren beigesellt und ist sozusagen in jeder Uhr das Vorbild eines politischen Systems, in dem Kräfte fein müssen, die der schnellen Minute gehören, aber auch solche, die mehr auf den Schlag der ernsten, langsamen Stunde warten. Niemals ist eine Uhr revolutionär, denn sie kann nicht die Ordnung vergessen urtb die ruhige Sicherheit. Auch ist sie niemals unfromm und erinnert mit jebem Stunbenschlag an die Ewigkett. Also habe ich gesagt, lieber Hausmeister, Sie sind wirklich ein grau« ferner Mensch Wenn die alte Uhr nun müde geworden, so dürften Sie sie doch nicht einfach hn Winkel verrosten lassen, nein, wir wollen uns zusammentun und sie pflegen. Wenn wir sie hübsch gerade stellen, dann tut sie es noch. Wissen Sie denn n'cht aus Erfahrung, daß alte Leute, die man gut behandelt, em Segen sind für das Haus? Da hat er gelächelt über sein ganzes Hausmeistergesicht, aus 'dem alle Mietgesetze einen Rest von Güte doch nicht haben vertreiben können. Und morgen und übermorgen gehen wir ans Werk und helfen der guten alten Uhr. Und das muß ich bekennen, auf dies Ergebnis bin ich mehr gespannt als auf den ganzen Volksentscheid.
Der Mann im Monde.
Staatsgewalt war, abgelöst wurde. König und Staat sind eins.
Von Frankreich aus, wo Ludwig XIV. diesen unterfränkischen Absolitismus durchführte, kam dieser auch nach Deutschland. Ludwig XIV. hob die Mitwirkung der Gerichtshöfe und der Stände auf. Man erzählt, daß er eines Tages mit Reitgerte und in JaMtiefeln unter den Parlamentsmitgliedern erschienen ist und sie auseinandergetrieben habe. Ungeheuere Ausgaben verschlang die Hofhaltung, die Etikette überwucherte jede Natürlichkeit.
Erst im 18. Jahrhundert zeigen sich auf dem Kontinent die ersten Spuren von neuen staatlichen Lebens. Don England, das während des ganzen
stelle sich b:e Sache nicht zu gering vor, wobei man garnicht erinnert ist an die international beruhm e Bauerntracht jener Gegend, die leider mehr ^unD mehr allerlei neuzeitlicher Manufaktur weicht, smo es auch nur 40 000 Menschen, geschart um em Amts- aericht, o sind sie doch alle abends elektrisch beleuchtet, trinken Wasser aus Wasserleitungen, haben einen eigenen Draht nach Berlin und lassen etliche D-Züge halten. Sind auch fast sämtliche Hofliefe- rantenschÄber verblaßt und kommt auch Ka'str Wilhelm nicht mehr, um im Schaumburger Wald ein narr hundert Hirsche zu schießen, und ist von bm 7 Jägern nur ein kleiner Rest geblieben, man ist doch noch Residenz, man ist souverän, man sitzt im Staatsrat, man hat mehr Titel und Aemter als Burger und Bauern. Nein, Schaumburg-Lippe soll leben, und es hat sicher mancher Bauernhaupt- ling gesprochen: Fest und treu ... Urtb <m b»c vielen Menschen, die im großen Preußen oen ®c» haltsaufbesserer sahen unb sich vom Volksentscheid goldene Berge versprachen, haben sich eben verrechnet und werden mit geringeren Gehältern roetter»
Mittelalters freiheitlichere Einrichtungen hatte, gu^ von John Locke die Forderung aus, daß Frechert, Leben und Eigentum des einzelnen von der WUkur des Staates geschützt sein müsse De«nslußt von den Lehren dieses großen Philosophen nnden wcr zum erstenmal im Jahre 1772 in den Nordamen- konischen Kolonien die Rechte der Koiomsten als Menschen, Bürger und Christen schriftlich nieder- aelegt. Im Gründungsjahr der Bereinigten Staaten 1776 wurden diese Grundforderungen m der Verfassung festgelegt, Pressefreiheit, Versammlungsrecht und anderes hinzu gefügt. Dies ist die er te moderne Staatsverfassung. Mt gewaltiger wtotz- kraft drangen die neuen Gedanken nach Frankreich, befruchtet von den Franzosen Montesquieu und Rousseau, die ben Boden für die Umsturzende Aen- berung der französischen Staatsverhältnisse vor- bereiteten. Die französische Verfassung von 1791 enthält eine Erklärung der Menschen und Bürgerrechte und das Verfasiungsgefetz; sie grenzt Volks- und Königsrecht scharf voneinander und ist für Die späteren konstitutionellen Verfassungen m monarchischen Staaten richtunggebend gewesen.
In Deutschland ist erst das 19. Jahrhundert,die Zeit des Erwachens. Zum erstenmal sah das deutsche Volk in der Paulskirche zu Frankfurt ferne Vertreter in eifriger Beratung um eine Vsrfafjimg. Heinrich von Eagern, der Vorsitzende der Nationalversammlung, äußerte sich so: „ffitr trollen eine Verfassung für Deutschland. Der Beruf und die Vollmacht zu dieser Schaffung, sie liegen m der Souveränität der Natron". Dw Berfai- fang von 1848 sah einen Reichstag vor, der in bas Staatenbaus und das Volkshaus zerfiel. Im ersteren wollten die einzelnen Bundesstaaten vertreten ein, während bas Volkshaus aus Abgeordneten bestehen sollte, die nach allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht gewählt werden sollten. Dre von starkem Wollen und bester Absicht getragene Nationalversammlung, die eine freiheitliche Verfassung erstrebte, mußte scheitern, da ihr die Macht fehlte und äußere Wirren verhängnisvoll ihre Beratungen besinflußten. Für lange Zeit schien eme Verwirklichung der Träume nach Einigkeit und Recht u..d Freiheit nicht möglich. Der große Historiker Hem- rich von Treitschke hat im Jahre 1863 m einer Rede anläßlich des deutschen Turnfestes in Leipzig dem Sehnen des deutschen Volkes beredten Ausdruck ge- neben: „Eher mögt Ihr dem Winde gebieten, day er aufhöre zu rauschen als unserem Volke, daß es sich wiederum füge unter die Vormundschaft eu.er allwifsenden Staatsgewalt . . . Es kann nicht sein, daß ein großes, reiches, klarblickendes Volk auf. ewig verzichte auf die Leituig des Staates. Jene gewaltige volkstümliche Kraft, die m allen Adern miseres geselligen Lebens pulst und wogt, sie wird auch des deutschen Staates sich noch bemächtigen.
Erst in der Norddeutschen Bundesverfassung bzw. in der Reichsverfassung vorn Jahre 1871 wurden dem Volke wesentliche Rechte eingeraumt durch die Einrichtung des Reichstags, den Bismarck m Anlehnung an das in der Verfassung vom Iah' 148 vorgesehene Volkshaus schuf. Trager der Staats- neroalt war die Gesamtheit der verbündeten Jte- aeirungen. Die Fürsten hatten sich zu einem ewigen Bunde zusammengeschlossen. Hier liegt der große Unterschied zwischen 1871 und 1919. Nach der Weimarer Verfassung ist das Volk Trager -er Staatsgewalt, die Staatsgewalt geht vom -umn. aus (Artikel 1). Eine Regierung fit nur möglich, die dem Gesamtwillen des Volkes, vertreten tn Nm gewählten Abgeordneten, gemäß handelt. Das Par- iamenk kann und muß im allgemeinen imstande sein, auch ohne das letzte Mittel, den Volksenficheid, dem Wollen und Fordern des Volkes Ausdruck zu geben.
Die geschichtliche Entwicklung des deutschen Der- fassungsstaates ist ein wichtiges Stück staatlichen Lebens überhaupt. Einem großen Teil des d„u.- scheu Volkes ist das volle Verständnis für die ®n> riditungen des Staates wie es zum Beispiel m um großen Demokratien des Westens vorhanden ist, noch nicht erschlossen. Verantwortungsbewußfiem gegenüber dem Staat, das heißt dem Ge.amtvo^e, muß in weitesten Kreisen lebendig fein, wenn der neue Staat im Sinne der Freiheit und des Fortschritts wirken und leben soll. ________* *
Rund um die Woche.
Konfufsio» und Volksentscheid. — Päpstliche Enzyklika im Vorwärts. — Ser Volksenticheid von Schaumburg Lippe — Die kranke Uhr und die guten alten Leute.
Bei
itrovanille
O Jn Apotheken
Am den Geben
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Rieth saß am Lager des Sterbenden. Es war ihm geglückt, in einem Hause bei einer freundlichen alten Dame in dem überfüllten Laon noch ein sauberes, sonniges Stübchen zu bekommen, das in der Nähe des großen Lazaretts lag. Dorthin hatte er Steinbach bringen laßen und erwartete nun mit ihm die Ankunft Annas. Er hatte es für richtig gefunden, ihm zu ver- heimlichen, daß sie veriobt seien.
Rieth hatte in der Nacht einige Stunden geschlafen während eine Schwester ihn bei dem Kranken ver- trat Auch der kräftigste Körper versagt zuletzt und fordert gebieterisch sein Recht. Nun war wieder em neuer Tag zu durchleben mit der verzehrenden Sorge, ob Anna noch zur Zeit eintreffen würde Für alle Fälle war er bereit, in der Not ferner Liebe zu Anna zu gestehen und zu sprechen. Darm mußte Steinbach ihm seine Schuld bekennen. Em Gluck, daß er in alles eingeweiht war! Wunderbar hatte das Schicksal gewaltet, das ihm gerade diesen Mann in den Weg geführt. .
Der Kranke wurde mit jeder Stunde des fliehenden Tages unruhiger. Wenn nur Nachricht von Anna gekommen wäre! Gut, daß ihr Haus und Straße, wo Steinbach lag, bekannt gegeben waren. Da ertönte ein Hupensignal, und ein Wagen hielt vor der Tür. Rieth blickte zum Fenster hinaus und sah Anna aussteigen.
Der Jubel, mit dem dem Kranken zurief: „Sie ist da, Herr von Steinbach!" verriet diesem alles. .
„Doktor, so warteten wir beide sehnsüchtig? Nein, sagen Sie nichts, ich weiß Bescheid. Und da Euch beiden noch das ganze Leben gehört, so gönnen Sie Anna mir für die kurze Zeit, die ich noch zu leben habe."
Rieth drückte ihm die Hand, bettete ihn nochmals sorgllch und erhöhte den bleichen Kopf durch ein Kissen, dann verließ er ihn.
Im Flur trat ihm die Geliebte entgegen. Da die Schwester sie führte, so verbot sich jede Zärtlichkeit.
-Er lebt Doktor?"
„Ja, Schwester Anna, aber Vorsicht, seine Stunden sind gezählt", warnte Karl und fügte noch leise hinzu: „Mache es ihm leicht, Anna."
Die Sonne schien in das Zimmer, das die innerlich Bebende jetzt betrat. Ja, das war ein Sterbender; der Ausdruck innerer Qual in den dunklen Augen war unverkennbar.
„Otto, nun bin ich da", sagte sie mit halb wohlklingend weicher Stimme.
„Wie geht es Jutta?" fragte Steinbach keife und streichelte die Hand der Frau, di« an seinem Bett sah.
„Der Zustand bleibt unverändert."
„Und ist keine Hoffnung?"
Anna fühlte, was er zu hören wünschte, und erwiderte: „Wir wollen ihre baldige Erlösung wünschen."
„Anna!"
Der Sterbende legte den Kopf zurück; er schloß die Augen. Dann kam es leise über feine Lippen: „Und meine Knaben?"
„Ich habe Bilder mitgebracht, Okto, hier sind sie. Herzig sind die beiden, sie beten jeden Abend für den kranken Vater."
Heber das bleiche Gesicht Ottos rollten Tränen, er ließ sich die Bilder zeigen und verlor sich im Anblick ihrer Züge.
„Sie gleichen Dir, sie haben alle Merkmale der Steinbachs", sagte Anna.
„Ohrdrufer, wolltest Du sagen."
„Wenn mein Knabe nicht gesunden wird, ist Dein Ulrich Erbe von Steinbach."
„Dein Kind muß gefunden werden, Anna. Rufe den Doktor herein. Ich wünsche einen Zeugen; kein Geeigneter könnte dazu gefunden werden. Er steht Dir nahe?"
„Es ist mein Verlobter", sagte sie nach kurzem Zö- gern.
„Gut, daß ich das erfahre, es stirbt sich leichter damit."
Steinbach lag still und blickt« zum Fenster, durch das die Wintersonne schien. Schwer lag auf ihm das Bewußtsein feiner Schuld.
„Doktor", bat er den Eintretenden, „Sie haben es in der Macht, die Stunde eines armen Schächers ein wenig zu erleichtern." Rieth machte sich an dem Heinen Nebentifch zu schaffen und reichte dem Erschöpften belebende Tropfen.
„Nun wird es gehen", sagte bald darauf der Kranke. „Ich bitte Sie, Doktor, schreiben Sie wörtllch nieder . ."
Mit leiser, oft stockender Stimme schilderte Steinbach die Stunden, die er mit dem Griechen Theomanis verlebt hatte, und schloß mit den Worten: „Nachdem ich mich von ihm bei dem Jagdhaus verabschiedet hatte, sah ich den Mann erst als Toten wieder, den ich sofort an dem Ring und Mantel erkannte."
Erschöpft sank Steinbach in die Kissen; die Lider schlossen sich.. Die beiden, die ihn sorgenvoll beobachteten, warteten, was er noch sagen würde. Zuletzt beugte sich Anna über den bleichen Mann und fragte leise: „Und mein Kind, Otto? Wo hat Theomanis mein Kind gelassen?" , , v,
„Ich weiß es nicht." ' r ik '
„Er gab Dir doch die Papiere, Otto."
„Nur Kopie Deines Briefes und die der Urkunde der Geburt Deines Sohnes von dem deutschen Doktor — der Name ist mir nicht mehr erinnerlich."
„Er tteht vor Ihnen, Herr von Steinbach."
Da öffnete der Sterbende die dunklen Augen nochmals weit und blickte mit Staunen auf Rieth. Dann kam ein Hellsehen über ihn: „Und das haben Sie mir verschwiegen? Auch Ihre Liebe zu Anna? Sie waren in alles eingeweiht? Anna, Du vermutest, daß der Grieche bei mir gewesen war, es wurde Dir zur Gewißheit — ich weiß es — Der Staatsanwalt forschte mich aus. — Warum gingt Ihr nicht weiter? Ihr hieltet mich vielleicht auch für ben Mörder des Griechen wie — Jutta?"
„Otto — ich bitte Dich, Jutta wird doch nicht so Furchtbares von Dir geglaubt haben!"
Rieth machte der Aufgeregten ein Zeichen — die Züge des Sterbenden veränderten sich jäh.
Noch einmal raffte er sich auf und stoßweise tarnen 3 die Worte aus feinem Mund: „Wer dem Toten fein
Geld raubte, hat auch feine Papiere genommen. Der Grieche wollte mir den Aufenthalt des Knaben mittei« kn, aber ich litt es nicht. Ich wollte nicht tmffrn, wo das Kind war und wenn . .
Die Stimme erlosch; Steinbach besaß nicht mehr die Kraft, die Kraft, die furchtbare Selbstanklage auszusprechen. Seine Besinnung schwand, um nicht mehr wiederzukehren. Ein wunderbarer Friede verklärte das Antlitz des Toten, der feine Schuld reumütig bekannt hatte.
Das war eine schwere Fahrt für die Verlobten, als sie die Leiche Ottos mit sich in die Heimat nahmen. Er hatte in einer letztwilligen Verfügung, die sie unter sei- neu Papieren fanden, bestimmt, daß er nicht in der (3ruft auf Steinbach, sondern bei feinen Eltern in Ohr- bruf in der Stille beerdigt werden sollte. Anna von Steinbach war von ihm zum Vormund Juttas und seiner Knaben ernannt „Damit weiß ich sie in Deiner Siebe geborgen, auch wenn Gott es fügen sollte, daß Dein Sohn wiedergefunden würde", hatte er geschrieben.
Als ihre Pflicht getan war und der Tote in seinem stillen Bett lag, fuhren Anna und Rieth nach Steinbach, um Weihnachten zu feiern. Man hatte dem Doktor Urlaub bewilligt. Es wurde ihm schwer, Anna in diesen Tagen nicht für immer an sich zu binden, aber er verstand sie auch hierin und gab ihr nach.
Daß sie in der Weihnacht so viel an andere denken mußten, ließ sie nicht die ganze Schwere dieses Friedensfestes inmitten der Kriegszeit empfinden. Sie vergaßen sich bei der Freude, die sie den Verwundeten bereiteten. Auch die beiden Knaben sollten ihre Festfreude haben, sie waren noch zu klein, um den Tod des Vaters zu verstehen.
Aber auch die anderen auf Steinbach empfanden nicht viel bei dem Heimgang dieses Mannes. „Der Ohrdrufer wird bald vergessen sein", meinte Rieth. Es ist ein Glück, daß die armen Knaben Dich haben. Der Iustizrat sagte mir heute, daß Du auch nach Deiner Verheiratung so lange die Anwartschaft auf alle Deine jetzigen Rechte behieltest, bis Dein Sohn als vor dem Gesetz für verschollen erV.*"* mürbe," (Forts, folgte