Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Fulda.
Zreitag, 3). Oktober 1924
Nr. 255
verantworttüü für die SLriMeitum,- Dr. JobanneS Kramer-
«ureigen: I- « arte Iler. Fulda. Rotationsdruck und Verlag der
. Fuldaer Hdienbrudetei in Fulda. Fernivreckier Rr. 9-
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schnüren muhte, obgleich der eigentlich Schuldige nicht er. mittÄt werden konnte.
Lothar Willenberg war ein Mann von Grundsätzen, wrd wie er sich selbst nicht schonte und an seine eigene Person die höchsten Anforderungen stellte, so war er auch seinen Untergebenen gegenüber ohne Nachsicht. Dann aber ging ihm wieder durch den Kopf, wie der Ches bte Armut und Not unterstützte, wie er große Summen zu Wohlfahrtszwecken zeichnete und zur Weihnachtszeit ohne Angabe seines Namens durch seinen Prioatsekretär Geldgeschenke an Bedürftige versenden ließ.
Wer von allen, die ihm nahe standen, wurde denn überhaupt klug aus diesem Wann, dessen ganzer Weg schmng^de Rechtlichkeit war? Was war Gerechtigkeit in diesem Falle? — Sollte man eine ganze Famil« zu. gründe richten, um dieses leichtfertigen Burschen willen! Semmter fuhr sich mit der Hand durch die Haare: „Denkt denn niemand an die Schwester und cm die alte krank, llche Mutter des jungen Rasrnust Um wieviel handelt es sich denn?"
Rödenbeck drückte den Aufgeregten 'm einen Sessel. „Mann, Sie wollen doch nicht etwa —'•
Er schlug die Hände zusammen. „Mehr als dreitausend Mark!" Semmler sprang auf und lachte bitter. „Dreitausend Mark! — Ach, du lieber Gott!"
An der nach dem Flur gehenden Tür klopfte leise aber doch hastig. Die beiden Herren fuhren erschreckt zusammen, und Rödenbeck flüsterte, als er zur Tür erste: „Still, vorläufig kein Wort von der Sache."
Er öffnete, und im Rahmen erschien ein schlankes, junges Mädchen, mit herben, schönen Zügen, die aber in diesem Augenblick den Ausdruck fliegender Angst trugen Es war Nabe Rasmus, bte zweite Buchhalterin der Firma „Michael u. Co.", seit zwei Jahren Angestellte des Herrn Willenberg. Wahrend Semmier erschreckt m den Schatten des Zimmers trat, verneigte sich der weißhaarig« Buchhalter vor dem jungen Mädchen tief wie vor einer Fürstin, As war, als oh der Greis in diesem
General v. Deimling.
In einer von der demokratischen Partei veranstalteten Kundgebung im Sitzungssaal des ehemaligen Herrenhauses in Berlin sprach General v. Deimling. Zu seiner Aechtung durch Offizierskreise erklärte er, daß er durch die Zustimmung weiter Kreise des deutschen Volkes entschädigt werde und daß er allen Borwürfen ein „Jetzt er ft recht!" entgegensetze. Wenn man ihm vorwerfe, daß er früher für den Krieg und jetzt für den V ö l- k e r f r i e d e n sei, so habe er darauf zu sagen, daß er aus dem furchtbaren Völkermorden gelernt habe und daß es besser fei für Die Völker, sich zu vertragen, als sich gegenseitig zu z e r f l e i s ch e n. Die Versammlung nahm eine Entschließung an, in der sie den Parteivorstand ersucht, dafür zu sorgen, daß General v. Deimling an hervorragender und sicherer Stelle als dem o° k r a t i s ch e r K a n d i d a t für die Reichstags- wählen aufgestellt wird.
* 10 782 Selbstmorde wurden im vergangenen Jahre in den Vereinigten Staaten poli- zeilich festgestellt. Das sind nahezu 30 täglich. „Die Hauptursache ist in der „Jagd nach dem Dollar zu suchen, die die Nervenkrast kaputt macht, teilweise aber auch viele in schwere Verluste bringt, die sie nicht überwinden zu können glauben.
Der Aufmarschzur Wahl.
t Von einem parlamentarischen Mitarbeiter.
/ Die Wahlvorbereitungen der einzelnen Parteien sind schon ziemlich weit gediehen. Die Zentrumspartei hat mit einem großen Parteitag in Berlin den Generalappell bereits vollzogen. Es hat sich auf diesem Parteitag ergeben, daß das Zentrum sich rückhaltlos geschlossen hinter die Politik des Reichskanzlers Marx stellt und auch bereit ist, unter der Parole: Für Marx und die Politik der Mitte in den Wahlkampf einzutreten. Die Deutsche Volkspartei wird ihren Parteitag am 13. und 14. November in DortmunV abhalten. Die übrigen Parteien sind damit beschäftigt, organisatorische Maßnahmen zur Unterrichtung ihrer Wählerschaft entweder in Landesparteitagen oder auch in zentralen Veranstaltungen zu treffen.
Der Aufmarsch der Parteien wird diesmal nicht minder schwierig und vielgestaltig werden, wie bei den Wahlen vom 4 Mai. Ganz abgesehen davon, daß die damals in die Erscheinung getretenen kleinen Gruppen auch jetzt wieder sich rühren und nicht übel Lust zeigen, mit eigenen Kandidaturen hervorzutreten, haben wir es vorab bei der Demokratischen Partei mit einer Spaltung zu tun, der eine erhöhte politische Bedeutung zukommt. Der aus der Reichs- tagsfraktion der demokratischen Partei ausgeschie- dene Abgeordnete S ch i f f e r, zu dem sich nun auch der bisherige Berliner demokratische Spitzenkandidat v. S i e m c n s gesellte, hat die Gründung einer „L i b e r a l e n V e r e i n i g u n g" in die Wege geleitet, die offensichtlich Anfckstuß an die Deutsche Volkspartei, wenn auch zunächst nur taktisch zu erlangen sucht. Auch sonst werden wir mit Splitterungen innerhalb mancher der großen Parteien zu rechnen haben. Die Hoffnungen, daß es bei dieser kommenden Reichstagswahl zu einer Vereinheitlichung der politischen Kräfteverteilung käme, dürften sonach enttäuscht werden.
Im Interesse einer ruhigen Fortentwicklung unserer innerpolitischen Verhältnisse ist das zu b e- dauern. Wenn wir bei der Wahl vom 7. Dez. wieder mit so vielen Parteien aufmarschieren wie bei der Wahl am 4. Mai, dann würde damit nur der Beweis erbracht, daß die politische Urteils- f ä h i g k e i t in weiteren Kreisen des Volkes inzwischen noch nicht zugenommen hat. Was wir aber brauchen, sind nicht kleine Zwergparteien, die ja doch, wie das beispielsweise die W irisch a f t s p a r t e i im Reichstag zeigt, sich wieder mit anderen politischen Kräften oft sehr widerstrebender Natur zusammenschließen müssen, sondern wir benötigen zur Gesundung und Beruhigung unseres politischen Lebens der großen Parteien. Innerhalb solcher Parteien ist die Durchsetzung von Einzelwünschen ganz anders möglich als bei "den kleinen Parteien, die es ja in der Regel noch nicht einmal zur Fraktionsstärke bringen. _ . '
Die Zersplitterung Hunderttausender von Stimmen hat im letzten Grunde Schuld daran, daß der letzte Reichstag nicht arbeitsfähig wurde. Es wäre geradezu ein n a t i o n a - les Unglück, wenn auch dieser neue Reichstag unter dem Zeichen einer solchen Zersplitterung
Die Wahl in England.
«1- Niederlage der Liberalen.
7 Am Mittwoch ist unter größter Wahlbeteiligung die Neuwahl des englischen Parlaments durchgeführt worden. Der Wahlkampf war in den letzten Tagen äußerst erbittert, spielte sich aber doch ohne Störungen der öffentlichen Ordnung ab. Die Liberalen rechneten von vornherein mit Verlusten, die Konservativen, die von den 650 Parlamentssitzen bisher 258 inne hatten, erhofften von den Neuwahlen mindestens 308. Die konservativen Wahlhoffnungen gründeten sich auf die Enthüllungen über die bolschewistische Propaganda und darauf, das in ihrem Programm der allgemeine Zolltarif nicht enthalten ist, der ihnen bei der letzten Wahl die Niederlage gebracht hat. Die Arbeiter- Partei rechnete auf 213 bis 233 Sitze.
Nach den bisher vorliegenden Meldungen haben sich die konservativen Wahlhofsnungen voll b e st ä t i g t.
Das Wahlergebnis.
wtb £ o n b o n, 30. Off. (Tel.) Wahlergebnis 6 Uhr früh deutsche Zeit: konservative 160, Arbeiterpartei 78, Liberale 22, Unabhängige 8. Gewinn und Verlust: konservative 36 bezw. 6, Arbeiterpartei 19 bezw. 32. Liberale 7 bezw. 44. Das Endergeb nis der Wahlen dürfte dem Reukerbnro zufolge mi? ziemlicher Gewißheit ein Sieg der konservative' sein.
Asquith, der liberale Führer, geschlagen.
Wtb London, 30. Okk. (Tel.) Reuter meldet: Die konservativen Wahlsiege waren eine Ueber- raschung selbst für die optimiskischflen konservativen, besonders die Wahlerfolge im Industrie- ; bezirk kamen unerwartet. Viele konservative wurden mit einer Stimmenzahl wieder gewählt, die zehnmal größer ist als früher. Die N i e d e r l a g e von Asquith wird zur Folge haben, daß sich der liberale Führer von der Politik z u r ü ck z i e h t. Lloyd George wird dann der unbestrilkene Führer der Liberalen fein. Die schwere liberale Niederlage ist noch besonders zurückzu- führen auf die Taktik der Arbeiterpartei und der konservativen, die in streng liberalem Gebiete borf einen Kampf der drei Parteien erzwangen und so die liberalen Stimmen zersplitterten.
Unter den erfolgreichen Kandidaten sind zu nennen: Der Pazifist Worel, der frühere irische | Staatssekretär Greenrvood, die Minister Robert und Thomas, der ehemalige konservative Minister Douglas hogg. Anter den Geschlagenen besindel sich der ehemalige liberale Minister und fetziges Mitglied der Arbeiterpartei Addison, der ehemalige I liberale Minister Mac Mamara, die Arbeiter- Minister Leach und Zovet und der Führer der Ar- | bciterpartei Dawtrence. Die 8 komm uni st en I unterlagen völlig mit Ausnahme des Inders Sak- lalvala, der den liberalen Kandidaten mit einer Mehrheit von 50 Stimmen schlug.
Unter dem Tikel Nationalpost wird in Berkin am 1. Novbr. eine neue deutschnationale Tageszeitung erscheinen. .,ty,
/ Der evangelische Oberkirchenrat in Waden hat an die Geistlichen einen Erlaß gerichtet, in welchem die Erwartung ausgesprochen wird, daß sie sich der rednerischen Bet ätrgung ‘in der Wahlagitation enthalten und alles unterlassen, was geeignet sein könnt«, die Klassen- Gegensätze zu verschärfen.
6uf dem preußischen Parteitag des Zentrums,
der im AnMuß an den Reichsparteitag stattfand, hielt den Hauptvortrag der bisherige Landtagsabgeordnete Gottwald-Berlin, der eingehend die Haltung der preußischen Zentrumspartei rechtfertigte. Das Zentrum fei die einzige deutsche Partei, die mit dem Gedanken der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung Ernst gemacht habe. Auf dem Gebiete des Schulwesens habe sich das Zentrum niemals durch die gemeinsame Arbeit mit den Sozialdemokraten im preußischen Kabinett irgendwie von der Sozialdemokratie abhängig gemacht. Die christliche Kirche und Schule hätten den furchtbaren Ansturm der Revo- lutwnszeit überstanden. Das Zentrum habe sich von den sozialdemokratischen Koalitionsgenosfen in keiner Weise beeinflussen lassen, sondern habe das geschützt, was nach seiner Ueberzeugung unbedingt erhalten und gefördert werden mußte.
Nachdem der Wahlaufruf der preußischen Zentrumspartei einstimmig angenommen worden war, wurde bei den Neuwahlen zum Vorstand Dr. Porsch unter lebhaftem Beifall wieder ge
wählt.
In der Schlußansprache würdigte Dr. Porsch die Bedeutung Preußens im Verhältnis zum Reich. Gerade jetzt komme dem preußischen Landtag erhöhte Bedeutung auch für die R e i ch s p o l i t i k zu. Das Zusammenarbeiten mit der Sozialdemokratie in der Politik bedeute noch lange nicht eine Gesinnungsgemeinschast. Wenn wir Ruhe im Innern hätten, so sei das auch der Mitarbeit der Sozialdemokraten in der preußi- zuzulchreiben. Gerade ein sozial- kinister des Innern war besser als
fchen Regierung zuzuschreiben. Gerade ein sozial- demokrattfcher Minister des Innern war besser als vielleicht ein deutschnationaler in der Lage, die Kommunisten im Zaume zu halten. Das Verlangen der Deutfchnationalen nach Aufhebung der großen Koalition in Preußen sei sehr un- k l u g gewesen. Hätten die Deutfchnationalen nach den Maiwahlen diese Forderung nicht erhoben, so wären sie vielleicht in die Reichsregierung hinein-
Bob sei InMisWM i
Die drille Feststellung.
'• Am 29. Oktober hat die französische und ebenso die belgische Regierung in der vorgcschriebenen fünfzehntägigen Frist nach der zweiten „Feststellung" vom 13. Oktober der Reparationskommission die Mitteilung gemacht, daß die w i r t f ch a f t l i che und fiskalische Einheit des Deutschen Reiches wiederhergestellt fei.
Die Reparationskommission veröffentlichte daraufhin folgendes Communique: Gemäß § 3 Artikel 3 des Anhanges 2b des am 19. August 1924 in London getroffenen Abkommens hat die Repara- tionskommission einstimmig beschlossen, zu e r k l ä r e n, daß das in Artikel 1 des Anhangs 2b feftgetegte Programm zur Wiederherstellung der fiskalischen und wirtschaftlichen Ein\ heit Deutschlands von der belgischen und ftanzö- sischen Regierung am 28. Oktober durch geführt worden ist. Damit ist die vorgesehene dritte Feststellung erfolgt. *
Der bisherige Generalagent für die Reparationszahlungen Owen ,V o u n g ist in Berlin eingetroffen, um auch hier die Geschäfte an Parker Gilbert, dessen Ankunft erwartet wird, zu übergeben. Owen Young wird wahrscheinlich bereits Ende dieser Woche die Heimreise nach Amerika antreten.
Die englisch-türkische Einigung-
Erfolg der Völkerbundsrat-Tagung in Brüssel.
Au« Brüssel wird gemeldet: In der Völkerbundsratsitzung haben die englische und die türkische Delegation den Bericht Brantings angenommen, der dabin geht, daß die Festsetzung der Grenzlinie, bte bis zu dem Augenblick, wo die endgültige Grenze zwischen der Türkei und dem Ljrak festgesetzt sein wird, von beiden Teilen sowohl in militärischer Hinsicht tote auch mit Bezug auf die Verwaltung respektiert werden soll. Jede Oertlichkeit, die gegenwärtig entgegen den Bestimmungen des genannten Beschlusses besetzt ist oder verwaltet wird, muß bis spätesten« 15. November geräumt sein. Dabei ist zu bemerken, daß es sich einzig und allein darum handelt, die vorläufige Lage zu regeln.
* Der Heilige Vater empfing, wie Osservatore Romano meldet, den deutschen Botschafter beim Heiligen Stuhl v. Bergen.
Die Steuerreform.
Dr. Lukhec beruft eine Konferenz der Lander.
Nach Berliner Meldungen hat Reichsfinanzminister Dr. Luther die Vertreter der Länder zu einer gemeinsamen Besprechung für Freitag nach Berlin geladen. In dieser Sitzung werde der Reichsfinanzminister das Resultat der Erwägungen, die seit einiger Zeit innerhalb des Reichsfinanzministeriums über die Möglichkeit und Zweckmäßigkeit einer Umformung der Steuern schweben, mitteilen. In der Hauptsache soll es sich bei der geplanten Reform um eine DereinfachungderSteuer- erhebung handeln. Die Umsatzsteuer soll herabgesetzt werden. Auch die Umformung des Finanzausgleichs zwischen Reich, Ländern und Gemeinden soll in der Besprechung eine Rolle spielen. Es werde damit gerechnet, daß bereits kurz nach Zusammentritt des neuen Reichstages diesem die Steuerpläne unterbreitet werden können. Bis zum 1. April nächsten Jahres soll die Steuerreform du-rchgesührt sein.
gekommen.
* Au, Thüringen. InWeimar trat der vom thüringischen Landtag auf Antrag der sozialdemokratischen Fraktion gebildete Untersuchungsausschuß für den Fall Loeb zum ersten Male zusammen. Das Material soll in drei verschiedenen Gruppen bearbeitet werden, nämlich 1) Aktenverschiebung, 2) Verfahren wegen der im Gutachten angeführten Fragen, 3) die vom Finanzminister im Plenum des Landtages erwähnten Ein- zelfälle. ____
3immer. Erwin SemmlersAnMtz überzog sich mit fahler Blässe, er taumelte gegen den schweren Eichentisch, imd während er mit der Hand nach dem Herzen fichr, fand er nur heiser das eine Wort: „Jlsabe!"
Wortlos standen sich die beiden Männer «ne Weile gegenüber, dann murmelte Rödenbeck: „Denselben Namen nannte auch ich zuerst! Was liegt schließlich an dem leichtfertigen Bengel, mag er die verdiente Strafe hin- nchman, aber — bas arme — arme — Mädel!"
Der Sekretär stützte sich schwer auf, er hatte die Fas- simg noch nicht wieder gewonnen. „Allmächtiger Gott, weiß sie es schon?" — „Nein — aber sie wird es fiüh genug erfahren. Unglücksnachrichten reisen mit Extrapost. Vorläufig ift alles noch strengstes Geheimnis. Che der Chef nicht feine Entscheidung gefällt hat, darf niemand im Hause etwas von der Sache wissen. Der Detekfiv ist mit dem jungen Manne in meinem Zimmer und nimmt ein Protokoll auf. Bevor Anzeige erstattet wird, mutz ich den Chef sprechen. Können Sie sich nun meine Aus- regung erklären?"
Erwin Semmler lief, die Hände gegen die Schläfen gepreßt, durchs Zimmer. „Anzeigen? — Anzeigen, mein Gott, Rödenbeck, wie können Sie so etwas überhaupt sagen! Muß denn immer gleich das Schlimmste eintoe- ten, geht es denn nicht ohne Polizei, läßt sich das nicht verhindern?"
Der Alte zuckte ratlos die Achseln. „Was ist da zu machen? Nichts! — In Geldsachen hört die Gemütlichkeit auf, und Herrn Willenberg müßten Sie doch am besten kennen. Gerade ein Mann von so peinlicher Lebens- auffaffung und starkem Rechtsbewußtsein ist unnachsichtlich"
Vor Semmlers Blick stiegen jene Szenen empor, wo Angestellten wegen kleiner Vergehen rücksichtslos gekündigt worden war, er erinnerte sich eines Falles, da in einer Abrechnung geringe Fehler zuungunsten der Firma entstanden waren uub der VerBstwortliche sein Bündel
Die Jubelfeier der Laterankirche,
Feierlichkeit am 29. November.
Wtb" Rom, 30. Off. (Tel.) Der Kardinalvikar von Rom ordnet an, daß am 29. November sämtliche Kirchenglocken um 11 Uhr morgens eine halbe Stunde lang läuten sollen anläßlich der 1600- Jahrfeier der Laterankirche. Am Vormittag findet auch in dieser Kirche die sogenannte päpstliche Kapelle statt, welcher alle in Rom anwesenden Kardinale und Bischöfe beiwohnen. Der Papst selbst muß freilich bei der Feier fehlen, weil die Lateran- kirche außerhalb des Vatikans liegt.
AugenbliHert darauf legte, feiner unbegrenzten Hochachtung vor her Dame besonderen Ausdruck zu verleihen.
Jlsabe sah sich einen Augenblick verwirrt im Zimmer um und begegnete dem ernsten Blick der beiden Anwesenden.
Mühsam ihre Erregung meisternd, sagte sie stockend: „Meine Herren, ich bitte um Verzeihung, wenn ich störe. Ich suchte Sie, Herr Rödenbeck, in ihrem Zimmer in einer dringenden Abschlußangelegenheit und finde dort meinen Bruder Georg mit dem Detektiv. Was ist mit Georg? Ich hörte, daß Herr Willenberg noch nicht im Hause ist, und daß Sie hinaufgegangen seien zu Herrn Semmler. Die Unruhe trieb mich hierher —" Sie erhob die Hände. „Es ist irgendetwas Mischehen, etwas Schlimmes —" ihre Stimme zitterte und die angstvoll blickenden Augen glänzten in Tränen. „Bitte, martern Sie mich nicht, meine Herren —" >
Semmler würgte es im Halse. Er biß die Zahne »u- sammen und starrte auf das bunte Muster des Perserteppichs. Er war nicht imstande, auch nur ein Wort zu sagen. Rödenbeck trat auf Fräulein Rasmus zu.
„Mein liebes Fräulein — Ich hoffe, ich denke — daß noch alles —" Dann stockte er und schüttelte ien Kopf, als ob er andeuten wolle, daß er so nicht zum Ziele gelange.
Hier.mußte reiner Tisch gemacht werden, denn mit Dersteckenspielen wurde es nur schlimmer.
Und Rödenbeck erzählte mit leiser, klangloser Stimme, was sich zugetragen habe. Jedes Wort, das er sprach, schnitt Semmler wie ein Messer ins Herz. Er beobachtete das junge Mädchen, das hoch aufgerichtet, ein Taschentuch gegen den Mund gepreßt, regungslos den Bericht an- hörte, diesen schrecklichen Bericht, der wie die Posaunen des jüngsten Gerichts an ihr Ohr schlug. Die leicht um- schatteten Augen blickten in angstvoller Starre, sonst verriet nichts in dem blassen Antlitz, was in diesem Augen Miete in Nahes Herzen vor sich ging. (Forts, folgt.)
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Älsave Rasmus.
Novelle von Felix Neumann.
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Semmler kannte Sen bedächtigen Alten nicht wieder. Sie willen doch, lieber Rödenbeck, daß am Samstag um vier Uhr Schluß ist. Nachher arbeitet der Che, allem. Aber was ist Ihnen denn. Brennt's mi Keller, ist ems unserer Schiffe gesunken oder wollen Sie Vorschuß ha. ben?" Semmler lacht ein wenig bitter. „Ach Gott, Sie solider Mmn und — Vorschuß!"
Der Buchhalter fuchtelte erregt mit den Armen. „Lieber Freund, machen Sie jetzt, bitte, keine Scherze, mir ist wahchafttg ni# danach zu Mute, und Ihnen werden Sie auch vergehen, wenn Sie alles wisien. Sie erfahren s ja doch als rechte Hand des Chefs, ich kann's also nchtg sagen: Wir haben ihn erwischt!"
Rödenbecks Stimme hatte sich zu einem Flüstern gesenkt, und er blickte sich scheu um, ob auch die Wände keine Ohren hätten.
Der Privatsekretär ahnte irgendeine unangenehme Sache, die seine wettere Anwesenheit notwendig erscheinen ließ. 3m Nu waren Mantel und Hut abgelegt. „Er- wischt? — Was, wen?"
„Na — mein Gott, wovon sprechen wir denn seit Wochen!" Semmler trat hastig auf den Alien zu und faßte ihn am Knopf. Leise stieß er heror: „Den Kassendieb? — Wer ist es! — Natürlich der neue Lehrling, der unheimliche Mensch, der Verwandte vom Chef!"
Aber Rödenbeck schüttelte den Kopf. „Nein, der ist es nicht, wir haben einen Unschuldigen verdächtigt! — Lor einer halben Stunde hat's der Privatdetektiv, ein rechter Satansbraten, mit allerhand Schlichen herausgekriegt, daß kein anderer systemattsch die Tageskasse bestiehlt als — Georg Rasmus! — Und er Hai in meiner Gegenwart d« geßanben!“ Einen Augenblick war es totenjtiU im