iH vom 12. Nov. 1924. J
Zur Unterhaltung
hiermit formell Ihre Stellung bei mir tünbigc.
Das
Ihnen an der Raffe ausgezahlt werken.
!W.
(Schluß folgt)
heraufftieg, nahm ich für den Unglücklichen, mußte, denn ich hielt zu Füßen fallen um
der Brust.
„Als ich die Treppe zu Ihnen mir vor, Sie lun Gnade zu bitten mich zu erniedrigen, wenn es fein Sie für edel. Ich wollte Ihnen
gangenheit wußte.
Einmal aber in feiner Trunkenheit redete der gesprächige Stellmacher etwas von Eottbreits wildem Kaspar, der nach wüstem Streit sein Vaterhaus verlieh und ins Französische hineinwanderte und von dem man seither nichts mehr wisse. Einige Dörfler entsannen sich noch und nickten schweigend mit den Köpfen: die Mehrzahl der Gäste aber lauschte gespannt und bemerkten
auch nicht über den Darsteller, der sich mal verspricht. Es passiert dir selbst 100 Mal am Tage.
9. D u f o 11 ft nicht Theater spielen !
D. h.: Wenn du die Bühnenkunst wahrhaft und ernsthaft liebst, glaube nicht, wenn du einmal im Dilettantenverein „Edelweiß", „Springbrunnen", oder wie sonst heißen mögen, mitgewirkt hast, daß du ein herrlicher Schauspieler geworden bist und andere nichts können.
10. und letztes Gebot. Du sollst nicht mäkeln, sondern lernen!
D. h.: Eine gewifie Anzahl von Theaterbesuchern hat es sich prinzipiell zur Aufgabe gestellt, an dem Gebotenen kein gutes Haar zu lassen. Das sind die sogenannten Miesmacher, über die die Akten ja bereits geschlossen sind. Man braucht sich mit ihnen weiter nicht zu beschäftigen, denn sie fehlen an keiner Stätte. Doch du, ernsthafter Zuschauer, dich bitte ich, genieße nicht nur in der Vorstellung, sondern lerne auch durch gespannteste Aufmerksamkeit zu unterscheiden, was schön und was schlecht ist. Stelle Vergleiche mit dem Leben an, frage dich z. SB., ob eine solche Mimik oder Sprachweise, wie sie der Schauspieler X. heute abend ausgedrückt hat, möglich und natürlich fft. Denke nach und urteile öfters darüber, so wirst du bald den Schlüssel zum Geheimnis sinden und wißen, was gut und böse ist. Freue dich auch der Arbeit des unsichtbaren Leiters, des Regisseurs, seiner Arrangements, seiner Gruppierungen und seines Aufführungs-Stils. Mehr kann ich dir leider im Rahmen meiner Zeilen augenblicklich über dieses Fach nicht sagen.
Damit sollen die Akten über das hochverehrte Publico definitiv geschloffen fein. Der nächste Schritt führe mitten ins Bühnenleben hinein.
Der Traumdester.
Von Oskar Maria Graf.
In der Sammlung „Der Bienenkorb" (Herder, Freiburg i. Br.) ist eine Erzählung von O. Gras „Der Traumdeuter" eingereiht (je nach Einband G.-M. 1.—, 1.20 oder 2.50). Darin ist die Geschichte einer Familie geschildert, in deren Schicksal Schlafwandel, Zweites Gesicht, Hellsehen. und düstere Ahnung eine unheimliche Rolle spielen. Das Nachstehende ist den ersten Seiten des Büchleins entnommen.
Erstmalig berichtet eine salzburgische Klosterkunde aus dem Jahre 1554 von einem Hieronymus Gottbreit, der vom Teufel besessen gewesen sein soll.
Das ganze Geschlecht ist nicht in gerader Linie zu deuten. Ein Otto Gottbreit, seines Zeichens Stellmacher, wird in einer fichtelgebirgischen Kirchen Handschrift 1702 erwähnt Von ihm heißt es, er sei Pietist gewesen und habe merkwürdige Sympathie-Heilkünste ausgeübt.
Ungefähr ein Vierteljahrhundert später lebte in Pas- jau der ebenso berüchtigte wie berühmte Roßtäuscher Michael Gottbreit. Ihn soll der Huffchlag eines ungarischen Rappen, eines jener bösen Pferde, von denen der Bauer gemeiniglich zu sagen pflegt, sie hätten den Teufel im Leibe, getötet haben. Und noch heute zeigt man die Stelle, wo der Roßtäuscher so grauenhaft endete.
Ilsabe war gleichfalls auf geftan ben. Ihr schwankten die Kniee, vor ihren Augen zogen Schleier vorüber, undeutlich sah sie das Antlitz des Cl)efs, das ihr ganz verändert vorkam.
Das war also der sorgfältig vorbereitete Stoß ins Herz! Diese Kündigung, auf die sie zwar vorbereitet war, die ihr aber in dieser Form unfaßbar schien.
Wieder trat der Ausdruck des geheimen Grauens in ihre Augen, als sie in bas bewegungslose Antlitz Willenbergs blickte. „Das — das hatte ich nach Ihren ersten Worten nicht erwartet. Ich hoffte vielmehr, daß Sie Milde üben würden, nachdem Sie mich würdig hielten, einen Einblick in Ihr Leben, in Ihr Denken imb Fühlen zu tun —" Sie warf bas Kästchen auf den Tisch, sodaß die goldene Rodel klirrend heraus;prang, denn es brannte ihr wie Feuer in den Händen.
„Aber ich konnte es mir ja denken, daß es so kommen würde, ich Törin muhte es mir ja sagen. Auf meine Bitte hin nahmen Äe den Bruder in Ihr Geschäft auf, so trifft mich die ganze Schuld. Sie tun nur, was recht — und korrekt ist."
7. Du fällst nicht oberflächlich fein!
D. h.: Betrachts das Theater nicht als Zerstreuung für deine Nerven, fonbern als eine Stätte ernster Kunst, deren Nachwirkungen mehr Einfluß auf dich ausüben, als du vielleicht denkst. Hast du auch nur das geringste Innenleben, fo muß die gute Vorstellung, die du genossen hast, Seele und Geist in der vom dramatischen Dichter (auch dem modernen) gewollten Art und Weise ernst oder heiter befruchtet haben.
8. Du sollst die Künstler nicht verachten!
D. h.: Es gibt Menschen, z. T. Banausen, die auf bas sehr arbeitsame.und freudige Bühnenvölkchen mit einer gewiffen souveränen Verachtung herunterblicken. Sie sollen sich hüten, eine solche Arroganz anzuwenden, denn sie werden dadurch leicht zu einer lächerlich komischen Figur. Außerdem zeigen sie damit, daß sie von den ungeheuren Schwierigkeiten dieses Berufes keine blasse Ahnung besitzen; wenn sie sich also gesellschaftlich gegen diese Lercke abschlichen, so haben sie allein den Schaden davon. Moralisch steht der Künstler viel höher als der Durchschnittsmensch, das zeigt die Erfahrung. Lache
meiner Angehörigen willen —"
Sie hob die zarten Schultern, ließ sie wieder finken, und schüttelte den Kops in fasfimgslosem Weh.
„Jetzt kann ich das olles nicht mehr: — Mein Vorsatz ist gebrochen; wie Eiseskütte durchschauert es mich hier. Sie sind ja fo im Recht, wie konnte ich die wahn- mitzige Hoffnung hegen, gegen Ihre Grundsätze ankämp-
Sie war ins Zümner zurückgetreten, als wolle sie den Abstand zwischen sich imb diesem Manne möglichst vergrößern. Willenberg hob die Nadel auf und tat sie in das Kästchen zurück.
„Und während Ihr Mund' so spricht, denkt ähr Herz an mich mit Abscheu, weil ich selbst in dieser Stunde meinen peinlichen Grundsätzen treu blieb.
Gewiß habe ich durch meine Denkultgsweife, die nicht alltäglich ist, schon oft wider Willen warmherzige Menschen" abgestoßen, in diesem Augenblick auch Sie. Aber Sie irren! Dieses Mal sprach bei mir nicht der Verstand, als ich Sie Ihrer Stellung enthob, sondern bas Herz''
Ilsabe vermochte kaum noch den Ereignifsen zu fol- gen. Sie stieß fortgesetzt auf Widersprüche, die sie sich nicht zu enträtseln vermochte.
Wie konnte Herr Willenberg in einem Augenblick, wo er sie brotlos machte und ihr den Makel ihrer Familie durch plötzliche Entlassung brutal vor Augen führte, von seinem „Herzen" sprechen. Regierte nicht die kälteste, krasseste Spießbürgermoral diese erschütternde Stunde?
Völlig verwirrt sprach sie: „Das Herz, das Herz? — 5a — ja, das mag ja wolsi fein. Sie werden gewiß nicht die Unwahrheit sagen, Sie sind mir aber doch zu fremd geblieben, als daß ich Ihr ganzes Handeln richtig beurteilen könnte."
Wie in Verzweiflung verschränkte sie die Hände vor
Er lächelte eigentümlich. „Warum ich es tat, kann ich jetzt nicht sagen, lieber Gott, wir Männer sind manchmal wrmderlich."
Ilsabe hielt mit zitternden Fingern das Kästchen. Auf tiefblauem Sammet lag eine unscheinbare, leicht vergoldete Haarnadel, die sie seit einem halben Jahre vermißte, ohne daß sie dem Verlust die geringste Bedeutung beigelegt hatte.
„Ich — jch — weiß nicht, wo und wie ich diese Radel verlor — ich — danke Ihnen!"
Da erhob sich Willenberg. Groß und stolz stand er »er ihr, als er sagte: „Das wäre also erledigt. J?hm lammt das andere. Ich eröffne Ihnen, daß ich -ohneu
SchrMen der nächsten Kriege
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Knapp 6 Jahre nach dem Weltkriege wird rund mn° her in Europa erörtert, wie der nächste Krieg sich gestatten werde. Vor einiger Zeit haben drei Mäimer, von denen angenommen werden kann, daß sie über dtese Fr°A- Bescheid roiffen, sich über den nächsten Krieg ausgesprochen. Es ist der bekannte frühere deutsche General v. D e. m° ling, der französische Oberst Jean Fabry der Mnb qlied der Deputiertenkammer ist imb wahrend des Krieges Mitglied des Stabes des Generals Joffre war, sowie der englische Kriegserfinder und Marinekommandeur Bur- n e y, Mitglied des englischen Parlcnnertts. Alle drei sind sich einig, daß der Sieg in einem künftigen Kruge von einer Luftflotte mit ihren Bomben cckhan- gig fein wird, und daß sich vorläufig kern Mittel findet, sich dagegen zu schützen, aber daß man damit rechnen muß, daß ein künftiger großer Krieg in Europa einen so großen Tell der Zivilisation vernichten wird, daß eine Rückkehr des dunklen Zeitalters der Geschichte nicht um wahrscheinlich ist. Der Engländer sagt sogar, daß auch Amerika nicht sicher davor ist. _ .
Burney schreibt dazu: Es gibt kaum eine Stadt m Amerika, die nicht binnen 3 Tagen nach Kriegsausbruch zwischen Amerika und einem Lande aus der asiatischen Seite, wie Japan, ober einer neuen Gruppe auf her europäischen Seite, z. B. Rußland, Deutschland mid Bulgarien, zerstört werden könnte samt jedem lebenden Wesen in chr. Ich sage nicht, daß bas h e u t e möglich ist; aber ich glaube, daß es in 10 Jahren möglich" fein wird. Der geographische Abstand ist nicht fo
wichtig. Vor hundert Jahren konnte Napoleon nM E größerer durchschnittlicher Fahrt von Mos ach - als vier englische Meilen in der Stunde ten, und Nelsons Flotte segelte nie mehr als durchschnittlich fünf eg- lische Meilen in der Stunde, als er Dllleneuoe ^uer durch das atlantische Meer und zurück jagt-. Aber bmnen Jahren werden wir Flotten von Luftschiffen
100 englische Meilen, rd. 150 Klmtr. In der Stunde segettr. (Diese Geschwindigkeit hat ja schon Z. R 3 zeitweise auf einer Amerikafahrt entwickelt. Schristl.) Und nmn wird Aeroplane haben, deren Schnelligkett wahrscheinlich zwi- scheu 200 und 300 englischen Meilen m der Stunde betragen wird. Als Folge dieser Entwicklung wird Amerika viel näher bei Europa ober Japan fern als Spanien vor hundert Jahren bei England war Es P daher klar, baß Amerika in politischer Hinsicht ebenso nah mit Europa und Asien verbunden sein wird, wie es Smien im 1T Jahrh.mderi war. Ja, die Entfernung wirb sogar näher sein, da em Luftschiff, das
läßt, innerhalb 48 Stunden San Franzisko serstoraa könnte. Ebenso könnte ein Luftschiff innerhalb 40 &tun
i den Newyork umgreifen.
Im nächsten Kriege, fährt der englische Fachmann: fort, werden es die großen Städte der Lander fern auf sich bie Angriff konzentrieren werden, mn damit dm Zentren des Widerstandes zu lähmen, und sowett man Jute weiß, werden da drei Angriffsmittel fern: Bomben Giftgas und Pestmikroben. Was die Bomben betnff, f werden bie Aeroplane Bomben mitführen können, wooom jede einzelne Newyorks größten Wolkenkratzer Lerschmet-
I fern tonn und jeden anderen Bau innerhalb em-s Rade von 300 Ellen von der Abfallstelle. Es mirb nicht schwer
I sein auszurechnen, wieviele solcher Bomben nötig waren, I um Newyork oder jede andere Großstadt vollständig zu
für unser ganzes Leben!"
.Er schloß die Schublade auf.
„Ehe ich aber fortfahre und Einzelheiten mit Ihnen bespreche, erachte ich es für meine Pflicht, zwei Singe mit Ihnen zu regeln."
Lothar nahm ein Kästchen heraus, öffnete es und reichte es Ilsabe mit leichter Verbeugung über den Tisch.
„Ich habe mich an Ihrem Eigentum vergriffen. Sie sehM, daß auch ich einmal vom Pfade der „Korrekthett" abwich und biefe Nadel behielt, die Sie in diesem Zim- tnyr einst verloren haben!
ebnen.
Was die Giftgase anbelangt, so wird der Angriff noch fürchterlicher fein. Es existiert heute Gas, das mehr als tausendmal tödlicher ist als irgend ein Gas tm SBelW kriege imb, so schreibt der Engländer, ich wage zu gtou» ben, daß ein an einem windstillen Tag abgeworfener Behälter mü Gas mehr Menschen lötet, als bas gesamte Gewicht der Bomben. Es gibt ein Gas, bas so stark qt, baff es einem Menschen, der es einahnet, sofort töten wird Eine Katze, an der es ausprobiert wurde, fiel io« um, ohne noch zu zittern. Eine andere Gefahr bet diesem Gas besteht, sofern sich der Wind nicht erhebt, barm, daß das Gas fortführt, in alle Räum» zu sickern, selbst w einen bombensicheren Keller, weil es schwerer t st als bie Luft. Wenn diese Zett kommt, dann wird es wahrhaftig nicht „Manna" sein, das vom Himmel fällt^' sondern ein unsichtbares, geruchloses, stilles Gas, baaj alles sicher und sofort tötet.
Was die Pestmikroben angeht, so will ich mich dar-' über nicht näher verbreiten, aber man hat mich verstehen lassen, daß Flaschen und Behälter, mit solchen gefüllt, m bie Wasser-Reservoire geworfen werden können und. so alle Wasserversorgungen der Städte vergiften. Vielleicht! wird das Volk in Chicago ober in anderen Städten, bie! -x?it vom Meere abliegen, sich sicher betrachten auf Grund des begrenzten Akionsrabius des Aeroplans. Aber ich glaube nicht, daß eine solche Sicherheit existiert, um so! weniger, weil ja noch ein von einem Luftschiff mit geführter Aeroplan Abstecher machen kann.
Soweit der Engländer. Der Franzose, Oberst Fary, unterstreicht, daß Pestmikroben sicher in dem nächstem Kriege eine große Rolle spielen.
Don Washington wurde übrigens kürzlich mitgeteilt, daß es früher nie so schwierig war, genaue imb zuverlässige Auskunft über Rüstungen zu bekommen, I wie gerade jetzt im Zeichen der „Abrüstungskonferenzen" I und „Abrüstungsidee"! Nie war das militärische Budget! I der ©tonten so irreleitend wie heute, nie war eine solche I Bemühung vorhanden, militärische Ausgaben zu ver- I schleiern, wie gerade in unseren Tagen, obgleich unter, I dem Washingtoner Abkommen über bie „Einschränkung I der Rüstung" die Tinte kaum stocken ist! Alle drei Län-i I der, Nordamerika, Großbritannien und Frankreich ver» I langen größere Summen für das Luftwesen in dem neuem I Finanzjahr. Nordamerika besitzt im Augenblick bas größte I Luftschiff und ebenfalls den größten Bombenäropl.in.i I Frankreich und England konzentrieren chre Anstrengungen I auf den größten Gebrauch der Luftflotte, auch auf ihre! I Anwendung bei Truppentransporten. A. G.
heileres.
Der wohlüberlegte Nachtwächterfprirch. „Aber," fragte eine Frau, „warum rufen die Nachtwächter nur immer: Hört, ihr Herren und laßt euch sagen! und niemals auch: Hört, ihr Frauen usw.?" — Man antwortete ihr: „Die Frauen wollen nicht hören und lassen sich nichts sagen."
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Radio. „Frechheit! Statt auf Welle 400 sein Griechisch zu hören, nascht der Bengel auf Welle 600 Jn- dianergeschichten!"
sen zu wollen. Mag denn das Verhängnis sich erfüllen.
Leben Sie wohl, und so roeit ich Ihnen Dank schuldig bin, sei er Ihnen hiermit abgestattet."
Ihre Stimme versagte, sie war am Ende ihrer Straft, als sie nach der Tür schritt.
Willenberg hatte jede Phase dieses plötzlichen Wandels in feinem Herzen miterlebt. Wie rührend und schön sie ihm in ihrem Schmerz erschien, welche Würde strahlte sie selbst in dem Augenblick aus, als chre Mädchenstärke unter dem Eindruck des Erlebnisses zu versagen drohte und sie sich anschickte, besiegt, aber ungebrochen das Schlachtfeld zu verlafjen. Schon streckte sie bie Hand nach der Türklinke aus, da stand plötzlich Lothar vor ihr und wehrte chr mtt ausgebreiteten Armen den Austritt. Seine Augen leuchteten, feine Stimme zitterst vor innerer Erregung, sodaß Ilsabe erschrocken zurückprallte.
„Ilsabe! — In diesem Augenblick sind ©ie nicht mehr meine Angestellte, sondern frei, find Herrin Ihrer Ent- schlüsse, und das, nur das wollte ich mit der Kündigung bezwecken; kränkte ich Sie, fo verzeihe mir Gott, irh habe es nicht gewollt."
Er ergriff bie Hände des jungen Mädchens, das, regungslos vor ihm stand „Slfabe, ich liebe Sie, Sie wissen ja gar nicht, was Sie mir geworden sind in ben Jahren, ba ich Sie um mich sah. Gehen Sie nicht oon- mir, Ilsabe, ich kann nicht leben ohne Sie!"
Und der große, stattliche Mann stürzte vor dem Mädchen nieder, preßte den Saum ihres Kleides an die Augen und ergoß seine stürmischen Hoffnungen und Gefühle fist die Eine, Einzige in stammelnden Liebesworten.
Mit überstürzender Stimme, als ob er röte Unter-; drechung fürchte, schilderte Lothar seine Leiden. Wie er nicht wagte, von feiner Neigung zu sprechen, wie dann der heutige Storm das Eis brach und er in !hr feil Glück, feine Zukunft, und die Verkörperung feines Ideals
nicht, wie Joseph mitten im Gespräch aufstand und oer- I
Am andern Tag erzählte sich das ganze Dorf vom I Verschwinden des Bildschnitzers, »nd memanb tonnte Auskunft geben, wohin er sich gewendet hatte. «P I erfuhr man, daß er mit der großen Armee nach R y- I land gezogen fei, und von da ab verlor sich ^eSp I für die Schwarzwälder. Erft eineinhalb Jahrzehnt fpa- I ter tauchte Joseph im SÜdbayerifchen w,eder auf, und niemand wußte, woher er gekommen war. Er suhr mit feinem Weib und einem Knaben im Planwagen durchs I Land und verkaufte auf Dörfern und Gehöften feine
Am Abend eines brennenden Augusttages des Jahres I 1827 kam er in einem oberbayerischen Weiler an, iPanftt® I feine Mähre aus, band sie an einen Bmim und ließ *IC Mill schau'n, ob ich Hader krieg'", rief er m ben Wagen, ging breitspurig auf ein« der armstttgen Bauernhäuser zu und klopfst an bte Tute. Ast sich wand sehen ließ, lugte er flüchtig durch bie Fenster, um schritt das Haus und rief nach dem Bauern. Aber alles &h<2)er Stellmacher trat in die niedere, düstere Küche. Fliegen summten in Scharen. Eine Katze sprang vom Herd und schmiegte sich an den Fuß des Emtretenden miaute gedehnt und streckte sich etliche Male. Joseph I wollte sich eben auf die Bank niederlassen, als er auf | einmal im Dunkel der Ofennische den erhängten Bauern gewahr wurde. Ruckhaft schnellte er empor, rannte aus dem Haus und meldete seine Entdeckung den Nachbarsleuten. Der Bauer, der ihn empfing, mckte ohne sonder- licke Verblüffung und brummte gelassen: „Hab mir s ton denkt daß er's macht!" schickte seine Kinder m bte andern Häuser und befahl dem Knecht, den Leiterwagen em Vm selben Abend noch fuhr man den erlangten zum Dfarrort und begrub ihn ohne priesterliches Geleit. Er war ein Sonderling gewesen und hatte kettte Nachkommen. Da keiner das verfemte, unheimliche Haus be- I treten wollte, erstand « Joseph Gottbreit für siebzig Gulden, richtete sich allmählich eine Werkstatt ern und blieb im Ort. Katharina, seine Frau, gebar ,hm außer Markus im Laufe der Zeit noch zwei Kinder, -m Mädchen imd einen Knaben. Aber beide starben kur; nach der Geburt, und nur Markus, der damals tm sechsten Jahre stand, blieb am Leben. Katharina selber erlag zwölf Jahre vor dem Ableben ihr« Mannes an ^hitzigem (Sattfieber", genau vier Tage, nachdmn eine Zigeunerin im Hause erschienen war, bte Soferf» als diejenige erkannte, welche der wurttembergtsche Sotn- nambulist Gotthilf Breiter in seinem Buche Somnambulen durch den Mond und bte schmerzlichen Jahrhunderte" als „die Abgesandte des Todes be ^on'da ab senkten sich die Augen des alten Sstll- I mache« tiefer in die Höhlen, und sein Blick bekam etwas I .Unruhig ins Wesenlose Bohrendes. Sein stets fest ge- I schlossener Mund ward nur noch ein schmaler, strenger Strich und ließ selten Worte über bte Lippen. Es kam | vor, daß er nächtelang über alten Buchern «enetgt m I der spärlich beleuchteten Stube saß und manchmal laut I vor sich hin redest. . . .
in dem sie saß. , ...
Sie wähnst in einem Traum befangen zu fern und ihre eigene Stimme erklang ihr fremd, als sie stockend sagst: „Eigentlich nicht! Jch glaubte vielmehr, daß ote erhaben über allen Kämpfen des Alltags stunden, die ntinter glückliche Sterbliche oft tief wider ihren Wtilee in den Staub sieben. Ähr- ruhige Abgeklärtheit —.
Da erhob er heftig imb abwehrend bie Hände. ........ -------- —
„Rein — nein, da irren Sie! — Ich bin em Mensch I 3S)nen nod) zustehende Gehalt für drei Monate wird mit" manchen Fehlern, und mit der Ihnen bekannten • - • --------,r±---'— "
Peinlichkeit nach außen hin, die mich oft nicht fo »er- austreten läßt, wie ich wohl möchte. Wie sehr uh mir selbst dadurch schadete, ist mir beute erst zmn Bewuyt- fein gekommen. Aber nicht jeder kann aus seiner W, die ihm auf den Leib gewachsen ist." ,
Er bückst sie voll an und schlug leicht mtt der ixmb auf tue Tischplatte. „Heute jedoch hat's mich gepackt! — Dos Dasein mtt seinen scharfen Kanten und spitzen Ecken hat auch meine Seele verwundet, bie bisher unberührt blieb, mrd — manchmal sind solche Stunden entscheidend
Zuldaer Zeitung
Jenseits der Rampe.
tzerichle ans jenem bretternen Reiche, das bie I Welk bedenken will.
Dem hochverehrten Publico devotest I zur „Aufklärung" gewidmet von , << Rolf Gunold, Berlin.
(Nachdruck verboten.) I
H.
In Gemäßheit meines Programmes, in dem ich dem ochverehrten Publico versprochen habe, es ein wenig ^zn verreißen", beginne ich nun die Kritik in der Weife, tzaß ich zmtächst 10 liebenswürdige Gebote auffteUe, deren Innehaltung ich dem fündenvollen Zuschauer und Zu- chrer dringend ans Herz lege. Die 10 Vorschriften lau» ie» also:
1. Du sollst nicht zu spät kommen!
D h.: Achte die Büffnenkunst so, als ob du zu jtetnem Dienst gingst: wenn du pünktlich bist, tust du hie selbst ben größten Gefallen. ; _
2. Du sollst nicht stören!
D. h.: Wenn du unverschuldet noch dem zweiten Vorhang-Zeichen den Zuschauerraum betrittst und das !Spiel schon begonnen hat, so habe wenigstens die Güte, dich am Gange aufzuhalten und zu warten, bis das Licht wieder aufflammt. „Drängelst" du dich dagegen rück- ichtslos durch die Reihen, so verdienst du eine ange- neffene Tracht Prügel, denn du weiht nicht, was für Schaden du mit deinem Benehmen cmrichtest. Du störst in brutaler Weise deine Reihennachbarn, nimmst ihnen die Stimmung und begehst die allergrößte Rücksichtslosigkeit gegen den darstellenden Künstler, dessen Arbeit und Mühe für diese Minuten vollständig verloren geht.
3. Du sollet nicht husten und dich nicht räuspern!
D. H-: Es gibt Stimmungsmörder, die genau in dem Augenblick Hutten müssen, in dem eine herrliche pianis- fimo Stelle oder eine packende, stumme dramatische Spannung auf der Bühne vorherrscht. Jch flehe dich an, nimm dein Taschentuch und unterdrücke den Husten in solchen Augenblicken, so gut du kannst; vergiß nicht, daß, weim du zu husten anfängst, hundert andere es als Signal betrauten, gleichfalls ihrem Bedürfnisse abzu- helscn. Bon der Wut des Schauspielers über diese Kehl- kopffywphoiiie will ich dir lieber nichts erzählen, denn dann würdest du flüchten müssen.
4. Du sollst während des Spieles nicht
essen!
D. h.: Iß vorher oder nachher ober während der Zwischenpause. Die Bühne fft kein Restaurant und der geistige Genuß verträgt sich nicht mit Konfekt, Stullen und Papiergeknatter. Dieses Thema gehört in das Kapitel: „Kultur".
5. Du sollst nicht schätzen!
D. h.: Es gibt Leute, die sich durchaus während des Dialogs die gleichgültigsten Sachen ziemlich laut mit» teilen müssen, sodaß auch der Nachbar verurteilt ist, oon diesen wichtigen Dingen Kenntnis zu nehmen, als z. B.: „Tante Anna soll morgen nicht vergessen, % Pfund gekochten Schinken zu besorgen!" ober: Im Warenhaus W. liegen herrliche Seidenreste im Ausverkauf aus", I schwer zu sagen, ob der Vater Joseph Gott
oder „ich koche se blau". Solche Herrschaften müßte die I &reits< ein schwarzwäldischer Bildschnitzer und Uhrmacher, Polizei aus dem Theater weisen. I dessen Familie und Haus durch einen Bergsturz ver-
8. Du sollst nicht drängel nl I nidytet wurden, während der siebenjährige Knabe sich
D h.: Wenn das Spiel aus ist, so habe es nicht so I in dem eineinhalb Stunden entfernten Dorf befand, ein ^^00' Mg. Hast du 3 Stunden geopfert, so kannst I Nachkomme Michaels ist. Man erzählt sich von dem
du auch 3 Stunden und 10 Minuten opfern. Gönne I Bildschnitzer, er fei ein religiöser Grübler gewesen und
dem Künstler lieber ein wenig mehr Beifall und warte I habe sich viel mit Somnambulismus beschäftigt, eine tteber, bis bie drei langsamen dicken Damen ober Herren I Eigenschaft, die sich in Joseph in mwerminberter Starke oor dir endlich ihren Ausweg zur Garderobe gefunden I fortpflanzte.
haben. Du kannst diese kostbaren Sekunden, die du zu I Der elternlose Knabe wurde nach dem Unglück vom warten hast, ausnutzen, indem du noch einmal über das I Stellmacher Johannes Äraiber aufgenommen und er» Gebotene nachdenkst oder den Theaterzettel durchstubierst. I lernte bas Handwerk seines Pflegevaters. In ben Seiet» ■ - - - ■ ftunben schnitzte er Figuren und Köpfe, die den Kreis seiner inneren Vorstellungen seltsam verdeutlichten. Des öftern, an ben Sonntagnachmittagen, tarn ein Bauerssohn mit seiner Liebsten in die Stellmacherwerkstätte, drückte Joseph etliche Gulden in die. Hand und sagte: „Schnitz uns, daß die Alten glauben." Und am andern ober übernächsten Sonntag konnten bie Besteller das Stück haben, stellten es heimlich in die Stube des Brautvaters und erhielten die Einwilligung zur Heirat. Beim Hochzeitsmahl saß bann stets der junge Bilbschnitzer am Tische der Vermählten, und Äraiber war meistens so betrunken, daß er laut und geräuschvoll zu erzählen begann, was er Schnurriges aus Gegenwart und Ver-
SIfabe Rasmus.
Novelle von Fesix Neumann.
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Wsab'es Rechte umklcmnnerte bie Lehne des Sessell