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Verlage zur Zuldaer Zeitung
Geleit.
Don Ernst Lissauer
Dein find die Wege, die ich einsam schreite.
®u bist mein heiliges Geleite.
Der Pfad erklingt. Du wandelst heimlich mit.
Unhörbar Echo, doppelt Hall und Schritt.
Alexe Hegemann zum Gedächtnis.
Am 2. Februar, dem Fest Mariä Lichtmeß, starb fr Frerburg i. Br., dem Ort ihrer reichgesegneten Wirksamkeit, Alexe Hegemann, eine anerkannte und einflußreiche Führerin der katholischen Kinderfürsorge. Am 17. Stonember 1877 in Münster i. Wests, geboren, stellte Alexe Hegemann schon die ersten Jahre reiferen Alters in den Dienst der karitativen Vereine und des Katholischen Deutschen Frauenbundes in Münster i. W. Kne starke pädagogische Begabung rief sie zur Arbeit am Kind. Sie unterzog sich noch spät der Leh- «rinnenausbildung, erkannte jedoch schon nach kurzer Lehrtätigkeit, daß sie in der Schule ihr eigentliches Wirkungsfeld nicht gesunden hatte. Ihre ganze Liebe war dem Kleinkind im vorschulischen Alter zugewandt. So unterzog sie sich der Ausbildung im Pestalozzi- Fräbel-Haus in Berlin. Ihre nachfolgende Tätigkeit am Kindergarten in Saarbrücken und Kreuznach bewies ihre hervorragende Befähigung. Aus ihrem Wirkungskreise in Kreuznach berief sie der als katholischer Pädagoge bekannte Weihbischof Dr. Knecht an das Freiburger katholische Kindergärtnerinnensemi- nar, das unter ihrer Leitung sich bald den Ruf eines der besten Fachseminare erwarb.
In Freiburg, dem Sitz der Zentrale des Deutschen Earitasverbandes, trat Alexe Hegemann durch ihre Verbindung mit Prälat Dr. Werthmann in direkte Be- Ziehungen zu dem Verband, an dessen Zentrale sie dos Referat Kinderfürsorge gründete und mehrere Jahre bauptamtlich führte. Sie erkannte in dieser Organisation den gegebenen Mittelpunkt für die Verwirklichung ihrer Ideen. Mit selten starker Energie in schwachem Körper und den Krankheitskeimen in der Brust rang sie dem Leben die Ausgestaltung und Sicherstellung ihres Werkes ab. Dieses Ringen mit der Tragik, daß ihrer geistigen Kraft und ihrem großen organisatorischen Talent nicht ihre physische Kraft entsprach, wurde für ihr Werk und ihre Arbeit zur Opferkraft, die sich in der Zukunft fruchtbar auswkrken wird, wie die tau- sendfältige Frucht des Samenkorns, das sterben muß, tot Leben zu wecken.
Mexe Hegemanns Lebenswerk war die zeitgemäße Ausgestaltung der katholischen Kinderfürsorge. Sie hat die Lebenswerte der Fröbelschen Kinderpädagogik mit religiösem Geist durchdrungen, in die katholische Kin- derfürsorge organisatorisch eingebaut und hier heimisch gemacht. Sie hat die Kleinkinder b e w a h r a n st alt zum Kinder garten gestaltet, in welchem die Kinderseele und ihr organisatorisches Wachstum gefördert und in der stillen Entfaltung begleitet wird mit zielbewußter, aber der Entwicklung angepaßter Führung. Um ihren Ideen die durchgreifende Verwirklichung zu sichern, schloß Alexe Hegemann 1917 in dem Verband katholischer Kleinkinderanstalten Deutschlands (1919 mit dem in Bonn bestehenden Verband kath. Kinderhorte vereinigt, zum Zentralverband katholischer Kinderhorte und Kleinkinderanstalten) diese Anstalten organisatorisch zusammen.
Ein weiteres Hauptanliegen Alexe Hegemanns war die zeitgemäße Vorbildung der in der Kinderfürsorge tätigen Ordensschwestern. Auf ihre Anregung befaßte sich 1921 die Bischofskonferenz in Fulda mit dieser Frage. Die dort gefaßten Entschließung wurde zur Grundlage für den von ihr herausgegebenen Lehrplan für eigene Schwesternfachseminare. Die erste Verwirklichung dieses Gedankens war die Errichtung des Freiburger Schwesternfeminars, das mehr und mehr zum Vorbild wird für ähnliche Gründungen.
Auch an der Schaffung weiterer Fack>oerbSnde für Kinderfürsorge war Alexe Hegemann führend beteiligt. Ferner ist mit ihrer Lebensarbeit eng verbunden dis Entwicklung des Zufammenschkusies der Erzieherinnen in der Reichsgemeinschaft katholischer Iugendleiterinnen, Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen, auf dem Boden der katholischen Lebensanschauung und Erziehungs- grundsätze. In interkonfessionellen Verbänden galt Alexe Hegemann als anerkannte Führern und Vor- kwnpferin der katholischen Kinderfürsorge. Der Heilige Vater hat ihre großen Verdienste 1924 durch die Ver- leihung des Ehrenkreuzes Pro Ecclesia et Pontifice ausgezeichnet.
Mit Alexe Hegemann verliert der katholische Dolks- teil Deutschlands ein ungewöhnlich organisatorisches Talent, eine tief religiöse Persönlichkeit, eine rastlose Arbeiterin von gewaltiger Energie, eine stille und edle Frau von echter Mütterlichkeit. Die Verstorbene hat ' ■ " - ■ ? '
Frauenhaß.
Geschichtliche Erzählung aus dem 15. Jahrhundert von Felix Rabor.
1.
Man schrieb das Jahr 1422.
Ein herrlicher Maimtag lag über den reizenden Ge. fttben des lieblichen Neckartales.
Stattliche Burgen und fteundliche Dörfer lagen wie glänzende Edelsteine inmitten von grünen Rebenhügeln und saftigen Wiesen oder auf waldumrauschten Berges- spitzen. " .
An einen anmutigen Hügel angelehnt, dehnte sich das Städtchen Nürtingen aus; stattlich und stolz erhob sich inmitten der nteberen Häuser auf dem höchsten Punkt der Anhöhe, von der aus man das ganze Neckartal übersetzen konnte, das Schloß mit seinen glänzenden Mauern und den festen Türmen, deren Zinnen im Sonnenlicht glänzten. Ein breiter Laufgraben, am Tore von einer starken Brücke überspannt, umsaßte mit seinen feuchten Armen die Mauern der Burg, zu deren Füßen sich der herrliche Schloßgarten, auf drei Seiten von Mauern geschützt, bis an die Ufer des klaren Muffes ausdehnte.
Auf dem Turme stand der Burgwart und schaute scharf nach Nordwest, als ob er von dorther auf der Landstraße, die sich wie ein glänzendes Band durch das dunkle Grün der Wiesen schlängelte, etwas erwarte.
Unten im Schloßhofe scharrten ungeduldig die Roffe, deren Herren plaudernd in einer Gruppe beifanunen« standen; es waren meist junge Leute, deren reiche Kleidung und vornehme Haltung auf den ersten Blick sagten, daß sie dem edlen Ritterstande angehörten.
«Ich selbst habe die hohe Frau begleitet", sprach ein hochgewachsener Ritter mh blankem Harnisch, dem eine rote Feder vom Helme nickte, «als sie ins Lager nach bulz ritt, wo sie blieb, dis ihre Truppen das Städtchen und die Burg eingenommen hatten. Hei, es war ein KDlaet Ritt durch das schöne Neckartal! Und Hiebe hat
FW unsere
sich durch ihre selbstlose, aufopfernde Arbett ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Ihr Andenken wird, zumal in Fachkreisen, ein geheiligtes sein.
Die Sprache in der Kinderstube.
Don Dr. H e i n r i ch Ganz.
Wütendes Kindergeschrei — dazwischen beschwichtigende und beruhigeitde, sanfte, weibliche Stimmen: da hockt in seinem Kinderstühlchen der kleine dreijährige Karl, schlägt mit den Händen um sich, trampelt mit den kleinen, kräftigen Beinen wütend an den Vretterwänden des für diese Krastleistungen fast zu zierlichen Möbels und brüllt in einer Stärke und mit einem Stimmen» umfang, der mich mit größter Hochachtung für seine Atmungs- und Stimmwerkzeuge erfüllt. Links und rechts von ihm stehen mti ängstlichem Gesichtsausdruck zwei Frauen, die ihm so liebreich zusprechen, tote das eben nur Frauen können: links die Mutter, die zierliche Frau Professor, rechts die robuste Kinderftau Auguste.
Zwischen den langgezogenen Schreien des als „Einziger" höchst verzogenen, kleinen Haustyrannen höre ich abgerissene Worte und Sätze der Mutter: „Wat hattu denn, mein duter, Heiner Tahli, wat will Tahli Ham? Wittu Miich!" „Miich! Milch!!" brüllt der kleine Wüterich „Tahli". Da wendet sich die Mutter hastig zur Kinderftau, und ich höre den seltsame» Auftrag: „Adutte, laupen Die doch nell und holn Die dem buten Tahli Muck!" — „Nell, nell!" schreit der Junge hinterher, und „Andutte" läuft, daß die bauschigen Röcke nur so fliegen, und wiederholt dabei: „Nell, nell!"
Für jene Leser und Leserinnen, denen dies eigenartige Kauderwelsch noch nicht bekannt fein sollte, ist es vielleicht nicht ganz unnötig, zu bemerken, daß Miich: Milch bedeutet, laupen Die: laufen Sie, nett: schnell, Tahli: Karli, Karlchen. —
Während „Andutte" die Milch besorgt, und der kleine Karl in Erwartung seiner Milch sein Geheul eingestellt hat, nähere ich mich der Mutter, die mich, bei dem plötzlichen Aufhören des Schreiens erleichtert auf» atmend, freundlich begrüßt: „Nun, Herr Doktor, Sie kommen gerade recht zu einer kleinen Familienszene, Sie sehen ja so erstaunt aus!"
„Verzeihen Sie, gnädige Frau, wenn ich über die merkwürdig'' Sprache, die Sie zu Ihrem Söhnchen sprechen, etwas erstaunt bin. Meinen Sie nicht, daß eine solche Sprechweise Ihrem Kinde schädlich ist?"
„Aber mein Gott, Herr Doktor, was soll denn das schaden? Der Junge versteht mich bester, wenn ich so zu ihm rede, wie er selbst spricht. Das scheint mir doch ganz zweifellos zu fein." . ___
„Glauben Sie, verehrteste Frau, daß die Auguste Sie auch besser versteht, wenn Sie mit ihr in der Kindersprache reden?"
„Natürlich nicht. Karlchen sollte aber den Auftrag, den ich gab, verstehen, und Sie sehen ja, daß er es wirklich verstanden hat und sofort ruhig wurde."
„Aber ich behaupte, und kann das ohne Schwierigkeit beweisen, daß Ihr Knabe auf die richtige Ausspräche der Worte der Erwachsenen genau so gut versteht wie das schreckliche Kauderwelsch, das Sie ihm vorsetzen." — „Wo ist Auguste?" wendete ich mich an Karlchen. Das Kind wandte seinen Kopf sofort der Tür zu, durch die Auguste wieder eintreten muhte. „Willst Du auch Kuchen haben?" Der Knabe drehte den Kopf nach dem auf dem Büfett stehenden Kuchenkorb hin.
„Sie sehen, gnädige Frau, daß er auch die richtige Aussprache der Worte versteht, er versteht auch „Auguste" und „Kuchen", nicht nur „Andutte" und „Tuchen".
„Nun, ich will zugeben, daß Sie damit recht haben. Er selbst spricht aber doch einmal so, und ich finde es sehr niedlich und reizend wie alle seine Tanten, die ihn bewundern. Einen Schaden sehe ich wirklich nicht darin, wenn ich mich der Sprechweise des Kindes, feiner Mundart anpaffe. Hat man denn zu Ihren Kindern niemals so gesprochen?"
„Niemals, soweit ich selbst es verhindern konnte. Ich habe stets mit größter Strenge daraus geachtet, daß den Kindern gut vorgesprochen wurde, denn ich bin der Ansicht, daß die Kinder nur dann bald und gut sprechen lernen, wenn sie gute, sprachliche Vorbilder haben, und daß ihnen, wenn das nicht der Fall ist, in der Tat ein sprachlicher Schaden erwächst."
„Aber ich bitte Sie, Herr Doktor, was soll denn das schaden? Da übertreiben Sie doch wohl wirklich, und ich wäre begierig, Ihre Beweise für die Behauptung zu hören "
„Mit Vergnügen, Frau Profeffor! Sie kennen die Mmilie Schultze in der Marktstraße und ihre reizenden vier kleinen Mädchen, die der ganze Stolz der Familie sind?"
„Aber liebster Doktor, die Kinder sprechen das S und die Zischlaute geradezu greulich aus, sie verzerren das Gesicht alle nach der rechten Sette und, so niedlich sie sonst sind, wenn sie sprechen, sehen sie schrecklich aus. Was sollen die Kinder für mich beweisen? Das sind
es auf die breiten Rücken der ungeschlachten Salzsieder abgesetzt, daß einem das Herz im Leibe lachte."
«Was ich glaube", sagte ein anderer, „denn wo Eure Streiche hinfallen, wächst weder Gras noch Halm."
„Schade", fuhr der erste fort „daß bald Friede wer- den soll mti denen von Geroldseck; es wird ein trau- riges Leben werden, wenn die Trompeten verstummt find und das Schwett in der Scheide rostet."
„Glaubs nickst, das mit dem Frieden, unsere Herrin ist zu kampflustig, als daß sie so bald Ruhe fände. Ein neuer Spahn wird bald losbrechen und uns atten harte Arbeit geben."
«Möglich! Ich glaube selbst, daß die hohe Frau, so lange sie die rebellischen Vasallen nicht unterworfen hat, Friede hatten wftd."
«Blitz und Straf)!!" brummte herzutretend ein alter Kriegsmann, „hätte es nicht gedacht, daß die Gräfin jo scharf gegen ihre Vasallen dareinfahren würde; es ist eben doch nur ein Weib, und die Weiber, na — taugen im allgemeinen nicht viel zum Regieren."
„Aber sie fft eine Ausnahme", rief flammend ein junger Ritter, «und schade ist'«, daß sie nicht den Har- nisch tragen darf, um uns voran in den Kamps zu ziehen. Mutig ist sie, wie keine ihres Geschlechtes."
„Aber auch stolz und herrisch wie eine Kaiserstoch- ter und die von Eeoldseck werden ihre Hand, so zart und weich sie ist, diesmal schwer empfinden und es nimmer wagen, sich gegen ihre Fürstin aufzulehnen. Lieber wäre mir ein stolzer Graf als Lehnsherr, wie diese Frau, die unfern ganzen schwäbischen Adel noch demütigen und in den Staub treten wird. Doch — kommt Zeit, kommt Rat! Und da ich mich den Grafen von Württemberg durch Handschlag und Ritterwott verpfändet habe, so will ich ihnen in Treue dienen. Bei St Georg, dem edlen Ritter", unterbrach er sich, als vom Turme der schmetternde Ton der Trompete erklang „es ist Zeit, daß wir unserer Herrin entgegen« ziehen. Auf gesessen, ihr Herren, und die Rosse gespornt!"
Wie ein Sturmwind brauste bas Häuflein durchs Tal in der Richtung gen Stuttgart, wo in der Ferne eine dichte Staubwolke das Leranziehen eines Reiterzuges ankündigte.
Frauenwelt.
doch offenbar Aussprachfehler, die an den Zähnen oder an der Zunge liegen."
„Das ist eben nicht der Fall. Die Kinder Haden aus- gezeichnet gut gewachsene Zähne und eine normale, schöngebildete und leichtbewegliche Zunge. Ihren Sprachwerkzeugen nach müßten sie vorzüglich sprechen, und doch sprechen sie, wie Sie selbst zugeben, geradezu greulich. Sie wiffen offenbar nicht, daß die Entstehung des Fehlers auf die Amme des ältesten Töchterchens zurückzuführen ist. Schon damals, vor nunmehr acht Jahren, warnte ich die Eltern davor, die Amme, die so sonst eine tüchtige Person war, länger als unbedingt nötig int Haus zu behalten, da sie den unangenehmen Aus« sprachefehler hatte, den Sie jetzt bei allen Kindern bemerken. Trotz meine Mahnung blieb sie ttn Haus, bis Kätchen, die Netteste, zwei Jahre alt war Erst als die Eltern bemerkten, daß Kätchen sich wirklich die fehlerhafte Sprechweise der Amme angeeignet hatte, wurde diese aus dem Haus entfernt. Nun war es aber zu spät. Die Kinder in der Schultzeschen Familie haben ihre Fehler der Amme des ältesten Mädchens zu verdanken, sie war das fehlerhafte Vorbild» das auf die Sprache hemmend einwirkte. Wäre den Kindern stets richtig vorgesprochen worden, hätten sie in ihrer Umgebung nur richtig sprechen gehört, so hätten sie auch die richtige Aussprache des S erworben und . . ."
„Sie muffen schon erlauben, verehrter Doftor, daß ich Sie wieder in Ihrer Strafpredigt — denn das soll es ja wohl werden — unterbreche, aber ich muß doch meine Einwände geltend machen. Herr und Frau Schultze sprechen doch vorzüglich, ebenso wie Onkel und Tanten der Familie. Es wurde also von allen Personen der Umgebung richtig gesprochen, nur nicht von der Amme, der jetzt alle Schuld bei gemessen wird. Warum ahmte denn das erste Kind gerade der Amme und nicht der Mutter nach, die doch ebensoviel m der Nähe des Kindes war, warum ahmten die anderen Kinder ihrer ältesten Schwester nach und nicht den übrigen Angehörigen des Hauses?"
„Die Antwort darauf ist einfach. Die Kinder ahmen mit Vorliebe gerade das nach, was aus dem Niveau der Umgebung auffällig hervorsticht. Ganz abgesehen davon allo, daß die Amme sich, wie ich weiß, viel mehr mit dem ältesten Kinde abgab als die Mutter, wäre auch für das Kind der Anreiz zur Nachahmung immer größer vonseiten der Amme, als vonseiten der Mutter gewesen. Uns Erwachsenen selbst fällt ja der Fehler sofort auf, warum sollte er dem Kinde nicht einen stärkeren Anreiz zur Nachahmung geben, als das normale, unauffällige S?"
„Mir scheint wirklich. Sie haben recht, Herr Dok- tor Aber sehen Sie einmal dies Bilderbuch, lesen Sie diese Verse vor, und dann sagen Sie, was Sie davon hatten."
Ich nahm das mit höchst modern gezeichneten Bildern gezierte Buch und las wie folgt: „Lieber, (firner Hampelmann!--fing die kleine Dotter an; ich bin
dhoß, und du bis «ein, willst du Fitzebutze fein? tomm! — Pst, sagt Haier, Fitzebott war einmal ein lieber Bott, der auf einem Tuhle saß und bebratene Menssen aß; huh!" •
„Nun meine liebe Frau Professor, schön werden Sie doch wohl selbst weder die Verse noch den Inhalt finden. Aber das wäre ja auch nur Geschmackssache. Diel schlimmer ist, daß sie gefährlich sind. Wenn Sie die Sprachentwicklung Ihres Kindes mit Gewalt hemmen wollen, dann lesen Sie ihm nur täglich solch blödes Gestammel vor. Warum kaufen Sie solch ein Buch?"
„Mein Gott, es ist doch modern und wird viel gekauft!"
„Wenn Sie unter „modern" dekadent verstehen, dann haben Sie recht. Kein anständiger Pädagoge wird solch ein Buch empfehlen können. Wir haben doch so hübsche Kinderoerschen. Als Beispiel für die onomatopoetische Anregung will ich Ihnen nur das Fröbelsche Gedicht vom Tischler ansühren: „Zisch, zisch, zisch! Der Tischler hobelt den Tisch, Tischler hoble den Tisch mir glatt, daß er keine Löcher hat! Zisch, zisch, zisch! Tischler hoble den Tisch!" — Gerade die Häufung solcher Geräusche macht dem Kinde großes Vergnügen und bringt ihm Nutzen. Heinrich Seibel führt in seinem gemüftolle Buch das Kindermärchen des Großvaters Hühnchen an, aus dem mir im Augenblick gerade der schöne Satz einsällt: „Da sprach der Wauwau zum Kamm, komm Stamm, kämme mich!" Da haben Sie in spaßiger Form mit dem Gefallen des Kindes an Klang- Wiederholungen auch noch eine Nachahmungsluft und — offenbar unbeabsichtigt — feine Sprechübung angeregt."
„Nun, Herr Doktor, ich danke Ihnen für Ihre Aus- einanderfetzungen, Sie haben mich überzeugt, und ich will von jetzt ab anders zu meinem Kinde reden, und wenn Sie mich wieder einmal im Gespräch mit meinem Knaben üeberraschen, so werden Sie hören, daß ich nicht mehr Kauderwelsch . . .*
„Sondern, daß Sie deutsch mit ihm reden," siel ich ein.
Inmitten eines starken (Heitertruppes saß auf weißem Zelter die Gräfin Henriette von Württemberg, eine hohe, gebieterische Gestalt von schlankem Wüchse, voll Adel und Hohett. Sie mochte wohl die ersten dreißig Jahre ihres Lebens überschritten haben; die Anmut, die auf ihrem Gesichte lag, wurde durch die dunklen Schatten, die ihre Stirne deckten, verwischt; die tiefen Fallen zwischen den dunklen Augenbrauen deuteten auf finstere Gedanken und einen festen starren Sinn, der trotzig geschlossene Mund auf männliche Straft und stolzes Selbstbewußts eht
Ein eng anschließendes Skleid von grünem Samt umschloß die schlanke Gestalt und ließ die üpigen Formen des Körpers scharf hervortreten, der blaue Mantel, mit roter Seide gefüttert und von einer Agraffe mit dem württembergischen Wappen zusammengehallen, flatterte lustig im Winde; das edle Gesicht, von dem scharfen Ritte leicht gerötet, hob sich unter dem dunklen Barett, von dem wehende Federn in den württembergischen Farben, blau, weiß und rot, herab wallten, anmutig hervor und ließen für den Augenblick vergessen, daß dieses Lächeln fast immer unsäglich bitter und verächtlich war« und daß hinter dieser hohen Stirne finstere Gedanken brüteten. Die Gräfin hatte heute ihren frohen Tag und verbreitete Licht und Leben im Kreise ihrer Höflinge.
„Wir grüßen Euch, hohe Herrin", sagte der Anführer der von Nürtingen her angefprengien Reiterschar, in- dem er jur Erde sprang und das Knie beugte, welchem Beispiel auch seine Begleiter gefolgt waren, „wir grüßen Euch, wir getreuen Ritter Eurer Burg."
„Schönen Dank, edle Ritter", sprach Henriette, sich huldvoll gegen sie neigend, „für Euren freundlichen Willkomm. Aber laßt uns eilen, aus diesem staubigen Getümmel in die frischen Gärten unserer Burg zu kommen, wo wir uns von dem anstrengenden Ritte erholen können."
Schnell saßen bä Ritter im Sattel; Henriette gab mit ihrer Gerte dem Pferde des Anführers einen schar- fen Streich auf den Rücken, daß es sich wild bäumte und pfeilschnell daoonschoß. Des freute sie sich und ließ
Nr. 46 vom 25. Februar 1925.
Die Hngft vor dem „Nord".
Don Anne-Marte M a m p e l.
So draufgängerisch der Mann im allgemeinen ist, so sehr er sein Recht, in den Dingen des Lebens aktiv vor- zugehen, betont und ausnutzt — vor dem Korb hat er in den meisten Fällen Angst, und sich ehren solchen zu holen, dünkt ihm nicht weniger peinlich, beschämend und fein Selbstgefühl verletzend, als ein junges Mädchen bas „Sitzenbleiben".
Und so kommt es, daß er gerade in Fällen, wo ihm das „Ja" oder „Nein" feiner heimlich Erwählten sehr zu Herzen geht, aus jener Angst heraus die Frage überhaupt nicht zu stellen wagt.
iRan wird geneigt fein, darauf kurzerhand zu jagen, daß es um Ehen, die eines so nichtigen Grundes halber unterbleiben, nicht schade sei; aber so einfach ist die Sach« wohl doch nicht zu beurteilen. Denn gerade ernste, iiefempfinbenbe Männer werden vornehmlich von jener Korbscheu befallen; stolze und deshalb zurückhaltende Mädchen sind es, die in ihnen Zweifel über die Erwiderung ihrer Gefühle entstehen lasten, während die Leichtveranlagten beiderlei Geschlechts ohne innere Hemmungen und Bedenken zueinander finden.
Ost stellt sich die Erkenntnis versäuntien Glückes ein, wenn es für beide Teile zu spät ist.
„Hätten Sie damals offen und frei um mich gewor- ben," sagt sie.
„Hätten Sie mir gezeigt, daß ich damit zum Ziel kommen konnte," erwidert er. Aber zu dem einen war sie, zu dem anderen er zu stolz.
Bitterkeit, Reue und bas traurige Wissen, daß es anders hätte kommen können, bleiben übrig.
Die Schuld aber — die Herren der Schöpfung mögen es freundlichst verzeihen — liegt zum größerer. Teil bei ihnen. Die Natur und ihr entfprechenb die ge- sellschaftliche Sitte hat sie zum werbenden Teil bestimmt; sie muffen, sofern ihnen ein Mädchen wirklich wert ist, einen der vielen Wege finden, die zu einer offenen Aus spräche mtt der geliebten Frau führen. Sie dürfen sich nicht hinter verletzte Eitelkeit, Selbstunterfchätzung ober andere Gründe verschanzen und damit die Pflicht des Entgegenkommens der Frau zu überlassen.
Gerade die zarte Scheu, Innerstes preiszugeben, ge- hört zu den weiblichen Tugenden. Diese Tugend sollte der Mann schätzen und zu bewahren ftachten, indem er da, wo es sich um fein und eines geliebten Mädchens Lebensglück handelt, wie es ihm von aliersher geziemt, tn rechter Stunde ein rechtes Wort spricht.
Qausrat
Don Otto Ernst Sutter.
Es gibt Worte, die Kräfte stärkster Anschaillichkett besitzen. Zu ihnen gehört die Bezeichnung Hausrat für jene Gattung von Einrichtungsstücken, die Stuben und Kammern eine Note wirklicher Wohnlichkeit, häuslicher Kultur aufzuprägen vermögen. Noch immer gibt es Leute, die nur an großstielige Verhältnisse denken, wenn von Kultur die Rede ist, die meinen — um banal zu sprechen — erst vom Zehnzimmerhaus könne man von Wohnkultur sprechen. Aus solch irriger Meinung und ihr verwandten nicht minder verkehrten Auffassungen ist in erster Linie bas Elend jener Epoche entstanden, das in schablonisierten kitschigen Mobiliar kleiner und grv- tzer Dürgerhaushatte seinen Ausdruck fand. Langsam beginnen wir bas Zeitalter des Dertikows endgültig ab- zustreifen. Ist es ein Zufall, daß die „Glanzperiode", der das Vertikow feinen Stempel aufdrückte, identisch ist mit Jahren übelster und sogleich gefahrvollster Oberflächlichkeit, die in leerer gesellschaftlicher und höfischer Prunksucht ihr Genüge fand und die großen Städte mit wilhelminischer „Kunst" beglückte, wie sie in der Berliner Siegesallee eine besonders charakteristische Leistung aufzuweifen hat?
Wir wollen htbeffen nicht überheblich fein und pharisäerhaft vom Vergangenen reden. Wieoiele von uns haben das Ueberwundene rechtzeitig als minderwertig erkannt ober abgelehnt? Haben wir uns nicht alle von jenem gleißerischen Schein einfangen lassen? So wie wft auf anberen Gebieten Irrwege mitgingen und denen zujubelten, die sie uns führten, so tragen wir auch die Beranroortung für die geschmacklichen Irrungen und Wirrungen und jene heute kaum begreifbare Verödung unserer Wohnungskultur während der hinter uns liegenden Dezennien.
Um was es bei echtem Hausrat geht, wird einem immer wieder aufs neue klar, wenn man in kunstgewerblichen und historischen Sammlungen Tische und Bänke, Truhen und Betten handwerklicher Herkunft aus früheren Jahrhunderten betrachtet. Welch saubere Gesinnung spiegeln solch alte Möbel! Sie atmen die Freude des Meisters, der sie schuf, aber auch die Freude des Besitzers, der in ihm feine Habe barg und denen
ein helles Lachen erklingen. „Vorwärts!" rief sie fröhlich, und saufend flog der Zug durchs Tal.
„Mord und Tod", brummte ein alter Ritter des Ge- fotges in den struppigen Bart, „daß sie das Schlagen nicht lassen tarnt. Hat sie ferne widerspenstigen Bäte, die sie mtt Wort und Blicken schlagen kann, so müssen . doch menigftens arme Roffe ihre Hiebe fühlen." Uvü wütend stieß er die goldenen Sporen in die Weichen seines Pferdes, daß es wie ein Pfeil dem Zuge nach- schoß.
Die armen Bauern, an denen der Zug wie die wilde Jagd vorüberflog, sprangen erschrocken in die Wiesen, wo sie, ihren Hut in den zitternden Händen, nieder- knieten und sich bekreuzten, als hätten sie den Antichrist gesehen. Solche Angst hatten sie vor der im ganzen Lande gefürchteten Gräfin Henriette.
Im Burghose stieg die Gräfin mit ihren Begleitern vom Rosse, um sich in ihre Gemächer zu begeben; ihre Edelfräulein folgten ihr und die Ritter eilten in den Saal, um nach scharfem Ritte einen nicht minder scharfen Trunk zu tun.
Während die Gräfin behaglich auf ihren weichen Pol- stern ruht und sich von ihren Edelfräulein Erfrischun- gen bieten läßt, und die Ritter beim Becher sitzen und das Lob ifjrer Herrin ober auch ein kräftiges Reiterlied singen, wollen wir einen Blick hinter den dunklen Vorhang, den man Weltgeschichte nennt, werfen.
Der Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts war fü" Deutschland eine schwere Zeit; innere Zwistigkeiten verzehrten die besten Kräfte des Reiches. Religiöse Streitigkeiten, durch die Anhänger des zu Konstanz verbrann- ten Huß aufs neue geschürt, wühlten in den Landen; Zwietracht zwischen Städren und den Fürsten und Edlen des Landes, Kämpfe derselben untereinander, Auflehnung der Lehnspflichtigen gegen ihre Lehnsherren: das war die Signatur jener Zett, in der bas Oberhaupt des Reichs zu schwach war, um sich selbst gegen die ersten Würdenträger des Reichs in Ansehen zu erhalten und nicht Macht genug besaß, um die Fehden in den Br/ vinzen zu schlichten, oder gar zu unterdrücken.
(Fortsetzung folgt.)