• MM » gimeinnnimer 10 M. (mH Wffr.He?'«irie 15 Big.)
FuldaerZeitung
Nr. 96.
Anzeiger für die Stadf und den kreis Fulda. Amtliches Kreisblall.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbe-lagen: „Illustrierte Beilage" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernwrecher Nr- S- Monatlicher BetuaSvreis: 1.50 Mk.
Dienstag, 27. April 1926.
«ureigen- Breite: Sleinreile lEolonel) otal 0,16 Soldmar auswärts 0,20 Soldmark. Reklamereil« lokal ',6 Soldmark auswärts 0.80 Goldmark.
Bei W'ederbolunaen Rabatt. BoMcheckkonto Frankfurt a- M 4051.
Zahrg. 53.
Der deutsch-russische Neutralitätsvertrag
Per Inhalt des Vertrags. — Rußlands Stellung zu den Veltvölllern.
Der Renhspräsident hat am Samstag nach kur- gern Vortrag des Außenministers die Genehmigung zur Unterzeichnung des deutschrussischen Vertrages erteilt. Das Reicks- kabinett hat gleichfalls Samstag vormittag die Zustimmung zu diesem Vertrag ausgesprochen. Daraus ist der deutsch-russische Vertrag noch am Samstag mittag gegen 2 Uhr unterzeichnet worden, nachdem der Reichsmmister des Aeußern vorher die Parteiführer über den Inhalt des Vertrages unterrichtet hatte. Ueber die Unterzeichnung wird folgendes amtliche Kommunique ausgegeben:
„Die Abmachungen mit der Sowjetregierung, über die bekanntlich feit längerer Zeit verhandelt worden ist, find im Laufe des heutigen Tages im Auswärtigen Amt unterzeichnet worden, und zwar auf deutscher Seite von dem Reichsminister des Auswärtigen D r. S t r e s e m a n n, auf russischer Seite von dem Botschafter Krestinski. Der Wortlaut der Abmachungen wird voraussichtlich am nächsten Dienstag veröffentlicht werden."
Gleichzeitig mit der Unterzeichnung fand der Austausch von Noten statt, in denen eine Interpretation des Vertrages, vor allem seines Derhältnisies zu den späteren deutschen Verpflichtungen aus idem Völkerbundspakt, gegeben wird. Der Vertrag selbst, der vier Artikel umfaßt, ist ein beschränkter Neutralitätsvertrag. Er sieht die Neutralität jedes Teils vor für den Fall eines Angriffs auf den anderen Teil, der ftotz dem friedlichen Verhalten dieses Teils unternommen wird. In dem Notenwechsel wird von deuffcher Seite ausdrücklich auf die Artikel 16 und 17 der Dölkerbundsfatzung und die sich daraus für Deuffchland nach feinem Eintritt ergebenden Verpflichtungen Bezug genommen, wobei die bekannte Erklärung über die Tragweite des Artikels 16, die die fünf Natsmächte in Locarno Deutschland gegenüber abgaben, zitiert wird. Es wird namentlich betont, daß Deutschland durch seine Aufnahme in den Dölkerbundsrat jederzeit in der Lage sei, mit darüber zu bestimmen, wer in einem Konfliktsfall als A n g r e i f e r in Betracht komme. Daß Deutschland den Völkerbund als Instrument und als eine Garantie des Friedens betrachtet, wird ausdrücklich ausgesprochen. Die Sowjetregierung nimmt in ihrer Antwortnote von diesen deutschen Erklärungen Kenntnis. In dem Notenwechsel wird gleich- zettig der baldige Abschluß eines Schiedsvertrages zwischen Deutschland und Rußland vereinbart.
Nach der Auffaffung der Reichsregierung soll der Vertrag dem Reichstag nickt zur Genehmigung sondern nur zur Kenntnisnahme (vermutlich im Auswärtigen Ausschuß) vorgelegt werden. Nach Artikel 45 der Reichsver- fasftmg bedürfen Bündnisse und Verträge mit fremden Staaten, die Gegenstände der Reic^gesetzgebung betreffen, der Zustimmung des Reichstages. In Regierungskreisen scheint man dazu zu neigen, den Vertrag mit Rußland nicht als einen solchen zu betrachten, der sich auf Gegenstände der Reichsgesetz, gebuna bezieht, anscheinend auch deshalb, weil man jeden Verdacht verhüten möchte, daß der Vertrag etwa als Bündnis betrachtet werde, was er ja nicht sein soll. Ob der Reichstag in dieser verfassungsrechtlichen Beurteilung des Vertrags der Regierung zuftimmt, steht noch dahin. Zunächst werden der Vertrag und der Notenwechsel am Montag im Auswärtigen Ausschuß erörtert werden. 1, #
Zu ton deutsch-russischen Vertrag erfahren das „Berliner Tageblatt" und der „Lokalanzeiger", daß beide Staaten sich in dem Vertrag gegenseitige Neutralität zusichern für jeden Angriff, der nicht von einer der beiden Parteien herbeiqe- sührt ist. Die Neutralität bezieht sich auf jede vereinbarte Form wirtschaftlicher Kriegsfiih- rung. Das im Rapallovertrag vereinbarte deutsch- russische Freundschaftsverhältnis soll durch die For- derimg der beiderseitigen Wirtschaftsbeziehungen bekräftigt werden. Zum Ausgleich der Schwierigkeiten ist die Bfldung einer Schiedsinstanz 'vereinbart worden. In einer Anlage werden die ein-
zelnen Vertragsbestimmungen erläutert. In dem beigefügten Notenwechsel wird auf die Bedeutung des Art. 16 des Dölkerbundsstatuts eingegangen. Dies geschehe, wie das „Berliner Tageblatt" berichtet, in einer Form, die sich nicht von den von deuffcher Seite bereits abgegebenen Erklärungen unterscheiden. Dem „Lokalanzeiger" zufolge soll der Vertrag durch Deutschland beim Dölkerbunds- sekretariat in Genf hinterlegt werden.
*
Aus Moskau meldet die Telegraphenagentur der Sowjetunion: In der Schlußsitzung des Zentralexekutivkomitees der Sowjetunion, der auch der deutsche Botschafter Graf Brockdorf-Rantzau beiwohnte, erstattete L i t w i n o s f Bericht über die auswärtige Lage, in dem es u. a heißt: Die gegen- wärtige weltpolitische Lage wird gekennzeichnet durch die Diskreditierung des Völkerbundes und die Erschütterung der Locarnopolitik bei der letzten Völkerbundstagung. Unter dem Beifall der Versammlung gab Littvinoff bekannt, daß der deutsch-russische Vertrag abgeschlossen wurde und erklärte: Der deutsch-russische Vertrag beruht auf der Ueberzeugung der Regierungen beider Länder, daß es im Interesse der beiden' Länder liegt, die auf gegenseitigem Vertrauen beruhende Freundschaft stetig zu festigen. Der Vertrag enthält keine geheimen Klauseln und es bestehen auch keine ergänzenden geheimen Protokolle. Der Berliner Vertrag stellt lediglich eine Präzisierung des VertragesvonRapollo dar, der feine Entstehung den freundschaftl chen Bestrebungen beider Länder und der Uebereinstimmung ihrer Jntercffen und gefährlicher außenpolitischer Lage verdankt, in der sich damals die beiden Länder befanden. Wenn alle Staaten der Welt eine Politik verfolgen würden, wie sie in dem türkisch-russischen und dem deutsch-russischen Vertrag zum Ausdruck kommt, so würde das für die S i ch e r u n g d e s W e l t f r i e- d ens unendlich mehr bedeuten, als alle bisherigen und künftigen Maßnahmen des Völkerbundes auf diesem Gebiete. Die Beantwortung der Frage, ob der Berliner Vertrag im Widerspruch zum Geiste von Locarno stünde, hängt davon ab, welchen Zweck man mit Locarno verfolgt. Wird mit Locarno die Befriedigung Europas bestrebt, so müßte jedermann den Abschluß des deutsch-russischen Vertrages aufs wärmste begrüßen. Wenn aber Locarno den Zweck verfolgt, einen Block gegen die Sowjetunion zu schaffen, so widerspricht der heute in Berlin unterzeichnete Vertrag einem solchen Geiste von Locarno. Die Gewährung von 300 Millionen Reichsmark von Deutschland an Rußland ist ein günstiges Anzeichen für die Feftigung der Zusammenarbeit beider Länder. Die hoben Zinsforderunaen der deuffchen Banken haben bisher eine Realisierung dieser Kredite nock nickt ermöglicht. Die interessierten deutschen Wirtfckasts» kreise mögen in Betracht ziehen,, daß wir nicht beliebige Kredite suchen, sondern vorteilhafte Kredite. Es ist uns nicht möglich, von Deutschland Kredite zu ungünstigen Bedingungen anmnehmen. als zu Bedingungen von anderen Ländern. Ueber die Pariser Verhandlungen teilte Litwinokf mit, diese befänden sich im Stadium sachlicher Beratung. Von beiden Seiten seien konkrete Vorschläge ausgearbeitet worden, die aber noch weit aus-sioanderain- gen. Litwinofl wies dann auf das Erstarken der Tendenzen zu Gunsten einer Verft^ndiauna mit her Sowietunion in den Vereinigten Staaten hin. In offiziellen Nachrickten werde behauvtet. daß als Bedingung für die Wiederaufnahme der Beziehungen und die Anerkennung einer Anleihe cm die Ka- renskiregieruna gestellt werde, daß jedoch eine wohlwollende Behandlung der Gegenansprüche der Sowietunion in Aussicht steht. Die Beziehungen zu England sind leider unverändert: doch weisen einige offizielle Erklärungen Snmptome einer gewissen für die Sowietunion günstigen Wendung auf. Sobald die englische Regierung Moskau die Möglichkeit gibt, sich von dem aufrichtigen Wunsch die Streitfragen zu regeln, zu überzeugen, wird die Sowietregiernng alles Erfordersiche unternehmen, um die englisch-russischen Beziehungen über den toten Punkt Hinwegzubringen.
Regierung und Zürstenvermögen.
Amtlich: Die Reichsregierung hat am Samstag beschlossen, den im Volksbegehren verlangten Entwurf eines Gesetzes über Enteignung der Fürstenvermögen dem Reichstage zu unterbreiten. Dem» eemäfj hat der Reichsminister des Innern eine entsprechende Vorlage an den Reichstag gemacht, die dort eingetroffen ist. Die Vorlage enthält einen Dcrickch der das Zustandekommen des Volksbegehrens feftfteilt. Dem Bericht sind vier Anlagen beigefügt, nämlich der Gesetzentwurf, eine Uebersicht über das Eintrageergebnis, eine Darlegung der Reichsregierung zu dem Gesetzentwurf und eine gut« gliche Aeußerung zu der Frage der Verfastungs- maßkgkeit dieses Entwurfes.
Die Darlegung der Reichsregierung führt aus: ~Die entschädigungslose Enteignung des gef amten Vermögens der Fürsten, wie sie der Entwurf oor- fleht, widerspricht den Grundsätzen, die in einem Rechtsstaate die Grundlage für jeden Gesetzgebungs- zu bilden haben. Die Reichsregierung vermag daher den Inhalt des Entwurfes nicht als brauchbare Unterlage für die Auseinandersetzung zwischen den Ländern und den ehemals regierenden Fürsten- I mern anzusehen und spricht sich auf das Ent- I
schiedenste gegen die Annahme des Entwurfes durch den Reichstag aus. Dagegen kann nach Ansicht der Reichsregierung ein» angemessene Regelung der Auseinandersetzungsfrage nach den Grundsätzen des znrZeii der Beratung des Rechtsaus- fchuffes des Reichstages unterliegenden Entwurfs eines Gesetzes über die vermögensrechtliche Auseinandersetzung zwischen den deutschen Ländern und den vormals regierenden Fürstenhäusern (sogenannter Kompromißentwurs) erfolgen. Die Regierung wird ihrerseits im Verfolg ihrer Erklärung vom 26. 1. 1926 das Zustandekommen eines Kompromißentwurfes mit allen Mitteln fördern und hofft, daß auf diesem Wege für die Auseinandersetzung zwischen Fürsten und Ländern eine Rechtsgrundlage geschaffen wird, durch die sich der weitergehende Gesetzentwurf des Volksbegehrens inhaltsich erübrigt."
_ * Sozialisten im Hungerstreik. Wie der „Vorwärts" von der Auslandsvertretung bet russischen Sozialdemokraten in Berlin erfährt, sollen die im Gefängnis in Tobolsk (Sibirien) dort gefangenen 130 Sozialisten vor mehreren Tagen in den Hungerstreik getreten sein. Ein Gefangener sei bereits gestorben, ein zweiter liege im Sterben. Die Hun- gernden fordern Milderung des strengen Regimes, humanere Behandlung und bessere Verpflegung. .
I weg zur Erneuerung Deutschlands.
Von Abgeordneten Rndtö»Stuttgart.
Ein Sehnen nach Erneuerung, Aufstieg, geht durch unser Volk. Nach dem Zusammenbruch Preußens vor mehr als einhundert Jahren rief der Philosoph Fichte dem deuffchen Volke zu: „Besiegt sind wir, der Kampf mit den Waffen ist geschlossen. Es erhebt sich, so wollen wir, der neue Kamps der G ru n d s ätz e, der S i 11en, des C ha r a k te r s." Mit feinen „Reden an die deutsche Nation" hat Fichte einen geistigen Umschwung herbeigeführt und starke sittliche und nationale Kräfte mobil gemacht.
Eine Begabung mit prophetisch zündender Kraft in der späteren Zell war für das deutsche Volk auch Paul de Lagarde. Im Verlag von Erich Matthes in Leipzig hat Ludwig Schemann ein Buch über Lagarde herausgegeben, das einen stark aktuellen Inhalt gerade für die heutige Zeit tiefen Niederganges hat.
Diese Feststellung darf man in aller Unbefangen« heft machen, auch bann, wenn man grundsätzlich am System Fichtes auch Ausstellungen anmeldet.
Lagarde stammte aus Lothringen. Er war am 2. November 1827 geboren. Sein eigentlicher Name war Rötlicher; den Namen Lagarde hat er einer aus Lothringen stammenden Tante zuliebe angenommen. Er studierte in Berlin Theologie und orientalische Sprachen. Hier haben Jakob Grimm und Friedrich Rückert sein Leben entscheidend beeinflußt. Er wurde Privatdozent in Halle, ging zu wissenschaftlichen Studien nach London und mußte nach seiner Rückkehr nach Berlin ein Schulamt antreten; die akademische Laufbahn war ihm verschlos. sen. Erft durch eine persönliche Eingabe an König Wilhelm wurde ihm nach Jahren der Weg für den akademischen Lehrerberuf frei gemacht; 1869 wurde er odentlicher Professor in Göttingen.
Lagarde ist eine schwer zu beurteilende Persön- sichkeit. Er war verbittert gegen sich selbst und die Welt, voll pessimistischer Stimmungen und doch voll von Begeisterung und tiefernster Reli- giösität, mögen auch deren erkenntnistheoretische Voraussetzungen von uns nicht geteilt werden können. Gerade aus feiner religiösen Entwicklung heraus ist er zu einem gewissen Wegweiser für unsere Zeit geworden. Ein Volk ohne Religion kann nicht bestehen, hat keine Zukunft. Lagarde ruft dem ganzen deutschen Volke zu: Sucht Euer wah'es Sein im Ewigen, Göttlichen, nur bann ist Deutschlanbs Erneuerung möglich, nur bann wird der deutsche Name neu erblühen!
Wer die heutigen verworrenen Zustände in unserem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben überblickt, der findet tatsächlich, daß das, was uns fehlt, praktisch wirksame, erlebte Religion ist, die allerdings auf den Grundsätzen der Offenbarungsreligion und des Naturrechts aufgebaut fein muß. Die christlichen Sittengesetze, die sich auf den zehn Geboten aufbauen, waren und sind noch heute das beste bürgerl icke Gesetz buch. Alle anderen Gesetze formen die göttlichen Gebote, mn sie fehlen, nicht ersetzen. Mit Polizeioerorbnungen läßt sich kein Volk zu Charakterfestigkeit, selbstae- wollter Einorbmmg in ben gesellschaftlichen Rahmen unb zur Pflichterfüllung gegenüber dem Nächsten, der Gesellschaft unb bem Staate erziehen. La- gorbe machte Deutschlanbs Erneuerung adhängtg von der Wiedergeburt der Religion. Sein ganzes Leben war von tief ernsten religiösen Auffassungen erfüllt. Religion mar für ihn Leben, Freiheit, Durchdringung der Persönlichkeit. Lagarde sagte: „Religion ist ein Heimweh, ist die bittersüße, wie eines Atems Steigen und Fallen, rastlos durch die Seele des Kindes wehende Sehnsucht, nach Hause zu kommen."
Wie vielen evangelischen Kreisen schwebte allerdings auch Lagarde mehr ober weniger eine beutfche Religion vor. Vielleicht fußte in biefen Gedankengängen einer der Ausgangspunkte des Kulturkampfes. Er sagte: „Unsere Aufgabe ist nicht, eine nationale Religion zu schaffen — Religionen werden nicht geschaffen, sondern offenbart —, wohl aber alles zu tun, was geeignet erscheint, einer nationalen Religion ben Weg zu bereiten unb die Nationen für die Aufnahme dieser Religion empfänglich zu machen".
Als Katholiken können wir solchen Gedankengängen natürlich nicht folgen. Es fragt sich aber, ob Lagarde nicht einfach zum Ausdruck hat bringen wollen, daß in der Religion eine der besten Kraft- guellen für echte und opferbereit; Vaterlandsliebe steckt, und daß durch sie ein Volk groß und stark gemacht werden kann. Dieses Gemeinsame, die Tatsache höchster Wertung echter Religiösität für das völkische und soziale Leben des deutschen Volkes, müssen auch wir immer wieder imferem Volksteil zum vollen Bewußtsein bringen. Ein religiös eingestelltes Volk wird Notzeiten leicher überwinden, wie ein Volk, das dem modernen Neuheidentum verfallen ist. Darin beruht auch eine der Hcmptge- fahren des Sozialismus, daß er den Wert der Religion für die menschliche Gemeinschaft, wie bas soziale Zusammenleben- und arbeiten bis jetzt in der Hauptsache nicht erkannt und gewürdigt hat. Ein Volk, bas auf Gott vertraut, geht nicht unter.
Noch ein zweiter entscheidender Gesichtspunkt verdient hervorgehoben zu werben, ßagarbe legte größten Wert auf die b e u t s che E i n he i t! Nach ihm ist „Deuffchlanb bi; Gesamtheit alle deutsch empfindenden, deutsch denkenden, deutsch wollenden Menschen: jeder Einzelne von uns ist ein Landesverräter, wenn er nicht in dieser Einsicht sich für die Existenz, das Glück, die Zukunft des Vaterlandes, in iebem Augenblick feine Lebens persönlich verantwortlich erachtet, jeder Einzeln; einHeld, einBesreier, wenn er es tut." Dieses Deutschland Lagardes haben wir leider nicht: wüstes Parteigeschrei erstickt all die I
Regungen, die dem Dolksganzen zu diesen bestimmt sind; Scharfmachergeist hüben und Klassenkampf- geist drüben, konfessioneller und wirtschaftlicher Ha- der lassen vielfach vergeßen, daß wir ein Volk sind, ein gemeinsames Vaterland haben, und daß über alles Trennende hinweg uns dis Sorge um bas ganze deutsche Volk doch roteber zusammen führen muß.
Noch ein anderer Satz Lagardes sei zitiert: „Nationen enfftehen nicht durch physische Zeugung, son- der» durch historisch Ereignisse: histonsche Ereignisse aber unterliegen dem Walten der Vor- s e h u n g, welche ihnen ihre Wege und Ziele weist. Darum sind Nationen göttliche Einsetzung." Wer auf diesem Standpunkt steht, findet sich mit den Ereignissen unserer Zeit leichter als andere Kreise ab. Der singt voller Ueberzeugung:
O mein Christ, laß Gott nur walten, bete seine Vorsicht an.
Liebreich wird er dich erhalten, da er nichts als lieben tarnt.
Wer auf ihn sich ganz verläßt, besten Glück steht felsenfest!
So ist es im Leben des einzelnen Menschen, wie im Leben der Völker unb Nationen. Möge das deutsche Volk den Weg finden, den große Männer ihm gewiesen haben. Möge es feine sittlichen Kraftquellen erkennen, an die deutsche Zukunft glauben, ben Pessimismus unserer Tage ablegen unb die Weisheit sich aneignen, wie man auch unter ärmeren Verhältnissen glücklich sein kann. Nicht der Geldsack macht allein ben Wert unb das Glück eines Menschen und einer Familie aus, sondern die sittlichen Werte, die der einzelne und die Familie in sich trägt. Diese aber fußen in der Religion in Gott! Würde bas deutsche Volk sich auf diesem
Heben zur Lage.
Dr. Held.
3m Rahmen der in Regensburg stattfin- benben Tagung des Landesverbandes der Bayerischen Volkspartei sprach Ministerpräsident Held über politische Fragen. Einleitend besprach er in länge- ren Ausführungen die allgemeinen Problemen der deutschen Außenpolitik; diese zu fördern, sei fein festes Ziel, das bet Würde des brutschen Volkes nichts vergebe. Wenn wir allerdings, sagt; Held, nach dieser Richtung hin die deutsche Außenpolitik der letzten l'A Jahre betrachten, so kann ich nicht behaupten, daß wir eine besonders glückliche Hand hatten. Der Sicherheitspakt ist im letzten Grunde nichts anderes als eine Sicherung der englischen Politik. Was wir bisher von Locarno erlebten, ist nur eine Kette von Enttäuschungen. Das gilt besonders für unsere Pfalz. Der Völkerbund ist nichts anderes als ein Instrument der Siegerstaaten, um uns an di; Wand zu drücken. Deutschland kann sich außerhalb des Völkerbundes viel stärker geltend machen als es im Völkerbund möglich ist. Ich würde es für einen Fehler halten, wenn Deuffchland nur eine Westpolitik treiben wollte. Ich glaube, daß das Rußland von heute nicht das Rußland der Zu- kunft fein wird.
Den kritischen Herrn Held sollte man zum deutschen Außenminister machen, damit er seine Begabung auch positiv auswirken könnte.
Graf Westarp.
Auf dem Parteitag des deutfchnationalen Landesverbandes Potsdam H, der in Berlin abgehalten wurde, hielt der Parteivorfitzende Gral Westarp eine Rede über die Ziele der Partei. Nach dem „Montag" sagte er u. a.:
Wir wollen uns mit dem der Große unb Be- beutung ber Partei entsprechenden Einfluß den u n- mittelbaren Einfluß an den Regie- rungsgeschäften erringen. Unser Ziel kann jedoch nicht durch den Eintritt in die jetzige Regierung erreicht werden. Auch eine Unterstützung ber jetzigen Regierung, bie es ihr ermöglicht, außen- politisch mit ben Sozialdemokraten und innenpolitisch in diesem oder jenen Fall mit uns zu regieren, führt nicht zum Ziele. In der Außenpolitik halten wir an der Opposition fest. (Da sind nämlich infolge des durch die kaiserliche Regierung verlorenen Krieges keine Lorbeeren zu ernten.) Die Gründe, aus denen wir noch vor kurzem die Politik von Genf bekämpft unb die Zurücknahme des Anttag auf Eintritt Deutschlands in ben Völkerbund gefordert haben, sind inzwischen nicht beseitigt, sondern verschärft worden. Man mag an die Be» satzungslast oder an bie Militärkontrolle an Chamberlains Ablehnung jeber Verkürzung der Be» satzungsftfften ober an bie fortgesetzten Bemühungen benfen, Deutschlands Aufnahme in den Rat durch dessen Erweiterung zu entwerten. Der jetzt bekannt gewordene deutsch-russffche Neutralitätsvertrag ändert an unserer Locarnopolitik nichts.
Zu dem Fürstenkompromiß erklärte Westarp: Bei den Verhandlungen über dieses Kompromiß werden wir uns nicht durch die Peitsche des Volksbegehrens von unseren Grundsätzen obbringen lassen. ____________________
Die Lage in Peking.
Nach dem „Daily Telegraph« befinden sich in Peking, so wird geschäht, 280 000 Flüchtlinge. Die Lebensrnittel wurden knapper. Der Sohn t Tschangtsolins machte verjchiebenen Mitgliedern des j diplomatischen Corps offizielle Besuche, aber nicht ,ta. ber russischen Boischaft. —
---- -liq ab»
. M urtt'
* Krönung des neuen Schahs von Persien. ?c. moö.
Teheran wird gemeldet: Der neue Schah »rkw.zu- Persien, Riza Khan Päblävi, wurde mit av" Tuch, orientalischer Pracht gekrönt. 0,6 Geschst.