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M 245.

Sonntag, 18. Oktober 1924,

- Fuldaer Leitung

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Die staatliche wohlsahrlr- pflege in Preußen |9I923.

Non Dr. Johannes Dierkes.

Wer die Entwicklung des Staatsgedankens in der Geschichte aufmerksam verfolgt, der findet, daß ste sich überall in drei Etappen vollzieht: vom Machtstaat über den Rechtsstaat zum Wohlfahrts- ltaat. In der Tat kommt auch im letzten Stadium im Wohlfahrtsstaate die Kultur eines Volkes am besten zum Ausdruck, oder besser: Kultur und Staat berühren sich hier am engsten und zeigen ihr gegenseitiges lebendiges Verhältnis. Der Mensch ist das höchste Gut des Staates, und darum muß die Wohlfahrt des Volkes das Ziel aller staatlichen Organisation sein.

Diese Erkenntnis hat sich genau so langsam durchgerungen, wie die Entwicklung des Staats­gedankens sich in ihren drei großen Etappen voll­zogen hat. Gewiß liegt schon ein gewaltiger Unter­schied zwischen dem Worte Ludwigs XIV.:Der Staat bin ich", und dem Friedrich des Großen: Ich bin der erste Diener des Staates" aber doch hat es feit jener Zeit noch sehr lange gedauert, bis der Grundsatz Anerkennung fand, daß die Förde­rung der Volkswohlfahrt die vornehmste Aufgabe des Staates fei. In früherer Zeit wurde die Wohl­fahrtsarbeit fast ausschließlich von religiösen Ver­einigungen betrieben. Später kamen private Ver­eine und Verbände dazu, die sich meist zur Pflege eines bestimmten Zweiges der Wohlfahrtsarbeit zusammenfanden.

Der Staat begnügte ^sich im allgemeinen damit, in Not geratene Angehörige durch die Kommunen vor dem Verhungern zu bewahren. Und es be­deutet einen gewaltigen Schritt in der Entwick­lung zum Wohlfahrtsstaat weiter, als sich der Grundsatz durchsetzt: Krankheiten zu verhüten ist befler als Krankheiten zu heilen. Damit war eine Auftastung geschaffen, aus der heraus die Einfüh­rung der Sozialversicherung geschehen konnte. Da­neben setzte sich dann auch bald das Dvrbeugungs- prinzip im staatlichen und kommunalen Leben mehr und mehr durch, namentlich auf dem Gebiete der Hygiene und de. Wohnungswesens. Zugleich ge- v arm die Ueberzeugung Bo>>::<, daß der totaat die Fürsorge für die körperlich oder geistig Schwachen, Kranken oder Gefährdeten nicht allein privaten, religiösen oder sonstigen freien Vereinigungen überlassen dürfe, sondern daß er selbst für das Wohl seiner Bürger unter Einsetzung staatlicher Mittel zu sorgen habe. Zu diesem Zwecke wurde in Preußen nach der Revolution das Ministerium für Volkswohlfahrt gegründet. Zum ersten Wohl­fahrtsminister wurde der bekannte christliä)e Ge­werkschaftsführer Adam Stegerwald bestellt, der das Ministerium bis 1921 leitete. Ihm fiel die schwierige Aufgabe zu, die bis dahin in verschiede­nen Ministerien verstreuten Aufgabengebiete des Wohlfahrtswesen organisch in einem neuen Gebilde zusammenzufassen. Dabei gliederte sich das neue Ministerium in drei Abteilungen: Gesundheits­wesen, Wohnungs- und Wohlfahrtswesen.

lieber die Tätigkeit des Wohlfahrtsministeriums in der Zeit von 1919 bis 1923 hat der Nachfolger Stegerwalds, der gegenwärtige Wohlfahrtsmini­ster H i r t s i e f e r, in einem stattlichen soeben er­schienenen Band: Die staatliche Wohlfahrtspflege in Preußen 1919 bis 1923 (Karl Heymanns Ver­lag, Berlin) ausführlichen Bericht erstattet. Das Buch kommt im richtigen Augenblick, denn gerade in letzter Zeit ist von mehr als einer Seite der Ab­bau des preußischen Wohlfahrtsministeriums ver­langt worden. Nichts ist so leicht, nichts aber auch so verantwortungslos, als ein solch unüberlegtes Verlangen. Und wer sich in die Summe der Ar­beit vertieft, die in Hirtsiefers Buch niedergelegt ist, das ein glänzendes Bild gibt von der Tätigkeit seines Ministeriums, der wird sehr bald einsehen, daß ein Abau dieses Ministeriums in der Tat, m des Wortes wahrster BedeutungRaubbau" am Volke fein würde. Trotz beschränkter Mittel ist es in Preußen nach dem Kriege gelungen, eine aktive Wohlfahrtspflege aufrechtzuerhalten. Und das in einer Zeit, wo von mancher Seite unter Hinweis auf die gesamte Finanzlage, die eine weitgehende Einschränkung der Staatsaufgaben notwendig machte, die Wohlfahrtspflege als ein Luxus be­zeichnet wurde, den sich ein geschlagenes Volk nicht leisten dürfe. Aber es ist gut gewesen, daß die preußische Regierung sich diese Auffassung nicht zu eigen gemacht hat. Denn nach dem gewaltigen Ausblutungsprozeß von Versailles waren uns doch als kostbarstes Gut die Menschen geblieben; und wenn es heute heißt: neue Blutzöllen schaffen, so können diese zuerst und zunächst nur gesunde Men­schen fein. Hier liegt eines Volkes größte Kraft; sie sind Träger der Familie, damit Keimzellen des Staates, Energiequellen der Wirtschaft, Pioniere der Zukunft. Und die Arbeit an der Grunderhal­tung oder Wiedergesundung der Menschen eines

Staates ist Aufbauarbeit im besten und höchsten Sinne.

Und diese Arbeit hat das preußische Wohlfahrts­ministerium rastlos geleistet. Zieht man aus der Tätigkeit feit feinem Bestehen das Fazit, so kommt man zu folgenden Resultaten:

1. Ungeachtet der Verarmung des Landes und der damit gegebenen Hemmungen ist es in Preußen gelungen, einen Gesundheitsdienst zu or­ganisieren und durchzuführen, der die ernsten Ge­fahren der Seucheneinschleppung, die das Land während und nach dem Kriege bedrohten, erfolgreich bekämpft haben.

2. Durch zielbewußte und folgerichtige Woh­nungspolitik ist es gelungen, die schweren gesundheitlichen und sozialen Schäden, die die Wohnungsnot, die hartnäckigste und zugleich bedenk­lichste Folgeerscheinung des Krieges mit sich ge­bracht hat, in erträglichen Grenzen zu halten. Einmal hat die Einführung des Mieterschutzes be­wirkt, daß in den meisten Fällen ein billiger Aus­gleich der Interessen von Mieter und Vermieter herbeigeführt wurde; andererseits ist durch Gewäh­rung von Zuschüßen aus öffentlichen Mitteln eine beträchtliche Anzahl neuer Wohnungen geschaffen worden zu einer Zeit, als die private Bautätigkeit unter den Wirkungen der Inflation und später der Kreditnot vorn Markte weitgehend ausgeschaltet war. Das Ergebnis dieser Bautätigkeit stellt rein zahlenmäßig eine Leistung dar, die durchaus den Vergleich mit den Leistungen der Siegerstaaten auf­nehmen kann. Sie wird auch nicht verringert durch den Widerspruch, den gerade die staatliche Woh­nungspolitik von beteiligter Seite erfahren hat. Es ist eigentlich verständlich, denn die Zwangswirtschaft im Wohnungswesen hat, wie jede Zwangswirt­schaft, für manche Kreise Härten mit sich ge» bracht und Eingriff in die Rechte des einzelnen un­vermeidlich gemacht.

3. Die Jugend ist die Zukunft! Daher sind auf dem Gebiete der Jugendpflege und Jugend­fürsorge im Rahmen der Reichsgesetze Vorarbei­ten geleistet worden, deren Früchte in der kommen­den Zeit reifen werden.

Der Erfolg aller Wohlfahrtsarbeit beruht schließlich nicht auf einem tadellos funktionieren­den Organisationsmechanismus, sondern ein heilig glühend Herz", eine ties-soziale Gesinnung muß in allen, die in ihr stehen, sei es in anordnen- der, fei es in ausführender Tätigkeit, lebendig sein und wachgehalten werden. Auch daran zu wirken, ist Aufgabe des Wohlfahrtsministeriums. Mehr als bloße Organisation soll es lebendiges Organ des Sozialgeiftes fein, der in Politik und Parlament, in alle politfche und parteipolitfche Arbeit hinein­ruft:Ein großes Gut des Volkes ist der Staat; das höchste Gut des Staates aber ist der Mensch!"

Der deutsche Anteil der Deutschland- Knleihe.

Man schreibt uns:

Die große Deutschland-Anleihe, die auf Grund des Dawes-Gutachtens nunmehr aufgelegt wurde, ist in Amerika zwölf Minuten nach Auflegung der Zeichnung bereits mehrfach überzeichnet worden und in London mußte man ebenfalls nur wenige Stunden nach Auflegung der Anleihe die Zeich­nung schließen, da die Nachfrage auch hier um vieles größer war, als der England zugewiesene Anteil.

Nun beschäftigt sich die deutsche Finanzwelt sehr lebhaft mit der Frage, wann der deutsche An­teil dieser Deutschland-Anleihe zur Auflage kommt. Bei dem großen Erfolg, den diese Anleihe gefunden hat, und nach deren Zeichnungsbedingungen auch finden mußte, erschien es indessen fraglich, ob über­haupt der als letzter Abschnitt der Gesamtsumme von 800 Millionen Mark Deutschland zugedachte Betrag von 20 Millionen Mark noch an die deut­schen Zeichnungsluftigen herankommt. Denn auch in den übrigen Ländern, in denen die Anleihe noch aufgelegt wird, regt sich das allergrößte Interesse. Das ist erklärlich, wenn man bedenkt, daß die An­leihe während 2 Jahren von der deutschen Regie­rung nicht gekündigt werden kann. Das bedeutet, daß, auch wenn, was ja wahrscheinlich ist, inzwi­schen die Zinssätze in Deutschland sich wesentlich er­mäßigen, die deutsche Regierung nicht in der Lage wäre, eine vorzeitige Konversion dieser Deutsch­land-Anleihe vorzunehmen, also eine vorzeitige Herabsetzung der Zinssätze zu verlangen. Auch dieser Punkt ist ja mit eine schwere Belastung für Deutschland, das unter Umständen gezwungen ist, einen über die normalen Zinssätze weit hinaus­gehenden Satz für diese Anleihe bezahlen zu müssen.

Die währungspolitischen Auswirkun­gen der Anleihe kann man im gegenwärtigen Au­genblick natürlich noch nicht im einzelnen übersehen, und doch werden diese Rückwirkungen zweifellos sehr tiefgreifend fein. Wir stehen in dieser Bezie­hung vor einem Gefahrenpunkt, den es gilt zu

wett und wißen.

Der Wasserbedarf einer Lokomotive. Sieht man einen Eisenbahnzug, so bemerkt man auch die schwärz­lichen Rauchwolken, welche dem Schornstein der Loka- Motive entsteigen. Man erblickt wohl auch den mäch­tigen Kohlenvorrat, der auf dem Tender hinter der Lokomotive mitgenommen werden muß. An den Vor­rat des Wassers hingegen denkt man selten. Und den­noch weih man, daß nur allein der Wasserdampf es ist, welcher den Zug vorwärts treibt. Wieviel solcher Was­serdampf verbraucht und also Wasser zur Erzeugung dieses Dampfes gebraucht wird, das ahnen die wenig­sten. Die Techniker belehren uns, daß ein normaler Zug auf den Kilometer etwa 84 Liter oder 168 Pfd. Wasser verbraucht, das ist mehr Wasser als Kohlen. Der Wasservorrat befindet sich unter den Kohlen im Tender. Die großen Schnellzugs-Tender fasten bis 30 Kubikmeter Wasser und können damit eine Strecke von rund 350 Kilometer durchlaufen, während der Kohlenoorrat noch viel weiter reicht. So erklärt es sich, daß bei großen Fernfahrten da oder dort längere Zeit gehalten werden muß, um Master einzunehmen ober um die Maschinen auszuwechseln gegen solche mit vollgefüllten Tendern. Auf den amerikanischen Bahnen ist man praktischer. Hier nehmen die Tender neuen Wastervorrat selbsttätig auf, und zwar während der Fahrt aus zwischen den Schie­nen liegenden schmalen, offenen Kanälen.

Das Briefporto einst und jetzt. Das 50jährige Be­stehen des Weltpostvereins läßt es intereffant erscheinen, «uch einmal einen Blick zu tun in die deutschen Post-

verhältnisse vor 50 und mehr Jahren, um bester erken­nen zu können, was alles und wie sehr sich alles auch in dieser Beziehung im Laufe eines halben Jahrhunderts geändert hat, welche enormen Fortschritte auch im inner­deutschen Postwesen zu verzeichnen sind. Noch bis 1858 gab es 17 Postverwaltungn in Deutschland, von denen jede innerhalb ihres Gebietes das Porto selbständig fest- fetzte. Der Einheitssatz von 10 Pfg. kam erst 1868 nach Gründung der Norddeutschen Bundespost zur Einführung, nachdem England schon 1848 mit einem Einheitssatz von 1 Penny oorangegangen war. Wir Deutschen waren mit unserem 10 Pfennig-Tarif immer schon 25 Prozent teurer als andere Länder. In Oesterreich zahlte man 10 Heller, damals also 8 Pfennige, ebensoviel in Frank­reich, Italien, der Schweiz usw., und darum tonnte der Postfiskus jährlich auch gegen 70 Millionen an das Reich abliefern. Gehen wir nur 75 Jahre zurück, dann sehen wir noch viel ärgere Verhältnisse. Damals gabs nicht nur ein Meilen- und Lotporto, sondern auch ein Grenzporto, wenn ein Brief insAusland" ging, d. h. z. B. von Braunschweig nach Preußen. Ein Brief von Köln bis Berlin kostete bis ins Jahr 1850 90 Pf., durfte dann aber nur drei Viertel Lot wiegen. Wog er etwa 3,5 Lot, also 35 Gramm, so waren 2,70 Mk. zu zahlen, und war er gar eilig, so wurde er der Reitpost über­geben und man kassierte 1 Taler und 6 Silbergroschen dafür ein. Aber was galt damals ein Taler! Freilich, zu jener Zeit war ein Brief ein Ereignis, ebenso wenn er fortging, wie wenn er ankam. Nach und nach erst wurde der Briefwechsel zum Lebensbedürfnis, er ersetzte die Zeitungen und diente dem Austausch der Gedanken der geistigen Welt, der Gebildeten unb Gelehrten. Der

überwinden. Es kommt alles darauf an, daß die Zuleitung der auf dieser Anleihe gezeichneten Summe und das kann nur in Gold geschehen mit größter Vorsicht sich vollzieht. Die Ueberlei- tung solcher Beträge muß genau disponiert sein, um das Gold nur in Etappen dem Verkehr zusuhren zu können, weil im anderen Falle bei einer plötz­lichen Massierung, für die der Markt nicht gerüstet wäre, sehr peinliche wirtfchaftstechnifche Folgen sich ergeben müßten. Darüber hinaus aber liegt es auch im Interesse des internationalen Geldmarktes überhaupt und der Rolle, die Deutschland auf die­sem Geldmarkt spielt, daß die Verwendung der Gelder in geordneten Bahnen vor sich geht.

Die Begebung der internationalen Anleihe hat an der Börste verschiedene Hoffnungen geweckt. Namentlich sind auf dem Anleihemarkt im­mer wieder Kräfte tätig, die aus jeder Nachricht Nutzen zu ziehen suchen. So macht man neuer» bings geltend, daß die Begebung der internationalen Anleihe in Verbindung gebracht würde mit einer Verpflichtung der Reichsregierung, die Vor- kriegsschulden, also die Anleihen, anzuer­kennen. Das ist absolut falsch. Die für Deutsch­land außerordentlich harten Bedingungen der An­leihe, die freilich für die Gegenseite ein glänzendes Geschäft ermöglichen, deuten schon daraus hin, daß sich die ausländische Finanz sehr wohl bezahlt zu machen weiß, und daß es bei solchen Gewinn­quoten wenig ins Gewicht fällt, was mit den deut­schen Anleihen geschieht. Auf alle Fälle hat die ausländische Finanz in den Sicherheiten und Chancen der Deutschland-Anleihe etwaige Verluste, die aus dem Besitz von deutschen Borkriegsanleihen erwachsen könnten, sehr reichlich im voraus wett gemacht. ____________

von der Reichs-Zentrumsfraküon.

Die Zentrumsfraktion des Reichstages nahm sich trotz der ganz außerordentlichen Inanspruchnahme durch die Erörterungen über die Regierungsumbil­dung doch noch Zeit, um eine ganze Reihe anderer Fragen zu behandeln, die im Interesse der Bevölke­rung einer Klärung und Lösung zugeführt werden müssen. Das gilt insbesondere für Wirtschafts­fragen, von denen an erster .Stelle der deut s ch- spanische Handelsvertrag und seine Rückwirkungen, namentlid) auf die Weinbaugebiete, zur Debatte stand. In der Fraktion nahmen die sachverständigen Vertreter, Wirtschaftler und Po­litiker das Wort, um die Stellungnahme klar zu legen. Die Fraktion ist entschlossen, die durch den Vertrag aufgeworfenen Wirtschaftsfragen so zu be­handeln, daß die Interessen der betroffenen Grup­pen gewahrt werden.

Eine weitere, sehr wichtige Angelegenheit, die die Fraktion in ernster Aussprache beschäftigte, war die der Parität. Bestimmte Vorgänge der letz­ter Zeit ließen überaus peinliche Eindrücke über die Handhabung des Abbaus in verschie­densten obersten Reichsämtern erkennen. Die Fest­stellungen, die hinsichtlich der Berücksichtigung von Katholiken in diesen Aemtern gemacht werden muß­ten, waren ungemein überraschend Man kann sich dem Eindruck nicht entziehen, daß tatsächlich unter anderen Vorwänden systematisch die Katholiken aus solchen Aemtern herausgetrieben werden. Es kann unmöglich ein Zweifel fein, daß unter den abge­bauten höheren Beamten sich teilweise bis zu 50 Prozent und mehr Katholiken befinden. Diese Dinge müssen Gegenstand ernstester Sorge sein, denen die Zentrumsfraktion ihre größte Aufmerk­samkeit widmet.

Der Kulturausschuß der Zentrumsfraktion des Reichstages hielt am 16. Oktober unter dem Vor­sitz des Abg. Dr. Schreiber eine Sitzung ab. In dieser wurde die Forderung von Kulturtagen der Partei empfohlen. Abg. Rheinländer be­richtete über den Stand der Vorarbeiten zum Reichsschulgesetz. Abg. Hofmann (Ludwigs­hafen) berichtete nach Fühlungnahme mit dem Ka­tholischen Junglehreroerband des Deutschen Rei­ches eingehend über dieNotder Junglehrer, mit der sich die Fraktion in der Legislaturperiode 19201924 bereits oft beschäftigt hat. Die Not ist nach wie vor sehr groß. 32 000 Junglehrer sind zur Zeit ohne Stellung. Die Lage des Arbeits­marktes macht es ihnen sehr schwer, in andere Be­rufe überzugehen. Besonders schlimm sind die Flüchtlingslehrer daran. Es ist recht bedauerlich, daß manche Länder praktisch die Uebernahme von Flüchtlingslehrern ablehnen. Es wurden aus­drücklich Mittel und Wege beraten, um Erleichte­rungen der Sage zu schaffen.

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Ausbau der Eisenbahnen belebte allgemach auch den Handelsverkehr, der aus den zugleich eingeführten billi­gen Portosätzen den größten Vorteil zog, besonders aus dem Einheits-Paketporto von 50 Pf., das die Tarif­reform von 1873 mit sich brachte und in der Form der Versandgeschäste dem Handelsbetrieb neue Wege wies.

Strenge Justiz. Wie jammern wir heute, und zwar mit Recht, wenn einem armen Sünder einmal etwas zuviel Strafe zudiktiert wird, weil es das Gesetz nicht anders gestattet. Das Mißverhältnis zwischen Schuld und Sühne war vor Jahren aber noch sehr viel größer als jetzt. So berichtet eine alte Chronik aus dem Jahre 1622, daß eine Frau, deren Mann zum Militärdienst gepreßt worden war, eines Tages, durch Hunger zur Verzweiflung getrieben, in einem Laden heimlich ein Stück Tuch an sich nahm, dann aber so­gleich wieder hinlegte, in der Befürchtung, der Diebstahl sei beobachtet worden. Das war in der Tat geschehen. Die Frau wurde festgenommen und nach kurzem Pro­zeß, wie es in damaliger Zeit Rechtens war, gehängt.

Dis Weisheit Washingtons. DerVater des amerikanischen Vaterlandes" war ein sehr ernster Mann, der in seinem Leben nur einen einzigen Witz gemacht haben soll. Während der Debatte im Kontinental-Kon- greß über die Frage der Errichtung einer Bundesarmee reichte ein Mitglied den Antrag ein, daß die Armee nie mehr als 3000 Mann stark fein dürfe. Darauf bean­trage Washington, man möge beschließen, daß keine fe bliche Armee über 2000 Mann das Land betreten bi'/e. Das Gelächter, das sich darob erhob, erstickte den c,,.en Antrag.

3. Blatt.

** Druck der Fuldaer Aetiendruckerei in Fulda

Ser SmiüMSWS M WKlem.

Nachdem die Kommunistische Partei Deutsch­lands, die KPD., bereits im Jahre 1920, auf rarem Parteitag in Halle, durch Annahme der sogenannten 21 Unterwerfungsparagraphen sich,(eethon der Dritten Internationale" dem russischen Boflche- roismus verpflichtet hatte, haben die darauf sagen­den Jahre dieses Verhältnis noch enger gestaltet. Heute, nach den Vorgängen auf dem 5. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale in Moskau tm Juni und Juli, kann man getrost sagen, daß die KPD. sich den dortigen bolschewistischen Macht­habern mitHautund Haaren verschrle­st e n hat. Das Ziel des Kommunismus ist die Zer- ftörung des heutigen Staates, die Beseitigung des Privateigentums, die Vernichtung der deutschen Wirtschaftskraft und &e Aufrichtung eines ein­seitigen, brutalen Regiments kommumjtischer Dik­tatoren. Auf dem Wege gibt es feine deutsche na­tionale Wiederaufrichtung, keine Gesundung der Wirtschaft, keine Besserung der Lebenshaltung der breiten Volksmassen. Es gibt nur neue Not, neues Elend, neue Unruhen, neues Blutvergießen. Und daß die KPD. nach den Feststellungen auf dem v. Weltkongreß (vergleiche des nähern:Die neuere Entwicklung des Kommunismus." Vortragsskizze 83. M.-Gladbach. 1924. Volksvereinsverlag) hierbei die führende Rolle zu spielen berufen ist, verleiht der k o m m u n i st i s ch e n G e f a h r für uns em besonders gefährliches Gesicht.

Der internationale Kommunismus ist heute grundsätzlich der Feind alles Bestehenden. Daß er zu einer grundstürzenden Umänderung unserer Verhältnisse nach der Richtung einer ebenso grund­legenden Verbesserung derselben unfähig ist, lehrt das russische Beispiel. War schon, wie wir bei uns selbst gesehen haben, der Sozialismus, in der Revo­lution zur Macht gelangt, nicht imstande, fein Reich auszurichten, weil eben insbesondere auch die dazu notwendigen menschlichen Eigenschaften der Selbst- entäußerung, Unterordnung, Opferwilligkeit bis zur Entbehrung um eines Ideales willen fehlten, so wird zur Begründung seines Himmelreiches der Kommunismus erst recht die physischen und mora­lischen Kräfte nicht aufbringen, weil dazu ganz an- dere Anschauungen des Willens und der Seele ge­hören. Als W i r t s ch a f t s f y st e m ist wie in der Vergangenheit auch in Zukunft der Kommunismus eine Utopie.

Aber auch als G e s e l l f ch a f t s s y st e m! Hier treffen die Worte zu, mit welchen Papst Leo XIII. in feiner Enzyklika über die Arbeiterfrage die Gleichmachung aller Menschen als eine Irrlehre verurteilt, indem er schreibt:Vor allem ist also von der einmal gegebenen, unveränderlichen Ord­nung der Dinge auszuaehen, wonach in der bürger­lichen Gesellschaft eine Gleichmachung von hoch und niedrig, von arm und reich schlechthin nicht möglich ist. Es mögen die Sozialisten solche Träume zu verwirklichen suchen, aber man kämpft umsonst gegen die Naturordnung an. Es werden immer der Menschheit die größten und tief­greifendsten Ungleichheiten aufgedrückt sein. Un­gleich sind Anlagen, Fleiß, Gesundheit der Kräfte, und hiervon ist unzertrennlich die Ungleichheit in der Lebensstellung und im Besitz. Dieser Zustand ist aber ein zweckmäßiger, sowohl für den einzelnen wie für die Gesellschaft. Das gesellschaftliche Da­sein erfordert nämlich eine Verschiedenheit von Kräften und eine gewiße Mannigfaltigkeit von Leistungen; und zu diesen verschiedenen Leistungen werden die Menschen hauptsächlich durch jene^ Un­gleichhell in der Lebensstellung abgetrieben."

Anders liegen die Dinge, wenn man den Kom­munismus als eine Willensäußerung der Menschen betrachtet. Dann ist er, ähnlich wie dies bei der Sozialdemokratie der vergangenen Jahr­zehnte der Fall war und auch heute noch der Fall ist, die Lebensäußerung derjenigen, die mit den heutigen Zuständen ganz besonders unzufrieden sind, weil sie unter der Ungunst auch ganz besonders leiden und erst von einer Zerschlagung derselben durch bas Mittel völliger politischer und wirtschaft­licher Umwälzung, unter Umständen auf dem Wege rücksichtsloser Gewaltanwendung, eine Wendung zum Bessern erhoffen. Diejenigen, die sich in der KPD. zufammengefunden haben, sind in diesem Sinne allerdings nicht alle bewußte Kommunisten. Das werden verhältnismäßig nur wenige, die Führerschichten, fein. Das Gros der KPD. sind wirtschaftlich Entwurzelte, Ideologen, politisch^ Un­reife, verwahrloste Jugendliche. So ift der Kom­munismus eine Zeiterscheinung, erwachsen auf Krieg, Revolution, Verbildung und Inflation. Weil wir aber auf Grund der Erfahrungen, die wir mit der radikalen Sozialdemokratie gemacht haben, wissen, daß auch der Kommunismus überwindbar ist und den Einflüssen bessernder Gegenwirkung unterliegt, so haben wir die Pflicht, mit allen Mit­teln der Wirtschafts- und Sozialpolitik, der Berufs­und Standesorganifationen, der Jugenderfastung und Jugendpflege, der geistig sittlichen und religiö­sen Einwirkung nicht zuletzt uns derjenigen anzu­nehmen, die den Glauben an die Gegenwart ver­loren haben und nun Gefahr laufen, in den Sumpf der Hoffnungslosigkeit zu versinken ober den Teufe­leien eines blinden Anarchismus zu verfallen. So wird der Kommunismus zu lautem Mahner^ zufozialerArbeitundeinemChrist en«i tum der Tat.

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* Aenderung des Stempeltarifes? Die Stern pelsteuersätze für Schuldverschreibungen will ein Antrag der Zentrumsfraktion des Preußi­schen Landtages, in Aenderung des Stempeltarifes, mit Wirkung vom 1. November 1924, neu regeln. Der Steuersatz soll betragen für Schuldverschreibun­gen, die spätestens innerhalb Jahresfrist zurückzu­zahlen sind, und für jede schriftlich verabredete Verlängerung der Rückzahlungsfrist bis zu einem Zeitraum von einem Jahr feit Begründung de« Schuldoerhältnisfes je Einfünfundzwanzigstel Pro­zent, insgesamt jedoch nicht mehr als Einsechstel Prozent der Darlehnssumme. Bei Verlängerun­gen über den Zeitraum eines Jahres hinaus be­trägt der Stempel Einsechstel Prozent unter An­rechnung der zur ursprünglichen Beurkundung unk zu früheren Verlängerungen bereits entrichteten Stempel, desgleichen bei nicht beurkundeter, aber tatsächlich eintretender Verlängerung der Rückzah­lungsfrist. Die Anrechnung hat zur Voraussetzung, daß vom Aussteller vermerkt ist, zu welchen Ur­kunden und zu welchen Beträgen die früher gs zahlten (Stempel verwende! LnL. '