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Dorrnerstag, 18. Dezember 1924«

Aulkaer Leitung

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5. Blatt.

*"*"* Druck bet Fuldaer Aetteudtuckerei in Fulda

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Auswertung und Volksvermögen

ihre Rechte nicht vorbehielten. Noch im Jahre 1919 hatten wir allein rund 37 Milliarden G. M. Guthaben cm den deutschen Sparkassen. Die deut­schen Hypothekenbanken hatten allein säst 12 Mil­liarden G. M. Hypotheken ausgegeben; und an den deutschen Börsen wurden an Anleihen und Obli­gationen noch etwa 82 Milliarden G. M. gehandelt.

Unter Berücksichtigung der inzwischen erlosche­nen Forderungen kommen wir aus Grund vor­sichtiger Berechnungen zu dem Schluß, daß der Nennbetrag sämtlicher alten Forde­rungen (Hypotheken, Pfandbriefe, Anleihen, Obligationen, Sparkassenguthaben usw.), die für eine "Aufwertung in Frage koinmcn, sich heute auf etwa 120 b is 130 Milliarden GM. beläuft.

Die ganze Problematik der Aufwertungsfrags, vom volkswirtschaftlichen Standpunkt gesehen, wird klar, wenn man sich einen Ueberblick über die Einschrumpfungdes deutschen V o f vermögens verschafft. Die Größe des Keuschen Volksvermögens in der Vorkriegszeit ist durch Be­rechnungen von sachverständiger Seite auf durch­schnittlich etwa 300 Milliarden GM. ermittelt wor­den. In den Nachkriegsjahren, in denen die unge­klärten deutschen Wirtschafts- und schwankenden Wertverhältnisie keine sichere Bewertungsgrund­lage gaben, haben vorsichtige Schätzungen einen Rückaang des Volks vermögens auf etwa 170 bis 180 Milliarden GM. erge­ben. Daraus geht hervor, wie stark das deutsche Dolksvermögen im Kriege und unter den furcht­baren Wirkungen des Versailler Diktats zusammen­geschrumpft ist.

Diese Gegenüberstellung ist selbstverständlich nichr geeignet, die an sich wohlbegründeten und be- rechtigten Ansprüche der Gläubiger auf eine onge- 'messene Aufwertung ihrer Forderungen zu entkräf­ten. Wohl aber gewinnt man bei einer Betrach­tung der genannten Zahlen am ehesten eine Vor­stellung von der ungeheuren Bedeutung und Trag­weite einer Aufwertung für die deutsche Volks­wirtschaft »ich damit für das gesamte deutsche Volk.

verdienen die Bestrebungen derSelbsthilfe" die eifrige und warmherzige Förderung Aller. Wir müssen alle hoffen und wünschen, daß es gelingen möge, in wirk- fcimer Weise zur Gesundung und Erstarkung unseres Mittelstandes beizutragen. Dies ist Heuzutage ein wert­voller Dienst am Volke!

Gemeinnützige Krankenversicherung.

Map schreibt uns:

Die Not des Mittelstandes hat die bisher stets sehr vernachlässigte Krankenversicherung zu einem der meist erörterten Themate gemacht. Auch hier schweißt die übergroße wirtschaftliche Not Leidensgenossen zu­sammen und lehrt sie, daß Einigkeit stark macht, wenn ave für einen und einer für alle steht. Die Cinkommens- verhältnisse des Mittelstandes, insbesondere der Beam­ten, der Handwerker, der Kaufleute, der freien Berufe, der Angestellten sind denkbar traurig, die Preise da­gegen sind mindestens nicht unter Friedenshöhe, und mithin ist es dem schwer um feine Existenz ringenden Aerztestande wahrhaftig nicht zu verdenken, daß er nach Möglichkeit seinen Liquidationen Friedenspreise zu­grunde legt. Wer dem Mittelstände dadurch zu Helsen vermeint, daß er nun gegen den Aerztestand zu Felde zieht, leistet ihm einen schlechten Dienst. Viel bessere Helfer in der Not sind die, welche sich bemühen, die Last einer Arztrechnung dadurch zu mildern oder sogar ganz abzuwälzen, daß man sie auf viele Schultern ver- teilt So schwach diese vielen Schultern im einzelnen sein mögen, vereint sind sie stark und halten auch die Belastung mit Friedenspreisen der Aerzte und Apothe- ker aus.

Um hier helfend einzugreifen, ist durch öffentllch- rechtliche Provinzial-Dersicherungsanstalt in Breslau die Selbsthilfe", Krankenversicherung für den Mittelstand o. ® eingerichtet worden, die ihre Tätigkeit über den ganzen Freistaat Preußen erstreckt und in den einzel­nen Provinzen unter der Leitung der zuständigen öffente lich-rechtlichen Provinzial-Lebensoersicherungsanstalten steht (für die Provinz Hessen-Nassau: Prooinzial-Direk- tfvm Hessen-Naflamsche Lebensverstcherungsanstalt Wiesbaden).

Die Einrichtungen der Selbsthilfe haben bisher einen sehr großen Zuspruch gefunden, und zwar wohl in allen Kreisen des Mittelstandes in Stadt und Land. Das Hegt, abgesehen von der bereits überall erkannten Not­wendigkeit der Krankenversicherung, vor allem aber auch on den überaus günstigen Bedingungen, die die Selbsthilfe bietet Der Beitrag betragt für das Mitglied selbst 2,50 Jl monatlich. Für 2,50 <M. monatlich ist die Mitversicherung eines zum Haushalt gehörigen Fami­lienangehörigen zulässig, und die sämtlichen Kinder einer Familie ohne Rücksicht auf ihre Zahl sind ebenfalls mit monatlich 2,50 <M versicherbar. Insgesamt hat also eine unverheiratete Person 2,50 .M, ein kinderloses Ehepaar 6 <M, eine Familie mit Kindern 7,50 Jt monatlich zu zahlen. Die Aufnahmegebühr beträgt einen halben Mo­natsbeitrag. Die Gegenleistungen der Selbsthilfe-Ver­sicherungen sind so hoch als nur irgend möglich bemessen und werden bereits nach Ablauf von 8 Wochen ge­währt, Wochengeld nach 9 monatiger, Sterbegeld nach einjähriger Mitgliedschaft. Versicherungsfähig sind alle Personen von 21 bis 60 Jahren und Kinder von der Geburt bis zum 21. Lebenssahre. Natürlich muffen die neu aufzunehmenden Versicherten gesund sein. Wegen einer bei der Aufnahme oder in der Wartezeit schon vorhandenen Krankheit treten die Kassen nicht ein. Die llrsache liegt auf der Hand: Ein brennendes Haus kann nicht noch gegen Feuersgefahr versichert werden. Bei der Selbsthilfe gilt vollständig freie Aerzte- wahl. Der Arzt braucht überhaupt gar keine Kennt­nis davon zu haben, ob fein Patient Mitglied ist oder 'nicht. Der Versicherte bezahlt seine Arzt- usw. Rech­nungen und sendet sie an dieSelbsthilfe" ein, worauf er die, Erstattungsbeträge zugesandt erhält.

Bei sehr großer Verbreitung dieser Versicherung wird sich ein außerordentlich billiger Krankenoersicherungs­schutz ermöglichen lassen. Kluge und vorsichtige Leitung ist natürlich wie Überall auch hier am Platze. Die Selbsthilfe" ist nicht dazu da, sich von gewissenlosen Versicherten ausnutzen zu lassen, die, weil sie versichert sind und nur deshalb Arzt und Apotheke über Gebühr und ohne Notwendigkeit in Anspruch nehmen. Für solche Leute ist eine Versicherung nicht da, sondern nur für die ernsthaften Versicherten, die wissen, daß ihre Dtitverficherten das Geld aufbringen müssen, womit Die Arztrechnungen usw. erstattet werden, und die des­halb die Versicherung nur dann in Anspruch nehmen, wenn es notwendig ist; sie haben aber auch dann die Gewißheit, daß sie in jeder Beziehung gut bedienr werden.

An den niedrigen Beitragssätzen haben vor allem auch die Aerzte selbst ein großes Interesse, beim die Versicherten derSelbsthilfe" sind stets in der Lage, einen Arzt zu konsultieren, wenn es nötig ist. Durch sachgemäße Bemessung seiner Liauidationen wirb der Arzt daher in ganz besonderem Maße derSelbsthilfe" ermöglichen, ihren Verpflichtungen gerecht zu werben, obwohl sie so niedrige Beiträge erhebt.

So ist dieSelbsthilfe"-Kran?enversicherung eine Einrichtung, die das lebhafte Interesse aller Beoölke- rimgskrcise verdient, die entweder zum Mittelstände sslchr gehören oder mit ihm zu tun haben. An einem gciunben, _ kaufkräftigen Mittelstand daß er wohl­habend sein möchte, wagt man heute noch nicht so recht auszusprechen ist beinahe jeder interessiert. Daher

mit ungeheurer Gewalt au? der Mauer herauAgc- risstn und auf den Hof geschleudert.

* Ter älteste deutsche Hundename. Ter Hund ist schon seit aliersber ein treuer Freund nnirrer Vorväter gewesen, allein mit welchem Namen man die Hunde'in frühester Zeit benannte, das läßt sich nur schwer ausfindig machen. Einen Anhalt hier« für geben uns erst dieGapitulare de villis", die Wirtschaftsverordnungen Karls des Großen, die lange Jahrhunderte verschollen waren und erst im Laufe Les siebzehnten Jahrhunderts wieder aufge­sunden wurden. Denn aus ihnen geht hervor, baß man zur Zeit Karls viele HundeFar" nannte. Dies dürfte also der älteste deutsche Hundename sein, der bisher bekannt ist.

*Lahenaugen" oder eine praktische 6in- rlchlung. Vom 1. Marz 1925 ab müssen in Dänemark alle Fahrräder drei Viertelstunden nach Sonnenuntergang und drei Viertelstunden vor Sonnenaufgang sog.Katzenaugen", das ist ein rotes Hinterlicht, zeigen. So sagt eine neue Ver­ordnung des Iustizrninisters.Katzenaugen" ist die volkstünrliche Bezeichnung für ein kleines rotes Reflexgas, das man in Dänemark jetzt vielfach an Fahrrädern angebracht sieht. Sobald Autolicht auf LiesKatzenauge" fällt, gibt es einen roten Widerschein, der vom Auto aus deutlich sichtbar ist und zur Vorsicht bei Ueberholung mahnt. Dazu will nämlich die neue Verordnung beitragen und so Unglücksfälle zu verhindern suchen. Zahlreiche Erprobungen hoben die Zweckmäßigkeit der Ver­ordnung ergeben.

* Ein Zahn von 16 Pfund Gewicht wurde bei einer Ausgrabung in N o r d - I o r k s h i r e ge­sunden. Man hat noch nicht feststellen können, welchem Tiere er angeyört haben mag, da derartig große und schwere Zähne bisher noch nirgends auf- gesunden wurden.

Auf Grund bester Informationen erhalten wir folgenden Beitrag:

lieber die moralische Berechtigung des Gläubigeranspruchs kann kein Zweifel bestehen. Wenn der Gläubiger, der irgendjemand vor dem Kriege oder später in irgendeiner Form einen Teil seines Besitzes geliehen hat, heute sein Gut in dem gleichen Geldwert zurückerhalten will, so kann er sich, unzweifelhaft mit Recht, auf jahrtausendelang in Geltung befindliche Moralansichten berufen und die Meinung vertreten, daß ihm bei Nichterfüllung feiner Ansprüche ein Unrecht geschieht. Diesen An­spruch hat auch im Prinzip der Staat anerkannt, als er sich seinerzeit in einem allerdings sehr be­schränktem Maße zu einer Aufwertung der alten Forderungen verstand. Welchen Grad von Unzu­friedenheit diese Regelung im Kreis der Beteilig­ten hervorgerufen hat, ist bekannt. Eins neue Regelung, über die die neue Volksvertretung zu befinden haben wird, st e h t b e v o r. Es ist unter diesen Umständen von Interesse, sich einmal kurz die Gesamthöhe der alten Forderungen zu vergegenwärtigen, die für eine Aufwertung in Frage kommen, und diesen Forderungen die gegen­wärtigen volkswirtschaftlichen Unterlagen gegen­überzustellen. Denn es ist klar, daß da, wo An­sprüche gestellt werden, auch Quellen vor­handen sein müssen, aus denen sie befriedigt wer­den können. Gleichzeitig ergeben sich auch aus der Aneinanderreihung derartiger Zahlen die natür­lichen Grenzen, die angesichts der Lage der Volks­wirtschaft den an sich berechtigten Aufwertungs­ansprüchen gezogen sind.

Wie hoch sind etwa die alten For­derungen, für die eine Auswertung in An- spnich genommen wird? Es ist nicht ganz leicht, diese Frage in schlüssiger Weise zu beantworten. Die Schätzungen, die hier genannt werden, gehen außerordentlich weit auseinander. Sie bewegen sich meist in den Grenzen zwischen 100200 Mil­liarden Goldmark. Man berücksichtigt dabei nicht immer, daß in den Nachkriegsjahren zahlreiche Hypotheken, Obligationen usw. zurückgezahlt wur­den und damit erloschen sind, weil sich die Gläubiger

Y§rNischte§.

* Zum Tobe verurteilt wurde vom Schwur­gericht in Regensburg der Händler Ruß- wurm aus Fahr wegen überlegten Mordes Er hatte das Anwesen seiner Geliebten an­gesteckt, um sie zur Rückkehr zu ihm zu veranlassen und sie später erschossen. Wegen Brandstiftung erhielt er noch eine Strafe von 15 Fahren Zucht­haus.

* Berliner Straßmgefahren. Sonntag mittag stieß im Norden Berlins ein Automobil der Feuer­wehr mit einemSchlächterfuhrwerk zusammen. Das Automobil wurde umgeworsen und völlig zer­stört. E n Feuerwehrmann erlitt schwere Verletzungen.

* 75 Kühe verbrannt. Ein großer Kuhsiall des Rittergutes Dolgen bei Franzberg (Ostpreußen) geriet nachts in Brand. 75 Kühe sowie Ackergeräte und sonstiges Inventar nebst Heu- und Slrohvorräten verbrannten.

* Ter verhängnisvolle Kariosfekkessel. Die Beslaner Zeirung" meldet aus Neu rode: Auf dem Dominium Kunzendorf (Kr. Neurobe) explodierte zu Zeit, als zahlreiche Kinder und Erwachsene zur Abholung der Milch aus'bem Hofe roeilien, der Kessel eines Kartoffeldämpfers. Petin Aufschlag auf den Boden flog der Kessel in die Luft. Dadurch wurde ein Mann sowrt getötet und acht Kinder so schwer verletzt, daß bei einigen ernste Lebensgefahr besteht. Man nimmt an, daß mit der Kohle ein Explosions- iörper in die Feuerung gelangte. Der Kessel wurde

Lchule und Volksbildung.

= Esperanto. Während des 4. internationalen Kathotiken-Konyresses in Lugano rm Auga t d I- wurds uon neuem die Esperanto-ZeitschriftKatobka Mondo als offizielles Organ angenommen und sagende Ent« schließung gefaßt:Ein wichtiges Mrttel für ven C - folg ist die systematische Erziehungs- und Brldungsarbert in den Gruppen, deren besondere Pflicht das ^ernen und die praktische Berwe ung deS Esperanto das durchaus notwendig isi unsere Arbeit." ~ue be­kannte Flatauers kaufmännische Privatschule tn -Berlin C. 25 und Berlin-Nenkölln hat ihrem Unternehmen eine Esperanto. Abteilung eingealiebext, den Namen Schule des Esperanto-Verbandes Lernn" fuhrt. Dt« Kurse begannen am 1. Oktober. Ebenso hat die Kaus- uiännitche Privatschule von A. Frmtzick, Berlin-Kopemck am 8 Oktober Kurse in der Welwerk-Hrsspiache be« ponnen. Der 1. Brasilianische Kongreß für Kontor. Wissenschaft, der in Rio de Janeiro tagte, nahm em stimmig folgende Entschließung an:Esperanto muy m sämtlichen Handelsschulen als einzige Lösung des Prob- seins der internationalen Verständigung eingefuqrr werden". ... .

--- vom «yffhSuser Technikum SkM-renhause». Das technische Bildungswesen Deutschlands steht aut hoher Stufe.' Besondere Eigenarten unter den höheren tech« mieten Lehranstalten bietet das fast 30 Jahre bestehende Kyffhäuser-Technikum Frankenhausen mit seinen Jngenieurabteilungen für allgemeinen und landw. Maswinenbau für Elektrotechnik, Auwmobil« und ylug« technik infolge der ausgedehnten Versuchsanlagen und Laboratorien, die nach der Seite der Radio« und Hoch« spannungstechnik hin in allerletzter Zeit eine wesentliche Bereicherung erfahren haben, diese bieten tn vorbild­licher ""eise den Studierenden Gelegenheit zur Ausfuh. rang zahlreicher Versuche aus der Jngenieurpraxts ll. a. ist W Institut durch die wiederholte Veranstaltung Maschinen, und elektrotechnischer Kurse fettens des Preußischen Ministeriums für Landwirtschajt bekannt geworden. Das Kyffbäuser-Technikum wird in jebent Semester von etwa 500 Studierenden besucht. Das Sommerhalbjahr beginnt am Khffhäuser-Techntkum, das feit fast 25 .Fahren unter der bewährten Leitung von Prf. Huppert steht, Mitte April.

Neue Bücher.

Die sechs Bücher der Kunst. Herausgeber Univer« i fitätsprofefior Dr. A. E. Brinckmarin-Köln. 3. Buch: i Die Kunst des Mittelalters von Univ.-Prof. ; Dr. Schlosser-Wien. Es war ein glücklicher Gedanke, ' daß gerade die Kunst des universalen Zeitalters, des Mittelalters, einem so überaus vielseitig gebildeten und weitblickenden Forscher rote Schlosser übertragen wurde. Schlosser hat mit vorsichtiger Hand hie großen Umrisse der gewaltigen mittelalterlichen Ktmstleistung entworfen, deren Krone das Gefamtkunstroerk des Domes und ins­besondere des deutschen Domes ist. Er bringt dabet zu einer Deutung der Kunstwerke vor welche sich mit den modernsten Problemen (Raumpröblem u. a.) aus» einandersetzt. Ueberall wird ebenso umfassend wie ein- dringend der geistige Geholt der Kunstroerke heraus-- gestellt: Die überwiegende Geistigkeit des Mittelalters, seine starke Gefühlswärme und ungehemmte Phantasie­tätigkeit. Bis in die Gegenwart hinein werden sowohl die mannigfachen Aehnlichkeiten wie auch die schlagen­den Gegensätze zur Erläuterung herangezogen. Ueberoll- hin verfolgt Schlosser, oft in neuartiger überraschender Weise, das Geflecht der kulturellen Beziehungen zwischen den einzelnen Nationen und hebt die großen Unter­schiede zwischen Italien und dem Norden, zwischen West und Ost hervor. Immer erneut weist er auf philoso­phische, literarische, musikalische und foMkcst erscheinungen- hin,, nicht jedoch ahne».beneck/tiqle^Äbkehr von bloßem gefühlsmäßigem Kulturgerede. Dazu kommt eine reiche Bildersolge, die nach Schönheit, Auswahl und Anordnung den Sinn der Kunst durch Anschauung zu erschließen bestrebt ist. Die vielfach un­bekannten Abbildungen sind so sinnfällig belehrend aus­gesucht und gegenübergestellt, daß sich Jedem beim ver­gleichenden Betrachten reiche Einsichten ergeben. So schließt sich dieser Band den bereits erschienenen der billigen Reihe als besonders wertvoll an.

Das deutsche Drama. Von Oberstuoienrat Dr. H. Schauer. (Deutschkundliche Bücherei.) «eiten. Preis geh. 60 Pfg. Verlag von Quelle ü. McMr chn , Leipzig. Diese dankenswerte Uebersicht über i)te Ent­wicklung des deutschen Dramas seit der Renaissance geht nicht darauf aus, ein Verzeichnis der dramatischen Dich­ter und ihrer Werke oder gar Inhaltsangaben zu liefern. Vielmehr entwirft diese Arbeit in wenigen charakteristi­schen Strichen ein Bild der einzelnen Sttlepochen im« (eres Geisteslebens. Mit der Darstellung ist die Schil­derung der jeweiligen Bühne verbunden, aus deren Be­dingungen heraus sich ja oft allein die Form des lite­rarischen Dramas erklären läßt. Die unentbehrlichen Namen und Daten sind in einer übersichtlichen Zeittafel am Schluß des Bändchens beigegeben, das ein weiterer wertvoller Beitrag der Deutschkundüchen Bücherei ist.

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Amerika nach dem. Kriege.

Bon Ä a rl A r r. s - Bochum.

Was ist Amerika für Europa? Ein Wunder und ein Geheimnis. Was ist Europa für Amerika? Ein Museum, ein altes Schloß eine arme ent­fernte Verwandte, vielleicht eine Mutter, aber eine Mts verkannte und aus diesem Grunde entfrem- ders, gefürchtete, ja sogar gehaßte Mutter. Was ist Amerika den Amerikanern? Darauf antwortet er mit Stolz und übertriebenem PathosGod's own country" (Das Land Gottes). Und doch haben heutzutage viele Amerikaner dis leise Ahnung, daß auch Satan fein Eigentumsrecht geltend macht in dem neuen Amerika, das während des Krieges und aus seinen Nachwehen entstanden ist. Diese Erkenntnis aber dämmert nicht den vielen eifrigen, offiziellen und inoffiziellen geistigen Vertretern Deutschlands, die nach dem Frieden Amerika auf- fuchten, um das Land, das Volk, die Verhältnisse zu studieren. DieseForscher" veröffentlichten Be­richte in Form von Büchern voll kritikloser Bewun- fcerung und Mitteilungsbedürfnisses, wobei man­cher sich mit naiver Bewunderung in der Rolle i eines deutschen Kolumbus gefiel. Wie irreführend war die Mehrzahl dieser Werke! Selbst da, wo et eine richtige Auffassung brachten, konnten sie Wer mehr für das frühere "Amerika gelten.

Der Krieg hat aber auch in Deutschland eine jette Art von besonnenen Kritikern Amerikas ge­züchtet, zu deren besten unstreitig Friedrich Schö - IMMBOMH zu rechnen ist, der sich mit großem.

Bemühen für eine wirklicheAmerika-Kunde" ein­setzt und unter diesem Titel eine ausgezeichnete ' Broschüre (Angelsachsen-Verlag, Bremen) veröffent- j licht hat. Er hat neue schwere Lernjahre in den Vereinigten Staaten zugebracht und ift sicherlich weit berufener, uns die amerikanische Seele zu deuten, als irgend ein deutscher Literat oder Pro- . ftssor, den oberflächliche Hotel- und Reiseerfahrun- ! gen zu unbesonnenem, wenn nicht besinnungslosem Lob des sogenannten amerikanischen Ethos verlei- ten. Vielleicht aber können nur Amerikaner den Amerikaner verstehen; vielleicht kann er, das Ge­schöpf der Gefühle und des Instinktes, auch nur ' durch den Instinkt und die Gefühle begriffen , werden.

Darum ist es freudigst zu begrüßen, daß uns endlich ein Amerikaner deutscher Abstammung, Her- mann George Scheffauer in einem BucheDas : Land Gottes. Das Gesicht des neuen Amerika" (Paul Steegemann, Hannover 1923) die Gesichts- Züge der Vereinigten Staaten von heute zeichnet. ! Um die deutsche Unkenntnis amerikanischen Wesens : richtig zu stellen, betont er im Antlitz Amerikas . hauptsächlich die Schatten, dämpft er die allzurosige literarische Färbung alles Amerikanischen, die allzu grell-goldenen Lichter, welche die Dollarseuche und j eine falsche Auffassung deramerikanischen" Wohl- . tätigkeit nach dem Kriege erzeugt haben, zertrüm­mert er so manchen amerikanischen Götzen made in Germann, viele lang und liebevoll gehegte Illusionen, in denen wir Deutsche noch immer be­fangen sind trotz all den schrecklichen, herzzerreißen­

den Enttäuschungen, die wir als Deutsche wie als Menschen erlitten haben.

Die Amerikaner find jetzt in ein Stadium der nationalen Ernüchterung und Selbstkritik einge­treten; es sind vielleicht die einzigen höheren Werte, die der Krieg ihnen gebracht hat. Diese bewußte Selbstkritik ist natürlich nicht bei der breiten Masse zu finden, aber auch sie ist verstört und beunruhigt, von Befürchtungen und Abnungen erfüllt, Nach­wirkungen des Pandänwnismus, das kaum zu toben aufgehört hat. Bewußt selbstkritisch ist die kleine, erfreulicherweise stets wachsende Scbar jener Ame­rikaner, die rücksichtslos die Wahrheit erkennen und sie ohne Scheu aussprechen; es find insbesondere die jüngeren unerschrockenen, weniger kleinbürger­lichen Intellektuellen, die nicht nur kritisch, sondern pessimistisch geworden sind. Unter diesen Wahr­heitskämpfern und Propheten steht Scheffauer mit an erster Stelle.

In jedem Kriege hat Amerika einen Teil seines Idealismus, feiner Tradition und feiner Unbeschol­tenheit verloren. Besonders im Weltkrieg ist der materielle Gewinn gepaart mit einem moralischen Verlust. Europa hat das offizielle Amerika nw ralisch bezwungen, aber weder das aufgeklärt, moderne, freidenkende Europa der Vorkriegszen, noch de? reuige, trauernde, in sich gelehrte Europa der Nachkriegszeit, sondern das alte Europa, wie es in der Phantasie der Amerikaner lebt, des feudale, reaktionäre Europa vergangener Jahr­hunderte. So sehen mir das Land von gewaltiger Steuerlast erdrückt, mit einer Bürokratie behaftet,

die aus Horden raubgieriger und unehrlicher Be­amten besteht, von einer unsichtbaren Plutokratie geknebelt, die den vollziehenden und gesetzgebenden Körperschaften ihren Willen vorschreibt, von einer Presse in Hörigkeit gehalten, die über die or­ganisierte Lüge als giftige, unüberwindliche Waff verfügt. Wir sehen, wie Zwietracht und Haß herrsch zwischen den sonst so einträchtigen Elementen de verschiedenen Nationen, wie das Volk von einen harten, maschinenmäßigen Militarismus gewürg. wird, wie den Bürgern von den Profitmachern dar Blut ausgesogen wird, wie das Gesetz in Wim lichkeit durch Privatorganisationen, durch organi fierte Terrorbanden verdrängt worden ist, wie früheren Soldaten von der Regierung und vor ihren Arbeitgebern betrogen werden.

Wenn wir das heutige Amerika mit Schesfauere Augen sehen, so stellt es sich uns als ein modernes Barbarentum dar im Guten wie im Bösen, als ein Barbarentum, das nach der materirllsn, finan­ziellen und wirtschaftlichen Unterjochung Europas Ehrgeiz genug besitzt, um der ganzen Menschheit eh oberflächliche, mechanische und materialistische E-sellkchasts-, Wirtschasts- und Staatsordnung auf «ringen zu wollen. Dürfen wir aber mit ihm h'-i'cr, daß dieses Amerika einst den Hafchttch- iimmi seiner unbegründeten Ueberlegenheit ab- schütreln und kraft feiner gewaltigen Vitalität dann aus einer Festung des Kapitalismus, des Konser vorismus und der Reaktion eine starke Macht des Fortschritts und der Freiheit, ein Werkzeug und ein Weg zur Erfüllung hoher Ideale wird?