Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Sfadk Fulda.
Nr. 273.
SeraMwortliL »St die Sckriktleiiun-,! Dr. Jsbaunek Sramer- Anreisen! I. Parreller, Julda. Satal.oniDntä und verlas der > ßHlbat« Ictierknstffrei ni Polba. fiettilDrfdxt Rr- 9, VonatULer veruervreiS: 1.50 ®tt
Sonntag, 2Z. November 1924.
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51. Zahrg.
Vie Schande von Lille.
Bon unserem Berliner Dertreter. 'KWW
Die Verurteilung des jetzt fast 70jährigen Generals von Nathusius durch das französische Kriegsgericht in Lille zu einem Jahr Gefängnis wegen angeblichen Diebstahls in Rouboix ist nichts anderes als ein infamer Racheakt. Es ist im höchsten Grade bedauerlich, daß eine solche Gerichtsverhand- handlung sich in demselben Augenblick vollziehen konnte, in dem die deutschen Vertreter mit den Vertretern der französischen Regierung sich zusammenfinden, um über die Anbahnung besserer Beziehungen zu Deutschland zu verhandeln.
In Lille haben die französisches Militaristen gesiegt. Daß diese französischen Gerichte auch von der Regierung Herr tot noch nicht beseitigt werden konnten, zeigt die innere Schwäche dieser Regierung. Sollte die Regierung Herriot diesen Spruch des französischen Kriegsgerichtes bestehen lassen, dann würde sie sich mit einem Makel beflecken, der chr nicht wieder genommen werden kann.
Die Anklagen gegen den General v. Nathusius sind vollständig gegenstandslos. Die Anklagen wurden erhoben auf Gerüchte und Klatsch hin, und eine Nachsuchung in der Koblenzer Wohnung des Generals nach Einmarsch der Truppen im Dezember 1918 hat keinerlei Anhaltspunkte für eine Schuld des Generals ergeben. Daß nun trotzdem dieser Mann, dem alle, die ihn kennen, das Zeugnis eines durchaus ehrenhaften Charakters ausstellen, der zu einer solchen Handlung niemals fähig wäre, von dem französischen Militarismus schuldig gesprochen wird, zeigt uns, wie stark der nationalistische Haß auch in dem Frankreich von heute noch auflodert, wie stark das Rachegefühl ist, das unbekümmert um Recht und Moral lediglich die Ber- nichtung des Gegners bezweckt. Nicht General v. Nathusius ist in den Augen der Deutschen, ja in den Augen der ganzen Welt gerichtet, wohl aber diese französische Militärjustiz, die noch nach einem Jahr- zehnt nach Ablauf des Krieges am wehrlosen Feind sich zu rächen sucht. Sollen wir daran erinnern, daß es die Vertreter dieses Militarismus sogar im Zeichen des Friedens während des Ruhreinmarsches über sich gebracht haben, Staats- und Privateigentum nicht allein zu requirieren, sondern auch direkt zu stehlen. Wo sind da die französischen Militäriiichter und wo fällt es ihnen ein, diese wirklichen Verbrechen zu sühnen?
Der Spruch des Gerichts von Lille ist eine Schande für Frankreich, und wenn sich Herriot dieser Schande nicht teilhaftig macken will, dann wird er so rasch wie möglich die Ungültigkeitserklärung dieser Entscheidung betreiben müssen.
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Mehrere Blätter melden, daß der von der beut« fd;cn Botschaft in Paris zu der Kriegsgericktsver- tznudlung gegen General b. Nathusius nach Lille eutsandei Legationssekretär von Rintelen telegraphisch zur ausführlichen Berichterstattung nach Berlin berufen worden ist.
v. Nakhufius legk Revision ein.
wtb Paris. 22. Nov. (Tel.) havas meldek ans Lille: Rechlsanmatt Nicolai Hal sich gestern in das Gefängnis begeben, wo er sich mit Nakhufius unterhielt. Dieser habe eia Revisionsgesuch unterzeichnet, daß sich auf gewisse prozesiuale Unregelmäßigkeiten stützt. Der Gefangene, der wahrscheinlich solange als Gefangener Erleichterungen genießen wird, bis seine Revision erledigt ist, hat wiederum gegen seine Verurteilung protestiert und sich als unschuldig bezeichnet. Sollte die Revision verworfen werden, so wird, wie havas schreibt, der Rechtsanwalt des Generals von Nathusius ein Gnadengesuch an den Präsidenten richten.
Französische Stimmen gegen das Urteil.
wtb Paris, 22. Nov. (Tel.) Die „Ere Nouvelle" beschäftigt sich mit dem Fall Nathusius. Das Platt schreibt: Bei der Affäre Nathusius hätten wir dgenttid) tHe Verpflichtung gehabt, nichts zu unternehmen. Vir stehen setzt wiederum am Vorabend der deutschen Reichslagswahlen, deren «Ergebnis in gewissem Maße bestimmt sein wird für das, was sich auch bei uns vorbereiten wird. Das Urteil von Lille könne die Wahl von 30 deutschen Nationalisten bedeuten. Jedenfalls muß der Effekt dieses Urteils, das schon seht ausgebeutet wird, beseitigt werden.
Englischer Tadel.
wtb London, 22. Nov. (Tel.) Der Berliner Berichterstatter des «Daily Tetrgraph" schreibt zu dem Urteil gegen Nathusius: Von neuem hat die französische Aktion es erreicht, Deutschland zu einigen. Unter allen Parteien und Klassen Deutschlands besiehe die allgemeine und unbedingte Ueber- zeugung, daß Nathusius nicht hatte vor ein Gericht gebracht werden dürfen.
Das Genfer Protokoll.
Wtb 6 6 n 6 6 n, 22. Nov. (Tel.) Dem diplomatt- fche Vertreter des »Daily Telegraph" zufolge hätten im Verlaufe kürzlicher diplomatischen Erörterungen die Botschafter und Gesandten verschiedener Mächte erklärt, daß ihre eigenen Regierungen gegenüber dem Genfer Protokoll äußerst mißtrauisch seien und bereitwillig der Führung Großbritanniens folgen würden, wenn es sich weigern sollte, da» Protokoll zu unterzeichnen und zu ratifizieren.
Die Veamtengehatter.
K Meinungsverschiedenheiten.
Zur Frage der Erhöhung der BsamtengehMer hört der „Lok.-Anz.", daß die Spitzenorga- nifationen der Beamten beschlossen haben, nochmals beim Reichskanzler oder beim Reichs- inanzminister vorstellig zu werden, um für die am meisten notleidenden Beamtengruppen einen höheren Eehaltszuschlag zu erreichen. Die Spitzenorganisationen sehen sich zu diesem Schritt gezwungen, da die Unterverbände aus allen Teilen res Reiches das Angebot der Reichsregierung als unannehmbar bezeichnen.
Zu dem Protest der B-amtenverbände gegen die von der Reichsregierung vorgefchlagene Gehaltsregelung beim Reichsrat erfährt der „Vor- wärts", daß die württembergifche Regierung ihren Berliner Gesandten beauftragt habe, für "die Besoldungsgruppen 1—6 mindestens die doppelte Aufbesserung zu verlangen, wie sie für die mittleren und höheren Gruppen vorgesehen
Reichspostminister noch mit anderen Stellen Rücksprache nehmen will.
Auch die Verhandlungen über die Erhöhung der Löhne der übrigen Reichsarbriter, die im Reichsfinanzministerium stattgefunden haben, sind ergebnislos verlaufen. Die Hauptfchwisrigkeit liegt darin, daß die Arbeiterorganisationen aus dem Inkrafttreten der Erhöhung am 1. November bestehen, während die Regierung erst den Termin vom 1. Dezember zugestehen will.
Griechenland und Serbien.
Ein neues Defensivbündnis auf dem Balkan.
wtb Belgrad, 22. Nov. (Tel.) wie von zu- ständiger Seite mitgeteilt wird, haben die Besprechungen über den Abschluß eines neuen Vertrags zwischen Griechenland und Jugssla- roien, zwischen Athen und Belgrad bereits begonnen. Es wird die Frage erörtert, ob die Verhandlungen auf der Grundlage des früheren serbisch- griechischen Vertrags geführt werden fallen. Veber- einstimmung besteht bereits darin, daß das zukünf- tige Bündnis den Charakter eines Defensiv-Bünd- nifses erhalten soll.
ist.
Wie die „Voss. Ztg." meldet, führten die Lohnverhandlungen bei der R e i ch s p o st nicht zu einer Verständigung. Sie wurden unterbrochen, weil der
Monarchie oder Republik.
I
Bon Abg. And re-Stuttgart.
Es ist an und für sich' am besten, wenn der Streit über dis Frage der Staatsform ruht, prak- tisch kommt zur Zeit doch nichts dabei heraus — als höchstens erhitzte Köpfe und falsche Wahl- Parolen!
Im deutsch nationalen Wahlaufruf wird die Wiedereinführung der M o n a r ch i e als praktisches Ziel hingestellt und es wird die Wählerschaft aufgefordert, unter dem Banner „Schwarz- weiß-rot" den Kampf für die Monarchie zu führen.
Derartige Wahlparolen sind völlig abwegig; sie tragen nur zur Verwirrung der WWerfchaft und zur Auspeitschung der politischen Leidenschaften bei; irgendwelche praktische Auswirkung können und werden sie zur Zeit nicht finden.
Immerhin tun wir gut, auch unsererseits eine klare Stellungnahme zu den Fragen der Staatsform herauszuarbeiten. Wir können das umso mehr, als die Deutsche Zentrumspartei von jeher „die" Verfassungspartei war und es heute erst recht wieder ist.
Bischof Freiherr o. Ketteler Hut hn Jahre 1871 das Wort geprägt: „3n der Zentrumspartei haben auch Republikaner Platz." Entsprechend den durch die Revolutton veränderten Zeitoerhält- Nissen hat Prälat Dr. Schofer in Vaden diesen Ausspruch im Jahre 1919 in der Weise umgestal- tet, daß er sagte: „In der Zentrumspartei haben auch Monarchisten Platz."
Jeder Zentrumswähler kann also sein Staatsideal theoretisch hochhalten; er darf sich aber nie und nimmer dazu hergeben, die heutige Staatsform mit Mitteln der Gewalt beseitigen zu wollen. Die Zentrumspartei als solche aber hat als „Verfasiungspartei" die Aufgabe, den heurigen Staat als den T r ä g e r des nationalen Gedankens und des wirtfchafüichen Wiederaufbaus zu hegen und zu pflegen. Sie tut damit nichts anderes, als was sie auch gegenüber dem monarchisttfchen Staat praktisch betättgt hat.
Wir im Zentrum haben die monarchische Verfassung geachtet:
1) Weil nach der christlichen Lehre die menschlichen Gesetze, soweit sie nicht im Widerspruch stehen mit dem göttlichen Recht, im Gewissen verpflichtende Kraft haben. Richt aus Furcht vor Strafe haben wir der rechtmäßigen Obrigkeit gehorcht, sondern um des Gewiffens willen, weil nach der Lehre der katholischen Kirche jede rechtmäßige Obrigkeit von Gott stammt und wir der gottgewollten weltlichen Autorität Gehorsam schuldig sind. — Windthorst hat im Reichstag des norddeutschen Bundes g e g e n die Derfasiung gestimmt, weil sie, nach seiner Ueberzsugung, nicht mit wahrhaft frei- heitlichen Grundrechten und verfassungsmäßigen Garantien ausgestattet war. Aber nachdem sie angenommen war, galt sie ihm als unantastbar, und jeden Versuch, Bestimmungen dieser Verfassung außer Acht zu lassen, oder ihrem Geiste zuwider- zuhandeln, wies er auf das bestimmteste ab. Er sagte selbst: „Ich beuge mich jedem rechtmäßigen Gesetz auch dann, wenn es gegen meine innersten Gefühle ankämpft."
2) Wir haben früher die Republik nicht deshalb bekämpft, weil sie eine weniger gute oder nickt vollkommene Staatsform darstellt, sondern weil die Monarchie im deutschen Dersaffungsleben r e ch t l i ch v e r a n k er t und festgelegt war. Wir haben auch die Revolution n i e gutgehsißen oder gar unterstützt, sondern wir haben die revolutionäre Welle abgefangen und dem Reiche wieder eine neue Verfassung gegeben; allerdings konnten wir dabei dis revolutionären Geschehnisse Nicht einfach außer Acht lassen.
Welche Staatsform verdient nun den Vorzug? , •
Darüber sagt Iesuitenpater K a t h r e i n : Jede Staatsfcrm ist in sich zulässig und gerecht, durch die sich der wesentliche Zweck des Staates, das Gemeinwohl, erreichen läßt. Das kann aber durch die Demokratie ebenso gut geschehen als durch die Monarchie. Wir kennen aus der Geschichte demokratisch reaierte Völker, welche nicht minder
glücklich waren, als solche, die unter einem Monarchen lebten. ,
Wenn nun die Frage nach der b e st e n Staatsform aufgeworfen wird, so kann man keiner der beiden genannten Staatsverfassungen unbedingt und unter allen Umständen den Vorzug vor der anderen geben. Eine Regierungsform, die keinerlei Mängel enthält und die Gefahr des Mißbrauchs der öffentlichen Gewalt wirkfam ausschließt, gt b t es nicht. Den Lichtseiten jeder Staatsverfafsung stehen auch Schattenseiten gegenüber- In Bezug auf das Gemeinwohl kommt es weniger auj die Staatsverfassung an als auf Gewissenhaftigkeit und Gerechtigkeitsliebe der Regierenden sowohl als der Untertanen. Die Berfassungsparagraphen sind schließlich nur tote Buchstaben; der innere Geist, von dem das Leben kommt, ist der Gerechtigkeitssinn.
In gleicher Weiss sprach sich der Abg. Gröber aus in der Nationalversammlung am 13. Februar 1919, wo er in feiner Rede zum Versassungs- entwurf aussührte: „Nach unserer Ueberzeugung leitet sich a l l e öffentliche Gewalt, mag sie monarchisch oder republikanisch oder sonstwie sein, im letzten Grunde aus der Weisheit und dem W i l- len @ottes her, der in dis Natur der Menschen und der Völker die Notwendigkeit gelegt hat, sich zu Staaten zusammenzuschließen und in den Staaten eine öffentliche Gewalt einzufetzen, die alles nach einer bestimmten guten Ordnung lenkt und leitet, alles auf fein natürliches Endziel, das Wohl des gesamten Volkes, hinordnet. — Nach unserer Ueberzeugung ist alle Obrigkeit von Gott, die republikanische so gut wie die monarchische und die Eehorsampflicht derer, die der Obrigkeit unterstehen, ist ganz gleich, ob die Obrigkeit eine monarchische oder republikanische ist. — Das höchste Gesetz muß sein, dasWohldesgesamtenVol- kes und nicht das Wohl der Herrschenden."
Wenn Gräbers Rede in der Forderung gipfelte: „Wir wollen die demokratische Republik," so sicher nur in der Erkenntnis, daß es einfach nicht möglich war, die Monarchie wieder herzustellen. Wenn wir daher bewußt für die heutige Staatsform eintreten, tun wir es aus denselben Gründen, die uns früher veranlaßten, für die Monarchie einzutreten. Das letztere ist als Auswirkung des verlorenen Krieges durch die Revolution beseitigt worden; jetzt gilt es, das neue Rechtzu schützen.
Bischof Freiherr v. Ketteler schrieb 1848 in der Nationalversammlung zu Frankfurt: „Je mehr dem Volk zu seiner unmittelbaren Selbstbestimmung überlassen ist, desto politisch freier ist es. Das Volk will in seiner Familie und Gemeinde sich selbst bestimmen. Das ist germanisch, deutsch, das macht ein edles Volk."
In der Monarchie werden uns diese Rechte nicht in gerechtem Maße zugestanden (Dreiklasssn- wahlrecht usw.), durch die Republik haben wir sie bekommen.
Wenn es früher von den Republik a n e r n in der Zentrumspartei recht war, daß sie die Monarchie respektierten und sich an der Bekämpfung derselben nickt beteiligten, so ist es sicher von den Monarchisten in der Partei nur billig, wenn sie der Republik mit derselben Achtung begegnen und sich ihr unterordnen. Den Parteiangehörigen, ob Republikaner oder Monarchisten, möchten wir die Worte Windthorsts zurufen: „Respek- tieren wir die Verfassung bis zum Pünktchenau demi, damitauchandere sie respektieren!" Wir würden wünschen, daß wir auf sämtliche Zentrumsmitglieder, ob Monarchisten oder Republikaner, das 2ßnrt von Set« telers anwenden könnten: „Wir sind treue Untertanen, nicht je nach dem uns eine Regierung gefällt oder nicht, nicht nach unserem Belieben, nicht nach unserer Wahl, sondern wegen Gott und Gottes Gebot!"
So haben unsere großen Führer Freiherr von Ketteler, Windthorst und Gröber gesprochen und so wollen wir es auch künftig in der Zentrums- Partei baten, dann bleiben wir einig und stark und deutsch bis ins Mark!
Bas alle Elend.
b 15 parfeten treten in den Wahlkampf.
Wtb München, 22. Nov. (Tel.) Beim Wahl, (eifer für den Reichsfagswahlkreis Oberbayern- Schwaben sind nicht weniger als 15 Kreis- wahlvorfchläge eingereicht worden. .Außer den bereits bekannten Parteien sind unter den wahlvorfchlägen vertreten der Slarkbund, die Anf- werfnngspartei, der freie wirtfchaftsbund (F.A.F.), die wirischafkspartei des deulfchen Mittelstandes, der haußerbund und die Aufwertungs- u. Sparer Partei.
Es handelt sich natürlich bei den meisten dieser Parteiklübchen um Gründungen strebsamer Leute, die dort, wo wirkliche Leistungen verlangt wer- den, in ten großen Parteien, keine Rolle spielen können und deshalb zu ihrem Privatgebrauch Par, teien neu ins Leben rufen.
Um die Kölner Sone.
Wtbß ondon, 22. Nov. (lei.) Der diplomatische Berichterstatter der „Westminster Gazette" hält es für möglich, daß die britischen Truppen nach der Räumung von Köln, Koblenz oder Bonn besetzten. Er hielt cs für sicher, daß die Engländer Aos» nicht verlassen, damit ihr Platz von Frankreich eingenommen wird. Er hatte es für möglich, daß durch die Räumung von Köln die Zurückziehung der französi. scheu Truppen aus dem Ruhrgebiet beschleunigt werde. ,
älter Kurs in Oesterreich.
Ein außenpolitischer Mitarbeiter schreibt uns:
Der Wechsel in der österreichischen Regierung bedeutet keinen Kurswechsel in der österreichischen Politik. Mit aller Klarheit und mit allem Nachdruck ist das nicht nur durch die Erklärung unterstrichen worden, die jetzt der neue österrerchisws Bundeskanzler Dr. Karne! im Parlament abgab, sondern auch der zurückgetretene Bundeskanzler Dr. S ei p e l hat sich in diesem Sinne geäußert.. Daß eine Aenderung in den leitenden Personen eintrat, konnte unter diesen Umständen überraschen, wenn man nicht wüßte, wie stark die Kräfte waren, die sich in Oesterreich gegen dasSanierun g s- w e r f Dr. Seipels wandten. An diesem freilich hielt Dr. Seipel mit aller Zähigkeit fest, und nachdem er den Eindruck gewinnen mußte, daß weitere Schichten der Bevölkerung, größere Gruppen aber auch des Parlaments die Dinge wieder auf die leichtere Schulter nahmen, als dazu auch nochdeh jüngste Eisenbahnerstreik kam und all die Versuche Seipels, seine 'Sanierungsaktion auch weiterhin kraftvoll zu verankern, nicht allgemeine Zustimmung fanden, da hielt er es für geboten, sich zurückzuziehen und anderen die Verantwortung zu über» lassen. Das soll ja nicht heißen, daß nun die bis- herige Sparpolitik Seipels nicht ihre Fortsetzung erfahre, wohl aber glauben offenbar einige Kreise, daß mit anderen Mitteln der gleiche Zweck erreicht werden könnte. Jedenfalls ist Vorsorge getroffen, daß an der Stabilität dcr österreichischen Krone nicht gerüttelt wird. Auch die neue Regierung wird ihre Politik so führen müssen, daß Gefahren für die österreichische Währung nicht aus den Auswirkungen der verschiedenen Maßnahmen entstehe? können.
Der bisherige Bundeskanzler Dr. Seipel konnte, sich umso inehr mit der jetzigen Lösung zufrieden geben, als ja die großen Linien seiner eigenen Politik auch weiterhin innegehalten werden. Dafür ist die ganze wirtschaftliche und politische Stellung Oesterreichs durch Seipels Wirksamkeit viel zu stark geworden, als daß es noch gelingen könnte, ohne eine förmliche Katastrophe über dieses Land hervor- zurufen, von diesem Fundament abzuweichen. Seipels Idee war immer die der Zusammenfassung aller positiven Kräfte zur Zusammenarbeit an einer positiven Aufgabe. Die österreichischen Sozialdemokraten haben ihm die Erreichung dieses Zieles immer wieder außerordentlich schwer gemacht. Ob sie sich zu der neuen Regierung freundlicher stellen, ob sie nun endlich davon absehen werden, gerade den Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Inflation notwendig waren, sich zu widersetzen, werden ja die nächsten Wochen lehren müssen.
Die Politik Seipels umsckloß nicht nur eine Sanierung der Wirtschaft, sondern auch eine S a - nierung der Geister. Dieses Ziel, würdig des Einsatzes der besten Kräfte, soll auch von der neuen Reoicrung unverändert verfolgt werden. Dazu gehört, daß die von der Seipel-Reaierung geoenüber Deutschland eingenommene Haltung auch weiterhin beibehalten wird. Dafür bürgt schon der neue Außenminister Dr. Mataja, der die besten Beziehungen zu den politischen und regierenden Stellen des deutschen Reiches seif jeher, schon seit seiner Tätigkeit als Nationalrat unterhalten hat.
* Sie sollen ihn nicht haben. Wie die Belgrader Blätter melden, ist der während be8 Krieges bei Catiaro gesunkene und von den Jugostaven mit großer Müde gehobene - österreich-ungarische Kreuzer ^Kaiser Franz Joseph" wieder gesunken. Die vierzig Selle, mit denen das Schiff an den Schwimmdocks befestigt war, rissen kurz nach der Hebung. Das Schiff, ein kleiner Kreuzer von 4000 Tonnen, sollte den Grundstock für die Flotte Jugo- slavienS bilde«.