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Amklicher Anzeiger für den Kreis und die Stadl Fulda.
Nr. 276.
verantwortlich iür die SchriMeituna: Dr- Johannes Kramer- Anreisen! 3- P arreller, Fulda. Rotarionidruck und «erlas der Fuldaer $ dirrhtrdnr in Fulda. Fernivrecher Rr. 9.
Trouatlicher 8e«im88'-ei8! 1.50 Mk.
Donners tag, 27. Hot). 1924*
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51. Zahrg.
Vie LinigKttt im Reichrkabinett.
wtb Trier, 26. 3loo. (leL) 3m überfüllten Treviris-Saal sprach Reichskanzler Marx. Der Kanzler ging u. a. auf preffeveröffenklichungen über angebliche Meinungsverschie- -enheiken im Kabinett bezüglich der Außenpolitik ein und betonte mit Nachdruck, daß derartige Meinungsverschiedenheiten in den Wichtigen außenpolitischen Fragen nicht bestanden. Das Kabinett sei in der Beurteilung der Ziele und Dege der Außenpolitik heute noch genau so einig «>ie stets und seien auch die Delegierten bei der Loadoner Konferenz einig gewesen. Gewiß gebe er die Möglichkeit zu, daß die Motive, die für die einzelnen Kabinektsmitglieder maßgebend waren, zu der Notwendigkeit der immer konsequent durchgeführlen Außenpolitik sich zu entschließen, nicht immer die gleichen gewesen seien. Man solle keine Meinungsverschiedenheiten konstruieren, die tatsächlich in den grundlegenden Fragen der Außenpolitik nicht vorhanden seien.
Das Dawes-Abkommen, das von uns loyal durchgeführk werde, wie wir es auch von den andern erwarten, sei der Weg zum Ziel, zum vielleicht langsamen, aber sicheren Wiederaufbau der deutschen Freiheit.
Reber die Auswertungsfrage sagte der Kanzler, daß die Regierung alles tun werde, was in ihren Kräften stehe, daß aber nichts Unmenschliches von ihr verlangt werden könne. Die übrigen Ausführungen des Kanzlers decken sich im allgemeinen mit seinen Ausführungen in Köln und Sonn. - . ■ .....
Die Entscheidung liegt der den Mchtwählern.
Diese Behauptung mag zunächst übertrieben klingen MLd ist dennoch richtig. Am 4. Mai haben von 38 363 OtN Stimmberechtigten 8 656 720 Wahlsäumige nicht gewählt. Die Nichtwähler stellten also die größte Partei dar. Das Zentrum bekam z. B. am 4. Mai nur 3 921206 Stimmen. Nehmen wir an, daß unter den Nichtwählern derselbe Pro- zentsatz Zentrumsanhänger war, wie unter den Wählern, dann hätte ihre restlose Stimmabgabe bedeutet, daß das Zentrum 2 0 Sitze im Reichstag des 4. Mai mehr gehabt hätte. Von welcher Bedeutung aber würde eine derart starke Vertretung des Zentrums im vergangenen Reichstag gewesen sein! In diesen Ucderlegungen liegt die dringende Mahnung, dafür zu sorgen, daß es am 7. Dezember Nichtwähler in unserer Partei nicht gibt. Der größten Partei, der Partei der Pflichtvergessenen, muß immer wieder unser energischster Kampf gelten.
Die Kamerun-Versteigerung.
wtb London, 26. Nov. (XeL) Die heutigen Verkäufe des ehemaligen deutschen Eigentums in Kamerun beliefen sich auf 50785 Pfund Sterling. Die Angebote gingen langsam ein.
Tariffragen.
— Lshnverhandinng im Ruhrdergdai. Wie aus Essen gemeldet wird, konnte in den Lohnverhand- lun en des Bergbaues eine Einigung zwischen den Parteien nicht erzielt werden Es wurde_ daher eine Schlichterkammer gebt.bet, die folgenden Schiedsspruch fällte: 1. Der Tarifschichtlohn eine» Reparaturhauer» wird vom 1. Dezember an auf 6 10 Mark erhöht. 2. Die übri ien Söhne verändern sich entsprechend. Da» bedeutet eine Lohnerhöhung um 8,9 Prozent Im übrigen bleibt die Lohnordnung unverändert. Die Erklärungsfrist läuft bis zum 29. November.
Dämon Ehrgeiz.
Roman von Karl Lütge. - 11. Kapitel.
Im harz! Abseits von jeder Dahn, in einem kleinen, recht idyllischen Harzdörfchen wohnten sie. Weit drüben, hinter den Bergen, wenn man an der Rappbode entlang ging, kam man zur Drockenbahn, die von Nordhausen kommt und sich den Bocksberg hinauf windet. Der Ort lag verlassen und in köstlicher Ruhe, nur die Sägmühle am Ende der Ortes störte mitunter, wenn sie hartes Holz sägte. Don allen Seiten dräuten Wald und trotzige Bergrücken. In munterem Lauf durchfloß die sagenhafte Bode den Ort. . . .
Ein idyllischer Harzort, wie sie sich ihn gewünscht. Sie wohnten sich einander gegenüber, am Ostausgange des Ortes. Helmut bei dem Lehrer des Dörfchens und Pitta bei einer, ihre Tage hier in der Einsamren der Harzberge beschließenden Kanzleiratswitwe aus Berlin.
Sie fühlten sich sehr glücklich 2lllmorgendlich unter- nahmen sie einen Spaziergang auf die umliegenden Hohen »der an der Rappbode entlang. In den ersten Tagen hatten sie auch einige größere Partien unternommen, die aber nach und nach weogefallen waren, da sie die Bequemlichkeit und die idyllische Ruhe, die der Ort ihnen bot, den anstrengenden Au-slügen oorgezogen hatten. Sie hatten gleich am ersten Tage, dem Laufe der Rappbode folgend, dem bei Treseburg beginnenden eigentlichen Bodetal einen Besuch abgestattet, der Roßtrappe, Heren- lanzplatz und Tale Mit der Zahnradbahn über Blan- kenbnrg zurückkehrend, waren sie in Rübeland in der gerühmten Hermannshöhle gewesen.
In den nächsten Tagen wurde nacheinander die 5o= iephshllhe, Stolberg und Nordhäuser Talsperre bejucht.
Vie Engländer in llegypten.
Großen Widerstand gegen die englischen Anordnungen können die Aegypter nicht leisten. Der Nachfolger des ägyptischen Nationalisten Zaglu! Pascha ist ein Mann der Vermittlung. Er hat das ägyptische Parlament auf einen Monat vertagt, um den Verhandlungen ungestörten Verlaus zu ichern
Die Verhandlungen.
wtb London, 26. Nov. (Tel.) Wie die „Times“ aus Kairo meldet, wird zwischen dem neuen ägyptischen Kabinett nnd dem Vertreter Englands eifrig über die Möglichkeit, über die toten Punkte Hinwegzukommen, verhandelt. Man hofft zuversichtlich, daß sehr bald ein Ausweg gefunden wird.
Nach einer eingelaufensn Meldung hak am 24. November ein ägyptisches Dakaillon Omdurman geräumt. Es ist aus dem Wege nach Port-Sudan. Neville Henderson, der znm Ratgeber von Lord Allenbys ernannt wurde, hak den Titel eines bevollmächtigten Ministers erhalten. Henderson war früher Dokschafkskräger in Konstantinopel.
Militärische Maßnahmen.
Wtb London, 26. Nov. (Tel.) Reuter meldet aus Kairo, daß Truppen aus S u e j, Mekka und Gibraltar nach Aegypten und dem Sudan unterwegs sind. Line britische Brigade werde heute mit aufgepflanzlem Seitengewehr durch die Straßen von Kairo marschieren.
Ruhe in Kairo.
wtb fi a i r o, 26. Nov. (Tel.) 3m Sqvvtiichen Parlament verlas der Präsident ein k ö n i g l i ch es Dekret, durch das beide Häuser für einen Monat vertagt werden. Die Mitglieder des Parlaments gingen in Ruhe auseinander. 3n Kairo herrscht Ruhe. Zaglul Pascha hat sich nach seinem Landhause zurückgezogen.
Das unruhige Indien.
Wtb Kalkutta, 26. Nov. (Tel.) 3n den letzten drei Wochen sind fünf Attentate gegen Züge der ost-bengalischen Eisenbahn unternommen worden.
Der Reichslandhund als wahlrüpel.
Der Reichslandbund (früher Bund der Landwirte) gefällt sich darin, fo schreibt die „Kölnische Dolksztg.", getreu seiner Tradition als Zutreiber der früheren konservativen und fetzigen deutschnationalen Partei, eine Wahl- und Parteihetze zu treiben, die geradezu widerlich ist. Eine besonders schamlose Leistung nimmt sich die Nummer des Mitteilungsblattes des Reichslandbundes heraus. Es findet sich dort eine fast die ganze Seite füllende Zeichnung, die Karikatur einer Reichstagssitzung darstellend. Am Präsidententische sitzt neben einem in abstoßenden Formen gezeichneten Juden ein Jesuit mit gefalteten Händen und heuchlerisch grinsender Gesichtsverzerrung. Auf den Reichstagsbänken sitzt neben Juden, Ballonmützenträgern und Verbrechertypen eine Schar von I e - suiten in einer Aufmachung, wie man sie sonst nur in antikatholischen „Witzblättern" zu sehen gewohnt ist. Wenn die Tausende von katholischen Bauern, die an den Reichslandbund ihre Beiträge zahlen, sich eine solche Verhöhnung des katholischen Ordens- und Priestergewandes widerspruchslos gefallen lassen, dann ist es allerdings weit genug gekommen.
* Regierungsbildung in China. Reuter berichtet aus Peking: Das Kabinett ist gebildet. Tucm- Schi-Iui ist Ministerpräsident und außerdem vor- läusiger Staatspräsident.
ünd^chH^rocken hin, Braunlage, Elend, Schierke und der Brockett selbst bestiegen.
Der Harz mit seinen Herrlichkeiten erschloß sich ihnen auf ihren Wanderungen und seine herbe Schönheit et- 1 füllte ihre Herzen mit Sehnsucht. Des Abends saßen sie auf der Bank vor dem Hause des Lehrers und blickten hinauf zu den Bergen, die in der Dunkelheit versanken und gespenstisch größer zu werden begannen. Oder sie sahen dem bunten Treiben auf der Landstraße, die von Hasielfelde kam, zu. Sie saßen immer zusammen und hielten oftmals dis Hände ineinander. Man betrachtete sie allgemein als Liebespaar, ein Paar ernster Liebe». Leute. ... Sie wußten es und freuten sich darüber. . . Aber es war nicht so. Ein Liebespaar waren sie nicht. Sie redeten nie von Liebe. Ihr Beruf, der drohend und eine Schranke zwischen ihnen aufrichtend, in ihrer (Erinnerung lebte, ließ sie nicht daran denken. ... Es war eine tiefe, aufrichtige Freundschaft, die sie verband. Sie genügte ihnen.
Eines Tages waren sie nach Benneckenstein hinüber- gegangen. Als sie den (teilen Weg in den Ort hinabschritten, sahen sie an einem der ersten Häuser, an einem Tor — einen Theaterzettel — einen richtigen Theaterzettel: „Dariete-Borstellung im „Braunen Hirsch"."
Verwundert blieben fie stehen. Helmut las: „Beginn heute abend 8 Uhr. Erstklasiia« Kräfte. Vornehme Aus. stattung. Großstadrtpogramm. — Seiltänzer — Humorist — Zauberkünstler — Radfahrer!" Er sagte entschieden: „Das müssen wir uns ansehen!"
Pitta nickte ihm lachend zu. „Unsere Kollegen v-e, den Brettern. Gewiß, Es muß ein eigenartiges Gefühl sein, selbst einmal im Zuschauerraum zu sitzen und oben auf der Bühne andere arbeiten zu sehen. — Ich habe es noch nicht ausgekosttt!"
Helmut sagte noch einmal: „Wir bleiben hier!"
Langsam gingen sie die Straße weiter hinab in da» Städtchen. Sie sprachen plötzlich von Acer Kunst, wovon
Vom Seppe in in Amerika.
Das Luftschiff Z. R. 3 erschien am Dienstag um 12 Uhr 50 Min. über Washington, machte in geringer Höhe verschiedene Rundflüge und flog dann nach dem Bowling Field. Hier nahm der Präsident Coolidge die Taufe des Schiffes vor.
Landungs- Schwierigkeiten.
wtb Washington, 26. Nov. (Funkspruch.) Z. R. 3 hatte ernste Landungsschwierig- keiten bei seiner Landung bei Volling Field. Während der Präsident und andere hehe Persönlichkeiten über eine Stunde warteten, um den Tausfererlichkeiken beizuwohnen, versuchte 3- 2t. 3 wiederholt ohne Erfolg auf dem kleinen Flugplatz zu landen. Endlich enlschlosfen sich die Offiziere des Luftschiffes, einen Teil des heliumgafes a u s- strömen zu lasten, um die Landung zu ermöglichen. Am 4 Ahr 30 Min. konnte Z. R. 3 schließlich landen, eindreivicrtel Stunden nach dem für die Landung festgesetzten Zeitpunkt. Unmittelbar nach der Landung wurde das Luftschiff durch Präsident Coolidge auf den Namen „Los Angeles" getauft. Coolidge ließ bei dieser Gelegenheit Drieftauben als Sinnbilder des Friedens fliegen.
Die Rückkehr.
Vtb La lehnest, 26. Nov. (Fuukspcuch.) Das Lnftschist «Los Angeles" (Z. R. 3) ist aus Washington um 1 Uhr 30 Min. hier eingelrofsen.
plan einer Nordpolfahrt.
Teilnahme Nansens?
vtb E h r i st i a n i a, 26. Nov. (Tel.) Der von dem deutschen Lustschifflommandanten Bruns aus- gearbcllete plan über einen Zeppelinflug nach dem Nordpol wird morgen abend ver- öfseuilichk. Bruns Hal der „Oslo-Afien-Avis" infolge Frihfos Nansen ersucht, an dem Flug nach dem Nordpol teilzunehmen. was Nansen zngefagt hat. Auf eine Anfrage des „Norsk- Telegrom-Dnran" bestätiate der Präsident der geographischen Gesellschaft, Prof. Dr. Skaklunn, Nansen habe ihm milgeteilt, daß Kapitän Bruns an der Expedition nach dem Nordpol keilnehmen werde. Nansen glaube an die Möglichkeit der Durchführung dieses planes.
Deutscher Keich.
* Die Ostjuden. Der Amtliche Preußische Pressedienst schreibt u. a.: Herr Wulle von der deutschvölkischen Freiheitspartei behauptete in einer Wahlversammlung, daß Minister S e v e r i ng in einem Jahre 90 000 Ostjuden naturalisiert habe.„ Minister Seoering ließ dem „Deutschen Tageblatt", das als erste Zeitung die Ziffernangabe dieses Redners brachte, folgende pressegesetzliche Berichtigung zugehen: Es ist unwahr, daß ich in einem Jahre 90 000 Ostjuden naturalisiert habe, wahr ist vielmehr, daß in Preußen eingebürgert wurden: 1921 insgesamt 6953 Ausländer, davon fremdstämmige Ostausländer 757, 1922 insgesamt 10 895 Ausländer, davon fremdstämmige Ostausländer 638, 1923 insgesamt 17 847 Ausländer, davon fremdstämmige Ostausländer 309. Die Zahlen der Einbürgerungen des Janre 1924 stehen noch nicht fest, jedoch halten sie sich noch unter den im letzten Jahre Eingebürgerten. ________
* Wegen Schülermitzhandlunq verhaftet. Der Leiter des Zossener LandeserziehungSheims, Freiherr von Lützow, gegen den feit längerer Zeit ein Verfahren wegen Mißhandlung der Schüler seiner Anstalt schwebt, ist in seiner Wohnung verhaftet worden.
sie, seit sie hier im Harz waren, nicht geredet hatten. Helmut sagte: „Wenn man längere Zeit weg von der Bühne ist, sehnt man sich doch wieder darnach zurück. Ich habe es bisher nicht geglaubt. Es fehlt einem jetzt aber etwas."
Pitta sah ihn groß an. „Ich finde, du hast dich in letzter Zeit recht geändert."
„Warum?"
„Du ist ganz anders geworden. Die Reifen haben dich reifen lassen. Dir fehlte der Verkehr mit Menschen. Du warst, als du zu uns kamst, so menschenscheu und schüchtern, daß ich dich immer bedauert habe."
Helmut sah sie lächelnd und ein wenig unbehaglich an, weil sie sein Wesen wieder einer Kritik unterzog. „Und dir hab ich's vor allem zu danken, Pitta", sagte er stockend.
Sie wehrte nb. „Ich habe dabei nicht viel getan!" Als er protestieren wollte, hielt sie beide Ohren zu. Sie verlor dabei ihren Stock. Er bückte sich und hob ihn auf. Sie lachten über den harmlosen Zwischenfall und vergaßen darüber das unerquicklich werdende Gespräch.
Da standen fie vor dem „Braunen Hirsch".
Es war noch eine Stunde Zeit bis zur Kassenöffnung, Sie gingen in die saubere, geräumige Gaststube hinein. 21m Rebentische saßen sie . . . die Künstler . . . Sie unterhielten sich laut und ungeniert . . . Es waren ärmlich gekleidete, heruntergekommene Menschen. . . .
Helmut und P'.tta hatten bei ihrem Eintritt Auftehen erregt. Man steckte die Köpfe zusammen. Man schien die Kollegen instinktio zu ahnen. Helmut merkte es. Er mar nahe daran, aufzustehen und hinüberzugehen. Pitta hielt ihn aber zurück. „Es braucht niemand zu wissen, wer wir sind."
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Es war ein kleiner, enger Saal, ungefüllt mit einer lärmenden, erwartungsvollen Menge, in dem die Vorstellungen des Varietes statifinden follien. 'Meist junge Wdchen Mtz Burschen, nur ^«üuelte Me, Helm«
Eenera! v. Nethvfius, der von dem französischen Kriegsgericht in Lille zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden war, ist von der französischen Regierung durch einstimmigen Beschluß des Kabinetts begnadigt worden. Die Begnadigung erfolgte, um dem im 70. Lebensjahre stehenden General alsbald die Freiheit zu verschaffen. Der „Vorwärts" meldet aus Paris, daß es vor der Veröffentlichung der Begnadigung des Generals von Nathusius der Zurücknahme des von dem Verurteilten gegen das Urteil des Liller Kriegsgerichts gestellten Antrags auf Einleitung eines Kafsationsverfahrens bedurfte, da eine Begnadigung gesetzlich nicht möglich war, solange ein Verfahren nicht endgültig abgeschlossen ist. Die Zurückziehung des Antrags ist mit Zustimmung des Generals erfolgt, und seine Freilassung dürfte im Laufe des Mittwoch erfolgen. Wie das Blatt dazu bemerkt, steht es dem General von Nathusius frei, die Wiederaufnahme des Verfahrens zu beantragen und für seinen Freispruch vor einem französischen Gericht zu tämpfeu-
Gegner über Marx.
In der „Vossischen Zeitung", dem angesehenen Berliner Blatt der Demokraten, das wahrhaftig nicht im Geruch steht, sich für die Zentrumspartei zu begeistern, lesen wir folgende Ausführungen:
Herr Marx ha: am Sonntag in der Messehalle zu Köln gefprodten. Nicht als Reichskanzler, sondern als Parteimann, als Spitzenkandidat des Zentrums in diesem Wahlkreis. Aber die Werberede des Herrn Marx hatte eben fo gut als offizielle Kanzlerrede gehalten werden können, ohne daß es erforderlich gewesen wäre, auch nur einen Satz zu ändern. Das ist das Charakteristische an ihr. Was Herr Marx über den Londoner Pakt, über den -Zall Nathusius, über die vergeblichen Verhandlungen zur Regierungsumbildung, über die Weimarer Verfassung, die Republik und die Reichsfarben sagte, das alles durfte in dieser pointierten Form der Parteiführer tagen, der um die Stimmen der Hörer warb, konnte aber auch der verantwortliche Leiter der deutschen Politik sagen, ohne auch nur um ein Jota die Grenzen zu überschreiten, die ihm gesteckt sind. ,. ,
Das mühte eigentlich die Regel fern, daß der Parteiführer über die wichtigsten Fragen der inneren und der äußeren Politik nicht anders redet, als er es an verantwortlicher Stelle tun würde. Aber das setzt einen Grad von Verantwortungsgefühl und politischer Ehrlichkeit voraus zu dem sich in Deutschland nur wenige Politiker von Rang aufge» schwangen haben.
Der Reichskanzler Marr und der Parteiführer Marx sind eine £ int beit im politischen Denken und Wollen. Es gibt da nicht die. geringste Diskrepanz, keine Zwiespältigkeit und kein Schwanken: sondern eine klare, gerade Linie. Man weiß bei Marx immer. woran man ist. Das hat ihm nicht nur im Inlands, sondern auch bei internationalen Verhandlungen einen großen Fonds von Vertrauen gelchaffsn, der letzten Endes der deutschen Politik ziwute kommt.
Die unbeirrbare Ehrlichkeit und Geradlinigkeit des Reichskanzlers hat mehr dazu feeigetragen, der deutschen Politik im In- und Ausland Ansehen zu verschaffen, als die stärksten Künste es vermöchten. Wenn hie und da der Versuch gemacht wird, den Reichskanzler geflisientlich herabzusetzen, und seine Rolle in der Reichspolitik als unbedeutend hinzustellen, so muß gesagt werden, daß ein solcher Spiel nicht dem Ansehen Deutschlands nützt und der Autorität der Reichsremerung Abtrag tut.
Die Deutschnationalen, die durch ihre offiziellen Führer immer wieder bindend versicherten, daß sie die Richtlinien des Reichskanzlers vorbehaltlich annähmen und sich unter feine Führung stellen wollten, schlagen sich selbst ins Gesicht, wenn sie setzt diesen selben Reichskanzler als „Marxisten" verhöhnen. „
Das deutsche Volk wird diese Manöver zu wurdgen wissen. Es wird am 7 Dezember den Halben und Zweideutigen den Beweis liefern, daß Ehrlichkeit die best° Politik ist, auch die beste P a r t e i oolifik.
Wer wollte es uns angesichts solcher Darlegungen verargen, daß wir Zentrumsleute st o l z sind auf Marr, unseren Führer, dem wir insgesamt am 7. Dezember ein überwältigendes Vertrauensvotum zu erteilen gedenken. Jeder Zentrumsmann, jede Zentrumsfrau muß dabei mitwirken!
und Pitta saßen in der vordersten Reihe. Ihre moderne, großstädtische Kleidung, ihre Haltung ... Die übrigen Touristen, die noch im Saal waren, fielen dabei vollständig ab. . . .
Die Vorstellung begann. Eine mühsam gelungene, quälende Szene auf dem Drahtseil. . . . Ein schüchterne, Mädchen von knapp 17 Jahren.. Das Publikum dankt» sehr gelaßen und selbstverständfich. — Die nächste Stummer der Humorist! Fade, alte Zoten, aufgewärmte unlängst vergessene Schlager.
Pitta langweilte sich. Sie schloß die Augen. Ader sie hielt aus, Helmut zuliebe, der scheinbar ebenso andächtig wie das Publikum rings um sie herum zur Buhne hinauffah. Aber er schien nur voll Erwartung au die Stabnummer zu fein, die ihn im Saale lesthielt. —
Pitta hatte gewußt, was das armselige „Theater" bieten würde. Diese Art Schmieren kannte sie aus ihrer Anfangszeit her nur zu genau. Helmut meinte nach dem ersten Teil kopfschüttelnd: „Was soll das eigentlich sein, was die Leute da bieten? Soll das „Kunst" fein, was man dem Volke hier gibt?"
„Das ist überall fo. Gutes knetet man dem niederen Volk, welches dies gerade bedarf, nicht, oder nur selten. Und da nur in großen Städten. Auf dem Lande herrscht nur die Schmiere."
Ein schrilles Klingelzeichen.. Augenblickliche Stille im Publlkum. Die nächste Nummer der Kunstfahrer. Ein junger Mensch, knapp 19 Jahre alt, anscheinend der Bruder ter Seiltänzerin, dahinter der Direktor, tritt auf. In theatralischer Pose legt der Direktor feine fleischige Hand auf die Schulter des bleichen, schmalbrüstigen Jüngling,
„Meine Herren und Damen! Wahre Kunst und größte Geschicklichkeit, die so leicht nicht übertroffen wird, soll der junge Mann hier bieten! Es sind gewiß Radfahrer unter Ihnen! Wer also die Kunststücke biefee jungen Mannes hier nachmacht, erhält taufen^ Mark."