Anzeiger für die Stadt und den kreis Fulda. Amtliches Areisblatt.
53. Zahrg
Dienstag, 5. Januar 1926,
Nr. 3
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Neues aus den Balkan-Staaten
Bor EntWiduiWtMN für den Parlamentarismus
bisher noch keine Bestätigung dieser Meldung
vor-
* Bombenattental auf den neuen Schah von Persien? Nach einer Agenturmeldung ans Bagdad soll auf den neuen persischen Schah in Teheran ein Bombenattentat verübt worden fein, wobei der Schah beide Beine verloren habe. Bei Reuter Hegt
Amerika und die Abrüstungsfrage.
Londoner „Obferver" berichtet aus Washington, Amerika werde an jeder aufrichtigen Be- wegung, die sich die Abrüstung zum Ziele setzt, teil- nehmen, ja werde sogar bereit sein, die Führerschaft dabei zu übernehmen, ohne Rücksicht darauf, ob die Konferenz in Amerika oder Europa stattfinde. Die Tatsache aber, daß Amerika in der Frage der Ad- rüstung zu Lande bereits weitere Schritte tat, als von irgend jemand je gefordert wurde, veranlasse»
Im Grunde dasselbe. Nur daß das letztere ein so dummer und abgegriffener Bauernfang ist, daß die christlichen Gewerkschaften dieienigen, die darauf hereinfallen sollten, sehr gerne den Kommunisten überlassen. Es werden sich aber kaum christliche Gewerkschaftler solcher Art finden lassen.
* Ucbersiihrung dcS Tutankhamen-Sarkophags Der Sarkophag Tutankhamens ist gestern von Luxor nach Äairo gebracht worden. Er befindet sich nunmehr im dortigen Museum. Acht Mann waren erforv erlich, um den Sarkophag zu tragen. Der Wert des Sarkophags und sein Inhalt werden auf 40 000 Pfund Sterling geschätzt.
Bon einer besonderen parlamentarischen Seite wird uns geschrieben:
Wir brauchen um jeden Preis — wirklich um jeden! — so rasch «Lr möglich eine Regierung, eine Führung.
Die wirtschaftliche Not droht uns den ohnehin wankenden Boden, auf dem wir stehen, vollende zu erschüttern. Die Arbeitslosenziffer sprechen eine furchtbare Sprache. Der Zustand unserer Wirtschaft ist geradezu haarsträubend. Die Landwirtschaft erhält heute für ihre Produktion Preise, unter denen sich eine Bewirtschaftung des Bebens wirklich nicht mehr lohnt. Ein Mißmut, ja eine förmliche Verzweiflung, hat in vielen, namentlich kleinbäuerlichen Kreisen um sich gegriffen, so daß die Tendenz von der intensiven zur extensiven Wirtschaft überzugehen, einfach aus dem fatalistischen Empfinden heraus, daß ja doch alles zugrundegeht, mehr und mehr um sich greift.
Handel und Industrie stehen auf dem toten Punkt. Jeder Antrieb von innen heraus oder von außen her fehlt. Die öffentlichen Lasten erdrücken die letzten freien Regungen. Das Steuer» prinzip ist zu einem Götzen geworden, dem man selbst die Existenz von tausenden und abertausenden von Arbeitern und Angestellten opfern zu müssen glaubt. Und schon werden neue Steuern ange- kündigt, weil das Reich keine Mittel hat, um die durch den Reichstag bewilligten Ausgaben auf dle Dauer zu bezahlen. Dazu befinden wir uns jetzt in dem Jahre, in welchem die ersten baren Reparationslasten erfüllt werden müssen ohne Zutun von außen her, ohne erneut über die Mittel einer amerikanischen Anleche verfügen zu können.
Und tn diesem Zustand der Wirffchoft stehen wir politisch ohne Regierung und ohne Führung da. Das ist unerträglich. Wer nur darauf rechnet, populär zu fein, oder doch wenigstens zu scheinen, wer glaubt, daß heute überhaupt populäre Maßnahmen ergriffen werden können, wer überhaupt der Meinung ist, daß wir aus dem heil- lchen Wirrwarr, in dem wir uns politisch und wirtschaftlich befinden, ohne eine mit fürchterlicher Rück- suhislosigkeit aufräumende Faust auskommen können, der würde sich sehr täuschen. Es wäre nach
so betont das Blatt, die amerikanischen Führer zu der Ansicht, daß Amerika nicht in der Lage ist, in diesem Punkte die Führerschaft zu übernehmen, da es keine Opfer im Austausch für andere Opfer bringen kann. Was jedoch die Verminderung der Flottenrüstungen betreffe, so sei Amerika in der Lage, das größte Opfer zu bringen und sei daher auf diesem Gebiete bereit, jedes Maß der Verantwortlichkeit für die Führerschaft zu übernehmen.
Der Thronverzicht de- rumänischen Uronprlnzen. — «abinettrkrise in Bulgarien. — Militärdiktatur in Griechenland.
* Abreise der Karlsruher interalliierten Militär- konlroll-kommisiion. Die interalliierte Militär- Kontroll-Kommission, die nach Abschluß des Waffenstillstandes zur Ueberwachung der neutralen 50 Kilometerzone in Karlsruhe eingerichtet worden war, ist am Samstag nach Frankreich zurückgekehrt.
Türkische Zollpolitik.
wbt Angora, 4. Jan. (Eig. Runds. - Meld.) Die Zollsätze für Waren aus Ländern, dle noch feinen Handelsvertrag mit der Türkei abgeschlossen haben, sind mit Wirkung vom 3. Januar an o e r - fünfacht worden.
Hn»eiflen-$reife: »leimeUe (Colonel) lokal 0,16 «oldmart aasmidts 0L0 Soldmark: Reklameretle lokal 0.60 Soldmark auswärts 030 Soldmark. •:
Die Mossulfrage.
wbt London, 4. Jan. (Eig. Rundf.-Meid.) Rach einer Agenturmeldung aus Konstantinopel wird die türkische Regierung die Vorschläge Bald wins, die Mossulfrage durch direkte Verhandlungen auf der Grundlage wirtschaftlicher Abkommen zu regeln, ab lehn en.
wieder vertagen.
Bulgarien.
In Sofia ist eine Kabinettskrise ausgebrochen. König Boris HI. hat den Führer der parlamentarischen Mehrheit, L i a p t f ch e w, mit der Bildung des neuen Kabinetts beauftragt.
Diktatur in ktthen.
Der griechische Ministerpräsident, General Pangalos, proklamiert eam Sonntag nachmittag in Athen, einer Meldung der „Montagspost" zufolge, mit Zustimmung des Heeres die Diktatur. Vor der Munizipalsgarde hielt Pangalos eine Rede, in der erklärte, daß der P a r l a * mentarismus eine Niederlage erlitten habe, und daß der Zusammenbruch in Klein-Asien die Rückkehr Veniselos nach Athen im Jahre 1920 und auf die von ihm bewirkten Wahlen znrückzn- führen sei. Pangalos teilte weiter mit, er wolle die angekündigten Wahlen für Senat und Kammer nicht vornehmen lassen. Kürzlich noch hätten einige Führer der republikanischen Partei in Genf den Bulgaren Argumente gegen ihr eignes Vaterland gegeben. „Ich werde", so erklärte Pangalos, „das Vaterland allein mit Hilfe des Heeres retten. Bald wird dieses Heer zu den ersten auf dem Bal- kan zählen. Auch die Flotte wird mich bei meinem Wiederaufbau des Vaterlandes unterstützen, nachdem sie reorganisiert und zur Beherrschung des östlichen ägäischen Meeres aufgerückt ist."
Nach einer Meldung der „Montagspost" hat die griechische Polizei in der Nacht zum Sonntag etwa 400 Kommunisten verhaftet, die nach den Inseln des ägäischen Meeres verschickt werden sollten. Die Verhafteten haben angeblich versucht, sich die griechischen Mobilisierungspläne zu verschaffen, um den beabsichtigten Staatsstreich besser durchführen zu können.
Pangalos hat sich offenbar Mussolini zum Vorbild genommen. Auf dem Balkan sind aber oft die politischen Machtverhöltnisse noch wandelbarer als aus der Apenninen-Halbinsel.
Eines der wenigen Herrscherhäuser, die m Europa noch vorhanden sind, macht eine schwere Krise durch: das rumänisch^ Die rumänische Königsfamtke gehört bekanntlich zum Hause Hohenzollern. König Ferdinand, der am 1. Oktober 1914 dem Komg Karl auf dem Throne folgte, ist der zweite Sohn des versü>rbenen Fürsten Leopold v. Hohenzollern. Der 1865 geborene König ist mit der Prinzessin Marie von Sachsen-Koburg und Gotha vermahlt. Im Kriege hat Rumänien trotz des deutschen Blutes in den Adern des Herrscherpaares bekanntlich im Femo- bund gestanden und gegen Deutschland gekämpft. Der älteste Sohn des Herrscherpaares, der 1893 geborene Kronprinz Karl, wirft jetzt seine Nachfolgerpflichten beiseite. Er hat sich außer Landes begeben und sich trotz zahlreicher Versuchs ihnzuruck- zuholen, geweigert, wiederzukommen. Der Minister des königlichen Hauses hat den Kronprinzen zuletzt in Venedig aufgesucht und jetzt einen Brief von diesem nach Bukarest mitgebracht, worin der Kron- prinz, der sich inzwischen nach der Schweiz begeben hat bittet, den Namen Scarlat Monastireanu an« nehmen zu dürfen. Scarlat ist die rumänische De- zeichnung für Karl, während Monastireanu der Name des rumänischen Landgutes des Prinzen Ca- iol ist. Wie verlautet hat Prinz Carol drei Briefe on feine Familienangehörigen gerichtet, und zwar einen an feinen Vater, einen an feine Mutter und einen dritten an feine Gemahlin, Prinzessin Elena.
Seiner Frau teilte der Prinz mit, daß er die Ehegemeinschaft aufgebe und nie wiederaufnehmen würde. Er gebe ihr volle Freiheit, Scheidungsklage einzureichen.
Letzte Bemerkungen geben den Schlüssel für den ganzen Vorgang. Im Jahre 1918 war der Kronprinz eine morganatische Ehe mit der Tochter des rumänischen Generals Lambrino eingegangen. Die Ehe wurde später für ungültig erklärt. Seit dem 10. März 1921 ist er mit der Prinzessin Helene von Griechenland verheiratet, einer Schwester des abgesetzten Königs von Griechenland. Aus diese Ehe, die Kronprinz Carol lösen will, um wieder zu seiner ersten ebenbürtigen Frau zurückzukehren, ist ein Söhnchen entsprossen, Michael, geboren am 25. Oktober 1921. Auf diesen soll jetzt die Nachfolgeschaft übergehen, die angesichts des 61. Lebensjahres des Königs Ferdinand nicht in allzu ferner Zeit wird angetreten werden müssen.
Die Agentur Orient Radio meldet aus Bukarest: Die Zeitungen sprechen allgemein das Bedauern über den Beschluß des Prinzen Carol aus, dem Thron zu entsagen. Es wird heroorgehoben, daß der Prinz im Laufe der letzten Jahre nun zum dritten Male den Entschluß erklärte, dem Throne und den Vorrechten des Königshauses zu entsagen.
Nach allen Methoden.
Man schreibt uns:
Nunmehr wollen auch die K o m m u n i st e n nach der gleichen Methode, wie sie die Sozialdemokratie anwandte, die christlichen Gewerkschaften zertrümmern. Der „Germania" ist ein vertrauliches Schreiben in die Hände gefallen, das die Bezirksleitung der kommunistischen Partei Ruhrgebiet unter dem 2. Dezember 1925 an ihre Ortsgruppen, Zellen und Funktionsleitungen geschickt hat. Cs heißt darin u. a.:
„Es ist notwendig, daß wir sofort die Partei darauf einstellen, auch den Kamps aufzunehmen in verstärkterem Maße als bisher gegen die Zentrumspartei und die christlichen Gewerkschaften. Vor allen Dingen sollen die Parteigenossen nicht die chrisllichen Arbeiter in ihren religiösen Empfindungen verletzen, sondern sie sollen bei den Wirtschaftsfragen anknüpfen, da der christliche Arbeiter in diesen Fragen leicht geneigt ist, ein Stück Weges mit den Kommunisten zu gehen. Der christliche Arbeiter wird von seinem religiösen Empfinden erst befreit werden, wenn in ihm das Klassenbe- wußtsein erwacht. Und das Klassenbewußtsein kann erst erwachen in der Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit. Die materialistische Geschichtsauffassung hat uns gelehrt, daß man den christlichen Arbeiter nur gewinnen kann, wenn man bei den Tagesnöten ihn auf den Weg des Kampfes bringt gegen unsere Ausbeuter. . . . Die treten Gewerkschaften mache» mit den christl. Gewerkschaften gemeinsam die Arbeitsgemeinschaftspoli- tik. Es ist auch deshalb notwendig, daß zunächst alle Verwaltungsstellen aller gewerkschaftlichen Organisationen, sofern wir sie in der Hand haben, einen verschärften Kampf organisieren gegen die christlichen Gewerkschaften. Ferner ist aber auch notwendig, daß überall dort, wo unsere Genoßen fraktionell in den freien Gewerkschaften auftreten, sie die Frage des Kampfes gegen die christlichen Gewerkschaften aufrollen. Sie haben habet die Möglichkeit, zweimal zu schlagen, einmal die SPD-Bürokratie zu entlarven, sie bei den Arbeitermassen ins Unrecht zu setzen und das andere Mal die Arbeiter gegen die christlichen Gewerkschaften einzustellen. Unsere Betriebszellen, die jetzt schon in den Betrieben mit weißen Zellen zu kämpfen haben, müssen wissen, daß diese weißen Zellen genährt und gestützt werden durch die christlichen Gewerkschaften."
Warum sollen sie nicht! Sehr nett ist es jedenfalls von ihnen, daß sie sagen, was sie wollen. Statt revolutionäre eine evolutionäre Ausrottung der religiösen Gefühle bei den christlichen Arbeitern.
* Neujahrsempfang im Vatikan. Ans Anlaß der Jahreswende empfing der Heilige Baier das beim Heiligen Stuhl beglaubigte diplomatische Korps, welches ihm seine Glückwünsche darbrachtr. Unter den anwesenden Diplomaten befanden sich auch der deutsche Botschafter Diege von Bergen und der bayerische Gesandte Ritter zu Grünstem.
* Die Königin-Mutter von Italien ist schwer krank. Der Zustand der Königin-Mutter Mar- guerita hat sich plötzlich ernstlich verschlimmert. Der König und die Königin begaben sich im Sonderzug nach Bordighera, wo die Königin-Mutter wohnt.
Die Kammer tritt zusammen, um von dem Thronverzicht des Prinzen Carol und von der lieber» tragung der Thronrechte gemäß den Bestimmungen der Verfassung auf seinen Sohn, den Prinzen Mihai, Kenntnis zu nehmen. Bei derselben Gelegenheit werden Kammer und Senat aufgefordert, über die Verfügungen Beschluß zu fassen, die angesichts der neuen Lage der Dinge erforderlich werden. Der Ministerpräsident und Iustizminister sind nach Sinaia abgereist, um diese Verfügungen dem Könige zur Genehmigung zu unterbreiten.. Kammer und Senat werden die Angelegenheit in einer Sitzung zum Abschluß bringen und sich darauf
Nachdem die Feiertage jetzt hinter unS liegen, muß das durch die Weimarer Verfassung auch in Deuffchland eingeführte parlamentarische System eine entscheidende Probe für seine Zweckmäßigkeit ablegen. Die Gegner des Parlamentarismus find zahlreich und mächttg. Aber ihre Machenschaften können überwunden werden, wenn die Anhänger einer unserer Zeit entsprechenden freiheitlichen und sozialen staatsbürgerlichen Denkweise in der Lage find, auf schöne Reden auch Taten folgen zu «rssen. Die Blicke aller politisch denkenden Kreise des deutschen Volkes werden in den nächsten Wochen mit Aufmerksamkeit auf den Fraktionen ruhen in der Erwartung, daß von ihnen geleistet wird, was notwendig ist.
Die Parlamentsarbeit beginnt im Auswärtigen Ausschuß des Reichstages. Dieser wichtige Ausschuß fft zu einer Sitzung zum 9. Januar einberufen worden. Er wird sich mit der in der Oeffent- lichkeit viel erwähnten Völkerbundsangelegenheit beschäftigen. Ferner steht auf der Tagesordnung die bekannte Affäre deS Professors Stratil-Sauer, der im Auftrage des Geographischen Jnstttuts in Sachsen und mit Unterstützung der sächsischen Regierung eine Forschungsreise nach Afghanistan unternommen hatte. Dort wurde er von einer Bande überfallen und bedroht, so daß er in der Notwehr von der Schußwaffe Gebrauch machen mußte. Er tötete einen Afghanen, worauf er, nach mißlungenem Fluchtversuch, verhaftet wurde. Da vor einiger Zeit bereits einmal ein italienischer Staatsangehöriger aus einem ähnlichen Anlaß heimlich zum Tode verurteilt und hingerichtet worden war, wird die deutsche Regierung vermutlich wegen des Prof. Stratil- Sauer fo schnell wie möglich diplomatische Schritte bei der afghanischen Rechnung unternehmen. Der Auswärtige Ausschuß wird sich schließlich mit der Frage der Auswirkung der Locarno- Verträge beschäftigen.
Der Preußische Landtag tritt am Dienstag, den 12. Januar, nachmittags 2 Uhr, zu feiner ersten Vollsitzung nach den Weihnachtsferien zusammen. Die Landtagsausschüsse beginnen bereits einige Tage vorher mit ihren Arbeiten. Das Plenum wird sich u. a. mit der zweiten und dritten Beratung des Gesetzentwurfs über die Unterbringung der Schulleiter und Lehrer (Leiterinnen und Lehrerinnen) von staatlichen Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanftalten, sowie mit einer volkspatteilichen Anfrage über die Entschädigung der durch die rechtswidrige Besetzung des Ruhrgebiets betroffenen Gemeinden beschäftigen.
Der Reichstag, der gleichfalls am 12. Januar Zusammentritt, hat noch keine fest formulierte Tagesordnung vorgelegt. Man erwartet offenbar noch bis dahin das Vorliegen neuer Tatsachen in der Frage der Regierungsbildung.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbellagen: .Illustrierte Beilage" und .Buchenblätter". 3iotation86ruct und Verlag der tznldoer Ü ktikndruckerei in Fulda. Fernsprecher Rr. 9.
^anatlicher SSentirttorei»:-1.50 Mk.
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dem entsetzlichen Anschauungsunterricht, den mir just zwischen den Festtagen erhalten haben, geradezu ein Verbrechen, wenn diejenigen Kräfte und Parteien, die zur Führung der Geschicke des Reiches berufen find, sich auch jetzt,wieder dieser gemeinsamen Zusammenarbeit versagen wollten.
Rasch und entschlossen muß diese Regierungskrisis, die zu den betrüblichsten Erfahrungen der letzten Jahre gehört, ihr Ende finden. Geht das nicht mit einer Mehrheitsregierung, bann muß eine Minderheitsregierung versucht werden. Die Verantwortung für die unter Umständen schädlichen Folgen einer solchen Lösung dieser Krisis fällt dann auf diejenigen, welche die Schaffung einer Mehrheitsregierung, die durchaus möglich und auch tragfähig wäre, verhindert haben. Nur eines darf nicht geschehen: daß man ein Kompromiß in einem halbparlamentarischen und halb Beamtenkabinett sucht, oder gar ein reines Beam- tenfabinett aufftellt. Daß letzteres praktisch zu verwirklichen wäre, ist kaum anzunehmen. Aber Luther trägt sich immer noch mit dem Gedanken, die Regierung in der jetzigen Form bestehen lassen zu können und die durch den Austritt der deutschnationalen Minister frei gewordenen Posten einfach durch die Staatssekretäre der betreffenden Acmter provisorifch zu besetzen. Einen parlamentarisch tragfähigen Rückhalt würde eine solche Lösung nicht besitzen. Erst recht natürlich nicht ein reines Deamtenkabinett.
Wir müssen nach ßaae der Dinge zu einer parlamentarischen Regierung kommen, und wenn die Mehrheitsregierung in Gestalt der großen Koalition nicht gelingt — den Sozialdemokraten ist noch eine kurze Bedenkfrist gelassen, denn darüber kann kein Zweifel fein, daß die bevorstehende Zentrumstagung die große Koalition als die unter den gegenwärtigen politischen Verhältnissen allein richtige" Lösung der Krisis empfiehlt — dann muß die bürgerliche Minderheitsregierung geschaffen'werden, und man muß es bann darauf ankommen kaffen, ob die Extremen von Rechts und Links den Mut haben, eine solche Regierung zu stürzen, und-ob sie dann bereit sind, die Verantwortung für die Folgen zu übernehmen.
Die Sozialdemokraten haben noch feiten eine so jämmerliche und unkluge Politik gemacht als jetzt. Locarno ist mit ihrer einhelligen Zustimmung zustandegekommen. Sie müssen allo folgerichtig die Ausführung von Locarno, also die künftige Außenpolitik mit verantworten. Ihre Sorgen beziehen sich freilich nicht mehr auf das inner- politische Gebiet. Aber es :st doch wirklich nicht abzusehen, daß die Sozialdemokraten außerhalb der Regierung einen größeren Einfluß auf diese Dinge ausüben könnten als innerhalb der Regierung. Dem- ob sie nun draußen oder drinnen sind, sie haben die gleiche Verantwortung, weil sie in jedem Augenblick traft ihres parlamentarischen zahlenmäßigen Einflusses in der Sage sind, eine solche Regierung zu stürzen ober zu stützen. Sie werden also in keinem Fall der Verantwortung los und ledig werden können. Verharren der Sozialdemokraten in ihrer unpolitischen Auffassung, bann muß unter allen Umständen die bürgerlirbe Minderheitsregierung versucht werden, die, wofür sich dann die Sozipldemokraten die Schuld zuzuschreiben hätten, unter Umständen mit einem starken Rechts eins ch lag versehen wäre Denn wir ntüffen zu einer Regierung und Hamit zu einer Führung kommen, und auf eine Reich stngsauflösung hinzu«rv rten, wäre in diesem Augenblick ein Verbrechen oin Volke, dcnr niemand vermag abznfehen, was bei der heutigen sozialen Gärung im ?aide. bei der wirtschaftlichen und politischen Verwahrlosung aus einer solchen Wahl herauskäme.
Es wäre unerträglich, wenn nun jetzt von neuem das Rätselspiel tmt die Recherungsbüdung begänne. In ganz kurzer Frist muß die neue Regierung auf die Füße gestellt werden. Es ist ganz gleschgültig, ob nun wieder ein Parlamentarier mit der Koalitions- und Regierungsbildung beauftragt wird, oder ob Luther selber sich diesen Bemühungen unterzieht. Das Parlament und gerade dieser Reichstag würde aber seinen offenen Bankerott erklären, wenn er eine Lösung zuließe, die seinen Einfluß ganz automatisch auf den bürokratischen Regierungsapparat übertragen würde. Wir werden ohnehin um Maßnahmen sehr ernster und schwerwiegender Natur nicht herumkommen. Es wird sich sehr rasch die Frage aufdrängen, ob die Regierung bei dem Jnterefsenstreit im Parlament ihren Aufgaben gegenüber der Gesamtheit gerecht werden kann, und ob es nicht notwendig wird unter eigener Verantwortlichkeit hier b e» stimmte Vollm achten zu geben. Aber eine Führung muß da fein, und Aufgabe der dem Volke gegenüber sich verpflichtet fühlenden Par- feien muß es fein, für die Bestellung einer solchen Regierung mit allem Nachdruck und in aller Kürze Sorge zu tragen.