aerZettung
Anzeiger für die Stabt und den Kreis Fulda. Amtliches Kreisblalt.
53. Zahrg.
Freitag, 9. April 1926.
Nr. 81
Iie Reden bei Hindenburgs MlitSrjubilaum
Abends fand ein gemeinsames Esten statt, dem zahlreiche alte Kameraden, die Abordnung der Traditionstruppenteile, die Generalität der Reichswehr und di? leitenden Offiziere des Reichswehrministeriums sowie die -Führer der Dereinsabordnungen beiwohnten.
Während der Feier im Reichspräsidentenpalast versammelten sich sine große Menschenmenge vor dem Hause, die stürmisch den Reichspräsidenten zu sehen begehrte. Der Reichspräsident zeigte sich mehrmals auf dem Balkon, wobei er durch begeisterte Zurufe begrüßt wurde. Auch wurden die Nationalhymne und andere vaterländisch? Lieder gesungen.
Dem Reichspräsidenten sind Tausende von schriftlichen und telegraphischen Glückwünschen aus dem In- und Auslande zugsgangen. U. a. haben Glückwünsche übermittelt deutsche Fürstlichkeiten, die Führer des deutschen Heeres im Weltkriege, die Regierungen von Preußen, Bayern, Württemberg, Baden und anderen Ländern, die Oberbürgermeister fast aller großen deutschen Städte sowie zahlreiche führende Persönlichkeiten des deutschen Wirtschaftslebens, der Presse, der Politik, der Wissenschaft, des Roten Kreuzes und zahlreiche Ausländsdeutsche und deutsche Vereine im Auslande. Der Präsident der Freien Stadt Danzig erinnert in seinem Glückwunschschreiben daran, daß Hindenburg seine militärische Laufbahn vor 60 Jahren in Danzig begann. Vom diplomatstchen Korps haben Nuntius Pace l l i und der türkische Botschafter Kemaleddin Vascha brieflich, der englische Botschafter und seine Gemahlin, ferner der spanische, der russische, der französische und der italienische Botschafter und die Missionschefs zahlreicher Gesandtschaften durch persönliche Besuche beut' Reichspräsidenten Gratulationen übermittelt.
Der Glückwunsch des Erzbischofs Schutte.
wtb Berlin, 8. April. (Eig. Funkm.) Kardinal- Erzbischof Schulte hat an den Herrn Reichspräsidenten zu seinem Militärsubiläum folgendes Glückwunschtelegramm gesandt: „Dom hohen Dom zu Köln am Rhein wünscht dem Vater des Vaterlandes Glück und Segen vom Allerhöchsten. Kardinal Schulte."
Dank des keichspräsidsnten.
Das Büro des Reichspräsidenten gibt folgendes bekannt: Anläßlich seines 60jährigen Militärjubiläums find dem Herrn Reichspräsidenten aus allen' Gebieten des deutschen Reiches und auch von zahl- reickten Deutschen aus dem Auslande Glückwünsche in überaus großer Fülle zugegangen. Zu seinem Bedauern erlauben die Amtsgeschäfte dem Herrn Reichspräsidenten nicht, die Zuschriften und Telegramme einzeln zu beantworten. Er bitte deshalb alle, die an diesem Tag? freundlich seiner gedacht haben, seinen herzlichen Dank auf diesem Wege entgegen zu nehmen.
Problem sei verwickett und die Eröffnung von Verhandlungen schließe einen militärischen Waffenstillstand in sich mit gewißen strategischen elementaren Sicherheitsmaßnahmen für den Fall, daß die Verhandlungen scheitern sollten. Es sei noch nicht festgestellt worden, wann und wo diese stattfinden sollen. Die politischen wie territorialen Friedensbedingungen selbst wurden durch das Abkommen von Madrid geregelt. Davon sei nichts zurückzunehmen.
Das unruhige Indien.
Neue Unruhemeldungen aus Kalkutta.
Bei einem Streik von mehreren Tausend Baum- Wollarbeitern in Guripur bei Kalkutta, der wegen tödlicher Mißhandlung eines Kulis durch einen Europäer ausgebrochen war, wurden von streikenden Arbeitern vier Europäer verwundet. Truppen halten die Ordnung aufrecht.
Friede mit 5lbd el Krim?
wtb Paris, 8. April. (Eig. Funkm.f Havas veröffentlicht eine offenbar halbamtliche ZRiffei- lung, in der es heißt, die Veröffentlichung unrichtiger oder tendenziöser Rachrichten hätten in Spanien den Eindruck eines unabhängigen Vorgehens Frankreichs in der Anbahnung von Friedensverhandlunaen mit Abd el Krim gemacht. Diese Mißverständnisse schienen durch diplomatische Tätigkeil zwischen Paris und Madrid beseitigt zu sein. Pis seht könne von eigentlichen Friedensverbandlungen nicht gesprochen werden. Jüngst habe ein Kaid die französischen Linien überschritten, um den Franzosen mitzuteilen, daß Abd el Krim bereit sei, Vertreter zn entsenden, um die Friedcnsbcdingungen zu erörtern. Diese Angelegenheit habe diesmal ein ernsteres Gepräge erhallen als bei den mehr oder weniger offiziell von Abd el Krim beauftragten Europäern. Aber das
versieht, daß sie stets der Taten der Däter würdig sein wird.
Gemeinsam, als Kameraden, wollen wir uns zu Deutschland bekennen, indem wir rufen: Unser geliebtes, teures Vaterland, Hurra!" x
Der offizielle Bericht, der über die Feier aus- gegeben wird, verzeichnet noch Dankesworte, die Hindenburg an die Abordnungen der k a me r a d - schaftlichen Verbände und Krieger- d ? re i n e richtete. Hindenburg erklärte:
„Die Kameradschaft, wie wir sie immer verstanden haben, bedeutet Zusammenhalt und Eimgkeikt. Diese Einigkeit tut uns gerade jetzt besonders not, wo unser Volk in Gefahr ist, sich in Tageskämpfen politischer und konfessioneller Gegensätze zu zersplittern und zu schwächen. Wir können nur wieder groß und stark werden und in der Welt zu Ehren kommen, wenn wir uns in solchem Zusammenhalten begegnen. Dazu mitzuhelfen sind gerade Sie berufen, die Sie sich zum Geist der Kameradschaft bekennen. Mit diesem Wunsche sage ich Ihnen nochmals meinen herzlichen Dank für Ihr so freundliches Meingedenken!"
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Prozesse.
Aus Dresden wird gemeldet: Wegen der Unterschlagungen beim sächsischen Volksopfer wurden der Syndikus Dr. Meißner zu vier Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust, der Geschäftsführer Hauptmann a. D. Löffler zu zwei Jahren Gefängnis und drei Jahren Ehrverlust, der Buchhalter und Kassierer Gründel zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.
In der Begründung wurde hervorgehoben, daß die Angeklagten, vor allem die beiden Hauptangeklagten, den Charakter des Sächsischen Dolksopfers genau gekannt hätten, daß es ein Herein zur Linderung der dringendsten Not gewesen sei. Die Angeklagten hatten gewußt, daß die Gelder ausschließlich für die Armen bestimmt gewesen seien, und, erklärte der Vorsitzende, ^die Tat ist so schändlich und so gemein, daß nur eine ganz schwere Strafe als Sühne für diese verbrecherische Handlung in Frage kommen konnte." Die beiden Hauptangeklagten hätten durchaus nicht aus idealen Gründen gehandelt, sondern nur um ihre persönlichen Ziele zu verfolgen Dr. Meißner habe den Ehrgeiz gehabt, sich zum Führer des deutschen Volkes aufzuwerfen, ohne dazu befähigt zu sein. Er wollte sich in weiten Kreisen bekannt machen, um eine möglichst bohe politische Stellung, womöglich als Innen- oder Außenminister zu erringen. In Anbetracht der furchtbaren Niedrigkeit der Handlung habe das Gericht auch
Ehrverlust erkennen müssen. #
In dem Prozeß gegen den früheren Siaatsanwalts- «siesior K u ß m a n n und den Major a. D. Knoll bean- ^ogte Oberstaatsanwalt Tetzlasi gegen den Angeklagten 5utoli wegen Aktenbeseitigung in drei Fällen und Haus- lriedensbruch eine Gesamtstrafe von zwei Monaten, Swe, Wochen Gefängnis, gegen Kußmann wegen Akten»
Kille alte Engländerin schient ans Mussolini.
Der italienische Diktator an der Nase verwundet. — Zaristische Ausschreitungen. — Die Reise nach Tripolis
Rach dem militärischen Schauspiel vor dem Palais des Reichspräsidenten, das im Aufmarsch des Wachregiments Berlin vor Hindenburg seinen Höhepunkt hatte, sand Empfang bei Hindenburg statt.
Als Vertreter der Wehrmacht der Republik richtete Reichswehrminister Dr. G e ß l e r an den Reichspräsidenten folgende Glückwunschworte:
Heute jährt es sich zum 60. Male, daß Sie, Herr Reichspräsident, in die preußische Armee eingetreten sind. An diesem Gedenktage nimmt die junge Wehrmacht des Reiches den herzlichsten Anteil, und es ist mir eine hohe Ehre, in dem Saale, in dem Sie die Fahnen der Regimenter grüßen, in denen Sie gestanden haben, ihre ehrerbietigsten und aufrichtigsten Glückwünsche überbringen zu dürfen. Nicht nur, weil Sie traft Ihres hohen Amtes an der Spitze der deutschen Republik unser Oberbefehlshaber sind, sondern vor allem, weil wir in Ihrem Leben, das eine der ruhmreichsten Epochen der deutschen Geschichte er- füllt, die Verkörperung der höchsten militärischen Tu- flenben sehen. Der Tugenden, auf denen die bewun- dernswerten Leistungen der alten Armee beruhten und die zu pflegen die oberste Pflicht der Reichswehr, der Erbin dieser hohen Tradition, sein muß, wenn sie die Erwartungen unseres Vaterlandes erfüllen soll. Diese Tugenden aber haben immer und überall geheißen und werden immer und überall heißen, solange es brave und ehrliebende Soldaten gibt: Pflichttreue, Tapferkeit, Vaterlandsliebe.
Die denkwürdigen Tage Ihres Lebens, die für immer der Wellgeschichte angehören, Haden sich mit diesen Tugenden zu einem goldenen Kranze gewoben und haben Ihnen nicht nur die Liebe und Verehrung von Volk und Heer, sondern auch die Achtuna und Bewunderung der Welt verschafft. Sollen wir Ihnen mehr danken für die stolzen Siege, die Ehrentage der deutschen Waffen, oder für den Heldenmut in den Tagen des Unglücks und der Niederlage, wo so viele sich an Ihrem Beispiel der Vilicbterfüllung bis zum Letzten aufrichteten?
Wir haben heute ein Recht, unsere Blicke mit Stolz und Dankbarkeit auf den Feldmarschall des alten und .Oberbefehlshaber des neuen Heeres zu richten, und wir richten die heiße Bitte zum Himmel, daß (Sott Sie, Herr Reichspräsident, als großes Vorbild dem Heere und als treuen Führer dem Daterlande noch recht lange erhalten möge!"
Reichspräsident v. Hindenburg erwiderte mit herzlichen Dankesworten und erklärte, er entnehme aus der Ansprache Geßlers mit besonderer Befriedigung die „Zusicherung, daß dte Reichswehr sich als Erbin der hohen Tradition der alten Armee fühle und es als ihre oberste Pflicht empfinde, die Tugenden, die unser alles Heer beseelten, zu pflegen". Weiter sagte Hindenburg:
„Sie werden es mir altem Soldaten nicht verdenken, daß ich heute, umgeben von diesen ehrwürdigen, ruhmbedeckten Feldzeichen, unter denen ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe, in wehmütiger, schmerzlicher Erinnerung an die stolze alte Armee zurückdenke. Sie war ein Volksheer, das nicht nur seinen Zweck, das Vaterland zu schützen, ehrenvoll erfüllt hat, sondern darüber hinaus eine Crziehungsstätte für unser ganzes Volk war, eine hohe Schule der Pflichterfüllung und der Vaterlandsliebe. Was wir an ihr verloren haben, können wir in feiner vollen Bedeutung erst jetzt empfinden, wo sie, nicht mehr ist. Die neueWehr- macht des Reichs, deren Vertreter ich hier vor mir sehe, mußte auf anderer Grundlage errichtet werden: Nur gering ist ihre Stärke, und an die Stelle der Ehrenpflicht allgemeinen Waffendienstes ist die freie Dienstverpflichtung getreten Aber dadurch, daß die neue Wehrmacht an die große Tradition unserer militärischen Vergangenheit anknüpft und sie wahrt, dadurch, daß sie die hohen Tugenden selbstloser Pflichtireue, hingehender Vaterlandsliebe und opferfreudiger Tapferkeit übernimmt und erhält, ist auch sie ein Hort nationaler Kraft und eine Gewähr für die Erhaltung der soldatischen Eigenschaften in unserem Volke geworden. Don diesem Geist erfüllt, wird — so bin ich überzeugt — auch die gegenwärtige Reichswehr und Reichsmarine getreu ihrem Fahneneid stets ihre Pflicht tun; sie wird, unbeirrt vom Sann der Gegenwart; sich von keinem anderen Gedanken leiten lassen, als von dem hingehender Vaterlandsliebe und von der Ueberzeu- gung, m stiller, selbstloser.Arbeit der Zukunft des deutschen Volkes am besten zu dienen.
So grüße ich, der alte Soldat, an diesem Tage der Erinnerung an die Ruhmeszeit des alten Heeres die neu erstandene Wehrmacht des Reiches mit gläubiger Zu-
Musiolim hielt auch vom Balkon des Palazzo Ehigi eine Rede an die ungeheure Menschenmenge, die ihm stürmisch zujubelte. Er sagte u. a.: Ihr sollet für einige Minuten meine Stimme vernehmen, damit Ihr Euch überzeugt, daß ihr Klang sich nicht geändert hat, ebenso wie ich Euch versichern kann, daß mein Herz nicht schneller schlägt. (Beif.)
Mussolini sagte dann noch, er sei stolz, einer Generation anzugehören, die niemals zittere, sondern stets auf dem vom Schicksal vorgezeichneten Wege vorwärts marschiere. Kein Ereignis und kein Mensch werde den unwiderstehlichen Vormarsch des sieghaften Faschismus aufhalten. Mus- folini dankte zum Schlüsse für die Beweise der Zuneigung und Anhänglichkeit, forderte zur Ruhe auf und befahl, daß die Ordnung aufrechterhalten werde.
Nach seiner Rede erscholl lang anhaltender Bei- fafl.
Die römische Miliz ist mobilisiert und in den Kasernen zusammengezogen.
In der Kirche St. Marcello fand ein feierliches Tedeum statt
Nach ärztlichem Gutachten ist die Verwundung Mussolinis keineswegs besorgniserregend.
Terror-5lkte.
Dor dem Dekannttverden der Personalien der Frau, die den Anschlag auf Mussolini ausführte, verbreitete sich das Gerücht, daß sie slawischer Abkunft sei. Ein Trupv Sttldenten zog darauf nach der russischen Botschaft, um sie zu stürmen, wurde aber durch ein Aufaebot Earabi- nert daran gehftrtert. Auch die polnische Gesandtschaft und die anderen in Betracht kommenden diplomatischen Dertretunaen wurden sofort durch Ca- rabineris gesichert. Ferner stürmte eine Volksmenge nach dem Attentat das Gebäude des oppositionellen Blattes „91 Mondo" und verwü- st e t e es. Außerdem wurden die oppositionellen Blätter aus den Zeitungsständern herausgerissen unijperhrannt., Einer der Tatzeugen gab an, daß er die Attentäterin kurz vor der Tat nut einem Manne mit weißem Bart habe forschen sehen und daß er gehört habe, wie dieser ihr emvfahl, etwas unter einer Zeitung zu verbergen. Offenbar war dies der R-vo'vo'- Wih (Sibfon im
Augenblick des Erscheinens Mussolinis ein Zeitungsblatt zur Begrüßung erhoben, unter dem sie den Revolver von kleinem Kaliber abfeuerte.
Mussolini, der nachmittags der Eröffnung der Luftverkehrslinie Genua—Nom—Palermo in Ostia beiwohnen wollte, ließ sich dort vertreten. Wie verlautet, erleide dagegen feine beabsichtigte Reife nach Tripolis keinen Aufschub.
Kundgebungen in Italien.
wtb. Rom, 8 April (Eig. Funkm.) sAgencia Sie- fani). Die Nachrichten von dem Attentat gegen Mussolini erregten Empörung in allen Städten Italiens, deren Bürger Kundgebungen veranstalteten. In mehreren Stödten wurden feierliche Dankgottesdienste zelebriert. Tausende von Teleoramme wurden von Gemeinden sowie italienischen und ausländischen Körperschaften an Mussolini gesandt. Gegen Abend besuchte der Kronprinz von Italien den Ministerpräsidenten und beglückwünschte ihn auch im Namen des Königs und der Königin. Die Stadt war prächtig beflaggt und illuminiert.
Das Echo in England.
Wie aus London gemeldet wird, heben die englischen Blätter hervor, daß die Attentäterin bis zum Oktober des vergangenen Jahres in einer Irrenanstalt untergebracht war. Aus Furcht vor einer abermaligen Internierung im Irrenhause sei sie nach Italien gekommen, lieber bie Beweggründe zur Tat berichten die Blätter nichts. Die englische Botschaft in Rom gab bekannt, daß sie das Attentat aufs schärfste verurteilt und insbesondere bedauere, daß eine britische Staatsangehörige ein solches Verbrechen begangen habe.
Amendola f.
Der feit einiger Zeit in Frankreich zur Kur wei- lende Führer der italienischen Opposition, Amendola, ist in einer Klinik in Cannes gestorben.
Daß fein Tod aus f a s z ist i sch e M i ß handln n g e n zurückzuführen sei, wird in Abrede gestellt.
befeitigung in einem Falle eine Gefängnisstrafe von zwei Monaten. Das Gericht erkannte gegen beide Angeklagte auf Freisprechung.
In der Begründung des freisprechenden Urteils in dem Prozeß gegen den Assessor Kuhmann und den Hauptmann a. D. Knoll bemerkte der Vorsitzende, daß aufgrund des Derhandlungsergebnisies eine Verurteilung nicht erfolgen könne, weil die Angeklagten strafbarer Handlungen nicht überführt worden feien. Bezüglich des Amsterdamer Protokolls habe sich Kußmann in einem Irrtum über feine Befugnisse befunden. Er habe nicht vorsätzlich gehandelt. Knoll habe Kuhmann hingegen in diesem Falle für verfügungsberechtigt gehalten Verurteilung wegen Hausfriedensbruches komme ebenfalls nicht in Frage, da auch in dieser Hinsicht die Verhandlung nichts ergeben habe. Der Angeklagte Knoll habe zwar in der Voruntersuchung erklärt, daß er in etwa 12 Fällen heimlich Abschriften in den Räumen der Staatsanwaltschaft gemacht habe. Diese Behauptung sei aber im, Laufe der Verhandlung widerrufen worden. Auch in den übrigen Fällen könne der Angeklagte Knoll nicht als überführt gelten._______________
* Verlobung des Prinzen von Wales. Wie die „B. Z." berichtet, behaupten amerikanische Blätter, daß sich der Prinz von Wales mit Lady Mary Cambridge verlobt habe.
* Em Fememölder verhaftet. Dis „Berliner Taaeblo'l" meldet aus Schwerin, daß ein gewisser Lskar Thomsen aus Fauttch, der vom Berliner Polizeipräsidium wegen Teilnahme an einem Fememord st-cköriefl h verfolgt wird, m Mecklenburg auf dem Gute Börtzow fejigc.<ommen worden ist.
Wie erinnerlich sein wird, durcheilte in den ersten Novembertagen des letzten Jahres die Nachricht von der Aufdeckung eines Attentatsplanes gegen Mussolini die Welt. Nach den damaligen fafzistifchen Darstellungen sollte das Attentat von einem Fenster des Hotels Drogoni aus verübt werden, während Mussolini vom Balkon des Palazzo Ehigi aus eine Rede hielt. Als Urheber des Attentatsplanes wurden der unitarisch-foziasistische Abgeordnete Z a n i - b o n i und der freimaurische General Cappello verhaftet. Die faszistische Regierung benutzte die Aufdeckung des Attentatsplanes als Anlaß, um die Auflösung der geeinigten sozialistischen Partei und der Freimaurerlogen zu verfügen.
Jetzt kommt neuerdings aus Rom durch Mitteilungen, die der ftalienischen Zensur unterliegen, Meldungen von einem neuen Attentat gegen den faschistischen Diktator, der bekanntlich gerade in Begriff stand, nach Afrika abzusegeln.
Am Mittwoch vormittag um 11 Uhr hat auf dem Platz des Capitols eine alte Frau aus nächster Nähe einen Revolverschuß auf Mussolini abgefeuert in dem Augenblick, als er beim Verlassen des internationalen chirurgischen Kongresses sich zu seinem Auto begab. Mussolini wurde nur ä u - feer ft leicht verwundet. Das Geschoß durchschlug Ne Nasenflügel. Mussolini bewahrte vollkommene Ruhe und Kaltblütigkeit. Die Täterin, die man nur mit größter Mühe vor der Menge in Sicherheit bringen konnte, wurde ins Frauen ge- fängnis eingeliefert.
Die Urheberin des Attentats gegen Mussolini heißt Violet Albina Gibso n. Sie ist 50 Jahre alt, englischer Staatsangehörigkeit und gebürtig aus Dalkay (Grafschaft Dalkay). Violet Albina Sibfon ist die dritte Tochter des verstorbenen Barons Aschborne, ehemaligen Lordkanzlers von Irland und die Schwester des gegenwärtigen Lord Aschborne, der in Frankreich ansässig ist.
Zu dem Anschlag auf Mussolini werden noch folgende Einzelheiten bekannt: Nach Einweihung des Internationalen Chirurgischen Kongresses verließ Mussolini in Begleitung mehrerer Kongreßteilnehmer unter Beifall der Menge das Kapitol, während eine Gruppe von Studenten das faschistische Lied „Giovinezza" fang. Mussolini dankte lächelnd, in dem er mit der Hand grüßte und begab sich über den Platz des Kapitols zu seinem Kraftwagen. Während er den Platz überschritt, zog eine ältere dunkel aefleibete Frau einen kleinen Revolver aus der Tasche, reckte beide 2trme in die Höhe und schoß aus närhfter Nähe auf Mussolini, in dem sie nach feinem Gesicht zielte. Mufiolin! wurde am unteren Teile der Nase verletzt. Der Polizeipräsident, ein Hauptmann der Carabineri und ein Schutzmann stürzten auf die Frau und verhinderten sie, weiter zu schießen. Sie trennten sie von der Menschenmenge, die sie lynchen wollte. Mussolini griff instinktiv mit der Hand nach der Nase und zog sie blutüberftrömt zurück.
Die Attentäterin Gihson ließ nach der Tat ein Fläschchen mit Jodtinktur fallen, die mit einem noch nicht festgesteilten Präparat gemischt war. Es scheint, daß sie mit dieser Mischung nach der Tat Selbstmord begehen wollte. Der Revolver ist ein französisches Fabrikat vom Kaliber 6.35 Millimeter.
Die Attentäterin verweigerte bei ihrem Verhör sedd Auskunft. Sie macht den Eindruck einer Geisteskranken und man nimmt an, daß kein Komplott vorliegt. Bei einer Haussuchung in der Wohnung der Attentäterin, wurden verschiedene Briefe und antifaschistische ausländische Blätter gefunden.
Mussolini spricht.
Um 4 Uhr nachmittags begab sich Mussolini nach dem Palais Vittorio, wo unter seinem Vorsitz die Parteisekretäre der Provinzen dem neuen Direktorium der Faschistischen Partei vorgestellt wurden.
Bei der Ersetzung der neuen faschistischen Parteileitung hak Mussolini eine Rede gehalten, in der er auf die Notwendigkeit verwies, alle Geschäftemacher aus der Partei zu verweisen und mit den Worten schloß: „Es geht vorwärts. Wenn ich vorwärts schreite, folgt mir, wenn ich zurückweiche tötet mich, wenn ich sterbe, rächt mich."