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FuldaerZertung

Anzeiger für die Stabt unb ben kreis Fulda. Amtliches kreisblatt.

Bonnerstag, 8. April 1926. I

nr. 80

Jas KvjWige MilitarjMölM Hindenburgs

Ö2

wtb. Berlin, 7. April. (Eig. Sunfm.) Die Umgebung des Reichspräsidenten - Palais in der Mchelmstraße war heute schon in den ersten Dor» mittagsstunden von einer dichten Menschenmenge besucht, die Zeuge des militärischen Schauspiels an­läßlich des 60 jährigen MMärjubiläums des Reichs­präsidenten sein wollte. Die Bürgersteige am Palais selbst waren dicht gefüllt mit Zuschauern, darunter viele Schulkinder, die Fähnchen trugen. Im Palais war die Freitreppe mit Lorbeerbäumen geschmückt. Um 9.30 Uhr wurde die Feier mit einer Morgenmusik eingeleitet, die die drei Dataillonskapellen des Inf.-Regtm. Nr. 9 dem Reichspräsidenten in seinem Palais darbrachten und die der Reichspräsident vom Balkon des Palais anhörte. Um 10 Uhr machte der immer stärker werdende Andrang auf der Straße die ersten Ab­sperrungen notwendig, die dann später, als die Stunde des Aufmarsches der Ehrenkompagnie naher rückte, noch verstärkt wurden. Als erster Gratu­lant vom diplomatischen Korps erschien, der B. Z. zufolge, der englische Lord d'Abernon. Bei dem Empfang, der sich anschließt, spricht in Gegen­

wart des Reichskanzlers der Chef der Reichswehr, Reichswehrminister Dr. Getzler.

Am 7. April 1866, also vor 60 Jahren, trat v. Hindenburg als Sekondeleutnant in die preußische Armee ein. Der Weltkrieg führte ihn, nachdem er schon in den Ruhestand getreten war, auf den wichtigsten Feldherrnposten und schickte ihm neben großen Erfolgen auch Tage schwerster Sorgen und Schwierigkeiten. Immer hat er sich bewährt. Das deutsche Volk, auch diejenigen Kreise, die nicht die Weltgeschichte und die Men­schen aus den Gesichtswinkeln einer bestimmten Kaste beurteilen, vertrauen Hindenburg wegen sei­ner selbstlosen und rückhaltlosen Hingabe an die deutsche Sache auch in den Tagen der Not. Treue Pflichterfüllung zeigte Hindenburg beim Zusam- menbruch der deutschen Front im November 1918. Er hielt beim Heere aus und führte es in die Hei­mat. Als er zum Präsident der deutschen Republik gewählt wurde, hat er auch dieses Amt in Pflicht­bewußtsein übernommen und so geführt, daß ihm heute aus allen politischen Lagern, (soweit sie nicht außerhalb des Machtbereiches der politischen Vernunft liegen), Dank und Verehrung gezollt wird.

* Nachrufe der amerikanischen Blätter für August Thyssen. (Eig. Funkm.) Die New Dorker Blätter widmen August Thyssen mehrere Nachrufe. Sie bezeichnen ibn als den deutschen Carnegie und er» flöten sein Lebenswerk in der Weise, daß Amerika nicht allein das Land des Selfmade-Mannes fei

Line neue Note an China.

Einer Reutermeldung aus Peking zufolge sandten die dortigen auswärtigen Gesandten eine Note an das chinesische Amt, in der sie dessen Auf­merksamkeit auf den Bürgerkrieg und ins­besondere auf die Luftangriffe richten, die das Le­ben und Eigentum der Fremden in Peking gefähr­den, und in der sie die Hoffnung ausdrücken, daß die chinesische Regierung sofortige Schritte unter­nehmen wird, um den streitenden Parteien die Notwendigkeit vorzuhalten, die Gefahr abzuwen­den, damit weiters Unterbrechungen für die Ab­haltung der internationalen Konferenz in Peking, an der Delegationen von zwölf freundschaftlichen Mächten teilnehmen werden, ver­mieden werden. Die Note macht die chinesische Re­gierung für allen Schaden verantwortlich, der dem Leben oder Eigentum der Fremden zu­gefügt wird. _____________

Die Diktatur in Griechenland.

P a n g a l o 8 betrachtet sich als Präsident Griechen» lands. Die Blätter berichten aus Athen, eS werde ein Rat von sieben Juristen gebildet werden, der bis zum Zusammentritt der neuen Kammer Dekrete ausarbeiten soll, die Gesetzeskraft erlangen. Dieser Rat werde den Kern des neuen Staats­rate« darstellen, der später geschaffen werden soll. General Pangalos beabsichtigte, Reformen der Gesetz, gebung besonders auf Verwaltungstechnischem Gebiete vorzunehmen, weil mehrere Gesetze immer noch in der unter König Otto von der bayerischen Linie ausgearbeiteten Fassung beständen.

Das Amtsblatt veröffentlicht ein Dekret, nach dem einige Bestimmungen der Verfassung abgeändert werden. Danach kann der Präsident der Republik die Kammer jederzeit vor Ablauf ihrer Wahlperiode auflösen. Es ,st nicht zulässig, während ein und derselben Seffion einen Mißtrauens­antrag gegen eine Regierung eivzubringen, die bereits ein Vertrauensvotum erhalten hat. Diese Einschrän­kung findet keine Anwendung auf einen Mißtrauens­antrag gegen einen einzelnen Minister, es sei denn, daß die Regierung sich mit diesem Minister solidarisch erklärt. Der Präsident der Republik hat einmal in jeder Session das Recht, eine Entscheidung der Kam- wer darüber zu verlangen, ob die Regierung ihr Vertrauen besitzt oder nicht. Das Dekret führt zur Begründung an, daß es bei der gegenwärtigen Form des Parlamentarismus in Griechenland Schwierig» keilen bereite, feite und dauernde Regierungen zu bilöen-

dort sich zwei Anschauungen gegenüber Europas bekämpften, die eine dahingehend, daß die politische Stabilisierung Europas Vorbedingung für die Kre­ditwürdigkeit und die Erfüllung der finanziellen Verpflichtungen gegenüber Amerika sei; die zweite, die mehr und mehr an Oberhand gewinne, daß eine Abschwächung der Einheit Europas das E i n d r i n- gen amerikanischen Kapitals erleichtere. Japan und die Abrüstungskonferenz.

Wie die Agentur Indo-Pacific aus Tokio be­rietet, sehen die den japanischen Delegierten für 6te vorbereitende Abrüstungskonferenz gegebenen 'In- strnktionen die Beschränkung der Streitkräfte zu Wasser, zu Lande und in der Luft bis zur vollstän- digen Abrüstung vor. Nichtsdestoweniger ist Japan der Ansicht, daß es nickt angebracht sei, einen Plan bezüglich der Lu ft schiff ah rt aufzustellen und zwar wegen der Schwierigkeiten, eine kategorische Unterscheidung zwischen der militärischen und der Handelslufischiffahrt zu machen. Japan wünsche nicht, die Frage der Unterseeboote zu diskutieren, tst aber für ein Verbot der Giftgase.

Die russischen Sntibolschewisten.

Auf der Pariser Tagung des Kongresses der russischen Emigranten verlas der Vorsitzende, Pros. Struve, eine Adresse, deren Absendung an den Großfürsten Nikolajewitsch er vorschlug und in der es heißt, daß der Kongreß in der Person des Großfürsten den besonderen Vertretern des nationalen Gedankens sowie den obersten Heerführer begrüßtes Der Kongreß sei fest davon überzeugt, daß in dem Augenblick, in dem der Großfürst aufrufe, alle Russen ohne Ausnahme sich der glorreichen Aufgabe der Befreiung unter­ziehen würden. Die Versammlung stimmte dieser Adresse zu und beauftragte den Vorsitzenden, eine Abordnung damit zum Großfürsten zu entsenden. Im Anschluß daran erstattete Prof. Oldenburg ein Referat über den internationalen Charakter der kommunistischen Gewalt, in dem er sich geschichtlich mit der Dritten Internationale auseinandersetzte. Sie sei unfähig, sich zu entwickeln. Man würde schlechten Willen, Unwissenheit und außerordent­liche Naivität beweisen, wenn man von der mög­lichen Umbildung einer Gruppe von Jnternationali- sten zu einer nationalen Regierung spreche. Der Imperialismus der kommunistischen Wellpartei werde manchmal als verhängnisvoller Irrtum. Der Räteimperialismus sei der direkteJm- perialismus. Jeder Erfolg der „Roten Sekte von Moskau" fei ein Erfolg der schlimmsten Feinde Rußlands. Der Kampf gegen die kommunistische Weltpartei müsse einen internationalen Charakter tragen, denn es liege sowohl im vi­talen Interesse Rußlands als aller anderen Län­der, ihn zu vernichten. Der Kongreß stimmte den Ausführungen Prof. Oldenburgs zu.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: .Illustrierte Bei­lage" unb .BuchenblStter". NotationSvruck und Verlag der Snlbaet t ctienbrutftiei in Nulda. Nernlvrecher Nr. 9.

Monatlicher Beruasvreis: 1.50 Mk.

Ungarisches.

Verhaftungen In Budapest.

Anfang April erhielt die Budapester Polizei, wie die Polizeikorrespondenz mitteilt, Kenntnis da- baff dreijugendlicheAbenteurersich y 1 “em Plan der Anwerbung von Personen zum viwecke eines Einfalles in fremdes Ge - uin Ostern herum beschäftigten. Db= “W die eingeleitete Untersuchung ergibt, daß es um c>nen völlig phantastischen Plan e^lsth°fteren Hintergrund handle, ist die Po- ■ Jlc8en se<h2 Beteiligte, die im übrigen über ®affen noch Mittel, sich solche zu verschrs- s-l/ verfugen, eingeschritten. Ein gerichtliches Ver- gegen die Festgenommenen ist ein geleitet

Die Unruhen in Kalkutta.

Seit Beginn der Unruhen wurden in Kalkutta 36 Personen getötet und 400 verwundet. Im Nor­den der Stadt sind neue Unruhen ausgebrochen. Eine Moschee wurde von Hindus stark ange­griffen. Truppen und Polizei räumten sofort das Stadtviertel. Zurzeit finden noch Kämpfe zwischen einzelnen Hindus und Mohamedanern statt.

* Wiederaufnahme der Handelsvertragsoerhand» hingen mit der Schweiz. Die Schweizer Unter­händler sind zur Wiederaufnahme der Handelsver» tragsverhandlungen nach Berlin abgereist.

Zeerechtskonferenz.

Die Londoner Handelskammer richtete angesichts der Seerechtskonferenz, die in Brüssel er­öffnet wurde, Schreiben an die führenden Handels­kammern der europäischen Seemächte, darunter Deutschland, in denen sie eingeladen werden, die Zweckdienlichkeit eines gemeinsamen Schrittes aller Seemächte zur Durchführung der auf der Brüsseler Konferenz im Oktober 1923 angenommenen Regel für die Beförderung von Waren für See zu erwägen.

DieLockungdesruffischenBolschewismus

Tschitscherins Kritik am Völkerbund.

Die italienischen Kolonialpläne

Mussolini fährt nach Afrika.

h>?r Befinden Dr. Wildermanns erfahren

daß er am Mittwoch, den 31. März die hl.

S-i» und die letzte Oelung empfangen hat.

‘ft gewiß ernst, aber nicht hoff­

Auch dieses Gebiet scheint Italien nicht zu ge- fallen, denn es sucht vor allem Auswandererland» um seine überschüssige Bevölkerung zum Nutzen des Mutterlandes zu verwerten, und nach den Tropen geht der Italiener nun einmal nicht. An­dererseits werden die italienischen Einroanderer von vielen Ländern Amerikas, insbesondere Nord­amerika und Kanada, überhaupt nicht mehr suge- lassen. Daher das krampfhafte Suchen nach Ko­lonialland und die nicht gerade hoffnungsvollen Be» ftrebungen, nun etwas aus Tripolis zu machen.

Um die Gunst Südtirols.

Nach Blättermeldungen aus Rom wurden auf Anordnung Mussolinis die Eisenbahnfahr­preise nach Südtirol für die bevorstehende Sommerzeit herabgesetzt.

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Den „Innsbrucker Nachrichten" zufolge ist in Brunn eck nach Auflösung des Gemeinderates durch Königliches Dekret der Advokat Hiebler zum Außerordentlichen Kommissar er­nannt worden.

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Aus der Redaktion des „Giornale d' Italia" sind eine Reihe von Redakteuren ausgetreten und durch ebensoviele faschistische Journalisten er­setzt worden. *

Laut „Jmpero* werden für die nächsten ita­lienischen Herb st Manöver mehrere R e - servejahrgänge einberufen werden, um die Truppeneinheiten auf volle Kriegsstärke zu bringen.

Allgemeines Dampfpfeifen!

Die Blätter melden aus Rom, daß zu bet Stunde, in der Mussolini nach Tripolis abreisen wird, sämtliche Dampfpfeifen der italieni­schen Schiffe in allen Häfen und auf allen Meeren das Ereignis der bedeutsamen Reise begrüßen werden, das jetzt schon die Aufmerksamkeit der ausländischen Regierungen errege. Alle italieni­schen Rathäuser der Seestädte werden den ganzen Tag über flaggen und am Abend b e l e u ch- t rt sein, um den Beginn einer neuen See- und Kolonialpolitik zum Ausdruck zu bringen.

Der neue „Honig von Frankreich".

Der Herzog von Guise, der Nachfolger des ver­storbenen Herzogs von Orleans auf dem Thron von Frankreich, hat in einem Schreiben an die Freunde des verstorbenen Herzogs erklärt, daß er als Nach, folger des verstorbenen Herzogs alle Rechte be­ansprucht und ebenso alle Verantwortlichkeit und Pflichten übernehme. — Nach den französischen Gesetzen muß der monarchische Prätendent Frank­reich verlassen.

Von unserem besonderen römischen Korre­spondenten wird uns geschrieben:

Mussolini reist in nächster Zeit nach dem italienischen A f r i k a, von einem italienischen Ge­schwader begleitet.

Diese Reise wie die vorhergehende Reise des Kolonialministers die Scalea ist ohne Zweifel der Auftakt zu einer energischeren Kolonialpolitik von feiten Italiens, welche schon lange angekündigt war. Mussolini will sich anscheinend selber erst überzeugen, wie die Verhältnisse in Tripolis stehen, und ob es der Mühe wert ist, dieses Land zu ko­lonisieren, ein Unternehmen, das bisher negativ verlaufen ist, und das unter anderem an dem Mal­heur der Banca di Roma die Hauptursache war.

Da das Land am Rande der Wüste früher als Kornkammer des alten Rom galt, so glaubt man durch Anlage artesischer Brunnen das Land wie­der bewässern zu können, deren Anlage allerdings sehr kostspiesig ist. Dann will man das Land, ein Gebiet von zehntausend Hektar, an f a s z i st i s ch e Gesellschaften zu Kolonisationszwecken aufteilen, wie man jetzt bereits die fruchtbaren Landstrecken um Azizia aufzuteilen begonnen hat. Es bleibt nun abzuwarten, wie die einheimische muselmän­nische Bevölkerung sich dazu verhält und ob nicht ähnliche Verhältnisse wie in Palässina entstehen werden, wo das jüdische Kapital den arabischen Dauern das Land entreißt. Seitdem Italien Gia- rabub, die heilige Stadt der panislamisch gesinn­ten Senussiten, besetzt hat, sodaß sich der Groß- Senusse nach Aegypten zurückziehen mußte, ist eine steigende Erregung der islamischen Völker gegen Italien bemerkbar, die in dem demnächst stattfindenden islamischen Weltkon­greß sicher zum Ausdruck kommen wird.

Italien hatte bekanntlich Absichten auf ein „Mandat", erst auf das französische Mandat in Syrien, das aber unerreichbar blieb. Dann waren die Anstrengungen Italiens in Locarno und Genf auf ein Mandat über eine unserer ehemaligen Ko­lonien — vorzugsweise Deutsch-Ostafrika — gerichtet. Um nicht noch neue Reibungsflachen außer Südtirol zwischen Deutschland und Italien zu schaffen, lenkte England ab und sicherte Ita­lien das Hinterland von Somalien und Jucaland zu, das Italien sich erobern muß.

Inflationssorgen Frankreichs.

Der neue Konflikt, der am Karsamstag zwischen der französischen Kammer und dem Senat über die Finanzvorlage zutage trat, und der einmal Br iand s Sieg in der Kammer ernstlich in Frage zu stellen schien und zum anderen die Stellung des gesamten Kabinetts Briand aufs neue gefähr­dete, ist in der Osternacht wieder beigelegt worden. Beide Häuser des Parlaments haben sich über die Abänderung geeinigt, die der Senat an dem von der Kammer verabschiedeten Gesetz vorgenommen hat, und Kammer und Senat haben sich gegenseitig eine Reihe von Zugeständnissen gemacht. In der Osternacht find alsdann die neuen Steuerprojekte endlich definitiv von dem französischen Par- lament mit überragender Mehrheit angenommen worden. Damü war die gefährdete Stellung des Kabinetts Briands aufs neue gefestigt.

Die Höhe der nunmehr endgültig angenommenen neuen Steuern und Taxen beläuft sich auf rund 5 Milliarden. An indirekten Steuern enthält die Vorlage eine neue Erhöhung der Tabak- und Salzsteuer, ferner eine Erhöhung der Post- und Zolltarife und schließlich eine Erhöhung der Um­satzsteuer. Alle diese neuen Steuern sind letzten Endes notwendig geworden, durch die immer stärker werdende Inflation in Frankreich. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß bisher Frankreich von der deutschen Inflation nichts gelernt hat und daß dort der Franc trotz aller Maßnahmen der Regierung immer mehr in den Abgrund rollte. Werdings darf man nicht vergessen, daß die jetzigen Heeresausgaben Frankreichs zu groß find und daß sie infolgedessen einen großen Teil der Ausgaben der ftanzösischen Republik aus­machen, Ausgaben, die durchaus unproduktiv sind. Mit der gewaltigen Zurüstung Franfteichs hängt es auch zusammen, daß Amerika sich bisher den ftanzösischen Kreditwünschen gegenüber so versperrt hat. Amerika steht auf dem Stand­punkt, daß, solange Frankreich sein Heer in dieser Weise vermehrt und auf dem jetzigen Stand hält, und vor allem, so lange Frankreich seine Bundes­genossen im Osten, Polen und Tschechoslowakei, mit so enormen Geldsummen wie bisher unter die Arme greift, von einer amerikanischen Hilfe nicht die Rede sein kann. Amerika wollte und will in diesem Punkte erzieherisch auf Frankreich einwirken. Noch aber ist die Stunde in Frankreich nicht ge­kommen, da man zu dieser Einsicht gelangt ist, daß zunächst einmal auf Grund enormer Ersparnisse im Heeresetat eine langsame Gesundung der ftan- Mjchen Finanzen stattjinden kann»

Wie aus Moskau gemeldet wird, bot ein Em­pfang der großen ausländischen Blätter Tschit- sch e r i n, dem russischen Volkskommissar für die auswärtige Politik. Gelegenheit, in einem großan­gelegten Expose sich über die Haltung Sowjet- rußlands zu der jüngsten Entwicklungder Weltpolitik zu äußern. Seine sehr ausführ­lichen Darlegungen gipfetlen in scharfer K r i t i k nicht nur am Völkerbund, dessen angebliche politische Ohnmacht er sich an der Hand von Zitaten der großen internationalen Presse nachzuweisen suchte, sondern vor allem auch in derenglisch en Politik, der er die Tendenz unterlegte, England zum Schiedsrichter über Geiamteuropa zu machen.

Der Völkerbund, führte Tschitscherin im einzel­nen aus, habe erneut gezeigt, daß er unfähig sei, ernste politische Ausgaben zu lösen. Der Mißerfolg seiner letzten Tagung habe ihn um den letzten Rest von Kredit gebracht. Zu gleicher Zeit allerdings habe dieses Fiasko die englischen Weltbeherrschungs- pläne zum Scheitern gebracht. Denn für die ton- fervatve englische Regierung fei der Völkerbund von Anfang an nichts anderes gewesen, als ein Instru­ment zur Isolierung der Sowjetrepu­blik, beziehungsweise zur Schaffung einer euro­päischen Einheitsfront gegen Rußland. Locarno habe auf diesem Wege die erste Etappe bil­den sollen. Die dort geschlossenen Verträge feien daraus zugeschnitten gewesen, England in Europa die Rolle eines Diktators und eines Schiedsrichters zu ermöglichen. Den Locarno-Mächten sei die gleiche Rolle zugedacht gewesen, wie sie vor einem Jahr­hundert die Heilige Allianz gespielt habe. Diese Absicht Chamberlains sei durch das negative Er­gebnis der letzten Dölkerbundstagung glücklicher­weise durchkreuzt worden. Und das sei um so er­freulicher, als dadurch der Weg für eine direkte Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich, die Chamberlain bisher sehr geschickt zu Verbindern verstanden habe, frei ge­worden fei. Rußland verfolge diese neue Entwick­lung mit aufrichtiger Sympathie, da es in einer sol­chen Annäherung den Weg zur wirklichen Befrie­dung Europas sehe, ohne daß eine außerhalb des Kontinents stehende Macht die Möglichkeit erhalte, die europäische Politik entscheidend zu bestimmen.

Zur Frage der Teilnahme an der vorbereitenden Abrüstungs-Konferenz des Völkerbundes, erflärte Tschitscherin, daß die Sowjet-Regierung die Einladung nicht annehmen könne, wenn die Kon­ferenz auf schweizerischem Gebiete stattfindet, ob­wohl sie grundsätzlich bereit sei, an allen Aktionen ^ellzunehmen, die der Erleichterung des Rüstungs- pches dienen. Die Emberuftmg der Vorkonferenz unter Bedingungen, die eine Teilnahme der Sowjet­union von vornherein ausschließen, zeige deutlich, daß die Mächte keine ernsten Absichten zum Ab- röfteu ^hätten, und daß die ganze Konferenz eine Komödie sei. Sene Ansichten über die Politik Amerikas faßte Tschitscherin dahin zusammen, daß