Sonntag, 24. Januar 1926.
Fuldaer Zeitung
2. Blatt.
Druck bet Fuldaer AcNendcuckecel, Fulda.
MrLschastsnot und Politik.
Von Abgeordneten Andre, M. d. R.
II.
Die stehen wir nun im einzelnen?
Der R e i ch s h a u s h a l t für 1925 dürfte trotz ter schlechten Wirtschaftslage ohne wesentliches Defizit abschließen. Allerdings ist dieser Etat immer noch nicht im Reichstag verabschiedet. Die Regierung hat feie Zahlen nach den Beschlüssen der zweiten Lesung des Reichstages in den Etat eingesetzt. Der Reichstag muß endlich mit dem System brechen, Ausgaben zu bewilligen, für die Einnahmen fehlen.
Der neue Entwurf !des Reichshaushalts für 1926 liegt vor. Er enthält keinerlei Vermehrung ron Planstellen und keine höhere Einstufung der Beamten. Diese Tatsache ist für die Beamten uv- niger erfreulich. In der R o t der Zeit liegt aber die Begründung für diese Stellungnahme der Reichsregierung. Die Beamteneinkommen in den unteren Beamtengruppen sind an und für sich niedrig. Doch haben auch diese Beainten eine erhöhte Sicherheit ihrer Existenz, was von den A r - beiterfamilien nicht gesagt werden kann. Eine allgemeine Aufbesserung der Beamtenbezüge ist zurzeit finanziell nicht tragbar. In einer Zeit, wo man den Bauern das Vieh im Stalle pfändet, und Millionen deutscher Volksgenossen in Arbeitslosigkeit und bitterster Not dahinleben, sollte die Beamtenschaft aus eigener Erkenntnis auf die Siel- lung weiterer Forderungen an den Staat, die Länder und die Gemeinden und die sonstigen Selbstverwaltungskörper verzichten. Der Reichshaushalr für 1926 hält in den Einnahmen und Ausgaben das Gleichgewicht. Die Einnahmen betragen insgesamt 7,7 Milliarden Reichsmark, die Ausgaben desgleichen. Die Ausgaben werden trotz erhöhter Reparationsleistungen jene vom Jahre 1925 voraussichtlich nicht übersteigen. An Einnahmen sind unter anderem vorgesehen:
Besitz- und Verbrauchssteuern 4,8 Milliarden Mark (100 Millionen Mark weniger als 1925).
Einkommen- und Körperschaftssteuern 2350 Millionen Mark.
Umsatzsteuer 1350 Millionen Mark (80 Millionen Mark weniger als 1925).
Aus Zöllen und Verbrauchssteuern 2000 Millionen Mark (weniger 149 Millionen Mark).
Ueberweistmgen von der Reichspost 20 Millionen Mark. li
Hinzu kommen 220 Millionen Mark Ueberschuß vom Etatsjahr 1924, die zur Bezahlung der Höhe- ren Reparationsleistungen Verwendung finden sollen.
Von den Ausgaben verdienen hervorgehoben zu werden:
dur die allgemeine Reichsverwaltung 4116 Millionen Mark (weniger 142 Millionen Mark als 1925). Hiervon werden 669,8 Millionen — 18 Prozent der Ausgaben als Bezüge der Beamten, Angestellten und Arbeiter des Reiches Verwender. 1512,8 Millionen — 40 Prozent, werden für fach- ilche Ausgaben benötigt.
Der allgemeine Pensionsfonds belastet nut lüOO Millionen Mark das Reich schwer. Pen- sionsfonds und Versorgungsgebührnisse verschlingen im ganzen 42 Prozent aller Ausgaben. Die Reparationsleistungen aus dem Reichshaushalt betragen 1926 zirka 600 Millionen Mark gegen 300 Millionen im Jahre 1925.
Sie inneren Kriegslasten (besetztes Gebiet) erfordern 298.4 Millionen Mark; das sind HO Millionen weniger als 1925.
Die gesamten Reparationsleistungen betragen tm Jahre 1926 1360,3 Millionen Mark. 3m Jahre 1927 müssen neben den von der Industrie und der Reichsbahn aufzubringenden Leistungen 2d2 Millionen Mark, 1928 735 Millionen Mark, 1929 940 Millionen Mark mehr als im Jahre 1926 cu3 dem Reichshaushalt heraus aufgebracht werden. Rücklagen für diese Zahlungen sind nicht vor- Händen. Derartige Beträge durch Steigerung des Absatzes aufzubringen, halte ich für unmöglich. Ebenso erscheint mir eine Steigerung der Steuerleistungen, und eine wesentliche Erhöhung der Soziallasten für nicht tragbar.
Ohne eine starke Steigerung der Ausfuhr werden wir die Reparationslasten auch nichk teilweise erfüllen können, ohne sie kommen wir auch nicht aus der passiven Handelsbilanz heraus. Unbedingtes Erfordernis ist: 1. die Schaffung einer zahlungsfähigen Landwirtschaft und 2. die Erhöhung der Kaufkraft der breiten Volksmassen. Landwirtschaft und Industrie sind heute zu start mit Steuern belastet und deshalb außerstande, ihre Erzeugnisse zu lohnenden Preisen absetzen zu können. Nicht Erhöhung, sondern Minderung der Steuerleistungen muß das Ziel sein. Das erfor- dert stärkste Sparsamkeit in Reich, Ländern und Gemeinden wie bei den Selbstverwaltungskörpern (Kranken-, Unfallversicherung, Berufskammern usw.). Die Ueberweisungcn des Reichs an die Länder und Gemeinden betragen 1926 2337 Millionen Mark. Sie bleiben um 149 Millionen hinter jenen des Jahres 1925 Zurück. Damit ist von selbst ein Zwang zum Sparen gegeben.
III.
Das ist 1925 erreicht worden?
1. Mr haben dieWährung gerettet; 2. klare Rechtsverhältnisse in der schwierigen A u f w e r - tungssrage geschaffen, allerdings hat diese Regelung keine allseitige Befriedigung ausgelöst: 3. die Steuerverhältnisse sind neu geregelt worden. Durch das Reichsbewertungsgesetz ist das Durcheinander der Wertschätzungen beseitigt. Der gleiche Vermögenswert darf nicht mehr von der Grund- und Gewerbesteuer erfaßt werden. Wir haben soziale Gesichtspunkte in die Einkommen-, Vermögens- und Erbschaftssteuer hinem- gearbeitet, die Umsatzsteuer ermäßigt, die die ver- orbeiteiche Industrie schwer belastende Lurusumsatz- steuer herabgesetzt, den Finanzausgleich zwischen dem Reich und den Ländern zustandegebracht und ->ie Verbrauchssteuern auf neue Grundlagen gestellt; <- Auf dem Gebiete der Sozialpolitik tritt wie stärkere Belastung in die Erscheinung. Dir Soziallasten betragen rund 2y$ Milliarden Mark, Vergleiche mit dem letzten Friedensjahr lassen sich i-icht ziehen, weil das Heer der Versicherten sich außerordentlich starkvermehrthat und Kriegs- b Haftungen aller Art auf die sozialen Versiche- junasträfler drücken. Es sei nur an die 700 000
Joseph von Acres und wir von heute.
3um 150. Geburtstage (25. Januar 1926).
Von Geh. Reg.-Rat Wilh. Schellberg, Ministerialrat im Preuh. Kultusministerium, Berlin.
Wer wie ich am Ende einer vieljährigen umfassenden Arbeit steht, der Sammlung und Zusammenstellung des Görresschen Lebenswerkes, das in einer großen zwanzig Oktavbände umfassenden historisch-kritischen Ausgabe in seinen ersten Bänden noch im Laufe dieses Jahres erscheinen soll, der stehl naturgemäß unter dem tiefen und unaufhörlichen Eindruck des Menschen und seines Werkes. Und doch erhebt sich bei allen Großen der Vergangenheit namentlich für den, der der Geistesgeschichte ferner steht, auch bei Görres die Frage, was kann ein Mann uns heute noch bedeuten, der vor rund 150 Jahren geboren ist und fast vor 80 Jahren die Augen geschlossen hat.
Wenn ich auch weiß, daß bei keinem unserer großen geistigen Führer so wenig wie bei Görres Mensch und Werk zu trennen sind, so möge mir es doch gestattet sein, zunächst den Menschen in wenigen Zügen zu umreißen. Es muh immer wieder gesagt werden: ist schon Görres' Schrifttum nur wenigen bekannt, so ist seine Persönlichkeit trotz vielen Geredes den meisten Zeitgenossen, die Katholiken eingeschlossen, fremd. Nicht, als ob es schwer oder reizlos wäre, diesen Mann nach seiner rein menschlichen Seite hin zu erfassen. Es bedarf wirklich nicht der Mittel modernster Seelenkunde, um in sein Wesen einzudringen. Im Gegenteil: er schließt sich leicht, denn er ist letzthin eine Persönlichkeit von einer seltenen Natürlichkeit und Schlichr- heit, ein Mann ohne Maske und Pose.
Sein Lebensinhalt war Kampf, der Kampf für das Guts, Rechte und Wahre. Er führte diesen Kampf mit einem reinen Herzen und dem starken Gefühle für den Gedanken der großen nationalen G emeinschaft, der letzthin sein Werk und seine Sendung gilt. Er war nie Majorität. Eigennutz hat ihn nie geleitet, noch hat er um Lohn gekämpft. In der Gluthitze politischen Kampfes galt ihm das Wort: „Der Wahrheit, wo sie herkomme, soll keiner sich verschließen." Gegen jede Bemäntelung der Wahrheit wendet er sich: „Ich stimme überall für die frische grüne Wahrheit." So sehr er auch die Notwendigkeit betont, einen festen Standpunkt ohne Halbheit einnehmen zu müssen, so wenig will er auf seine Unabhängigkeit verzichten. Er betont sie nach rechts und links, den Konservativen gegenüber wie den Demokraten, er ist Feind jeglichen Despotismus in weltlichen wie geistlichen Dingen. Sein ganzes Streben geht dahin, die Anerkennung der Besten seines Volkes zu finden, mit denen er sich in einer geistigen Gemeinschaft verbunden fühlt: „Das ist meines Lebens schönster Siern (sagt er einmal) von je gewesen", „daß die Besseren sich vertrauend immer um mich her gesammelt, wie auch ich nur zu den Guten mich gehalten." So war dieser Mann: ein echtes Kind des Rheins und der Mosel: rechtschaffen, bieder, heiter, schlicht und anspruchslos, derb oft bis zur llebertreibung, ohne Furcht und Scheu, voll Milde für jeden, warmherzia, verstehend, einfältig im edelsten Sinne des Wortes, Helfer in jeglichem öffentlichen und privaten Leid, frei von jeder Eigensucht. Mit Güte kam er jedem entgegen und schlug in eines jeden Hand, den er für ehrlich hielt. Nie hat eine schlechte Handlung ihn befleckt. Es ist kein billiges Selbstlob, wenn er einmal als gereifter Mann in einem Rückblick auf feine Jugend es ausspricht: „Meine Jugend hat manchs Irrtümer der Zeit gehabt; der stärkste, bei mich jetzt noch nicht ganz verlassen, war immer der daß ich meinen Zeitgenossen mehr zugetraut als fte zu leisten imstande waren. Wenn ich mich in dieser Weise bisweilen betrogen, so habe ich wenigstens das Glück gehabt, durch keine schlechte Handlung mein Leben zu beflecken." Und eins soll nicht vergessen werden. Er ist ein wahrer Vater seiner Familie, mit der er in wahrhafter Schlichtheit fein Leben führt, an der er, wie namentlich die unerträglich drückenden Jahre der Verbannung zeigen, mit rührender Treue hängt.
Ich will auf die rein geistigen und künstlerischen Seiten seines Wesens hier nicht eingehen, sondern nur noch die Ueberzeugung aussprechen, daß die i Wiedererneuerung seines Werkes recht eigentlich ei>- : reicht sein wird, wenn Görres als Mensch ganz un» ’ zu eigen geworden ist. Dann wird es auch möglich fein, Verständnis zu gewinnen für die großen Werte, die fein Werk umschließt, die bei aller Vergänglichkeit — die das Lebensschicksal auch der Größten — doch solchen Reichtum an großen Gedanken und Erkenntnissen bieten, daß wir nicht zu reich sind, ihrer entbehren zu können. Es ist natürlich in einer knappen Darlegung nicht möglich, die ganze Fülle der Lebensweisheit, der religiösen philosophischen und politischen Erkenntnisse zu erschließen, die seine Werke umfassen. Es kann sich hier nur um eine Würdigung in den größten Zügen handeln. Deutlich stehen stets vor den Augen dieses
Mannes, der sich gern als ein treuer auf dem Söller feines Häuf es wachender Wardein bezeichnet, die großen Grundsätze, die alles Leben tragen und bedingen. Wahrheit, das Recht, die durch Gesetz und Liebe geregelte Freiheit, Recht tun, Gerechtigkeit üben: das sind seine Ideale. Zwei große Prin- zipien hat Gott den Menschen eingepflanzt: ein negatives und ein positives, auf dessen Seite er steht, und das ihm als Inbegriff aller organischen Entwicklung die heiligsten Mächte darstellt, die alles Widerstrebende verbinden, alle Gegensätze versöhnen. Neu und A l t sind ihm keine Gegensätze, er betont vielmehr, daß man nicht außer acht lasten dürfe das „ewig junge Alte" und das „im frischen Alter grünende Neue, damit das Alte nicht vermodere und aus dem Moder das Gewürm des schlechten Neuen hervorkrieche", ein Standpunkt, der ihn immer wieder durch die Wirrnisse der Zeit führt und das Verhältnis von Staat und Kirche und ihre Stellung zum Einzelmenschen zeichnen läßt. Und gerade hier liegt die große Leistung und Sendung des Koblenzers. Immer wieder weist er hin auf die Notwendigkeit, die Gegensätze und Spannungen zu versöhnen, den rechten Ausgleich zu suchen und zu finden zwischen Autorität und Fre'- heit, zwischen Fürst und Volk, den roiberftredetiben Ständen und der Fülle verwirrender Ideen, zwischen der Selbsisticht des einzelnen und der Forderungen der Gesamtheit, Notwendigkeiten, die auch die bedrängt? Gegenwart kennt, und bei deren Ausgleich Görres als bereiter Helfer und Wegweiser nicht verschmäht werden st Ute.
In jeder feiner großen Schriften kommt er Immer wieder zu der Forderung, daß der Mensch über die Flut der Gegensätze zum rettenden Felsen der höheren Einheit streben muß, die nur zu erlangen ist auf dem Wege organisatorischer Fortentwicklung. In einer Zeit, die es in allem Technik-Zivilisator'.schen so herrlich weit gebracht hat, ist es uns vorbildlich in seinem ihm naturhaft angeborenen Bestreben, zu suchen nach dem Ursprung des Bestehenden, nach den Quellen unseres geistigen und nationalen Seins, zu verknüpfen das Alte mit dem Neuen in heiliger Scheu vor dem Erbe der Vorzeit. Er hat die Ursache der großen Uebel seiner Zeit erkannt, die auch unsere liebel sind: daß wir in allem Treiben und Hasten die Seele verloren haben. Lassen wir uns seine tiefen und ernsten Worte zu Herzen gehen: „Und wäre ganz Deutschland mit Ringelbahnen von einem Ende zum andern in allen Richtungen belegt, und flögen Dampfwagen zu Tausenden in ihm über Berg und Tal, würden alle seine Flüsse von den Dampfschiffen bis zum tiefsten Grunde durchfurcht, arbeiteten die Hebel sich müde in allen Winkeln, und wendeten sich um und um an allen seinen Straßen die Räder der Maschinen: was hülfe das ihm alles, hätte es in dem klappernden Mechanismus die innewohnende Seele verloren." Das Verlangen nach Gerechtigkeit führt ihn zu der Grundforderung seines politischen Programms: dem Ausgleich aller Stände und Belange, der Monarchie und Demokratie. der rechten Mitte, zu einem Programm, das die Mitarbeit aller Kräfte bedingt. Als Höchstes aber schwebt ihm über der Menschheit Gott als Quell der Gerechtigkeit, Wahrheit, Liebe und Freiheit. Dan diesem Standpunkt aus die Menschheit, ihr Mühen und Sehnen, ihr Irren und Suchen, überblickend, erscheint ihm eines allein notwendig: das deutsche Volk muß alle Unklarheit, alles wirre Streben von sich abwerfen, muß sittlich gesunden und religiös wiedergeboren werden. Dann kommt neues, träfliges und tätiges Leben, und damit ist die Zukunft des deutschen Volkes gesichert.
Für diese Anschauungen hat Görres ein langes Leben gekämpft mit der glühenden Leidenschaft seines tiefbewegten Herzens, mit einer titanenhaften Sprache, deren Gewalt Freund wie Feind in Bande schlug. So wirkt Görres auch heute noch nach: als leidenschaftlicher, von der Wahrheit gedrängter Sucher, als prophetischer Warner und Mahner, als sprachgewaltiger Massenfübrer und Kämvfer, der gefetzt ist. die Zeit auszustacheln aus Sattheit und Ruhe. Mag das Ergebnis feiner rein wissenschaftlichen Tätigkeit und Einwirkung auch gering sein, als großer politischer Lehrer und Führer, der in seinem vwchselvollen Leben die Entwicklung der deutschen Seele widerspiegelt, wird er allezeit vor uns stehen. Gegenwart und Zukunft werden von ihm noch lernen, wenn fein Wort erst in ganzer Kraft wieder geweckt ift. _
Im Gilde-Verlag, Köln, werden im Laufe dieses Jahres die ersten Bände der großen Ausgabe erscheinen: Der gleiche Verlag wird demnächst ein Lebensbild aus meiner Feder und eine den ganzen Görres umfaffenbe Auswahl veröffentlichen.
Kriegerwitwen und die 1% Millionen Krieger» waifen erinnert. Bei den Krankenkassen hat ins- besondere die Aorztesrage noch keine befriedigende Lösung gefunden. Auch darf nicht vergessen werden, daß das bei den Verficherungsträgern angesammelte Vermögen von zirka 3y2 Milliarden Goldmark in der Inflationszeit hauptsächlich verloren ging. Neu geregelt wurde 1925 das Recht in der Unfall-, Invaliden- und Angestelltenverstche- rung. Auch die Versorgung der Kriegsbeschädtg- ten und Kriegshinterbliebenen hat einige Verbesserungen erfahren. Desgleichen die Erwerbslosenfürsorge. Redner bespricht eingehend die große Arbeitslosigkeit uüd die Frage der Erwerbslosen- fürsorge und begründet die Notwendigkeit der Ua- terstützung der Kurzarbeiter und die bessere Verfolgung abeitslos gewordener Angestellter.
Trotz aller Unterftützungsmaßnahmen besteht die soziale Frage
weiter. Mit der fortschreitenden Vertrustung unserer Wirtschaft verschärft sich das Arbeitsproblem. Die Frage der Sicherheit der Existenz und de- Versorgung im Alter und Arbeitsunfähigkeit ist noch immer ungelöst. Bedauerlich ist, daß der Arbeitsgemeinschaftsgedanke in der Industrie heute weniger Verständnis findet rote vor Jahren. Wir müssen zu einer Arbeitslosenversicherung kommen, die Gewerbe- und Kaufmannsgerichte müssen durch die Arbeitsgerichte ab
gelöst werden, ein neues Arbeiter- und Angestelr- kenrecht ist zu schaffen. Die wichtigste Frage ist: Wie kommen wir aus der sogenannten
Reinigungskrise hinaus? Wir vom Zentrum haben nie anerkannt, daß es sich um einen Reinigungsprozeß der Wirtschaft bei dieser Krise handelt. Nicht nur sogenannte Jnflationsbetriede, sondern ebenso alte Unternehmungen brechen zusammen. Die Zahl der Konkurse betrug:
im August 1925: 751,
„ September 914,
„ Oktober 1164,
v. 1.—15. November 614.
Geschäftsaufsichten für die gleichen Monate: 379, 459, 633 und 411. Verhältnismäßig gering ift die Zahl der Konkurse in der Landwirtschaft. Deren Verschuldung beträgt jedoch 3yz Milliarden Mark. Bei dem hohen Zinsfuß ist die Zinsenlast der Landwirtschaft heute höher als vor dem Kriege. In der Industrie sind ganze Äo tigern e sowohl wie Aktiengesellschaften und private Unternehmungen zusammengebrochen. Hinter diesen Zahlen steckt eine Fülle menschlichen Elends. Deshalb ist die wichtigste Frage: Wie kurbeln wir die Wirtschaft wieder an?
Wir vom Zentrum antworten: 1. Durch Förderung der Landwirtschaft; sie muß langfristige Kredite zu billigem Zinsfuß erhalten. 2. Durch
Sicherung der Ernährung. Die Parole muß lauten: Keine neue Reichsgetreidestelle, jedoch mehr Verbrauch von inländif^m Getreide. Es muß vor allem mehr Roggenbrot gegeßen werden. Das Ausland unterstützt die Weizeneinfuhr durch billige Kredite. Die inländische Landwirtschaft dagegen bekam nur teueres Geld?
In zweiter Linie regte die Zentrumsfraktion die Förderung der Exportindustrie an. Finanzielle Maßnahmen zur Unterstützung des deutschen Exportes sind von uns in Vorschlag gebracht worden.
In dritter Linie muß das Baugewerbe wieder in Fluß gebracht und es muß zweckmäßiger und billiger als seither gebaut werden. Ohne Typl- fierung der Bauweise ist nichts Entscheidendes zu erreichen.
Viertens: Das Unternehmertum wie die Arbeiterschaft müssen mehrzusammen arbeiten und gegenseitig zur Bringung von O p f e r n bereit fein, um die deutsche Wirtschaft auf dem Weltmarkt wie- der konkurrenzfähig zu machen; der Scharf» machergeist und Klassenkämpferstavd» punkt müssen verschwinden.
Fünftens: Die Sparkraft des Volkes muß sich verstärken. Wir haben zu wenig Geld m unserer Wirtschaft. Der Geldumlauf betrug
1913 : 6 622 317 000 Mark,
1925: 4 397 601 500 Mark.
Vor dem Kriege war der W e ch s e l ein bestes tes Zahlungsmittel. Es waren etwa für 10 Milliarden Mark Wechsel jährlich im Umlauf. Heute haben wir viele Wechselprotestanten! Die Reichsbank hat den Reichsbankdiskont um 1 Prozent ermäßigt. Die Landwirffchaft hat einen Milliardenzwischenkredit zu 7% Prozent Zinsen bekommen. Vielleicht liegt darin ein Anfang zur Besserung der Z i n s Verhältnisse. Von größter Bedeutung ist die Kapitalneubildung im Inland. Das Gn- tersrzeugnis ist abhängig von der Gröhe des Pro- duAionskapitals. Bei den deutschen Sparkassen waren 1913 20 Milliarden Mark verzinslich angelegt; 1918 sogar 31 Milliarden Mark; im September 1925 betrug das Sparguthaben nur 1375 000 000 Mark, das sind nur 714 Prozent des deutschen Vorkriegskapitals. Sparsamkeit uno Fleiß wird die Grundlage für den Volkswohlstand. Das muß sich vor allem auch die Jugend merken. Erfreulich ist, daß die Kohlenpro» d u k t i 0 n wieder erheblich zugenommen hat. Die Verkehrstarife und deren Staffelung spielen bei der Frage der Wirtschaftsgesundung gleichfalls eine erhebliche Rolle. Ohne Preisabbau auch der Industrieerzeugnifse geht es nicht. Der Zwischenhandel ist zu stark vertreten. In der Industrie selbst sind viel leitende teuer bezahlte Direktoren und sonstige Posten vorhanden. Trotz aller Erfindungen und technischen Fortschritte geht ev dem arbeitenden Volk immer schlechter, anstatt besser. Die Industrie muß sich technisch vervollkommnen, zumal der Arbeitslohn heute schon bei den Produktionskosten eine geringere Rolle spielt, als in der Vorkriegszeit.
Damit komme ich zum Schluß! Unsere Sage ist tiefernst, jedoch nicht hoffnungslos. Jeder stehe daher am Platze, wo er gewachsen und erfülle, was ihm obliegt. Das gilt sowohl für die deutschen Fürsten wie für arme Pr 01e» tarier, desgleichen für jene Volkskreife, die dazwischen stehen. Der Derarmungsfakior des deut- fchen Volkes muß auch bei der Fürstenabfindung sich auswirken. Verlieren wir selber ober das Selbstvertrauen und Gottvertrauen nicht! Wir haben elf schlimme Jahre hinter uns. Was wir brauchen, ist Friede nach außen und innen, gegenseitige Hilfe in der gemeinsamen Not und den Willen zur aufbauenden Tat. Die Zen» trumsfrattion wird ihre ganze Kraft für die Rettung von Volk und Vaterland einsetzen. Dem Vaterland und ihr gilt unsere Treue und Arbeit. Erfüllen wir daher unsere Pflicht, bmfn wird auch unser Herrgott feinen Segen zu unserer Arbeit geben.
An Gottes Segen ist alles gelegen!
* Der poststheckverkehr im Deutschen Reich. Am 31. Januar betrug die Zahl der Postscheckkunden im ganzen Deutschen Reich 856 979 gegen 855 175 im November. Ausgeführt wurden aus den Konten im Monat Dezember 31527 000 Gutschriften über 4 873 778 000 Mark und 17 840 000 Lastschriften über 4 842 563 000 Mark. Der Umsatz betrug 9 716 341000 Mark. Bargeldlos wurden beglichen 7 470 914 000 Mark. Im Ueberweisungsverkehr mit dem Ausland wurden 2 455 000 Mark umge- setzt.
* Do sitzen die fleißigsten Sparer? In der Deutschen Sparkaffenzeitung ist eine Statistik über die Spareinlagen nach dem Stand vom Oktober 1925 enthalten, welche den (Einlagebeftanb „pro Kops" der Bevölkerung nach der neuesten Volkszählung errechnet. Hiernach betragen die Spareinlagen in den einzelnen Bezirken des deutschen Giw- und Sparkassenverbandes auf einen Einwohner in: Ostmark: 13,09 Mark, Pommern 22,62, Brandenburg 21,95, Berlin 13,16 Schlesien 14,42, Sachsen-Anhalt 17,18, Hannover 30,17, Rheinprovinz 35,87, Westfalen 35,61, Hessen-Nassau 22,23, Hes» sen-Darmstadt 25,04, Baden 25,02, Sachsen 12,19, Bayern 12,70, Württemberg 22,67, Reichsdurchschnitt 21,59 Mark. Hiernach steht an erster Stelle das industrielle Rheinland mit 35,87 Mark, es folgen Westfalen mit 35,61, Hannover mit 30,17, Hes- sen-Darmstadt mit 25,04 und Baden mit 25,02 Mark.
Wissenschaft uno Forschung.
= Lin Städtischer Museum für Natur und Völkerkunde wurde in feierlicher Weise in Mannheim eröffnet Direktor des Museums ift Pros. Dr. Föhner. Den Hauptteil bildet die berühmte Sammlung des Münchener Malers Gebriel von Max, die vor einigen Jahren Dank der Beihilfe des Geh. Kommerzienrats Röchling aus dem Nachlaß des Künstlers käuflich erworben wurde.
— Eine wertvolle handschriften-Sammiung von hohem Werte wurde in einem Archiv in Mantua entdeckt. Sie umfaßt Dokumente von Rubens, Galilei, Tizian, Tasso, Palestrina, Lucrezia Borgia u. a>, ebenso auch Briefe von Bellini, Perugio usw.
— Die Zahl der flntos in Deutschland hat im Vorigen Jahre um ca. 182 <X!0 zugenommen und betrug am Jahresabschluß 425 826. Dre Zunahme um ca 45°/« ist gewiß sehr erfreulich, dennoch bleibt Deutschland hinter der Zahl der Autos in anderen Ländern noch weit zurück.