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FuldaerZertung

Anzeiger für die Stadt und den kreis Fulda. Amfliches kreisblall.

Nr. 102.

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Zahrg. 53.

Politische Hochspannung.

Von Abjl. Andre»Stuttgart.

Im Reichstag überstürzen sich wieder einmal die Ereignisse. Wir tun aber alle gut daran, uns nicht allzu sehr aufzuregen, denn je kritischer die Situa­tion ist, desto ruhiger und kühler muß der Kopf sein! Schließlich müssen sich doch Auswege finden lassen. . .

Mitten im politischen Wirrwarr hat die Zen- trumsfraktion Herrn Justizminister Dr. Marx er­neut zum Fraktionsvorsitzenden gewählt. Marx ver­zichtet somit auf seinen Ministerposten und stellt seine Arbeitskraft erneut der Zentrum sfrak- Hon zur Verfügung. Das ist ein Vorgang recht erfreulicher Art; er ehrt den neuen Fraktionsvor­sitzenden und gibt auch der Fraktion und dem gan­zen Lande ein Beispiel dafür, worauf es auch im öffentlichen Leben ankommt: „a u f's O p f e r b r i n- g e n". Wo dieser Geist fehlt, da kann das „Ganze" nicht gewinnen und gedeihen. In den Abgeord­neten von Guerard und Stegerwald hat Marx zwei sachkundige und gewandte Kollegen in der Leitung der Fraktion neben sich. In Zeiten politischer Hoch­spannung brauchen wir eine auf der Höhe ihrer Aufgabe stehende Führerschaft, besonders in der Reichstagsfraktion des Zentrums.

An kritischen Fragen aller Art haben wir keinen Mangel. Es seien nur genannt: Außenpolitik, Für­stenabfindung, Aufwertungsfragen, Duellangelegen- hciten, Alkoholgesetzgebung, soziale und wirtschafts­politische Fragen aller Art, Handelsvertrags- und Zollpolitik, kultur- und schulpolitische Angelegenhei­ten. Dabei weiß niemand, ob die eine oder andere Frage nicht auch noch eine neue Regierungs­krise im Reiche zeitigen oder ob sogar der Reichs­tag aufgelöst werden wird. An und für sich ist die Atmosphäre für eine Regierungskrise schon seit eini­gen Tagen so ziemlich vorhanden. Die Hauptstärke • des Kabinetts Dr. Luther besteht aber darin, daß o h n e Reichstagsauflösung eigentlich niemand recht weiß, wer Nachfolger werden und wie das neue Kabinett zusammengesetzt sein soll. Deshalb tun wir trotz der Unsicherheit der Lage gut daran, die Dinge sich ruhig entwickeln zu lassen und an keine ernstere Krise zu glauben, zumal der Faktor „Zeit" schon viele kritische Lagen überwunden hat. Die Regie­rung braucht „Zeit" und die „Zeit" heilt Wunden und stillt Stürme. So ist es im Leben des ein­zelnen Menschen, warum sollte es in der Politik nicht mich so sein?

3n der Außenpolitik geht die Erörterung "kiber den deutsch-russischen Vertrag in der inter­nationalen politischen Welt weiter. Deutsehland hat d"mit seinen Willen zur Führung einer selbstän­digen Politik der Welt offenbart und diese ist teils erstaunt, teils verärgert darüber, daß es so ist! Der Sinn des Vertrages geht in erster Linie dahin, m einer Stabilisierung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Ruß­land zu kommen und mitzuhelfen, letzteres Europa wieder näher zu bringen. Richt mit neuen Ent­scheidungsschlachten zwischen dem Osten und W e st e n lassen sich die europäischen Probleme be­friedigend lösen, sondern nur durch gegenseitige An­näherung Diesem Ziel dient auch der neue Ost­vertrag. Den Franzosen und Engländern ist es zu empfehlen, denselben mehr unter dem Gesichtswin­kel der Befriedung Europas und der Welt anzusehen, als unter jenem neuer kriegerischer Aus­einandersetzungen und Erwerbsmöglichkeiten. Im übrigen hat dieser Vertragsabschluß erneut bewiesen, daß Deutschland noch wenig Freunde in der Welt draußen hat und daß es noch allein auf wei­ter Flur steht. Vis der V ö l k e r b u n d wieder zu­sammentritt, wird die „Zeit" die erneut künstlich geschaffenen Gegensätze wohl wieder gemildert oder abgebaut haben.

In der Fürstenabfindung wird der Rechtsausschuß erneut versuchen, zu einem brauch­baren Kompromiß zu kommen. Die Zentrumsfrak­tion des Reichstags hat mit ihrem neuen Gesetz­entwurf dafür die Grundlagen geschaffen. Inzwi­schen wird auch die Deutsche Volkspartei erkannt haben, Latz die Deutschnationalen für ein Bündnis oder eine Koalition in der Fürstenabfindung nicht zu haben sind. Abgeordneter Graf Westarp hat in dieser Sache eine so einseitige Festlegung feiner Fraktion vorgenommcn, daß die Mtwi'kungsmöa- lichkeit der Deutschnationalen beim Fucstenkc,mvrj>- miß als ausgeschlossen bezeichnet werden muß. Der Enteignungs<n^wurf der Sozialdemokraten und Kmnm"nisten ist aber auch nicht tragbar. Aus­nahmegesetze gegen eine bestimmte Volkeichicht sind immer verfehlt und daher abzuiehnen. Oh sich aber im Reichstag «ine Mehrheit finden wird um den Kc-mprmrß, euenwell zur Annahme und damit bei der Abstimmung über den Voikseutiche v un Lande draußen mi‘ zur Abstimmung bringen zu können ers.heirtt immer noch zweifelhatt. Ob durch das geplante Eingre.fen der Reg ern rg d'e Sache glat­ter von statten t" I't, bleibt abzuwarten

Die D u e l l f r a g e hat im Reichstag vorläufig einen Abschluß gefunden. Der Rechtsausschutz des Reichstags hatte der Regierungsvorlage zugestimmt, die dem Strafgesetzbuch einen neuen Paragraphen 210 a einfügen wollte, wonach bei Duellvergehen neben den bisherigen ©trafen auf Verlust der beklei­deten öffentlichen Aemter und bei Soldaten auf Lö­sung des Dienstverhältnffses erkannt werden kann und in besonders schweren Fällen erkannt werden muß. Entsprechend sollte auch das Gesetz zur Ver­einfachung des Militärstrafrechts geändert werden. Reichspräsident von Hindenburg erklärte aber, die­ses Gesetz nicht unterschreiben zu können; die Gründe waren verfassungsrechtlicher Art. Die gesamte Reichsregierung übernahm für die Nichtunterzeich­nung die Verantwortung. Die Angelegenheit ist ge­wiß wichtig, aber doch nicht so bedeutend, um wegen

ren in vollem Umfange in Betrieb. Bemerkbar

doch noch eine friedliche Lösung der Krise herbei- | machte sich die Arbeitsruhe des 1. Mai nur in der geführt wird. Zweck der Kabinettssitzung von

Stadt einzugreifen, wo sich Kommunisten mit Fah­nen und Tafeln angesammelt hatten. 2"._ wurden durch die Polizei aufgelöst und ihnen die Fahnen und die Tafeln abgenommen. Rach poli­zeilichen Schätzungen im Laufe des Vormittags hat sich ergeben, daß 80 Prozent der Arbeiter in den Betrieben nicht erschienen waren.

In P r a g verlief der 1. Mai in vollkommener Ruhe. Die Arbeiterparteien veranstalteten mit Musikkapellen, Fahnen und Tafeln mit Aufschrif­ten Umzüge nach bestimmten Versammlungsorten.

Die Zentrumsfraktion hat durch die Abgeord­neten Herold, Blum, Brüning, Diez, Repses, Buch- holtz ufw. folgenden Antrag dem Reichstag einge­bracht,

die Reichsregierung zu ersuchen, rechtzeitig Sorge zu tragen, daß in den Wirtschaftsgebiet en, in denen nach sachverständiger Ansicht die Ber- aleichsbetriebe seitens des Reichsbewertungsrates zu hoch bewertet sind

1. diese Fehlschätzungen bei der nächsten Haupt- feftftellung beseitigt,

2. von fetten der Grundwertausschüsse diese Fehlschätzungen angemessen berücksichtigt werden, um eine zu hohe Einzelbewertung des landwirt­schaftlichen Grundbesitzes in den betreffenden Ge­bieten zu vermeiden.

Aus dem Reichstag wird uns von besonderer Seite mitgeteilt:

Gegenüber den Klagen über die Ergebnisse der jetzt vollendeten Arbeiten des Reichsbewertungs­beirates über die zu hohe Einschätzung der typischen Betriebe in den Wirtschaftsbezirken (beispielsweise in Schlesien, feifel und Hunsrück) hat die Zen- trumspartei veranlaßt, daß diese Beschwerden bei Gelegenheit der dernnächstigen Beratung über dis Ergebnisse dieser Arbeiten des Reichsbewertungs­beirates im Steuerausschuß des Reichstages zur Besprechung gelangen. Dadurch ist hie Möglichkeit einer gründlichen Prüfung der Beschwerden und ihrer Abstellung gegeben.

aber bürd) Autobusse aufrecht erhalten wurde. Die Geschäfte waren durchweg geschlossen. Die Zeitun- gen erscheinen erst wieder am Montag bezw. Diens-

ihr eine Reichspräsidentenkrise heraufzubeschwören. So einigten sich die Regierungsparteien dahin, statt der „Mußvorschrift" eine „Kannvorschrift" zu setzen. Auch in dieser Fassung ist das Gesetz em durchaus annehmbarer Fortschritt im Kampfe gegen den Duell­unfug.

Volksbegehren und Volksentscheide kosten Geld! Es ist bedauerlich, daß das nicht umgekehrt der Fall ist, sonst könnte das deutsche Volk den neuen Auf­wertungsprojekten viel eher zustimmen.

Fragt sich, ob wir mit den neuen „Volksentschei­den" überhaupt auf dem richtigen Wege sind. Solche Entscheidungen des Volkes eignen sich für einfache Fragen, wie z. B.: „Soll die Todesstrafe in Deutsch­land abgeschafft werden?" Ja ober Rein? Wenn aber bie Volksentscheide in größtem Ausmaß Fra-

Friedliche Lösung?

Aus London wird gemeldet: Man hofft jetzt, daß

gen rechtlicher und finanzieller Art zur Regelung mittag hatte die Polizei nur einmal im Westen der und Entscheidung bringen sollen, dann können und I Stabt einzugreifen, wo sich Kommunisten mit Fah- tuerben diese Abstimmungen bem beutschen Volke | s^".^nb^Tafeln angesammelt hatten. Die Züge zum Verhängnis werden. Anscheinend müssen auch "" " m '

auf diesem Gebiete erst Erfahrungen einer wenig guten Art gesammelt werden müssen, bis das deutsche Volk merkt, daß mit „Entscheidungen" allein kein Geld geschaffen werden kann.

Bleibt noch festzustellen, daß eine Reihe sozialer und kulturpolitischer Fragen ihrer Lösung harren und daß in den beteiligten Ausschüssen auch viel Ge- TOaurff* vorhanden ist. SBietteidjt fegt ein frifdjes . uu^uyt nuu, uejnmnucn K>eqammiung5orten. TOaduf erl auch hier gründlich durch unb laßt die Die Trambahn hatte den Verkehr eingestellt, her Erkenntnis reifen, daß un gegenseitigen Verstehen • ~ • - - - - - - H 1 - '

und Nachgeben ein Schlüssel zur Lösung all der nm, strittenen Fragen unserer Zeit liegt.

Soziale Krise in England.

Der Vergarberterstreik droht zum Generalstreik zu werden

nvmmen, welche öffentliche Gesundheit und Ernäh­rung betreffen. Die Gewerkschaften erklären, daß sie die Verteilung von Milch und Lebensmitteln selbst organisieren wollen.

In der Konferenz der Vollzugsausschüsse der 200 im Gewerkschaftskongreß vereinigten Gewerk­schaften erklärten sich die Delegierten von einer Reihe von Gewerkschaften, die insgesamt 3 653 527 Mitglieder vertreten, für den Streik, die Gewerk - schaftsdelegierten von Gewerkschaften, die 15 911 Mitglieder vertreten, machten Vorbehalte. Richt vertreten waren Gewerkschaften, die 319 000 Mit­glieder vertreten.

In einer im Anschluß an die Konferenz der Vollzugsausschüsse stattfindenden Versammlung der Delegierten der Bergarbeiter erklärte R o b e rt Smith, es werde alles getan werden, um noch zu einer Regelung zu kommen. Von einem Frieden um jeden Preis sei keine Rede. Er fordere alle Anwesenden auf, in ihre Bezirke zurückzukehren und die Arbeiter zu ermahnen, sich nicht durch Provokateure zu Ausschrei­tungen hinreißen zu lassen.

Die Regierung hat durch königliches Dekret einen

Ausnahmezustand

verhängt, welcher ihr das Recht gibt, mit drasti­schen Mitteln die Versorgung mit Lebensrnitteln, Wasser, Heizung und Licht sicherzustellen, wenn diese gefährdet ist. Eine solche Gefährdung ist jedoch vorerst nicht zu befürchten.

Die Gewerkschaften ermahnen ihre Arbeiter­schaft zur Ruhe, um Konstikte mit der Staats­gewalt zu vermeiden, jedoch reicht bie Erregung bis tief in bie Wurzeln des Volkes. Der Gewerk- fchaftskongreß hat den Generalrat der Gewerkschaf­ten mit unbeschränkter Vollmacht zur Ergreifung aller erforderlichen Maßnahmen aus­gerüstet, was ein einzigartiger Vorgang in der Geschichte her englischen Arbeiterbewegung ist und bisher stets von gemäßigten Elementen abgelehnt wurde.

Von dieser ultimativen Forderung bis zur Ver­wendung

Internationaler Druckmttkel

ist nur noch ein kleiner Schritt. Die englischen Gewerkschaften hatten schon im vergangenen Jahre die internationalen ^Bergarbeiter» verbände für ihre Zwecke mobil gemacht, die ihnen ein Höchstmaß an Hilfe versprachen, was praktisch darauf hinauslief, daß der englischen In­dustrie von allen europäischen Bergbauländern keine Unterstützung bei einem Generalstreik ge­währt werden sollte. Zwar würde durch den Koh­lenstreik allein keine bedrohliche Versorgungskrise in der englischen Wirtschaft eintreten; denn auf allen Zechenhalden lagern übergenug Kohlen, die auf Absatz warten. Aber die Bergarbeiter haben sich vor allen Dingen der Unterstützung der Transport-und Verkehrsarbeiter ge­schert, um zu verhindern, daß mehr als das un­umgängliche Mindestmaß von Kohle abgesetzt wer­den kann und die Grubenbesitzer in bie Länge zie­hen. bis bie Halbenbestände ausverkauft finb.

Wie der „Vorwärts" aus Bochum berichtet, hat der britische Vergarbeiterverband am Sams­tag dem Verband der

KonfliM mit vr. Reinhold.

Aus Berlin wird uns gefdjrieben:

Eine Angelegenheit, bie noch sehr böse politi­sche Folgen haben kann, ist Gegenftanb von Erör­terungen, namenllich auch in Zentrumskreisen ge­wesen. Es hanbelt sich um die Frage der Herabsetzung her Börsen nmsatz- steuer. Obwohl sich bas Zentrum stets auf das schärfste gegen diese Herabsetzung ausgesprochen und obwohl die Zentrumsmimster im Kabinett ge­gen diese Herabstgr.ng Stellung genommen haben, hat bas Kabinett gegen diese Minister die Herab­setzung nunmehr beschlossen und der Reichsfinanz­minister hat auf dem Bankiertag in Hamburg die­ses Ergebnis als einen großen Erfolg feiner Finanzpolitik gefeiert. Das Zentrum ist aber der Meinung, daß ohne eine bestimmte Garantie der Banken für die Verminderung der Zinsspanne, ganz abgesehen von dem gegenwärtig auch politisch ungeeigneten Zeitpunkt, in dem die Fürstenfrage steht, eine berarrige Maßnahme nicht vertretbar ist. Mit dem Zentrum sind die Sozialdemokraten, bie Bayerische Volkspartei und die Deutschnationalen derselben Meinung. Es wird nun beabsichtigt, diejenigen Vollmachten, die dem Reichsfinanz­minister in der Frage her Börsenumsatzsteuer, bzw. ihrer Hinaufsetzimg ober Herabsetzung gegeben würben, jetzt zu entziehen, nachdem bie Voraus­setzungen, bie damals baran geknüpft waren, näm­lich bie entsprechenbe Heraufsetzung der Zinsen, nicht erfüllt ist.

Das Zentrum stellt in erster Linie nunmehr an die Reichsregierung bie Anforberung, bie geplante Verordnung nicht zu erlassen. Sollte das aber nicht mehr rückgängig zu machen fein, bann wird bie Zentrumsfraktion in der eben gekennzeichne­ten Richtung vorgehen.

Die englischen Strbeitermaffen, vor bem Kriege wegen ihrer gemäßigten Haltung bekannt, sind im Kriege unb in ber Nachkriegszeit zu immer rabifaleren Ansichten übergegangen. Diese Erscheinung nerbient zweifellos bei ber Beurtei­lung ber sozialen Lage Europas unb ber auf die­sem Gebiete ber heutigen Zivilisation unb Wirt- schaftsorbnung brohenben Gefahren größte Be­achtung. Es handelt sich um einen sozialen Pro­zeß, ber mehr bebeutet als eine vorübergehenbe Störung ber Kohlenförderung und ihre Auswir­kungen auf Kohlenpreise und Kursstand der Ze­chenaktien. Die westeuropäische Kultur kann aus solchen Verwicklungen heraus eines Tages vor bie Hamlet-Frage gestellt werben: Sein ober nicht sein?

Ausgangspunkt der Krise ist der Kohlenberg­bau. Seit dem 1. Mai sind alle englischen Gruben stillgelegt. Die Bergarbeiter wa­ren bereit, in eine Kürzung ber Löhne ein- zuwilligen, — ein Zugeständnis, an dessen Mög­lichkeit oder Wahrscheinlichkeit noch kurz vorher kaum jemand geglaubt haben konnte; sie stellten lediglich die Bedingung, baß bie zugesagte Neu­gestaltung ber Industrie sofort beginnen solle, während Regierung unb Grubenbesitzer über bie Ausführung biefer Neugestaltung unb den Zeit­punkt ihrer Jnangriffnnahme erst noch beraten wollten. Auch bie Regierung hatte zugesichert, daß sie bie bisherigen Beihilfen noch einige Zeit wei­terzahlen wolle. Es hätte nlfo genügt, bie posi­tiven Zusicherungen auf beiden Seiten entspre­chend zu formulieren und festzustellen, baß man im Grunde weitgehend einig fei. Statt dessen ist fest- gestellt worben, über welche Punkte keine Einig­keit besteht, mit bem Erfolg, baß der Streik der Bergarbeiter ausgerufen wurde.

Dieser Streik hat an sich keine Sympathien beim englischen Volk, weil die bisherigen Löhne der Bergleute nur infolge der n a m h a f t e n R e- gierungsunterstützung möglich gewesen waren, also bis zu einem gewissen Grade von den Steuerzahlern hatten getragen werden müssen. Die bisherigen Bergarbeiterlöhne waren im Verhält­nis zur Vorkriegszeit und zu den Löhnen in an­deren Industriezweigen zwar nicht übermäßig, doch gut. Sie stammten in ber Hauptsache noch aus dem Zeitabschnitt, in dem der englische Bergbau Hochkonjunktur hatte, namentlich aus ber Zeit des Ruhreinbruchs, als ber Weltmarkt in befonberem Maße auf bie englische Kohle angewiesen war. Seitdem waren bie Löhne zwar einmal um eine Kleinigkeit revibiert worben, aber nicht in bem Maße, baß es zur Erhaltung der Ertragfähigkeit der englischen Gruben ausgereicht hätte. Die Löhne batten bereits im vergangenen Sommer wieder auf die Norm.alhöhe reduziert werden sollen, bie vor Eintritt ber Hochkonjunkturperiode gebräuchlich ge­wesen war; aber bekanntlich waren alle Versuche einer Regelung gescheitert unb bie englische Re­gierung hatte sich badurch aus der Klemme ge= sogen, daß sie feit August vorigen Jahres bie nur für englische Finanzverhältnisfe tragbare Unter« ftützungssumme von 400 Millionen Golbmark gezahlt hatte. Das war zwar wirt­schaftlich ber reine Unsinn, aber bie konservative Regierung vertraute darauf, daß während dieser neun Monate eine Lösung ber Krise gefunben wer­den könne. Dank diesem Zuschuß erzielten die Gru­benbesitzer Gewinne auf Staatskosten, soweit die Betriebe rentabel waren, und soweit feine Rein­gewinne erzielt wurtzen, brauchten wenigstens die Gruben nicht st-llgelegt zu werden. Die Bergarbei­ter dagegen erhielten durch die Großzügigkeit ber Regierung ihre Löhne nebst der Arbeitszeit ga­rantiert und brauchten nicht zu fürchten, arbeitslos zu werden, da ja die Betriebe trotz Unterbilanz weitergeführt würben. Es ist aber aus den Be­richten des vergangenen Sommers in Erinnerung, baß vor Gewährung der Staatszuschüsse bie Hälfte ber englischen Gruben mit Verlust gearbeitet hatte.

Rach ber Stillegung ber Zechen am Freitag um Mitternacht hat nun

der große engllsche Gewerkschaftskongreß am Sonntag zur Lage das Wort genommen. An seinen Verhandlungen nahmen 400 Arbeiterver­treter teil, die fünf Millionen in 200 Ge­werkschaften craanifierte Arbeiter repräsentieren. Unter diesen Gewerkschaften befindet sich die ber Eisenbahnbebiensteten, des Transportgewerbes und ber Mafchinenindustrie.

Der Gewerkschaftskongreß hat den

Generalstreik

beschlossen, ber am Montag um Mitternacht be­ginnt, wenn bis bahin keine Lösung der Bergkrise erfolgt. Alle Arbeit soll eingestellt werben, e i n- schließlich Verkehr, Druckerei, Metall­industrie. Lediglich solche Betriebe sind nusge»

... „ , „ „ Industrie, obgleich hier die Beteiligung an den

Sonntag war, die Minister mit den Ergebnissen ber I Maifeiern durchaus nicht einheitlich war. Während Beratungen bekannt zu machen, die vergangene I in manchen Werken, wie beispielsweise bei der A. Nacht zwischen Baldwin und den Vertretern des I E. G., durchschnittlich 90 Prozent ber Belegschaften Gewerkschaftskongresses geführt wurden. Man er- I feierten, wurde in anderen Betrieben in Verhältnis- wartet, daß ber Gewerkschaftskongreß sich bemüht, I mäßig starkem Umfange bie Arbeit aufreckterhal- eine Formel für bie Wiederaufnahme direkter Ver- I ten. So waren bei der Knorr-Bremse 65 Prozent Handlungen zu finden. Die Minister halten sich in I ber Arbeiterschaft erschienen. Die Bergmann-Werke Bereitschaft unb es ist ein Austausch von Meimm- I arbeiteten mit annäbernb 50 Prozent ber Beleg­gen zwischen dem Gewerkschaftskongreß unb Dow- I schäft. In ben Werkstätten ber Reichsbahn herrschte ning Street im Gange. Inzwischen herrscht in ben I zum großen Teil Arbeitsruhe.

Kohlenbezirken völlige Ruhe. In M ü n ch e n hatten die Freien Gewerkfchaf-

(Weitere Nachrichten auf der zweiten Seite.) j ten zu einer Kundgebung auf der Theresienwiese I aufgefordert, die ruhig verlaufen ist. Am Vor-

Bergarbeifct Deutschlands I ---- ™ ■■■■■■

telegraphisch von bem Ausstand im englischen Koh- I

lenbergbau benachrichtigt. Wie bas Blatt weiter I Ute lllGljßtCtn.

schreibt, wirb bie Haltung bes Bergarbeiteroer- Berlin nahm am Samstag bie Maifeier

banbes Deutschland zu diesem englischen Streik be- ber Sozialisten unb Kommunisten einen ruhigen ftimmt durch bie Brüsseler Entschließung des Exe- I Verlauf. Die kommunistische Partei hatte zu kufwausschusses ber Bsrgarberter-vMfernattonale, | einer Massenkundgebung im Lustgarten aufgefor- bie nötigenfalls eine I herf. Hier hatten sich viele Tausende eingefunden,

internationale Hilfsaktton I die unter Musik, Gesang und Emblemen herannrar-

zu Gunsten der streikenden englischen Bergarbeiter I schierten. Von mehreren Abgeordneten wurden vorsieht. Vis Sonntag abend lag beim deutschen I Reden gehalten. Die freien Gewerkschaften ner- Bergarbeiterverband noch fein diesbezüglicher An- I anftalteten in. zahlreichen Sälen Versammlungen, trog vor. | zu denen sich die Teilnehmer in geschlossenen Zügen

unter Mitführung von Musikkapellen und roten Fahnen begaben. Alle Verkehrsunternehmen wa-