Zur Unterhaltung
Fuldaer Zeitung
üngelm
Am« WO WisSerftchr Seines Gsb.-rrtsjahres.
Don Dr. 3. D. Plaßmann.
Es ist eine in der TÄstesgsfchichtc sumeilen aiiurcienbe Erscheinung, daß eine religiöse oder philosophische Richtung, Ke Jahrhundert» lang zahllose Menschen, hohe rmd «ledere Geister und das ganze Zeitalter bewegt hat, loe'ce Zeit dem Bewußtsein der Allgemeinheit fast entschwunden bleibt am dann in dem Werke eines Einzigen eine Auf- erstehmrg zu erlaben, die Sinn und Wesen des Ringens vieler Geschlechter in unübertrefflicher Konzentration und Klarheit noch einmal zum Ausdruck bringt. Eine solche einzigartige Erschemung ist die Poesie des Angelus 6tlefiue, des cherubinischen Wandersmannes, der, vielgenannt und wenig bekannt, in diesem Jahre seinen 300. Geburtstag hatte. i
Kein Kirchenbuch meldet den Tag, an dem dieser eigenartige und hohe Geist im Jahre 1624 in die irdische ®eS trat, in eine Welt, die Ke Greuel des Krieges in nnechörter Weise mnzugestalten begannen. Seine Wiege stand in Breslau, Johannes Scheffler war fein bürgerlicher Name. Er, der letzte und vielleicht bedeutendste Sproß am. Saume der katholischen Mystik, war der Sohn protestantischer Eltern, in deren Konfession er auch aufwuchs. Nach seinen Studien in Breslau, Straßburg und Padua, als Doktor der Medizin und Philosophie, wurde er Leibarzt des Herzogs von Osls. 1653 schloß er sich der katholischen Kirche an, verblieb aber zunächst im weltlichen Stande eines Hofmedikus des Kaisers FerKnand III. 1661 tat er den weiteren Schritt und empfing als MtnvrÄ Ke Priesterweihe, um schließlich geistlicher Rot und Hofmarschall des Fürstbischofs Sebastian von Breslau zu werden. Im S8ste der Kreuz. Herren zu 6t. Matthias in Breslau, wo er seit dem Tode seines Gönners lebte, starb er am 9. Juli 1667.
Ein kurzes Leben, dessen hohen geistigen Reichtum er jedoch noch zwei Jahre vor seinem Tode der Mit. unb Nachwelt mitzuteilen wußte. Um 1675 erschien zu Glatz „Son dem Urheber aufs neue übersehen und mit dem sechsten Buche vermehrt, den Liebhabern der geheimen Theologie rmd beschaulichen liebens zur geistlichen Er. götzllchkeit zum and am Mal herausgegeben Johannis An»
geli Silesi Cherubinischer Wmidersmann, oder geistreiche Sinn- und Schlußreime zur göttlichen Beschaulichkeit ou- leitenb." Die erste Ausgabe mnr 1657 zu Wien erschienen
Diese Sinngedichte entstammen einer unserer trostlosesten und kümmerlichsten Zeiten und smv hoch eine geistige Ueberwinduug aller Erdenbeschränkthcit, wie wir sie tiefer und überzeugender kaum kennen. Cs ist die geistige Ruhe und Tiefe, nach der Jahrhunderte deutscher Mystik gerungen; hier wurde dem Werke der ringender. Geijter und Seelen von Hildegard von Bingen bis '-Cielfter Ekkehard die späte, aber würdige Krone zuteil, die hell auch unter den andersgearteten Kronen des Kutschen Geisteslebens erstrahlt. Die „geheime Theologie', b'e allerpersönlichste Form des Verkehrs mit Gott, hat Angelus Silefius den alten Mystikern abgelauscht; die meisten aber übertrifft er an Tiefe und Klarheit der Errcnninis- fraft, die Ke gewaltigen Problem« und transzendentesten Porstellungon ohne großen Aufwand an Worten in zwei anspruchslose Verszeilen zu bannen weih. Sie erscheine:, uns wie Diamanten von wunderbarer Klarst, i! und Kraft, fähig, das Licht der ewigen Sonne in sich zu fassen und in wunderbarer Klarheit widerstrahl-en zu lassen. Wo ist der gewaltige Kategorische Imperativ von 3:el und Zweck des Menschsndcrfeins omdringlichsr und wuchtiger zum Ausdruck gebracht, als in den Versen:
Mensch, werde wesentlich I Denn wenn die Wett oergebt, Zerfällt, was Zufall ist, das Wesen das besteht.
Das WosenÄiche, das von allen äußeren Zwecken Absolut«, ist ihm das höchste Leben an sich:
Die Rof ist ahn' Warum, sie blühet, well sie blühet, Sie acht' nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.
Der innere Quell des göttlichen Lebens sprudelt ihm ewig und ist ni# nur eine Vertröstung auf eine fernere Zukunft:
Blüh auf, gefrorener Christ! Der Mai ist vor der Tür, Du bleibest ewig tot, blühst du nicht jetzt und hier.
Wie die alten Mystiker lebt er in der Tiefe des mystischen Erlebens, in dem Raum und Zeit und Ewigkeit Ihre scheinbaren Grenzen verliere^, der „Augenblick ist Ewigkeit".
Zeit ist rote Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit, I So du nur selber nicht machst einen Unterscheid.
So steigert sich ihm die Tiefe des religiösen fühlens zur Einsfühlung der Seele mit Gott, dem Ziete aller mystischen Seelen, das aber kaum eine vor ihm mit solcher Kühnheit und so erschütternder Einfachheit ausgesprochen bat.
0 Unbegreiflichkeit! Gott hat sich selbst verlom.
Drum will er wiederum in mir fein neugebom.
Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht em Ru kann leben, Werd ich zunicht, er muß vor Not den Geist ausgeben. Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so tlein. Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht fein.
Ich bin so reich als Gott, es kann kein Stäublein sein, Das ich lMenfch glaube mir) mit ihm nicht hab gemein. Ich selbst bin Ewigkeit, wenn ich Ke Zeit verlasse, Und mich in Gott, uitd Gott in mich zusammenfasse. Der Mensch ist all« Ding, ist's daß ihm eins gebricht. So kennet er fürwahr fein Reichtum selber nicht.
Soll ich mein letztes End und ersten Anfang finden. So muß ich mich in (Sott, und Gott in mir ergründen.
Wie ihm der Mensch eine Welt ist, so ist er besonders das Urbild der Menschlichkeit, Ke heilige Jungfrau:
Maria wird genannt ein Thron und Gott's Gezelt,
Eine Arche, Burg, Turm, .Haus, em Brunn, Daum, Garten, Spiegel,
Ein Mesr, ein Stern, der Mond, Ke Morgsnröi', em
-Hügel,
Wie kann sie alles fein? Sie ist ein’ andere Welt.
Diese schlichten Verse, deren er 1675 veröffentlicht hat, wirken in ihrer Mehrzahl so mächtig, weil in ihnen der Dichter mehr aus sich selbst und zu sich selbst, als zu an. deren spricht. Auch Schefflers anderes poetisches Werk, die geistliche Liedersammlung „Heilige Seelenluft der in ihren Jesum verliebten Psyche", kann sich nächt mit ihnen Kliffen.
Zeitlos und unbestimmbar, wie sein Geburtstag und feine Poesie, ist auch der Kern und die Wirkung seiner Lieder, und wenig gelten für den überzeitlichen mystischen Geist Ke 300 Jahre, die seit seinem Geburtstage verflossen stnd. Und doch hängen viele Jahrhunderte nicht nur unserer geistigen Kultur davon ab, ob sein kategorischer Ruf „Mensch, werde wesentlich!'’ von Sieten vernommen und aufgenommen wird.
Nr. 277 vom 28. Nov. 1924. i
aus aller Welt
- Die letzten fünfzig Gorillas sollen nach englischen Zeitungen, die gegen die Ausrottung dieses meuschenayn- lichsten Äffen kräftigen Einspruch erheben, nur noch m den belgischen Kolonien und in einigen Teilen des westlichen Afrika vorkommen. In den letzten Jahren ist so eifrig Jagd auf den Gorilla gemacht worden, daß zu befürchten steht, daß er in wenigen Jahren gänzlich ausgestorben sein wird, wenn die Jagd auf ihn nicht unterbunden wird. Der Zoologe Akeley behauptet zudem, daß es überhaupt nicht mehr als ungefähr fünfzig Gorillas gäbe. Schuld an den eifrigen Jagden nach Gorillas sind in erster Linie Museen, so vor allem die Museen von Newyork, London und Stockholm, die die Forschungsreisenden immer wieder ermutigen, auf Goril- las Jagd zu machen.
— Die höchste Brücke der Welt. Der Regierung von Neu-Süd-Wales liegt ein Entwurf britischer Herkunft für eine Drücke bei Sydney vor. Sie soll die höchste Brücke der Welt werden. Die Höhe über der Hochwasserlinie ist mit nahezu 60 Meter berechnet. Der Bau wird acht Jahre Arbeitszeit m Anspruch nehmen und 50 000 Ton- neu Stahl erfordern. Die Länge soll etwa 1,2 Klm. betragen. 6 Millionen Pfund Sterling werden als Kosten angenommen. _________
tzMeres.
Boshaft. „Minna, singt meine Frau noch?” — Mein, die gnädige Frau hat sich eben beruhigt. ’
Kindermund. Die Fenster sind gefroren. Zum elften- mal sieht das die kleine Senta und staunt das Wunder an. Endlich sagt sie: „Mutti, ach, wenn doch nur die vielen Fliegen vom Sommer hier wären — wie schön könnten die jetzt Schlittschuh lausen." t
*
Schreckliches. Ein Lehrling stand in einer Menagerie vor dem Tierkäfig, in den eben der Tierbändiger eintrat. „Der hat Mut!" bewunderte einer der Zuschauer. , — „Pah! das ist doch gar nichts," bemerkte der Lehrling. „Er soll's nur mal erst mit meiner Meisterin zu tun ! haben!" (Answers.)
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Fulda, den 25. November 1924.
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