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M 12.

Samstag, 16. Januar 1926.

Fuldaer Leitung

2. Blatt.

Dturf der Fuldaer Ackiendrnckeret, Fulda.

Der Reichshaushaltsplan.

Bei dem nunmehr dem Reichstag vorgelegten Etatsentwurf für 1926 ist von der Erwägung aus­gegangen worden, daß auch in diesem Jahre d'e Aufnahme einer Anleihe noch nicht möglich sein wird. Darum müssen die Einnahmequellen restlos ausgeschöpft und der aus den Ueberfchüffen des Jah­res 1924 noch freie Betrag von 220 Millionen her- cngezogen und der Ausgabenbedarf rücksichtslos gedrosselt werden. Neue Planstellen von Beamten sind mit Ausnahme der beim Auswärtigen Amt und Reichsoersicherungsamt nicht eingestellt. Auch Höherstufungen von Beamten sind grundsätzlich nicht erfolgt.

Im ordentlichen Haushalt ist der Etat durch R e- parationszahlunngenmit 350,3 im außer­ordentlichen Etat mit 104,2 Millionen belastet. Au­ßerdem wird eine Rücklage vorgesehen für die 1927 fällig werdende zusätzliche Haushaltszahlung. Die Gesamteinnahmen sind auf 7419,6 Millionen ver­anschlagt, darunter aus Besitz- und Verkehrssteuern 4844 Millionen, aus Zöllen und Verbrauchssteuern 1947 Mill. Reichsmark. Die Minderausgaben für 1925 betragen insgesamt fast 350 Mill. Die ©teuer« überw-eisungen an Länder und Gemeinden sind um rund 150 Mill. Reichsmark niedriger als im Vor­jahr. Daß sich trotzdem der gesamte Bedarf des Reiches nur um 125 Millionen ermäßigt, liegt an den höheren Reparationslasten.

Die Pensions- und Wartegelder erfordern 1555,5 Mill., worunter die Renten für die Kriegsbeschädig­ten mit 1223 Mill, angesetzt sind. Die Personal­ausgaben für Beamte, Soldaten. Angestellte und Arbeiter beanspruchen 669,8 Mill. Die sachlichen Verwaltungskosten betragen 1512,8 Mill. Die Zah­lungen an die Länder für die Schutzpolizei betragen 190 Millionen Reichsmark. An einmaligen Aus­gaben im ordentlichen Haushalt sind mit insgesamt 301 Mill, angesetzt, worin für die inneren Kriegs- lasten und Reparationslasten rund 174 Mill, enthal­ten sind. Unter Hinzurechnung der von der Reichs­bahn zu zahlenden Beträge und der Industrie­obligationen beträgt die gesamte Reparationslast sür 1926 1 360 333 330 Reichsmark.

von Raiffeisen.

Aenderungea h» der Verwaltung der Raiffeisen- Organisation.

In Anbetracht seines vorgerückten Alters und feiner angegriffenen Gesundheit ist der Geheime Ju- stizrat Dietrich, M. d. R., Vorsitzender des Vor­standes des Gesamtverbandes der Deutschen Raiff­eisen-Genossenschaften und Generaldirektor der Deutschen Raiffeisenbank A.-E. aus diesen beiden Aemtern ausgeschieden. An seine Stelle tritt der Derbandsdirektor des Verbandes der Raiff­eisen-Genossenschaften für Brandenburg, Schleswig- Holstein und die Grenzmark, Regierungspräsident z. D. Freiherr von Braun.

Auch im Vorstände des Generalverban- des der Deutschen Raiffeisengenossenschaften und der Deutschen Raiffeisenbank A.-G. ist eine weitere Bercmderung in Aussicht genommen. Vor- aussichllich wird in den geschäftsführenden Vor­stand des Generalverbandes der Deutschen Raiff- eisen-Genoffenschaften der Derbandsdirektor P e - try-Sigmaringen, Mitglied der Zentrumsfraktion des Preußischen Landtages und in den Vorstand der Deutschen Raiffeisenbank A.-G. ein Vertreter des katholischen Westens eintreten.

* General Keim gestorben. In Jugenheim an der Bergstraße ist General Keim, der Grün­der des deuffchen Wehrvereins und Mitbegründer des Mottenvereins, am Mittwoch im Alter von 81 Jahren gestorben. Keim, um den einmal in der Vorkriegszeit die volitischen Wogen bran­deten, ist längst ein vergessener Mann gewesen.

* Umbenennung der Gemeinde Tnsemond. Dem Ort Düsemond an der Mosel, dessenBraune­berger" in Wein kreisen einen guten Klang bat, ist auf Antrag der Gemeinde von der Regierung die Genehmigung »ur Führung des Namens Braune­berg als OrtSbezeichnung erteilt worden.

Gegen daS tschechische Bädergesetz. CzeSkoSkowo meldet, daß die Bürgermeister der deutschen Kurorte Karlsbad, Marienbad und IoachimSthol beim Völkerbund Beschwerde gegen die Verletzung der Minde"beitenschutzverträye durch das tschecho- siowakiiche Bädergesetz einoereicht haben.

Des Geschickes Mächte.

Roman von Erich Bonde/

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Das kleine HortSchuldig". auszusprechen, ist un­sagbar leicht; aber unsäglich schwer ist es, dieses kleine Wort, von dem heute ein Menschenschi ksal, nein, mehrere Menschenschicksale abhängig sind, vor Gott und dem eige­nen Gewissen zu verantworten!"

Der Redner machte eine kurze Pause; augenschein­lich in der Absicht, seine ernsten und eindringlichen Worte sich auf die Geschworenen auswirken zu lassen Dann fuhr er fort:

An ihren Mienen, meine Herren, erkenne ich, welche Frage Sie mir in diesem Augenblicke vorlegen möchten. Sie wollen fragen: Welche Möglichkeiten setzen Sie an die Stelle unserer Mutmaßungen?"

Ich will Ihnen sofort darauf antworle». Die Polizei und die Anklagebehörde haben sich durch den äußeren Schein bestechen lassen und als Mörder den verhaftet, gegen den der Schein zufällig, ich betone noch einmal: zufällig, spricht. Die zahlreichen anderen Momente, die bei der bevorstehenden ernsten Entscheidung ebenso sehr zur Berücksichtigung herangezogen werden müssen, be­lasten aber meinen Klienten nicht; im Gegenteil, sie ent­lasten ihn."

Der Berteidiger erhob seine Stimme zu unwider- ftehlicher Eindringlichkeit:

Der dort auf der Anklagebank dem Urteil der Her- 'en Geschworenen entgegenharrt, ist nicht der Mörder! Darum setzen Sie dieses Verfahren aus und suchen den pirklichen Täter!"

Tine Bewegung ging durch den Zuschauerraum und Sber die Zeugenbank. Die Spannung steigerte sich ins Inerträgliche.

Ein untrügliches, inneres Gefühl sagt mir," fuhr der Anwalt fort,daß bei dem Drama im Walde eine dritte .Person eine Rolle spielt."

Joseph Büren summte es in den Ohren wie das Ge- äusch brandender Meereswogen. Sein Herzschlag stockte ei den Worten des Rechtsanwalts. Mein Gott, was vürde werden? Wußte der Mann dort, dessen Augen «niet großen, runden Brillengläsern funtelten, mehr.

Eine wirtschaftspolitische Tagung.

Zu ihrer ersten Generalversammlung traten am Mittwoch, den 13. Januar 1926, die Handels­und Jndustriebeiräte der Deutschen Zentrumspartei im Hause des Vereins Deutscher Ingenieure zu Berlin zu­sammen. Die Tagung, der nicht nur aus Partei-, son- dem auch aus allgemein wirtschaftspolitischen Gründen eine besondere Bedeutung beizumessen ist, war von De- legierten aus allen Teilen des Landes außerordentlich gut besucht. Den Vorsitz führte der Reichstagsabg» ordnete Dr. ten Hompel, der in seiner Begrüßung auf die Bedeutung der Arbeit dieser Beiräte ganz be» sonders hinwies. Aus dem Bericht des Generalsekre­tariats, den Dr. Fon k-Berlin erstattete, ist folgendes hervorzuheben:

Die heutige Lage der Wirtschaft ist nicht eine Folge der Absatz- und Kapitalkrise, der Kreditpolitik der Reichs­bank, der technischen Rückständigkeit der deutschen In­dustrie, des schlechten Arbeitswillens der deutschen Ar­beiterschaft jede einzelne Erscheinung für sich betrach­tet sondern das Ergebnis der letzten 12 Jahre. Dieser Zustand macht es der Wirtschaft nicht möglich, ihre Aufgaben voll und ganz zu erfüllen. Das wird sie erst dann wieder tun können, wenn sie mit Ertrag arbeitet. Ziel muß deshalb sein, die Renta­bilität wieder herzustellen. Zwei Wege führen dabin: den ersten müssen Unternehmer und Arbeiter zum Teil einzeln, zum Teil gemeinsam beschreiten, den zweiten hat der Staat unter Mitwirkung der in der Wirtschaft Täti­gen zu gehen.

In der ersten Kategorie steht zuvörderst ein Besorgt­sein von Untemehmer und Arbeiter um das Werk. Das schließt eine Arbeitsgemeinschaft beider ein, um das Beste herauszuholen. Der heutige Zustand ist wie unter allen Gesichtspunkten betrachtet so auch unter dem der Ertragfähigkeit ein unhaltbarer. Wel­chen Wert wir gerade diesen Erscheinungen zumessen, erhellt am besten aus unserer Tagesordnung, die zwei Referate aufweift, die sich mit diesen Dingen befassen.

Reben diesen mehr sozialen Verhältnissen müssen un­ter diesem Gesichtspunkte euch Ronnalisiemng, Typisie- rung und Rationalisierung, sowie die Technik und Or­ganisation der einzelnen Werke als auch ihre Zusam- menschküsse in Kartelle, Trusts usw. genannt werden.

Die zweite Kategorie, die im wesentlichen Staatsauf­gaben umfaßt, enthält für die Rentabilität der Werke sehr wichtige Dinge. Im Vordergmnde steht die Steu­erpolitik. Da man im Jahre 1924 nicht früh ge­nug von den Notverordnungen abging, sind wir erst heute wieder bei Veranlagung auf vernünftiger Bewer­tung. Die Folgen dieser falschen Politik, vor der wir aufs dringendste gewarnt haben, haben sich mit aller Deutlichkeit herausgestellt. Die Steuerreform 1925 brachte viele Vorteile, neben der erwähnten Veranlagung und einheitlichen Bewertung die Oeffentlichkeit der Finanzgebahrung durch eine gute Steuerstatistik; sie be- hielt aber auch noch viele Nachteile bet. Ein endgül­tiges Urteil ist erst möglich, wenn man ihre Auswlrkun- gen im Laufe dieses Jahres erkennen kann. Meines Erachtens kommen geringere Einnahmen in Frage, auf die sich Reich, Länder und Gemeinden bereits heute einrichten müssen, um vor Ueberraschungen gesichert zu sein. Die nächften Ziele der Steuerpolitik müssen fein, der Steuerreform des Jahres 1925 eine gute Finanz­reform folgen zu lassen.

Ebenso wichtig wie die Steuerpolllik ist im Hinblick auf das gesteckte Ziel die Sozialpolitik. Ohne Rentabilität der deutschen Betriebe gibt es auf Sie Dauer keine Fortführung der Sozialpolitik; deren Durchführung erachten wir für unbedingt notwendig. Gerade mw die­sem Grunde bedauern wir gewisse Ueberspanmtngen. Dos augenblickliche Ausmaß halten wir als das Höchst­maß des zu ertragenden. Die im Sommer vorgenom­mene Sanierung war notwendig, um wieder in stabile Derhältnisse zu kommen. Die fetzige Erwerbslose n- f ürf otge muß unter allen Umständen durchgehalten werden. Dagegen scheint es zweifelhaft, ob der augen­blickliche anormale Zeitpunkt geeianet ist, die Ardeits- losenverficherung einzuführen.

Für die künftige Regelung der Arbeitszeit bezw. Ratifizierung des Washingtoner Abkommens weisen wir darauf hin. daß wir wegen der bet uns Vorhände- nen schlechten Kapital- und Naturverhältnisse besonders im Nachteil sind, wenn wir unteren dritten Droduktions- faftor: Arbeit, fcftlegen. Wir holten eine Ratisiziemng ohne eine vorhergehende der anderen großen Industrie­länder für ausgeschlossen.

Die dritte ®nippe von Staatsmaßnahmen umfaßt das weite Gebiet der Wirtschaftspolitik. Dabei handelt es sich im wesentlichen heute um eine Behebung der Absatzkrise. Handelsverträge, Erportversicherung usw. sind solche. Die staatliche Subvention Englands und der Dumping valutaschwacher Länder, insbesondere Frank­reichs, wirken dem entgegen. Hier liegt eine der wich­tigsten Ausgaben der von uns verlangten Cnquetekom- mission und der kommenden Wirtschaftskonfe-

l V II I).

Eines der wichtigsten Kapitel der Wirtschaftspolitik tfl heute die Kreditpolitik. Die Diskrepanz zwischen verlangtem und möglichem Kredit wird auch weiterhin groß bleiben. Die Reichsbank ist nicht in der Lage,

sie zu beheben. Sie ist in erster Linie Währungsbank. 2lus diesem Gesichtspunkt heraus muß sie wegen der letzt nicht durchzuführenden Diskontpolitik an bet Kre- bittontingentierung sesthalten. Dabei bars sie aber nicht in Schematismus verfallen und insbesondere die Exportförderung nicht vernachlässigen. Die augen­blicklich eingeleiteten Maßnahmen entsprechen dieser Forderung. Ob der Diskont noch weiter ermäßigt werden soll, ist eine Frage des Fest haltens an der Kon­tingentierung. Solange diese besteht, spielt der Dis- tont keine Rolle.

In diesem Zusammenhang muß auch die Wiederbe­lebung des Baumarktes erwähnt werden; ihre Er­möglichung ist eine wichtige Aufgabe des Staates.

Trotz aller Maßnahmen zur Wiedererlangung der Rentabilität wird es nicht möglich fein, den gesamten deutschen Probuktionsapparat burchzuhaüen. Ziel muß sein, wenigstens ben wichtigsten wieder ren­tabel zu gestalten. Dazu gehört Landwirtschaft, Export und lebensnotwendig: Industrie.

Die starke Absatz und Kapitalkrise, von der wir seit Jahren sprechen, unter der wir aber jetzt leben, wird bann am ehesten überwunden werden, wenn jeder ein­zelne Beteiligte mit Optimismus ans Werk geht, um die Wirtschaft wieder ertragreich zu gestalten. Wir wer­den von uns aus alles dazu tun, was wir vermögen.

Einen hervorragenden Vortrag über Wirtschaft und christlicher Gedanke hielt Professor Dr. Brauer- Karlsruhe. Seine Ausführungen bewegten sich in fol­genden Gebankengängen:

Aus ber Not unserer Tage erwächst, auf ben Hinter­grund bes Kriegs» unb Revolutionsergebnisses, bie Viel­falt und die Gereiztheit wirtschaftsmoralijcher Erörte­rungen. In ihrem Verlauf erfährt auch von chrisllicher Seite, aus betont christlicher Auffassung heraus, 5er Kapitalismus grundsätzliche Ablehnung und Bekämp­fung, weil er, alsOrdnung" der Wirtschaft unter dem Einfluß deskapitalistischen Geistes" unchristliche Wirt- schäft fei. Aus dieser Sachlage flieht die ernste Notwen­digkeit grundsätzlicher Erörterungen von Wirtschaft unb Wirtschaftsbetätigung im Sinne christlicher Anschauung.

Für alle christliche Lebenseinstellung, also auch für die Einstellung des wirtschaftlichen Handelns, gilt ber Funbamentalsatz ber christlichen Ethik, daß bas Soll bem Sein zu entsprechen habe. Sittliche Aufgabe ist, das­jenige, was in ber Natur ber Dinge unb Erscheinun­gen grundgelegt ist, zur Auswirkung zu bringen. Man kann daher in diesem Sinne, wie es Thomas von Aquin im Anschluß an Aristoteles getan, von einer natürlichen Wirtschaft" reden und zwar ist dies jene Wirtschaft, in der alle Tätigkeit irgendwie auf die Deckung des Bedarfs als bas natürliche Ziel ber Wirtschaft eingestellt ist. Unnatürliche Wirtschaft ist ba- gegen jene, in ber die Intention auf ben Reichtum um seiner selber willen eingestellt ist. Freilich hat auch nach christlicher Auffassung bie Wirtschaft ihre Cigenwertig- feit; allein biefe ist nur eine relative, keine abso­lute; sie gilt immer nur in Unterorbnung unter bas höchste Lebensziel desMenschen. Darum ist vom christ­lichen Standpunkte die chrematistifche Wirtschaft, weil selbstzweckliche Wirtschaft, unmöglich. Ist nun nicht bie kapitalistische Wirtschaft eine chrematistische und darum unnatürliche Wirtschaft, deswegen vom christlichen Standpunkt zu bekämpfen? Diese Schlußfolgerung wird gerade in unseren Tagen immer wieder gezogen, weil iran kapitalistische Wirtschaft und kapitalistischen-chrema- tistischen Geist als Einheit, jedenfalls als untrennbar miteinander verbunden ansieht. Man kann sich dabei auf mancherlei stützen, so z. B. auf die insbesondere von Max Weber ein- und durchgeführte historische Beweisfüh­rung, die von einer Modifikation ber Prädestinations- lehre burch den Ealvinismus ben stärksten Anstoß zum Kapitalismus ausgehen sieht, ber vor ber einen schick­salsschweren Frage, ob er erwählt sei unb wie er seiner Erwählung gewiß werben könne, stehende Calivinist mußte zwangsläufig seinen fielen Zweifel an ber Er- wähltheit ober Verdammtheit narkotisieren burch restlose unb rastlose Hingabe an die Erwähltheit vielleicht! bewährendes Verdienen und Erarbeiten des Reich­tums nicht um feiner selbst willen, also immerhin in Unterordnung unter ein höheres Ziel. Der ersten heroi­schen" Generation der ben Kapitalismus begrünbenben Unternehmer folgte bann die zweite, die an den Pro­fiten und deren Häufung selbst Gefallen fand. Sie wandte sich zur Chrematistik, bie heute selbstverständ­lich unb allumfassenb ist. Also: Kapitalismus = Chre­matistik! Ein zweiter Beweis nach der Richtung eines notroenbigen Gegensatzes zwischen Christentum unb ka­pitalistischer Wirtschaft könnte aus ber modernen Kri­sentheorie abgeleitet werben, bie die wirtschaftlichen Schwankungen ausdrücklich nicht von den Derbrauchs­gütern, sondern von den Produktivgütern her enfftehen läßt: heißt bas nicht wiederum zugeben, daß die Wirt­schaft nicht vom natürlichen Bedarf, sondern von der Reichstumserzeugung um ihrer selbst willen ausgeht, also chrematistische Wirtschaft ist? Jedenfalls liegt in alledem und in den uns umgebenden Tatsachen ber Beweis, baß die relative Cigenwertigkeit ber Wirt­schaft verabsolutiert wird. Unb einePhilosophie" ber Wirtschaft, wie sie neuerbings Mises vertritt, sucht ge-

als gut mar?? War ber Rechtsanwalt noch gerissener als der Staatsanwalt?

Büren rang nach Atem. Die Luft in diesem Raume war zum Ersticken. Ob man ihm seine Erregung an- mertte? War er daran, sich in letzter Minute noch selbst zu verraten? Er grub die Zähne in die Sippen, um durch den Schmerz bei Besinnung zu bleiben.

Eine dritte Person spielte eine Rolle, das erscheint mir gewiß. Ein feiger Mordbube, ein Meuchelmörder, vielleicht ein Raubmörder, ber durch das plötzliche Auf­treten des jungen Entzinger um die letzte Frucht seiner Tat gekommen ist. Nach der Beschreibung, die von allen Zeugen von jener grauenerregenden Nacht gegeben wurde, war sie so recht geeignet zu Mord und Raub, zu einer lichtscheuen Untat.

Ober liegt gar ein Irrtum vor? Galt etwa bie Kugel nicht bem Ermordeten? Galt sie nicht vielleicht bem Angeklagten selbst? Auch Entzinger Hal Feinbe. Todfeinde, wie mir scheinen will. Merkwürdigerweise Hal mich bie Zeugenvernehmung auf diesen Gedanken gebracht. Der Angeklagte mag viele Freunde haben, aber hier genügt e i n Feind."

Wie durchdringende Pfeile schossen bie scharfen Blicke des Anwalts burch bie Zeugenreihe und biteben auf Büren haften.

Eine Pause entstand, welche die Anwesenden benutz­ten, um den Blicken des Anwalts zu folgen.

Büren fühlte hundert forschende Slugenpaart auf pch gerichtet, die auf den Grund seiner Seele bringen woll­ten. Es flimmerte ihm vor ben Augen, unb ein galli­ger Geschmack schoß ihm in bie Kehle. Das trat bet ihm regelmäßig ein, wenn bleiche Furcht unb grausame Angst seinen Sinnen die Ueberlegung zu rauben drohten. Er fühlte ben Boben unter sich versinken.

Furchtbare Sekunben ober waten es Minuten, Stunden?

Doktor Schneider fuhr in seiner Rebe fort. Wie aus weiter, weiter Ferne tommenb, schlugen die Laute an" bas Ohr bes halb ohnmächtigen, geheimnisvollen Drillen, von dem ber Anwalt, von hellseherischem Gesste erfüllt, sprach.

Berücksichtigen Sie alle diese Möglichkeiten, meine Herren Geschworene. Treiben Sie bas Unheil nicht

aufs Aeußersle. Verhelfen Sie vielmehr biefem Un­schulbigen, ber bie Last ber irrtümlichen Anklage nicht länger ertragen kann unb ihr zu erliegen broht, zurück in bie Freiheit. Ich appelliere an Ihr Gewissen und an den Frieben Ihrer Seele, lieb erlegen Sie sich, ob cs furchtbarer ist, einen nicht hinreichend Verdächtigen auf freien Fuß zu setzen, oder einen Unschuldigen zu ver­urteilen!"

Der Anwalt Halle geendigt. Langsam, ganz langsam löste sich die Spannung, und das Gericht zog sich zur Be­ratung zurück

Bleiern, gualvoll schlichen die Minuten dahin. Eine halbe Stunde verstrich eine Stunde zwei Stunden.

Es war finsterer Abend geworden. Die Leute aus bem Waldwinkel dachten an den weiten Heimweg unb wurden unruhig.

Da!

Die kleine Seitenlür öffnete sich. Das Gericht trat ein, diese Männer nut den ernsten, strengen Mienen.

Sofort schrill ber Vorsitzende zur Verkündung des Wahrspruches der Geschworenen. Tiefe Stille beherrschte den Raum. Ein jeder Hörle den Schlag bes eigenen Herzens.

Mil ziliernber Stimme oerkünbete der Vorsitzenbe:

Die Geschworenen haben bie auf Morb lautende Schnld'rage bejaht. Das Gericht trägt ber Iugenb bes 'Angel tagten unb seiner bisherigen Unbescholtenheit Rech­nung und verurteilt ihn zu zehn Jahren Zuchthaus unb fünf Jahren Ehrverlust."

Noch waren bie Worte nicht verklungen, als vom Zu­schauerraum her ein bumpfes Geräusch sich vernehmen lieh. Es war wie bas harte Aufschlagen eines Körpers auf den Boben.

Gleich barauf trugen einige starke Männer einen ohnmächtigen alten Mann aus bem Raume

Wie vom Schlage gerührt faßen die vielen Menschen im Saale, regungslos, als fei ihnen ber Begriff ber Worte, bie eben aus bem Munde des Richters kamen, noch nicht aufgegangen.

Entgeistert starrte ber 'Angeklagte zu bem Manne hinüber, ber eben bas Urteil oerkünbete. Entgeistert, mit leeren Augen unb mit fest aufeinanber gepreßten Lippen.

I fchüllerungen nichts anderes als Erzeugnisse der lat« | radezu nachzuweisen, daß die heutigen furchtbaren Er- sache seien, daß die Menschheit sich bisher noch allzu sehr gegen die Verabsolutierung ber Wirtschaft gesträubt habe, baß sie erst jetzt in ihreReifperiode "eintrete, in ber sie mit aller Metaphysik, bie sich gegen bie Absolut- heil ber Wirtschaft auflehnt, enbgültig aufräumen müsse, wenn sie sich das Glück eines möglichst großen Reichs- Iums sichern wolle. Bei solcher Sachlage werben bie Forderungen an bas Christentum, ben Bannfluch gegen bie kapitalistische Wirtschaft zu schleudern, verstänblich. Dennoch bleibt bestehen, baß bas Christentum allen Wirischaflsreformen neutral gegenüberstehl, bah es jenseits sowohl von Kapitalismus wie von Sozialismus steht. Jener Aufruf zum Anathema ist begrünbet in einer Verquickung von kapitalistischer Wirtschaft und kapitalistischem Geist unb biefe Verquickung ist ein Der- hangnisooller Irrtum. Kapitalistische Wirtschaft ist bie- jenige, in ber ber Produktiofaklor Kapital vorherrscht, was nicht auch notwendigerweise die Vorherrschaft kapi. «littischen-chrematischen G ei st e s bedingt. Die Dämonie liegt in ben wirtschastenben Menschen, nicht in ben wirt­schaftlichen Verhältnissen. Die Zurückführung ber Ent­stehung ber kapitalistischen Wirtschaft auf eine ©elftes« Wandlung als primäre Ursache ist falsch. Der Ueber- gang zur rationalisierten Wirtschaft, als welche man kapitalistische Wirtschaft versieht, erklärt sich primär aus ben Nolwenbigkeiten, die aus ber unaufhaltsam zuneh­menden Volksverdichtung zwangsläufig fließen. Die auf diese Erkenntnis hinauslaufenden Ergebnisse ber Wiri- schaftsforschung werben neuerbings immer mehr durch bie ethnologische Forschung, welche den Zusammenhang aller Zioilisalions- und Äulturentroicflung mit der Be­völkerungsdichte nachweist, bestätigt. Erst unter diesen Einflüssen, also sekundär, tritt bann der rechenhafle (Bet- steslyp in ber Wirtschaft in ben Vordergrund. Das Tra­gische an ber Entwicklung ist also, daß sie diesem Typ Vorschub geleistet hat. Die Rationalisierung als solche ist nicht zu entbehren, man müßte denn ben Untergang von vielen Millionen Menschen aus Mangel unb Not wollen. Zu bekämpfen ist bie Selbftzweckllch- keit: auch bie rationalisierte Wirtschaft kann natürliche Wirtschaft sein, unb in der Tat beweist eine ganze Anzahl von Anzeichen, die Redner anführt, daß bie Wirtschaft von heute aus sich selber auf eine Korrektur ber Maß­losigkeiten unb Unbegrenztheiten, bie bas Spezifikum ber kapitalistischen Wirtschaft sink» unb die Bedarfsdeckung gefährden, hindrängt. Eine kluge, christlich orientierte Wirtfchaftsoplltik hat sich solcher Korrekturen bewußt und zu bestimmten Zielen zu bedienen. DerKapitalismus" von heute ist nichts Einmaliges, sondern die Wirtschafts, geschichte verzeichnet immer wieder kapitalistische Ein­brüche in die Wirtschaft, wenn eine nicht mehr halt­bare Gebundenheit den notwendigen Fortschritt gesähr- bet.Kapitalismus" ist daher Uebergang von einer nie« brigeren Stufe gebunbener Wirtschaft zu einer höheren. Auch Karl Marx faßte bekanntlich ben Kapitalismus als Uebergangswirtschaft auf.

Darum ist es auch fein unmöglicher Versuch, auch gegenüber der heutigen Wirtschaft den zweiten grund­legenden Satz christlicher Sozial- und Wirtschaftsauffas- sung zur Geltung zu bringen, daß der Mensch im Mittelpunkt ber Wirtschaft zu stehen habe. Freilich ergeben sich burch die Dorherrschast des Produk- Üonsfaktors Kapital außerordentlich große Schwierig­keiten, bie ihren Niederschlag vor allem im Arbeits- verhältnis finben. Redner skizzierte dreifache Ab­hängigkeit des arbeitenden Menschen, bie sich daraus ergeben hat: Fremdbestimmung ber Arbeit: Atomisie­rung der Arbeiterschaft: Werkzeuggebundenheit dieser Arbeiterschaft, und er untersucht, was an diesen Ab- hängigkeiten schicksalhafte Notwendigkeit, was überwind­bar oder doch einzufchränken möglich ist. Don diesem Gesichtspunkte aus schildert er in großen Zügen die um« wälzende Bedeutung des heutigen Arbeitsrechts und die unbedingte Notwendigkeit eines vertieften Mitbeftim- misings- und Mitfprachsrechts der Arbei­ter sowie einer Arbeitsgemeinschaft alsWirkgeme'nichaft, was alles in christlicher Betrachtung als Notwendigkeiten aus der verteilenden Gerechtigkeit als einer geläuterten Staatsräson fließt.

Die Ausführungen klingen aus in einem Aufruf zu regelmäßiger Behandlung solcher Fragen in den Kreisen aller Beteiligten auf dem Boden einer gemeinsamen Weltanschauung. Die echte unb baltbareVerknüpfung von Natur und liebernatur, bas Kennzeichen aller christli- chen Lebensauffassung, gelingt mit Sicherheit, wenn gu­ter christlicher Wille bei Unternehmern und Arbeitern den Antrieb bildet.

Mit einem ausgezeichneten Referat bes Herrn Reichs- fagsabgeorbneten Rechtsanwalt Lämmer --Berlin über bie Frage der Arbeitsgemeinschaft wurde die Reihe ber Vorträge abgeschlossen. Gerabe biefes Referat war von besonderer Bedeutung, weil es die christliche Ausfällung bes Arbeitsgemeinfchaftsaedankens in nachdrücklicher Weise unterstrich. Eine eingehende Aussprache, an der sich auch mehrere der anwesenden Abgeordneten der Zentrumsfraktionen des Reichstages und des preußi­schen Landtages beteiliaten, bildete ben Abschluß dieser sehr bemerkenswerten Tagung.

Inierieren tirinnt ümwmil

Angeklagter, Sie haben bas letzte Wort!" ließ sich die Stimme des Vorsitzenden wieder vernehmen.

Ich bin unschuldig! Ich schwöre es, ich bin un- schuldig!"

Tiefste Verzweiflung, bitterste Qual malte sich in der Stimme, welche diese Unschuldsbeteuerung durch den Raum gellen ließ. Es waren Laute, die kaum mehr etwas aemein hatten mit ber menschlichen Sprache. So schrie eher ein Tier auf, dem bie Kugel des Jägers die Brust zerschmetterte. Es klang wie ein furchtbarer, durch Mark und Bein dringender Todesschrei.

Der Richter zuckte nur bedauernd bie Achseln, unb ber Staattsanwalt folgte gelassen feinem Beispiel. Dann packten bie Herren eilfertig unb geschäftsmäßig, als hätte sich heute in biefem bunklen Saale bie natürlichste Sache von ber Welt abgespielt, ihre Akten zusammen. Die Geschworenen erhoben sich und schritten, sich gegenseitig Abschiedsgrüße zunickenb, bem Ausgang zu

Da erst kamen bie einfachen Leute im Zuschauer- und Zeugenraume wieder zu sich. Erst jetzt dämmerte in ihren langsam arbeitenden Gehirnen bas volle Ver­ständnis für die furchtbare Strafe herauf, die soeben bem armen Franz Entzinger zuerkannt worben war.

Eine weibliche Gestalt löste sich von ihrem Platz auf ber Zeugenbank. Marie Berger eilte -auf den Verurteil­ten zu.

Franz, mein armer, lieber Junge! Sei stark, sei mutig, Franz! Ich weiß, du bist unschuldig. Der Tag muß kommen, an dem deine Unschuld sich erweist."

Sie preßte die eisig kalten Hände des Verurteilten zwischen ihren warmen Fingern, und ein Tränenstrom entquoll ihren Augen.

Die uniformierten Beamten zu beiden Seiten des Zuchthäuslers sahen mitleidig auf die Szene, die sich hier vor ihren Augen abspielte. Beide waren Männer, denen ein Herz in der Brust schlug unb bie Verständnis für ben Schmerz ihrer Mitmenschen hatten. Sie ließen Marie gewähren unb mahnten erst nach längerer Zeit zum Aufbruch.

In Tränen aufgelöst, stand Marie inmitten bes Saales unb sah ben (Beliebten burch die kleine Net-entür verschwinden. Wann würbe sie ihn roieberfeben?

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