Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
dl. Zahrg.
Donnerstag, 6. November 1924
Nr. 259
günstig.
Letzte Meldung.
Das Nreuz auf dem Kapitol.
Aus Rom wird gemeldet: Die 6. Wiederkehr des Tages von Vit torio V en et o ist soweit ersichtlich, im' ganzen Lande ohne ernstliche Störungen verlaufen. Zwischen den Faschisten einerseits und den Anhänaern der „Italia Libera" und den Kriegsteilnehmern andrerseits kam es in mehreren Ortschaften zu Reibungen und Prügeleien. Ein Blatt, das die grundlose Nachricht verbreitet hatte, in Rom hätten die Faschisten mit Handgranaten gearbeitet, wurde beschlagnahmt.
Die Kreuzenthüllung auf dem Kapitol erfolgte, während von den Befestigungen auf dem Monte Mario Kanonenschüffe ertönten; im gleichen Augenblick läuteren auch die Kirchenglocken und wurden tausende von weißen Tauben freigelaflen. Die Menge, die den Kapitolsplatz ansüllte, sank in die Knie und stimmte ein Tedeum an. Der Platz wurde den ganzen Tag von Volksmasien umlagert, die dem neu aufgerichteten Kreuz die Ehre erwiesen.
vertrauensvolumfür yerrist.
Kammer und Senat in Paris haben ihre Eröffnung gefunden. In der Kammer entfaltete sich non Anfang an eine ziemlich lebhafter Betrieb. Die Sozialisten stellen, nachdem man sich über die Ursache der Teuerung lange gestritten hatte, den Antrag, die Festsetzung der Tagesordnung, nach der die Interpellationen beraten werden sollen, auf Donnerstag zu vertagen. Ministerpräsident Herriot schließt sich diesem Antrag an und stellt die Vertrauensfrage. Der Antrüg wird mit 410 gegen 71 Stimmen angenommen.
Nach Wiederaufnahme der Sitzung hat die Kammer mit 309 gegen 140 Stimmen gemäß dem Antrag des Finanzausschusses beschlossen, die Dis- kussion über das Budget für 1925 zu beginnen. Damit ist der Antrag der Opposition, die Diskussion erst in acht Tagen aufzunehmen, abgelehnt.
Frankreich und 5ow;etrußland.
Der Beginn der Verhandlungen in Varis.
wtb Paris, 5. Roo. (Tel.) Ministerpräsident Herriot verhandelte gestern abend mit dem aus London in Paris eingetroffenen Vertreter der Sowjetregierung, Rakowski, um mit ihm die Formalitäten über die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu besprechen. Die Sorojef- regierung hat ihr Argreement zur Ernennung des Schriftstellers Jean H erbe tte, des ehemaligen Leitartiklers der „lemps“ gegeben und die fran- zöfische Regierung ihrerseits zur Ernennung Sr a f- fins zur Botschaft der Sowjetregierung in Paris. Line katholische Kammer-Fraktion.
Am 15. und 16. November 1924 findet in Paris der erste konstituierende Kongreß der neu- gebildeten katholischen Kammerfraktion statt. Die neue Partei tritt vollwertig neben die bereits bestehenden Fraktionen, entsendet Mitglieder in die Kommissionen der Kammer und wird ihren Platz zwischen der Union republicame democratigue, den sogenannten Progressiven, und den Linksrepubli- kanern, denen z. B. Le Trocguer angehört, einnehmen. Die neue Partei zählt bereits vierzehn Abgeordnete, zumeist aus dem Elsaß und der Bretagne, zu den ihrigen und hofft im Laufe der Kammersession auf den Beitritt einer weiteren Anzahl von Abgeordneten. Hervorgegangen aus politischen Organisationen der Provinz, wie der Union populaire republicame dÄlsace und der Federation des republicains-democrates de Finistere (Bretagne), stützt sich die neue Partei auf eine große Anzahl seit Jahrzehnten bestehender katholischer Arbeitsgemeinschaften, welche sich auf dem Gebiete der sozialen Probleme besonders hervorgetan haben. In ihrem Programm unterscheidet sich die neue Fraktion wesentlich von den sogenannten offiziellen Katholiken der Richtung Isaac und Millerand durch die stärkere Betonung chrer sozialen und friedlichen Tendenzen. Die Partei nimmt den Namen ParteiderDemokraten an, und vereinigt in ihrem Programm nachstehende Forderungen:
Verteidigung der Republik und der politischen Freiheiten, Verwirklichung einer sozialen Gerechtigkeit im Wege volkstümlicher Entwicklung, Achtung der moralischen und religiösen Gewalten, welche als Grundlage einer bürgerlichen Erziehung für notwendig erachtet werden.
Die Partei steht grundsätzlich auf dem Loden tätiger Mitwirkung an allen Werken des Friedens und der Begünstigung internationaler Abkommen zwischen den Organisationen katholischer Arbeiter und Intellektuellen in allen Ländern. Der Einfluß auf eine Anzahl bedeutender Provinzblätter dürfte bereits gesichert sein.
Die Handelsvertrags-Verhandlungen.
Die deutsche Delegation, die unter Führung des Staatsselretärs Dr. Trendelenburg steht, ist in Paris eingetroffen, um die Verhandlungen über den Abschluß eines Handelsvertrags mit der französischen Delegation fortzusetzen.
Bus der Zentrumspartei.
— Der Reichrparteivorstand der Deutschen Zentrumspartei, der beim letzten Recchsparteitaq neu bestätigt bzw. durch Zuwahlen ergänzt worden ist, wird am 13. November im Fraktionssitzungszimmer der Zentiums- partei im Reichstag zusammentretens In der Hauptsache wird es sich um die Aufstellung der Kandi. datenlisten, insbesondere der Reichsliste handeln. Weiter werden aber auch die zwischen der Zentrumspartei und der Bayerischen Volkspartei schwebenden Verhandlungen bei diesem Anlaß zur Erörterung und zur voraussichtlich endgültigen Beschluß- faffung kommen.
* Lawinrnkontrolle. Eine Lawinenkontrolle will die österreichische Regierung an besonders ge- fährdeten Stellen einrichlen, um die furchtbaren Schäden, die sich aus der Lawinengefahr Fahr für Jahr ergeben, zu verringern. Tie erste Lawinen- beobachtungsstation wird noch in diesem Jahre am Miiterriegel bet Hietlau eröffnet. Hieflan ist eine Station an öet Strecke Innsbruck —Wien. Man gedenkt durch diese Maßregel insbesondere auch die Bahnen und die Straßen zu schützen.
Wtb Newyork, 5. Nov. (Tel.) Es steht mm mehr endgültig fest, daß Eoolidge mit großer Mehrheit'wiedergewähtt worden ist.
Neue Unruhen in Brasilien.
wtb Paris, 5. Nov. (XL) Havas verbreitet eine offizielle Meldung der brasilianisch. Regierung aus Rio de Janeiro, nach der ein Teil der Mann- schast des Lreuzers«San Paolo" gemeutert hat. Der Marineminster hat den Oberbefehl über das regierungstreue Geschwader übernommeen und hofft, den Ausstand rasch unterdrücken zu können.
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Vereitel die Wahlen vor!
Solange dasdeutsche Volkzuparlamentarischen Kör- perschasten wählt, hat es sicher keine für uns wichtigere Wahl gegeben als die am 7. Dezember. Alle Parteien rüsten mit Macht. Keine aber kann mit so frohem Mut in die Wahlschlacht gehen, wie das Zentrum.
Tie Zentrumspolitik hat sich als die allen» mögliche und als erfolgreich bewährt.
Sorge jeder zu seinem Teil dafür, daß sie nach dem 7. Dezember kraftvoll weitergesührl werden kann!
Verantwortlich für die Schrift leit um,: Dr. Johannes Kramer» Ameigen: I. B arzeller, Fulda. Rotationsdruck und Verlas der Fuldaer Setiendruckerei in Fulda. Fernfvrecher Rr- S. Monatlicher Beuio.SdreiS: 1.50 Mk.
Die Unabhängigkeit der Presse in Gefahr.
Aus Berlin wird uns geschrieben:
Schon mehrfach ist über dieses Kapitel geschrieben worden. Die namentlich vom dem Stinnes- konzern eine zeitlang betriebene Aufsaugung bis dahin unabhängiger Presseorgane und Berlage, der sich dann der Konzentrationsprozeß anschloß, den H u g e n b e r g für den Krupp-Konzern unternahm, hat die Gefahr aufgezeigt, die der Unabhängigkeit der deuffchen Presse drohen. Man ist allmählich aber weitergegangen. Mit den Zeitungen allein, die nur einen immerhin örtlich begrenzten Verbreitungskreis haben, konnte man eine dauerhafte und umfassende Propaganda nicht betreiben. Man mußte deshalb an die großen Presse- und Korrespondenzbüros, an die Telegraphen- und Nachrichtenstellen heran, die gewissermaßen den Rohstoff liefern, mit dem die Presie des ganzen Reiches versorgt roirb., Und so konnte man beobachten, daß sich starke wirtschaftliche Einflüsse auch auf die finanzielle Grundlage und die Geschäftsgebahrung dieser großen Büros bemerkbar macht. Die Geldgeber, in der Hauptsache große Finanz- und Industriegruppen, suchen sich natürlich auch auf die politische Tendenz solcher Unternehmungen, die sie an sich gebracht haben, Einfluß zu verschaffen, und in der Tat können ja Eingeweihte feftftelten, wie oft durch ein einziges Wort diese Tendenz, den Außenstehenden vollständig un- erfichllich, zum Durchbruch kommt. Neuerdings ist es wieder die Telegraphenunion, die schon früher ihre ursprüngliche Unabhängigkeit verloren hat, und die jetzt durch Neufinanzierung vor der Gefahr steht, noch weiter in wirtschaftliche und damit aud) politische Abhängigkeit von gewissen Gruppen zu kommen. Die neue Lage Hal dahin geführt, daß eine ganze Anzahl von Redakteuren, Oie diese Schwenkung nicht mitmachen zu können glaubten, ihre Kündigung eingereicht haben. Mit weiteren großen personellen Veränderungen muß man rechnen.
Die Unabhängigkeit der deutschen Presse ist ein zu kostbares Gut, als daß es leichthin vertan werden dürfte. Wir haben erfreulicherweise im ganzen Lande Zeitungen, die sich aus eigener Kraft oder durch die Treue und Opferwilligkeit ihrer Anhänger aufrechterhalten. Diesen Zeitungen müssen wir unsere allergrößte Fürsorge angedeihen lafjen, damit sie nicht eines Tages, von ihren eigenen Freunden verlassen, einem stillen aber zähen Aufsaugungsprozeß zum Opfer fallen. Insbesondere wird man darüber hinaus mit großer Aufmerksam- keit die Dinge verfolgen müssen, die sich an gewissen Nachrichtenquellen vollziehen. Die Unabhängigkeit der deutschen Presse, die Unabhängigkeit insbesondere der Zentrumspresse darf nicht bestimmten Juteresiengruppen zum Opfer fallen. Gerade die deutsche Zentrumspresse ist von diesen Dingen noch amwenigsten berührt. Sie ist in Wahrheit die Vertretung der Interessen der gesamten Bevölkerung und das fall auch weiterhin jo bleiben.
Sn SeMmM-fel in 6W.
Der Rücktritt Macdonalds und die Betrauung Baldwins mit der Kabinettsbildung ist jetzt erfolgt, lieber die Kabinettsbildung wird gemeldet:
wtb London, 5. Nov. (Tel.) Die „litnes" berichtet, es könne als sicher angenommen werden, daß Curzon nicht ins Auswärtige Amt zurückkehren werde, daß wahrscheinlich Austen Chamberlain seinen Platz einnehmen werde. Die „Times" rechnet mit einem Eintritt Churchills in die Regierung, da Baldwin das neue Kabinett so stark wie möglich zu machen beabsichtigt. Es sei wahrscheinlich, daß der Zusammentritt des neuen Parlaments um eine Woche, d. h. bis zum 25. November verschoben werde und die feierliche Eröffnung am 1. oder 2. Dezember stattfinden werde. »Daily News" zufolge werde erwartet, daß Baldwin morgen abend die N a m e n seiner hauptsächlichen Kollegen in der neuen Regierung veröffentlichen werde.
Deutscher Reich.
* Der Staatsrat wird am Mittwoch, den 5. Nov., nicht zusammentreten. Der Staatsrat wird erst wieder am 15. Dezember tagen.
* Der entlassene Poehner. Meldungen aus München zufolge hat der Disziplinarhof die B e r u f u ng, die Oberlandesgerichtsrat Poehner gegen das Urteil der Difziplinarkammer auf Entlassung wegen seiner Teilnahme amHitlerputsch eingelegt hatte, verworfen.
Kuziand.
* Präsidentenwahl aus Kuba. Aus Havanna wird gemeldet: Das Jnnensekretariat bestätigt, daß General Machado zum Präsidenten von Kuba gewählt wurde. Ter frühere Präsident Menoeal erklärte, daß er die Wahlen, da auf seine Anhänger militärischer Druck ausgeübt worden fei, als Betrug bezeichnen müfle.
Loolidger Wahlerfolg.
Die Wahl der Elektore« in Nordamerika.
Am Dienstag hat in Nordamerika die Wahl der Elektoren (Wahlmänner) stattgefunden, die demnächst die Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu tätigen haben. Mit dem Ausgang der Elektoren-Wahl ist auch der Ausgang der Präsidentenwahl bereits entschieden. Der Kandidat der Republikaner ist der jetzige Präsident Coo- l i d g e, der Kandidat der Demokraten ist Davis, der unabhängige Kandidat ist L a f o 11 e 11 e. Um Eoolidge zu schlagen, hätten die beiden Gegenkandidaten mindestens zusammen 266 Elektorenstim- men aufbringen müssen. Denn nur die absolute Mehrheit von den insgesamt 531 Wahlmännerstimmen sichert ihm den glatten Sieg. Die verschiedenen Staaten verfügen über gänzlich verschiedene Stimmenzahlen, Arizona z. B. nur über drei Elektoren, Newyork dagegen über 45.
Nach den aus Newyork vorliegenden Berichten zeigte sich das große Interesse für den Wahlkampf in dem starken Andrang von Wählern bereits bei Eröffnung der Wahllokale um 6 Uhr morgens in den verschiedensten Landesteilen. Es wird die arößte je dagewesene Abstimmung erwartet, besonders da herrliches Wahlwetter die Wähler über- oll herauswckt. Die verschiedenen Parteiführer be« anspruchen den starken Andrang der Wähler natürlich als günstiges Vorzeichen für ihre eigene Partei. Einer der Ruhigsten im Lande war Eoolidge, der, wie üblich, ungestört feinen Amtspflichten nachging. Die ersten drei Wahlergebnisfe waren Siege für Eoolidge. Der Ort Somerset in Vermont, dessen Wählerschaft aus vier Männern und deren Frauen besteht, gab Eoolidge alle acht Stimmen. Der Ort Newsford in Massachusetts mit 24 Wählern gab Eoolidge 20 und Davis 4 Stimmen. Der Ort Windsor in New-Hampshir gab Eoolidge 9 und Davis 5 Stimmen.
Ein Zwischenfall.
Mehrere Blätter melden aus Newyork, daß sich bei dem Wahlkampf in Chicaao einblntigerZu- sammenstoß ereignete. Ein Mann wurde erschossen. Sieben Personen, die an dem Handgemenge beteiligt waren, wurden verhaftet.
Die Wahl in Newyork.
wtb Newyork, 5. Nov. (Tel.) Nach der bis 8 Ahr abends (Am. Zeit) vorliegenden Wahlergebnissen waren in 230 Wahlbezirken der Stabt Newyork abgegeben worden für
Eoolidge 46 419,
Davis 40 522,
Lasollelle 18167 Stimmen.
Coolidge hat die Führung. Auch in Michigan, North-Dakota, und selbst Virginia, dem Heimat- staake von Davis, steht Coolidge an der Spitze, ebenso in Wisconsin, dem Heimatstaat von Lafollette.
Die Wiederwahl Coolidges.
wtb Newyork 5. Nov. (Funkspruch ) Am 9 Ahr (Am. Zeit) lagen die Ergebnisse von einem Drittel der Wahlkreise im Staate Newyork vor. Danach verhalten sich die für Coolidge und Davis abgegebenen Stimmen wie 2:1, während Lafollette an dritter Stelle steht. Znsammenfassend läßt sich nach den um 8% Uhr abends vorliegenden Ergebnissen sagen, daß Coolidge mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt werden dürste.
Bei der Dahl für den Gouverneurposten von Newyork ist zwischen dem republikanischen Kandidaten Theodor Roosevelt und dem bisherigen Gouverneur Smith ein scharfer Kampf entbrannt.
wtb paris, 5. Nov. (Tel.) Der „Petit Pari- fien" hat heute früh eine Depesche aus Chicago erhalten, nach der bestätigt wird, daß Coolidge in allen Drtsftaaten des Misisippi-Gebiets eine große Mehrheit erreichte. Auch die Teilergebniffe in den Staaten Jndiania und Ohio feien für Coolidge
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Reichskanzler Marx.
Eine für das ganze politische Leben unverlierbare (Erinnerung, so schreibt die „K. B", haben die Teilnehmer des Parteitages der Deutschen Zentrumspartei gewonnen durch die Huldigungen für den Kanzler M a r x.
Treue tmd Dankbarkeit den Führern gegenüber waren in der Zentrumspartei von jeher eine welbst- verständlichkÄt und das Unterpfand der Einigkeit, und so har das Wort, daß es in der Politik keine Dankbarkeit gebe, keine Allgemeingültigkeit. Auf eine lange Reihe vortrefflicher Führer kann die Zentrumspartei zurückblicken. auf Männer, die in sich tragen den feuervollen Glauben an das Ideal, Klugheit, Beständigkeit, gefunden Menschenverstand und ein in der Tiefe des Herzens wurzelndes Verantwortlichkeitsgefühl. Als der Reichskanzler Marx in seiner Schlußrede von der wahrhaft erschütternden Treue sprach, die ihm die Fraktion in jeder Lage und zu jedem Augenblick bewiesen habe, tat er dies mit jener tiefen Bewegung, die nur durch echte Dankbarkeit ausgelöst werden kann, und der Beifall, der feinen Worten folgte, war so elementar, so wuchtig und alle im tiefsten Innern packend, daß diese Kundgebung bei allen Beteiligten noch lange nachzitterte. Man sah in Marx in diesem Augenblicke nicht bloß den Mann, dem das Vertrauen so vollkommen und ungeschmälert gebührt, man sah in ihm den großen, echten, stillen, bescheidenen Führer des Volkes, den Diktator der Pflicht, des Anstandes, den Diktator in einer auf moralische Basis gegründeten Politik. Fahren wir fort, auf diesen getreuen Eckart Vertrauen zu häufen, viel Vertrauen, noch mehr Vertrauen und beweisen wir es ihm am Tage der Wahl.
Kundgebungen für den Kanzler.
Anläßlich des Parteitages der westfälischen Zentrumspgrtei in Münster i. W. fand eine große öffentliche Versammlung statt. Der Vorsitzende der westfälischen Zentrumspartei, Abg. Herold, bewillkommnete in seiner Eröffnungsrede den Reichskanzler, der bei feinem Erscheinen mit jubelnden Zurufen und lebhaftem Händeklatschen begrüßt wurde. Dr. Marx sprach über die politische Lage und warf zunächst die Frage auf, ob die Auflösung des Reichstags notwendig war, und beantwortete diese Frage mit einem entschiedenen I a. Die Regierungserweiterung war nicht mehr zu umgehen. Entscheidend für die Erweiterung des Kabinetts mußte abrvbte’ Rücksicht auf die Außenpolitik fein. Boten um die Deutschnationalen die Gewähr für eine unveränderte Fortsetzung der bisherigen erfolgreichen Politik? Meiner Ueberzeugung nach hätte der Beitritt von deutschnationalen Ministern das bisher mühsam bekämpfte Mißtrauen des Auslandes von neuem erweckt. Dafür sorgte schon die Presse der Deuffchnationalen, aber auch die Presse der D e u t s ch v ö l k i s ch e n, die ihren Einfluß bis weit ins deutschnationale Lager hinein erstreckt. Mit der ablehnenden Haltung der demokratischen Fraktion war für das Zentrum eine Erweiterung der Regierung nach rechts vollends untragbar geworden. Die Auflösung wurde unvermeidlich. Der Kanzler wies mit aller Entschiedenheit die Behauptung zurück, der Reichspräsident habe auf dieÄuflösung des Reichstages h i n g e a r b ei= t e t. Der Reichspräsident hat sich diesmal wie in allen früheren Fällen, die mir persönlich bekannt wurden, in keiner Weise die Schritte des die Verantwortung für die Politik allein tragenden Kanzlers zu beeinflussen versucht.
Als Zielpunkt für die kommende Wahl bezeichnete der Kanzler in außenp o lis cher Hinsicht die konsequente Weiteroerfolgung des einmal eingeschlagenen Weges. Wir müssen an dem Gedanken einer Verständigungspolitik feschalten. Man kann es bedauern, aber es ändert nichts an der Tatsache, daß wir durch Faustschläge auf den Tisch, durch kindisches Säbelrasseln und rethorische Aufgeblasenheit nichts ausrichten können gegen Staaten, die mit starker Waffenrüstung dastehen. Den Weg zur Freiheit müssen wir uns durch Arbeit und besonnenes Handeln in ruhiger und kühler Beurteilung der wirklichen Sachlage erkämpfen. Wir müssen den Weg zur wirtschaftlichen Gesundung weiter verfolgen, der durch den Londoner Verttag und die Dawesgesetze eröffnet wurde. Schwere Lasten wurden dadurch dem deuffchen Volke auf erlegt. Ob wir sie in vollem Umfange tragen können, wird die »Zukunft lehren. Heute verlangt von uns die Pflicht, das Reich zu erhalten. s
Alle, die diese Politik verwerfen, sind verpflichtet, sich nicht auf die Kritik zu beschränken, eine Kritik, die leicht ist angesichts des ungeheuren wirtschaftlichen Notstandes, in dem wir uns nun einmal infolge des verlorenen Krieges befinden. Sie muffen vielmehr auch positive Angaben darüber machen, welchen Weg f i e denn zur Aufrichtung Deutschlands für' zweckmäßig und aussichtsreich halten. Wenn sie das nicht vermögen, bann haben wir ein Recht, uns ihre fadenscheinige Kritik mit Ernst und Nachdruck zu verbitten.
Der Kanzler ging dann auf die i n n e r e P o l i- tik über, die sich auf einer mittleren Linie bewegen müsse. Er bezeichnete es als eine ernste Pflicht aller Zentrumsanhänger, mit aller Entschiedenheit sich auf den Boden der Verfassung zu stellen und jede ungesetzliche und namentlich gewaltsame Aenderung der Verfassung nach Kräften zu bekämpfen.
Die Ausführungen des Kanzlers wurden wiederholt von Beifallskundgebungen unterbrochen, die sich zum Schluß zu lebhaften Ovationen für ihn ge- jtoUeteu.