M 107.
Sonntag, 9. Mar 1926.
Fuldaer Zeitung
2. Blatt.
Druck der Fuldaer AcNeudcuckerel, Fulda.
Die europäischen Machiverhältnisse
Don Dr. Hermann Port - Wiesbaden.
Die europäischen Machtverhältnisse haben seit Ariegsschluß durch das Aufsteigen dreier Länder eine Veränderung erfahren: Italiens, Deutschlands und Rußlands.
Unter ihnen überragt das Erstarken Italiens das der beiden anderen in einem ganz unvergleichbaren Maße. War es doch bei Italien nicht so, daß mit 1918 eine Art Gipfelpunkt der Macht (wie bei Frankreich) oder ein plötzlicher außergewöhnlicher Niederbruch (wie bei Deutschland) eintrat, sondern Italien befindet sich seit seiner Einigung im Jahre 1870 überhaupt in einem langsamen, aber ununterbrochenen machtpolitischen Aufstieg. Der Weltkrieg hat uns die italienische Armee nicht gerade in imponierendem Licht erscheinen lassen (lief sie doch vor unseren Truppen in ganz jämmerlicher Weise davon), aber wir bemerken, daß gerade das Prüfungsfeuer schwerer Jahre das Nationalgefühl dort mächtig herausgeschlagen und den Willen zu einem größeren Italien geweckt hat. Der Faszismus ist ein Ergebnis des im Kriege geborenen neuen Nationalwillens, der mit der Kriegsbeute nicht zufrieden ist und in Fortsetzung des Kampfes eine mächtigere Stellung Italiens im Völkerkonzert erreichen will. Konsequenter Weise wendet sich Mussolini, nachdem er jetzt innen den schroffen Nationalstaat herge- stellt hat, nach außen. Seine Rede über die Brennergrenze war der Auftakt dazu und das Zeichen, daß der Dampfdruck der inneren Atmosphäre die Wände des Dampfkessels zu Lberschresten beginnt. Auf die Brennerrede folgte die Reise nach Tripolis, wo Mussolini die „Zukunft auf dem Meere" verkündete, dann die Landung von Truppen in Ostafrika, wo man die italienische Souveränität in einer verschlampten Kolonie mit raschen Schlägen wiederherstellt. Welches ist Musiolinis nächstes Ziel? — Einstweilen wird das mit diplomatischen Patrouillenunternehmungen, das heißt, mit schönen Reden, Zeitungsartikeln und Nachrichten-Versuchsballons verschleiert. Da hören wir von einem griechisch-italienischen Zusammengehen gegen dre Türkei, von Ansprüchen auf Syrien und die früheren deutschen Kolonien und besonders noch herzlichen Einverständnis des Herrn Chamberlain und des Herrn Brianb. Beide haben nach ihren Reden keinen innigeren Wunsch, als Italien in feinem Ausd chnungsdrang freundlichst zu unterstützen. Aber das find alles nur Scheingefechte (ebenso wie die Brennerrede die Welt nur verwirren sollte). Denn in Wirklichkeit richtet sich die italienische Mii- telmeerxol'tik selbstverständlich gegen diejenigen, welche die bisherigen Beherrscher des Mittelmeeres sind- Gegen Frankreich und England.
Von Italiens Aufftieg haben wir daher machtpolitisch die Hauptentlastung vom Druck Frankreichs zu erwarten. Das mag nicht so schnell gehen, weil Italien mit seiner immerhin schwächeren Materivlausrüstung Tunis und Marokko nicht von heute auf morgen in Besitz nehmen kann. Aber die Spannung zwischen Italien und Frankreich wird unaufhaltsam wachsen, Frankreichs Blick vom Rhein nach Afrika gezogen werden und es wird auf eine Verständigung mit Deutschland angewiesen fein. Dies für die Befreiung des Rheinlandes und Soargebietes auszunutzen, ist die nächste Aufgabe unserer Außenpolitik; mit Hilfe Italiens müssen wir das Rheinland in zwei bis drei Jahren frei bekommen. Aber diese indirekte italienische Unterstützung ist erst etwas Neues, schon vorher war eine gewisse Wiedererstarkung Deutschlands infolge seiner wirtschafüichen Unentbehrlichkeit und geographischen Lage zutage getreten. Sie hatte unsere Einladung in den Völkerbund zur Folge, denn man kann ohne unsere ehrliche Mitwirkung weder die europäische Wirtschaft wieder auf tauen, noch irgendwie auf einige Zeit hinaus Ruhe und Ordnung schaffen. Ruhe und Ordnung brauchen aber Frankreich und England — daher Locarno und der Völkerbund. Daß wir uns durch Locarno nicht zur englischen Kolonie erklären wollten, beweist unser Vertrag mit Rußland, der den Weststaaten etwas unangenehm auf die Nerven fiel. Aber es ist juristisch vollkommen korrekt und kann uns bei unserer geographischen Mittellag? von Niemanden verübelt werden.
Weniger eine objektive Erstarkung als vielmehc ein gewisser Kurswechsel seiner Außenpolitik ist es, der Rußland wieder mehr in der europäischen
Der Streit.
Eine lustige Geschichte von Fritz Bargatzki.
Eine Geschichte will ich erzählen. Auf dem Heimweg gestern kam sie mir plötzlich in den Sinn, und ich mußte über den köstlichen Schnick hellauf lachen.
Liegt da inmitten düsterer Tannenwälder und lustiggrüner Weinberge das Städtchen Malen, und keine halbe Wegstunde davon das Dorf Kettenheim. Nun fiel es dermalen meinem Großvater ein, die halbe Wegestunde nach Kettenheim in Kauf zu nehmen und um die Gr?t des Bergbauern zu freien. Eine hübsche Dirn sei sie gewesen, behauptete er, und, seine Augen blinzelten vor Hellem Vergnügen, so schrecklich reich und stolz. Himmel, war das ein Spektakel unter den Kettenheimer Burschen, als es hieß, der Malener Dutfchläger habe um die Gret gefielt. Und als nun noch der Bergbauer ohne Einwände seine Einwilligung gab, und die Gret, froh der erreichten .Zusage, die Kettenheimer auslachte, so von oben herunter, juckte es denen in den Fingern, und die Ansicht war allgemein, daß die Malener eigentlich lange keine Schläge mehr gekriegt hätten. Denn die Sitte war schon Tradition geworden, daß die Malener und Kettenheimer.sich von Zeit zu Zeit chre freundnachbar- lichen Gefühle mit Stöcken und Fäusten aus Rücken und Kopse schrieben. Diese Zeit schien augenscheinlich nieder gekommen. Schläge gab's, böse Schläge, zer- riffene Anzüge und zersetzte Hemden. „Ich kam zur nochtschlafenen Zett mit brummendem Schädel und ohne Kragen heim," erzählle der Großvater, „und mit dem rachsüchtigen Gedanken, es den Kettenheimern bei guter Gelegerihett heimzuzahlen." Im allgemeinen beteiligten sich die Väter nicht an den Strettereien ihrer Söhne, lachten höchstens, wenn thnen derartiges zu Ohren kam, k-ls gedächten sie der eigenen Jugend. Aber diesmal war es den Vätern der Malener Burschen doch zu arg. Risten die Kettenheimer doch den Mund derart weit auf, als hätten die Malener wetter nichts getan, als ihn-n den Rücken nur so hingehalten und die Fäuste in die Tasche gesteckt. Tas ging denn doch entschieden zu weit, und der Streit der Jugend wurde eine Gemeindeangr- Kgenhei^> . > jr ---- -- '
Rund um die Woche.
Die akie Exzellenz und der Krieg. — Völkerbund, Papierkragen und Prinz Rohan. — Karin Michaelis und die Ehe. — Sommerblusen.
Das war doch intereffant. Dergleichen hätte ich von einem General nicht erwartet. Obendrein war cs noch in Bayern, was in die -in Falle vielleicht besonders bezeichnend ist. Oft genug werden alte Exzellenzen mit einem gewissen gütigen Lächeln betrachtet, als ein humoristisch.-- Gemisch von Alter, Kindhaftigkeit und schöner Uniform. Bei meiner Exzellenz war das aber durchaus anders. Der ehrwürdige Herr war im großen Generalstab gewesen, und wer je Bekanntschaft gerade mit diesen unseren besten Offizieren gehabt hat, der weiß, daß man bei ihnen auf vollendete BUdung und tadellos weitläufige Art rechnen durfte. Den Urlaub feiner alten Tage hatte Exzellenz dazu benutzt, seine Studien weiterzuführen. Die preußischen Jahrbücher, Delbrück, Kriegsschuldenfragen, deutsche Idee, militärische Entwicklungen und natürlich die Memorienliteratur, das waren so feine Lieblingsobjekte. Ehrlich gestanden, erwartete ich von ihm, er werde so etwas in der Richtung neuer Rüstungen und wiederzuerweckender MWärherrkichkest sagen. Das tat er aber nicht. „Ich bin zwar", so meinte er, immer, wo ich em Komma setze, eine Prise nehmend, „aus alter Offiziersfamilie, aber meine Söhne sollen keine Offiziere werden. Der Krieg von heute ist nicht mehr der Krieg von früher. Persönliche Tapferkeit und heldische Gesinnung ent« scheiden nicht mehr in der Abwehr von Gift und Flammen". Und weiter verbreitete er sich über die Verschiebung aller Machtverhältnisse. „Man kann heute einen Krieg militärisch gewinnen, den man in Wirklichkeit verliert. Wer hat denn den Krieg gewonnen? Das läßt sich erst sagen, wenn wir ein Jahrzehnt weiter sind. Trotz aller Kompliziertheit unserer Berhältnisie sind wir zu einer Art Urzustand zurückgekehrt. Die stehenden Heere und die Fronten tragen immer mehr nur einen geringen Teil der Kriegsaftion. Frau und Kinder leiden mit. Man kämpft mit Blockade und Hungersnot. Volk steht gegen Volk. Und auch hier wieder ist es nicht so sehr die physische Dolkskrast, nicht einmal die Nervenkraft, nein, es ist einfach die Finanz. Der Degen des Helden fft in den Tresors der Banken verschwunden. Reine Militärstaaten haben ihre Rolle ausgespielt. Man spricht vom Kriege der Zukunft als von einem Vernichtungskriege der gesamten Ziollffation. Vielleicht ist das richtig. Vielleicht ober werden sich nur einige Bankiers darüber einigen, daß hn Augenblick des Beginns die Valuta des betreffenden Staates vernichtet wird. Das ist sicher die Entscheidung. Denn die Finanzkraft allein wird die Sprengkraft des Pulvers, der Atem der Fimfaren und die Genialität der Strategen fein. Dieses Geschoß einer zersprengten Valuta schießt mit feinen Eisenftücken in jede Hütte, in das kleinste Dorf und in die reichste Stadt. Es fft genau so, als wenn ein Künstler von Wasserbauarchi takten es fertig brächte, in einem Augenblick das Grundwasser in einem Lande zu senken. Es würden eben alle Brunnen austrocknen. Es wäre das Ende. Ob man dazu die Marseillaise spielt oder Heil dir im Siegerkranz, wäre eine Belanglosigkeit . . .' Einer- lei, ob Exzellenz recht hat ober nicht, er hat jedenfalls nachgedacht und war das gerade Gegenstück zu manchen anderen, die nicht nachdenken.
Mir schien es ganz in der Linie des Gespräches zu liegen, was mir bann über ben Völkerbund durchs den Sinn ging. Dor einigen Monaten waren noch viele dafür die heute dagegen sind. Die groß ist doch die Zahl der Gegenwartsmenschen, die ihre politischen Programme wechseln, wie Papierkragen im Hochsommer. Eben deshalb well ihre Ideen mehr Papier sind, als Herzblut und Ueberzeugung. Selbstverständlich ist jede Weiterbildung des Rechts, empfindens und jede Weiterentwickbmg geistiger Mächte ein Fortschritt der Menschheit. Nachdem die Idee eines Völkerbundes einmal gedacht worden ist, wird dieser Gedanke nicht mehr schwinden. Und
wenn die Brutalität der Wirksichkeii für sie eine Weile ersticken sollte, so wird die Romantik bes Herzens ihr Sehnsuchts- und Auferstehungslieber fingen. Gewiß, von diesem Völkerbund, ben wir jetzt haben, bis zu dem, der feiner Idee entspricht, ist noch weit. Aber bas heißt boch nicht, daß dieser Weg ein irriger fei. Im Gegenteil, keine Wege sind weiter, und keine Schritte gehen langsamer, als die Schrttte zur Wahrheit. Dafür muß man bloß einmal einen Blick in die Philosophie werfen, um zu erfahren, daß Jahrtausende dazu gehören, um auch nur ein winziges neues Fünkchen im menschlichen Geiste zum Knistern zu bringen. Besondere Schwierigkeiten hat es noch mit dem Völ- ferbunbgebanfen, weil das nicht nur ei t Gedanke sondern ein P ro du k t der E rzi e hu n g ist. Vielleicht hat man sich gerade hierüber getäuscht und gerade dieses übersehen. Man meinte, es genüge die Idee, um die Wirklichkeit zu haben. Das ist aber grundfalsch. Wie genau kann man die Idee von sich selbst haben, das heißt, wie genau kann man wissen, wie man handeln und was man werden sollte, und doch, es fällt der Gerechte selbst siebemnal am lag. Mag man Genf ein Fiasko nennen, wie viel wertvolle Erkenntnisse sind ober aus diesem Fiasko schon hervorgegangen. Namentlich bringt bie Idee bes Prinzen Karl Anton Nchan unb feines Kulturbundes siegreich vor, daß nämlich das neue Europa überhaupt nicht gemacht werden könne, sondern baß es hrrvorwachsen müsse aus der richtig geleiteten Kraft ber einzelnen Nationen. So wird es erfüllt fein von ben Werten, die jede Natton aus sich heraus entwickelt, nicht aber bloßes Produkt einer Heckenschere, die an das Versailles Ludwig XIV sowohl erinnert, wie an das der Poincar- und (Hemenceau.
Endlich noch etwas über unsere Frauen. Der Zufall ftihrte mich nämlich in eine Versammlung der Karin Michaesis. Ich wollte doch einmal hören, ob sie in ihren alten Tagen klüger geworden. Der Sacck war zum Brechen voll, und obwohl man 4 Mark bezahlt hatte, so konnte man froh fein, in der 20. Reihe noch ein Plcitzlem zu erwischen. Die alte Dame ist noch heute lebendig und voll Humor. Man muß sich nicht daran stoßen, daß sie mit einer S'fen Nonchalance über 50 ehrwürdige Dinge
t. Das bringt das Handwerk einmal so mit sich, bei Karin Michaelis sowohl wie bei manchen Moral-Theologen. Neues gab es kaum. Die vier Hauptgründe der Tragik der gegenwärtigen Ehe sind ihr: Langeweile, Gelb, Geschlechtsfeinbfchaft unb Unfreiheit. Was den Gelbpunkt anbetrifft, so wünscht sie Tellung des gesamten Einkommens. Für gemeinsame Ausgaben, wie etwa eine gemeinsame Sommerreise, zahlt jeder die Hälfte. Der Rest bleibt bann für Persönltzhes, etwa einen privaten Aufenthalt hn Seebad. So wirb natürlich auch bie „Freiheit" am besten garantiert, denn für die mei- sten Leute ist Freiheit gleich Geld. Es war wirklich kurzweilig und im Grunde auch ungefährlich, endete es doch mit dem Bekenntnis dieser moder- neu Frauenrechtlerin, sie fei im Uebrioen gar nicht für die Abschaffung der Ehe, denn: „Solange man nichts Besseres hat — warum? — also bleiben wir dabei!"
Nun ja, das hat mein öfter Pfarrer auch immer gesagt. Es ist halt nicht alleweg die beste Welt, aber solange wir keine beffere haben, bleiben wir affo habet unb kugeln mit Mutter Erde weiter durch ben Weltenraum. Die eigentliche Frau ber Zukunft ist für Karin Michaelis jene Frau, die dazu erzogen ist, „Trägerin höchster Kultur" zu fein unb als solche eine Familie zu gründen . . . Ich dachte mir dabei: Ganz schön, allerdings dürste es von mancher Trägerin mancher Sommerblufe von heute bis zur Trägerin der Kultur noch ein erkleckliches gutes S.ück Weg fein . . .
Der Mann im Monde.
Politik erscheinen läßt. Bekanntlich hofften bie eoujefs, ganz Asien gegen bie Englänber aufzu- wiegeln. Somit hatten sie zwar aute Erfolge, in- des spürten die Chinesen unb Inder keine Lust die Engländer nur mit ben Russen zu vertauschen. China, bas uralte Kulturland, machte gegen bie
0, man würde sie schon kriegen, diese Kettenheimer Kuttlettfrcsser. Aussperren würde man sie, wenn die Stadt und die umliegenden Dörfer der Fleischbruder- schaft rem hl. Lukas den Festzug veranstalteten. Man würde der Polizei befehlen, keinen Kettenheimer einza- lasten. So schrie es hin und her im Löwen, und der Witt schaute mit besorgter Angst auf bie erhitzten und erzürnten Gesichter, und befahl fürsichttg feiner Mamsell, für alle Fälle schon jetzt dem Wein etwas Wasser zuzufetzen, denn schließlich seien seine Lampen und Glaser doch mehr wett, als diese dumme Geschichte mit den Kettenheimern. Man konnte sich nicht einigen, und aus Verlegenheit griff man öfter zum Schöppchen als tunlich war. Da verlangt endlich der Bürgermeister das Wott. und so sprach er dann „Laßt's doch bie Kettenheimer kumme und uns ihr schönes Geld bringe, nachher könne mer immer noch schaue, wie mer fe kriege." Und dann setzte er den Versammelten seinen Plan auseinander. Zuerst war alles mäuschenstill, als hätte keiner die Ausführungen des Bürgermeisters verstanden. Aber dann brach es los! Ein Gelächter! Die ganze Stadt haben die aus dem Schlaf gelacht und konnten gamirfjt zur Ruhe kommen. Und keiner von den allen ist an diesem Abend auf sicheren Beinen ins Haus gestiegen.
Das Fest der Fleischerbruderschaft kam heran. Alles war auf den Beinen feit dem frühen Morgen. Die Malener, die Bösdorfer, die Bürgener und die Kettenheimer. Kopf an Kopf standen sie auf der „Rauschbach", durch die sich nach der Vesper der Prunkzug bewegen ollte. Unter dem Geläute der Glocken unb dem Grollen der Böllerschüsse zog der Zug aus. Voran ritt ein Herold in farbenprächtigen Kleidern und mit einer langen, blitzenden Trompete. Hinter ihm kamen, vom Obermeister angefühtt, die Lehrlinge und Mägde der Fleicher in ihrer .Handwerkstracht. Als Symbol führten ie einen hohen Stab mit sich, den sie mit den Erzeugnissen ihres Handwerks kunstvoll in einen Tyrsu-stab verwandelt hatten. Zu oberst gierte ein mir Blumen 6e= pickler Rollschinken ben Stab. Dann zog sich eine lange Wurst wie eine Girlanbe um ihn herum unb ringsum waren leere Wursthäute angebracht, bie im Winde .nie Bänder flatterten. An diese Gruppe Schlossen sich die Festwagen der einzelnen Gemeinden. Auch die Ketten- , Heimer waren vertreten. Den schönsten Wagen hatten I
barbarischen Sowjetruffen ganz entschieden Front, sodaß es mit dem „panasiatiscben Kontinentalblock" noch eine gute Weile hat. Was aber ist die Folge dieses Rückschlags der russischen Asienpolittk? Daß Rußland wieder mehr nach seinen Westgrenzen sieht. Und als Einleitung zu einer stärkeren Cu-
natürlich die Malener Fleischer. Nach Maßgabe der Festort nung sollte der Wagen der Malener den Zug beschließen. Aber wider alles Ermatten kam noch einer hinterhergestolpert und überall, wo der sich zeigte, er. scholl ein unsinniges Gelächter, sodaß die Aufmerksam- keit der Fernstehenden gespannt war. Höher noch wurde die Soannung getrieben durch ein Schild an der Stirn- feite des Wagens, auf dem in weithin leuchtender Schrift zu lesen war: „Kettenheimer Kuttlets." Man ahnte jetzt schon, was kommen würde, wußten doch die Eingeweihten, daß der Witz schon vor Zetten diesen Namen erfunden hatte, um der Großmaulsucht ber Kettenheimer eins drauf zu geben. Unter mancherlei Bemerkungen und Anzüglichkeiten in der erwartenden Menge holperte der Wagen heran. Vor einem brennenden Herd stand der durch einen Malener täuschend nachgeahmte Kranzwitt aus Kettenheim und hantierte mit Pfanne, Bratmesser und Dreilöffel, dieweil zwei Burschen und ein Mädchen unter dem Ruf: „Kettenheimer Kuttlets!" knusperige Reibekuchen in die Menge warfen. Es war ein wüster Tumult, Lachen und Geschrei. Da fielen drei Kettenheimer über einen Malener her, dort prügelten wohl ein Dutzend Malener Burschen eine Anzahl Kettenheimer zur Stadt hinaus. Humor aber und das herzliche Lachen fi. gte über die bösen Händel, zumal es die Kettenheimer vorgezogen hatten, ihre Scham und die maßlose Wut in die heimischen Schänken zu tragen. In Malen aber, als fei der anzügliche Witz erst die Eröffnung des eigentlichen Festes gewesen, zog die Fröhlichkeit dura) die Gassen und Straßen bis in die späte Nacht. Allenthalben ließ yian den Bürgermeister hochleben, der den trefflichen Plan ausgeheckt. Und hier und dort flüstette man sich zu, daß es des Bürgermeisters Sohn gewesen, der so prachtvoll den Kettenheimer Kranzwiri gespielt.
Mit den Kettenheimer Äuttlets hatte es aber diese Bewandtnis. Don altersher war den K-ttenheimern eine erschreckliche Prahlsucht eigen. Zwar hatte der Ort Kettenheim tatsächlich die reichsten Bauern: aber man wußte ganz gut, daß man auch in Kettenheim nicht alle Tage Kottletten aß. Und doch spielten sich die Kettenheimer auf, als ob sie alle Woche ein Schwein am Haken hängen hätten. Da hatte denn der launische, schelmische Witz der Väter dies schöne Wortspiel: Kettenhergier Kuttlets
rcpopolttif schloß es mit Deutschland einen Neu» tralitätsvertrag ab.
Dieser Vertrag erregte beim Pariser Spießbürger ben üblichen Schrecken; weniger heftig waren bie Stimmen in Englanb und noch weniger aufgeregt find anscheinend bie verantwortlichen Staatsmänner von Lonbon unb Paris über ibn. Wie ist bas zu erklären? Sicher würbe es Chamberlain unb Brianb an entschiedenem Auftreten gegen uns nicht fehlen lassen, wenn sie es für gut hielten. Aber die amtlichen Politiker blicken weiter als die Gefühlspolitiker, die hn herkömmlichen Fahrwasser schwimmen. England braucht die Ruffen nicht mehr so zu bekämpfen, wenn diese sich von China und Indien abwenben unb Brianb wünscht keinen neuen Deutschenhaß, weil Frankreich damit nicht weiter kommt. Seit vor Locarno schon ist das ftanzösische Regierrmgssteuer auf Entspannung mit Deutschland gerichtet, und diese Entspannung, geforbert burch bie italienische Drohung, hat bereits Frankreichs mftteleuropäischen Verbünbeten Furcht eingeflößt. Denn Polen unb die Tschechoslowakei beruhen auf antideutscher Machtpolitik unb wenn diese Italiens ober Amerikas wegen aus fft, unb in eine Verständigung umschlägt, so fühlen diese Kriegsgeburten ben Boden unter ben Füßen wanken. Aber nicht nur, daß ber Boben wankt, auch die Wände fangen schon zu wackeln an, wenn Rußland sich mal eine Revision seiner Westgrenzen in den Kopf fetzt. Darum hat Polen sich bereits mit den Rumäne» zusammengetan, welche den Ruffen Beffarabien genommen haben, unb anstelle ber „Kleinen Entente" tritt eine Zweier-Front gegen Rußland. Diese Entente ber österreichisch-ungarischen Nachsolgerstaatsn ist nämlich kürzlich unhörbar eingeschlafen, weil der Gegner, bas habsburgische Oesterreich-Ungarn infolge der Anschlußbewegung unb des ungarischen Nationalismus allmählich auch als Schreckengespenst vermodert. Ein Interesse im alten Sinn an ihn hatte eigentlich nur noch die Tschechoslowakei, weil sie auch den Anschluß nicht will unb außerdem so viele Deuffche und Ungarn geschluckt hat. Diese vollführt daher seit der Aenberung der europäischen Lage wahre Kunffftücke des Jonglierens, um sich bei dem Gegeneinander fo mächtiger Nachbarn und dem Wirrwarr im Innern über Wasser zu halten. Daher bie Besuche B e n e s ch s in ber halben Welt, in Rom, Wien, Paris, Warschau und Genf, die Versicherungen ber Freundschaft zu Deutschland und seine nie rastende diplomatische Tätigkeit durch Interviews, Reden und Notenwechsel.
Erwägen wir die Möglichkeit, die sich aus diesem Krästespiel für bie deutsche Außenpolitik ergeben, fo müssen wir immer eingedenk sein, baß sich bei unserer Wehrlosigkeit, wirtschaftlichen Not unb innerpoHtifcfjen Zwiespalt vorerst zumeist auf Machtverschiebungen außerhalb unseres Willensbereiches stützen muß. Sie mit Geschick zu kleinen und allmählichen Besserungen unserer Lage auszunutzen, muß die Losung fein. Eigne Macht einsetzen unb ernste Spannungen riskieren, kann sich bas noch kranke Deutschland nicht erlauben.
Darum ist bie rabikale Friedenspoli- t i k gegenüber ben Großmächten bie einzige Gewähr unseres Wieberaufftiegs. Sie allein kann die Rheinlands bald ganz frei machen. Sie allein wirb uns, wenn England unb Frankreich an Polen in feiner überspannten Form fein Interesse mehr haben und noch Rußland auf Polen brücken follte, Westpreußsn wieber zurückgeben unb ben Polnischen Korridor aus ber Welt schaffen. Das kann burchaus ftieblich, aber natürlich nicht ohne sanften Druck geschehen. Setzen wir uns kleine Ziele, schreiten wir von Etappe zu Etappe voran unb arbeiten wir, während Sie Weltgeschichte ihren von ber Vorsehung bestimmten Gang geht, an ber wirtschaftlichen und politischen Ertüchtigung unseres Volkes.
öle hoch ist die Einwohnerzahl der Stadt Fulda?
Die Stadt Fulda zählt 25425 Einwohner.
Die notariell begl a u b i g-te Auflage der Fuldaer Zeitung in der Stadt Fulda beträgt 4556 zahlende Bezieher.
Auf je 5,8 E:nwohner kommt somit ein Bezieher der Fuldaer Zeitung.
Dia Werbekraft der Fuldaer Zeitung ist durchschlagend Gesamtauflage 13500
erfunden, zur Bezeichnung der Reibekuchen oder Kröb- belchen, bie auch in Kettenheim in ganz ansehnlichen Mengen verbraucht wurden. Schnitt mm ein Ketten- beimer in Gesellschaft der Malener etwas dick auf, so schauten diese sich wohl an und sagten: Kettenheimei Kuttlets; und somit war bie Sache abgetan. Die Kett tenheimer natürlich rächten sich unb nannten die Ma- lener Dutschläger! Wer aber nun mehrt, bie Geschichte fei zu Ende, der vernehme zu seinem wahrscheinlich nicht geringen Erstaunen, daß am ersten bes darauffolgenden Monats die Malener vor Verblüffung nicht Rats wußten. Denn ganz Kettenheim hatte die Zeitung abbestellt, das Malener Tagblatt, die einzigste Zeitung in der gan- zen Gegend. Und jetzt hatten die Malener das Nach- sehen, vor allem der Bürgermeister, bet eigentliche Besitzer des Mattes. Das war arg, und mancher geborene Schelm kraute verlegen feinen Kopf. Aber man triftete sich. Auf die Dauer formten die Kettenheimer doch nicht ohne Zeitung leben. Taten sie auch nicht. Die Wirte ließen sich auswärtige Zeitungen kommen und hatten dabei noch den Dorieih auch an Werktagen einige Gäste begrüßen zu dürfen. Diese Wirte! Denen würde mm es geben!
Kam die Kettenheimer Spätkirmes, em Tag auf bew sich die Wirte von jeher freuten. Aber dieses Mal? Die Musik spielte vor fast leeren Bänken, in den Küchen standen die gekochten Schinken und kalten Braten, die man in Erwartung bes gewohnten Zuspruchs am Tage vorher schon hergerichtet hatte, ohne ihren Mamr zu finden. Und warum das alles? Kein Malener, kein Bösdorfer, kein Bürger hatte die Kettenheimer Spätkirmes be- sucht. Denen wollte man schon zeigen, was es hieß, die Zeitung abzubestellen Ohne Zweifel, auch hier hatte der Bürgermeister seine Hand im Spiel. Unb wie richtig er gerechnet hatte, zeigten bie folgenden Tage. Zuerit bestellten die Wirte das Malener Tageblatt. Unb da sie ihre Zeitung nicht mehr auslcgten, auch sich weigerten, sie zu verleihen, (benn sie wollten es nicht mehr mit den Mälenern verderben) erneuerten nach unb nach alle ölten Bezieher ihren Vertrag. Einen Denkzettel aber gaben bie Malener den Kettenheimern doch: Während sie früher die Zeitung frei ins Haus bekamen, mußten sic von dieser Zett an Botenlohn entrichten, z <