Slnjciflet für bie Stobt unb ben fireis Fulda. Amtliches flreisbtctft.
Samstag, 30. Januar 1926. |
53. Zahrg
Nr. 24
Dramatische Szenen im Reichstag
in
Zrirhjahrsfeldzug in Nordafrika.
Wtb Paris, 29. Ian. (Eig. Funkm.) „Petik Journal" meldet aus Rabat: Das französische Oberkommando trifft alle Maßnahmen für den Frühjahrs-Feldzug, der am 15. April beginnen soll. Die Aufstellung der eingeborenen Abteilungen hat begonnen.
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einer Aussprache im Reichstage darauf hingewiesen, daß die unfreundliche Stimmung der rheinischen Kreise gegen Preußen darauf zmückzuführen sei, daß die Rheinprovinz unter der alten Herrschaft in Preußen vielfach ungerecht behandelt worden sei, so insbesondere in der Beschränkung der Selbstverwaltung und in manchen kulturpolitischen Fragen.
Was die von der „Kreuzzeitung" zitierte Düsseldorfer Rede aus dem Jahre 1924 anbetrifft, so hat Marx sich in Düsseldorf darüber beklagt, daß gewisse Kreise des deutschen Volkes kein ausreichendes Verständnis für die schweren Leiden und Röte des besetzten Gebietes zeigten und die Lage durch unheilvolle Reden und Handlungen — es waren damals die bekannten Unruhen in München vorgekommen — erschwerten. Marx sagte damals, daß man im Rheinland vielfach die Aeußerung histen könne, man würde sich in anderen Teiien Deutschlands wohl vernünftiger verhalten, wenn man selbst einmal dl« Lasten feindlichen Bejatzu ig ;u
Locarno.
Wtb London, 29. Jan. (Eig. Funkmeldung.) jlad) Blättermeldungen aus Paris sagte Cham- hertain in einem Interview anläßlich seine Pariser Aufenthalts: Die b r i t i s ch e, die s r a n z ö - s is ch e und ich glaube sagen zu können, auch die belgische Regierung ist entschlossen, die Locarno-Politik im vollsten Sinne fortzusehen. Der Locarnogeifi schließt die Mitwirkung von deut- scher wie von der alliierten Seite ein. Ich glaube, daß auf beiden Seiten noch viel Geduld nötig sein wird, aber ich bin auch ganz sicher, daß der Geist von Locarno fortdauern wird. Man darf sich nicht entmutigen lasten, wenn die Neigung, Anstoß zu erregen oder zu nehmen, nicht von heute aus morgen verschwindet .
Während des Empfangs englischer Preflever- treter durch Chamberlain wurde an den Staatssekretär unter anderem auch die Frage gerichtet, ob Deutschland alles tue, was möglich sei, um seine Abrüstungsverpflichtungen zu erfüllen. Darauf erwiderte Chamberlain: Ja, alles!
Die Räumung der Kölner Sone.
Am 31. Januar beendet.
Die Botschafterkonferenz bat dem deutschen Botschafter v. Hoesch eine Note überreicht, in der mitaeteilt wird, daß die Besetzung der Kölner Zone am 31. Januar mitternachts 12 Uhr ihr Ende erreicht.
Die Befreiungsfeiern.
Die Nachricht, daß die Kölner Zone am 31. 1. 12 Uhr nachts frei wird, hat in Köln allenthalben freudige Ueberraschung und Begeisterung hervorge- rufen. Oberbürgermeister Dr. Adenauer hat sofort beim Kultusminister den Antrag gestellt, am Dienstag, den 2. Februar, den Schulunterricht ausfallen zu lassen.
In Köln findet in der Nacht vom Sonntag, den 31. Januar zum Montag, den 1. Februar um Mitternacht eine große öffentliche Befreiungsfeier auf demDomplatz statt. Wenn die Mitternachtsstunde schlägt, beginnt die Deutsche Glocke am Rbein, die Petrusglocke des Domes, zu läuten, und sämtliche Kirchenglocken folgen. Vor dem Hauptportaie des Domes hält Oberbürgermeister Dr. Adenauer eine kurze Ansprache an die Bevölkerung. Die Feier wird durch den deutschen Rundfunksender in Königs- wusterhausen ausgenommen, (durch die z. Zeit in Köln stattfindende Deutsche Funkausstellung ist diese Möglichkeit gegeben) und allen deutschen Rundfunkempfängern 'weitergeleitet.
Brianö und Chamberlain.
Wtb p a r i s, 29. Jan. (Eig. Funkm.) Havas glaubt in der Lage zu fein, über die gestrige Unterredung zwischen Driand und Chamberlain Mitteilen zu können: Cs ist zweifellos, daß die Entwaffnung Deutschlands einer der Gegenstände der Erörterung gewesen ist. Der gute Wille Deutschlands wird von den Alliierten anerkannt. Was die Herabsetzung der Besatzungskräfte anbelangt, so kann der Effektivbestand von 75 000 Mann auf 60 000 herabgesetzt werden, ohne die Sicherheit der Besahungstruppen zu gefährden. Es scheint nicht, daß man in London und Paris irgend welche Einwendungen gegen die Zulassung Deutschlands zum Völkerbund machen wird. Die damit im Zusammenhang stehende Forderung Polens nach einem ständigen Sitz in dem Völkerbundsrat wird von Frankreich unterstützt und von England anscheinend nicht abgelehnt. In der Frage der Danknotenfälschungen in Ungarn hat Chamberlain sich ohne Zweifel der Ansicht Driands angeschlossen, daß man dem Völkerbund vorschlagen müßte, internationale Abmachungen zu treffen, durch die die Ausgabe falschen Geldes unterdrückt ■ werben könnte. Schließlich ist die Frage des Vorsitzes der Regierungs-Kommisflon des Saargebietes behandelt worden, da der bisherige Vorsitzende der Regierungskommisfion, Raoul, anscheinend nicht mehr die Absicht hat, die Erneuerung seines Mandats vom Völkerbund zu verlangen, während Frankreich und England einen gemeinsamen Kandidaten englischer Rationa- fitäf vorschlagen.
Die Abrüstungskonferenz.
Wtb £o n fr 0 n, 29. Jan. (Eig. Funkmeldung.) Wie der diplomatische Korrespondent der „west- minster-Gazette" berichtet, nimmt man an. daß der vorbereitende Ausschuß für die Abrüstungskonferenz wahrscheinlich erst Mitte April zusammentreten wird.
Verständigung zwischen der Schwei; und Rußland?
wtb Paris, 29. Jan. (Eig. Funkm.) Der Vertreter der Havas-Agentur in Genf glaubt Mitteilen zu können, daß die Verhandlungen zwischen der Schweiz und Sowjet-Rußland zur Beilegung der Konflikte kurz vordemAbschluß stehen. Line Verständigung sei so gut wie erreicht.
Bekanntlich wollten die Russen nicht nach Gen zur Abrüstungs-Vorkonferenz kommen, weil die Schweiz sich nach der Ermordung eines russischen Untertanes auf schweizerischem Botzen nicht richtig verhalten habe, " ✓ -y -< -v -L
Die Todesfahrt der Zlotte.
Max v. Baden, der letzte kaiserliche Kanzler, über die Vorgänge im Rovember 1918.
Der letzte kaiserliche Reichskanzler, Max von Baden, hat an den Unterausschuß des parlamentarischen Untersuchungsausschusses des Reichstags ein Schreiben gerichtet, in welchem er zu den gegenwärtig erörterten Fragen der Marine- rebellion von 19 18 und des geplanten großen Flottenvorstoßes Stellung nimmt. Seine umfangreiche Erklärung tritt der Behauptung ent- .gegen, der Kanzler habe zu dem von den Admiralen Scheer und Hipper geplanten Flottenvorstoß seine Zustimmung gegeben. Prinz Max stellte fest, daß die ihm unterbreitete Erklärung der Admirale, die Flotte habe nach der Einstellung des hemmungslosen Tauchbootkrieges ihre operative Freiheit wiedergewonnen, so wenig nachdrücklich war, daß sie ihm vollständig aus dem Gedächtnis geschwunden war. Zu einem Flottenvorstoß hätte die Seekriegsleitung vorher sich eingehend mit der Reichsleitung besprechen müssen. Solche Besprechung ist nicht erfolgt . Prinz Max erhebt gegen Admiral Scheer den Borwurf, es sei dies aus Mißtrauen gegen ihn unterblieben. Prinz Max bemüht sich, nachzuweisen, daß eine Seeschlacht gegebenenfalls den Wider st andsgei st belebt haben würde. Er hätte, so schreibt er, seine Zustimmung zur Schlacht gegeben, wenn entweder die Bekanntgabe der Waffenstillstandsbedingungen und das Verfliegen des Wilson-Taumels abgewartet worden wäre, ober besser eine unmittelbare Anfrage bei Marschall Foch bie- Bedingungen rascher herausgeholt hätte. Zum Schluß sucht Prinz Max nachzuweisen, daß ein auch nur um wenige Wochen verlängerter deutscher Wider- stand den feindlichen Offensivwillen so weit geschwächt hätte, daß Deutschland dem Diktat von Versailles nicht wehrlos gegenübergestanden hätte.
Die Donnerstag-Sitzung des Reichstages nahm einen zum Teil wildbewegten Verlauf. Schon zu Beginn der Sitzung kam die Spannung und Erregung, die die Abgeordneten beherrschten, in leidenschaftlichen Ausbrüchen zum Ausdruck. • Der Abgeordnete v. Guerard wandte sich vor (Eintritt in die Tagesordnung gegen Darlegungen des Abgeordneten Westarps und unterstrich mit stärkster Betonung, daß die von den Deuischnationalen befolgte positische Linie gegenüber dem besetzten Ge- biet als eine Gefahr für die Interessen dieses Gebietes angesehen werden müsse.
Dann kommt der völkische Abgeordnete der Major a. D. H e n n i n g zu Wort, der zunächst keine Aufmerksamkeit findet. Seine Worte gehen in der allgemeinen Unruhe unter. Die Nichtbeachtung, die man Henning offensichtlich zuteil werden läßt, reizt die Völkischen, und besonders wütend gebärdet sich der Abgeordnete G r a ef e. Henning selber redet sich in immer stärkere Wut hinein, um schließlich zu den maß- und schamlosesten Beschimpfung der ganzen Regierung und insbesondere des Reichskanzlers Luthers sich hinreißen zu lassen. Jetzt bäumt sich das ganze Haus in erregtem Widerspruch auf, bis ein einziger Schrei der Entrüstung durch den Saal braust, als Henning diese Regierung als die Regierung der Henker des deutschen Volkes bezeichnet.
Geradezu hysterisch hat er dieses Wort hinausgeschleudert, aber das Echo ist ein anderes, als er wohl glaubte.
Luther in Rbwehr.
In ungeheurer Erregung springt der Reichskanzler auf, tritt dem Henning Brust an Brust entgegen und redet, nein schreit, auf ihn ein. Man hört die Worte: Unerhörte Frechheit! und dergleichen. Abgeordnete der Deutschen Volkspartei, wie Kardorff und andere, springen zur Tribüne hinauf und nehmen Stellung gegen Henning. Dieser hat durch die Geste des Kanzlers völlig die Haltung verlören und ist bestürzt und stumm. In dichten Gruppen ballen sich die Abgeordneten vor der Rednertribüne. Alles scheint aufgelöst, ein riesiger Tumult ist losgebrochen.
Der gerade amtierende Präsident Dr. Bell weiß in ganz besonders geschickter Form die Erregung zu meistern, indem er ,r hdem er sich einigermaßen Ruhe schaffen konnte, kurzerhand den Abgeordneten Henning aus dem Saale w e i st. Im ganzen Hause findet diese einzig mögliche Maßnahme volle Billigung, um Schlimmeres zu verhüten, da einige Abgeordnete nicht übel Lust zu haben schienen, gegen den Redner tätlich vorzugehen. Henning, jetzt wieder zu sich gekommen, verläßt höhnisch lächelnd und die Hände in den Hosentaschen, gefolgt von stürmischen Entrüstungsrufen des ganzen Hauses, den Saal.
Der nächste Redner ist der deutschnationale Abgeordnete von L i n d e i n e r, der zunächst den unerhörten Angriff des Abgeordneten Henning auf die Regierung zurückweist und sein Bedauern über diese Entgleisung ausspricht. Als bei den Völkischen einer ruft: „E cht d e u t s ch n a t i o n a l l", da wenden sich die Deutschnationalen empört gegen diesen Sprecher. Schließlich verlassen die Deutsch- völkischen sämtlich den Saal.
Im übrigen ist die Stimmung im Hause während der Debatte ungeheuer gespannt. Man beschäftigte sich mit der Frage, ob der Reichskanzler sich schi n wirklich im Besitze des Auflösungs- d e k r e t s des Reichspräsidenten befinde öder nicht. Sicher ist, daß die Regierung entschlossen ist, die letzten Konsequenzen zu ziehen, also den Reichstag nach Hause zu schicken, wenn er das neue Kabinett nicht arbeiten läßt. An diesem festen Willen wird nichts abgehandelt und alle Versuche von den verschiedensten Seiten der Opposition, bei der Regierung zu sondieren, ob sie es auch wirklich ernst meine, schlagen fehl. Jntereffant ist, wie der deutschnationale Abgeordnete Lindeiner das Porzellan, das am Tage vorher der Graf Westarp zerschlagen hat, wiederzu leim en versucht. Jetzt auf einmal spricht er von der „Verständigungspolitik" ,der seine Partei doch „auch" huldige! Im übrigen hält der Abgeordnete Lindeiner an der Opposition fest. Inzwischen haben die Regierungs- Parteien, nm dem von ihnen eingebrachten Vertrauensvotum für die Regierung noch eine weitere Stütze zu geben, und die Verantwortlichkeit der Unverantwortlichen vor dem ganzen Lande festzustellen, einen Antrag auf namentliche Stimmung eingebracht. Cs kann also keiner aus« kneifen! Die Verkündigung dieses Antrages wird von der Opposition mit eisigem Schweigen ausgenommen. Sie ist gar nicht selbstbewußt und selbstsicher!
Das Haus muß noch eine Rede des Kommunisten K o e n e n über sich ergehen lassen, der es fertig bringt, die Bänke fast vollständig zu teeren. Koenen kommt alsbald mit dem Präsidenten Bell in Konflikt, weil er die Ausweisung des Abgeordneten Henning nicht auf die eigene Entschließung des Präsidenten Bell, sondern auf die Veranlassung des Reichskanzlers zurückführt. Präsident Bell verweist dem Redner diese Kritik und untersagt iede Erörterung dieses Vorfalls im Plenum, wer sich beschweren wolle, müsse dies bei der zuständigen Instanz tun. Schon ist Bell dabei, auch gegen Koenen mit entsprechenden Maßnahmen vorzugehen, als dieser sich doch besinnt und seine bolschewistische Volksrede hält.
Auf den Tribünen harren inzwischen Hunderte Kopf an Kopf gedrängt stundenlang aus. auch der
der auf und ab. . ,,
Je mehr es in die Abendstunden hmemgeht, umso mehr füllt sich auch die Diplomatentribüne. Schließlich erscheint der englische Botschafter Lord d'A b e r n o n. .
Unterdessen hagelt es im Saal von „Erklärungen" der verschiedensten Parteien. Breitscheid marschiert auf, um erneut die Stimmenthaltung der Sozialdemokraten zu proklamieren. Abgeordneter Scholz will den Deutsch- nationalen eine Brücke bauen und ihre Volker- bundsanträge an den Ausschuß verweisen lassen. Westarp widerspricht und fühlt sich genötigt, noch einmal die Haltung der Deutschnationalen zur Locarno-Politik zu rechtfertigen.
Strefemann spricht.
Und nun gibt es eine Sensation, die die Deutsch- nationalen nicht erwartet haben. Der Außenminister selber ergreift das Wort, um einen in der Tat sehr starken Trumpf auszuspielen. Er machte Mitteilungen über die letzte Entwicklung in den Verhandlungen um die sogenannten Rück- wirkungew, kann dafür Dokumente der Besatzungsmächte und deren Erklärung vorlegen, daß die endgültige Räumung der Kölner Zone am 31. Januar vollzogen ist. Das ganze Haus nimmt diese Erklärungen mit größter Aufmerksamkeit und mit lebhaften Kundgebungen entgegen.
Die Abstimmung.
Vor der Abstimmung gibt es noch einmal ein Zwischenspiel, indem der nunmehr amtierende Präsident L o e b e anregt, den ausgeschlossenen Abgeordneten Henning wieder zuzulassen, weil die Regierungsparteien und die Opposition die gleiche Stimmenzahl haben und von dieser einen Stimme die Entscheidung abhängen könne. Dem widerspricht aber der Zentrumsabgeordnete Guerard, der auf die Einmütigkeit im Hause mit Ausnahme der kommunistischen Brüder hinweist und erklärt, daß die ungeheuerliche von dem Abgeordneten Henning gegen Reichskanzler, Ministerium und den ganzen Reichstag mit kaltem Blute ausgesprochene Beleidigung nicht ungesühnt bleiben dürfe.
Abgeordneter Müller-Franken regte an, ob die Völkischen sich entschuldigen wollen. Das benutzt dann Graefezu einer geradezu unerhört herausfordernden zynischen Rede, in der er die Beleidigungen indirekt aufrechterhält und im übrigen einen Ton anschlägt, der das ganze Haus gegen ihn aufbringt. Infolgedessen läßt Loebe feine Anregung fallen und man tritt sofort in die Abstimmung ein.
Die Abstimmung selber vollzog sich unter dem Zeichen lebhafter Erwartung. Im Saale bilden sich lebhaft debattierende Gruppen, man beobachtet die Zettelabgabe der einzelnen Parteien und namentlich blickt man auf die Außenseiter. Diejenigen, die den Saal verlassen, sind Gegenstand ganz besonderer Prüfung, um zu erkunden, ob es sich hier um Abkommandierungen handelt.
Das Fehlen Dr. Wirths ist viel bemerkt worden, erklärt sich aber einfach daher, daß er bei feiner todkranken Mutter, deren Zustand als hoffnungslos bezeichnet wird, in Freiburg weilen mußte.
Loebe verkündet das Resultat. Es ist folgendes: 460 Stimmen sind abgegeben, davon haben 151, nämlich die Sozialdemokraten und die Wirtschaftspartei, sich der Stimme enthalten. 149 und zwar bestehend aus den Deuischnationalen, Kommunisten und Völkischen lauten auf ’Rein, 160 Stimmen der Regierungsparteien auf Ja.
Ein lebhaftes Bravo geht durch den Saal. Die Kommunisten rufen: Pfui. Die Deutschnationalen schweigen verlegen und betreten.
Luther heimst eine Reihe von Händedrücken ein und empfiehlt sich. Unter großer Unruhe leert sich der Saal.
Die Basis, welche der jetzigen Regierung zur Verfügung steht, ist schmal, aber durchaus geeignet, um dem Kabinett die Möglichkeit zur Arbeit zu geben. Jetzt kommt alles darauf an, ob es das Kabinett versteht, seine schwere Ausgabe, bie, vor allen Dingen in der Behebung der wirtschaftlichen Not liegen muß, zu lösen, und die widerstrebenden Parteien auch zur Mitarbeit an der Erreichung dieses Zieles zu zwingen.
Rufgewärmter Schwindel.
Das halbamtliche Wolff-Büro schreibt:
• g Wnnmmetio W.M Mm. Matt 15 W
FuldaerZeUung
Aus dem Seinen Osten.
Der japanische Ministerpräsident gestorben.
Der bekannte Politiker Japans, K a t o , der jetzt wieder Ministerpräsident war, ist im Alter von 68 Jahren gestorben. Das K a b i n e 11 ist zurückgetreten. Innenminister Wakatsuki wurde unter Beibehaltung seines bisherigen Portefeuilles als Nachfolger Katos zum Premierminister ernannt.
Rach der russisch-chinesischen Krise.
Die Agentur Indo-Pacific berichtet aus £i)ar= bin, Direktor Iwanow habe nach seiner Freilassung wieder die Leitung der Ostchinesischen Eisenbahngesellschaft übernommen. Die Krise fei wohl beseitigt, aber der Konflikt könne nur auf diplomatischem Wege zwischen China und Sow- jetrußland geregelt werden. Der von den russischen Berufsvereinigungen in Ostchina und Charbin proklamierte Generalstreik sei abgesagt worden. Die Verbindung zwischen Europa und Asien sei nach zehntägiger Unterbrechung am 25. Januar wieder ausgenommen worden.
Die Lage in Charbin.
Der russische Generalkonsul in Charbin richtete ein Telegramm an den Sowjetbotschafter in Peking, in dem es heißt, General Tschang Huan-Hsiang habe unter den sowjetrussischen Einwohnern der Stadt eine Schreckensherrschaft errichtet. 70 junge Leute seien im Zusammenhang mit der Ermordung der sowjetfeindlichen Russen verhaftet worben unb hätten im Gefängnis unsägliche Qualen auszustehen. Die Sowjetrussen müßten eine anmaßende und beleidigende Haltung über sich ergehen lassen. Der Generalkonsul fordert dringend entschiedene Maßnahmen.
Die chinesisch-japanischen Beziehungen.
Havas meldet aus Peking, Japan fordere von China die Eröffnung der Verhandlunaen über bie Kegen keitigkeitder Behandlung in Zollfragen. China habe sich bereit erklärt, aber noch keinen Zeit- punkt über den Beginn der Verhandlungen festgelegt.
Die „Neue Preußische Kreuzzeitung" stellt einem Artikel „Marx als Minister für bie besetzten Gebiete" eine Reihe von Behauptungen auf, bie in feiner Weise ben Tatsachen entsprechen. Es ist nicht richtig, daß Reichsminister Marx im Dezember 1918 ben Bestrebungen gegenüber, bie auf eine Verselbständigung der Rheinprovinz im Verbände des Deutschen Reiches hin- zielten, eine passive Haltung an ben Tag legte, Tatsache ist, daß Dr. Marx feit dem ersten Aus- treten derartiger Pläne sich mit aller Entschiedenheit gegen diese Pläne ausgesprochen hat. Es ist nicht richtig, daß Marx 1923 im Reichstage eine Aeußerung getan hat, Preußen fei lange genug auf den Rheinlanden herumgetrampelt. Reichs- minifkr Marx hatte damals als Abgeordneter in
Reichskanzler Dr. Luther weiß seine Ehre zu verteidigen. — Das Kabinett erzielt eine Mehrheit von 11 Stimmen. — Neuer Verleumdungsfeldzug.
Sitzungssaal ist im Verlauf der weiteren Debatte sehr stark gefüllt. Die Regierungsbank ist fast stets von den Ministern besetzt. Strefemann wischt sich alle Minuten den Schweiß von der Stirn. Luther geht offenbar in sichtlicher Erregung immer wie-