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Erdbeben - Darnerrgeseltjchaft im D Zrrro. Mutier. Konfetti. Fürfteufkan-al- und Publikum. Die Ruffe«. Bubi, fall nicht durchs Fenjter.

M 13.

Sonntag, 17. Sannas 162U

Brief aus Rom.

& Begräbnis der Königin Margherila in Rom. Rom, den 13. Januar 1926.

Das seltene Schauspiel eines königlichen Be- aräbnisies hatte zahllose Neugierige nach Rom g-- tockk um dem Leichenbegängnis zuzusehen, müh- rend dessen die Geschäfte aus Anordnung der Behör­den aejchlossen gehalten werden mußten. Ebenso wurde der Straßenbahndienst und sogar die Züge der Hauptstrecke Genua-Rom umgeleitet, letzteres, um dem Eisenbahnzug, der die Leiche von Berdighera brachte, die Möglichkeit zu geben, in jeder Zwischen- ftation 1 Minute m halten, um Anlaß zu Kund- oebunaen zu geben.

Das Hinscheiden dieser gekrönten Frau erin- u«rt an ihre Bemühungen, eine Vers öhnung tzes dritten Italiens mit der Kirche herbeizuführen, Bemühungen, die jedoch frucktlos waren. Es ge­lang ihr nicht einmal, soviel Einfluß auf ihre näch­sten Familienangehörigen zu gewinnen, daß eine christliche Erziehung ihrer Kinder gesichert wurde, welche vielmehr freimaurerischen Erziehern anvertraut wurden. Der furchtbare Tod ihres in Monza von einem Anarchisten ermordeten Mannes maÄe sie früh zur Witwe.

Die priesterlichen Funktionen wurden von drei Hofkaxlänen der Familie Savoyen ausgeübt. Ka­puziner begleiteten die Leiche. Ein Totenamt im Pantheon fand nicht statt, wie etwa bei den Jahr- gedächtnissen für den König Humbert und Viktvr Emanuel II. Von diesen nimmt die kirchliche $>e= höche an, daß sie sich vor ihrem Tode bekehrt hät» ten und läßt daher Seelenmessen zu, bei welchem auch der jetzige König erscheint und stehend dem Gottesdienst beiwohnt.

Der von Pius IX. gegen Viktor Emanuel IT. und seine Nachfolger gerichtete Kirchenbann soll bereits von Pius X. gemeildert worden sein.

Das hessische §chu?wessn.

Im Dolksstaat Hessen gibt es 958 Volksschulen, davon sind 928 Simultan- und 30 Konfessions­schulen. Insgesamt sind 4017 Klassen vorhanden, in denen 4087 Lehrpersonen tätig sind, und zwar 3242 Lehrer und 845 Lehrerinnen. Hierzu kom­men noch 198 Handwerkslehrerinnen. Auf die ein­zelnen Provinzen verteilt, ergibt sich folgender Stand.

Starkenburg: 359 Schulen, mit 2011 Klassen, 1559 Lehrer, 487 Lehrerinnen;

Oberhessen: 410 Schulen, mit 971 Klassen, 889 Lehrer, 86 Lehrerinnen;

Rheinhessen: 189 Schulen, mit 1035 Klas­sen. 975 Lehrer, 272 Lehrerinnen.

Nach dem Stand vom 10. Mai 1925 wurden die hessischen Volksschulen von 141 451 Schulkindern besucht. Auf die Konfesiionen verteilt, sind das: 94 068 evangelische 66 Prozent, 45 211 katholische 31,7 Prozent, 854 israelitische 0,6 Prozent, 2318 sonstige Bekenntnisse 1,5 Prozent. Diese Zahlen werden sich in den kommenden Jahren noch erhöhen, da die Geburtenziffern feit 1919 wieder erheblich steigen. Bezüalich des Lehrernachwuchses ist folgendes zu sagen: Die hessischen Lehrerseminare wurden bekanntlich in sechsstufige Aufbauschulen umgewandelt und entlassen zu Ostern 1926 ihre letzten Zöglinge, nänrlich 54 Schüler und 11 Schü- lerinnnen. Die Aukbaufchulen werden gegenwärtig von 326 Knaben (230 ev., 94 kath., 2 sonstige Vek.) und von 90 Mädchen (54 ev., 35 kath., 1 ifr.) be­sucht. Ausnahme in diese Schulen, die sich in Darm­stadt, Bensheim, Friedberg und Alsey befinden, erhalten gut veranlagte Kinder nach dem siebenten Schuljahr.

katholische Welt.

Der Schluß der vatikanischen IMsswnslmsskcllung. Am Sonntag den 10. Januar, morgens um 10 l!hr, fand oe roffizielle Schluß der vatikanischen Misstonsausstellung im Marmorsaale des Braccio Nuovo des Vatikans statt. Diu« XI. hatte die ausstellenden Misstonsinstitute durch Verleihung eines Diploms ehren wollen. Die freier war mm Musikvorträgen der auch in Deutschland bekannten -sthilharmonica Romana unter der Leitung Monsignore Casimiris umrahmt. Auf die Begrüßungsworte des um die Ausstellung hochverdienten Propagandapräfekten Kardinal van Roffums antwortete Pius XI. in län­gerer Rede, als Schlußfolgerungen der Ausstellung drei Lehreii ziehend: Die Pflege der Kranken, die Erziehung der Kinder und die Schaffung eines einheimischen Kle- f°*e es schon der Heiland selber und die Apostel geübt hätten. Zum Schlüsse kündete der Heilige Vater "°5 Weiterbestehen der Ausstellung in Form eines M i s s i o n s in u s e u nc s im Latercmpalaste an, so die bereits bestehenden altchristlichen und profanen Museen ergänzend. Die Feier schloß mit der Berleihung der Diplome und Verdienstmedaillen an die Mllsionsgesell- fchaften und die um das Zustandekommen der Ausstel- mvg verdienten Persönlichkeiten. Die Erinnerungs­medaille zeigt die Peterskuppel und ist von Bildhauer o r r at b o Mezzana entworfen.

Heues aus Frankfurt.

(Ein feiner Betrug. Zwei hochelegant gekleidete r sehr sicher auftretende Damen legten hiesige Möbel­geschäfte durch einen neuen Trick schwer herein. Die Damen suchten sich wertvolle Möbeleinrichtungen aus, bezahlten einen gewissen Betrag in bar und stellten über me Restsumme einen kurzfristigen Wechsel aus. Die Möbel wurden auf Wunsch mit der Bahn verladen. Jetzt, als drr ovLi.-eshündler die Wechsel präsentieren wollten, stellte es sich heraus, daß keine Deckung vorhanden war. Don den Gaunerinnen und dem Verbleib der Möbel fehlt bisher jede Spur.

Beraubung im D-Zug. Vor einigen Tagen wür­ben im D-Zug N ü r n b e r gF rankfurt a. M. einem Reifenden neben anderen Sachen drei wertvolle Gemälde gestohlen.

Erschossen und erhäng!. In den Kleingärten an der Adickes-Allee wurde heute nachmittag ein Postfekre- tär erhängt und erschossen aufgeftmden. Was den Beamten in den Tod getrieben hat, konnte noch nicht festgestellt werden.

= Frevler auf der Straßenbahn. In den Straßen­bahnwagen treibt seit einiger Zeit ein Mensch sein fte- ventlich Spiel. Er schneidet im Gedränge Frauen die Mäntel entzwei, ohne daß die Opfer etwas davon mer- ken. Der Bursche konnte noch nicht ermittelt werden.

Die Beobachtung der Sonnenfinsternis auf 5u- iHntra. Prof. Dr. Freundlich von der deutsch-hollän­dischen Expedition in Benkoeln erklärte, die Beobach­tung der Sonnenfinsternis sei trotz des nebll- gen Wetters möglich gewesen, das Ergebnis jedoch zwei­felhaft. Andererseits äußerte sich Professor Stration der englischen Expedition sehr befriedigt über das fetter und erklärte, das Programm sei durchgeführt toorben. Er sek mit den Verhältnissen in Benkoeln sehr zufrieden. Alles sei für die Expedition gut vorbereitet WOTben. Ebenso telegraphiert der Leiter der Sternwarte 'U Palombang, Dr. Baute, das Wetter sei herrlich ge- Desen »nd alles programmäßig oeriaufen.

Es war nicht weit von Düsseldorf. Zufällig hatte ich im Rundfunk schon Nachricht über das Erd­beben im Rheinland erhalten. Da steigen ein paar mächtige Samen mit Kindern, Kusinen und Koffern in den D-Zug. Nun war allerdings das AbteU be­setzt. Und dennoch ,soll ich mehr die Bescheidenheit der Herren, die sich sogleich erhoben, oder di« ga­lante, mit Kinderliebe rührenden Augenausschrägen und mitleiderweckender Hllflosigkeit süß-energisch sich paarenden Frauendiplomatie bewundern, schon nach kürzester Frist waren die Männer im Gang und die Damen also auf ihren Plätzen im Abteil. Wobei nicht zu vergessen ist, daß sämtliche Herren mit und ohne Manschetten vorher behilflich zu sein hatten, die Bagage einer zahlreichen Feriengesellschaft, Plaids, Hüte, Schokolade, Bonbons, Pelze, Gummischuhe nsw. zu verstauen, was besondere Schwierigkeiten machte, weil inmitten des sich biegenden Netzes ein ungeheurer Käseballen lagerte, von dem man nicht recht wußte, ob es Edamer war oder Schweizer, der aber doch seine Qualität verriet, in dem er sich dauernd und mit Erfolg bemühte, den vielfach fran­zösischen, englischen und kölnischen Parfüms der Ge- '"^kck-oft gegenüber seinen eigenen Geruch durchzu­setzen.

Es folgte dann eine Viertelstunde, die mit jenet» allerliebsten und nichtssagenden Gesprächen ausge­füllt wurden, dis Feriengäste so führen und die jedem unbeteiligten Dritten ohne weiteres sagen, daß sich eben nicht nur der Körper, sondern auch der Geist bisweilen erholen muß. Aber, mein süßes Kind, was hast du doch für dicke Backen . . . Mama, gib mir etwas Konfetti . . . Kusine, was bist du groß geworden . -- . Bubi, fall nicht durchs Fenster- . . . Aber es wurde nicht mit der einfachen Natür­lichkeit des Gewöhnlichen gejagt, sondern in etwa feierlich oder auchgebildet" wenn man will. Wer würde nickst ein wenig Schauspieler, wenn er beo­bachtet wird. Die Kusine verlangt ihren Pirandello, der dann mit unendlicher MI'he a rs einem Wäsche­koffer hervorgesucht wurde, roirauf natürlich die Tante in Unamuno sprach, als wäre sie mit ihm ausgewachsen, während das G'gemiber sich beeilte zu bemerken, sie hätte auch s bon den neuen Eng- linder Elasworthy auf der Bühne gesehen. Znt- sckandurch erfolgte dann immer so ein Blinzeln auf den einzigen Herrn, der ich nach in meiner Ecke saß und wahrscheinlich dreinschmst < wie jemand, der nich» bis fünf zählen Tonnte Sie m r.Iste.' daran» dm Schluß ziehen, es gar nicht nötig, mir mit so hr hen Dingen zu imponieren. D ese ^ostbarkei- tei f. »en unter solchen Umstünden sozusagen Ver- schwendung. Und so wurde man denn mehr Mensch und legte seine Bildung wie einen zu warmen, bed "ckenden Schal ruhig ab. Und begnügte sicy auch mit dem Gewöhnlichen: Aber, mein süßes Kind, was hast du für dicke Backen . . . Mama, gib mir dock» etwas Konfetti Kusine, was bist du fo groß geworden . . . Bubt, fall nickst durchs Fen­ster , . . Das kehrte immer wieder, wie denn bei einer guten Snmphonie die immerwährende Er- rcncnma der Motive durchaus dazugebort. Nur von dem ungeheuren Käse und feinen Ausstrahlun­gen sprach niemand, ebensowenig wie von den Ehe­männern . . . Als später die Kinder einen Augen­blick allein mären. erzählte ich ihnen meine Neuig­keit. Kaum sind die Mütter zurück, da sagt Bubi: Mutti, hast du schon aehört, es war ein Erdbeben in Düsseldorf." . . . Sie schaut ein wenig erstaunt auf mich, und ich bestätige es.....Aber nein!

Wie interessant! Hier, Bubi, hast du noch ein Bon­bon", und damit war meine ganze Neuigkeit er­ledigt. Da brummte ich leise vor mich hin: Die

Es gibt heute bereits sehr viele Unkenrufer, die infolge unserer gegenwärtigen Wirtschaftslage dem deutschen Volke drohendes Unheil Vorhersagen. Ge­wiß verlangt die unzweifelhaft schwere Krise, daß die gesamte deutsche Nation, vor allem die Regie­rung, die Parteien und die Männer des Wirischast- lebens sich mit entschlossenem Ernste in den Dienst der Ueberwindung der Krise stellen, aber gar das Ende der Wirtschaft oder gar den Untergang der deutschen Industrie vor Augen sehen, wie man sehr l häufig zwischen den Zeilen lesen oder von den Lip­pen ängstlicher Gemüter hören kann, ist Pessimis- mus schlimmster Art, zu dem auch nach kühler Prüfung der Verhältnisse gar kein Grund vorliegt. Wir müffen ihn aufs lebhafteste bedauern und be­kämpfen; denn dieser Kleinmut Miesmacherei würde ich sagen, wenn dieses Wort vom Kriege her nicht einen unangenehmen Beigeschmack hätte kann geradezu zu einer Gefahr in einer Zeit, wo Konkurse und Geschäftsaufsichten zu Alltagserschei­nungen geworden sind, wo ein Betrieb nach dem anderen seine Tore schließt und das Riesenheer der Arbeitslosen sich tägiid) vergrößert. Wie muß ein solcher Pessimismus auf die Seelenstimmung jener einwirken, die die Opfer der großen Not des gan­zen deutschen Volkes find und die Schwere der Wirt- schastsdepression im Hunger kosten müssen?

Schwarz soll nicht durch Weiß übermalt

werden, aber die ernsthafte Frage wollen wir um* vorlegen, ob unsere wirtschaftliche Lage wirklich : verzweifelt ist?

Wenn wir die gesamte Entwicklung der letzten Jahre Überblicken, so sehen wir, daß das deutsche Volk in seiner Gesamtheit schon vor weit gefähr­licheren Situationen gestanden hat als heute. Den­ken wir doch an den katastrophalen Zusammenbrucq im Weltkriege und an die Revolution, eine Umwäl­zung, die ein Vorbild im russischen Kommunismus hatte. Ging es damals nicht an den Bestand der deuttchen Nation? Schien es nicht, als ob das deutsche Volk als Kulturnation in Blut und Asche untergehen würde? Wir haben es heute schon nahezu vergessen, daß ein gütiges Geschick damals das deutsche Volk vom Untergang bewahrt hat. Wie stand es denn um uns im Herbst 1923, als wir infolge der Inflation keine Zahlungsmitte! mehr hatten und das Volk bei gefüllten Scheunen zu verhungern drohte? Damals gab man im Aus­lande auch nicht einen Pfennig mehr für den Be­stand des Deutschen Reiches. Und doch hat die Vorsehung schirmend über uns gestanden. Warum

werden noch nach Konfetti rufen, auch wenn ihnen das Haus über dem Kopfe zusammenbricht . . . , Und da ging mir erst auf, daß ich in diesem klei­nen Abteil tatsächlich das Bild der Gegenwart ge­schaut hatte . . . Ein eigentümlicher Geist ist tn die Menschen gefahren. Sie fühlen alle, daß da ein Verhängnis naht. Es ist nicht gerade Leichtsinn, baß sie Konfetti sagen, nein, es ist das der Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, wenn es ihm ans Leben soll. Was kann man gegen Erdbeben? Was kann man gegen Wasserfluten? Was kann man gegen den 'Bankerott? . . . Man wundert Jia, über nichts mehr, denn man gibt sich drein. Höch­stens, daß man hier und da feine persönliche Ehre noch verteidigt, wie jener Kaufmann, der grimm:g dem Redakteur die Pleite genießet hat, ins Gesicht geifert:Was fällt Ihnen ein, was ich gemacht habe, das war ein durchaus solider, anständiger Konkurs . . Wenn einmal ein paar Wochen In Marokko Ruhe ist ober wenn nicht jeden Tag der Vesuv ein paar Dörfer vernichtete oder wenn am die chinesischen Generale aufhören, uns den Ge­fallen zu tun mit interessanten Schlachten, ban* klagt man schon über langweilige Stille . . . Man empfindet jede Ruhe als unheimlich. Denn dann muß man denken. Und das ist heute fücchtsr- l-ch. Dann ist man bei sich allein, und das sic gräßlich. Bisweilen geschieht es, daß ein Marn, kommt, und Prophezeiungen erzählt, nur um zu prickeln, nur um das Fürchterliche, was alle kom­men ftihien,durch eine Verlegung in die Phantasie­welt zum mfetefjanten Reiz herabzudrücken.Wis­sen Sie ev fdron? Die neue Prophezeiung? Dcr Anfang ist schon eingetroffen, nämlich das Erd­beben ..." Ja, und was weiter?Was wei­ter?" Die Russen sollen in diesem Jahr nock Polen überrennen und den ganzen Balkan und bis nach Italien hin durchstoßen . . ." Nanu, sage ich, und dann?Ja, und von da sollen sie nach Deutschland kommen und übrigens auch Danzig besetzen. . ."

Wer weiß, denke ich, das kann wohl kommen, wenn heuer nicht, dann im nächsten Jahr, aber, und da stampfe ich den Boden, als wollte ich die Ab­sätze einpflanzen, wolltet ihr euch denn nicht regen, um dergleichen zu verhindern? Ihr lest da all die Skandals und tuschelt von Kaiser Wilhelm im Film und von der Habsucht der Fürsten und von Fran- kensälschern in Ungarn und ihr gähnt habet und meint, es könne nun die nächste Nummer kommen. Dsui, sage ich, denkt doch wenigstens G e o a n t e n dabei, die zu Taten führen. Diese Kaiser- und Fürstenaefthichten schneiden mir ins tiefste Her,. Nicht weil ich mir den Kopf zermarterte über Mo­narchie ober Republik, was mich gar nicht beschäftigt, weil mir das Volk wichtiger ist, als die Form, in der es regiert wird, wohl aber, weil ich denke: Sie waren einmal Träger der Herrschaft. Um ihr Haupt blitzte das Diadem der Autorität. Sie in solcher Lage zu sehen, das heißt, miterleben, wie der Gedanke der Ordnung also, der göttlichen Ordnung, selber leidet. Und das ist furchtbar. Das bedeutet Verlust an Substanz, der nicht wieder eingebracht wird. Die Fürsten haben so mit ihren Abfin­dungsprozessen nickt nur sich selbst, sondern auch dem deutschen Volk einen schlechten Dienst ge­leistet. Jetzt ist der Sack anrüchiger Dinge von Fürstenhöfen aufgebunden.Mit Wonne muß be­richtet werden: das Publikum kreischt und trampelt vor Vergnügen. . ." Bubi, fall nicht aus dem Fenster . . . Mutter, Konfetti . . . Der Zug bremst . . . Düsseldorf . . . Aussteigen . . .

Der Mann im Monde.

sollen wir heute verzagen in einer Wirtschaftslage, die auch nicht annähernd mit jenen Schicksalsstundcn des derttschen Volkes verglichen werden kann?

Unsere heutige Wirtschaftsdepression ist nichts anderes als das Stadium einer ganz naturgemäßen Entwicklung; ich möchte fast sagen, sie ist zwangs- läufig gekommen. Unsere Wirtschaftslage war, ab» gesehen von einigen Inflationserscheinungen, in bet Nachkriegszeit niemals glänzend, darum ging auch nach Unterzeichnung des Versailler Diktates noch sehr- viel am Nationalvermögen verloren. Theorien über Theorien wurden aufgestellt über die Ursachen des wirtschaftlichen Druckes und deren Behebung. Sie mögen für die damalige Zeit zum Teil richtig ge­wesen fein, aber in der Folgezeit hat sich zumeist gezeigt, daß sie auf Allgemeingültigkeit keinen An­spruch erheben können. Von der Zeit der prima- ristischen Gewaltpolitik und ihrer Einwirkung auf unsere Wirtschaftslage wollen wir absehen, wir wol­len nur die Zeit vom Beginn der Stabilisierung unserer Währung uns vor Augen halten.

Zunächst propagierte man die These, daß zur Gesundung unserer Finanz- und Wirtschaftslage eine umfassende Steigerung der Produktion auf allen Gebieten eintreten müsse. Durch Akehrarbett müßten die Produktionsmittel stärker ausgenutzt und damit die Produktionsgüter verbilligt werden, um auf dem Weltmärkte konkurrenzfähig zu wer­den. Die Landwirtschaft müsse den denkbar höchsten (Ertrag aus dem Boden herauswirtschaften, damit mir auch in der Ernährung vom Auslande unab­hängig würden. Was ist geschehen? Man kehrte sich ab vom Achtstundentag, nicht bloß vom schemu- tischen; man arbeitete soviel man konnte und war froh arbeiten zu können. Selbst niedrige Löhne nmrben geschluckt, weil auch die Arbeitnehmerschaft erkannte, daß sie auf Gedeih und Verderb mit dem Aufstieg der Wirtschaft verbunden fei. Wir wur­den wieder konkurrenzfähig auf dem Weltmärkte. Auch die Landwirtschaft hat in erfreulicher Weife den Ertraa zu einer Höhe entwickelt, daß sie viel­leicht mit Ausnahme einiger Kraftfuttermittel und Fette, heute schon sehr nahe daran ist. unsere Ernäh­rung sicher zu stellen. Unsere Landwirtschaft hat heute die Vorkriesleistung bereits überschritten. Wo ist die Besieruna für unser Wirtschaftsleben ge­blieben? Es fehlen die Abnehmer für mrfere Jn- dulttieerzeugnisie und diese Tatsache hat uns mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt, daß es für die gesamte Volkswirtschaft nicht nur darauf antommt möglichst billig zu produzieren. Das mag richtig

Dr. Wenz-Fulda.

2. Blatt.

Drack der Fuldaer Acttendruckerel, Fulda.

sein für den einzelnen Fabrikanten in seinem Kon» kurrenzkampse, für die Gesamtheit der Volkswirt­schaft aber es ist auch ebenso wichtig, daß alle An­gehörigen des Volkes ihr Leben dabei stiften kön­nen. Sind Tausende und Abertausende als Ar­beitslose dem Hunger ausgesetzt, so ist das trotz billiger Produktion und trotz Konkurrenzfähigkett auf dem Weltmärkte ein Zeichen schwerster Er­krankung des Wirtschaftslebens. Die Allgemein­heit hat die Pflicht mit den Mitteln der Allgemein­heit hat die Pflicht, mit den Mitteln der Allgemein­em nickst zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Und wie ist es mit der Landwirtschaft trotz chrer an­erkennenswerten Stiftungen und Fortschritte, ob» wohi die Inlandspreise fast durchweg unter dem Weltmarktspreise stehen? Die Kartoffeln sind etn- qemietet und unverkäuflich, das Getreide liegt im Speicher und wartet auf den Käufer, die Viehpreise bewegen sick unter der Linie, weil die Nachfrage zu gering ist. Also auch hier klagt der Landwirt über die geringe Absatzmöglichkeit seiner Erzeug­nisse. .

Eine weitere These ist die von der Notwendigkeit ter Ai.'sbalanzierung unseres Außenhandels. Es ist selbstverständlich, daß ein Volk mit passiver Han­dels- und Zahlungsbilanz von der Substanz feines Volksvermögens zehren muß, natürlich oorausge- fetzt, daß es nicht durch Werterhöhung feiner inne­ren WirtschaftsOjUellen, zum Beispiel durch Gold­funde und dergleichen, den Ausfall auszugleichen im Stande ist. Wir waren nun bisher in der un­glücklichen Sage, eine passive Handelsbilanz zu be­sitzen und auch unsere Zahlungsbilanz war nur durch hereinholen von Krediten aktiv pfeudoaktiv , in Wirklichkeit war sie passiv, denn unsere Ver­schuldung wuchs. Aber gerade in den letzten Mc- naten ist in unserem Außenhandel eine recht erfreu­liche Besserung eingetreten. Während der Einfuhr­überschuß im August 1925 noch nahezu eine halbe Milliarde betrug, sank er von da ab stetig, im Sep­tember auf 292 Millionen, Oktober auf 228 Millio­nen, November sogar auf 65 Millionen, so daß wir, wenn die Entwickelung im gleichen Sinne weiter- gegartgen ist, in Kürze mit einer aktiven Handels­bilanz rechnen können. Diese offensichlliche Besse­rung unserer Handelsbilanz fällt ausgerechnet in die Zeit unseres wirtschaftlichen Tiefstandes. Ans dieser Tatsache ergibt sich doch zweifellos, daß nicht allein die Ausgleichung zwischen Ausfuhr und Ein­fuhr eine wirtschaftliche Sanierung herbeiführen kann; selbst ein geringer Ausfuhrüberschuß würde hse gegenwärtige Krise nicht bannen. Ein Volk, das einen Ueberschuß und Bevölkerungsdichte wie das deutsche aufweist, ein Jndustrievolk muß eben so viel Güter nicht bloß erzeugen, sondern auch absetzen, daß jeder einzelne davon existieren kann. Von di-esem Standpunkte aus betrachtet, ist es gleichgültig, ob das Ausland ober das Inland bet Abnehmer ist. Zum Ausgleich unserer Zahlungs­verpflichtungen ist Gleichgewicht zwischen Ausfuhr und Einfuhr notwendig, darüber hinaus kann eben­sogut das Inland unsere Erzeugnisse aufnehmen. Freilich wächst der Reichtum des Volkes, das bte Arbeit feiner Angehörigen dem Auslande verkaufen kann.

Aus diesen Betrachtungen ergibt sich, daß auch die Wirtschaft sich nicht nach festen und irnabänber-. lichen Gesetzen regelt, auch die Wirtschaftsfaktoren sind den Wandlungen der Entwickelung unterwor­fen; denn eine Volkswirtschaft wie die deuffche er­fährt täglich eine Zunahme, Veränderung und Um­gestaltung ihrer Bedürfnisse. Darum ist jeder wirt­schaftliche Zustand nach seinen eigenen Urjadow zu betrachten.

Welches sind denn eigentlich die besonderen Gründe der gegenwärtigen Wirtschaftsdepresiion? Es sind dies die mangelnde Kaufkraft des kon­sumierenden Publikums, also Darniederliegen des Jnlandmarktes, und die Kreditnot. Die man­gelnde Kaufkraft des konsumierenden Publikums hinwiederum hat ihre Ursache in der allgemeinen Verarmung des deutschen Volkes, die sich beim ein­zelnen in dem Verlust seines mobilen Vermögens und der Wertverminderung seines festen Besitzes auswirkt, in den unzureichenden Löhnen und Ge­hältern, in den hohen Preisen und dem starken Steuerdruck. Welch gewaltige Bedeutung der Jn- landsmarkt für unsere Wirtschaft hat, geht daraus hervor, daß in der Vorkriegszeit vier Fünftel un­serer gesamten Produktion im Inlands verbraucht wurde, während nur ein Fünftel dem Auslands zum Ausstichs unserer Zahlungsverpflichtungen zuge­führt wurde. In der Kreditnot, die nichts anderes ist als eine natürliche Folge der Inflation, der Zer­störung des Sparkapitals, sehen wir heute, daß alle Glieder des Volkes bei einer solchen Volkskata­strophe, Ivie sie die Inflation war, in Mitleiden­schaft gezogen werden, auch jene, die man einst für die Nutznießer der Inflation hielt und es auch tat­sächlich waren. Jetzt erst fpüren wir die Inflation in ihrem riesenhaften Ausmaße. Als die Mark immer tiefer sank, die Nennzahl aber immer größer wurde, da tarn es dem einzelnen, außer dem Kapi­tal-Rentner, nicht so sehr zum Bewußtsein, daß er stündlich ärmer wurde und sein Vermögen in Nichts zerrann. Jetzt aber merken wir es in der gesamten Volkswirtschaft, daß mit der Vernichtung des Spar­kapitals dem Wirtschaftskörper bas Blut entzogen mürbe. Daran krankte unsere Wirtschaft vom ersten Tage der erreichten Stabilisierung der Mark: daß sich die Wirkung aber erst heute in so krasser Form zeigt, hängt zusammen mit dem Beharrungsgesetz, das sich wie in der Physik so auch in der Wirtschaft zeigt. Jeder Geschäftsinhaber suchte zu halten, so lange es möglich war, bis ihn schließlich doch die Decke über dem Kopfe zusammenstürzte. Eine be­sondere Erscheinung des Beharrungsaesetzes war die die börsenmäßige Markinflation ablösende Wech­selinflation und gerade diese war es, die den Uebe^- gang zu unserem gegenwärtigen Zustande bildete. Mit Wechseln wurde bezahtt, sie wurden prolon­giert, durch neue Wecksel ersetzt; Wechsel auf Ge­genseitigkeit, Gefälligkeitswechsel usw. wurden aus­gestellt und dadurch ohne einen Pfennig baren Gel­des gegenseitig Kredite gegeben und verschafft. Em» mal mußte auch diese künstlicke Schaffung geldlosen Geldes ein Ende nehmen. Und nun der verzwei­felte Schrei nack Krediten. Wir befinden uns jetzt mitten in den Wogen der Desinflation.

Als ob die Kredite wirklich unter allen Umstän­den das Heil feien. Gewiß die Wirtschaft braucht und braud'te auch in der Vorkrieaszeit Kredite. Bevor der Sckrei nack Krediten gehört murb». wies man nach, daß die Wirtschaft genötigt sei, Kapital zu massieren, um von der Kreditwirtsckaft nicht er­drückt zu werden. Was nützen Kredite, wenn sie nicht in einigen Monaten wieder abgedeckt wer-