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anderen Spanier. Den Kastilier aber, jenen Dolks- stamm, der durch seine Sprache und seine Führer- eigenschasten Spanien erobert und dann auch die spanische Halbinsel zum Mittelpunkt eines Weltreiches gemacht hat, den haßt der Katalonier, weil der Kastilier jetzt erschlafft und ein Schlendrian geworden sei. Sich selbst hält er für bestimmt, Spanien zü erneuern und zu modernisieren. Daran ober wirÄ er durch die harren militärischen Maßnahmen der kastilischen Regierung immer wieder gehindert. Nicht mal die Selbstverwaltung bewilligt man ihm. Zwar hatte Primo de Rivera, der Militär-Diktator, bei Uebernahme) der Macht versprochen, die Provinzen, und namentlich auch Katalonien selbständiger zu machen; doch er har es nicht gehalten, sagen die Katalonier; er habe es zur Sicherheit der Ordnung nicht halten können, sagen die Freunde der Diktatur. Doch die Diktatur hat gerade in Katalonien, dem geschichtlichen Lande des Aufruhrs, die Zügel schärfer angezogen. Professoren der Universität und Förderer der katatonischen Freiheitsbewegung, wurden ihres Amtes entsetzt oder gemaßregelt, ihr Institut für katalonifche Sprache, Sitte, Geschichte wird eingeengt und im Dasein bedroht, ja, der nationale Tanz ist den Kataloniern verboten. Jeder Katalonier ist deshalb umsomehr ein Gegner des Militär-Direktoriums, je echter, je leidenschaftlicher er sich als Katalonier fühlt.
Die nordöstlichen Provinzen Spaniens: Navarra und die drei des Baskenlandes, alle sehr stolz auf ihre geschichtlichen Sonderrechte in der Verwaltung, fühlen sich nicht minder bedroht durch die „ju lange" dauernde militärische Zentralregierung. Dazu sind die Basken, ähnlich wie die Katalonier fleißig und modern industriell geneigt. Sie ziehen Staatsformen, die sie fördern, jenen vo.s, die sie, obgleich sie traditioneller sind, hemmen.
Ueberall im Lande aber hat das Militärdirektorium sich nach und nach Gegner aus drei besonderen Gründen geschaffen. Man wirst ihm vor, das M i l i t ä r zu sehr zu begünstigen. Nicht nur das Volk, sondern auch die Studienkommission zur Abrüstung beim Völkerbund, findet, daß die Anzahl der Generale in keinem Verhältnis zum Ofsizier- korps und daß das Offizierkorps nicht im nötigen Verhältnis zur Soldatenanzahl stehe, das heißt, es gebe zu viele Generale und zu viele Offiziere. Schon allein die Kosten dieses Apparates verhinderten einen Ausgleich im Staatshausbalt und machten die Lebenskosten in Spanien so hoch.
Diese Unkosten vergrößere unerträglich der K r i e a in M a r o k k o , der nur im Interesse eben dieser Militärpartei, und der Kriegslieferanten geführt werde. Von den kleinen Leuten will jetzt in der Tat niemand mehr etwas von diesem Kriege wissen. Selbst wenn er glücklich zu Ende geführt wäre, hätte niemand vom Siege einen Vorteil, der den großen, gebrachten Opfern entspräche. Marokko etwa so zu kolonisieren, wie es der Franzose schon mit glücklichem Erfolge in seinem Teil Marokkos vermochte, dazu fehlt dem Durchschnitts-Spanier die Lust. Seine geringe Schatzung der Arbeit hemmt ihn so, daß ihm eigene größere Unternehmungen nicht einfallen. Noch in stärkerem Maße als im Jnlande würden vor allem erst die Ausländer und dann erst Katalonier und Basken die Unternehmer der marokkanischen Kolonie sein. Lieber erleidet er im Jnlande sein schlechtes Los. Muß er schon aus-
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Samstag, 20. Dezember 1924.
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wandern, dann zieht er Länder mit modernem Führergeiste vor, denn dort hat er selbst weniger Verantwortlichkeit, seine Arbeit wird demnach besser belohnt und auch sein Leben höher bewertet. Der alte Kampfgeist gegen den Islam und das Araber- tum ist in ihm erloschen. Er ist müde und will nur leben. Eine Regierung, die ihm Marokkokriege aufhalst, wird er vorläufig nicht lieben.
Der mächtigste Gegner des Militärdirektoriums ist der Liberalismus, eben jener, der durch das Direktorium aus der Macht vertrieben wurde mit dem Grunde, daß er Spanien versumpfe. Aber wie das immer so geht, wer regiert, zeigt, was er kann, und — nicht kann. Indem er zeigt, was er kann, bekämpft er jene, deren Schwäche ihm die Macht überließ; in dem er zeigt, was er nicht kann, ermuntert er feine Feinde. Sein Ausleben stärkt das Wachstum der Gegner. Das eigenartigste an dem Direktorium ist deshalb nicht er selbst, sondern sein unsichtbar gemachter Feind. Ihn muß jeder, der offene Augen hat, als neugekräftigt erkennen. Man sieht es schon am Erfolg ihrer Zeitungen. El Jm- parcial, La Libertad und die Informaciones werden viel gelesen. Für den Liberalismus wirbt auch der Erfolg des Buckes „Las Responfabilidades del antiguo Regimen (Die Verantwortlichkeit der bisherigen Regierung), worin der ehemalige Ministerpräsident Graf von Romanones über die Leistungen der bisherigen parlamentarischen Negierung ausführliche und dokumentierte Rechenschaft gibt.
In Paris arbeiten die liberalen Schriftsteller Michel von Unamuno und Vlasko Ibanez, die zu den bedeutendsten von Spanien zählen, für die Republik.
Kein Zweifel besteht, daß die Gegner des Mili- tärdirektoriums zahlreicher und stärker sind, als es scheinen möchte. Kein Zweifel auch, daß es trotz besten Willens weniger geleistet hat als erwartet wurde, und daß seineTagegezählt sind.
In welcher Form es beseitigt wird, ist nicht sehr wichtig in einem Lande, das so leicht wie kein anderes Staatsstreichen verfällt. Aber Revolution? Dazu scheint mir das Volk zu skeptisch, zu müde zu Aenderungen und zu wenig erfüllt vom wahrhaftigen Geist zu tatkräftigen Dingen, mögen sie nun gut oder böse sein. Don einer sozialen Revolution im russischen Sinne kann schon gar nicht die Rede sein. Es wäre mehr als anderswo die blutigste und brutalste Herrschaft der — Anarchie.
Für den deutschen Gesichtspunkt wäre daran zu erinnern, daß das spanische Ostizierkorps seinerzeit den Eintritt Spaniens in den Weltkrieg gegen Deutschland zu verhindern wußte, und daß der spanische Klerus deutschfreundlich ist und viel für die hier interniert gewesenen Kamerundeutschen getan hat.
Von den Führern de? äußersten republikanischen Liberalismus IM" Unanmna und Ibanez deutschfeindlich. Letzterer ist der berüchtigte Verfasser des ungeheuer verbreiteten und verfilmten Romans „Die vier Reiter der Apokalypse", worin alles Deutsche auf geschickte aber verlogene Weise als widerlich und gemein hingestellt ist, wie denn überhaupt dieser Schriftsteller seine glänzenden Gaben oft sehr einseitig gebraucht, gegen alles, was seinem Freigeistertum nicht liegt.
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Madrid, im Dezember 1924.
Mit dem Winter ist nicht nur die sonst so trockene, so kristalische Lust in Spanien dicker, sondern auch das spanische Öffentliche Gemüt schwerer und gespannter geworden. Die Mißzufriedenheit mit der diktatorischen Militärregierung trat in einen nervösen Zustand. Vorgänge, von denen die Auslän- der mehr als die Inländer erfuhren, erregten mehr als sie besänftigen. Sie waren aufrührerischer Art. In Navarra handelte es sich um den Putsch bei Dera mit nur 30 Mann. Er endigte mit 3 Todesurteilen. Im katholischen Darzelona war es ein Anschlag gegen eine Kaserne, wofür 2 Rädelsführer die Todesstrafe erlitten. In Madrid wurden Versammlungen von früheren Politikern, bekannten Gelehrten, Schriftstellern uM Generalen entdeckt. Die Generale Verenger und Saravia wurden in längere Festungshaft geschickt. Außerdem sollen in Madrid an 200 Personen verhaftet worden sein, und ähnlich masienhaft soll man auch in Zaragoza, Bilbaw und Barzelona verhaftet haben. Die seit mehr als einem Jahr ununterbrochen scharf ausgeübte Zensur wurde noch verschärft. Der erst vor einigen Monaten aufgehobene Paßzwang an der portugiesischen uM französischen Grenze wurde wieder eingeführt. Der Rekrutenjahrgang von 1924 wurde beschleunigt eingezogen und die Entlassung der im letzten Jahre dienenden Klasse von 1921 hinausgeschoben. Die Polizisten und die Gendarmen erhielten Befehl zur strengsten Aufsicht. Das spanische öffentliche Gemüt aber ist gespannter als je und lebt in einer Gewittertemperatur, wo Revolutionen gedeihen. Aber ist sie nahe? Und wodurch stärkt sie sich?
Wer zurzeit die Macht in Spanien ausübt, ist das Militär-Direktorium. Es wird gestützt von der Mehrheit der Derufsmilitärs, vom Klerus und einem großen Teil der kapitalkräftigen Stände. Im Anfang genoß es sehr viel Kredit vuch in weiten Teilen des Volkes. Es versprach das glorreiche Ende des Marokkokrieges und es begann allerlei Maßnahmen, die den Verkehr sicherten und verbesserten, die das Bankwesen, den Handel und auch das Beamtentum wieder ordneten. Während der Herrschaft des Liberalismus war die vorherige Regierung zu einer Günstlingswirtschaft entartet. Der Weltkrieg, der manchem Unternehmer im modernen Spanien zu Reichtümern verhalf, lockerte die Sitten, und der Liberalismus erschien als der unfreiwillige Förderer der allgemeinen Anarchie. Dazu kommt, daß der Liberalismus zwar nicht durchaus religionsfeinlich, aber doch ein offenerGegnerderKircheist. Das Direktorium schützte die Kirche und den Traditionalismus und erdrückte den Anarchismus. Das waren Handlungen, die auch dem gesunden und mäßigen kleinen Mann das Leben erleichterten. Deshalb war auch der kleine Mann lange für das Militärdirektorium, den großen Mann gewann es durch den Ausbau und die Befestigung des Steuersystems. Außerdem hat sich der König (nölens volens, behaupten viele), auf die Seite der Militärdiktatur gestellt, was die zahlreichen Freunde der spanischen Ueberlieferung ebenfalls zu Freunden der Militärdiktatur machte.
Die Gegner der Diktatur befinden sich besonders in Katalonien. Das ist die rührigste, die modernste Provinz Spaniens. Ihre Bewohner glauben an ihre unbedingte Ueberlegenheit über alle
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