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FuldaerZertunq

Anzeiger für die Stadt und den kreis Fulda. Amtliches kreisbtatt.__

53. Zahrg.

Sonntag, 21. iftürz 1926.

Nr. 67

Ministers CurtiuS

1

Nach einer Meldung der Indo-Pacific aus Pe- king konnten am 1. März die Universität und Schu- len Pekings ihre Pforten nicht öffnen, weil die Lehrer, die feit mehreren Monaten kein Ge­halt erhielten, in den Streik getreten find.

Wie die Agentur Indo-Pacific aus Peking be- richtet, dauert die Schlacht bei Kuangfchau an. Die Truppen Kuo-min-tfchuns fallen 200 Ja- porter gefangen genommen haben, die in chine­sischen Uniformen auf der Seite der Mukdentrup« pen gekämpft hätten. k<-

In der Freitag-Sitzung des Reichstages wurde die zweite Beratung des Haushalts des Reichswitt- schaftsministeriums fortgesetzt und durch eine Programmrede des Reichswirtschafts­

♦ Der Vater deS Präsidenten Coolidqe aestorben. Der Vater deS Präsidenten Coolidae ist in Plymouth im Staate Vermont gestorben. Präsident Coolidge, der die Nachricht von dem Tode seines VoterS auf der Fahrt durch Connecticut erhielt, wird in Plymouth eintreffen.

Rußland und England.

wtb C o n b 6 n, 20. Marz. (Gig. Funkm.) „Mor- ningpoft" berichtet, daß vier konservative Parlamentsmitglieder beabsichtigen, etwa am 20. April eine Reise nach Rußland zu unternehmen, die einen Monat oder länger dauern werde. Diese Reise werde mit Kenntnis und Billigung der Re­gierung unternommen, jedoch nicht auf beten Per- anlafsung ober Anregung.

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Die deutsche AutzenpolM.

Freitag mittag fand eine Besprechung der Reichsregierung mit dem interfraktionellen Aus­schuß der Reoierungsvarteien über die Genfer Ver­handlungen statt. Die Aussprache, die sich an.die Ausführungen des Reichskanzlers und des Retws- außenministers knüpfte, wird die Grundlage für die Stellungahme der Fraktionen bilden.

Heber diese Besprechung des Reichskanzlers mit den Vertretern der Regierungsparteien hat das „Berl. Tageblatt" folgendes zu berichten: Nach dem eingehenden Meinungsaustausch, der der Be­sprechung folgte, erfolgte keine Stellungnahme fet­tens der Vertreter der Regierungsvarteien, da diese erklärten, sie müßten erst auf Grund dieser Aussvrache mit ihren Fraktionen Fühlung nehmen. Die Fraktionen der Regierungsparteien werden noch vor Beginn der außenpolitischen Aus­sprache im Reichstaa. die f ü r M o n t a g endgültig festgesetzt worden ist. zusammentreten. Der Aus­wärtige Ausschuß des Reichstages soll vorher nicht mehr einberufen werden. Das „Berliner Tageblatt" fügt noch hinzu, daß die Fraktionsfüh­rer der Sozialdemokraten und der Deutschnatio­nalen Samstag vormittag von dem Reichskanzler und dem Reichsminister des Aeußeren empfangen werden sollen. Die Vertreter der- Wirtschaftlichen Vereinigung sollen für Samstag nachmittag in die Reichskanzlei gebeten worden sein.

Eine demokratische Zeitungskorresvondenz teilt mit, daß die Reasenmasvarteien beabsichtigen, im Laute der ausi"uvolitischen Debatte des Reichs­tages. die am Montag beginnen soll, eine E n t - s ch l i e ß tt n g vorzulegen, in der sie für die Fortführung der Locarnopolitik ein­treten. Es darf angenommen werden, daß auch die Sozialdemokraten dieser Entschließung zu- stimmen.

Die DarteMhreil beim Kcmiler.

wtb Berlin, 20. März. ((Eia Funkm). Der B. 3- uuolae empfing heute im Laufe b"s Botmit- kaas Reichskanzler Dr. Luther die Parkeiführer zur Besprechung der politischen und parlamentarischen Situafian. Die Empfang» dürften sich bis in den Rachmiktaq hinzlehen. Ob der Reichskanzler die Debatte am Montag selbst durch seine Berichkerskak- funq einleiken wird, stellt noch nicht fest. — Die B. 5 meldet weiter: Die Einladung an Deulsch- land zur Teilnahme an der St« d i e n k o m mi s - Hon für die Erweiterung des Bölkerbundsra'es ist noch nicht in Berlin eingekroffen. Disher liegt lediglich eine Ankündigung vor.

Vie Krife im Völkerbund.

? Reformvorschläge.

wtb'. Paris, 20. März (Eig. Funkm.) 3n einem heute vom "Petit Parisien" veröffentlichten Artikel wird als Ersah für den heutigen Pölkerbundsratdie Schaffung kontinen­taler PSlkerbundsräte vorgeschlagen. Die Pollvsrsammlung werde auch ferner in Genf zuiammenlreken. Heber den kontinentalen Räten müßte ein ob e r st e r Rat stehen, der jedoch nut die Rolle eines Schiedsrichters im Talle eines Kon­fliktes zwischen verschiedenen kontinentalen Räten zu spielen haben werde. Ilm Eifersüchteleien oor- zubeugen, müsse man die Mitglieder des obersten Rakes durch die kontinentalen Bereinigungen wäh­len lassen, von denen jede einzelne das Recht auf eine gewisse Zahl von Berkrekern haben werde. Die europäischen Großmächte würden im Berhällnis zu ihrer Devöllerung und ihres Reichtums mehr Stimmen erhalten müssen. Die europäischen Ko­lonialmächte würden als Mandatare in den asiati­schen und astlkanischen Bölkerbund eintreken. Sie könnten also in den obersten Rat durch verschie­dene kontinentale Bereinigungen gewählt w rden.

Born obersten Kriegsrak.

Aus Paris wird gemeldet:

Der Oberste Kriegsrat hat unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik D o u m e r g u e eine Sitzung abgehalten.

Genf und das Unterhaus.

Der enaftsche Innenminister Chamberlain ist mit seiner Gattin auS Gens kommend wieder in London eingetroffen. ,

In der Hnterhausdebatte über Genf am Diens­tag wird wahrscheinlich noch Erledigung der kleinen Anfrage Lloyd Georges einen Antrag auf Ver­minderung des Gehaltes für den Staatssekretär deS Auswärtigen stellen, was die Bedeutung eines Mißtrauensvotums hat. AIS zweiter Redner wird Ramfay Mocdonald sprechen. Dann wird Chamberlain das Wort ergreifen. Sollte die Opposition eine Abstimmung für wünschenswert halten, so wird diese voraussichtlich noch am selben Abend stattfinden.

Dem .Star" zufolge hat die Regierung eS ab« gelehnt, die Genfer Verhandlungen im Unierhause anders zur Sprache bringen zu lassen als in Form eines Mißtrauensantrages. Am Mittwoch wird Lord Oxford im Oberhaus ebenfalls die Genfer Vorgänge zur Sprache bringen. .

Aus ben Parlamenten

Deutscher Reichstag. 1 5-

= Berlin, 20. Mär;. (Eig. Funkm.) Reichs- kanzlet Br. Luther empfing heute vormittag in Anwesenheit des Reichsaußenministers Dr. Stresemann die sozialbemokralischen Masord- netsn Müller- Franken, Dr. B r e i t s ch e i d und Mels, und um 12 llhr mittags den Abg. Graf Destarp (Dffchnak.). Den Parteiführern wurde ein eingebenber Bericht über bie Borgänge in Genf gegeben. Die nächste Bollsihung des Reichs­tags findet erst am Montag stakt. Auf der Tages­ordnung stehen nur Fragen des Kleinwohnungs­baues. Dis Meldung von einem Zusammentritt des Auswärkigen Ausfchuffes des Reichstages ist unrichtig. Reichskanzler Dr. Luther und Strese­mann werden mit ihrem Bericht sofort vor bas Plenum des Reichstages treken.

Der französische Botschafter in London, De Fleuriau, wies in einer Rede in Winchester den Vorwurf eines amerikanischen Blat­tes zurück, daß in Genf Intrigen zwischen Chamberlain und B r i a n d gespielt hätten. Auch der ehemalige Botschafter in Paris, Lord Derby, kam in derselben Versammlung auf Genf zu sprechen. Er sagte, in England bestehe ein ge­wisses Mißtrauen gegen den französischen Alliierten, doch glaube er, daß der Locarno-Pakt intrigensicher werde. Letzterem sei die Bedingung angefügt worden, daß Deutschland als gleichberech­tigtes Mitglied in den Völkerbund ausgenommen werden müsse. „Ich bin", so fuhr Lord Derby fort, „der Ansicht, daß es, wenn wir als Ehren­leute handeln wollen, unsere heilige Pflicht ist, die uns gestellten Bedingungen zu erfüllen und Deutschland aufzunehmen."

Amerika und -er Weltgerichtshof.

Aus Washington liegt folgende Meldung vor:

Zu der Entscheidung des Völkerbundes, wonach die amerikanischen Vertreter von ihrer Regierung ermächtigt werden sollen, die von Amerika betreffs seinen Beitritt zum Weltgerichtshof gemachten Vor­behalte zu erörtern, wird betont, daß diese Vorbe­halte ohne jede Aenderung angenommen werden müßten. Auch nur die geringste Aenderung würde es notwendig machen, sie an den Senat zurückzu­verweisen. In diesem Falle würde der Kampf um den Beitritt Amerikas zum Weltgerichtshof im Senat wegen der jüngsten Entwicklung in Genf miterhöhterKraft wieder aufleben.

Der deutsche Bergbau im §ebruar.

Steinkohlenbergbau. Ruhrbezirk: 3m Febr. 1926 wurden an 24 Arbeitstagen 8 050 361 To. Kohle geför- bett aegen 8 401992 To. im Vormonat und 9194112 T. im Februar 1913. Kok-erzeugung: 1656 929 Tonnen (1 753 753 bezw. 1973 264). Brikettherstellung: 341 466 To. (339 125 bezw. 396 503) Gesamtzahl der Arbeiter 383 599 (388 818). Zahl der Feierschichten 579 000 (384000). — Aachen: Kohlenförderung 322675 To. (Februar 1925 : 270139) bezw. 1913: 245 078). Koks- erzeugung 73 853 To. (73 837 bezw. 92 Ä5). Briketther- stellung. 7093 To. (8216 bezw. 8130), Gesamtarbeiter­zahl 20 964 (20579 bezw. 15 282). Die Absatzverhältnisse waren unbefriedigend. Niederschlesien: Kohlenförderung 452 785 To. (455 367 bezw. 453 507). Kokserzeuaunq: 74 132 To. (66 650 bezw. 66 718). Brikettherstellung: 14 798 To. (6280 bezw. 8128). Gesamtarbeiterzahl 31 041 (33 639 bzw. 28 876). Sachsen: Im sächsischen Stein­kohlenbergbau betrug die Förderung im Februar 1926: 344 898 To. (343 509 bezw. 427 424). Koksgewinnung: 17167 To. (16 422 bezw. 16 817). Brikettherstellung: 7570 To. (7082 bezw. 4189). Belegschaftszahl: 25 842 (30 447 bezw. 24 290).

Braunkohlenbergbau Mitteldeutschland: Roh- kohle 7 711381 To. (Januar 8 498 611). Briketts 1974 756 To. (2121 452), Koks 31890 To. (33 298). Die rla/^Zra°e sich infolge der Witterung bedeutend ver- ichlechtert, besonders in Briketts, die Stapelbestände nah­men zu. Die Belegschaft zeigte keine nennenswerten Aenderungen. Rheinland: Kohlenförderung 3 091 435 7?/. ^ W8 033 bezw. 1574 633), Briketts 729890 To. (704 391 bezw. 460 833).

u: Lahn- und Dillgebiet

Sebn nr61^ 0£enr e f f l” ift aud> im Verlaufe des Hm keme Besserung der Marktlage zu verzeichnen. Lage^weiter"an^ ^Meinbergbau dauert die trostlose

' Maffenerkrankunqen an Typhus. Eine M a s s e n- an Typbus ist in der Familie «nes Postbeamten in Eihau zu verzeichnen. Die Famtlte tft zehn Köpfe stark. Sechs Farnilienrnit. guever mußten in das Bautzener Stadtkranken- vaus eingeliefert werden. Das Befinden einiger der Erkrankten ist besorgniserregend. Tas ganze Laus d«r Familie ist isoliert.

* Eine Reichskagung der Ausgewiesenen von Rhein und Ruhr. Wie mitgeteilt wird, wird der Reichsverband der Ausgewiesenen von Rhein und Ruhr am Samstag, den 20. März in Bad Kreuz­nach eine allgemeine Reichstagung veran- statten, auf der die Delegierten der einzelnen Orts­gruppen zu den noch schwebenden Fragen Stellung nehmen werden. Auf der Tagesordnung stehen u. a. die Klage des Reichsverbandes gegen den Reichsfiskus wegen Nachzahlung der örtlich abge­stuften Gehaltsteile bei den Beamten und die Dar­lehensfrage, inbefonbere der Beschaffungsdarlehen der Eisenbahner. Ein besonders wichtiger Punkt ist die Frage der Entschädigung für die infolge der Ausweisung existenzlos gewordenen Angehörigen der freien Berufe. Das Hauptreferat wird das Ehrenmitglied des Reichsverbandes. Dr. Lüdecke- Frankfurt a. M. halten.

Stiebe mit Marokko?

wtb Paris, 20. März. (Eig. Funkm.) Me „Deute“ mifeilf, ist firiegsmlniffer Painleve ge­stern gefragt worben, ob es richtig fei, daß zwischen Spanien, Frankreich und Abdel Krim Bethanblungen im Gange feien. Paileve habe bieser Nachricht nicht roiberfptodjen, säu­bern sogar hin zu gefügt, baß Frankreich unter bet Bebingung, daß sein Ansehen unb feine Rechte in Marokko nicht angetastet werben, stets bereit gerne- fen fei, schleunigst Frieden zu schlleßen.

Verluste in Syrien.

Das französische Ministerium für auswärtige Angelegenheiten gibt von der Niedermetze- lung einer französischen Abteilung in Syrien folgende Darstellung: Die Drusen hat­ten von dem Marsch einer kleinen Abteilung Kennt­nis erhalten und sich bet Nedoho in einen Hinter- -halt gelegt. Die vom französischen Kommando der Abteilung zu Hilfe gesandten Truppen kamen zu spät. Es wurden 4 5 Mann getötet, darunter die Hälfte Franzosen mit zwei Offizieren und einem Adjutant. Nur acht Mann gelang es, sich zu retten

China.

Aus Peking wirb gemeldet: Bei den Zu­sammenstößen zwischen demonstrierenden Studen­ten und dem Militär sind, wie verlautet, ungefähr 50 Personen ums Leben gekommen und 62 verwundet worden. Die Stadt ist zurzeit äußerlich ruhig, jedoch herrscht große Erregung. Die Läden sind geschlossen unb der Straßenbahnverkehr einge­stellt.

Türkei und Griechenland.

Beschlagnahme griechischen (Eigentums in Kon­stantinopel.

wtb Paris, 20. Mörz. (Eig. Funkm.) Rach einer Meldung des „Rewyork-Herald« aus Kon­stantinopel soll die türkische Regierung die Behör­den in Konstantinopel angewiesen haben, Borbe­reifungen für die Beschlagnahme des gesamten griechischen Besitzes in Konstantinopel zu treffen. ________________

♦ Holland unb der Vatikan. Aus dem Haag wird gemeldet: Die Zweite Kammer hat den Haus- baltsposten für die holländische Gesandtschaft beim Vatikan mit 48 gegen 41 Stimmen abgelehnt.

* Die belgische Finanzkrise. Havas berichtet auS Brüssel: Das belgische Kolonialministerium demen­tiert kategorisch die in einem Finanzorgan verbreitete Nachricht, die Engländer und Amerikaner verlangten von der belgischen Regierung eine Garantie auf die in staatlichen Händen befindlichen kolonialen Wert­papieren, um Belgien die Währungsanleihe bewilligen zu können. ________________________

* Franken-Schulze vergiftet 7 In der Berliner Preffe wird das Gerücht verbreitet, daß der dieser Tage in der Irrenanstalt Herzberge verstorbene Techniker Schulze, bet bekanntlich beschuldigt wurde, in der ungarischen Frankenfälscheraffäre mitgewirkt zu haben, nicht eines natürlichen Todes gestorben, sondern daS Opfer eines Gift­mordes geworden sei. Tie Berliner Staatsan­waltschaft soll bereits die Leiche deS Verstorbenen zur Obduktion beschlagnahmt haben.

* Haftentlassung in der Spritweberaffäre. Der in die Spritweberaffäre verwickelte Kaufmann Dr. Franz Kopp, der seit seiner Auslieferung durch Holland im Mai 1925 sich in Untersuchungshaft befindet, wird jetzt auf Beschluß des Landgerichts 2 gegen eine Sicherheit von 4000 Mark auS der Haft entlassen werden.

* Abgewiesene Revision Grütte-Lehders. Der cm 11. 12. 1925 wegen des im November 1923 nn Tegeler Forst an dem ehemaligen Oberleut­nant Mülle r-D a m m e rs begangenen Raubmor­des vom Schwurgericht Berlin zu acht Jahren Ge­fängnis verurteilte Kaufmann Grütte-Lehder, der nach der Begehung der Tat nach Ungarn geflüchtet und von der ungarischen Regierung ausgeliefert worden war, hatte gegen das Urteil Revision mit der Begründung beantragt, daß ihn die ungarische Regierung nur wegen Mordes ausgelirfert habe. Das Schwurgericht Berlin habe aber feine Tat als politisches Verbrechen angesehen. Der zweite Straffenat des Reichsgericht hat nunmehr die Revi­sion als unbegründet verworfen und damit das Urteil bestätigt.

* Scrurtctlung des dänischen Methodiftenbischofs Bast. Der Methodistenbischof Bast in Kopenhagen wurde wegen Betrugs zu bsw Monaten Gefängnis verurteilt.

eingeleitet. Der Minister legte die Grundzüge der deutschen Wirtschaftspolitik dar und wies zunächst darauf hin, daß die Handelsbilanz im Jahre 1925 passiv gewesen sei. Seit Dezember sei aber die Passivität des Außenhandels ftt eine Aktivität um- geschlagen, die allerdings in erster Linie auf das Sinken der Kaufkraft zurückzuführen sei, woraus sich ergebe, daß die Aktivität der Handelsbilanz nicht notwendig eine blühende Wirtschaft bedeute. Unsere Wirtschaft mache einen Umstellungsprozeß größten Ausmaßes durch, beffen Kennzeichen die Rationalisierung fei. Es komme im übrigen haupt­sächlich darauf an, einen besseren Handelsausgleich in ganz Europa zu erzielen. Ein Abweichen von der Linie der Meistbegünstigung würde ein gefähr­liches Experiment bedeuten. Die Erweiterung der Kartellvervrdnung werde geprüft. Die von der Herabsetzung des Reichsbankdiskonts erwartete Be­lebung des Kapitalmarktes fei eingetreten. Inder Aussprache wurde an verschiedenen Maßnahmen des Reichswirtschaftsministeriums Kritik geübt.

Die Beratung wurde schließlich abgebrochen und sodann ohne Debatte der Haushalt des Reichstags in zweiter Lesung gebilligt, worauf sich das Haus auf SamStag vertagte.

Preußischer Landtag.

Aus der Tagesordnung des Landtags stand am Freitag zunächst die Fortsetzung der zweiten Be­ratung des Haushalts des Innenministeriums, die aber nach kurzer Debatte zwecks Abstimmung über die Hauszinssteuer > unterbrochen wurde. Der Paragraph, der den Grundsatz ausspricht, daß in Durchführung der reichsrechtlichen Vorschriften auf bebaute Grund­stücke eine Hauszinssteuer erhoben wird, wurde an­genommen. Ferner fand der Zentrumsanttag An­nahme, der die Gebäude landwirtschaftlicher Grunds stücke ohne die Fischereibettiebe befreien will; außerdem der Antrag, der von der Steuer aus- nimmt Steuerpflichtiege mit einem Einkommen unter 1000 Mark sowie bedürftige Sozialrentner, Kleinrentner, Kriegsbeschädigte und Erwerbslose. Ein Zentrumsanttag, der von den gewerblich be­nutzten Gebäuden nicht 40 Prozent der Friedens- miete, sondern nur 40 Prozent des Gebäudesteuer- nutzungswettes erheben will, wurde gleichfalls an- genommen. Ferner wurde noch beschlossen, daß bei kleinen Einfamilienhäusern, die nur vom Eigen» tümrr bewohnt werden, die Steuer eventuell ge­stundet oder niedergeschlagen werden kann. Nächste Sitzung Samstag. ’

Die Ürbeitrzeiikonferenz.

Das Ergebnis der Londoner Tagung.

Die internationale Arbeitszeittonferenz in Lon- don schloß im Zeichen großer Herzlichkeit. Die Schlußsitzung, die nur durch zwei kurze Pausen unterbrochen wurde, erstreckte sich über annähernd zwanzigStunden. Die Beratungen der Kon- ferenz, die feit Anfang der Woche vor sich gegangen sind, wurden nach der ersten offentlidien Sitzung unter Ausschluß der Oeffentlichkeit geführt. Erst einige Minuten vor zwei Uhr morgens wurden Presse und Publikum zugelassen.

Nach Schlußansprachen der einzelnen Belege» tionsführer wurden die getroffenen Vereinbarungen unterzeichnet.

Das englische Arbeitsministerium veröffentlicht die Beschlüsse der Internationalen Arbeitszeik- konferenz über die Auslegung des Washingtoner Abkommens. Danach soll sich Artikel 1 der Washing­toner Konvention über die 48 Stundenwoche auf alle industrielle Unternehmungen beziehen, ganz gleich wieviel.Personen in dem Unternehmen beschäftigt sind. Ausgenommen sind nur diejenigen Betriebe, in betten nur Mitglieder derselben F a- mitte arbeiten. Der eigentliche Post-, Telegraphen, und Telephondienst soll den Bestimmungen des Ab- kommens nicht unterliegen, dagegen die Jnstand- haltungs- unb Ausbesserungsarbeiten. Zu Artikel 2 ist beschlossen worben, daß bie Arbeitsstunden die Zeit umfassen, währenb deren bie Beschäftigten zur Verfügung des Arbeitgebers stehen. Zu Artikel 6b wurde vereinbart, baß bis Höchstgrenze der Ueder­st u n b e n bunt) die nationale Gesetzgebung be­stimmt werben soll. Bezüglich der Entlohnung der Ueberftunben wurde beschlossen, baß bie in Artikel 6 vorgesehene Mindestzusatzrente von 25 Prozent obligatorisch ist. Die 48 Arbeitsstunden in jeher Woche auf 5 Tage zu verteilen, ober in zwei Wo­chen auf 11 Tage, ist statthaft. Bezüglich ber Eisenbahnbetriebe wurde beschloffen, baß diese bem Abkommen unterliegen. Falls bie Bestimmungen ber Artikel 5 und 6a ben Bedürf­nissen der Eisenbahn nicht entsprechen sollten, so ist eine notwenbige lieber stundenzahl erlaubt Zu Artikel 14 wurde beschlossen, baß jede Regierung verpflichtet ist, den Artikel zur Durchführung ber Abkommens in ihre Gesetzgebung aufzunehmen. Ferner ist vereinbart worben — von Großbritan­nien unter Vorbehalt —, daß die Bestimmungen des Artikels 14, die die Außerkraftsetzung ber 48- Stunbenwoche regelt, nur im Falle einer Krise anzuwenben ift, bie bie nationale Wirtschaft berart in Mitleibenschaft zieht, daß sie bie Existenz des ganzen Volkes bedroht, nicht aber bei Krisen, bie lediglich einzelne Zweige ber Inbusttie gefährden.