Einzelbild herunterladen
 

• MM » gimeinnnimer 10 M. (mH Wffr.He?'«irie 15 Big.)

FuldaerZeitung

Nr. 96.

Anzeiger für die Stadf und den kreis Fulda. Amtliches Kreisblall.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbe-lagen: „Illustrierte Bei­lage" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernwrecher Nr- S- Monatlicher BetuaSvreis: 1.50 Mk.

Dienstag, 27. April 1926.

«ureigen- Breite: Sleinreile lEolonel) otal 0,16 Soldmar auswärts 0,20 Soldmark. Reklamereil« lokal ',6 Soldmark auswärts 0.80 Goldmark.

Bei W'ederbolunaen Rabatt. BoMcheckkonto Frankfurt a- M 4051.

Zahrg. 53.

Der deutsch-russische Neutralitätsvertrag

Per Inhalt des Vertrags. — Rußlands Stellung zu den Veltvölllern.

Der Renhspräsident hat am Samstag nach kur- gern Vortrag des Außenministers die Genehmi­gung zur Unterzeichnung des deutsch­russischen Vertrages erteilt. Das Reicks- kabinett hat gleichfalls Samstag vormittag die Zu­stimmung zu diesem Vertrag ausgesprochen. Daraus ist der deutsch-russische Vertrag noch am Samstag mittag gegen 2 Uhr unterzeichnet worden, nachdem der Reichsmmister des Aeußern vorher die Partei­führer über den Inhalt des Vertrages unterrichtet hatte. Ueber die Unterzeichnung wird folgendes amtliche Kommunique ausgegeben:

„Die Abmachungen mit der Sowjetregierung, über die bekanntlich feit längerer Zeit verhandelt worden ist, find im Laufe des heutigen Tages im Auswärtigen Amt unterzeichnet worden, und zwar auf deutscher Seite von dem Reichsminister des Auswärtigen D r. S t r e s e m a n n, auf russischer Seite von dem Botschafter Krestinski. Der Wortlaut der Abmachungen wird voraussichtlich am nächsten Dienstag veröffentlicht werden."

Gleichzeitig mit der Unterzeichnung fand der Austausch von Noten statt, in denen eine Interpretation des Vertrages, vor allem seines Derhältnisies zu den späteren deutschen Ver­pflichtungen aus idem Völkerbundspakt, gegeben wird. Der Vertrag selbst, der vier Artikel umfaßt, ist ein beschränkter Neutralitätsver­trag. Er sieht die Neutralität jedes Teils vor für den Fall eines Angriffs auf den anderen Teil, der ftotz dem friedlichen Verhalten dieses Teils unter­nommen wird. In dem Notenwechsel wird von deuffcher Seite ausdrücklich auf die Artikel 16 und 17 der Dölkerbundsfatzung und die sich daraus für Deuffchland nach feinem Eintritt ergebenden Ver­pflichtungen Bezug genommen, wobei die bekannte Erklärung über die Tragweite des Artikels 16, die die fünf Natsmächte in Locarno Deutschland gegen­über abgaben, zitiert wird. Es wird namentlich betont, daß Deutschland durch seine Aufnahme in den Dölkerbundsrat jederzeit in der Lage sei, mit darüber zu bestimmen, wer in einem Konfliktsfall als A n g r e i f e r in Betracht komme. Daß Deutsch­land den Völkerbund als Instrument und als eine Garantie des Friedens betrachtet, wird ausdrücklich ausgesprochen. Die Sowjetregierung nimmt in ihrer Antwortnote von diesen deutschen Erklärun­gen Kenntnis. In dem Notenwechsel wird gleich- zettig der baldige Abschluß eines Schiedsver­trages zwischen Deutschland und Rußland ver­einbart.

Nach der Auffaffung der Reichsregierung soll der Vertrag dem Reichstag nickt zur Ge­nehmigung sondern nur zur Kenntnis­nahme (vermutlich im Auswärtigen Ausschuß) vorgelegt werden. Nach Artikel 45 der Reichsver- fasftmg bedürfen Bündnisse und Verträge mit frem­den Staaten, die Gegenstände der Reic^gesetzgebung betreffen, der Zustimmung des Reichstages. In Regierungskreisen scheint man dazu zu neigen, den Vertrag mit Rußland nicht als einen solchen zu be­trachten, der sich auf Gegenstände der Reichsgesetz, gebuna bezieht, anscheinend auch deshalb, weil man jeden Verdacht verhüten möchte, daß der Vertrag etwa als Bündnis betrachtet werde, was er ja nicht sein soll. Ob der Reichstag in dieser verfassungs­rechtlichen Beurteilung des Vertrags der Regierung zuftimmt, steht noch dahin. Zunächst werden der Vertrag und der Notenwechsel am Montag im Auswärtigen Ausschuß erörtert werden. 1, #

Zu ton deutsch-russischen Vertrag erfahren das „Berliner Tageblatt" und der „Lokal­anzeiger", daß beide Staaten sich in dem Vertrag gegenseitige Neutralität zusichern für jeden Angriff, der nicht von einer der beiden Parteien herbeiqe- sührt ist. Die Neutralität bezieht sich auf jede ver­einbarte Form wirtschaftlicher Kriegsfiih- rung. Das im Rapallovertrag vereinbarte deutsch- russische Freundschaftsverhältnis soll durch die For- derimg der beiderseitigen Wirtschaftsbeziehungen be­kräftigt werden. Zum Ausgleich der Schwierigkei­ten ist die Bfldung einer Schiedsinstanz 'ver­einbart worden. In einer Anlage werden die ein-

zelnen Vertragsbestimmungen erläutert. In dem beigefügten Notenwechsel wird auf die Bedeutung des Art. 16 des Dölkerbundsstatuts eingegangen. Dies geschehe, wie das „Berliner Tageblatt" berich­tet, in einer Form, die sich nicht von den von deuffcher Seite bereits abgegebenen Erklärungen unterscheiden. Dem „Lokalanzeiger" zufolge soll der Vertrag durch Deutschland beim Dölkerbunds- sekretariat in Genf hinterlegt werden.

*

Aus Moskau meldet die Telegraphenagentur der Sowjetunion: In der Schlußsitzung des Zentral­exekutivkomitees der Sowjetunion, der auch der deutsche Botschafter Graf Brockdorf-Rantzau bei­wohnte, erstattete L i t w i n o s f Bericht über die auswärtige Lage, in dem es u. a heißt: Die gegen- wärtige weltpolitische Lage wird gekennzeichnet durch die Diskreditierung des Völker­bundes und die Erschütterung der Locarnopolitik bei der letzten Völkerbundstagung. Unter dem Bei­fall der Versammlung gab Littvinoff bekannt, daß der deutsch-russische Vertrag abgeschlossen wurde und erklärte: Der deutsch-russische Vertrag beruht auf der Ueberzeugung der Regierungen beider Län­der, daß es im Interesse der beiden' Länder liegt, die auf gegenseitigem Vertrauen beruhende Freund­schaft stetig zu festigen. Der Vertrag enthält keine geheimen Klauseln und es bestehen auch keine er­gänzenden geheimen Protokolle. Der Berliner Ver­trag stellt lediglich eine Präzisierung des VertragesvonRapollo dar, der feine Ent­stehung den freundschaftl chen Bestrebungen beider Länder und der Uebereinstimmung ihrer Jntercffen und gefährlicher außenpolitischer Lage verdankt, in der sich damals die beiden Länder befanden. Wenn alle Staaten der Welt eine Politik verfolgen wür­den, wie sie in dem türkisch-russischen und dem deutsch-russischen Vertrag zum Ausdruck kommt, so würde das für die S i ch e r u n g d e s W e l t f r i e- d ens unendlich mehr bedeuten, als alle bisherigen und künftigen Maßnahmen des Völkerbundes auf diesem Gebiete. Die Beantwortung der Frage, ob der Berliner Vertrag im Widerspruch zum Geiste von Locarno stünde, hängt davon ab, welchen Zweck man mit Locarno verfolgt. Wird mit Locarno die Befriedigung Europas bestrebt, so müßte jeder­mann den Abschluß des deutsch-russischen Vertrages aufs wärmste begrüßen. Wenn aber Locarno den Zweck verfolgt, einen Block gegen die Sowjetunion zu schaffen, so widerspricht der heute in Berlin unterzeichnete Vertrag einem solchen Geiste von Lo­carno. Die Gewährung von 300 Millionen Reichsmark von Deutschland an Ruß­land ist ein günstiges Anzeichen für die Feftigung der Zusammenarbeit beider Länder. Die hoben Zinsforderunaen der deuffchen Banken haben bis­her eine Realisierung dieser Kredite nock nickt er­möglicht. Die interessierten deutschen Wirtfckasts» kreise mögen in Betracht ziehen,, daß wir nicht be­liebige Kredite suchen, sondern vorteilhafte Kredite. Es ist uns nicht möglich, von Deutschland Kredite zu ungünstigen Bedingungen anmnehmen. als zu Be­dingungen von anderen Ländern. Ueber die Pa­riser Verhandlungen teilte Litwinokf mit, diese be­fänden sich im Stadium sachlicher Beratung. Von beiden Seiten seien konkrete Vorschläge ausgear­beitet worden, die aber noch weit aus-sioanderain- gen. Litwinofl wies dann auf das Erstarken der Tendenzen zu Gunsten einer Verft^ndiauna mit her Sowietunion in den Vereinigten Staaten hin. In offiziellen Nachrickten werde behauvtet. daß als Be­dingung für die Wiederaufnahme der Beziehungen und die Anerkennung einer Anleihe cm die Ka- renskiregieruna gestellt werde, daß jedoch eine wohlwollende Behandlung der Gegenansprüche der Sowietunion in Aussicht steht. Die Beziehungen zu England sind leider unverändert: doch wei­sen einige offizielle Erklärungen Snmptome einer gewissen für die Sowietunion günstigen Wendung auf. Sobald die englische Regierung Moskau die Möglichkeit gibt, sich von dem aufrichtigen Wunsch die Streitfragen zu regeln, zu überzeugen, wird die Sowietregiernng alles Erfordersiche unternehmen, um die englisch-russischen Beziehungen über den toten Punkt Hinwegzubringen.

Regierung und Zürstenvermögen.

Amtlich: Die Reichsregierung hat am Sams­tag beschlossen, den im Volksbegehren verlangten Entwurf eines Gesetzes über Enteignung der Für­stenvermögen dem Reichstage zu unterbreiten. Dem» eemäfj hat der Reichsminister des Innern eine ent­sprechende Vorlage an den Reichstag gemacht, die dort eingetroffen ist. Die Vorlage enthält einen Dcrickch der das Zustandekommen des Volksbegeh­rens feftfteilt. Dem Bericht sind vier Anlagen bei­gefügt, nämlich der Gesetzentwurf, eine Uebersicht über das Eintrageergebnis, eine Darlegung der Reichsregierung zu dem Gesetzentwurf und eine gut« gliche Aeußerung zu der Frage der Verfastungs- maßkgkeit dieses Entwurfes.

Die Darlegung der Reichsregierung führt aus: ~Die entschädigungslose Enteignung des gef amten Vermögens der Fürsten, wie sie der Entwurf oor- fleht, widerspricht den Grundsätzen, die in einem Rechtsstaate die Grundlage für jeden Gesetzgebungs- zu bilden haben. Die Reichsregierung vermag daher den Inhalt des Entwurfes nicht als brauch­bare Unterlage für die Auseinandersetzung zwischen den Ländern und den ehemals regierenden Fürsten- I mern anzusehen und spricht sich auf das Ent- I

schiedenste gegen die Annahme des Entwurfes durch den Reichstag aus. Dagegen kann nach Ansicht der Reichsregierung ein» angemessene Regelung der Auseinandersetzungsfrage nach den Grundsätzen des znrZeii der Beratung des Rechtsaus- fchuffes des Reichstages unterliegenden Entwurfs eines Gesetzes über die vermögensrechtliche Ausein­andersetzung zwischen den deutschen Ländern und den vormals regierenden Fürstenhäusern (sogenann­ter Kompromißentwurs) erfolgen. Die Regierung wird ihrerseits im Verfolg ihrer Erklärung vom 26. 1. 1926 das Zustandekommen eines Kompromißent­wurfes mit allen Mitteln fördern und hofft, daß auf diesem Wege für die Auseinandersetzung zwi­schen Fürsten und Ländern eine Rechtsgrundlage geschaffen wird, durch die sich der weitergehende Ge­setzentwurf des Volksbegehrens inhaltsich erübrigt."

_ * Sozialisten im Hungerstreik. Wie der „Vor­wärts" von der Auslandsvertretung bet russischen Sozialdemokraten in Berlin erfährt, sollen die im Gefängnis in Tobolsk (Sibirien) dort gefangenen 130 Sozialisten vor mehreren Tagen in den Hungerstreik getreten sein. Ein Gefangener sei bereits gestorben, ein zweiter liege im Sterben. Die Hun- gernden fordern Milderung des strengen Regimes, humanere Behandlung und bessere Verpflegung. .

I weg zur Erneuerung Deutschlands.

Von Abgeordneten Rndtö»Stuttgart.

Ein Sehnen nach Erneuerung, Aufstieg, geht durch unser Volk. Nach dem Zusammenbruch Preu­ßens vor mehr als einhundert Jahren rief der Phi­losoph Fichte dem deuffchen Volke zu: „Besiegt sind wir, der Kampf mit den Waffen ist geschlossen. Es erhebt sich, so wollen wir, der neue Kamps der G ru n d s ätz e, der S i 11en, des C ha r a k te r s." Mit feinen „Reden an die deutsche Nation" hat Fichte einen geistigen Umschwung herbeigeführt und starke sittliche und nationale Kräfte mobil ge­macht.

Eine Begabung mit prophetisch zündender Kraft in der späteren Zell war für das deutsche Volk auch Paul de Lagarde. Im Verlag von Erich Matthes in Leipzig hat Ludwig Schemann ein Buch über Lagarde herausgegeben, das einen stark aktuellen Inhalt gerade für die heutige Zeit tiefen Niederganges hat.

Diese Feststellung darf man in aller Unbefangen« heft machen, auch bann, wenn man grundsätzlich am System Fichtes auch Ausstellungen anmeldet.

Lagarde stammte aus Lothringen. Er war am 2. November 1827 geboren. Sein eigentlicher Name war Rötlicher; den Namen Lagarde hat er einer aus Lothringen stammenden Tante zuliebe ange­nommen. Er studierte in Berlin Theologie und orientalische Sprachen. Hier haben Jakob Grimm und Friedrich Rückert sein Leben entscheidend be­einflußt. Er wurde Privatdozent in Halle, ging zu wissenschaftlichen Studien nach London und mußte nach seiner Rückkehr nach Berlin ein Schulamt an­treten; die akademische Laufbahn war ihm verschlos. sen. Erft durch eine persönliche Eingabe an König Wilhelm wurde ihm nach Jahren der Weg für den akademischen Lehrerberuf frei gemacht; 1869 wurde er odentlicher Professor in Göttingen.

Lagarde ist eine schwer zu beurteilende Persön- sichkeit. Er war verbittert gegen sich selbst und die Welt, voll pessimistischer Stimmungen und doch voll von Begeisterung und tiefernster Reli- giösität, mögen auch deren erkenntnistheoretische Voraussetzungen von uns nicht geteilt werden kön­nen. Gerade aus feiner religiösen Entwicklung her­aus ist er zu einem gewissen Wegweiser für unsere Zeit geworden. Ein Volk ohne Religion kann nicht bestehen, hat keine Zukunft. Lagarde ruft dem ganzen deutschen Volke zu: Sucht Euer wah'es Sein im Ewigen, Göttlichen, nur bann ist Deutschlanbs Erneuerung möglich, nur bann wird der deutsche Name neu erblühen!

Wer die heutigen verworrenen Zustände in un­serem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben überblickt, der findet tatsächlich, daß das, was uns fehlt, praktisch wirksame, erlebte Religion ist, die allerdings auf den Grundsätzen der Offenbarungs­religion und des Naturrechts aufgebaut fein muß. Die christlichen Sittengesetze, die sich auf den zehn Ge­boten aufbauen, waren und sind noch heute das beste bürgerl icke Gesetz buch. Alle ande­ren Gesetze formen die göttlichen Gebote, mn sie fehlen, nicht ersetzen. Mit Polizeioerorbnungen läßt sich kein Volk zu Charakterfestigkeit, selbstae- wollter Einorbmmg in ben gesellschaftlichen Rah­men unb zur Pflichterfüllung gegenüber dem Näch­sten, der Gesellschaft unb bem Staate erziehen. La- gorbe machte Deutschlanbs Erneuerung adhängtg von der Wiedergeburt der Religion. Sein ganzes Leben war von tief ernsten religiösen Auffassungen erfüllt. Religion mar für ihn Leben, Freiheit, Durchdringung der Persönlichkeit. Lagarde sagte: „Religion ist ein Heimweh, ist die bittersüße, wie eines Atems Steigen und Fallen, rastlos durch die Seele des Kindes wehende Sehnsucht, nach Hause zu kommen."

Wie vielen evangelischen Kreisen schwebte aller­dings auch Lagarde mehr ober weniger eine beutfche Religion vor. Vielleicht fußte in biefen Gedankengängen einer der Ausgangspunkte des Kulturkampfes. Er sagte: „Unsere Aufgabe ist nicht, eine nationale Religion zu schaffen — Religionen werden nicht geschaffen, sondern offenbart —, wohl aber alles zu tun, was geeignet erscheint, einer na­tionalen Religion ben Weg zu bereiten unb die Na­tionen für die Aufnahme dieser Religion empfänglich zu machen".

Als Katholiken können wir solchen Gedan­kengängen natürlich nicht folgen. Es fragt sich aber, ob Lagarde nicht einfach zum Ausdruck hat bringen wollen, daß in der Religion eine der besten Kraft- guellen für echte und opferbereit; Vaterlandsliebe steckt, und daß durch sie ein Volk groß und stark gemacht werden kann. Dieses Gemeinsame, die Tatsache höchster Wertung echter Religiösität für das völkische und soziale Leben des deutschen Volkes, müssen auch wir immer wieder imferem Volksteil zum vollen Bewußtsein bringen. Ein religiös ein­gestelltes Volk wird Notzeiten leicher überwinden, wie ein Volk, das dem modernen Neuheidentum verfallen ist. Darin beruht auch eine der Hcmptge- fahren des Sozialismus, daß er den Wert der Re­ligion für die menschliche Gemeinschaft, wie bas so­ziale Zusammenleben- und arbeiten bis jetzt in der Hauptsache nicht erkannt und gewürdigt hat. Ein Volk, bas auf Gott vertraut, geht nicht unter.

Noch ein zweiter entscheidender Gesichtspunkt verdient hervorgehoben zu werben, ßagarbe legte größten Wert auf die b e u t s che E i n he i t! Nach ihm ist „Deuffchlanb bi; Gesamtheit alle deutsch empfindenden, deutsch denkenden, deutsch wollenden Menschen: jeder Einzelne von uns ist ein Landes­verräter, wenn er nicht in dieser Einsicht sich für die Existenz, das Glück, die Zukunft des Vaterlandes, in iebem Augenblick feine Lebens persönlich verantwort­lich erachtet, jeder Einzeln; einHeld, einBesreier, wenn er es tut." Dieses Deutschland Lagardes haben wir leider nicht: wüstes Parteigeschrei erstickt all die I

Regungen, die dem Dolksganzen zu diesen bestimmt sind; Scharfmachergeist hüben und Klassenkampf- geist drüben, konfessioneller und wirtschaftlicher Ha- der lassen vielfach vergeßen, daß wir ein Volk sind, ein gemeinsames Vaterland haben, und daß über alles Trennende hinweg uns dis Sorge um bas ganze deutsche Volk doch roteber zu­sammen führen muß.

Noch ein anderer Satz Lagardes sei zitiert: „Na­tionen enfftehen nicht durch physische Zeugung, son- der» durch historisch Ereignisse: histonsche Ereig­nisse aber unterliegen dem Walten der Vor- s e h u n g, welche ihnen ihre Wege und Ziele weist. Darum sind Nationen göttliche Einsetzung." Wer auf diesem Standpunkt steht, findet sich mit den Ereignissen unserer Zeit leichter als andere Kreise ab. Der singt voller Ueberzeugung:

O mein Christ, laß Gott nur walten, bete seine Vorsicht an.

Liebreich wird er dich erhalten, da er nichts als lieben tarnt.

Wer auf ihn sich ganz verläßt, besten Glück steht felsenfest!

So ist es im Leben des einzelnen Menschen, wie im Leben der Völker unb Nationen. Möge das deutsche Volk den Weg finden, den große Männer ihm gewiesen haben. Möge es feine sittlichen Kraft­quellen erkennen, an die deutsche Zukunft glauben, ben Pessimismus unserer Tage ablegen unb die Weisheit sich aneignen, wie man auch unter ärme­ren Verhältnissen glücklich sein kann. Nicht der Geldsack macht allein ben Wert unb das Glück eines Menschen und einer Familie aus, sondern die sitt­lichen Werte, die der einzelne und die Familie in sich trägt. Diese aber fußen in der Religion in Gott! Würde bas deutsche Volk sich auf diesem

Heben zur Lage.

Dr. Held.

3m Rahmen der in Regensburg stattfin- benben Tagung des Landesverbandes der Bayeri­schen Volkspartei sprach Ministerpräsident Held über politische Fragen. Einleitend besprach er in länge- ren Ausführungen die allgemeinen Problemen der deutschen Außenpolitik; diese zu för­dern, sei fein festes Ziel, das bet Würde des brut­schen Volkes nichts vergebe. Wenn wir allerdings, sagt; Held, nach dieser Richtung hin die deutsche Außenpolitik der letzten l'A Jahre betrachten, so kann ich nicht behaupten, daß wir eine besonders glückliche Hand hatten. Der Sicherheitspakt ist im letzten Grunde nichts anderes als eine Siche­rung der englischen Politik. Was wir bisher von Locarno erlebten, ist nur eine Kette von Enttäuschungen. Das gilt besonders für un­sere Pfalz. Der Völkerbund ist nichts anderes als ein Instrument der Siegerstaaten, um uns an di; Wand zu drücken. Deutschland kann sich außerhalb des Völkerbundes viel stärker geltend machen als es im Völkerbund möglich ist. Ich würde es für einen Fehler halten, wenn Deuffchland nur eine Westpolitik treiben wollte. Ich glaube, daß das Rußland von heute nicht das Rußland der Zu- kunft fein wird.

Den kritischen Herrn Held sollte man zum deut­schen Außenminister machen, damit er seine Bega­bung auch positiv auswirken könnte.

Graf Westarp.

Auf dem Parteitag des deutfchnationalen Lan­desverbandes Potsdam H, der in Berlin abgehal­ten wurde, hielt der Parteivorfitzende Gral Westarp eine Rede über die Ziele der Partei. Nach dem „Montag" sagte er u. a.:

Wir wollen uns mit dem der Große unb Be- beutung ber Partei entsprechenden Einfluß den u n- mittelbaren Einfluß an den Regie- rungsgeschäften erringen. Unser Ziel kann jedoch nicht durch den Eintritt in die jetzige Regie­rung erreicht werden. Auch eine Unterstützung ber jetzigen Regierung, bie es ihr ermöglicht, außen- politisch mit ben Sozialdemokraten und innenpoli­tisch in diesem oder jenen Fall mit uns zu regieren, führt nicht zum Ziele. In der Außenpolitik halten wir an der Opposition fest. (Da sind nämlich infolge des durch die kaiserliche Regierung verlorenen Krieges keine Lorbeeren zu ernten.) Die Gründe, aus denen wir noch vor kurzem die Poli­tik von Genf bekämpft unb die Zurücknahme des Anttag auf Eintritt Deutschlands in ben Völker­bund gefordert haben, sind inzwischen nicht beseitigt, sondern verschärft worden. Man mag an die Be» satzungslast oder an bie Militärkontrolle an Cham­berlains Ablehnung jeber Verkürzung der Be» satzungsftfften ober an bie fortgesetzten Bemühun­gen benfen, Deutschlands Aufnahme in den Rat durch dessen Erweiterung zu entwerten. Der jetzt bekannt gewordene deutsch-russffche Neutralitätsver­trag ändert an unserer Locarnopolitik nichts.

Zu dem Fürstenkompromiß erklärte Westarp: Bei den Verhandlungen über dieses Kom­promiß werden wir uns nicht durch die Peitsche des Volksbegehrens von unseren Grundsätzen obbringen lassen. ____________________

Die Lage in Peking.

Nach dem „Daily Telegraph« befinden sich in Peking, so wird geschäht, 280 000 Flüchtlinge. Die Lebensrnittel wurden knapper. Der Sohn t Tschangtsolins machte verjchiebenen Mitgliedern des j diplomatischen Corps offizielle Besuche, aber nicht ,ta. ber russischen Boischaft. —

---- -liq ab»

. M urtt'

* Krönung des neuen Schahs von Persien. ?c. moö.

Teheran wird gemeldet: Der neue Schah »rkw.zu- Persien, Riza Khan Päblävi, wurde mit av" Tuch, orientalischer Pracht gekrönt. 0,6 Geschst.