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FuldaerZertung

Nr. 79.

Anzeiger für die Sfabf und den kreis Fulda.

Erslbeint retfi8ma! wöchentlich. Wochenbeilageu: .Illustrierte Bei­lage" und .BucheablLtter". Rotationroruck und Verlag der ssnldoer ? rtikndrvcherei in Stnlt>a. Fernsprecher Nr. 9.

Monatlicher B»rua?t>reir. ■».SO Ms.

Mittwoch, 7. April 1926.

Amtliches kreisblalk.

Än» eigen- Breis: Äletmeile (Eolonei) total U.15 Goidmar auswSrtr g.2o s,ldmark Reklame,eile lokal 0.60 »oldmari

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53. Zahrg.

Frankreich uni* veutichland.

Ein deutsch-französisches Zusatzabkommen.

Hatias verbreitet folgende Nachricht: Nachdem die im provisorischen deutsch»französischen Handels­abkommen vom 12. Februar vorgesehenen Kontin- qente für die Einfuhr von Frühoemüse nach Deutsch- land verbraucht sind, soll nach den Bestimmungen eines Zusatzabkommens, das beiden Regierungen zur Billigung vorliegt, Frühgemüie mit Ausnahme von Kohl und Blumenkohl mit einem weiteren Kontingent bedacht werden, das sich auf 27 000 Zentner beläuft. Als Kompensation sei dafür Deutschland die Ausfuhr gewisier chemischer Produkte und Dynamos nach Frankreich zugestanden worden. Die neuen Bestim­mungen werden am 10. April in Kraft treten.

Eine Rede Herriols.

Kammerpräsident Herriot bat auf dem Kongreß her französischen Studenten in Postier? eine An­sprache gehalten, in der er u. a. sagte: Wenn man sein Land liebt, wenn man nackdenkt und beobach'er, wie die Zahl der Einwohner abnimmt, wenn man sieht, wie neben Frankreich zahlreiche Nationen sich immer stärker entwickeln, ist man sehr darum besorgt, ob Frankreich nicht den Masten, die es be­herrschen wollen, die Suprematie, diejenige der In­telligenz und der Qualität entgegen ietzen soll- Die Sache der Studenten verteidigen und vertreten heißt nicht ein Privileg verteidigen. An dem Tage, an dem das Geld, das heute eine sehr große Macht bildet, aller beherrscht, wird Frankreich zugrunde gehen. Mehr als jedes andere Regime har eine Demokratie eine Elite notwendig.

Cerettis Abreise von Paris.

Der Päpstliche Pronuntius Kardinal Ceretti hat 1m Montag abend Paris entgültig verlassen.. Auf dem Bahnhof hatten sich fast daS gesamte diplo­matische Korps sowie Vertreter der verschiedenen französischen Ministerien zum Abschied eingefunden. Bis zum Eintreffen des neuen päpstlichen Nuntms ist Doyen des diplomatischen Korps der spanische Botschafter Quinones de Leon.

Die französischen Katholiken und der Laicismus.

In Nancy fand am Ostermontag eine Kund­geh'nrg der kath. Vereinigung statt, an der auch Elsässer und Lothringer in großer Zahl teilnahmen. Es wurde eine Tagesordnung ange­nommen, die den versammelten Katholiken zur Aufgabe macht, den Laicismus energisch zu be­kämpfen und die elsässischen und lothringischen Ka­tholiken im Hinblick auf die Aufrechterhaltung des Konkordates, die Freiheit der Orden und der Kon­fessionsschule zu unterstützen.

Hindenburgs Militärjubiläum.

Für Mittwoch, den 7. April, an dem R<üch?» präsident v. Hindenburg sein 60 jähriges Militär» jubiläum feiert, sind zahlreiche militärische Veran- stal'ungen vorgesehen:

9,30 11 br vormittags brinat die Kapelle des 9. Infanterie-Regiments dem Reichspräsidenten im Garten seines Hauses eine Morgenmusik dar.

11,45 UhT werden durch eine Fabnenkom- pagnie des Wachregiments Berlin, mit Musik die Fahnen der Regimenter des Generalfeldmarschalls, nämlich des 3. Garde-Regt, zu Fuß, des Olden- burgiscben Inf.-Regt. Nr. 91 und des Inf. - Regt. Generalfeldmarschall von Hindenburg (2. Masurische) Nr. 147 durch die Wilbelmstraße nach dem Hause des Reichspräsidenten gebracht.

Um 12 Uhr findet im großen Saal des Präsi- denienhauses eine militärische Feier statt, bei der Reichswehrmimster Geßler dre Glückwünsche der Wehrmacht darbringt.

Zusammenstoß mit Kommunisten.

AuS Düsseldorf wird gemeldet: Als sich am Ostersonntag nachmittags an der Ecke der Strom- und Wupperstraße der Führer eines Straßenbahn- E!s weigerte, vor einem Zuge des Roten Front-

P'erbundes anzuholten, wurde er gewaltsam zum Hollen gezwungen. ES würde ihm die Kurbel ent« J’ff’n und an den Kops geworfen, so daß er eine klaffende Wunde davontrug. Die alarmierte Polizei derfolgte die Kommunisten, holte sie ein und nahm 0161 von iögen fest, gegen die voraussichtlich Anzeige wegen Landfriedensbruches «rstattet wird.

* Ratifizierung des deutsch-türkischen vorläufigen Handelsabkommens. Das int Dezember 1925 in Angora durch Notenwechsel vereinbarte vorläufige H°"velsabkommen zwischen dem Deutschen Reich öet Türkischen Republik ist ratifiziert worden.

Das deutsche Eigentum in Amerika.

Nach einer Meldung der Astociated Prest aus 7p o, hingt on wurde der Gesetzentwurf über "merilanischen Ansprüche gegenüber Deutschland nü die Rückgabe des während deS Krieges beschlag- deutschen Eigentums von dem Ausschuß es Repräsentantenhauses beraten. Unterstaats- LaI6!01 * * * * Sr„inf|Dn vom Schatzamt erklärte, die Maß- °;m.en hätten die Billigung des Schatz-, des Staats- .; Justizdepartements gefunden. Er rechtfer- de» "le Gesetzesvorlage als Mittel zur Heilung ihraj" riefl§tounben ohne die Zahlung der An- r chr auf 80 Jahre auszudehnen.

Kus dem besetzten Gebiet.

«undsunk im besetzten Gebiet Der Obe. di- N-»0serende der Nheinarmee hat entschieden, 605 ftrnm u .-B Bon Beistärkerröhren mit einem (Sitter- JttläJJig'ijt Uber 0.02 '.'Imp. im besetzten Gebiet nicht

Syrien.

Nach einer Mitteilung des französischen KriegS- ministeriums operieren zur Säuberung des Hermon- Gebietes in Syrien zwei Abteilungen. Die eine er­reichte am 1. 4. Otani, die andere, welche den Jordan überschritt, bemächtiate sich am 2. 4. der Festung BoniaS. Beide Abteilungen zogen am 3. 4. in Mejdel ein, einem der Hauptschlupfwinkel der Drusen.

Die Wahlen in Aeoypten.

W'e die „Times' ans Kairo meldet, ist der Zeit punkt für die Wahlen durch königliches Dekret end­gültig auf den 22. Mai f-stgeietzt worden. Insolge- dessen wird dos neue Parlament am 1. Juni oder, wenn Stichwahlen erforderlich sein sollten, am 11. Juni eröffnet werden.

Gründung der Indischen Nationalpartei.

Eine Persammluna von Vertretern aller Parteien Indiens mit Ausnahme der Extremisten hat die Gr ündunaeinerIndischen Nationalpartei beschlossen, deren Ziel es ist, Indien innerhalb des britischen Reiches mit allen zur Verfügung stehenden friedlichen Mitteln eine den britischenDominions ähnliche Stellung zu ticticbaffen.

Zusammenstöße in Kalkutta.

Nach den letzten Feststellungen sind bet den Zusammenstößen rwischen Hindus und Moham­medanern 23 Perlonen getötet wo-den. Unter Einrechnung der verletzten indischen Polizeibeamten wurden insgesamt 48 Verwundete im Krankenhaus aufgenommen. Jede Zusammenrottung von mehr al§ fünf Pe-ionen wurde für ungesetzlich ei klärt.

Es ereigneten sich weitere vereinzelte Unruhen. 22 Personen wurden ins Krankenhaus verbracht. Eine Anzahl mohammedanischer Geschäfte ist geplündert worden.

Lmgeborenen-gufstand aus Sumatra

wtb Sokaradja (Sumatra), 5. April. (Lig. Junfm.) Sei einem erneuten Eingeborenenüber­fall aus eine holländische Militär­patrouille unter Führung des Hauptmanns Paris an der Westküste des Aljeh-Gebiets wurden der Pakrouillenstihrer »nd 5 Soldaten getötet, 6 Soldaten and 2 Lastträger schwer verwundet und 6 Soldaten leicht verletzt. 19 eingeborene An­greifer wurden getötet.

Die Lage in China.

Nach einer Meldung der „Chicago Tribüne" aus Peking verlautet, daß eine Koalition zwischen Feu- ghn siang und seinem ehemaligen Feind W upeifu oebildet worden sei. Darnach soll Wupeifu bei der Vernichtung der vereinigten Armee von Tlchili und Schantung helfen, die jetzt Peking bedrohen.

* Hinrichtung eines JndustriedirektorS in Lenin­grad. Der wegen Veruntreuung von 70000 Rubel Staatsgeldern zum Tode verurteilte Direktor her Leningrader Abteilung der Leinenfabriken von Kostrowa und Jaroslawl wurde durch Er­schießen hingerichtet.

Die russischen Emigranten.

Aus Paris wird gemeldet:

Zu dem Kongreß sind etwa 400 Delegierte der russischen Flüchtlinge in Deutschland, Frankreich, England, Italien, Belgien, Polen, Litauen, der Schweiz und den Bereinigten Staaten, ferner der im Osten lebenden Flüchtlinge erschienen. Der „Quotidien" behauptet, daß weder die Sozialisten (Kerenski), noch die Kadetten (Miljukow) auf dem Kongreß vertreten seien. Nur die Monar­chisten seien an ihm interessiert. Der Kongreß soll die Schaffung einer Zentralorganisation vor­bereiten, um mit der Regierung wirtschaftliche und soziale Fragen erörtern zu können, die die Flücht­linge betreffen. Der Vorsitzende erklärte in seiner Begrüßungsansprache: Das Hauptziel des Kon- gresies ist die Einigung der Emigranten gegen­über den Regierungen und dem Völkerbund. Seine Verwirklichung würde einen großen Fortschritt im Kampfe gegen den Bolschewismus und Internatio­nalismus bedeuten. Auf der Tagesordnung des Kongresses, der bis Freitag bauern wird, sieben die Erörterung der Lage der Emigranten, die Frage der Hilfeleistung für Studenten und vor allem das Problem der offiziellen Vertretung der russischen Flüchtlinge beim Völkerbund.

Der Kongreß der russischen Emi­granten hat die Wahl des Professors S t r u w e zum Vorsitzenden bestätigt. Zum Generalsekretär wurde der Professor des höheren Strafrechts Ire» gubow gewählt. Alsdann erstattete der General­sekretär des russischen Nationalen Komitees Seme- noro einen Bericht über den Charakter und die Rolle der Auswanderung, der besprochen und an­genommen wurde. Der Bericht schließt mit dem Hinweis darauf, daß der Kongreß zum,Gegenstand nicht etwa haben dürfe die Ausarbeitung eines Aktionsvlanes gegen die Kommuni­sten und die Internationale, sondern daß er sich darauf beschränken müsse, sämtliche Emigranten um eine einzige Stelle zu gruppieren und sie zu dem Kampf zu organisieren, der dazu führen müsse und führen werde, das russische Volk zu befreien und Nationalrußland zu regenerieren.

Die griechische Präsidentschaftswahl.

General PavgalvS erklärt? einem Vertreter der ,Chicago Tribuna' in Athen, daß er bei den bisher in 12 Departements vomenommenen Präsi­dentenwahlen SOProzent der Stimmen erhalten habe. Er werde, wenn auch die Wahlen vom 11. April in den übrigen 23 Departements zu seinen Gunsten ausfielen, außer dem Ministerpräsidium auch noch das Kriegsministerium behalten.

Marokko.

Ein Rundschreiben Abd el krims.

Wie di» Pariser Morgenblätter aus Tanger be­richten, hat Abd et Krim an seine Kaids ein Rund­schreiben gerichtet, in dem es heißt: Vereinigt euch und bildet einen Wall gegendieEhristen, metzelt sie nieder, wo ihr auf sie stoßt, setzt den Feinden überall zu. Schneidet ihm die Serbin- dungswege ab. Tretet in den heiligen Krieg zur Verteidigung unseres Vaterlandes. Trotz dem Tode aus Liebe zu Gott.

Woher hie Schwache hes kutschen Staatsgehankeus?

Diese Frage können wir nur in einem Rück­

blick auf die Geschichte des deutschen Staatsvolkes beantworten. Er zeigt uns folgende Ursachen auf.

Die politische Fähigkeit der Deutschen blieb bis

heute unentwickelt. Sie haben von Haus aus eine reiche geistige Begabung, die aber mit Vorliebe das Innenleben pflegt, dagegen den Wirklichkeits­sinn, die nüchterne Erwägung der harten Tatsachen des Lebens oft vermissen läßt. Der Deutsche gibt

S lieber an die Welt des tiefen gelehrten Den- s, an die dichterische und künstlerische Traum­welt der Phantasie hin. Weil die Gedanken und Gefühle leicht beieinander wohnen, glaubt er auch im Alltagsleben seinen idealen Gedanken und Trie­ben unbeirrt nachgehen zu können. So führte die feit Jahrhunderten als „deutsche Sibertät" welt­bekannte deutsche Zuchtlosigkeit zu Stammesparti- kularismus, zu hemmungslosen religiösen Kämp­fen, zu wirtschaftlicher und sozialer Entfremdung der Klassen unb Stände, zum falschen Vorrang der Innenpolitik vor der auswärtigen Politik.

Seit Karl dem Großen versuchten kraftvolle deutsche Könige die deutsche Stämme zu einem star­ken Reiche zu einigen. Sie wurden von den Stam- mesfürsten gewählt und diese benützten aus Eigen- brödelei fast jede Wahl dazu, sich fürstliche Hoheits­rechte auszubedingen. So minderte sich die Staats­gewalt in der Hand des Königs und neben ihm wuchsen immer unabhängigere und auch wider­spenstige Landesherren auf. Das V o.l k war da­mals noch politisch u n m ü-n d i g und rechtlos. Der deutsche Kesamtstaat zersplitterte in fürstliche Kleinstaaten. Beim Zugrundegehen des Römischen Reiches Deutscher Naiion im Jahre 1805 zählte man deren über 300. In diesen Kleinstaaten und Städtchen konnte kein ' nationaler Staatsgedanke und Staatswille erwachsen. Die'Fürsten betrachte­ten es als ein Hauptrecht, selbständig mit den fremden Großstaaten zu verhandeln und nicht immer im Interesse einer deutschen Nation. Das war um so gefährlicher, als seit dem 15. Jahr­hundert Frankreich, England, Rußland die Selb­ständigkeitsgelüste des großen und kleinen Adels brachen und die nationale Einheit aufbauten.

In der Neuzeit fielen dem Staate neue große Aufgaben zu in Regierung und Verwaltung.' Ein Berufsbeamtentum, ein st-hendes Heer wurden not­wendige die Kosten mußten durch Steuern auf­

gebracht werden, die nur der Aufstieg von Handel und Gewerbe aufbringen konnte. Weil das Volk politisch unmündig war, mußte ein starker Fürst die Lösung der neuen Aufgaben in die Hand neh­men. So ward vorübergehend die fürstliche Selbst­herrschaft, der Absolutismus eine Notwendigkeit. Der Staat wurde aber ein dauernder Polizeistaat, der mit feiner Staatsmaschine über dem Volke der Untertanen schwebte, alle politische Regsamkeit der­selben, auch die Selbstverwaltung der Städte und der Berufsstände unterdrückte, Staat und Volk ent« fremdete. So wurden die Deutschen staatsscheue, unpolitische Biedermeier und Philister, die nur ihrem Geschäfte und ihren Liebhabereien nach­gingen. In diesem Zeitalter des Fürstenabsolu­tismus ist die deutsche Staatsgesinnung und freier Bürgersinn erftidt.

Im gleichen Sinne wirkte der Geist des K a p i- talismus. Er pflegte nur den Erwerbssinn, richtete im Arbeitsverhältnis ein Herrenmenschen» tum auf, beanspruchte auch im Staatsleben eine Vorherrschaft der Besitzenden und der mit ihnen versippten Gebildeten über die weiten Dolkskreise. Diese standen dem Staatsleben erst teilnahmlos, dann mißtrauisch gegenüber. Das sozialistische Pro­letariat konnte sogar die Meinung vertreten, der Staat sei nur dazu da, die Ausbeutung der Masse durch die herrschende Klasse zu sichern: mit der Be­seitigung der Klassenherrschaft werde der Staat überflüssig. Staatsloser kann man nicht denken.

So kam das Deutsche Reich 1871 nur durch die staatsmännische Tatkraft Bismarcks und als Bund der deutschen Fürsten zustande. Die Bürger brach­ten in dasselbe ihre jahrbunderte alte Schwäche des Staatsgedankens ein. Im neuen Volksstaate hat diese ererbte Schwäche zu der äußeren und innern Ohnmacht geführt, die unfern Wiederaufstieg bis beute hinderte. Die meisten Deutschen sehen die Staatspolitik als Geschäft mit dem Staate, als kluge Ausnützung der Staatsgewalt für ihre wirt­schaftlichen und persönlichen Interessen an.

Nur eine kräftige Wiedergeburtdesna- tionalen Staatsgedankens, der natio­nale Ehre und Würde, schöpferischen politischen Sinn, politische llrteirsfraft und den Bürgersinn als Berufsgeist des Dienstes am Volke besagt, kann das gebemütiote, von außen und innen geschwächte deutsche Staatsvolk wieder aufrichten.

Aus Essen wird gemeldet:

Anläßlich des Todes August Thyssens haben die Thyssenschen Zechentürme im Industriegebiet Halb­stock geflaggt. Die Beisetzung findet Mittwoch nach­mittag 3 Uhr vom Schoß Land'berg aus nach dem Neuen Friedhof in Kettwig vor der Brücke statt.

* Feuersbrunst in Aegypten. Nach^ einer Reutermeldung ouS Kairo sind durch die Feuers- brunst in der Stadt Ta ntah über 4 000 Leute obdachlos geworden. Die Regierung bat die örtlichen Behölden angcroiefen, unverzüglich Maß­regeln zu treffen.

* Rücktritt der jugoslawischen Regierung. Aus Belgrad wird gemeldet: Ministerpräsident Paschitsch hat dem König die Demission des Kabinetts unter­breitet.

guguft Thyssen t-

Am Ostersonntag ist auf feinem Schlosse Lands- berg an der Ruhr der Großindusttirlle August Thyssen, Ehrenbürger d-er Stadt Mühlheim, im 85. Lebensjahre sanft entschlafen.

August Tyssen ist am 28. Mai 1842 in Eschweiler (Rheinland) geboren und unter dürftigen Verhält­nissen ausgewachsen. Ende der sechziger Jahre grün­dete er in Duisburg eine Eisenware n hand­ln n g mit 8000 Talern Kapital. Dann siedelte er 1871 nach Mülheim a. d. R. über, wo er die Firma Thyssen und Co. gründete. Hier arbeitete er sich bald zu einer angesehenen industriellen Stel­lung empor unb legte den Grund zu dem gewal­tigen Werk, das heute seinen Namen trägt. Mit dem Erwerb sämtlicher Kuxen eines Schachtes im Harnborner Bezirk übernahm er die „Gewerk­schaft Deutscher Kaiser", wie noch heute seine Werke innerhalb des Harnborner Stadtbezir- kes heißen. Im Mai 1912 verfügte die Firma im bärtigen Bezirk über sieben in Betrieb befindliche Schächte mit mehr als 15 000 Bergleuten, die weit über 4 Millionen Mark Iahreslöhnen erhielten.

1890 legte Thyssen in Hamborn ein Hütten­werk an; darunter ein Siemens-Martin-Stahl- werk mit Walzwerk und 50 000 Tonnen Rohstahl­produktion im ersten Jahre; 1896 kam mit dem Bau von Hochöfen ein Thomas-Stahlwerk hinzu. Heute umfaßt das Hüttenwerk 6 Hochöfen, einen Roheisen. Mischer von tausend Tonnen Fassungsvolumen, ein Thomas- und Martins-Werk, ein gewaltiges Walz­werk für Obermaterial: Träger- und Formeisery Winkel- und Stahleisen unb ein Blechwalzwerk in riesigen Dimensionen. Die Produktion ist auf nahezu 1 Million Tonne pro Jahr angewachsen, und rund 10 000 Arbeiter sind dort beschäftigt. Im ganzen beschäftigte Thyssen vor dem Krieg 50 000 Ar­beiter.

Die Verkehrseinri cht ungen umfassen: ein normalspuriges Eisenbahnnetz von 200 Kilo­meter Schienenlänge, zwei eigene Rheinhäfen, die auf zum Teil eigenen Schiffen einen Gesamt­umschlag von weit über drei Millionen Tonnen vermitteln. Für mehr als 26 000 Arbeiter sind Ar° beiterkolonien angelegt, Wohlfahrtskassen, Fortbil­dungsschulen, Kinderbewahranstalten, Veamten- kasino ufro. werden von Thyssen unterhalten.

Zum Thyssen-Konzern gehören die Akt.- Ges. für Hüttenbetrieb in Duisburg-Meibrich mit 6 Hochöfen unb einer großen Eisengießerei, sowie die Gesellschaft für Teerverwertung, Dberbilfer Stahlwerke Düsseldorf, Thyssensche Eisenhandels- gesellschaft m. b. $)■ Duisburg, Transportkontor „Vulkan" G. m. b. H. in Rotterdam und Bruck­hausen.

Vor dem Kriege besaß Thyssen eine Hüttenanlage mit acht Hochöfen in Hagendingen (Lothrin- gen) und in Caen in der Normandie einen eigenen Hasen zur Erzausfuhr und ein Hüttenwerk. Diese Werke gingen infolge des Krieges verloren. Doch hat sich die Firma inzwischen auf die neuen Verhält­nisse umgestellt.

1903 erwarb Thyssen von dem Freiherrn von Landsberg das seit 1280 bestehende, Kettwig a. d. R. gegenüber liegende, Bergschloß Landsberg, das er im alten Stil zum größten Teil neu ausbauen ließ.

Thyssen hat drei Söhne, von denen der älteste, Fritz, als Ingenieur sein Mitarbeiter ist. Der jüngste Sohn lebt, zum ungarischen Baron erhoben, in Preßburg. Mit dem zweiten Sohn August lebt der Vater seit mehr als zwanzig Jahren in Auf­sehen erregenden Prozessen. Es handelt sich um die Auslegung des Vertrages zwischen Vater Thys­sen und seiner Fran, den die Gatten vor etwa 30 Jahren bei Lösung der Ehe schlossen. Danach ge­hörte das Vermögen den Kindern, die Verwaltung stand dem Vater zu. Der Prozeß, der bereits Mil- lionen verschlang, dreht sich nun darum, ob mit dem Vermögen das nur zur Zeit der Trennung vorhandene oder auch alles das gemeint sei, was durch das vorhandene Vermögen neu erworben wurde. Der Unterschied zwischen beiden Ansichten beträgt weit über ein Milliarde. Als Sachverstän­dige wurden sämtliche juristischen Autoritäten auf­geboten, unb es spricht nicht für sie, daß die von Vater Thyssen bestellten einmütig dessen Stand­punkt vertraten, während die vom Sohne befragten ausnahmslos gegen den Vater entschieden. Selbst der Krieg vermochte neben einer vorübergehenden Versöhnung keine endgültige Derftändigung zu bringen. Der Vater versuchte es, mit Irrenärzten den widerspenstigen Sohn zu bekehren und trieb ihn schließlich in einen Els-Millionen-Konkurs. Die­ser Konkurs wähtte auch über 10 Jahre.