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Anzeiger für die Skadi und den Kreis Fulda. Amkliches Kreisblakt.
Nr. 84
Monatlicher SewSttrig: 1 50 Mk.
Vm den Kommunisten und den Anti-Kommunisten
Ist der Dawes-Plan durchführbar?
Dienstag, 13. April 1926.
vier Mitglieder der Moskauer Internationale nach Wien begeben hätten, um hier an einer Kommunistenkonferenz teilzunehmen, zu der auch Delegierte ] aus den baltischen Staaten, der Tschechoslowakei und Danzig erwartet würden. Die Polizeidirektion bemerkt hierzu, daß hier von einer derartigen Kon- ferenz nichts bekannt sei. Sie habe jedoch sofort entsprechende Erhebungen getroffen. Es werde nicht versäumt, für den Fall, daß sich tatsächlich fremdländische Emissäre in Wien aufhalten sollten, um hier unerwünschte Propaganda zu treiben, entsprechende Maßnahmen dagegen zu treffen.
Russischer Emigranlenkongreh.
Der russische Emigrantenkongreß in Paris hat seine Arbeiten mit einer eindrucksvollen Erklärung an die russische Nation beendet, in der er auf die neun Jahre lange Unterdrückung des rusiischen Volkes durch die blutigen Diener der kommunistischen Internationale hinweist, die, nachdem sie Rußland zerstört hätten, nun das russische Volk vernichteten. Die in Rußland und außerhalb Rußlands lebenden Russen könnten das nicht weiterhin dulden. Gemeinsam müsie man erbarmungslos den Kampf gegen die Unterdrücker führen. Die Stunde werde kommen, wo unter Führung des von allen als nationaler Führer anerkannten Großfürsten Nikolaus man in gemeinsamem Ansturm die Macht der kommunistischen Henker brechen werde. Die Gegner suchten dem russischen Volke dadurch Angst zu machen, wenn ihre Herrschaft zu Ende sei, werde ein überlebtes Regime wieder zur Herrschaft gelangen. Das sei nicht der Fall. War wollen, so heißt es in der Erklärung weiter, daß ein jeder anständig .lebt und frei seinen Religionsübungen nachkommen tarnt. Wir wollen ein gesundes Familienleben und wir wünschen, daß der Boden Eigentum desjenigen ist, der ihn bearbeitet. Erst nach Liquidierung des kommunistischen Joches wird es in Rußland selbst möglich sein, die Organisation und die Regierung des regenerierten Nationalen Rußlands aufzurichten.
wohl feine k o l o n i e n und verschiedene früher in feinem Besitz gewesene Kredite in Europa verloren. Aber die 70 Millionen des arbeitenden deutschen Bottes hätten noch Anspruch auf einen Platz an der Sonne. Die Lösung dieses Problems dürfe nicht mit Gewalt, sondern auf der Grundlage internationaler Moral und Gerechtigkeit erfolgen. Deutschland habe ein Recht, koloniale Rohstoffe für seine Industrie und einen Zugang zu den überseeischen Borräten zu fordern. Die Kolonialmächte müßten Deutschland daher wirtschofiliche Konzessionen machen, die Deutschland einen angemessenen Anteil an der Ausnutzung kolonialer Rohstoffe gewährten, ohne ihm direkt Souveränikälsrcchke in bestimmken Kolonialgebielen zu verschaffen. Fi-her trete auch nachdrücklich für eine gerechte Behandlung der deutschen Minderheiten in Europa em.
wtb London, 12 April. (Eig. Funkm.) In einem Aufsatz des »Daily Telegraph" äußert sich der frühere engsifche Mariueminister Fisher über das deutsche Problem: Deutschland habe
Wie der Havas Agentur aus Lissabon berichtet, wird der frühere portugiesische Gesandte in Berlin da Veiga Simcos, der jüngst zum Gesandten in Wien ernannt wurde, einer Ser- schwörunggegendieRegierung beschuldigt. Er wird zur Disposition gestellt.
Zriedensverhandlungen in Marokko
Der französische Krieosminister hat mit den spanischen Delegierten für die in Ujda zuiammentretendc Konferenz über die Friedensverhandlungen eine Be- sprechung gehabt, der General Simon beiwohnte. Es wurde beschlossen, daß General Simon und der zweite französische Delegierte Ponsot sich Dienstae vormittag mit den spanischen Delegierten über Madrid nach Ujba begeben sollen, wo sie am 16. 4. ein« treffen w-rden. 'Der dritte französische Delegiert, Duelos von der Verwaltung in Rabat werde sich ihnen dort anschließen.
In Ujda wird mit Abd el Krim über dev Frieden verhandelt werden.
währt wurden, spielt die Transferfrage eine wichtige Rolle Abgesehen von der ursprünglichen großen Dawes- anleihe, die die erste Hypothek darstellte. hat sich kerne verantwortliche Stelle bisher dazu geäußert, ob die Tilgung privater Anleihen auf gleicher Stufe mit den Reparationszahlungen sieht oder ob die eine oder andere | Priorität genießen. Falls die Reparationen Priorität genießen, werden Verzinsung und die Amortisation der | privaten Anleihen durch neue Auslandskredite zu bestreiten sein."
Man liest m diesem Bericht deutlich die Befürchtung heraus, daß ein Prioritätsrecht der Reparationen die Befriedigung der amerianifchen Privat- gläubiger gefährden könnte und das in Amerika ernste Schwierigkeiten bei der Durchführung des Transfer der Reparationszahlungen im ersten Nor- maljahr des Dawesplanes voraussieht. Die Transferfrage, das heißt dir Frage der Nebermittlung der Summen an die Berechtigten in fremder Währung, ist ja auch von einschneidender Bedeutung. Volkswirtschaftlich und auch weltwirtschaftlich gilt nach wie vor der alte Grundsatz, daß Zahlungen über die Grenze hinaus nur in Waren gemacht werden können, weil aus dem Export der Waren im Auslmde Gutbeben entstehen müssen, die den inneren Kapitalmarkt nicht schwächen. In Deutschland. ist die Lage in der Nachkriegszeit unglücklicherweise so, daß wir mehr importieren als exportieren und daher nahm auch das Volksvermögen so rapide ab. Die deutsche Wirtschaft müßte also unendlich viel Güter erzeugen und exportieren, um dem Da- wesplan einigermaßen gerecht zu werden.
Gegen die Erzeugung und den Verkauf dieser Güter sprechen aber zurzeit zwei wichtige Momente: Einmal liegt unser Produktionsapparat Ml, weil die Selbstkosten Deutschlands über denen anderer Länder liegen und infolgedessen für Deutschland ein Konkurrenz entsteht, der wir nicht gewachsen sind. Auf der anderen Seite erschweren aber die erhöhten Steuerlasten die Wirtschaft derart, daß es ihr tatsächlich schwer werden würde, selbst bei billigsten Rohstoffeinkäufen die Preise so zu gestalten, daß wir dem Auslandsmärkte gegenüber standhalten können. Solange Deutschlands Handelsbilanz aber passiv ist, kann es an das Ausland überhaupt nicht zahlen, und die Dawe-lasten, die ja bereits nach zwei Jahren einen Betrag von 2500 Millionen erreicht haben, können nur dann transferiert werden, wenn der Exportüberschuß vier bis fünftausend Millionen beträgt.
Roch eins kommt aber hier mit in Betracht. Das ist nämlich die Frage, daß langsam dis Weltwirtschaft wieder in das richtige Gleichmaß kommt. Das liegt nickt nur im Interesse Deutschlands, fon- dern das liegt im Interesse aller Industrieländer, also auch Frankreichs und Englands selbst. Und hier dürste die künftige W e l t w i r t s ch a f t s k o n- ferenz die Wegs in etwa ebnen. Solange nicht ein gleichmäßiger Güteraustausch stattsinden kann, solange durch die Inflation in Frankreich die Wirtschaft'der anderen Industrieländer unterboten wird, solange ist keine endgültig- Regelung des ganzen Problems des Dawesgutachtens möglich.
Severing an die Rheinländer.
Der preußische Minister des Innern hat an di, Vorstände der fünf großen Parteien des Rheinlandes nachfolgendes Schreiben gesandt:
„In der Geschichte der Besatzung des linken RheinuferS bilden die Räumung der ersten Zom und die erhebenden Räumungsveranstaltungen tv Köln, Bonn und Krefeld einen markanten Abschnitt Bei meiner Rede in der Festversammlung in Köln habe ich bereits öffentlich darauf hingewiesen, rote t« der schlimmsten Zeit gerade die Kölner die engst« Verbindung mit Reich und Staat gesichert haben. Ein bleib-ndes geschichtliches Verdienst der funs Kölner Parteiführer ist es, daß die im Rheinland maßgegebenen Parteien unv die Gewerk, chafleri in besatzungspolitischen Angelegenheiten gegenüber scharfen Drohungen und Lockungen b r Besatzunc eine einheitliche Abwehrfront gebildet hoben und keine Bevölkerungsschicht einen Sonderschrltt füt sich allein unternommen hat. Darüber hinaus haben die Kölner Parteiführer es verstanden, bei ihren freunden im besetzten Gebiet, die angesichts damaligen Besatzungs- und Separatistenterrors, der Sorge um Leben, Freiheit und das tägliche Brot in etner fast unerträglichen Lage sich befanden, das Vertrauen auf die Hilfe, die Kraft und den Zusammen hall des deutschen Volkes «zu stärken und zu bewahren. In engster Fühlung mit Land und Reich haben die Parteiführer — gemeinsam mit Reicks- und Staatshilfe — den schmalen Weg gefunden, der zur Rettung der rheinischen Heimat geführt und die Einheit von Reich und Staat gesichert hat, indem sie mit ihrem wertvollen Rai und mtt offenem Wort nie zurückhielten. In dem historischen Augenblick, in dem mit der Räumung der ersten Zone tm altbesetzten Gebiet gewisse ausländische machipoliNlche Pläne auf deutschem Boden zurückgedämmt erschetnen.
Geheimer ttommumstenkongretz in Stockholm.
Aus Stockholm wird gemeldet:
Aftonbaldet behauptet nach Nachforschungen fest- tellen zu können, daß in Stockholm während des Osterfestes ein geheimer Kommunistenkongreß abgehalten worden sei. An dem Kongreß hätten Vertreter der vier nordischen Länder, ferner Hollands und Sowjetrußlands teilgenommen. Einer der schwedischen Vertreter habe Bericht über die kommunistische Arbeit in Schweden erstattet. Er habe ausgeführt, es gebe in Schweden 8 kommunistische Zentralen und 16 Unterabteilungen. Die schwedischen Kommunisten seien außerdem in 22 militärisch organisierte Bataillone mit 28 000 Mitgliedern eingeteilt. Die meisten feien bewaffnet. Außerdem gebe es etwa 19 000 jugendliche Kommunisten, die gleichfalls militärisch organisiert seien.
Erwerb slofenunruhen in Lemberg.
In Lemberg (Polen) versuchten am Sonntag von kommunistischen Agitatoren aufgehetzte demonstrierende Erwerbslosen mehrmals das Wojewod- fchastsgebäude zu stürmen. Berittene Polizei stellte die Ordnung wieder her. 20 P e rs o n e n wurden verhaftet.
Zusammenstötze in Warschau.
wtb W arschau, 12. April. (Eig: Funkm.) Bei mehrfachen Bersuchen von meist jugendlichen Kommunisten, in den Straßen der Stadt fliegende Versammlungen abzuhallen, kam es gestern zu Zusammenstößen mit der Polizei. Heber 100 Personen wurden verhaftet.
Ein ttommunistenkongretz in Wien?
Die Korrespondenz Wilhelm meldet aus Wien: Ein Morgenblatt vom 11. d. Mts. bringt unter der Ueberschrift „Ein Kommunistenkongreß in Wien" eine Meldung aus Berlin, nach der sich aus Berlin
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbellagenr „Illustrierte Beilage" und „Bnchenblttter". Rotationsdruck und Bsrlag der Fuldaer Slctiendruckerei in lliulda. Fernsprecher Rr 9-
Mißlungene putsche.
Die griechische Militärrevolte.
Wie schon gemeldet wurde, ist der Aufstand in Saloniki, der sich gegen den griechischen Dckia.oi Pangalos richtet, schnell niedergeschlagen worden Die Führer des Aufftandes flüchteten anschemenk mit Flugzeug auf südslawisches Gebiet
Rach Meldungen der.Belgrader Presse wurdt Saloniki während des dreitägigen Kampfes zwv scheu den regierungstreuen Truppen und den Meu- ternden von zahlreichen Flugzeugen überflogen, dn die Stadt bombardierten. Ungefahr 20! Personen, darunter Frauen und Kinder, sollen getötet oder verletzt worden fein. Die Zahl det Todesopfer wird streng geheim gehalten. D« krieqsgericktliche Verhandlung gegen die verhaftete, und nach Athen gebrachten Führer der Meuter« findet alsbald statt,
Ein Aufstandsversuch In Portugal.
Rach einer vom Journal wiedergegebenen Meldung aus Vigo soll in Lissabon ein neuer. Aufstandsversuch mißlungen fein. Die Aufständischen die der radikalen Partei angehören, hätten bte Absicht gehabt, die Festung San Jose zu nehmen, un? alsdann gegen den Palast Belem zu marschieren Die Regierung sei zweifellos über diesen Aus- standsversuch unterrichtet gewesen. Sie habe du Bereitstellung von Truppen und Polizei angeordnet Der Ministerpräsident und der Kriegsminister hättet sich zum Palais des Gouverneurs begeben, von rot aus sie ihre Anordnungen ergehen kießen. Die sofortige Schließung der Cafes und Klubs fei ungeordnet worden. Um drei Uhr früh fei die Ruhl wieder vollkommen hergeftellt worden.
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Vie Meersahü Mussolini?.
Mussolini hat nach seiner Ankunft in Afrika das Wort zu mehreren Reden ergriffen. Mussolinis erste Botschaft an Tripolis war die Antwort auf die Begrüßungsansvrache des Gouverneurs de Bonno. Mussolini sagte: t
Ich betrete alten italienischen' Boden. Don Afrika ging einst das italienische Imperium aus, als I u l i u s C a s a r aus Aegypten nach Rom zu- rückkehrte. Wir wollen diese Tatsache als die Bürgschaft einer großen Zukunft nehmen.
Nach dem „(Sortiere" sagte Mussolini auf dem Bankett bei de Bonno:
„Das Mittelmeer war schon einmal ein römisches Meer. Ich hoffe die Wiederkehr dieser Zeit zu erleben."
Nach einer Truppenschau begab sich Mussolini zu Pferde auf den Marktplatz von Tripolis und hielt an die arabische Bevölkerung eine Rede, die sofort ins Arabische übersetzt wurde und von der Menge mit Hochrufen auf den König und Mussolini beantwortet wurde: Es heißt darin u. a.: Die Regierung wünscht, daß dieses Land, in dem die unsterblichen Spuren Roms so zahlreich sind, in Zukunft reich, blühend und glücklich sei. („Ich führe Euch herrlichen Zeiten entgegen"!) Nach feiner Rede empfing Mussolini u a. die Regierungsbeamten. Abordnungen der Armee und der Marine, sowie der Gemeindeverwaltung, die konsularischen Vertreter der ausländischen Staaten. Spater hielt Mussolini vom Balkon des Regierungsgebäudes eine weitere Rede, die sich an die Faszisten von Tripolis richtete. Er sagte u. a.: „Meine Reise darf nicht als eine einfache Derwal- tungshandlung ausgelegt werden. Ich fasse sie als eine BetätigungderKraftdesitalieni- ichen Volkes auf, als eine Bekundung der Macht des Volkes, das feine Herkunft von Rom ableitet. Es ist das Schicksal, welches uns in diese Lande treibt. Niemand kann das Schicksal aufhalten und besonders kann niemand unseren unerschütterlichen Willen brechen."
In der „K. V." lesen roir:
Eine Irländerin adeligen Geblüts hak auf Mussolini geschossen. Auch dieser zweite Anschlag auf den italienischen Diktator ist gut abgelaufen; die Kugel hat ihm ledigick die Nasenwand durchschagen. Die Sache macht natürlich einige Sensation, zumal die Aufmerksamkeit der Welt, verstärkt durch mancherlei Reden des Duce, der eine demonstrative Meerfahrt auf gepanzertem Schiff unternimmt, wie durch andere Vorgänge ohnehin -in besonderem Maße auf das faschistische Italien und seinen Herzog gerichtet ist. Aber politische Folgen wird der Anschlag nicht haben. Keine innerpolitffchen, denn die fünfUgjährige Dame, die ihn verübte, ist Ausländerin; aber auch keine außenpolitischen, denn übereinstimmend wird sie als eine arme Geistesgestörte bezeichnet. Immerhin mag es einer ruhigen Behandlung des Zwischenfalls in der faschistischen Presse zum besonderen Vorteil gereichen, daß Miß Gibson keine Deutsche, keine Oesterreicherin ist. So wird der Zwischenfall vielleicht keine weitere Wirkung haben, als daß er die Aufmerksamkeit etwas von dem Matteottivrozeß und von dem Rücktritt des bisherigen „Vizeduce", des Generalsekretärs Farmacci, ablenkt, dessen eigentliche Ursachen sehr im Dunkel liegen, aber gerade desl-alb viele Köpfe mck Federn in Bewegung setzten. Dagegen erhält auf dem Hintergründe der wi-ederum glücklich bestandenen Lebensgefahr die Meerfahrt Mussolinis ein um so wirkungsvolleres Relief.
Der Diktator hat in einer Variante des bekannten Ausspruchs Wilhelm H. erklärt, d i e Zukunft Italiens liege auf dem Meere, aber sogleich beigefügt, er wolle nickt kopieren. Man kann m der Tat Wilhelm H. nicht gut mit Mussolini verwechseln, aber Mussolini fühlte doch offenbar, daß manches in seinen Gesten und Worten Erinnerungen und Vergleiche begünstigt hat, die ihm nicht übermäßig angenehm sein konnten, utzd auch manche, die des neuen Cäsars Tatkraft und Glück ehrlich eine sehr hohe Meinung haben, zu der Frage drängten, ob unter so aggressiv-selbstbewußter Führung Italien nicht doch auf einen Weg geraten könnte, der dem wilhelminischen Deutschland schließlich ve r h ä n g n i s o o l l geworden ist. Als „der Admiral des Atlantischen Ozeans den Admiral des Stillen Ozeans" grüßte, da bereitete fick die Kata- lstrophe bereits vor, die mit der Unwahrheit theatralischer Gesten auch das, was an Deutschlands Drang zum offenen Weltmeer wahr und berechtigt ist und bleibt, für lange Zeit in die Tiefe riß. Es ist eine Pflicht gegen uns selbst und keinerlei Unfreundlichkeit gegen andere, wenn wir als Ergebnis bitterer Erfahrungen dieses festhalten. Gerade Deutschland und Italien sind in ähnlicher Lage, und man fjat daher in Deutschland Verständnis für alles, was an den Wünschen Italiens berechtigt ist. Wie Deutschland, so liegt Italien an einem Binnenmeer; wie das deutsche Volk, braucht das italienische für den Fleiß feiner Hände wie für den Ueberschuh an Menschen, den die Heimat allein nicht ernähren kann, freien Weg nach außen und Möglichkeiten der Siedelung, welche die Wahrung seines Volkstums gestatten. Daß diesen berechtigten Bestrebungen in den gegebenen Verhältnissen Grenzen gesetzt sind, mag uns nach den harten Erfahrungen des Krieges und des kriegerischen Friedens stärker bewußt fein als den leicht begeisterten Scharen, die Mussolini zu- jube(n. Wir möchten aber doch glauben, daß ihm selbst trotz der starken Gesten, die er liebt und vielleicht für den innerpolitischen Gebrauch nötig hat, die kalte realpolitische Erkenntnis jener ©rennen, nicht fehlt. Er wird den Sperling,-der seiner Hand erreichbar ist, wohl nicht verschmähen, um nach den Tauben auf dem Dache zu greifen, von denen er. annehmen mag, daß sie später einmal in greifbarerer Dühe anzutreffen fein werden.
Don einem außenpolitischen Mitarbeiter wird uns geschrieben:
Der Dawesplan muß als Versuch größten Stils angesehen werden, ein Problem zu lösen, das in feinem Ausmaße alles bisher Bekannte auf diesem Gebiete bei weitem überragt. Dieses Problem lautet, auf welche Weise ist es möglich, aus Deutschland den nach seinem Volkswohlstand irgendwie erreichbaren Geldbetrag herauszuziehen, um damit die ausländischen Gläubiger zu befriedigen.
Es handelt sich, hier um ein national wirtschaftliches und zugleich hochbedeutsames politisches Problem. Die- Urheber des Dawesplanes glaubten, in diesem Plan ein Mittel gefunden zu haben, um ohne Störung des wirtschaftlichen und sozialen Gleickgewichts in Deutschland einen möglichst großen Erfolg zu erzielen. Zugleich glaubten sie auch die nötigen Sicherheitsmaßnahmen getroffen zu haben, um die Gefahren des unermeßlichen Drucks, der auf der deutschen Wirtschaft ruht, zu bannen. Der Dawesplan ist gerade in Deutschland vielfach angegriffen worden. Bisher sehr zu unrecht, denn seine eigentlichen Auswirkungen sind noch gar nicht in die Erscheinung getreten, während die Vorteile, die von ihm ausgingen, bis jetzt unleugbar waren. Denn nicht fortleugnen läßt sich das eine, daß der Plan die Grundlage geschaffen hat für die Gesundung unserer Währung und die Ordnung unseres Reichshaushalts. Zugleich hat er das 'Reparationsproblem zum mindesten nicht zu ungunsten Deutschlands zu lösen versucht und das eine Gute mit sich geführt, daß die Sanktionen, die bisher stets wie ein drohendes Schwert über Deutschland herabhingen, und die deutsche Wirtschaft. auch vom Ausland aus gesehen, mit einer gewissen Unsicherheit umgaben, unmöglich geworden sind. , __
Der Plan sah zudem für Deutschland einmal eine Ruhe- und Erholungspause von etwa drei Jahren vor. Diese Ruhepause neigt sich jetzt langsam dem Ende zu und so ist es kein Wunder, daß allmählich gerade wieder im Auslande die Diskussion entsteht, und die Besorgnisse wachsen, ob die Voraussetzungen, von denen der Plan ausgeht, zutreffend sind ober nicht, um eine Gesundung der Weltverhältnisse, die ohne eine Gesundung der deutschen Wirtschaftslage nicht denkbar ist, sich mit dem Plane vereinbaren läßt. Zwei Fragen stehen im Vordergründe der Erörterungen: Nämlich einmal die Frage, ob dem Prioritätsanspruch, den Deutschlands Gläubiger auf die Reparationszahlungen haben, auch gegenüber ausländischen Privatinvestierungen Deutschland gegenüber unbedingt Geltung verschafft werden würde. Das ist natürlich gerade für Amerika eine brennende Frage, weil Amerika immer mehr Kapital in Deutschland investiert und weil Amerika Deutschland immer mehr Kredite gegeben hat. Die Frage ist deshalb auch brennend, weil damit überhaupt die volle Kreditwürdigkeit Deutschlands in engstem Zusammenhänge steht. Hier ist von Interesse der Bericht der Internationalen HaiÄ>elskammer, der einflußreichsten amerikanischen Wirtschaftsorganisation, die bekanntlich auch mit- zu den Urhebern des Dawesplanes gehört. In diesem Bericht heißt es wörtlich:
„Bei'Berzmsung und Tilgung der Ausländsanleihen, die von privaten ausländischen Inheftiiatoren, sowohl privaten als auch m-LierunaSitellen, in Deutschland ae»