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Auldaer Zeitung

Deutsche Wirtschaft und Sozialpolitik

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handel? Setzt man den Anteil Deutschlands im Wahre 1913 100, so ergibt sich für die Nach­

kriegszeit folgende Ziffernreihe:

sonst per 100 K, in Rentenmark. 8

19,0019,40.

Gerste

Aendemng bezw. 5)erabfetzuina der Börsenumfi ansgeati>eitet, der aber wegen Auflösung des Dteii

der Börsenumsatzsteu«

farbige Stoffe entfärbt

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Die neue Gestaltung der Vörsenumsahsteuer. Im

Reichsfinanzmimsterium war bereits ein Entwurf zur

Unschädlich für alle Stoffe. MUhekse Anwendung.

Man adiie auf die Marke ,Fudiskopf im Siern', Erhältlich in Drogerien und einschlägigen Geschäften.

s. Blatt.

Don.» bet Fulsaer Aettendruckerei in Fnld»

Die amtlichen Notierungen am Frühmarkt waren in Gold-

M 256.

SamStag, L November 1924.

Farbflecken uns weiß. Ws Weinflecken e tferni

n«ht mehr zur Erörterung gestellt werden konnte. In« zwischen find aber neue Verhandlungen gepflogen worden nrit dem Ziele, diese Steuer zu ermäßigen rote über- Haupt Maßnahmen zu treffen, die insbesondere dem klei­nen Prchkikum und den Kleinaktionären zugute kommens sollen. Eine Entscheidung ist in den nächsten Tagen zu erwarten, gegenwärtig schweben nur noch Verhandlungen darüber, daß von feiten der Banken Sicherheit dafür ge­schaffen wird, daß im Falle der Ermäßigung dieser Steuern auch die Bankprovisionen und derKeichen eine eittspr-chende Herabsetzung erfahren.

= Frankfurt a. M., 30. Okt. (Vi ehmarkt). Auf­trieb: 21 Ochsen, 5 Färsen und Kühe, 765 Kälber, 1075 Schafe, 1108 Schweine. Bezahlt wurden für einen Zentner: Kälber: feinster Qualität 7078, mittlerer Qualität 6470, geringerer Qualität 5363, geringe Saugkälber 4050; Schafe: Mastlämmer und Masthammel 32 bis 38, geringere Masthammel 0000, mäßig genährte Hammel und Schafe 2530; Schweine vollst, von 80100 Kilo 6573, vollst, unter 80 Kilo 5565, von 100200 Kilo 6874, von 120150 Kilo 6874, Fett, schweine über 150 Kilo 0000. Der Kleinviehmarkt Wurde bei langsamem Handel geräumt, der Schweine­markt bei später abflauendem Geschäft geräumt.

Die Preise sind Marktpreise für nüchtern gewogene Tiere und schließen sämtliche Spesen des Handels ab Stall für Fracht, Markt- und Verkaufs, kosten, Umsatzsteuer, sowie den natürlichen Gewichts. Verlust ein, muffen sich also wesentlich über die S tatl- preise erheben. Als Unterschied zwischen Stallpreis und Marktpreis sind angemessen: bei Rindern 20 pCt., bei Kälbern und Schafen 18 pCt., bei Schweinen 16 pCt.

Deutschland und die Weltwirtschaft.

Das beherrschende Prinzip in der wirtschaftlichen Pntwicklung der Vorkriegszeit war das Prinzip "wirtschaftlicher Arbeitsteilung. Die einzelnen der waren wirtschaftlich aufs engste mitein- r verknüpft. Diese Verbindung war die Quelle wachsenden Wohlstandes für alle Völker. Der Krieg hat diese Fäden zerrissen. Deutschland, früher es der größten Industrieländer, wurde vom arkt abgeschnitten, und damit wurde auch bestehende feinmaschige Netz der Handels- Sge zerrissen. Die handelspolitischen und zoll- ichen Bindungen des Friedensvertrages taten n das Uebrige, um deutsche Waren vom Welt- t abzuschließen. An Stelle des ungehinder- Harchelsverkehrs früherer Zeiten trat ein System gegenseitiger Abschließung durch Einfuhr- Verbote, Zollerhebungen und Balutazuschläge. Das Maß des derttfchen Anteils am Welchandel wurde wrch diese Bindungen und Fesseln aufs stärkste be- chiskußt. Nach neuen statistischen Berechnungen sar der Welthandel im Jahre 1920 um 17 Proz. geringer als im Jahre 1913, 1921 sogar um 25 Prozent geringer.

' Wie war nun Deutschlands Anteil am Welt-

Berliner prsduktrndörse vom 30. Oktbr. Amtlich festgesetzte Preise. (Betreibe und Oelsaaten per 1000 Kg " "" 1g. In Goldmark der Goldanleihe oder

__________________Weizen märt. 207210, mecklbg. 000000. Roggen mark. 202208, mecklb. 000000, westpr. 000000, Futter-Gerste 200215, Sommergerste 235 bis 260, Hafer märkischer 175185, pommerschei 168178, westpr. 000000, Mais loko Berlin Waggon frei Hamburg 000, Weizenmehl pro 100 kg frei Berlin brutto tnkl. Sack (feinste Marken über Notiz) 29,00 bis 32,00, Roggenmehl pro 100 kg frei Berlin brutto inkl. Sack 28,5031,50, Weizenkleie frei Berlin 12,50 bis 12,80, Roggenkleie frei Berlin 12,5012,80, Raps 390 bis 400, Leinsaat 390400, Viktoriaerbsen 33,0037,00, kleine Speiseerbsen 23,00-26,00, Futtererbsen 19,00 bis 21,00, Peluschken 17,0019,00, Ackerbohnen 20,00 bis 22.00, Wicken 18,0020,00, Lupinen, blaue 14,00 bis 15,00, Lupinen gelbe 1618, Serradella 14^)015,00 neue 2024, Rapskuchen 15,5015,80, Leinkuchen 25,00 6i800,00, Trockenschmtzell0,0000,00, vollw.Zuckerschnitzel 18,00-20.00,£orfmtiaffe30/70 9,00-9,20,Sactoffelffodee

Vie gefestigte Währung.

Die Oktober- und Nooemberwochen rufen die Leidensgeschichte unseres Volkes und seiner Wirt­schaft, in denselben Wochen vor einem Jahre wach. Das tückische Fieber der Währungskrankheit durchschüttelte den ganzen volkswirtschaftlichen und staatlichen Organismus und drohte ihn aufzulösen. Nervenzerrüttung und Hoffnungslosigkeit beherrsch­ten weite Kreise der deutschen Bevölkerung. Viele gaben sich dem Gefühl einer dumpfen Verzweiflung hin. Andere versuchten wie Hyänen auf dem wirt­schaftlichen Schlachtfelde im Währungswirrwarr an Sachwerten zu retten und zu erhaschen, was sich ihnen nur irgendwo bot. Der Dollar erlebte die Wochen seiner schlimmsten Tyrannei. Bald rech­neten wir im Zahlungsverkehr nur noch mit astro­nomischen Milliarden-, Billionen- und Billiarden­ziffern. Noch nie in der Geschchte sank der Wert eines Geldes so tief, und das Geld war doch Um­laufmittel. Das ist selbst in der französischen Revo­lution und im bolschewistischen Rußland nicht vor- gekommen. Wir Deutsche hatten wieder einmal gründliche Arbeit geleistet, einen Weltre­kord errungen, auch mit den Leistungen der Mord­maschine Notenpresse.

Wie anders heute nach einem Jahre. Nur wer die Leidenszeit der Hochinflation materiell und seelisch miterlebt hat, kann den Fortschritt in un­serer Gegenwart würdigen; und er kann den Ver- gleich zwischen 1923 und 1924 richtig ziehen und wird sich herzlich darüber freuen, daß wir eine beständige Währung besitzen, die unerläß­liche Grundlage jeder wirtschaftlichen Wiederauf­richtung.

In der Tat haben wir wieder festen Boden un­ter den Füßen. Die Wertbeständigkeit unseres Geldes scheint wirklich gesichert. Das kann man nach menschlichem Ermessen all den Zweiflern und bangen Fragern heute getrost antworten auf ihre so oft ausgesprochene Befürchtung: .Wird die Mark sich halten?"

Das Vertrauen ist wieder zurückgekehrt. Wir leben mit jedem Tage in dieses Vertrauen hinein. Ein Beweis dafür ist auch der Abbau eines Teiles der Devisenpolizei. Doch den stärksten Ausdruck des Vertrauens und zugleich ein berechtigter Grund für die Dauer der Währungsgesundung erblicken wir in dem Abschluß der Reparations­anleihe. Sie bildete die letzte Voraussetzung für das Inkrafttreten des Dawes-Planes. Sic wurde bereits auf den amerikanischen und europäi­schen Märkten mehrmals überzeichnet. Das be­deutet auf dem Gebiete der internationalen Politik die Verwirklichung des Sachverständtgengutachiens und damit für Deutschland trotz dessen Mängel die Sicherung seiner Währung.

Aus diesem Vergleich wollen wir aber auch die Lehren beherzigen. Nämlich, wir haben das end­lich getan, was echte Volksfreunde ihren Mitbür­gern immer anrieten: das Letzte zu versuchen, um sich selbst zu Helsen und nicht in den harten Schicksalsschlägen in erster Linie die Hilfe vom Aus­land zu erwarten, nicht einer müden sentimentalen Untergangs- und Weltschmerzstimmung sich hinzu­geben. Wir schufen aus eigener Kraft uns eine gesunde Währung und ordneten die öffent­lichen Finanzen.

Wir brachten den Mut auf zur unpopulä­ren Politik. Denken wir an den Beantten- abbau und die schweren Steuerzahlungen. Wir zogen die Folgerungen aus dem verlorenen Krieg und tarnen zu einer wenn auch in manchen Punk­ten mangelhaften vorläufigen Regelung der Repara- tiosfrage. Daher schenkt uns das Ausland all- mählich Vertrauen. Nur ein Volk, das noch Le­benswillen hat und ihn unter anbetm bekundet durch wirtschaftliche und finanzielle Selbfterhal- tungsmaßnahmen, kann auf Kredite vom Ausland rechnen. Wir haben die Lehre beherzigt, als es fünf Minuten vor zwölf war.

So wollen wir denn heute trotz aller Krisen­nöte uns freuen ob des vorläufigen Erfolges und neuen Mut schöpfen für die gewaltige Arbeit, die unser noch harrt. Die Reichsbank wird weiterhin ihr Amt als Hüterin der gefestigten Währung aus« üben, besonders durch eine vorsichtige Kreditpolitik. Das deutsche Wirtschaftsvolk wird seine Bemühun­gen um eine Besserung der Handels- und Zahlungs­bilanz mit frischer Kraft fortsetzen, unterstützt von einer zielklaren staatlichen Handelspolitik, aber auch im verdoppelten Bestreben, Ausfuhrüberschüsse zu erzielen. Denn Ordnung in den Reichs- und Staatsfinanzen und eine starke Wirtschaft sind die sichern Pfeiler einer festen Währung.

loko frei Wagen oder ex Waggon pro 1000 kg i mark: Hafer, mittel 200203, gut 204208, 235240, Roggenkleie 127130.

. Es ergibt sich also eine geradezu erschreckende Minderung deutscher Welthandelsgeltung. Diese Minderung beträgt noch mehr als der Rückgang -es Welthandels überhaupt.

Am 10. Januar 1925 fallen nun endlich die schweren Wirtschaftsfesseln des Versailler Vertrags. Deutschland erhält seine handelspolitische Freiheit Mieder und kann endlich eine eigene Handelspolitik treiben auf der Grundlage der Gleichberechtigung pnd mit dem Ziel des vollen Wiederanschlusses an die Weltwirtschaft. Auch in den anderen Staaten Mächst die Erkenntnis der Notwendigkeit her Wie­derherstellung geordneter Wirtschaftsbeziehungen imit Deutschland.

In dem wlederherzustellenden Austauschver- skehr muß es Deutschlands Bestreben sein, sich n i ch t iuber dos unbedingt notwendige und erträgliche Maß an das Ausland zu verschulden. Daher muß tin Uebermiegen der Einfuhr über die Ausfuhr vermieden werden. Nach langer Zeit ist es, nach­dem noch im ersten Halbjahr 1924 ein Einfuhr­überschuß von 1,6 Milliarden GM. sestgeftellt wurde, unsere Handelsbilanz in den Monaten Juli und August 1924 zum ersten Male wieder aktiv gewesen. Dieser an sich erfreuliche Umstand darf aber nicht zu einer optimistischen Einschätzung der Lage fuhren. Denn diese Aktivität ist lediglich eine Folge der ungeheuren Kapital- und Kreditnot, die zwangsläufig eine Einschränkung der Rohstoff­bezüge aus dem Auslande herbeiführte. Voraus­sichtlich wird daher das Aktivum der Handelsbilanz verschwinden, sobald die Kapitalkrisis und die Ab­satzschwierigkeiten überwunden sind. Anders steht es dagegen mit der Zahlungsbilanz, d. h. der Gesamtheit unserer Forderungne und Ver- pslichtungen an das Ausland. Wir müssen daher dahin arbeiten, die dauernde Verschuldung an das Ausland zu beseitigen. Diesen Ausgleich gilt es herbeizuführen durch steigende Frachteinnahmen der deutschen Reedereien im Ausland, durch Ge­winns der deutschen Versicherungsgesellschaften und vor allen Dingen durch Steigerung u. Einnahmen- vermchrung aus dem Export.

Unser Außenhandel ist gegenüber der Vorkriegszeit noch außerordentlich gering. Ein Vergleich der deutschen Ausfuhr und Einfuhr im Monatsdurchschnitt mit dem Durchschnitt der Mo­nate Januar bis August 1924 ergibt einen er­schreckenden Rückgang des deutschen Außenhan­dels. Hiernach ging die Einfuhr im Monatsdurch­schnitt 1924 auf 56,9 Proz., die Ausfuhr sogar auf 46,8 Proz. der Vorkriegszeit zurück. Der Export ist aber für das deutsche Volk eine Lebensnotwen- digkeit. Es muß neben der Schaffung eines lei­stungsfähigen Jnnenmarktes, insbesondere der landwirtschaftlichen Produktion, die Ausfuhr auf jede mögliche Weise fördern. Damit stärken wir nicht nur die deutsche Wirtschaft, sondern schaffen auch die Mittel, die Deutschland die Abtragung der gewaltigen ihm im Londoner Abkommen auf­erlegten Lasten ermöglichen. Billige Berbrauchs- güter werden dabei ebenso in Frage kommen, wie r,ualttatio hochwertige Ware.

Märkte.

JrflUifirler Börse vom 30. Oktober. Die. eröffnete zunächst tn guter und fetter Haltung, ro&. jedoch zu Schluß vielfach uneinheitlich und schwacher. Auf dem Montanmarkt zogen rheinisch-westfälische Werte gut an, von oberschlesischen verkehrte besonders Laura fester. Gesucht sind nach wie vor Kaliwerte. Der Che- miemarkt hatte bei zunächst behaupteten Kursen reges Geschäft, schwächte aber dann ab unb- ging mit seinen Kursen vielfach untr die gestrigen Notierungen. Mascht- nenwerte wenig Deränderung, Autowerte lagen etwas gebessert. Auch Elekttowerte holten teilweis leicht auf. Der Zuckermarkt gewann durchweg. Schiffahrtswerte lagen nicht einheitlich. Der Bankaktienmarkt zeigte leichte Besserung. Auf dem Anleihemarkt verkehrren Reichsanleihen gebeffert, Zwangsanleihe recht fest, Een« fols behauptet. Oesterreichifche Bankwerte stehen iqrt« gesetzt in Nachfrage. Von Auslandswerten holten Tür­kenlose, Bagdad II und Anatolier gut auf. Gegen die Abschwächung zu Schluß der Mittagsbörse war die Stimmung der Abendbbörse freundlicher. Montan­wette verkehtten ruhig, Kaliwette etwas abgeschwächt. Chemiewette zogen leicht an. Für Maschinenwerte machte sich etwas Nachfrage bemerkbar, auch Elektro­werte waren gebessert. Auf dem Zuckermarkt hält die Nachfrage an, Anleihen lagen schwächer. Es wurden folgende Kurse genannt: Westeregeln 16,25; Ilse 5,5; Mansfeld 3,6; Anilin 18,5; Elberfeld 16,375; Pokorny 4,5; Moenus 2,3; Holzmann 5; Metallbank 13; bproz, Kriegsanleihe 5,25; 3 A proz. Consols 12,375.

Vie Sozialpolitik als nationale Gemeinschaftsarbeit.

Der in Prag vom 2.4. Oktober tagende In­ternationale Kongreß für Sozialpolitik war ein Weltkongreß, weil neben der überwiegenden Zahl von Mitgliedern aus sämtlichen europäischen Län­dern außer Rußland auch Vertreter von Nord- und Südamerika, Japan erschienen waren. Außer den naturgemäß vielen Teilnehmern aus der Tschechoslowakei waren über 500 auswärtige Mit­glieder erschienen.

Der Leitgedanke des Kongresses, dessen Vor­gänger 1897 in Zürich tagte, war, daß namhafte Vertreter der verschiedensten Gesellschaftskreise, vor allem aller bürgerlichen und sozialistischen sozial­politischen Organisationen aus sämtlichen Kultur­ländern über alle Zwietracht und allem Haß des Welllrieges hinweg sich vereinigten in dem Be­kenntnisse, baß die Sozialpolitik eine der wichtigsten Aufgaben der Selbsterhaltung von Staat und Gesellschaft ist. Was bisher, vor allem in den letzten 30 Jahren geschaffen ist durch Gesetz­gebung, Verwaltung und Berufsorganisationen, bedeutet eine verheißungsvolle Grundlage der so­zialen Resormarbeit, der wirtschaftlichen, staats­bürgerlichen, körperlichen und geistigen Hebung der

. aufwärtsstrebenden Klassen, letztlich der Erneu­rung und Befriedung der Gesellschaft. Die Wir t» schaftrpo litt k baut auf Sand ohne So­zialpolitik, diese kann nur gedeihen in einer ortschreiteuden gesunden Wirtschaft und in einem starken Volksstaate. Wie aber der Staat und die Wirtschaft, so kann insbesondere die Sozialpolitik nur leben aus der Kraft der sittlichen und kulturel­len Ideale. Am schärfsten hat letzteres ein deutscher Berichterstatter betont und daraus hingewiesen, daß diese beste Tradition der deutschen Sozialpolitik sie durchweg vor Irrwegen bewahrt, zugleich die christlich-sozialen und sozialliberalen Kräfte, dazu die Gewerkschaften aller Richtungen zu gemeinsamer Arbeit vereinigt hat.

Damit wurde der nationale Wert und der menschliche Kulturwert der Sozialreform wie nicht minder ihre sittliche Würde als Berechtigungs­erweis und Geltungsanspruch der besonnenen So­zialpolitik verkündet und nachdrücklich allen neuer­lichen unsozialen Regungen unter den Gebil­deten und in manchen kurzsichtigen Unternehmer­kreisen entgegengestellt.

Der bedeutungsvollste Fortschritt, welchen der Prager Kongreß über den Züricher auswies, liegt darin, daß gut die Hälfte der Kongreßmitglieder von den Führern der Gewerkschaften, einschließlich der sozialistischen gestellt wurde. Die Arbeiter- und Angestelltenorganisationen wie auch die sozial- denkenden übrigen Gesellschaftskreise haben sich ohne irgendwelchen Mißklang zu diesem Bekennt­nisse wie zu den Grundlinien der Fortführung der Sozialpolitik vereint. Heute ist sie in allen Kul­turländern nicht mehr Partei- und Klassenange­legenheit, sondern nationale Gemein­schaftsaufgabe. Zur sozialen Gestaltung des Wirtschaftsvolkes und der Gesellschaft auf dem Bo­den der Demokratie bekannten sich in Prag zum Beispiel französische Sozialisten, die noch vor zwan­zig Jahren in der Gewalttat derdirekten Aktion" und des Generalstreiks ihr Programm sahen. Der Gedanke der mit den Menschen geborenen Volks­gemeinschaft übt seine bezwingende Kraft immer mehr aus. Alle Kongreßmitglieder fühlten sich menschlich nahe und einander verpflichtet, trotzdem Meinungsverschiedenheiten über wissenschaftliche ober weltanschauliche Begründung und über takti­sches Vorgehen noch die Trennung in Gesinnungs­und Arbeitsgruppen aufrechterhalten. Ein Sinn- bild dieser Einigkeit war das Ehrenpräsidium der drei Veteranen der internationalen Sozialpolitik, gebildet aus Professor Brentan o-München, dem 83jährigen Sozialisten ®reulich-Zürich und dem holländischen Prälaten Dr. N o l e n s-Haag.

Der Gedanke, daß die Sozialpolitik eine natio­nale Volksgemeinschastsaufgabe ist, kam in dem Aussprache eines Deutschen zum Ausdruck: Die So­zialpolitik ist Sache der austeilenden Gerechtigkeit des Staatsvolkes, das in ihr seine Glieder zu ihrem Rechte, zu ihrer Freiheit und zu ihrer Wohlfahrt kommen läßt; nicht aber ist sie Sache einer Macht­politik, die Klaffen über Klassen auszuüben trach­ten. Je mehr auch die deutsche Sozialpolitik in diesem Lichte erscheint, wird der Hader und Streit um sie einer Eintracht weichen, wird ihr sittlicher Wert und ihre sittliche Würde zur Geltung kommen.

1913 1920 1921 1922 1923

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