Anzeiger für die Sfabf und den kreis Fulda. Amtliches kreisblall.
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fir. 56.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: »Illustrierte Bei» läse" nnL .BuchenblStter". RotatmnSvrnck und «erlag der Iuldaer L ctiendrnckerei in Iulda. Iiernsvrecher Nr. 9.
Monatlicher BernaSvreiSr 1.50 Ml.
Dienstag, 9. Mär- 1926.'
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53. Zahrg.
Der Beginn der Genfer Verhandlungen.
Die erste Unterhaltung der Vertreter der Locarno-Staaten. — Briand nahm daran teil und reiste dann wieder nachparis.-Die französischeUabinettsKrise
In Heidelberg von der überraschenden Kabinettskrise in Paris in Kenntnis gesetzt, hatte die deutsche Delegation von dort bis nach Gens, wo sie am Samstag gegen 8% Uhr abends ankam, Gelegenheit, sich die neu geschaffene Lage recht eingehend zu überlegen. Die Deutschen sind in Gens km Hotel „Metropole" abgestiegen, bas u. a. auch eine große deutsche Flagge trägt. Am Badischen Bahnhof in Basel wurde die Delegation von Vertretern der Kantonregierung bewillkommnet, unter deren Führung der Reichskanzler und einige andere Herren eine kurze Fahrt durch die Stadt machten. In Genf wurde die Delegation von einer großen Menge, unter der sich zahlreiche Journalisten befanden, empfangen. Der deutsche Gesandte Dr. Adolf Müller in Bern begleitete die deutsche Delegation von Basel ab. In Genf sind 6 Ministerpräsidenten und 13 Außenminister eingetroffen. Ihren Ministerpräsidenten entsenden Frankreich (Briand), Ungarn (Bethlen), Polen (Skrzynski), Luremburg (Cruern), zu denen der österreichische Bundeskanzler Radeck und der deutsche Reichskanzler Dr. Luther treten. Durch ihre Außenminister sind mißer Deutschland (Stre- semann) und England (Chamberlain), Spanien sPanguas), Schweden (Unden), Tschechoslowakei (Benesch), Bulgarien (Burow), die Schweiz (Motta), Südflawien (Nintschitsch), Estland (Pipp), Griechenland (der über Rom kommende Rufos) und Ätauen (Risins) vertreten. Den Vorsitz im Böl- bsrbundsrat führt der Japaner Ishii. Als Vorsitzende der Völkerbundssitzungey kommen die Delegierten von Finnland, Portugal und Südflawien in Betracht. — Briand freilich, der am Samstag abend zusammen mit Chamberlain Paris verließ, ffr nur noch Ministerpräsident für die laufenden Angelegenheiten, da er ja zurücktretsn mußte.
Nach einigen Empfängen von Pressevertretern begann am Sonntag nachmittag die Diplomaten- Ärbeit durch eine Besprechung unter den Vertretern der sogenannten Locarno-Staaten, lieber diese Besprechung wurde das folgende gemeinsam vereinbarte Kommuniques ausgegeben:
„Die Vertreter der Staaten, die sich in Locarno -3um Abschluß des Rheinlandpattes vereinigten, haben sich zum Austausch ihrer Meinungen über die schwebenden Fragen in Genf verabredet. Sie haben sich in einer Unterredung zusammengefunden, in deren Verlauf sie mühelos die gegen- isitige Situation ausklärten. Auf diesen ersten Ge- dankenaustausch soll in einer weiteren Sitzung eine zweite Unterhaltung folgen."
Die Besprechungen dauerten, wie dazu ergänzend gemeldet wird, annähernd nier Stunden. Cs nahmen hieran Dr. Luther, Dr. Stresemann, Chamberlain, Briand, Scialoja und Vandervelde teil. Das Hotel „Beau Rivage", in dem die englische Delegation wohnt, war während der Dauer der Konferenz von einer großen Anzahl Journalisten, Photographen und Neugierigen belagert, die die Delegierten beim Verlassen des Hotels mit Fragen bestürmten. Es wurde indessen von allen Delegationen das vereinbarte gleichlautende Kommuniques ausgegeben, das zwar feine Einzelheiten über die bekannten GefvrLch-aeqenftänds bringt, aber immerhin die „mühelose" Aufklärung unter» streicht,
Mit Rücksicht auf dis französische Kabinettskrise kehrte Briand abends nach Paris zurück. Er sprach jedoch die Hoffnung aus, daß er Dienstag vormittag wieder in Genf fein könne. Der zweite französische Delegierte, Paul B o n c o u r, bleibt in Genf.
Erhebliche Schwierigkeiten-
Der Sonderberichterstatter de? Wolff- schen Telegraphenbüros meldet: Die Unterredung der sechs Locarnodelegierten im Hotel „Beau Ridage" war ausschließlich der Erörterung des Kernproblems gewidmet. Es handelt sich dabei zunächst um eine Klarstellung der beiderseiligen Ansichten und der Beweggründe, die zu ihrer Formulierung geführt haben. Auf diesem Wege bedeutete die nahezu vierstündige Unterhaltung zweifellos einen Fortschritt. Die Delegierten der anderen Mächte haben dabei den Standpunkt vertreten, der sie veranlaßt, ihre Anschauung von der Möglichkeit einer Ratserweiterung in diefer gegenwärtigen außerordentlichen Session aufrechtzuerhalten. Deutscher- eit§ wurde demgegenüber der bekannte und in verschiedenen Reqierungskundgebungen, zuletzt in der Hamburger Rede des Reichskanzlers, niedergelegte einmütige Standpunkt der Reichs, egierung vertreten, der auch weiterhin als feststehend betrachtet werden muß.
Die Form der Verhandlungen war, wie von den Delegierten der verschiedenen Mächten übereinstimmend betont wurde, außerordentlich sachlich und ließ daS einmütige Bestrebe» verspüren, bei dem Bemühen um eine Lötung nicht zu versagen. Wenn tzch zweifellos auch erheblicheSckwierigk eiten ergeben haben, so sind doch die Vertreter der am -Abschluß des Rheinlandpattes beteiligten Mächten ^^erantworlung besonders bewußt, diese Aufgabe
Der Sturz Brianös und Genf.
Reuter meldet aus London: In den verant- Mortlichen Kreisen Londons glaubt man nicht, daß ms Zulassung Deu t s.ch l a n d s zum Völker- dund durch die französische Regierungkrise g e - hrd r t sei, da dis Locarnoverträge von der ©fltnmcr xaiitilioet Word SN feien UNd
die Frage des (Eintritts Deutschlands in den Völkerbund in keiner Weiss von dem Schicksal der «inzel- nen französischen Kabinette abhänge. Eine weitere Reutermeldung besagt, man betone in Paris, daß von dem Ergebnis der Vorbesprechungen in Genf wahrscheinlich die Lösung der vitalen Fragen abhängen werde, die dem Dölkerbundsrat und der Völksrbundsversammlung vorgelegt werden.
In einem offenbar beeinflußten Genfer Telegramm des Havasoertreters wird über die durch die Demission des Kabinetts Briand geschaffene Lage in bezug auf die Erweiterung des Völkerbundsrats folgendes erklärt: Briand würde die auswärtige Politik Frankreichs nicht festlegen können, und deshalb würden die Besprechungen am Sonntag keinen anderen Charakter haben als den eines allgemeinen Meinungsaustausches ohne sofortige praktische Schlußfolgerungen. Aus diesem Grunde wird es immer wahrscheinlicher, daß, wenn das Programm der offiziellen Sitzungen des Völkerbundes und des Rates nicht geändert würde — und das würde nicht der Fall fein — die nebenher gehenden Verhandlungen, insbesondere diejenigen über die Erweiterung des Rates, vorläufig aufgehoben werden würden. Das fei zum mindesten die in Kreisen des Völkerbundes vorherrschende An- sicht.
Die Krise in Frankreich.
Die durch den Sturz des Kabinetts Briand geschaffene Lage ist sowohl vom Standpunkt der eure» väischen Politik als vom Standpunkt der französischen Innenpolitik überaus beachtenswert. In Genf ist man, wie Meldungen von dort besagen, nicht abgeneigt, zu glauben, daß beim Sturze Briands ein Zusammenhang mit Genf vorhanden ist und zwar geht man soweit, den Verdacht auszusprechen, daß Briand sich b e w u ß t in eine Lage gebracht habe, die seinen Sturz herbeiführen mußte. Das Motiv sieht man in der Befürchtung einer diplomatischen Niederlage in Genf, die für das französische Prestige unerträglich wäre. Wenn Briand als Sprecher und Vertreter einer in der Demission befindlichen Regierung nach Genf kommt, ist er insofern in einer praktisch günstigeren Position, als er dann immer wieder auf die Unsicherheit seiner Stellung Hinweisen und damit seine mangelnde Bereitwilligkeit zu irgendwie erheblichen Konzessionen begründen kann.
Die innerpolitische Lage in Frankreich ist so schwierig, daß es Briand sicherlich nicht viel Mühe gekostet hat, falls er im Hinblick auf Genf gestürzt fein wollte, die dafür erforderliche parlamentarische Situation herbeizuführen. Die Schwierigkeiten in der Finanzgebarung des Landes sind außerordentlich, und es steht außer Zweifel, daß ihre Regelung einen längeren Aufschub nicht verträgt. Augenfällig ist, wie auch anderswo, die Krise, in der das parlamentarische System in fast allen Ländern sich befindet. Die Ueberfpannung ober vielmehr die Verkennung und Verbildung dieses Systems hat da und dort eine Ohnmacht der Regierungen im Gefolge, die dem System gefährlich wird. Auf dem Boden solcher Erscheinungen und Stimmungen gedeiht die Sehnsucht nach dem Diktator. Auch in Frankreich erhebt sich der Ruf nach dem großen starken Manne.
Eine Umbildung des Kabinetts ist möglich: eine stärkere Verschiebung Ser Kräfteverteilung braucht gar nicht einzutteten. Vielleicht eröffnet sich unter dem scharfen Drucke der Verhältnisse der auch vom letzten Kabinett Painleve im Oktober 1925 gewählte Weg, der allerdings auch nicht zum Ziele führt; denn schon einen Monat später scheiterte das umgebaute Kabinett. Briand könnte also w ie» Verkehren, am ehesten jedenfalls als Außenminister. Da sind wir denn auch an dem Punkt, der für Deutschland von besonderem Interesse ist. Briand ist der Mann von Locarno. Wenn an seine Stelle ein Außenminister treten sollte, der den berühmten, aber bisher nicht übermäßig angestrengten Geist von Locarno im Sinne etwa einer wolfl nur umgebauten, aber doch etwas mehr rechts orientierten französischen Regierung auffassen würde, hätte dieser Wechsel nur einen Vorzug, den der Klarheit nämlich. Merkwürdig ist, daß Briand schon zum zweiten Male zu einem Zeitpunkt fällt, der auch für Deutschland wichtig ist. Seiner Zeit stürzte er, als in Cannes die ersten ernstlichen Versuche einer Annäherung an Deutschland gemacht wurden; jetzt zerbricht ihm das Kabinett fast an dem gleichen Tage, an dem der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund erfolgen soll.
Um Briands Nachfolge.
Das „Journal" will in den Wandelqänqen des Senats festgestellt Haden, daß der Name P o i n • c ar e mit eigenartiger Beharrlichkeit genannt worden sei. Einige Politiker fetzten sich für ein Ministerium Poincare ein, dem Briand und erriet angehören würden. In den Wandelgängen ter Kammer seien auch die Namen Raoul Peret und de Monzie genannt worden. Don anderer Seite wird bestritten, daß ernsthaft Poincare in Frage kommen könne.
Briand wird am Montag vormittag in Paris erwartet. Der Präsident der Republik wird gleichfalls Montag die üblichen Besprechungen mtt dem Präsidenten der Kammer und des Senats, sowie mit den Parteiführern beginnen, was. wie man ‘annimmt, den ganzen Tag in Anspruch nehmen wird. Man alaubi deshalb in politischen
। Kreisen nicht, daß der Präsident vor Dienstag vormittag den Politiker berufen wird, dem er die Kabinettsbildung übertragen wird.
Im Laufe des Sonntags ist des öfteren Mi- nister de Monzie als die Persönsichkeit bezeichnet worden, die eine nach links gerichtete Kombination zustand bringen könnte, während der „Intransiae- ant" Caillaux als Kandidaten bezeichnet. In beiden Fällen glaubt man, daß Briand Außenminister bleiben werde. Der „Intransiaeant" hält es für wenig wahrscheinlich, daß ein Kabinett fier« riot-Poincare, von dem man in den Wandelgängen gesprochen hat, ernstlich in Erwägung gezogen wird. Diese Kombination sei nur von Finanzleuten vorgeschlagen worden. Außerdem nehme man an, daß Herriot nicht beabsichtige, das Kammerpräsidium aufzugeben.
Keutzerungen Lhamberlains.
wtb ß o n b o n, 8. März. (Eig. Fun km.) Teufet meldet aus Genf: Chamberlain erklärte gestern abend, es habe eine freimütige und ausführliche Aussprache stattgefnnden. Die ganze IRaterie sei durchaesprochen worden. Cs sei noch k e i ne L 8 s u n g für ave Schwierigkeiten gefunden, einige Mißverständnisse und ein gewisses Mißtrauen sei aufgeklärt und beseitigt worden. Chamberlain fügt hinzu, er habe keine neuen Instruktionen aus London angefordert. Gegenwättig bemühe man sich, den Eintritt Deutschlands zu ermöglichen, ohne daß ein Streit damit verbunden werde, wenn dies durch einen kleinen Aufschub erreicht werden könne, so sei es gleichgültig, ob der Eintritt am Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag erfolge. Lr vertraue darauf, daß es fich nm eine zu bedeutsame Sache handele, als daß sie im letzten Augenblick zunichte gemacht werden könne. 3n diesem Geiste würden wir. erklärte Chamberlain, den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund zu einem Anlaß der Befriedigung und Freude machen, statt zu einem des Streites und der Erbitterung. Die Frage der Zusammensetzung des Rates sei seit langem wieder aufgeschoben worden. Hieraus sei mißverständlicher Weise geschlossen'worden, daß diese Frage jetzt zum ersten Male berührt worden sei. Einige dieser Mißverständnisse seien heute zerstreut worden. Chamberlain sagte schließlich noch, der Zweck seiner letzten Rede sei gewesen, zu zeigen, daß es sich bei der Frage nicht ledigsich um eine antideutsche Bewegung gehandelt habe. 3n diesem Falle würde diese Frage sofort ausgeschieden worden sein. ________________
* Wincklers Nachfolger. Die deutschnationale Reichstagsfraktion hat beschlossen, für die Nachfolge des bisherigen Parteivorsitzenden Dr. Winckler, der nach der Dawes-Abstimmung Hergt ersetzte, den früheren Reichsinnenminister Schiele der Partei- leitung zu empfehlen.
Aus den Parlamenten.
Deutscher Reichstag.
Das Haus beschäftigte sich am Samstag zunächst mit der zweiten Beratung des Etats der
Rsichsmarine, cn dem gegenüber dem Vorjahre wesentliche Ab- sttiche vorgenommen worden sind. Der Ausschußantrag sieht die Neuforderung von zwei kleinen Kreuzern, sechs großen und einem kleineren Torpedoboot vor. In der Debatte wurde von sozialdemokratischer Seite besonders dis verfassungstreue Haltung der Reichsmarine anerkannt. Nach Ablehnung der Aenderungsanträge wurde der Marineetat nach den Vorschlägen des Ausschusses angenommen.
Dann folgte die Beratung eines kommunisttschen und eines sozialdemokratischen Antrages, in dem die Regierung aufgefordert wird, scharfe Maßnahmen gegen die
Sabotage des Volksbegehrens zu ergreifen. Reichsinnenminister Dr. Külz versicherte, daß alles getan worden sei um die verfassungsmäßige Durchführung des Volksenffcheids zu gewährleisten. Nach unwesentlicher Debatte wurde der sozialdemokratische Antrag gegen die «stimmen der Deutschnationalen und Völkischen angenommen, der kommunisttsche Sntrag zurückgezogen. Das Haus vertagte sich darauf auf Montag.
Preußischer Landtag.
Nach Erörterung kleiner Vorlagen beschäftigte sich das Haus am Samstag mit der zweiten Beratung der Novelle zum
Gerichtsverfafsungsgefetz, das bis zum 16. Juli 1927 befristet werden soll. Die Vorlage wurde in zweiter und dritter Lesung mit großer Mehrheit angenommen. Während der daraus folgenden zweiten Beratung des Etats des Ministeriums des Innern nahm auch Minister Severing das Wort, um die von deutschnationaler und völkischer Seite gegen ihn gerichteten Angriffe zurückzuweisen, indem er versicherte, daß alle Beamten loyal behandelt werden. Die Weiterberatung wurde auf Mittwoch, den 17. März vertagt.
* Deutsch - mexikanische Schadenersatzverhandlungen. Die deutsch-mexikanische Schadenersahkom- mission, die gebildet worden ist, um die deutsche» aus mexikanische» Revolutionsschäden her- rührenden Ansprüche zu regeln, hat im mexikanischen Auswärtigen Amt unter dem Vorsitz des mexckan» schen Außenministers Saenz und des deutschen Gesandten Will ihre erste Sitzung abgehalten. Die Kommission beschloß, eine Frist von sechs Monaten zu setzen, innerhalb der die deutschen Ansprüche eingereicht sein müssen und vertagte sich dann bis zu diesem Zeitpunkt.
Das Sondergericht zur Fürstenabfindung
Während die Deutschnationalen und Völkische mehr oder weniger wohlwollend einer weitgehenden Abfindung der Fürsten gegenüber« stehen, die Sozialisten und Kommunisten eine entschädigungslose Enteignung verlangen und zur Ünterzeichnung eines Begehrens nach einem solchen Enteignungsgesetz auffordern, haben sich bekannllich Zentrum, Bayerische Dolks» partei, Deutsche Volksvartei, Wirtschaftspartei und Demokraten mit der Regierung auf einen Gesetzentwurf geeinigt, der der Frage der Vermögen ehemaliger Fürstenhäuft gerecht wird, ohne wich- ttge staatspolitische und verfassungsrechtliche Gesichtspunkte außer Acht zu lassen. Die Einigungsformel unterscheidet bei den umstrittenen Vermögensmassen scharf drei verschiedene Teile. Der erste Teil fällt uneingeschränkt dem Staate zu. Ihm gehören alle Objekte an, die von den Fürstenhäusern auf Grund des Völker-, Staats- ober sonstigen öffentlichen Rechts gegen Leistungen erworben worden sind, die nur traft der früheren souveränen Stellung bewirkt werden konnten. Insbesondere gehört hierin alles, was durch Hoheitsakte, durch Belehnung ober Kabinettsverordnung den Fürsten zugeflossen ist, z. B. die Herrschaft Oels, Flatow-Krojanke, Klein- Glinnicke, die Schmalkaldener Forste usw. Da» alles soll für Staatseigentum erklärt werben.
Im zweiten Teil hanbelt es sich um Objekte, die ausschließlich auf Grunb privatrechtlicher Vorgänge durch die Fürsten erworben wurden. Sabinen ist z. B. ein Privaterwerb. Aus biefetn Privateigentum kann der Staat aber alles herausneh» men, was er aus kulturellen, volkswirtschaftlichen und gesundheitlichen Erwägungen der öffentlichen Hand zuzuführen wünscht. Ob und welche Entschädigung zu entrichten ist, hängt davon ab, ob diese Objekte dem Lande finanziellen Nutzen abwerfen.
Der dritte Teil der Dermögensmasse setzt sich aus denjenigen Objekten zusammen, die sich nur schwer in den ersten ober den zweiten Teil ein« gliedern lassen und bereit Herkunft langwierige Beweise notroenbig machen würde. Hier hat ber Staat vorweg einen freien und entfdräbigungstofen ,3 u g r i f f auf alle Objekte, die der öffentlichen Besichtigung unb Benutzung freigegeben sind. Es handelt sich also um alle Theater, Schlösser, Parks. Museen. Bibliotheken, Bildergalerien usw. Der Staat übernimmt diese Objekte entschädigungslos, wenn er nicht aus den Einrichtungen einen finanziellen Nutzen zieht.
In jedem Falle spricht eine Vermutung dafür, daß die strittigen Äermögensobjekte Staatseigen
tum sind, und die Fürstenhäuser haben die Beweispflicht für das Gegenteil. Weiter ist dafür Sorge getragen, daß bei der Aufwertung keine Bevorzugung der Fürstenhäuser eintritt. Sämtliche Zivillisten, Kronfibeikommißren- ten usw. fallen entschädigungslos fort. Aufrechterhalten bleibt die Befttmnrung, daß die gewährten Gelder von den Fürsten nicht für politisch» Zwecke verwendet werden dürfen.
Veftmders ausgesprochen ist die r ü ck w i r - kenbe Kraft im Kompromiß. In die Aus- einanbersetzung fallen alle Objekte, die gegenwärtig, noch zwischen einem Land unb der fürstlichen Familie strittig sind. Bereits gefällte Urteile können aufgehoben werben, wenn sie im Widerspruch mit ben jetzt aufgestellten Grundsätzen stehen. Die rückwirkende Kraft tritt aber nicht ein, wenn Land und Fürstenfamilie einig sind. Damit ist auch einem von de» Ländern — wie Bayern unb Baden —> die ihre Absinbungsftage völlig beendet haben, aus- gedrückten Wunsch entsprochen.
Die Besetzung des Reicks-Sondergerichts erfolgt durch 9 Mitglieder. Den Vorsitz hat ber Rei chs» gerichtspräfident Dr. Simons. Neben ihm gehören 4 Berufsrichter und 4 nach staats- politischen, wirtschaftlichen unb sozialen Gesichts- »unkten aus nichtrichterllchen Kreise ernannte Personen bem Gericht an.
Die Parole der Demokraten.
Gegen eine Unterzeichnung des Volksbegehrens.
Ebenso wie das Zentrum hat jetzt auch die Deutsch-Demokratische Partei im Hinblick auf die oben gekennzeichnete zweckmäßige Regelung ber Absinbungsftage eine Erklärung gegen bie Unterzeichnung des Volksbegehrens veröffentlicht. Die Demokratische Parteileitung erläßt folgende Erklärung:
Die Verhandlungen der Regierungsparteien über die Fürstenabfindung haben zu einem Ergebnis geführt, das der demokratischen Reichstagsftaktion die Zustimmung zum Kompromiß ermöglicht. Die Demokratische Dartei- leitunq erwartet nunmehr, daß die Parteifreunde sich am Volksbegehren nicht beteiligen, das angesichts der Unsicherheit des Ausganges unb ber Debenken gegen feine Formulierung nur bann zu empfehlen war, wenn eine annehmbare parlamentariiche Regelung nicht erreicht worden wäre. Die Zustimmung des Demokratischen Parteiausschusses wird am kommenden Mittwoch erbeten werden.
Die demokratische Fraktion des Reichstages hat einmütig beschlossen, in Würdigung oller vorliegenden Tatsachen sich für das zwischen den Regierungsparteien zu- standegekommene Kompromiß in der Frage der Fürstenabfindung zu erklären.