M 95.
Sonntag, 25. April 1926.
Fuldaer Zeitung
s. Blatt.
Druck der Fuldaer Acklendruckerel, Fulda.
von der Rhön.
lieber neue Erfolge der Kultivie. r u n g s a r b e i t in der Rhön berichtet der „Wurz- burger Generalanzeiger": Das Dreiländerbergland, das sich zwischen Oberwerra, Fulda und Main mtl 90 Kilometer Länge und 50 Kilometer Breite erstreckt. gehört politisch Thüringen. Preußen und Bayern an und war lange Zeit dos Schmerzenskind der Regierungen. Heute erlebt das dünn besiedelte Gebiet einen beachtenswerten Aufschwung. Durch Bodenbereinigung ist ein sehr bedeutendes Areal für die Kultur gewonnen worden. Allein an der Nordostseite der Rhön, im Dreieck Zella, Tann, Frankenheim bezw. Fladungen handelt es sich um 8000 bis 10 000 Hektar Neugrün- land. Diese Ausdehnug der Grünlandfläche er- laubt der Rhönbevölkerung, nicht nur den eigenen Viehbestand zu erweitern, sondern auch P e ns i o ns- v i e h aus den Racbbargebieten in großem Umfange aufzunehmen. Die Rhön hat alle Aussicht, im Laufe der nächsten Jahre ein Hauptviehkammer Deutschlands zu werden. Wünschenswert wäre das Aufkommen einer bodenständ'gen Industrie der Milch Produkte nach Schweizer oder Allgäuer Vorbild, zu der alle natürlichen Bedin- gungen gegeben sind. Mit der landwirtschaftlichen Vereinigung der Höhenflächen in der Rhön geht ein systematischer Ausbau der Verkehrswege parallel. Die heute vielfach noch sackartig endenden Verkehrswege werden sich bald zu einem durchgehenden und einheitlichen Straßennetz zusammenfügen.
Luft, Sonne, Wasser.
1. Härte dich ab, aber planmäßig, ohne Uebertreibung und Uebereilung.
2. Sorge stets für ftische Luft und halte dich möglichst im Freien auf!
3. Verbringe deine freie Zeit nicht in dumpfer Stube, im Dunst und Qualm der Stadt, sondern suche die reine Luft im Wald, auf dem Wassec und auf den Bergen!
4. Hüte dich vor jäher Abkühlung in Zugluft und Wind.
5. Gönne deinem Körper möglichst oft die belebende und kräftigende Sonnenbestrahlung! Aber vergißt nicht, daß du ihn erst an sie gewöhnen mußt!
6. Beginne die Besonnung allmählich! Setze zuerst bloß einzelne Teile des Körpers den Sonnenstrahlen aus und im Umfang nur für kurze Zeit!
7. Denke stets an Schutz vor Hitzschlag und Sonnen, stich! Pralle Sonne ist für den bloßen Kopf ebenso gefährlich wie zu enge und zu warme Kleidung für den Körper.
8. Laß keine Gelegenheit zum Baden und zum Schwim. men unbenutzt.
9. Geh nie ins Wasser, wenn du erhitzt bist oder wenn du knapp vorher gegessen hast! Bleibe nicht zu lange drin!
10. Bedenke, daß du nicht allein auf der Welt bist Nacktheit ist gewiß gesund, aber du mußt sie deshalb noch nicht zur Schau tragen.
--- Berufung. Dem Prlvatoozenten an der Mar.
b u r g e r philosophischen Fakultät Dr. Johann M a n n- hardt ist ein Lehrauftrag für Grenz- und Auslandskunde erteilt worden.
Bus dem zulbaer Land.
— Petersberg. Anläßlich der Reichsgesund- yertswoche fand am 21. ds. Mts. in dem Saale des Schwesternhauses eine stark besuchte, von Herrn Lehrer Ritz geleitete Versammlung statt, zu welcher HerrLond- rat Freiherr von Gagern und Herr Kreisarzt Dr. Nobel erschienen waren. Letzterer dielt einen überaus lehrreichen, mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Tuberkulose und ihre Verhütung". Herr Landrat von Gagern wies auf den Zweck und die Ziele der ReichSgefundheitswoche hin und sprach die Hoffnung aus, daß durch dieselbe die Körperpflege und alle sani. tären Einrichtungen, welche der Körperpflege dienen, eine starke Förderung erfahren werden. In seinem Schlußworte dankte Herr Ritz den Rednern des Abends und allen, welche zu dem Gelingen des Abends beigetragen hatten, und gab dem Wunsche Ausdruck, daß die für den östlichen Teil des Kreises geplante Wasser- ■, leitung recht bald verwirklicht werden möge da dieselbe einen ganz bedeutenden Faktor für die Volksgesundheit unseres Ortes darstelle. Verschönt wurde der Abend durch vorzüglich vorgetragene Männerchöre des Gesang, verems Concordia-Petersberg und die Lichtbilder des Herrn HauptlehrerS A g r i c o l a und des Herrn Lehrers Reith von Johannesberg. Am23. ds Mts. hielt Herr Zahnarzt Dr. Sichel-Fulda ebenfalls im Scbwestern, hauSsaale für die Oberklaffen der Schulen von Lehnerz. Riesig, Margretenhaun, Almendorf und Petersberg einen beifällig aufgenommenen Vortrag über .Zahn- pflege".
— Hosenfeld. Auf vier Jahrzehnte reicher priester- llcher Tätigkeit konnte am vergangenen Sonntag unser hochw. Herr Pfarrer August Kienemund zurückblik- ken. Nach mehrjähriger Wirksamkeit als Kaplan in Fulda, Hünfeld und Eckweisbach und als Pastor der Diasporagemeinde Obernkirchen wurde ihm vor nunmehr 31 Jahren vom Hochs. Bischof Komp die Pfarrei Hosenfeld übertragen. Seit dieser Zeit verwaltete er zunächst allein, in späteren Jahren von einem Kaplan unterstützt, die aus fünf Dörfern und mehr als einem Dutzend Einzelgehöfte bestehende Pfarrei. Leid und Freud hat er in der langen Zeit mit seinen Pfarrkindern getragen, seine bei ihm lebende Mutter und zwei Schwestern zu Grabe geleitet. Sein gutes Herz ließ ihn viel Seelen- und Leibesnot lindern, und manches seiner Pfarrkinder wird ihm wegen seiner steten Hilfsbereitschaft auch in zeitlichen Dingen zu Dank verpflichtet sein. Er selber mag wohl manche Enttäuschung und manche Verkennung, aber auch viel Freude in seinem Dienste erfahren haben, da er so lange dem mißachteten Vogelsberg die Treue gehalten hat, so daß man sich die Pfarrei Hosenfeld ohne ihren alten Pfarrer vorerst gar nicht gut I denken kann. Deshalb ließen es sich seine Pfarrkinder I nicht nehmen, am Sonntag abend ihm eine bescheidene I Ehrung darzubringen. Um 8 Uhr bewegte sich ein I stattlicher Zug von über 300 Teilnehmern mit Lampions I und Fackeln in Begleitung der Musikkapellen Hosenfeld I und Jossa vom Küppel durchs Unterdorf an der zur I Erinnerung an das Silberjubiläum 1911 schön ange- 1 legten Lourdesgrotte am Fuße des Grabberges vorbei über den Kirchberg nach dem Pfarrhause. Dort leiteten Glückwunschgedichtchen aus Kindermund und ein dreistimmiger, von dem seit 36 Jahren hier tätigen Herrn Hauptlebrer B r ä h l e r eingeübter Kinderchor der hiesigen Oberklaffe die Feier ein. Herr Bürgermeister Hartung- Hosenfeld brachte die Glückwünsche der Pfarrei und überreichte ein kleines Andenken. Herr Oberlandsäger T r i st r a m ließ im Namen aller Vereine die Glückwünsche in einem herzhaften Hoch auf den Jubilanten ausklingen. Gerührt dankte dieser mit herzlichen Worten und richtete an alle Pfarrangehörigen die Bitte, weiterhin treu und friedlich zusammenzuarbeiten zum Wohle der Einzelnen und der Allgemeinheit. Das von vielen Hunderten gemeinfam gesungene Danklied „Großer Gott, wir loben Dich" beschloß die Feier. Auch Herr Landrak Freiherr v. Gagern, der schon öfter sein warmes Interesse atrrfi für d-m Voaelsberq bekundet hat und jede sich ihm bietende Gelegenheit benützt, mit den Bewobnern desselben in Verbindung zu treten, hatte schon am Mittag dem Herrn Pfarrer seine Glückwünsche persönlich ausgesprochen. Möge der hochw. Herr Jubilar sich nach lange einer gesegneten Tätigkeit im Vogelsberg erfreuen!
•
== Hanau. Auch auf dem Lande feiert der Bubikopf setzt Triumphe und manche junge Dorfschönheit läßt sich, dem Zuge der Zeit folgend, ihres Haarschmuckes berauben. Eine junge Dame aus dem benachbarten Speffartdorfe Kahl soll, wie berichtet wird, einen besonders teueren Bubikopf besitzen. Sie fuhr mit ihrem Vater nach Frankfurt zw-cks Herrichtung eines Bubikopfes. Kostenpunkt acht Mark. Bei der Heimfahrt wurden Vater und Tochter von der Dunkelheit, gleichzeitig aber auch, da sie ohne Laterne fuhren, vom Auge des Gesetzes überrascht. Kostenvunkt: je 20 Mark. Insgesamt kam also der Bubikopf auf 28 Mark zu stehen.
-------- --------■- - . - =
; Frauenhaß.
Geschichtliche Erzählung aus dem 15. Jahrhundert von Felix Nabor.
4Sf ------
„Nie!" kam es über seine Sippen; „ich kenne meine Pflicht und weiche nicht vom Platze, bis du aus deiner schmachvollen Stellung entlasten, bis du aus dem Hause meiner Väter, besten Schwelle du mit deinen sündigen Schrstten entweihst und besudelst, verjagt bist, wie es irfr — einer schamlosen Dirne — von Gottes und Rechrs wegen gebührt."
Amasia ließ blitzschnell die erhobenen Arme sinken tmb rief mit gellender Stimme: „So fei verflucht — und vernichtet l"
Mit wenig Schritten stand sie, an der Türe, riß sie auf und stürmte hinaus; da dieselbe aber kein Schloß hatte, so klammerte sie sich krampfhaft an die Klinke und zog die Tür mit aller Kraft gegen sich. Rasch riß sie ein silbernes Pfeifchen aus dem Busen, setzte es an bte Lippen und entlockte demselben einen schrillen Ton, der durch die ganze Burg gellte. Nach wenigen Sekunden flog in raschem Laufe ein brauner Bursche mit ver- schmitzton Zügen daher. „Rufe mir Rusto hierher", keuchte sie atemlos, „schnell, fliege!"
Wie ein Pfeil schoß der Bursche davon, indessen Amasia die Knie gegen die Mauer stemmte, um das Oeffnen der Türe verhindern zu können.
Unterdessen war Fortunatus ntedergekniet und betete noch einmal den Schluß des dreißigsten Pfalmes: „In Manus tuas commenda spiritum meum . . ." Dann erhob er sich und schritt langsam der Pforte zu; aber sie wurde, als er sie zu öffnen versuchte, von außen gewaltsam angezogen.
In diesem Augenblick dröhnten schwere Schritte auf dem Wege; Amasia rief laut und gellend: „Zu Hilfe! Der schamlose Mönch will mir Gewalt antun!" __Ein Riese von sieben Fuß sprang in mächtigen Sätzen über den Platz und erhob die gewaltige Faust.
.Lüge!" rief Fortunatus, der bei dem abscheulichen Verdachte, den Amasia aussprach, bis an die Sippen erblaßt war.
Ein mächtiger Faustschlag traf ihn am die Schläfen, et taumelnd übet die S usen siel und mit dem
I Rund um
Baumblüte. — Jungmädchen. — Meyer und 9 auf der 2
Liebe Leserin, lieber Leser, wenn du heute in den D-Zug steigst, dann nimm nur keinen Ullstein mit. Denn weißt du, es wäre geradezu eine Sünde, auch nur in eine Zeitung zu schauen, wo Gottes Wunderhand da draußen so herrliche Geschichten schreibt. Es ist zwar noch im April, aber der Mai ist gekommen. Ja, ob du es nun glaubst oder nicht, aber nackte Wahrheit ist es, daß sich in Freiburg im Breisgau die Johannisbeeren schon rötlich gefärbt haben. Weißt du, mir tut ja nur eines leid, daß ich nämlich die lieben Brüder und Schwestern da draußen kaum mit Namen kenne. Das hätte uns der Botaniklehrer einst doch besser einprägen sollen. Heute würde ich ihm die Prügel verzeihen, die es am Ende abgesetzt hätte, wenn mir alle die Namen hätten lernen sollen. Einige kenne ich ja. Maßliebchen, guten Tag! Auch die Sumpfdotter- blume ist mir bekannt, natürlich auch der Hahnenfuß, der Löwenzahn, ja, und da bin ich auch am Ende. Halt, was Flieder ist, weiß ich auch noch, und auch, was Jasmin, weil das nämlich sozusagen zur Poesie gehört, denn ein junges Paar sitzt bis ans Ende in einer Jasminlaube, und immer wird sich Flieder auf Lieder reimen. Mit den Bäumen geht's mir schon leichter. Ach, die jungen Birken! Das ist das allerschönste. Mußt sie anschauen, wenn sie so ein bißchen Abendgold in den Lüften hängt. Dann seh'n sie nämlich wirklich aus wie junge Mädchen. Neben dem düsteren stachlichen Tannenwald stehen sie mit ihrer sanften Neigung genau so, als wollt sie zur Hochzeitsreise und im Weggehen noch den künftigen Schwiegermüttern ein Schnippchen schlagen. Goldgelbes Haar, ob Bubikopf oder nicht Bubikopf, aber das ist doch eine Sache! Und die jungen Buchen. Sie haben mehr männlichen Charakter. Sie sind wie der Jüngling, wenn ihn das Mädel am liebsten hat. So ein feiner Flaum über die Oberlippe. Ha, meinst du, ich weiß nicht wie es um euren Geschmack bestellt ist? So ein feiner weicher Flaum wie ein Schleier über blühendes Lippenpaar ist etwas Feines. Wenn nur die Schwiegermütter nicht wären. Aber vor der Heirat sind fiie gar nicht so übel, nicht anders als nachher. Und da stehen auch die Eichen. Sie scheinen noch zu überlegen, ob sie diesen Frühling mitmachen sollen. Am Ende ist es bloß Modesache. Vielleicht hat das alles keinen Sinn. Sie wollen sich erst klar werden darüber. Es sind Professoren darunter! Und die kleinen Dirken lachen, und die jungen Buchen lachen, und Maßliebchen, und Hahnenfuß, alles lacht. Mode? Der Lenz ist halt doch etwas mehr. Nur nicht verzweifeln, Alter. Die Liebe wird immer Mode fein, und die Sonne auch. Tu nur mit. Und siehe, er überlegt sich's schon. Ein paar Knospen hat er ja. Und wo alles sich in den Lenz stürzt, da ist schließlich auch er dabei und mm ist alles grün, und alles blüht, und die ßeute sagen: Das ist die Baumblüte. Das gibt einmal Aepfel und Birnen und Kirschen und Aprikosen. Richtig, das muffen Aprikosen fein, die da so lila oder ich weiß nicht wie, am Ende ists auch rosa, in den herrschaftlichen Gärten stehen. In einem Park um das Schloß herum. Oben drauf weht ein Wimpel auf Halbmast. Den hat nämlich der Herr darauf gepflanzt, als die Franzosen nach Köln zogen und Deutschland eine Republik wurde. So sollte es bleiben, bis Barbarossa aus dem Kyffhäuser käme. Als Hindenburg gewählt wurde, da hat er den Zip- fef etwas nach oben gezogen, aber es ist immer noch Halbmast. Und weht doch so vergnügt, daß man gar nicht merkt, wo denn die Trauer eigentlich sitzt.
Da grüßt ein Acker mit freundlicher Wintersaat, nebenan geht der Bauer noch hinter dem Pflug. Schäflein schnüffeln nach zarten Grashalmen, und die Kühe übernachten auch bei uns schon draußen. In großen Runden fahren die Tauben über Land und girren und gurren: So weit seid ihr Flieger doch noch lange nicht. Wenigstens machen wir doch nicht soviel Spektakel. Der Hahn aber marschiert daher, als wollte er heute noch nach Paris und als hielte ihn einzig der Frankensturz davon ab, sich an der Seine die - nötigen Würmer zu suchen. Und die Hühner spazieren hinterdrein, als wäre jedes sein Lieblingshuhn, wo er sie doch alle
Haupte auf das harte Pflaster schlug, das sich im Augen- I blick blutig färbte.
„Elender Pfaffs!" sprach der Riese, „wart, ich will dir die Lust, deine Hand an wehrlose Frauen zu legen, vertreiben. Wer hätte auch so etwas gedacht!" fuhr er kopfschüttelnd fort, „daß ein Geweihter des Herm solche schlimme Gedanken im Haupte haben könnte."
Amasia war am Ende ihrer Kräfte; todesbleich lehnte sie an der Mauer. „Deinen Arm, Rusto", sprach sie zitternd und legte sich schwer darauf. „Laß die Ka- I pelle scharf bewachen, daß — der Elende — nicht entkommt." Schwer atmend sank sie zu Boden. Rusto nahm sie leicht wie eine Feder auf seine Arme nud trug sie in ihr Gemach.
- Wido, der Läufer, weckte den Grafen Friedrich aus dem weinschweren Schlummer; als er hörte, was geschehen war, stürmte er wild durch das Gemach und stieß fürchterliche Flüche aus.
Finster ging er selber zur Burgkaprile, die er feit Jahren nicht mehr betreten hatte; ein Gefühl der Scham überkam chn, als er die Schwelle der Türe überschritt und in das Innere trat, in dem sonst duftige Weihrauch- wölken zu der gewölbten Decke emporgeftieigen und frommer Gesang oder frommes Gebet erschallt waren Run war alles verstummt, alles verwahrlost und traurig: an ben Wänden hingen in schmutzigen Streifen die Spinngewebe an Bildern und Ornamenten und auf Bänken und Kanten lag fingerdicker Staub. War das des Hauses Heiligtum, zu dem feine Mutter so oft geschritten war, den schwarzlockigen Knaben an der Hand, der nut den großen Augen verwundert die flackernden Lichte-, die auf Goldgrund gemalten Bilder, die buntfarbigen Wappenschilder betrachtet hatte?!
Wie er pun den Bruder mit blutigem Haupt, das Angesicht von Todesblässe überzogen, daliegen sah, ohne daß ihm Hllfe zuteil wurde, da war es, als ob eine kalte Hand krampfhaft an sein pochendes Herz griff unb es umklammere, um ihm einen Tropfen Mitlew auszupressen. Denn dieses Herz war hart wie Stein unv kalt wie Stahl und so selten einer mitleidigen Regung fähig gewesen.
„Der Bruder ists", sprach Graf Friedrich leise, „ist er tot?" Er beugte sich zu ihm herab und legte ihm die Hand auf bas Herz, bas kaum hörbar pochte. „Nein", sprach er aufatmend, „er lebt unb ich hoffe, daß es mir gelingt, das entfliehende Leben zuxückzurujen. Es
die Woche.
»Iler. — Kuiisker in Ohnmacht. — Die Drossel
gleich gern hat. Und da ist wieder ein blühendes Feld, und ich möcht sie bei Namen nennen, wie Adam im Paradies jegliches Geschöpf genannt hat. Wär nur nicht der Dotanikprofessor, der es mir nicht bcigebracht hat. Er ist ja nicht Schuld, denn er hat es oft genug gesagt. Aber während er sprach, gingen wir bösen Duden hin und hängten ihm Kletten an die Rockschöße. Ach, lieber Herr Professor, warum hast du damals nicht einen kräftigen Weidenftock geschnitten und seine Elastizität auf unserem Rücken — so wollen wir einmal sagen — erprobt? Dann wüßten wir heute, wie die Familienmitglieder heißen, die in Wald und Wiese wohnen. Wenn mir nur nicht mein Feind begegnet. Ich würde ihn wahrhaftig umarmen. Ich verstehe überhaupt nicht, warum wir so steif nebeneinander hergehen, wo doch die Sonne geschwisterlich alles in ihr himmlisches Licht taucht.
Aber so sind wir Deutsche. Der eine heißt Meyer und der andere heißt Müller. Was sind mir Meyer und Müller? Ich sage lieber: Hans, Lorenz, Ferdinand, Joseph, bas ist doch etwas ganz anderes als Mener und Müller! Das ist doch persönlich. Das ist ein Ueberzieher, der paßt, und nicht ein nur so umgehängter, fremder. Und dieses „Gnädige Fräulein"! Wie fürchterlich! Sie heißt doch Gerttud, Liefet, Betty, Annemarie, meinetwegen auch Stine, Lina oder Thusnelda. Aber gnädiges Fräulein? Was fange ich damit an? So nenne ich meine Tante nicht einmal, selbst auf die Gefahr hin, daß sie noch jung ist. Menschen, die der Natur näher sind, nennen sich bei Namen. So in Rußland. Da kommt immer erst der Zuname, d. h. der persönliche Name, und dann erst das andere. Man braucht sie doch nicht gleich zu heiraten, wenn man sagt: Du meine liebe Stine! Das ist nur Lenz. Das ist nur Freude am Leben. Das ist nur so, als ob ich sage: Wunderschönes Maßliebchen! Hast so weiße Blättchen, hast so goldene Sterne! Ich werde Maßliebchen nicht heiraten, denn da müßt ich erst wissen, wie es mit dem Portemonnaie stcht...
Du lieber Himmel, ich vergesse ja ganz, daß ich über die Ereignisse der Woche berichten soll. Was ist da auch viel zu sagen? Es bleibt ja doch hinter den Kulffsen. Und es bleibt auch beim alten. Wupeifti ist wieder so weit, daß er Tschangsolin verraten tonn. Genau so weit, wie vor einem Jahr. Und der ßoearnogeift gärt auch noch immer. Ob es je ein trinkbarer Wein wird? Dann vielleicht, wenn einmal Tschitscherin und Strefernenn miteinander angestoßen. Setzt sich Mussolini dann auch noch dazu und bringt er am Ende den Negus von Abessinien mit. dann kann es gelingen, vorausgesetzt, daß es den Multimilliardären des internationalen Kapitals so gefällt . . . Kuttsker ist in Ohnmacht gefallen, und Barmat ist noch nicht fo weit. Wozu auch das alles. Lieber fingen: Alle Vöglein sind schon da .. . Lieber ein bißchen schaufeln da draußen im Gärtchen. Hauptereignis ist jetzt der Frühling. Der Herr Buchfink ist Trumvf und fein graues Gemahl. Die sind vernünftig. Sie heiraten immer nur auf einen Lenz. Aber freilich, die Jungen brauchen auch nicht aufs Gymnafium! Und fo lassen wir die Welt am besten beim Alten. Und das ist die Kunst des Menschen, daß er mit feinem Ehegesponst in jedem Frühling so luftig singt, wie ein Buchfink, wenn er die teure Gattin ruft.
Da fährt der D-Zug in die Station. Der letzte Baum, den ich sehe, ist eine riesige Trauerweide. Die wird zuerst grün und hält es aus bis zuletzt. Wehmütig läßt sie ihre nassen Zweige in die Tiefe hängen. Man meint, sie wollte sich reden Augenblick in den Weiher stürzen, an dem sie steht. Immer ist sie in Gedanken. Immer hängt ihr strähniges Haar weich und weh herab. Sie trauert nicht, sie sehnt sich nur so. Wohin? Abgrundtief dehnt sich des Himmels Sviegel im klaren Grunde. Darüber sinnt sie nach Und leise flüstern ihre Blcitt- kein ins Abendrot. Auf ihr höchstes Zweiglein aber schwingt sich die Drossel und singt ein Lenzlied — nicht von dieser Welt. . .
Der Mann im Monde.
wäre auch zu schrecklich: Brudermord! wenngleich er Frevelhaftes begangen hat. Ich tarnte aber kaum glau- ben . . . Und doch . . . alle bestätigen es . . . Wo ist die Wahrheit?"
Die Söldner, die als Wächter an der Türe standen, faßten auf Befehl des Grafen den Mönch an und tru- gen ihn eben nicht zu sanft in eins Kammer, ht der schnell ein Bett aus Decken und Kissen zurechtgemachr war.
„Wer will ben Mönch pflegen?" fragte Friedrich die Söldner. Doch keiner schien dazu bereit; sie schnitten fintiere Gesichter und senkten ihre Blicke zur Erde. „Hole mir den blonden Friedel zur Stelle, Wido. Er roirb wohl entbehrlich sein auf dem Turme!" sprach Friedrich nach einigem Sinnen. „Er scheint mir der beste oder wenigstens der teilnehmendste zu sein für einsame Kran- kenpflege. Ihr andern könnt gehen — auf eure Posten."
Friedel, der vor Sehnsucht nach seiner lieben Dirnr und vor Sorge um das Schicksal seines Herrn beinahe verging, kam eilig, aber mit trübem Gesicht in die Kam- mer und fragte nach des Grafen Befehlen.
„Hier ist ein Kranker", sprach Friedrich. „Willst du sorgen für ihn und seine Wunden pflegen?"
„Gern will ich mich des wunden Mannes erbarmen, um fo lieber, als er ein heiliges Gewand trägt und ich ben Himmel an ihm oerbienen kann."
Friebrich lächelte spöttisch vor sich hin und sprach dann falt und streng: „Sorge für ihn! Was Küche und Keller noch vermag, das soll ihm zuerst zuteil werden, damit er bald genese. Wenn er bei Kräften ist, so melde es mir." Aber leise fügte er für sich hinzu: „Er mutz fort aus der Burg — sobald als möglich. Denn Amasia — ich kenne ihren wilden Haß — würde ihn töten lassen, sobald sie gesund fft und er noch hier wäre. Und das w-.ll ich doch nicht! Aber fort — schnell fort muß er mir — in sein Kloster; da ist er hinter den dicken Mauern am besten geborgen. Ich will ihn nicht mehr sehen — mein heißes Blut könnte mich hinreißen, zu vergessen, daß er mein Bruder ist . . . Hoho! meine Brüder! Der eine schürt den Haßteufel in Henriette, meiner Todfeindin! Der andere . . . Eine schöne Brutl" Grollend und mit sich selbst zerfallen, schritt er zum Palais, um sich in sein Gemach einzuschließen und seinen finsteren Gedanken nachzuhängen.
Wochenlang lag Fortunatus, unfähig sich zu erhe- ben; die ganze Zett über hatte er den Rosenkranz mu
Oetkers
Marmeladen
zu haben in allen besseren Geschäften
Zahlreiche freiwillige Anerkennungen
den geweihten Perlen in den mageren Händen und bewegte die Lippen zu leisem Gebete ober lauschte auf die Worte Friedels, der ihm erzählte, was in der Burg vorging.
Als er endlich fein Lager verlassen und wieder gehen konnte, da schien er um Jahre gealtert; eine breite Narbe zog sich wie eine glühende Schlange über bas Haupt uns mahnte ihn durch ein feuriges Brennen an die bitteren Stunden, die er in der Burg feiner Ahnen verlebt. Friedrich ließ ihm auf die Bitte, die Kammer des Genesenden zu betreten, sagen, es sei Zeit, daß er zum Wanderstabe greife. Fortunatus schwieg dazu, aber ein bitterer Schmerz stieg in ihm empor, und ohne ben Bruder nochmals gesehen zu haben, schritt er durch bte Tore der Burg.
Don Friedel, der ihm als Begleiter beigegeben war, geführt, stieg er ben Burgberg hinab, umging aber da» Lager, bas ihm auf Dorzeigen bes Freibriefes der Gräfin Durchlaß gewährt hätte, und ließ durch einen Wachr» posten der Gräfin sagen: seine Liebesmühe sei umsonst gewesen. Er lasse sie ober bitten, nicht |bas ärgste zu tun.
16.
Der Herbst war ins Land gekommen! lieber bte leeren Felder strich ein rauher Nordwind unb an Baum unb Gesträuch färbten sich di« Blätter gelb. Bon den fruchtbeschwerten Aesten fielen bte überreifen Aepfel und Birnen in bas feuchte (Bros und an den stacheligen Schwarzbornhecken flatterten lange Streifen feiner Spinnwebschlrier; ein sicheres Zeichen, daß es zu herbsten begann. Ein feiner Regen rieselte hernieder unb setzte sich in kleinen Tröpfchen auf das ersterbende Bläk- terwerk bes Kalbes, in dem bas lustige Gezwitscher bes Bogelchores verstummt war.
Don Sonnenaufgang her näherte sich an biefem trib den Herbfttag bem Schlosse Zollern ein einsamer Reiter; diese Ostseite bes Berges würbe von bem Heer der Belagerer nicht befonbers scharf bewacht; denn kein Weg führte von ba auf die Burg unb die Felsen erhoben sich hier so schroff übereinander, daß es überflüssig schien, diese Seite bes Berges zu bewachen, die nie- manb erklimmen, von ber aus niemand herabzusteige» vermochte.
(Fortsetzung folgte