M HO.
Donnerstag, 13. Mai 1926.
Himmelfahrt.
„WaS stehet ihr da und schauet den Himmel an.- (@b.)
Soll man den Himmel anschauen? Ja. Soll man n u r den Himmel anschauen? Nein. Soll man die Erde anschauen? Ja. Soll man nur die Erde anf (hauen? Nein.
Man sieht, es sind nicht gerade die Schlechtesten, die Gefahr laufen, sich ins Anschauen des Himmels «i verlieren. „Was schaut ihr den Himmel an?", Mt der Herr ihnen sagen. Will heißen: Mein »Derk ist getan, das eure liegt noch vor euch. Und es will nirgendwo anders getan sein, als — auf der Erde. Der Himmel will nicht angestarrt, fon« dern erobert sein, und ihr könnt eure Sturmleitern «icht in die freie Luft setzen.
Aus der Wurzel, tief unten geborgen in mütier- Kcher Erde, wächst der Daum und reckt seine Krone in den blauen Himmel hinein. Was wäre der Daum ohne Wurzel. W o wäre der Daum ohne sie. Auf dem Theater, ja, da hat man Bäume, die keine Mwzel haben.
Erkenne das Gleichnis. Was wäre die Himmelfahrt Christi ohne Me Erdenarbeit, die er tat, und ohne das Erdenleid, das er litt? Ein Ereignis ohne Sinn, ja, recht besehen ein Filmeffekt, der uns mnerhalb nicht berühren könnte. Da wäre einer hinaufgefahren, der nie richtig bei uns hier unten gewesen wäre. So hat es also ferne tiefe Bedeutung, wenn die Legende erzählt, daß der Herr bet feinem Scheiden zwei Stapfen im Felsen «rückgelassen habe: Sinnbild, Erinnerung und Mahnung ist das.
Wird man später auch sehen können, wo du Zeit deines Lebens gestanden hast? Es wäre also nicht weit gefehlt, wenn man sagte, daß deine Himmelfahrtsgedanken sich stark mit der Erde beschäftigen müßten. Nicht das ist Himmelfahrt, wenn du in selbstvergessener Schwärmerei, einem abgerissenen Blatte gleich, zwischen Erde und Wolken segelst, sondern wenn du mit der Welt um ihre Erlösung ringst, wenn du in ihrem Staube knieend dennoch nicht selber verstaubst, wenn du, ihre Krankheit tragend, dennoch nicht selber erkrankst, und wenn du all ihr Elend und all ihre Därmlichkeit auf dich nimmst, soweit deine Kräfte reichen, ihr darüber weg zu helfen. Alsdann, ja, dann wird es mit hen Stopfen auch für dich etwas auf sich haben.
I o d o k u s.
45 Alillionen-Anleihe der Stadt Berlin. Der Stadt Berlin ist die Aufnahme einer Anleihe im Bs- trage von 45 Mill. RM. auf Feingoldbasis genehmigt worden, von der die Hälfte, also 22% Mill. RM. in diesem Jahre durch Ausgabe von auf den Inhaber lau- tenden Schuldverschreibungen abgegeben werden soll. Die Anleihe ist mit 7 Pro;, verzinslich und in 20 Jahren mit jährlich 2% Proz. zuzüglich der ersparten Zinsen nur durch Auslosung tilgbar. Eine verstärkte Tilgung und Gesamtküadigunq ist bis 1931 ausgeschlossen. Die Anleihe wird durch ein unter Führung der Preußischen Staatsbank und der Deutschen Bank stehenden Bankenkonsortium zum Kurse von 90 Proz. aufgelegt werden. Der Erlös der Anleihe dient zur För- berung des Wohnungsbau- und Siedlungswesens, des Baues von höheren Schulen, Berufs- und Fachschulen, von Kranken- und Badeanstalten, Bürodienstgebäuden und Gebäuden für das FeucrlLsch- und Gesandheits- wesen. ______________
wirtschaftliche Nampfbewegimgen.
----- Arbeitskämpfe in Deutschland. Die jetzt vorliegende AufstAlung der wirtschaftlichen Arbeitskämpfe im Jahre 1924 ergibt die Höhe von 1973, nämlich 1581 Streiks und 392 Aussperrungen. Betroffen wurden 28430 Betriebe mit 1618001 Arbeitnehmer. Don diesen waren 641 075 im Streik und 076 936 ausgesperrt. Während sich diese Ziffern gegen das Jahr 1923 nicht beträchtlich verändert haben, ist die Zahl der verlorenen Arbeitstage von 12 343 830 im Jahre 1923 auf 35 860 581 im Jahre 1924 gestiegen. Davon rührten aus Streiks 13198 470, aus Aussperrungen 22663111 her. Das Gebiet der größten Kämpfe war der Bergbau, das Hütten- und Ealinenwefen mit 13 Millionen verlorenen Arbeitstagen. Es folgt die Ma- fchinenindustrie mit 7,8 Millionen, die Metallverarbeitung mit 4,3 Millionen, das Baugewerbe mit 3,4 Mill., das Holzstoffgewerbe mit 1,6 Millionen und die chemische Industrie mit 13 Millionen. Diese Industrien um- fassen mehr als fünf Sechstel der ausgefallenen Arbeit», tage. Dagegen hatte das zahlenmäßig viel stärkere Handelsgewerbe nur einen Ausfall von 89 223 Tagen. Der Grund liegt darin, daß der Arbeitskampf, vor allem von der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft, weniger von der Angestelltenschaft in Streikform geführt wird.
l^1■ggg?
tim den Erben.
Roman von Julia Jobst.
3] -----------
U „Nur für Euch, wir sind schon lange etmg." .Meinen herzlichen Glückwunsch, Jutta, mochtet Ihr glücklich werden", sprach Anna gemessen und schritt dann Otto von Steinbach entgegen, der eben das Zimmer betrat. , ’ _.
Eifersüchtig beobachtet« Jutta, wie groß der Em- druck voi» Annas Schönheit auf ihren Verlobten war. Verblüfft starrte er auf das blühende junge Weib.
Ich freue mich, Deine 'S raut kennen zu lernen, Ul- rich, und beglückwünsche Dich zu Deiner Wahl.
.Und ich Dich zu der Deinen, Otto."
' Einen Augenblick sahen die Männer einander ernst an. Die Familienähnlichkeit war auffallend. Beide hat- ten sie weiches, braunes Haar, unter der hohen Stirn lagen die dunklen Augen tief unter buschigen Augenbrauen. Aber während sich bei Otto die Lippen zu einem schmalen Streif schlossen, wölbten sich die des schön geformten Mundes bei Ulrich zur reizvollen Rundung.
«Gut siehst Du aus, Ulrich", rief Otto. .Ich erwartete eed) Juttas Worten einen Kranken zu finden."
.Wenn man sich solche Pflegerin erkor", scherzte Ulrich, „wer sollte dann nicht gesunden. Und hat mich erst Aegyptens Sonne wieder beschienen, bin ich wieder der alle."
„Das will ich meinen", rief es von dem Eingang der Halle her, wo der alte fssierr stand, feine Mutter sorglich am Arm führend.
Sie drohte den auf sie zueilenden Paaren und schall: „Kommen die Kinder nicht zu mir, muß ich mich selber bemühen."
«Subern gleich Essenszeit ist", fiel Vater Steinbach ein. Doch vorher, liebe Mama, laß mich Dir schon jetzt das jüngste Brautpaar vorstellen. Morgen an der Festtafel soll die neueste Verlobung in der Familie verkündet werden."
Jutta warf sich in die Arme der gütigen Tante; die tränen, die sie jetzt vergoß, waren echt. Und nie war Mschöner gewesen, als nut diesem feuchten, weichen Stimmer in den großen, dunklen Augen.
Fuldaer Zeitung
Am Altar erwartete das Paar der junge Geistliche. Ein Jugendfreund und Gespiele war er dem starken Ulrich vordem gewesen, der nun vor ihm stand, bereit, sich mit der Geliebten für ewig zu verbinden.
So lag ein besonderer Zauber in den Worten des Geistlichen, die allen zu Herzen gingen. Da traf leise geflüstert Ulrichs Bitte an fein Ohr: „Bitte, fasse Dich kurz, Ernst." Er sah, daß Steinbach sich schwer aufrecht hielt; die Hand Annas, von den Schleierwolken versteckt, griff zu, um den Schwankenden zu stützen. Ge- schickt leitete der Schloßkaplan zur eigentlichen Trau- Handlung über, und zum Befremden der Umstehenden, die die Eile überraschte, empfing kurz darauf das junge Paar das Sakrament.
„Rur fort", raunte Ulrich der bleichen Frau zu, die Qualen der Herzensangst gelitten hatte und, ihn mit ihrer jungen Kraft stützend, rasch zu dem Wagen eille, in dem die alte Frau von Steinbach zurückfahren sollte.
Sanitätsat Hansen kam gerade noch zurecht, den Ohn- mächtigen in feinen Armen aufzufangen; unterstützt vom einem Diener, hob er ihn in den Wagen der jungen Frau. Rasch sprang er nach und rief: „Langsam fahren!" winkte noch beschwichtigend dem Vater und der allen Dame zu, und dann trafen seine klugen Augen auf die beiden Menschenkinder, die droben in der Tür der Kapelle standen. Er bemerkte den fragenden Blick, den Jutta mit Otto von Steinbach tauschte, als ob sie gemeinsam die gleiche Frage an das Schicksal stellten.
Roch immer kein Brief aus Aegypten von den Kin- dern?" rief Steinbach seiner Mutter von weitem zu.
„Das ist kaum möglich", bechwichtigte sie lächelnd. „Da wir erst durch eine Depesche ihrer glücklichen An- tunst gewiß sind, werden wir auf schriftliche Nachrichten warten müssen. Froh und dankbar wollen wir fein, daß Ulrich die lange Reise gut überstanden hat. Der Schrecken es Hochzeitstages liegt mir noch immer in den Gliedern."
. „Gut, daß wir damals gar nicht recht zur Besim nung kamen. Der treue Hansen ordnete alles so besonnen und entschlossen. Ehe die Gäste begriffen hatten, was geschehen war, fuhr unser Paar, von ihm begleitet. nach dem stillen Jagdhaus, wo Frau Martens das Zimmer bei ihrer Ankunft schon bereit hieii.
> (Sortierung foiot)
2. Blatt.
Druck der Fuldaer Ackiendruckerei, Fulda.
„Davon ist auch keine Rede, und ich erzähle Dir bann die schönsten Märchen, di. Dir die Augen zu- fallen."
„Wären mir nur schon dort. Doch jetzt komm hinein, Vater könnte uns vermissen. Auch die langen Stunden werden ja vorübergehen."
Besorgt sah Anna ihn an. „Du wirst so blaß, ist Dir nicht gut? Du hast Dir viel zu viel zugemutet."
Er wehrte voller Ungeduld ihrer Sorge. „Aengstige Dich nicht, ich werde mich schon aufrecht halten, habe keine Sorge, Kind."
Er raffte sich auf und ging an Annas Seite wieder zu den Seinigen.
Da sich aber nach Tisch der Schwächeanfall, der nur von Anna bemerkt wurde, wiederholte, zog sich Ulrich in fein Zimmer zurück. Erst am anderen Tage erschien er wieder, als die Stunde der standesamtlichen Trauung gekommen war. Ihr sollte sofort die kirchliche Feier in der Schloßkapelle folgen.
Anna stand schon im bräutllchen Schmuck bereit, und als Ulrich ihr im Zimmer seines Vaters, wo der gesetzliche Akt stattfand, entgegentrat, schloß er einen Augenblick die Augen vor dem Liebreiz der holdseligen Gestalt, die nun für immer sein eigen wurde.
Die Förmlichkeiten waren rasch erledigt, und das junge Paar trat auf die Schwelle der wettgeöffneten Tür, von der ein paar Stufen zur Halle hinabführten, wo die Gesellschaft versammelt mar, bereit, sich zum Hochzeitszuge zu ordnen. Aller Augen ruhten auf der schönen Braut, die an ihrem Ehrentage den alten Schmuck des Hauses trug.
Zu der Halle schritt man hinaus, die Allee hochragender Linden entlang, deren gelbes Laub sich schon stark gelichtet hatte. So konnten die Sonnenstrahlen dem Hochzeitszuge um jo leuchtender das Geleit geben in das alte Gotteshaus, in besten Krypta die Toten im Wald- frieden ruhten.
Hinter dem jungen Paare schritt Jutta mit Otto von Steinbach, und daß man ihm im engsten Familienkreise begegnete, fiel den meisten der völlig unvorbereiteten Gäste auf. Ein Raunen war von Mund zu Mund gegangen, und man hatte sich die Gründe der Aussöhnung zu ertlären versucht.
Beamtenfragen.
=c «eich,verband der abaebanten Beamten vnd Lehrer . y Man schreibt unS: Der ReichSverband der abge- bauten Beamten und Lebrer e. SB. Sitz Stuttgart hielt feinen diesjährigen ReichSvertretertaa am 3. und 4 Mai in Cassel ab. Hierbei wurde die Verschmelzung des Reich?bundes der abgebauten Beamten und Lehrer Sitz Berlin.Steglitz mit dem Reichsverband der abuebauten Beamten und Lehrer Sitz Stuttgart endgültig vollzogen. Die hiernach borgenommenen Neu- wählen de? erweiterten ReichsverdandeSvorstandcS er- brachten fowenveS Ergebnis: 1. Vorsitzender: Ersen bahn. Oberinspektor Wette, Stuttgart, 2. Vorsitzender: Bank, rat Römert, Berlin-Steglitz, 3. Vorsitzender: Geheimrat Dr jur Koch, Murnau.München, Geschäftsführer und Redakteur der VerbandSzeitung „Der »bebaute« Dr. phü. Hathge, Berlin, Wilhelmstr. 143. Rechner und Kassierer: Obermateriallenvorfteher Wertz, Darmttadt. Schriftführer: Eisenbahningenieur Voßhardt, ©tutt-art. Der ReichSverband hat die Aufgabe, die ideellen und materiellen Interessen seiner Mitglieder mit allen gesetzlich zulässigen Mitteln zu vertreten, msbe, andere verletzte Rechtsansprüche derselben zu verte,digen Er wird grundsätzlich für daS bedrohte Berufsbeamtentum, dessen Integrität und materielle Besserstellun' mit allen Kräften eintreten. Zur Erreichung dieser Ziele wrrd der ReichSverband neben selbständigen Handlungen, soweit tunlich, auch mit anderen Beamten- und PensionS- . verbänden in Verbindung treten. Er ist politisch und religiös neutral.
M ö(5 Sollte A. Lchn 3m Kreuzfeuer der Reichstagsfraktionen.
Regelung dieser Frage zu diesem Zeitpunkt so ab- solut dringlich war. Die Position des Kanzlers ist durch seine Rede auch nicht verbessert worden, und das, was er als Kompromiß bot, kann den bedauerlichen Mangel an politischem Empfinden nicht wieder gut machen.
Nach der Rede des Kanzlers beantragt bei Zentrumsabgeordnete von Guerard Unterbrechung auf eine Stunde. Die Kommunisten rufen: Es lebe der Kuhhandel! worauf von Guerard den Kommunisten zurust: Die Kühe überlassen ton* Ihnen! - -
* Wählbarkeit von Geistlichen in Ausschüsse. Im Preußischen Landtag bat der Zentrumsabgeordnete Schilling folgende Anftage eingebracht: Nach § 5 des Grundsteuergesetzes vom 14. Februar 1923un Verbindung mit den §§ 27 bis 31 und 8 16 der Reichsabgabeordnung vom 13. Dezember 1919 geb ten für die Wählbarkeit zu den Grundsteuerausschüssen die Vorschriften, die nach dem Gerichts- vrrfassungsgesetz für die Wählbarkeit der S ch o f fen gelten. Das Gerichtverfassungsgesetz vom 17. Mai 1898 bestimmt in § 34, daß die Religwnsdrener und nach bet neuen Verfassung Mitglieder solcher Religivnsvereinigunaen, die gemäß ihrer Satzungen zum gemeinsamen Leben verpflichtet sind, n ich t zum Amt eines Schöffen? berufen werden sollen. Diese Soll-Dorschrift wird in der Praxis, üb-rall sng ausgelegt. So ist in einem Falle die Wah. eines Geistlichen 'm den Grundsteuerausschuß nicht bestätigt worden, trotzdem dieser Geistliche vom Kreistage in seiner Eigenschaft als Kreistagsabgeordneter in den Ausschuß gewählt wor- )en war. Diese Verweigerung der Bestätigung unter Berufung auf seine Soll-Vorschrift in dem betreffenden Fülle ist um so seltsamer, al- der be- treffende Geistliche für seine Person als Grundbe- itzer im Kreise ansässig ist. Eine tierartirre Ausschal, jung des ganzen Standes von der Zuaebormkeit zum GruMteuerausschuß auf Grund einer Soll- Doischrrst entsvricht keinesweas den heutigen Am fchammgen. Ist der Herr Finanzminister bereit, den Regierungspräsidenten die Anweisung zu er- tetien, daß sie mit der Anwendung der hier in Frage kommenden Bestimmungen möglichst--weit- herzig verfahren?_____________________
Technik und Verkehr.
- Lakehurst bleibt Flughafen. In dem amerikanischen Parlamentsausschuß wurde über den TOarincetat eine Einigung erzielt, wonach der Marineflughafen Lakehurst bestehen bleibt.
--- ein RiefenberoäffcrungsprofeH in Mexiko. Die mexikanische Regierung arbeitet zurzeit ein Proiekt zu einem Riesenbewässerungswerk aus. Eme große An- zahl von ©taubämmen und -decken soll gebaut werden, die zur Gewinnung elektrischer Kraft und zur Bewässerung großer Striche von Wüstenländerelen dienen werden. Diese so urbau gemachten Gebiete sollen dann vorzugsweise an die in den Vereinigten Staaten lebenden Mexikaner verkauft werden, um diese so in die Heimat zurückzubringen. Außerdem soll durch die Beschäftigung von 30—40 000 Arbeitern die Arbettslosig- kett behoben werden.
H sagt Dreitscheid zum Kanzler: Sie sind in der Politik das, was
ein gewisser Generalanzeigertyp in der Journalistik ist. Am Kopf steht ^parteiisch". In den Spalten eines solchen Blattes werde dann regelmäßig deutschnationale Politik gemacht. (Große Heiterkeit.)
Unter großer Spannung im ganzen Hause nimmt dann
Luther
das Wort, mit scharfen Zurufen von der Linken: „Schrittmacher der Reaktion", „Eeneralanze,gertyp usw. empfangen. Der Kanzler erklärt zu allererst, die gesamte Verantwortung für die Maßnahme des Reichspräsidenten zu übernehmen. Er bemüht sich dann, Wetter ruhig und sachlich zu sprechen und er hat zunächst eine ganz gute Basis. Emen besonderen Trumpf spielt er aus, indem er em Schreiben des damaligen sozialdemokratischen 3mtenmtm,tet§ Sollmann aus dem Jahre 1923 zitiert, in dem dem deutschen Museum gestattet wird, auch die schwarz-weiß-rote Handelsflagge zu hisien,, ferner ein Schreiben des demokratischen Derkehrsnumsters Oeser, der ebenfalls der Hissung dieser Flagge zustimmte, weil auch Wirtschaftskreise an diesen Dingen interessiert seien. Die Rechte klatscht Beifall. Aber im weiteren Verlauf der Rede Luthers kommt die Linke immer mehr oben auf. Luther versucht nun eine sachliche Begründung für die Maßnahme der Reoienmg zu geben, die aber teilweise recht schwach ist, so wenn er memt, daß erst durch das Zeichen der Handelsflagge draußen das D-"tick>tilm zur Geltung komme. Es gibt hier große Auftegung bei der Linken und man hört Zurufe: Seltsame Patrioten! und dergl. Luther bestreitet auch energisch, daß es sich irgendwie um eine Verfassungsfrage handle, und er glaubt sogar das Zeugnis des verstorbenen Reichspräsidenten heranziehen zu sollen, der ebenfalls schon mit der Regelung dieser Frage der Beseitigung des Flaggenstreits im Ausland sich befaßt hatte. Unglückliche, zum mindesten naive Wendungen tote die, daß diese vorgenommene Flaggenregelung „ein Glied in der Kette unseres Wiederaufbaues" fei, veranlassen die Linke zu ironischem Gelächter.
Einen nicht gerade sympathischen Eindruck machte es, als der Kanzler erllärt, eine Verbindung mn den Parteien sei nicht nötig gewesen, im übrigen seien ja die Parteien durch Vertrauensmänner in der Regierung vertreten. Hier liegt also wieder der Versuch vor, die Verantwortlichkeit zum mindesten auf andere mit ab- ^tter beruft sich dann auf den Brief des Reichspräsidenten, den er verlesen will. Man ruft ihm zu: Welche Fassung haben Sie denn! Und nun erklärt er, was die Regierung praktisch tun will. Zuerst — und schon unterbrechen ihn stürmische" Zurufe: Der Rücktritt! — werde die Ver- ordunq bestehen bleiben. (Stürmische Zurufe: Abtreten!) Wegen der Art der Durchführung aber werde die Reichsregierung, um sie
gleichzeitig auf der ganzen Erde auszuführen, einen gewissen Zeitraum vergehen lassen (Großes anhaltendes Lachen auf der Lmken, eisiges Schweigen auf der Rechtens. Luther meint, es müsse doch Zeit bleiben, bis die Briefe an bte betreffende Stelle kämen! Ms wenn es teilten Telegraphen gäbe. Das alles macht einen so merkwürdigen Eindruck, daß tatsächlich eine komische Situation entsteht. Der Präsident rügt die ständige Unterbrechung auf der Linken, die zurückrufen: Wir lafsen ünS doch nicht verulken! Luther plat- diert zum zweiten dafür, daß im Sinne des Reichspräsidenten eine baldige Inangriffnahme der Regelung der gesamten Flaggenfrage erfolge, lieber die näheren Einzelheiten hat er sich aber "nicht ausgesprochen. Er meint aber, daß die jetzige Flaggenverordnung durch eine allgemeine Regelung erledigt würde. Ms er zum Schluß die übliche Mahnung zur Einigung ausspricht und er- klärt, man müsse doch nicht zu den vorhandenen Schwierigkeiten noch neue fügen, wird er mit starken Zurufen unterbrochen: Sie haben das doch getan!
Im ganzen konnte man auS der Rede deS Kanzlers wirklich nicht den Eindruck bekommen, daß die
Don unserem parlamentarischen Vertreter wird uns berichtet:
Als der Reichskanzler Luther am Dienstag den Sitzungssaal des Reichstags in dem Augenbllck des Bemnnens der Debatte in der Flaggenver- orbnunp betrat, trug er wirklich keine Sieger« miene zur Schau. Still und unbemerkt suchte er an seinen Platz zu kommen und dort zeigte er sich außerordentlich nervös. Das gesamte Reichskabinett ist mit dem Kanzler zur Stelle, Außenminister Stre- semann. der Innenminister Külz. Justizminister Marr, Brauns, Reinhold, Stingl, Krone, Haslinde, Curtius, find außerordentlich zahlreich vertreten, auch die Hafenstädte, an der Spitze Senator Deter- fen, der frühere Führer der demokratischen Partei. Me Tribünen sind dicht gefüllt. Em ungeheuerer Andrang von kartende gehrerchen Männern und Frauen machte sich schon in den frühen Morgenstunden cm den Pforten des Reichstages bemerkbar. Alle Einaänae des Reichstages sind durch Sckmtz- volizei und Kriminalbeamten in besonderer Weise bewacht und im Innern des Gebäudes ist ebenfalls sehr stark für Sicherheit gesorgt. In der Diplo- matenloge sind zahlreiche Auslandsvertreter anwesend. Der Reichstag selber ist fast vollzähllg Der« sammelt.
Die sozialdemokratische Interpellation begründet Breitscheidt.
Schon zu Beginn kamt « zu lebhaften Attacken.
Die Interpellation, so betont der Redner, ist nicht gegenstandslos geworden durch die neue Vereinbarung des Reichskanzlers mit den Regierungsparteien, daß der Flagaenerlaß zwar nicht zurückgenommen wird, aber praktisch bis zum 1. August nicht in Kraft gefetzt werden fall, (ßebb Hört, hört! rechts.) Wir stellen mit Genugtuung den Rückzug des Reichskanzlers fest. Es ist nicht recht einzufehen, wie das angekündigte Flaggengefetz zustande kommen soll, da es doch dis zur Verfasiungsänderung erforderliche Mehrdeit braucht. Artikel 3 der Verfassung, der Schwarz-Rot-Gold als Reichsfarben festlegt, mühte bei Annahme eines solchen Gesetzes doch geändert werden. Der Reichsk<«»l« hat sich tn Verbindung gesetzt mit den Auslandsdeummn, d. h. mit ihren Honoratiorenklubs. Nicht gefragt hat der Reichskanzler aber das Parlament, nicht einmal bte Parteien, auf die er sich stützt Schon beim Abschluß de« russischen Vertrages ist der Reichstag und ist der Auswärtige Ausschuß nicht rechtzeitig unterrichtet worden. Der Reichskanzler zeigt dem Reichstag bewußt ober unbewußt Geringschätzung. Er behandelt da, Parlament als quantite negligeabte. (Zuruf des Abg Schultz-Dromberg.i Ich stelle vor der Oeffentlich- feit fest, daß der Führer der Deutschnationalen gerufen hat: „Mehr ist das Parlament auch nicht!" (Hört, hört! links.)
Der Flaggererlaß widerspricht der Reichsversasiung. Wie muß es im Ausland wirken, wenn sich die Deutschen dort unter zwei verschiedenen Fahnen versemmeln und dann wie zum Hohn singen: „Einigkeit und Recht und Freiheit!" Der Reichskanzler hat zunächst erklärt, der Flaggenerlaß habe gar keine politische Bedeutung. Herr Reichskanzler, Sie sind zu altem Möglichen fähig, aber zu einem solchen Maß der Harmlosigkeit doch nicht. (Heiterkeit.) Damit im Widerspruch steht die spätere Erklärung des Reichskanzlers, daß der Erlaß sich nickt gegen Schwarz-Rot-Gold, sondern eigentlich gegen Schwarz-Weiß-Rot richte.
Der Reichskanzler hat sich vom Reichspräsidenten einen Brief schreiben lasten. Schon beim Duellgesetz war es eine sehr bedenkliche Erscheinung, daß der Reichspräsident vor seinem mit der Verfassung schwer zu vereinbarenden Schritt nickt gewarnt wurde. So ist das Wort entstanden, „der Reichskanzlerverkrieckt sich hinter den Reichspräsidenten!" (hört! bei den Soz) Entweder der Reichskanzler hat den Freunden von Schwarz-Weiß-Rot entgegenkommen wollen, dann bringen wir ihm Mißtrauen entgegen, ober er hat die politischen Wirkungen seines Sckrittes nicht erkannt. Dann mangelt ihm die politische Potenz, die der Leiter der Staatsgeschäfie haben muß.
Zum Sckiluß wirst der sozialdemokratische Redner dem Reichskanzler einen Mangel <m politischer Einsicht und Führung vor, der ihn nicht mehr befähige, längerbin noch am Staatsruder zu stehen. Don dieser Stunde an werde der Kanzler Luther, auch wenn er sich weiterhin von ab- aelebnten Mißtrauensvoten erhalten wolle, der geschlossenen Opposition der Sozialdemokraten geqen- überstehen. Unter stürmischer Heiterkeit des H-au-
„ßiebe Jutta", fragte die alte Tante leise, „bist Du jetzt glücklich?"
„Das verdanke ich Dir, Xante, ich weiß es", gab sie leise zurück und zog den Verlobten an ihre Seite. „Hab' ihn lieb, Tante, er verehrte Dich schon lange und mutzte Dir doch fern bleiben."
.Alte Geschichten! wehrte Frau Steinbach ab. „Das begraben ist, wollen wir nicht wieder aufwecken. _
„Hier meine Hand, Otto", rief der Hausherr,Schlag ein, Steinbach wird immer für Euch offen stehen."
Kräftig schlug er dm Reffen auf die Schultern und zog ihn mit sich in fein Zimmer, um ihm seine Jagd- trophäen zu zeigen. Fröhlich plaudernd folgten die anderen. All die dunklen Wolken früheren schweren Fa rnilienzwistes schienen verflogen zu fein vor den lächeln- den Strahlen der Oktobersonne, die durch die weit geöffneten Türen des Herrenzimmers fielen. Und während Otto dem alten Jäger von Gehörn zu Gehörn folgte und Jutta es sich neben der Tante in einem tiefen Sessel bequem machte, führte Ulrich feine Braut hinaus in den lachenden Tag.
Schweigend standen sie auf der weiten Terrasse, von der breite Treppen zur Rechten und Linken in den Park hinabführten, vor dessen dichtem Waldbestand sich der Blumengarten breitete. Aus der Ferne blitzte ein See zu ihnen auf, als wolle er von heimlich verschwiegenem Glück erzählen, das seine Ufer schon so oft gesehen hat- ten. Der Gärtner ließ die Wasser im Bassin des Spring, brunnens zu den Füßen des jungen Paares auffprin- gen, und ihr Rauschen mischte sich in die leisen, glück- trunkenen Worte des stolzen Mannes.
„Sieh mich an, datz ich aus Deinen Augen lese, wie lieb Du mich hast. Rasch noch einen Kuß, damit ich die Stunden ertrage, bis Du mein Eigen bist. Selbst mei. nem Vater neide ich Dich. Und wenn ich erst an all die Gälte denke und an die Reden und Förmlichkeiten! Könnten wir doch, wie ich wollte, ich würde jetzt mit Dir hinaus in die schöne Welt ziehen."
„Das Glück läuft uns nicht fort, in Aegypten haben wir Zeit genug für uns."
„Und Du hältst mir jeden vom Hols, wenn ich in der Sonne liegen mutz: tn rin Samarium bekommt mich keine Macht der Weit."