Einzelbild herunterladen
 

Anzeiger für die Skadf und den Kreis Fulda. Amkliches Kreisblakk.

Nr. 27

Mittwoch, 3. Februar 1926.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilage«: .Illustrierte Bei­lage" und .BuchenblLtter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Letiendruckersi in Fulda. Fernlvrecher Nr. 9.

Monatlicher Be,uaSw-ei?: 1.50 Mk.

FuldaerZertung

Anretgen-Breike Sleimeile (UoloneO lokal 0,15 Godmar-

auSwSrS ÜLO Aoldmark: Reklame,eile lokal 0.60 Voldmar! L2 Tnhrn auswärts OSO Goldmar'. - J U U * y •

^el W'ederbalunaen Rabatt. Ratt'checkkanta Feanllurt a.<m <051

Um die zweite und dritte Zone.

Aus Berlin wird uns mitgeteilt: " w r Nachdem nunmehr die erste Zone endgültig be­freit und damit der Schlußstrich unter die Politik Poincares gezogen ist, wird es das Bemühen der Reichsregierung fein müssen, alles daran zu setzen, daß nunmehr auch alsbald die zweite und dritte Zone von den fremden Besatzungstruppen befreit werden.

Die Reichsregierung geht bei diesen Bestrebun­gen davon aus, daß der Paktabschluß von Locarno und die zweifellosen Opfer, die er für Deutschland mit sich bringt, eine Besetzung der rheinischen Ge­biete für ein Jahrzehnt hinaus nicht rechtfertigen. Des weiteren hat die Reichsregierung schon in Lo­carno geltend gemacht, daß mit dem Vertrauensver­hältnis, das zu der Tätigung und Ausführung die­ses Vertrages unerläßlich ist, unvereinbar wäre, wenn die Gegenseite die bisherige Besatzungs­stärke aufrecht erhalten würde. Die Okkupations­armee ist ja nichts anderes als der Ausdruck für das Mißtrauen gegenüber Deutschland. Rach Lo­carno aber besteht dazu kein Anlaß mehr, nachdem kriegerische Eingriffe von Seiten Deutschlands, die man auf der Gegenseite am meisten trotz der deut­schen Waffenlosigkeit befürchtete, ausgeschlossen sind.

Es werden deshalb in den maßgebenden Regie- "rungskreifen Schritte vorbereitet, die auf weitere Erleichterungen im besetzten Gebiet hinzielen.^

Mit diesen Fragen hat sich auch schon mehrfach das neue Reichskabinett beschäftigt, und der Reichsaußenminister wird in der Sitzung des Auswärtigen Ausschusses darüber weitere Mittei­lungen machen. Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, dessen Termin jetzt fest, gelegt wird, kann natürlich nur dann erfolgen, wenn die deutsche Reichsregierung unb die deutsche Oef- fentlichkeit die Ueberzeugung gewinnen, daß die Zusicherungen von Locarno auch wirklich durchge­führt werden. Anderseits steht die Reichsregierung auf dem Standpunkt, daß Zugehörigkeit zur Orga­nisation des Völkerbundes, die ja Voraussetzung für das tatsächliche Inkrafttreten des Vertrages von Locarno ist, ohne weiteres bestimmte Rück­wirkungen auf die Lage in den besetzten Ge­bieten haben muß, und daß Deutschland inner- halb dieses Völkerbundes unablässig und zwar auf breitester Grundlage und unter Mobilisierung aller moralischen und politischen Kräfte für die volle Freiheft Deutschlands kämpfen muß.

Die Reichsregierung rechnet bei ihren Bemühun­gen auf die Mitwirkung möglichst breiter Schichten des Volkes und auf eine möglichst starke unid Mchloffene politische Froni. Es wäre zu wünschen, daß wir angesichts ber Bedeutung, die diesen Dingen für unser ganzes Vaterland zukommt, wenigstens in solchen Fragen einig und geschloffen dem ganzen Auslande gegenüber dastehen.

Die Freiheit am Rhein.

Eine Kundgebung der Bonner Studenten.

Die Vorstände der Studentenschaften der beiden Donner Hochschulen, Universität und Landwirt­schaftliche Hochschule, erlassen folgenden Aufruf:

„Kommilitonen! Nun sind wir frei geworden. Vol- ter Kreith# erußen wir untere Volksgenossen im übrigen Großdeuifcbland und verbinden damit die Hoffnung, daß auch die letzten Gaue deutschen Landes bald erlöst werden. Aber wir haben auch erfahren, daß nur eine klare und zähe P ol i t i t der Vernunft es er» reichen kann, Volk und Staat uns unversehrt zu erhal­len. Nicht zum erstenmal legt die Leitung der Stuben- tenschaft unter Ausschaltung aller extremen Tendenzen,

ohne Ansehen von Partei und Konfession ein klares Bekennt ni s zum deutschen Volks st a a t ab. Komilitonen, in dieser bedeutsamen Stunde der Befrei­ung erwarten wir zuversichtlich, daß ein jeder von euch Würde und Zucht zu wahren wisse, wie wir sie hielten in der Vergangenheit. Ihr sollt auch nicht vergessen, daß wirtschaftliche Not noch zahlreiche unserer Volks­genossen drückt, die in bösen Tagen Schulter an Schul- ter mit »ns gestanden haben. Kein Gepränge in Wort und Benehmen steht uns an. Darum Übt Selbst - zücht, wo ihr euch zeigt.

Es lebe das deutsche Vaterland, es lebe das freie Groß­deutschland, es leben die deutschen Studenten!"

Die am rechten Flügel der Deutschnationalsn stehende „Deutsche Zeitung" fragt angesichts der Freude der Rheinländer über die Befreiung:

„Ward eine Schlacht bei Leipzig geschlagen? Ist ein neuer Marschall Vorwärts — „Was blasen die Trompeten, Husaren heraus!" — bei Caub über den Rhein gegangen? DröhM der Sang von der „Wacht am Rhein" durch die Lande? Oder wird gar der Marsch auf Paris angetreten? — A ch nein. Die Verspre­chungen eines Vertrages, die schon vor fast einem Jahre fällig waren, sind erfüllt worden. . . . Nicht Kampf war es, durch den Köln befreit wurde, sondern N a ch- g i b i g k e i t und Schwäche, Sklavengei st aber schafft keinen außenpolitischen Gewinn."

Weil Köln durch eine unblutige Politik be­freit wurde, Flammenwerfer, schwere Geschütze, Gistgasapparate ,nicht in Aktion traten, ist die ganze Befreiung nichts wert. Cs gibt komische Ansichtev!

Anläßlich der Räumung der Kölner Zone sandte im Namen des evangelischen Oberkir- chenrates in Berlin, Präsident Dr. D. Kapler, ein Begrüßungstelegramm an den Präses der rheini­schen Provinzialsynode D. Wolff in Aachen. Gleich- zeitig brachte der Oberkirchemat feine Teilnahme und Freude über die Befreiung der ersten Rhein­landzone in einem Telegramm an den Oberpräsi­denten der Rheinprovinz Dr. Fuchs zum Ausdruck.

*

Der erste Tag, an dem Köln für den deutschen Luftverkehr wieder frei war, hat der Stadt den Besuch zweier Flugzeuge der Deutschen Lufthansa gebrcdrt, die von Berlin über Esse« und Düsseldorf nach Köln kamen. Die Flugzeuge trafen gegen Mittag in Köln ein; sie wurden auf dem Flugplatz von Vertretern der Stadt herzlichst begrüßt. < • । <.

• ■"*......

Der „Manchester Guardian", das bekannte eng­lische Blatt, weist im Hinblick auf die Räumung Kölns in einem Leitartikel darauf hin, daß die Fortdauer der Besetzung deutschen Gebiets nicht nur unzeitgemäß, sondern auch überflüs- s i g und ge fährlich ist. Die Beibehaltung der Besetzung sei überflüssig, wenn der Locarnovertrag ernst genommen werden soll. Locarno, so ist ver­sichert worden, bedeutet ein neues Verhältnis des Vertrauens und des freundschaftlichen Verkehrs zwischen den großen Rationen des Westens. Wie kann es möglich fein, fragt das liberale Blatt, wenn drei von diesen Nationen große Truppenmaffen auf dem Gebiete einer vierten stehen Haben? Als Realisten müssen wir wissen, daß Frankreich ihrer Zurückziehung nicht zustimmen würde. Aber be­steht irgend' ein Grund, die Ueberzeugung zu ver­leugnen, daß sie zurückgezogen werden sollten und daß die Zurückziehung, die uns nichts kostet, sicher mehr tun werde den Geist des Friedens zu verstärken als der Locarnovertrag oder Deutschlands Eintritt in den Völkerbund.

vom neuen Neichsmnenmimster.

Erklärungen des Reichsinnenministers Dr. Külz.

Bei bet Vorstellung der Beamtenschaft des Reichs- Ministeriums des Innern hielt in Erwiderung der Begrüßungsansprache deS Staatssekretärs Dr. Zweigert Neichsminister deS Innern ^r. Külz eine Rede, in der er nach einer demokratischen Zeitungs­korrespondenz u. a. sagte:

DaS Reichsministerium des Innern ist die §entralstelle alles innerpolilischen und kulturellen efchehenS,. soweit die Zuständigkeit des Reiches hierzu gegeben ist. Hierin liegt die ungeheure staats- politische Bedeutung dieses AmteS. Es ist klar, daß der Beamtenkörper eines solchen Amtes von der richtigen Staatsgesinnung erfüllt fein muß. Staatsgesinnung ist nicht notwendig identisch mit Parteigesinnung. Dem Staat, d. h. der deutschen Republik zu dienen, ist selbstverständliche Pflicht jedes Beamten der Republik. Das sind lapitare Notwendigkeiten, an denen ich sesthalten werde, und ich hoffe, daß alle Beamte, die das Bedürfnis haben, sich Politisch zu betätigen, dabei nicht nur die Grenzen erkennen werden, die dienstlicher und persönlicher Takt ziehen, sondern vor allem auch die Grenzen «inhalten, die die Rücksicht auf das Staatswohl ge­bietet.

Beamtenfragen.

— 3um Relchsbeainkengesetz Bei dem in einer Ber> tlner Beamtenzeitung vom 30. Januar irreführend als «Entwurf eines neuen Reichsbeamtengesetzes" veröffent­lichten Abdruck handelt eS sich um eine überholte zum Seil sinnentstellend wiedergegebene, noch ungeordnete Zusammenstellung, die nur als Unterlage von Be­sprechungen dienen und ohne amtliche Stellungnahme öie verschiedenen Probleme zur Debatte stellen sollte. Der auf gründ dieser Verhandlungen später aufgestellte Entwurf soll mit Vertretern der Länderrrgierungen bereits am 23. Februar beraten und alsdann den Be- amtenorganisationeu im Laufe des nächsten Monats »orgetegt werden.

Ku§ den Parlamenten.

Preußischer Landtag.

Vor Eintritt in die Tagesordnung am Montag entbot Präsident Bartels in einer Ansprache der Bevölkerung des jetzt befreiten Gebietes die Herz- lichsten Glückwünsche und dankte ihr für ihr treues Bekenntnis zu Preußen und dem Reiche.

Hierauf wurde mit der Besprechung der zahl- reichen Anträge zur Reform deS Strafvoll­zugs begonnen. In dem ausführlichen Reform­programm deS AuSschuffes wird u. a. verlangt, daß die Unterbringung, Beschäftigung und Verpflegung der Gefangenen besser geregelt werden. Nach aus- ! führlicher Debatte, in der der Zentrumsabgeordnete I Schmitt-Düffeldorf darauf hinwies, daß bei den Reformplänen die Vergeltungs. und Abschreckungs- idee nicht verschwunden sei, wurde das Programm des Rechtsausschusses für einen modernen Strafvoll­zug angenommen, worauf sich das Haus auf Diens- tag vertagte. __________________________

* Die Mutter des Reichskanzlers a. D. Dr. Wirth gestorben. Die Mutter des ehemaligen Reichskanzlers Dr. Josef Wirtb und Witwe des Maschinenmeisters Karl Wirth ist in Freiburg i. B. am Samstag nach kurzer Krankheit im Alter von nahezu 76 Jahren gestorben. Reichskanzler Dr. Wirth war ibr zweiter Sohn, der älteste ist Ghmnasialprofeffor in Freibura. der jüngere Stationsvorstand in Appenweier. — Reichs­kanzler Dr. Luther übermittelte Reichskanzler a.D. Dr. Wirth aus Anlaß des Ablebens seiner Mutter sein herzliches Beileid.

* Prag und der Vatikan. Nach Informationen der Prager Preffe über die Besprechungen, die der Erzbischof von Prag nach seiner Rückkehr aus Rom mit dem Ministerpräsidenten und dem Außenminister hatte, ist ein Konkordat mit der päpstlichen Kurie nicht in Vorbereitung und nicht in Aussicht genommen. Die Regelung des Verhältnisses zwischen der Kirche und dem Staat werde im Geist« gegenseitiger Loyalität erfolge«.

Parlaments-Eröffnung in England.

Die zweite Session des gegenwärtigen englischen Parlaments wird am Dienstag vom König feierlich eröffnet werden. Man erwartet, daß die Thron­rede, deren Entwurf im Kronrat vom König ge­nehmigt wurde, auf die italienische Schuldenregelung, auf die kommende Reichskonferenz, die Landwirt- fchastspolitik der Regierung, die Vorlage über Handelsmarken, die Kohlenlage, die Ersparnisvor- schläqe und auf den Elektrizitätsplan der Regierung Bezug nehmen wird. Die drei letzten Fragen werden in der kommenden Session an erster Stelle stehen.

Die Regierungspartei tritt in der neuen Session mit der alten Stärke auf. Sie hat in den vierzehn Monaten nur eine Ersatzwahl verloren, behält des­halb ihre Mehrheit von über 200 Stimmen. Die Arbeiterpartei, als offizielle Oppofition, wird von ClhneS geführt, da Macdonald erst Ende der Woche von seiner indischen Reise zurückkehren wird. Be­sonderes Jntereffe wird der liberalen Partei zugewandt, die bei einer Mitgliederzahl von weniger als 50 von 615 Mitgliedern des Unterhauses in drei Richtungen gespalten ist, nämlich die unbedingten Anhänger Lloyd Georges, die radikale Gruppe, die für die Zusammenarbeit mit der Arbeiterpartei ist und den rechten Flügel, dem der zu den Konser­vativen übergegangene Sir Alfred Mond angehörte, der mit dem Landesreformplan Lloyd Georges nicht völlig einverstanden ist. _____________

* Rücktritt des Botschafters BoSdari? Wie das B. T. aus diplomatischen Kreisen erfahren haben will, soll der italienische Botschafter in Berlin, Graf BoSdari, nicht mehr nach Berlin zurückkehren. Als vorrausfichtlichen Nachfolger nenne man den Grafen Bordonaro,den früheren Vertreter Italiens in Prag, Wien und Brüsfel.

* Bevorstehende Reise Mussolinis nach Tripolis. Nach dem „Popolo di Roma" wird Mussolini an­fang März der tripofttcmischen Kolonie einen offi­ziellen Besuch abstatten.

* General Feng kommt nach Europa. Nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Jndopacific aus Peking hat General Feng, nachdem er seine Pässe hat visieren lassen, eine Reise nach Moskau und Deutschland angetreten.

Vom deutschen

Klarstellung politischer Gruppierung Dr. Luther und

Die Liberale Vereinigung veranstaltete in Ber­lin einen Festabend. Unter den etwa 500 Anwe­senden bemerkte man Reichskanzler Dr. Luther, die Reichsminister Dr. S t r e s e m a n n, Dr. Geß- ler, Dr. Kilp, Dr. Rheinhold, Dr. Curtius, Dr. Kröhne, die preußischen Minister Dr. Höpker- Aschoff, Dr. Becker und Dr. Schreiber, ferner wa­ren erschienen der frühere badische Staatspräsident, Dr. H e l l p a ch, der österreichische Gesandte Dr. Frank, der Oberbürgermeister von Berlin Dr. Böß, der Vizepolizeipräsident Dr. Friedensburg, Bür­germeister Dr. Petersen-Hamburg, Staatssekretär Dr. Meißner, die Professoren Hans Dellbrück und Meinecke und zahlreiche Vertreter der Wissenschaft und Kunst, Industrie und Handel.

Von den Reichstags- und Landtagsfraktionen der Deutschen Volkspartei, der Deut­schen Demokratischen Partei und der Wirtschaftlichen Vereinigung waren die Führer und eine große Anzahl Mitglieder an­wesend. Der Ehrenvorsitzende der Liberalen Ver­einigung, Geheimrat Prof. Dr. Ka h l, begrüßte die Gäste in einer längeren Rede, in der er auf die hohen Traditionen des Liberalismus hinwies und betonte, daß der Liberalismus keineswegs eine neue Gründung sei, sondern vielmehr schon zur Zeit des großen Stein die deutsche Ideenwelt be­herrschte. Als der Redner hervorhob, daß die Stunde, die die Gäste der Liberalen Vereinigung Seiner Feier zusammenführte, nicht weit getrennt von der Stunde der Befreiung deutschen Ge­bietes von der fremden Besatzung, und als er daran für das Rheinland herzliche Wünsche an­knüpfte, spendete die Versammlung spontanen Bei­fall.

Nach Kahl sprach Dr. Koch, der Führer der Demokraten. Er erklärte:

Wir Deutsche fassen die Politik immer so auf, als wenn gegen jemanden Politik getrieben werden müsse, unb vergessen, daß mir Politik für die Gesamtheit des Volkes machen müßten. (Lebhafte Zustimmung.) Ich bekenne mich dazu, daß die Unterschiede innerhalb des Liberalismus keine Unterschiede der Welt­anschauung sind, sondern solche, die heroorgehen aus den verschiedenartigen Einstellungen zu den Ere'-wisten i der letzten Tage und zu den Parteien. Man könnte und sollte sich heute finden in der Ueberzeugung, daß weder im alten noch im neuen Staate alles gut, noch alles Kt war und ist und daß nur auf dem Boden eines len neuen Staates der Wiederaufbau Deutsch­lands geschehen kann. Es gilt heute, das deutsche Volk mit Staatsgeist und es gilt den Staat mit Volksgeist zu erfüllen. Das sind die Aufgaben, an denen wir ar­beiten wollen. (Stürmischer Beifall.)

Reichskanzler Dr. Luther, der gleichfalls sprach, schilderte feine Beziehungen zu den drei liberalen Parteien im Reichstage und wies dar­auf hin, daß es ihm eben nicht ganz leicht werde, in diesem Kreise zu reden. Er sprach dann von den drei großen Kräften, Liberalismus, Sozia­lismus und Konservatismus, die zum neuen Staate geführt haben und wohl auch noch in einer weiteren Zukunft den Staat beherrschen werden. Dann erwähnte der Reichskanzler, wie die Parteien der Mitte in vaterländischer Pflichterfüllung die Regierung übernommen hät­ten und sagte dann:

„Und dennoch weiß auch ich ganz genau, daß das deutsche Boll nicht fo geleitet werden kann, daß es auf

Strefemann und Brianö.

wtb Berlin, 2. Febr. (Eig. Funkmeldung.) Die die „B. Z." wissen will, dürfte die geplante Zusammenkunft zwischen Skresemann und Briand in der lehk en Februarwoche staktfinden. Zu der morgigen Sitzung des Auswärkigen Ausschusses erfährt das Blaff, daß von seifen der Rechts­parteien neue Anfrage vorbereifef werden, die eine Verschiebung des angemeldefen Termins für den Eintritt in den Völkerbund bezwecken.

Suchornlmoff t.

wtb Berlin. 2. Fehr. (Eig. Funkm.) In einem Berliner Krankenhaus verschied Dienstag vormit­tag int Alter von 78 Jahren General Snchom- l i n o f f, der frühere russische Kri-gsminister. Der Verstorbene spielte ta der Kriegsschuldfrage eins wichtige Rolle.__________

Vie Genfer Konferenz.

Die Vertagung der Abrüstungsbesprechung in Genf ist von Frankreich, Italien, Japan, Tschecho­slowakei und Urugay, also von fünf Mitglie­ds r n des Völkerbundsrats beantragt worden. Sie wünschen den Beginn der Sitzung der vorbereiten­den Kommission für die Abrüstungskonferenz, der für den 15. Februar angesetzt war, um einige Zett zu verschieben und als äußeren Termin den 15. Mai in Aussicht zu nehmen. Es ist nicht zweifelhaft, daß die Vertagung gewünscht wird, um Zeit für die B e i l e g u ng des "f ch w e,i z e r i f ch-r u f s i f ch e n Konflikts zu gewinnen und der Moskauer Re­gierung jeden Vorwand zu nehmen, ihre Beteilr- gung der Abrüstungskommission abzulehnen. Die Ratsmitglieder und die zu der Abrüstungskom- miffion eingeladencn Regierungen sind von dem Vertagungsantrag in Kenntnis gesetzt worden, dem aller Wahrscheinlichkeit nach stattgegeben wird.

* Kongreß der christlich-sozialen Partei Oesterreichs» In Wien begann der für drei Tage auberaumte Kongreß der christlich-sozialen Partei Oesterreichs, nachdem eine Konferenz der Parteileitung unter dem Vorsitz Dr. Seipels vorausgegangen war.

Liberalismus.

bei einem Festabend. — Reden von Dr. Strefemann.

ein konservativ-liberal-sozialistisches Gemisch eingestellt ist, sondern daß es darauf ankommt, im Einzelnen noch eine bestimmte Grundauffassung, einen sozialen seelischen Standort zu entwickeln. Ich glaube, daß der L i b e - ralismus in sich selbst die Eigenschaften enthält, andere verstehen zu können. Gegenüber dem politischen Wesen der Gegenwart, das ja sehr stark in den tech­nischen Betrieben unseres Wahlverfahrens und Parla­mentarismus wurzelt, können wir höhere Werte auf jeden Fall erreichen, wenn wir anstelle dieser mehr tech­nischen Einstellung die großen Weltanschauungs- fragen gelten lasten. Jeder muß den Geist, unter dem der heutige Zusammenschluß erfolgt, begrüßen, weil es sich hier darum handelt, große allgemeine Mensch­heitsgedanken wirksam zu machen zum Nutzen unseres lieben Vaterlandes. (Stürmischer Beifall.)

Reichsminister Dr. Strefemann führte in seiner Rede aus, Bismarck wäre es 1871 unmöglich gewesen, das Deutsche Reich zu gründen, wenn nicht die liberalen deutschen Kreise so gute Vor­arbeit geleistet hätten. Diese Idee der Einigung des Deutschen Reiches wäre nicht zu verwirklichen gewesen, wenn nicht im Parlament in Frankfurt die liberale Tendenz des deutschen Bürgertums vorbereitend gewesen wäre. Jeder würde dankbar sein, wenn aus den Parlamenten der Jnteressen- tenvereinigung sich noch einmal ein deutsches Reichsparlament herausbilden könnte, das soviel an Vaterlandsliebe und Kulturgemeinschaft in sich trägt, wie das Parlament in der Pauls- kirche zu Frankfurt a. M. (Stürmischer Beifall.) Der Außenminister stimmte dem Abg. Koch darin bei, daß wenn es Parteien gibt, die Grenzen ge­geneinander ziehen, doch immer bedacht werden müsse, daß das Einende im deutschen Volke nicht durch tiefe Gräben getrennt sein muß. Schei­dungen in nationale und nichtnationale Deutsche gibt es nicht, sondern das Nationale ist das Selbstverständliche. Unter den Gesichtspunkten wollen wir Zusammenwirken für Vaterland und Freiheit.

Der Führer der Wirtschaftspartei, Reichstags­abgeordneter Drewitz, erklärt, daß feine Partei keinesfalls die Rückkehr zum alten Feudalstaat wünscht, sondern sich für den Volksstaat einsetze.

In feinem Schlußwort dankte Minister a. D. Fischbeck den Rednern des Abends.

Die Tagung ist auch für diejenigen, die dem Li­beralismus mit schärfster grundsätzlicher Ableh­nung gegenüberstehen, bemerkenswert. Hier tritt erstmals wieder der Liberalismus als Ganzes in die Erscheinung. Die Gegensätze, die i n n e r h a lb des Liberalismus die neuere deutsche politische Ge­schichte aufweist, sind überbrückt. Die liberale Weltanschauung, die vor allem auch zu der k a t h o l i s ch en Weltanschauung in Gegensatz steht, tritt als einigendes Band hervor. Die Ta­gung zeigt vor allem auch, welche Machtstel - l u n g der Liberalismus in persönlicher Hin­sicht heute wieder erlangt hat: Kanzler, Minister aller Art, Oberbürgermeister, Universitätsprofesso­ren, nichts fehlt. Weniger für die Staatspolitik (wo manches gemeinsame Ziel vorhanden ist), als für die Kulturpolitik müssen wir heute den deut­schen Liberalismus als beachtenswerten Genen- fpieler in Rechnung stellen.