Sonntag, 10. Januar 1926.
Fuldaer Zeitung
2. Blatt.
Druck der Fuldaer Acklendruckerei, Fulda.
ß!!$ dem Kachbarge-iet.
- Gerrseld. Am 21. Jan., vornu 10 Uhr findet fm hiesigen Landraisamt die erste S r tz u n g de s n^eugewählten Kreistages statt. Die Tagesordnung ist folgende:
1. Verpflichtung der gewählten Kreisicigsabgeordne- ten 2 Leichlußsassung über die Gulngteit der Kreis- tnncmnhrm 3 Mahl eines Kreisdeputierien. 4. Wahl des K?eiE lchusice- 5. Wahl der Rechnungsprüfung?. fnmS ß Wahl der Kreiskommissionen zur Der- her Kreissparkassen in Gersfeld, Hilders und (Sparfcffciworftänbe). 7. Wahl der Der- fr^^männ« 3ur Auswahl der Schöffen und Go- Am^n für dar Jahr 1926. 8. Feststellung der Rech.
der Kreissparkassen Hilders, Gersfeld und Hel- Sachen ür das Jahr 1924 und Entlastung der Rech- inmnsführer 9. Kostenanschlag über die Unterhaltung Landwege im Kreise Gersfeld für das Rechnung-,, iadr 1926. 10. Beschlußfassung über die Uebernahme 1/. „eu zu bauenden Landweges von Hilders nach Krankenheim als Landstraße durch den Bezirksverband. 11. Erlaß einer Wertzuwachssteuerordnung. 12. Aban- derung und Neufassung der Ordnung über die Erhebung einer Schankkonzessionssteuer. 13. Erlaß von Ordnungen über die Erhebung von Baupolizeigebühren und von Gebühren bei der Inanspruchnahme des Kreisbauamtes.
— Burghaun. Der Justizwachtmeister Wagner konnte am i. Jan auf eine 25jährige Tätigkeit am hiesiger'. Amtsgericht zurückblicken.
— Bad Orb. Dein Turnhallen- Bausand konnte, wie in der Jahreshauptversammlung des Turnvereins bekannt gegben wurde, wieder eine erhebliche Summe überwiesen werden. — Die hiesige Winterbeihilfe für die Speisung unterernährter Schulkinder nimmt in den nächsten Tagen ihre Tätigkeit auf.
— Kassel. Ein Geschäftsmann in Röfingen hatte kürzlich versehentlich einen Geldbetrag von 87.50 Mark und einen Zettel, aus dem hervorging, daß die Summe als Steuerbeitrag für das Finanzamt Rinteln bestimmt sei, zur Beförderung gegeben. Als Aufschrift trug der Umschlag den Ort Rinteln, aber keinen dort bekannten Empfängernomen. In Rinteln wurde der Brief, weil unbestellbar, auf seinen Inhalt untersucht, um den Absender festzustellen. Die Post übernahm dann selbst die Uebermittlung des Geldes an das Finanzamt, und da der von dem Geschäftsmann abzuliefernde Betrag nur 87.24 Mark betrug, wurde der Rest- betrag von 15 Pfg. Porto also 11 Pfg. mit einem erklärenden Begleitschreiben an den Absender zurückgesandt, der den Betrag natürlich längst auf Verlustkonto gesetzt hatte.
~~ — Herborn. Wenn auch die Wirtschaftslage in der Herborner Industrie durchweg als befriedigend zu bezeichnen ist, so hat sich die Zahl der E r - w e r b sl o s e n mit 50 Arbeitslosen am Jahres- sckfluß bis auf 72 vermehrt. Es ist vorläufig mit einer täglichen Steigerung der Erwerbslosenziffer zu rechnen. Bisher konnten die Arbeitslosen noch leidlich beschäftigt werden.
— haiger. Die Zahl der Erwerbslos en hat sich im" Laufe des Monats Dezember um rund 100 Prozent vermehrt und beträgt heute 130. Von diesen 130 Erwerbslosen sind 76 Familienväter mit 115 Kindern. Wi katastrophal sich die hohe Arbeitslosenziffer auf die Finanzen der Stadt Haiger auswirkt, erhellt besonders die Fesfftellung, daß 5 Prozent der gesamten Einwohner arbeitslos sind. Vorläufig besteht keine Aussicht auf baldige Besserung der Wirtschaftslage in der Haigerer Industrie 5 '
— Limburg. Die Mühle von Lamboy in Waldmühlen bei Rennerod ist in der Nacht zum 5. Januar aus bisher unaufgeklärter Ursache bis auf die Umfassungsmauern niedergebrannt. Fast das gesamte Mobiliar und die sonstigen Haus-' Haltungsvorräte sind dem Flammenmeer zum Opfer gefallen. -i".
= Heppenheim. Der Schneidermeister Stein hatte mit mehreren Freunden in einer Wirtschaft gezecht. JnanaetrunkenemZustandkam Stein mit zwei Zechkumpanen morgens, um hier die Zecherei fortzmetzen. Er wurde von seiner Frau, die sich in anderen Umständen befand, ermahnt. Nachdem die Zechkumpane die Wohnung verlassen hatten, versetzte er seiner Frau mehrere Fußtritte gegen den Leib, sodaß die Fran zu Nachbarsleuten flüchtete, wo sie infolge der erlittenen Verletzungen am anderen Morgen starb.
--- Bad Soden. Das hiesige Kurhaus wird demnächst nach einem preisgekrönten Entwürfe des Kölner Architekten Vierling zu einem modernen Kurhotel um gebaut werden. Fer- werden einige Quellen neu gefaßt. Das große Bäderhaus soll jetzt das ganze Jahr über offen bleiben. Die Bade- und Kurverwaltung wurde von den Stadtämtern abgetrennt und wird jetzt nach" kaufmännischen Gesichtspunkten geleitet. Man hofft, daß das altbekannte quellenreiche Bad Soden jetzt bald wieder seine alte Höhe erreichen wird.
Erste Enttäuschung.
Von Igna Maria.
Endlich war Lottes sehnlichster Wunsch erfüllt! Sie kannte Teresita, die jüngste Seiltänzerin des Zirkus, dessen Zelt seit Tagen auf dem Markplatze der Kreisstadt stand. Mehr noch, sie durfte das Zirkuskind einladen!
Wieviel Mühe hatte es gekostet, bis Lotte es erreichte! Die Mutter gab nur zögernd ihre Einwilligung, in der Gewißheit, daß der Zirkus morgen weiterwanderte.
Lottes Freude war unbeschreiblich. Sie kramte ihre Spielsachen hervor, band ihrem braunen Pelzteddy eine mächtige hellblaue Schleife an und hatte ihre liebe Not, bis alles auf das Schönste gerichtet war.
Teresita kam. Stürmisch empfangen von Lotte, die ffjre Freude über den seltenen Besuch offen zur Schau trug. Aber Teresita, obgleich in Lottes Alter, war kein Lind mehr, fühlte sich über die kleine Freundin erhaben, musterte kühl und kritisch die Einrichtung des Zimmers, Lottes helles Kleid und sagte schließlich sachlich: „Ihr 'gehört zu den reichen Leuten. Freilich, dein Vater hat die Apotheke. Wir spielen nicht mit Puppen." Gering, fchätzig blickte sie über die Puppengesellschast, die Lotte nebeneinander auf das Sofa gesetzt hatte.
„Ihr spielt nicht mit Puppen —?"
„Nein," antwortete Teresita, „wir proben und laufen Über das Seil. Und am Abend, wenn die Leute im Zirkus sitzen, deine Eltern und Amtsrichters, und all' die Reichen aus der Stadt, dann zeigen wir, was wir können. Und dann klatschen sie, denn keiner von ihnen kann es uns nachmachen. Wir verbeugen uns, ich werfe Kußhände und die Musik spielt. Das ist schön! Ich lerne jetzt Reiten. Mister Well, das ist mein Vater, bringt es mir bei. Wenn wir nächstens wiederkommen, tanze ich «ü d« MittäteB Schivrwelitute."
Rund um die Woche.
Alarienkäferchen im Dinker. — »Netter, zweijähriger Junge wegen Wohnungsnot abzugeben. Silvesterfpeifekarten. — Der Regen rinnt...
Wo bleibt heute wohl mein Abendbesuch? Denk Dir nur, seit Tagen schon krabbelt zu später Stunde irgendwoher ein Marienkäferchen auf meinen Schreibtisch. Oft, wenn ich gerade etwas Schreckliches in der Zeitung lese, kommt es unter dem Blatt heraus, als wollte es sagen: Ich bin auch noch da. Es kommt der Frühling doch wieder. Sieh, ich überlaste dem Herrgott, was ich nicht ändern kann. Menschenkind, deine Schultern sind zu schwach, um auch nur das Grauen zu tragen, das in einer einzigen Straße wohnt. Er hält in feiner Hand die Meere, er wird schon wissen, warum und wie. Hilf, was du kannst, aber den Rest, es geht über deine Kraft . . . Und dann fliegt's in feine vermeintliche Sonne und surrt und zickzackt um die elektrische Birne herum, macht ganz tolle Luftsprünge, fällt dann auch wohl auf den Rücken und bleibt hilflos liegen wie völlig bankerott ....
Schon lange hab ichs nicht mehr beachtet. Wie sollte man auch Zeit haben für ein Marienkäferchen in unfern Tagen. Und da steht wieder so etwas gedruckt, das mir die Haare zu Berge treibt. Ein erschütterndes Inserat, so lautet die Ueberschrift. Dann kommt's: „Zweijähriger Junge wegen Wohnungsnot abzugeben". So ist nun die deutsche Heimat. Sie kann ihren eigensten Beruf nicht mehr erfüllen, nämlich Heimat zu sein. Auf ihr ist kein Raum mehr für eine Wiege. An jeder Straße dehnen sich in langer Front Verwaltungsgebäude, Banken .Theater, Wirtschaften, Konditoreien, Bahnhöfe, Börsen, Handelskammern, Schulen — und kein Platz mehr für eine Wiege eines deutschen Kindes. In jenem Haufe wird neu gestrichen, in einem anderen ein Laden eingerichtet, in einem dritten eine Etage draufgesetzt, der richtet sich ein neues Herrenzimmer ein und wieder einer kauft Möbel auf einer Aktion, aber an Wiegen für Kinder scheint niemand zu denken. Und so ist denn ein „netter, zweijähriger Junge wegen Wohnungsmangel abzugeben." Sollte es denn wirklich den Stadthäuptern in Deutschland nicht möglich sein, Raum für Wiegen zu schaffen Sollen wir einmal ihr Budget durchgehen und die Zwecke untersuchen, für die Geld vorhanden, viel Geld? Gesetzt den Fall, jene Männer, die das Geld zu bewilligen haben, kämen in die Lage, keinen Platz zu haben für das Bettlein eines „netten, zweijährigen Jungen", ihres eigenen Kindes, würden sie, die den Schlüssel zu den Kassen haben, nicht rechtliche Wege finden, um zu der notwendigen Anleihe zu kommen? Nun haben wir Damaschke gefeiert, nun reden wir Jahrelang von Volksgemeinschaft, nun sind wir überzeugt, es gehe ein frischer Hauch religiösen Lebens durch die Lande, und es wird geredet, — und nichts getan Nichts im Verhältnis zu der bestehenden Not. Immer der alte Fluch: Wer selber gut lebt und ein Dach über dem Kopfs hat und ein sonniges Stüblein für feine Kinder, was schert er sich um Leute, denen das alles fehlt! Wenn irgendwo ein Brand ausbricht, dann rasen die Feuerwehren durch die Straßen und fürchterlich klingen die Autos und blitzen die Hauben. Dann muß alles ruhen, Verkehr und Leben, bis die schreckliche Flamme bezwungen worden, die unsere Wohnungen zerstört. Aber ist denn das Fehlen einer notwendigen Wohnung ein geringeres Hebel, als das Abbrennen einer vorhandenen Das ist doch ganz das Gleiche. Aber hier bewegt sich nichts, und jenes unglücklichen „netten, zweijährigen Jungen", die eben jenes Inserat aufgegeben, nur diese Eltern meinen und starren verzweifelt ihre nackten Wände an.
Als in dieser Weihnacht bet älteste Sohn in einer wohlhabenden Familie, srstchbewegt, wie Jugend heute oft ist. sich in den Kopf setzte, mit seiner Grupp- die er men Leute in einer gewissen dunklen Straße zu bescheren, als er dann auszog wie ein Pionier, um vorher die Bedürfnisse festzustellen, Da
kam er entsetzt von diesem seinem vielleicht ersten Gang ins Elend nach Hause und sagte: „Mutter, hättest du das gesehen, du schautest in dieser Weihnacht keinen Christbaum mehr an!" Und doch, ein Weihnachten ohne Christbaum, es läßt sich ertragen, man besieht sie sich in den Fenstern ober blickt am Ende einmal durch eine Gardine, di« nur dürftig irgendwo den glitzernden Weihnachtsschmuck verhüllt, aber eine „Wohnung" ohne Raum für ein Kind, das ist doch noch etwas ganz Anderes . . .
Wie traurig ist diese Welt. Der Regen rinnt Ohne Unterlaß schlagen die Tropfen auf den Fen- fterftein. Auf den Bergen schmilzt der Schnee. Die Bäche steigen und die Flüsse und die Ströme. Ganze Landstriche sind nur noch eine einzige wogende Flut. Und der Regen rinnt. Ohne Unterlaß. ®ott, was haben wir getan, daß deine Hand so hart über uns liegt. Wir wissen es. Uns fehlt die Liebe. Nicht das Sehnen nach ihr, sondern die Tat aus ihrem Wehen heraus. 6^ gibt Steine, es gibt Lehm, es gibt Holz bei uns in Menge. Wir haben auch Geld, wenigstens eine große Zahl unter uns hat es. Aber, wer es aus« gibt, das ist der Genuß, das ist Bequemlichkeit, das ist nicht selten der Luxus. Tausende und Tapsende wissen noch gar nicht, wie wenig zum Leben eigentlich notwendig ist, auf wie vieles man verzichten kann, sonst würden sie fogem für die notwendigste Angelegenheit, die ein Volk hat, nämlich die Pflege des Nachwuchses. Wie kann denn ein Volk blühen, wenn die Familie verwelkt? Wie kann sich die Zukunft bessern, wenn unsere Kinder verkümmern müssen? Ein Mann schlägt vor, man möge es doch einmal versuchen, zur Behebung der Wohnungsnot, Kredite in Amerika zu bekommen. Ich bin kein Volkswirt und weiß nicht» ob das geht, aber die Gründe, die jener Mann vorbringt, schei- dasür zu sprechen,, daß es möglich ist. Warum rührt sich denn keiner? Hört man in den Parlamenten der Städte und der Länder nicht die Klage jener Eltern und liest man dort nicht die Zeitungen? Sagt es denn kein Prophet mit jener Stimme, die einst aus einem Freiherrn von Ketteler sprach, als er das soziale Zeitalter verkündete? Die Pflege unseres Ausstiegs, die Frage unserer Moral, die Frage des Kommunismus, das alles sind im Augenblick nichts als Wohnungsfragen.
Eine führende kommunistische Zeitung bringt am vorletzten Tage des Jahres die Silvester-Speisekarten für die Berliner Gesellschaft. Man denke sich, es lesen jene Eltern, die gerade inseriert haben „einen netten zweijährigen Jungen wegen Wohnungsmangel abzugeben" gerade in ihrem zum Himmel weinenden Weh einen solchen Artikel:
Hotel Adlon: (Menü für 35 Mark für das trockene Gedeck.) Beluge-Kaviar und Austern. Klare Ochsenschwanzsuppe. Ostender Seezunge > und Helgoländer Hummern. Hamburger Kücken mit Gänseleber und Trüffeln. Salatlorette. Silvester- domb- mit Feingebäck (Halbgeforenes). Roquefort-Schnitten mit Sellerie. Berliner Pfannkuchen . . .
Also denken wir uns, die lesen eben dieses in solcher Stunde . . . Wehe den Hetzern, gewiß, aber auch wehe allen, die ihnen in solcher Not Material liefern . . ,
Der Regen rinnt. Die fernen Ströme brausen. Menschen irren und Vieh. Eltern opfern ihre Kinder auf dem harten Stein der Not .... Komm, Marienkäferchen! Flieg, flieg. Ja, ich glaube es: Der Lenz wird wiederkehren. Wo bist du nur? Cs kommt nicht wieder. Es ist fort. Und der Regen rinnt, und die Wasser brausen, und die Men- fcben klagen, und da vor mir steht: „Zweijähriger Junge wegen Wohnungsnot abzugeben" . . .
Der Mann im Monde.
—B—wiritim......■ihiiii........................... .......
Heues aus Frankfurt.
= Ein neuer Frankfurter Eisenbahnhof. Der Bahnhof Frankfurt a. M. West, in den die drei wichtigen und starkbenutzten Linien von Gießen, Bad Dornburg und (Kronberg einmünden und von hier auf einem gemeinsamen Gleise nach dem Hauptbahnhofe weitergeführt werden, ist wegen seiner räumlichen Enge schon längst nicht mehr den gewaltigen Anforderungen des Verkehrs gewachsen, kann aber auch nach keiner Seite mehr ausgedehnt werdet«. Die Reichsbahnverwaltung plant deshalb die Anlage eines neuen Bahnhofes, für den die Pläne bereits fertig vorliegen und gegenwärtig in Berlin zur Genehmigung unterbreitet werden. Die Anlage des neuen Bahnhofes, der in der Hauptsache dem Vorortverkehr und dem Taunusausflugsverkehr dienen soll, ist für das Gelände unmittelbar nördlich des
Lotte sah in unverholener Bewunderung zu Teresita auf. „Du tanzest sehr schön Seil", gestand sie neidlos, „ich würde herunterfallen. Bist du gar kein bißchen bange?"
„Bange —?!" wiederholte Teresita verächtlich.^Künst- ler sind nie bange! Mister Well würde mich {trafen, wenn ich bange wäre. Weißt du, Lotte, dein Teddy ist am nettesten von deinen Spielsachen, so lustig. Puppen sind dumm."
„Wollen wir im Garten spielen?" schlug Lotte vor, als man sich an Süßigkeiten gelabt hatte. „Wir nehmen den Teddy und ein paar Spiele mit. In der Laube steht ein großer Tisch, da spielen wir Domino, wenn du magst."
Sie gingen in den Garten, dessen eine Seite an den Markplatz stieß. Wie oft hatte Lotte Teresita ungesehen beobachtet, hineingeschaut in den grünen Wagen, der Teresitas Elternhaus bedeutete. Auch jetzt spähte sie hinüber. Die Türe des Wohnwagens stand weit auf, eine Zirkusreiterin saß auf dem Leiterchen und stopfte zer- risiene Trikots. Teresitas jüngerer Bruder spielte zu ihren Füßen. Aus dem Zirkuszelte drang das Schnauben und Galoppieren des dressierten Shetlandponys. Ab und zu ein scharfer Peitschenschlag, ein herrischer Zuruf.
„Mister Well bef fiert,“ erklärte Teresita. „Er übt einen neuen Trick. Silber der Pony ist sehr eigenwillig und störrisch. Mister Well hat viel Arbeit mit ihm.
Die Dominosteine lagen unbeachtet auf dem Tische. Der Teddy saß in einem Gartensessel. Die Kinder schauten nach dem Marktplätze, wo sich das Interessante begab.
„Es ist doch schrecklich langweilig bei Euch!" Teresita rekelte sich auf ihrem Stuhle.
Erschrocken beugte Lotte sich vor. „Gefällt es dir nicht bei uns?" fragte sie traurig. „Ich habe doch extra meine ganzen Spielsachen hergeholt.“
Stadtteils Bockeuheim, also im Anschluß an die jetzige Bahnhofsanlage Franksurt-West. Der Zeitpunkt der Aue- führung der neuen großen Bauanlagen hängt von den Geldmitteln ab, die leweils dafür von der Hauptverwal- tung zur Verfügung gestellt werden.
— Eine zweite Straßenbahnverbindung Frankfurt- Offenbach. Zur Entlastung des immer stärker anschwellenden Verkehrs auf dem einzigen Verbindungswege zwischen Frankfurt und Offenbach, der Offenbacher Landstraße, plant die Stadt Frankfurt die Anlegung einer zweiten Straße. Frankfurt will die Straße sofort in Angriff nehmen, wenn auch Offenbach auf Offenbacher Gebiet den entsprechenden Straßenbahnzug baut. Die Arbeiten sollen durch Erwerbslose ausge- lührt werden. Diese neue Straße wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nur den riesigen Automobilver-
„Das meine ich nicht!" beruhigte sie Teresita. „Weil Il)r immer an einem Fleck wohnt. Das ist langweilig! Wir ziehen durch die Welt! Ich war schon in Spanien und bin dort Seil gelaufen. Und Amerika kenne ich auch. Tagelang sind mir über das große Wasser gefahren. Se- norita Carmen, meine Mutter, war arg seekrank, Mister Well hätte sich beinah hingelegt, aber das Schiff lief in den Hafen ein.
Lottes Hochachtung für das Zirkuskind stieg ins Unermeßliche. „Wer es so fein hat wie du!" bewunderte sie. „Und zur Schule brauchst du auch nicht zu gehen."
„Wir sind Ausländer!" berichtete Teresita stolz. „Außerdem kann ich Schreiben, Lesen und Rechnen. Ich habe sogar für den Clown Bimbo an der Kasse gesessen. Mir gibt keiner einen Hosenknopf für ein Zehnpfennigstück! Und wenn ich mit dem Teller rundgehe, bekomme ich stets mehr als Clown Bimbo. Er ist mein Onkel, der Bruder meines Vaters. Mit Senorita Carmen hat er oft Streit."
Die Probe im Zirkuszelt war beendet. Mister Well trat aus dem Zelte, wischte sich den Schweiß von der Stirn, rief der Kunstreiterin etwas zu und überquerte den Marktplatz.
„Er geht in den Löwen", erklärte Teresita, „Mister Well sagt, man muß sich populär machen. Deshalb habe ich dich auch besticht. Ich mache mich bei dir populär."
Lotte hätte brennend gern gewußt, was „populär" sei, aber sie fürchtete von Teresita verlacht zu werden. Es erfüllte sie mit stillem Stolz, daß Teresita bei ihr „populär" wurde.
„Habt Ihr keine Lakritzen in der Apotheke?" forschte 'Teresita, die sich bei Lotte wie zuhause fühlte. „Du könntest mir welche holen, ich esse sie gern."
Bereitwillig sprang Lotte auf. „Ich frage den Provisor, der gibt mir ein DösHertt" rief fie, froh, dem Be
kehr aufnehmen, sondern auch für eine neueStratzenbahn Platz haben. Die neue Straße wird am Main entlang ttihren und erheblich kürzer als die seitherige fein.
— Die Lage am Frankfurter Arbeitsmarkt. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich in der Zeit vom 21. bis 31. Dezember weiter verschärft. Die Zahl der Arbeitsuchenden ist wieder erheblich gestiegen. Die Gesamtzahl der im Berichtszeitraum jur Verfügung stehenden Arbeitsuchenden belief sich am 31. Dezember auf 18 530 gegenüber 16 973 in der Vorwoche. Nach Abzug aller in Arbeit vermittelten Personen verblieben hiervon am Schluß des Jahres noch 17 342 Arbeitsuchende. Das Angebot an offenen Stellen ist nach wie vor äußerst gering. Es konnten nur 296 (304) Leute in Dauerstelle^ vermittelt werden. Die Zahl er aus Mitteln der Erwerbslosenfürsorge unterstützten Arbettsuchenden betrug am 31. Dezember 12502 (Vorwoche 10 956). Außerdem werden für 9420 Frauen und Kinder Familienzu id,I=ejti(ji‘maiiaro in Frankfurt. Die seit langer Zei mit Frau Fritzi Massary geführten Verhandlungen sinl jetzt endlich zum Abschluß gekommen, sodaß die Kunst- lerin ab 6. März in der in Berkin mit ungeheurem Erfolg aufgeführten Operette „D je T e re s in a von Oskar Sttauß am hiesigen Neuen Operettentheater g» stieren wird. ___________________________
Aus Oberhessen und den hessischen klemtern.
— Kirchhain. Die auf den 12. und 26. bs Mts. angefetzten Rindvieh- und S ch w ein e> märkte fallen infolge Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche im hiesigen Gebiet aus, wodurch manchen ein empfindlicher Schaden entstehen dürfte
= Marburg. Aus einer Treibjagd beiBorken wurden zahlreiche Hasen und ein Wildschwein erlegt. Wildschweine waren hier seit fünfzig Jahren nicht mehr beobachtet worden. Als man sich spater das Tier gründlich ansoh, hatten Spaßvögel ein Hausschwein mit Teer und anderen schwärzlichen Dmgen in ein regelrechtes Wildschwein umgemodelt.
— Marburg. Im hiesigen Bezirk waren am 1. Januar 1880 Arbeitssuchende. (Am 1. Dez. 1925 1310) gemeldet, worunter fick 1637 männliche und 242 weibliche Personen befanden. Von der Erwerbslosenfürsorae wurden unterstützt insgesamt am 1. Jan. 1199 (511) Personen, davon 1161 männliche und 28 weibliche. Familieuzuschlage bezogen 2088 Angehörige der Unterstützten.
= Marburg. Am Dienstag wurde im Hotel Freidhof eine ‘gut besuchte Unterverbands- tagung der Raif f eisenvereine des Krer- ses Marburg abgehalten. Aus dem Geschäfts- bericht des Geh. Regierungsrats Klingenbiel ist zu erwähnen, daß der Umsatz im letzten Jahre im hiesigen Kreis sich auf 295000 Goldmark stellt, Es sprachen Verbandsanwalt Schüler und Pfarrer Meyenschein. Für den nach Kassel versetzten Unterverbandsdirektor Rittmeister a. D. Pelizaeus wurde Landwirt Konrad Preist- Hackborn und als dessen Stellvertreter Landwirt .Heinrich Breitstadt-Hassenhausen gewählt.
Neue Vücher.
Von Kunst und Künstlern. Gedanken zu alten und neuen künstlerischen Fragen. Don Jos. Kreitmater S. J. Mit Titelbild und 48 Tafeln, gr. 8 (X u. 250 S.) Freiburg i. Br. 1926, Herder. Geb. in Leinwand 10 M. Dieses Buch ist aus unserer Zeit und aus den schwierigen Kunstproblemen, die in den letzten Jahrzehnten Rätsel auf Rätsel türmten, herausgewachsen. Ohne sich von der oft kritiklosen Bewunderung, die heute allem Neuen zu folgen pflegt, blenden zu lassen, hat der Verfasser mit aufmerksamem, prüfendem Auge alle Wege und Wandlungen der Kunst, die sie aus den Verstrickungen des Materialismus zum Seelischen, Geistigen führte, verfolgt und in leichtverständlicher Sprache zu schildern versucht. Eine psychologische Studie über den künstlerischen Menschen im Gegensatz zum praktischen und wissenschaftlichen leitet das Buch ein. Den Kem bilden die Kapitel, die der modernen Malerei von gestern und heute, dem Impressionismus und Expressionismus, gewidmet sind, ihren geschichtlichen Verlauf wie historische und seelische Grundlagen barlegen und die Wendung kennzeichnen, die in Zukunft die Kunst wohl nehmen wird. Auch die brennende Frage, inwieweit die neue Kunst der Kirche zu dienen vermag und inwieweit sich die Unzulänglichkeit der traditionellen erwiesen hat, wird eingehend geprüft, ebenso die dem heutigen Libertinismus, aber auch ungesunder Prüderie gegenüber wichtige Frage der Freiheit der Kunst und ihrer naturgegebenen Schranken. In den „Werkbundgedanken" wird das moderne Kunstgewerbe kritisch beleuchtet u. gegenüber erstarrten Tendenzen in Schutz genommen. Monographische Darstellungen über einzelne Künstlerpersönlichkeiten (Bamberger, Egger- Lienz. Baumhauer, Graßl) beschließen das Buch, das mit 48 aufschlußreichen und schön wiedergegebenen Abbildungen geschmückt und vom Verleger vortrefflich ausgestattet ist.
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such einen Gefallen zu tun. „Es dauert nicht lange!“ und lief dem Hause zu.
In der Apotheke warteten Kunden auf eilige Rezepte, so wagte Lotte den Wunsch nicht laut werden zu lasten. Geduldig stand sie und bat erst, als der Letzte die Apotheke verließ.
Mit einem feinen Döschen, mit Veilchen verziert, trat sie hurtig den Rückweg an. Wie würde Teresita sich freuen! —
Als sie eben in den Garten lief, ließ ein Pfiff sie aufhorchen. Sie sah durch die Büsche, wie Teresita den Bruder heranwinkte, zur Laube sprang, den Teddy nahm und ihn durch das Gitter dem Bruder reichte. Der rannte spornstreichs zum Wagen und versteckte sich. Teresita saß wieder in der Laube und tat, als ob sie schlief.
Lotte stand wie festgewurzelt. Teresita hatten ihren Teddy genommen! Teresita hatte sie bestohlen!! — Ganz langsam ging sie in die Laube.
„Du brauchst nicht zu schlafen!" Voller Verachtung blickte sie auf Teresita. „Geh' und komme nie wieder! Du hast den Teddybär genommen!" .
Wie eine Katze überkletterte Teresita den Gartenzaun, schnitt Lotte eine Fratze und verschwand im Wagen, derweil Lotte in der Laube die erste schwere Enttäuschung ihres jungen Lebens Gemeinte.
Die Mutter rief in den Garten: „Lotte! Tereftta!"
Lotte packte die Spiele zusammen und ging der Mutter entgegen.
„Teresita muhte nach Hause —", ein paarmal schluckte sie, „den Teddy hab' ich ihr geschenkt. Nicht wahr, du bist nicht böse?"
Aber sie senkte unter Mutter forschendem Blick die Augen.
• „Sie hat mich betrogen!" schluchzte sie weh. „Mutter, Teresita — 7-7 — —*